Maximale Distanz – zu sich selbst

Schleiergeier

Der Schleiergeier ist ein hässlicher Vogel

In der bolschewistischen Wochenzeitung „Freitag“ beleuchtet Nabeelah Jaffer Aspekte des Rekrutierungssystems des IS-IS, das u.a. auf den berechnenden Überlegungen satter und freier aber sich halt irgenwie überflüssig fühlender Frauen zu beruhen scheint (1).

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In Teufels Küche

Was bringt Frauen aus dem Westen dazu, sich dem IS anzuschließen und Kämpfer der Terrormiliz zu heiraten?

Karen sitzt in einem Istanbuler Hotelzimmer und kämpft mit einer folgenreichen Entscheidung: Zu Hause in den USA hat sie 3.500 Dollar für ihr Hin- und Rückflugticket in die Türkei bezahlt. Als sie es kaufte, hatte sie nicht die Absicht, wieder zurückzukehren, den Rückflug buchte sie nur, um keinen Verdacht zu erwecken. Ihr SMS-Postfach ist bis zum Rand voll mit Mitteilungen eines Kämpfers der Terrormiliz Islamischer Staat. Er hat versprochen, sie zu heiraten. Aber jetzt, da sie in Istanbul im Hotel sitzt und mit dem Bus an die syrische Grenze fahren soll, beschleicht sie ein ungutes Gefühl.

Dass ihr Zukünftiger auf absolute Geheimhaltung bestand, war ihr zunächst nicht merkwürdig vorgekommen. Karen (alle Namen in diesem Text sind geändert) hatte ihn auf einer der zahlreichen IS-nahen Plattformen im Internet kennengelernt. Zunächst chatteten sie auf Twitter, dann wechselten sie zu verschlüsselten Apps. Diese Interaktion im Netz ist von großer Vorsicht geprägt – niemand benutzt seinen Klarnamen, jeder und jede könnte bluffen. Doch der Hauch von Gefahr macht die Sache erst richtig reizvoll. Karen ist noch keine 20, erst seit kurzem mit der Highschool fertig. In der Schulzeit war sie einsam, sie hat sich für Star Trek und Programmieren interessiert.

Nicht einmal ein Jahr vor ihrer Reise in die Türkei konvertiert sie zum Islam. Sie ist durch die Fernsehnachrichten auf den IS aufmerksam geworden. Ihr gefällt die vermeintliche Authentizität und die maximale Distanz dieser Leute zum Westen. Ihre Eltern machen sich Sorgen um ihre Sicherheit, wenn sie mit einem Hidschab auf die Straße geht. Was sie wirklich vorhat, verbirgt sie aber vor ihnen. Im Netz tarnt sie ihre Identität, indem sie eine traditionelle arabische Anrede, eine Kunya, verwendet.

Karen benutzt meist Umm Khalid – Mutter von Khalid, eine Anspielung auf den Kommandeur Khalid bin Walid, der sich in den frühen Tagen des Islam als „Schwert Gottes“ einen Namen machte. Gleichzeitig war Umm Khalid aber auch der Name eines palästinensischen Dorfs, das 1948 evakuiert und von der israelischen Stadt Netanja geschluckt wurde. Der Name hat seine Wurzeln also sowohl im Ausüben als im Erleiden von Gewalt.

Als sie im Internet den IS-Kämpfer Abu Muhammad kennenlernt, nutzt sie die Gelegenheit, ihre neue Identität zum Leben zu erwecken. Während sie ihre Reise plant, bittet sie ihn, sie mit IS-Frauen bekannt zu machen, die wie sie aus dem Westen stammen. Sie will sichergehen, dass sie ihm vertrauen kann. Er verspricht es, findet dann aber immer wieder Ausflüchte. Das beunruhigt sie, doch der Gedanke, den Flug zu verschieben, ist ihr mindestens ebenso unangenehm. Alle anderen IS-Unterstützer, die sie online kennenlernt, äußern die Überzeugung, dass es mit der Zeit immer schwieriger wird, nach Syrien zu gelangen. Und weil Karen zu Hause Stress mit ihren Eltern hat, bucht sie schließlich den Flug.

