2084

Boualem Sansal

In der FAZ hat Jürg Altwegg Boualem Sansals Islam-Roman „2084“ besprochen (1).

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2084 ist es friedlich

Eine zweite Unterwerfung: Auch in Boualem Sansals Roman „2084“ herrscht der Islam. Der Autor kommt jedoch ohne Blasphemie und Provokation aus und wird als Kandidat für die wichtigsten Literaturpreise gehandelt.

Es ist das zweite Buch des Jahres in Frankreich. In Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, der bekanntlich am Tag des Attentats auf „Charlie Hebdo“ in die Buchhandlungen ausgeliefert wurde, geht es um die Wahl eines islamischen Präsidenten im Jahr 2022 und die Islamisierung Frankreichs, das sich den neuen Machtverhältnissen anpasst wie im Krieg unter der deutschen Besatzung. Seit diesem Herbst liest man Houellebecqs Antizipationsroman als Vorgeschichte einer totalitären – islamischen – Gesellschaft, die vom algerischen Schriftsteller Boualem Sansal beschrieben wird und deren Autor selbst den kühnen Vergleich mit George Orwell wagt. „2084“ nennt Sansal, der 2011 in Frankfurt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden war, seinen Roman, Untertitel: „Das Ende der Welt“.

2084 ist das Gründungsereignis der Neuen Zeit, dem auf Gedenktafeln gehuldigt wird. Aber wofür das Datum steht, weiß niemand – außer dass die Versprechungen der Propheten Wirklichkeit geworden sind. Für die neuen Generationen der Neuen Zeit hatte die Geschichte nicht mehr Bedeutung als die unsichtbare „Spur des Winds im Himmel“: „Die Gegenwart ist ewig“, einen Kalender gibt es nicht mehr. Im Großen Heiligen Krieg war die alte Welt besiegt worden. Und alles, was sie ausmachte, ist untergegangen: die Sprache und die Bücher, die Museen und die Möbel, das Geschirr, die Nahrung, die Kleider. Mit den Ziffern 2-0-8-4 beschäftigt sich die florierende Numerologie. Hatte die Jahreszahl einen Bezug zum Krieg? Eine Zeitlang zirkulierte die Vorstellung, dass es sich um das Jahr der Geburt von Abi handeln könnte. Oder um jenes „seiner Erleuchtung durch das Licht“, als er fünfzig wurde und das „Land der Gläubigen“ den Namen Abistan bekam.

Eine Sprache, die Denken ausschließt

Abistan ist das Reich Yölahs und Abi Yölahs „Delegierter“ auf Erden. Auch „Bigaye“ wird er genannt. Er wohnt gleichzeitig in 25 Palästen. Die neue Sprache ist Abistanisch. Sie wurde so konzipiert, dass sie jegliches Denken ausschließt. Das Leben der Abistani wird vom Glauben, den Gebeten und den Pilgerfahrten bestimmt, andere Reisen sind verboten. Anträge auf Pilgerfahrten werden nach Jahren beantwortet und Bewilligungen vererbt, aber nie an die Zweitgeborenen oder Schwestern. Die Elite lebt im Überfluss, das Volk in extremer Armut. Es gibt eine Woche der heiligen Abstinenz. Der Feind, den die Ungläubigen einst darstellten, ist so endgültig besiegt, dass der Begriff aus dem Vokabular gestrichen wurde. Am Rande dieses Paradieses lebt der lungenkranke Ati in einem Sanatorium in der Wüste. Gefühle des Zweifels versucht Ati verzweifelt zu unterdrücken.

In seinem Essay „Allahs Narren“ (Merlin Verlag) hat Boualem Sansal beschrieben, „wie der Islam die Welt erobert“. Dass Frankreich islamistisch werden könnte, hält er für durchaus plausibel. In „2084“ gibt es keinen Dschihad und keine Attentate. Jeder unterwirft sich freiwillig den Regeln und Normen: „Die einzige Kraft, die zur Übernahme und langfristigen Ausübung der Macht fähig ist, scheint mir der Islam zu sein. Er ist die einzige religiöse Strömung, die über die notwendige Energie und Gewaltbereitschaft verfügt.“ Für besonders gefährlich hält Sansal den „westlichen Islamismus, der in Frankreich entsteht, in London, in den Vereinigten Staaten und in Russland. Diese Bewegungen könnten sich zusammenschließen.“ Sansal gehört zu den bedeutenden Schriftstellern der französischsprachigen Gegenwartsliteratur. Gallimard brachte „2084“ in einer Erstauflage von 150 000 Exemplaren in den Buchhandel. Der Roman kam auf die erste Liste der Kandidaten für den Prix Goncourt.

Favorit für Literaturpreise

Inzwischen haben die Jurys aller Literaturpreise Sansal in den Kreis ihrer Favoriten aufgenommen. Etwas Vergleichbares hat es in den letzten Jahrzehnten für keinen Schriftsteller gegeben. Der algerische Schriftsteller, der in seiner Heimat belästigt und bedroht wird, steht erstmals an der Spitze der Bestsellerliste, die erste Auflage ist bereits fast vollständig verkauft. Auch thematisch ragt der Entwurf einer religiösen Diktatur aus der Masse der Neuerscheinungen heraus.

Paris schickt sich tatsächlich an, Boualem Sansal einen Triumph zu bereiten. Ihre letzte Vorentscheidung wird die Goncourt-Jury Ende Oktober im Bardo-Museum in Tunis fällen, das im Frühling Schauplatz eines Attentats war. In Frankreich wird man für die Literaturpreise den Polizeischutz verstärken. Den muslimischen Fanatikern aber sei gesagt: Es gibt bei Sansal diesmal keine Blasphemie und keine Provokation. Sein Roman ist ganz anders als die „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq, der den Kollegen im Fernsehen lobte. Wenn die Fundamentalisten des Lesens mächtig wären, könnten sie „2084“ nur als Utopie verstehen.

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Time am 11. Oktober 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sansals-islam-roman-2084-ist-es-friedlich-13844180.html

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