Im Rückblick will Karen nicht über all die Versprechen reden, die Abu Muhammad ihr gemacht hat. Ihre Naivität ist ihr jetzt peinlich. Er hat ihr aufgetragen, allein die 18-stündige Busreise von Istanbul nach Urfa anzutreten. Dort würde er oder einer seiner Freunde auf eine Nachricht von ihr warten. Sie würden sofort kommen und ihr helfen, die Grenze nach Syrien zu überqueren. Ihr kommt der Plan riskant und übereilt vor. Als seine Textnachrichten am letzten Tag vor der Abfahrt nach Urfa auf einmal sexuelle Anspielungen enthalten, ist es ihr zu viel. Sie stellt ihn zur Rede. Er sagt ihr, es sei doch nichts dabei, „gewisse Dinge“ – wie sie es später nennt – zu tun, schließlich seien sie ja schon in 24 Stunden Mann und Frau.

Dies entspricht aber nicht dem, wie fromme Dschihadisten sich Karens Meinung nach benehmen sollten. Anders als manche Mädchen, die online mit den Gotteskriegern flirten, ging es ihr nie um so etwas wie die große, wahre Liebe. Die Ehe ist für sie eine praktische Erwägung, ein Mittel zum Zweck, um mit dem IS zu leben. Von Zeit zu Zeit spricht sie zwar davon, sie wolle einem guten Ehemann, der sich wie ein vorbildlicher Muslim benimmt, eine gute Ehefrau sein – sexting gehört für sie aber definitiv nicht dazu.

Als sie dann noch von einer Frau aus dem Westen hört, die in Urfa von der PKK entführt und später verhaftet wurde, beginnt Karen zu zweifeln, ob Abu Muhammad wirklich derjenige ist, für den er sich ausgibt. „Als ich mit ihm darüber geredet habe, wurde mir klar, dass etwas nicht stimmt.“ In ihr reift die Überzeugung, dass er nicht dem IS angehört, sondern ein Lockvogel der PKK sein muss. Nach zwei Tagen in Istanbul fliegt sie wieder zurück in die USA. Sie habe es der Gnade Gottes zu verdanken, dass sie noch immer am Leben und in Freiheit sei, erzählt sie mir.

Sie hat keine Gesetze gebrochen und hat das auch nicht mehr vor. Andere IS-Leute haben ihr Hilfe angeboten, aber sie kann keinem von ihnen genug vertrauen, um das Risiko erneut einzugehen. Karen stammt aus der unteren Mittelschicht und hat einen ordentlichen Schulabschluss. Fast alle Mädchen, auf die ich während meiner Recherche gestoßen bin, erinnern mich in ihrem Aussehen und ihren Äußerungen daran, wie ich selbst mit 16 war. Es sind konservative muslimische Mädchen, die ihren Glauben ernst nehmen – manche sind erst vor kurzem konvertiert, manche in die Religion hineingeboren. Auch wenn sie zum Teil wirklich von religiösen Idealen geleitet werden, sind aber nur wenige bereit, sich auf eine Auseinandersetzung mit islamischen Texten, Traditionen und Auslegungen einzulassen. Ambivalenzen sind ihnen ein Graus, die Eindeutigkeit der dschihadistischen Doktrin kommt ihnen sehr entgegen. Sie empfinden die selbsternannten Gotteskrieger aufgrund deren radikaler Gegnerschaft und Ablehnung des Westens als authentisch.

„Das Krankeste, was ich jemals getan habe, war, die türkische Grenze zu überqueren“, schreibt Umm Umar auf Twitter. Sie schreibt „krank“ und meint damit „gut“. „Ich werde diese Nacht nie vergessen.“ Sie befindet sich heute in Syrien und ist Witwe eines IS-Kämpfers. Als wir das erste Mal miteinander in Kontakt treten, ist sie gerade 16. Sie ist zwar in Großbritannien geboren, ihre Eltern kommen aber ursprünglich aus Bangladesch. Sie hat ihnen mitten in der Nacht einen Abschiedsbrief hingelegt und die elterliche Wohnung Richtung Syrien verlassen. Umm Umar hat keine schönen Erinnerungen an ihre Kindheit in Großbritannien. „Mann, ich hab Großbritannien so gehasst“, schreibt sie mir im ersten Chat. Sie wuchs in einer Gegend auf, in der es nur wenig Migranten und noch weniger Muslime gab. Sie sei oft von anderen Kindern verprügelt und angespuckt worden. Sie war einsam und verzweifelt.

Wie bei den meisten Mädchen, mit denen ich gesprochen habe, war auch bei Umm Umar die Heirat mit einem IS-Kämpfer in Syrien eine ziemlich pragmatische Angelegenheit. Man hatte sie mit einem Kämpfer zusammengebracht, der wie sie Brite mit bangladeschischen Wurzeln war. Seine Familie stammte sogar aus demselben Dorf wie ihre Eltern, erzählt sie mir – wenn das mal kein Wink des Schicksals war! Er sei so „süß und fürsorglich“ gewesen, aber leider vor ein paar Monaten ums Leben gekommen. Jetzt sei sie die Witwe eines Shaheed, eines Märtyrers, dafür werde ihr viel Respekt entgegengebracht. Sie scheint stolz auf den Erfolg ihres Mannes und äußert nie auch nur ein Wort der Trauer.

Eine andere Frau, die aus dem Westen nach Syrien gekommen ist – Umm Zahra –, wirkt fast neidisch, wenn sie von Umm Umars Status spricht: „Als Witwe eines Shaheed musst du für nichts aufkommen“, schreibt sie mir. Doch sie ist darauf bedacht, nicht den Anschein zu erwecken, sie sei unzufrieden. Es werde für alle Frauen gesorgt, versichert sie mir. „Auch so erhält man jeden Monat sein Geld.“

Umm Umar ist nach Syrien gereist, weil sie in einem perfekten islamischen Staat leben wollte. Wie die anderen Frauen zeichnet sie ein Bild von einer idealen islamischen Gesellschaft. Für all diese Frauen ist der IS einfach der Staat, ein anderes Land zählt für sie nicht. „Übrigens kannst du hier auch studieren“, schrieb mir Umm Umar einmal, Islamische Rechtsauslegung, die Worte des Propheten oder Medizin.

Ich frage Umm Umar nach Al-Khansaa – die Frauenbrigade, die Gerüchten zufolge die strenge Auslegung des islamischen Rechts bei den im IS lebenden Frauen durchsetzen soll. „Ja, man kann der Religionspolizei beitreten. Aber wenn du verheiratet bist, wird dein Mann wollen, dass du zu Hause bleibst, lol“, schreibt sie und fügt hinzu: „Es gibt jede Menge Belohnung für gute Taten.“ In unserem jüngsten Chat fragte ich sie, ob ihr Leben in Syrien glücklicher sei als früher in Großbritannien. „Yep, das ist es“, antwortete sie.

Karen, die Amerikanerin, dachte ebenfalls immer mal wieder über einen perfekten islamischen Staat nach – auch wenn sie nach ihrer Entscheidung, in die USA zurückzukehren, insgesamt deutlich nüchterner klingt: „Ich bin eine 18 Jahre alte Zynikerin, die immer noch von einer perfekten islamischen Gesellschaft träumt, die es auf diesem Planeten aber leider niemals geben wird.“

Eine von Menschen geführte Regierung könne nämlich Korruption nie ganz verhindern und „die Scharia nie vollständig umsetzen“. Karens wiedergefundener Zynismus ist aber eine Seltenheit unter den Frauen, mit denen ich kommuniziere. Die meisten von ihnen glauben wirklich, sie würden am Aufbau einer perfekten islamischen Gesellschaft mithelfen. „Die Scharia ist ein perfektes System, das alle beschützt“, schreibt eine Unterstützerin auf Twitter. „Es geht nicht nur darum, Hände abzuhacken und Unzüchtige zu steinigen.“

Die Sozialwissenschaftlerin Melanie Smith vom Institute for Strategic Dialogue sieht in dem utopischen Ideal des Kalifats einen entscheidenden Faktor. Die Mädchen würden sich eine Welt vorstellen, in der es kaum Armut und Ungleichheit gibt und nach klarem, göttlichen Gesetz absolut gerecht und zum Wohle aller regiert wird. Es gebe aber auch Faktoren wie Einsamkeit und Entfremdung, die in den Frauen den Wunsch weckten, ihr Zuhause im Westen zu verlassen, sagt Smith. Die IS-Propaganda ziele darauf ab, Menschen anzusprechen, die sich in ihrer Heimat als Außenseiter fühlen. „Der Islam begann als etwas Fremdes und wird wieder fremd werden“, lautet eine unter IS-Anhängerinnen im Netz beliebte Sentenz, „also verkündet den Fremden die frohe Botschaft.“

Als ich zuletzt mit Karen gesprochen habe, war sie entschlossen, erst einmal in den USA zu bleiben. Doch sie befürchtet, einfach nur feige zu sein, und denkt nach wie vor auch an eine Zukunft mit dem IS. „Manchmal wünsche ich mir, ich könnte einfach hier weg“, twittert sie.

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Time am 8. Juli 2015

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1) https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/in-teufels-kueche

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