Welt ohne Frauen

Jihadkasper

Vincent Lindig schrieb in der FAZ über eine neuartige Propaganda des IS-IS (1).

Seiner linken Parole, es „müssen gesellschaftliche Angebote gemacht werden an jene, die zutiefst enttäuscht vor ihrer vermeintlichen Chancenlosigkeit stehen“, stimme ich natürlich nicht zu.

Der Jihad muss mit ideologischen, kulturellen und militärischen Mitteln eliminiert und nicht durch die Finanzierung von Hilfsprogrammen gefüttert werden.

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Urlaub vom Dschihad

Glückliche Kinder, volle Läden und Männer, die Windeln kaufen: Der Islamische Staat betreibt im Internet neuerdings eine Charmeoffensive.

Dreißig Tage lang hat sich Charlie Winter alles angeschaut und angehört, was der Islamische Staat an Propaganda von sich gegeben hat. Fotos, Sprachaufnahmen und Naschids (das sind chorale A-cappella-Gesänge mit religiösem Inhalt), Videos, Verhaltensregeln und religiöse Prozessionen – 1146 Stücke insgesamt, das sind 38 pro Tag. Am Ende kam der Forscher des britischen Thinktanks Quilliam Foundation zu einem überraschenden Schluss: Brutalität und Krieg sind keineswegs die Hauptthemen, die der IS seinem Publikum in aller Welt vermitteln will. Die grausamen Bilder und Videos, die regelmäßig bis auf unsere Titelseiten vordringen, sind nur ein kleiner Teil dessen, was der Islamische Staat in seiner Propaganda kommuniziert. Die Darstellung von Brutalität macht nur etwas mehr als zwei Prozent der Propaganda aus.

Über die Hälfte der Propaganda dagegen widmet sich dem Narrativ eines islamistischen Utopias. Das steht in einem krassen Missverhältnis zur Wahrnehmung in deutschen Medien, die fast ausschließlich über absurde Gewalttaten gegenüber Geiseln und Kriegsgefangenen berichten. Winter hält das für gewollt: Die Brutalität soll das Publikum im Westen schockieren und ein Gefühl der Ohnmacht wecken. Aber der Islamische Staat hat einen propagandistischen Wandel vollzogen. Er ergänzt seine brutale Propaganda nun um eine Botschaft der inneren Geschlossenheit, Sicherheit und der absoluten Frömmigkeit. Mitte des letzten Jahres, als seine Kämpfer in kurzer Zeit im Irak und in Syrien viel Land erobern konnten, bestand die Propaganda beinahe ausschließlich aus Stücken über den Krieg und die territoriale Ausbreitung des Islamischen Staates. Jetzt, wo die militärische Expansion ins Stocken gekommen ist, geht es darum, die eroberten Gebiete zu halten und die Kontrolle zu intensivieren. Winter ist sich sicher, dass der Wandel der Propaganda direkt mit der militärisch defensiven Haltung des Islamischen Staates in Verbindung steht. Der fährt jetzt zweigleisig und zeigt in unzähligen Videos die vermeintlich heile Welt des Kalifats.

In einem dieser Videos begleitet man einen jungen Kämpfer auf seinem Weg von der Front nach Hause. „Eid of the Mujahid“ heißt es, „Der freie Tag des Mudschahed“. Alles ist szenisch professionell aufgebaut, gestochen scharf gefilmt und mit einem Naschid unterlegt. Um die irritierende Harmlosigkeit des Videos zu begreifen, lohnt es sich, den Plot ausführlich zu erzählen: Ein Schützengraben in der Wüste, keine Pflanzen zu sehen, nur roter Sand und Steine. Ein Mann mit rötlichen Haaren und markanten blauen Augen nimmt seine Kalaschnikow, legt an, schaut konzentriert. Dann legt er die Waffe weg, trinkt einen Schluck eiskaltes Wasser, die Flasche, mitten in der Wüste, ist beschlagen. Er teilt sein Wasser mit zwei Kameraden, die es sich im Schatten des Grabens gemütlich gemacht haben. Friedlich reinigen die Männer ihre Waffen, ein Moment der Ruhe und Brüderlichkeit. Ein weiterer kommt dazu, schaut auf einen Zettel und sagt zu dem Kämpfer mit den hellen Augen: „Hallo Yussef Almani (,Yussef, der Deutsche‘). Es ist Dienstag, du hast heute frei!“ Urlaub vom Dschihad. Herzliche Verabschiedung von den Kameraden, dann steigt Yussef in seinen silbernen Hyundai, den er offensichtlich direkt an der Front geparkt hat, und fährt los, um seinen Sohn abzuholen. Der hat strohblonde Haare, hellblaue Augen und wartet auf dem Arm eines älteren Mannes. Die Mutter ist nicht zu sehen. Tapsig läuft der Junge auf seinen schwerbewaffneten Vater zu und wird auf den Arm genommen.

Die Kalaschnikow ist immer dabei

Was macht man an einem dschihadfreien Tag? Yussef geht auf den Markt, jetzt in zivilerem Outfit, kauft kandierte Nüsse, schaut sich glitzernde Uhren an, lässt sich an einem Parfumstand etwas auf die Hand sprühen und dann in ein „Boss“-Flacon füllen. Mit dem Wagen holt Yussef seinen Sohn ab, Quality-Time eines Familienmannes. Im Schaufenster des Spielzeuggeschäfts hängen Plastikmaschinengewehre und bunte Pistolen. Mit einem pinken Hüpfball, einer Quietschente und Sohnemanns neuer Spielzeug-Kalaschnikow kommt Yussef wieder aus dem Laden. Im Supermarkt der nächsten Szene sind die Regale prall gefüllt, es fehlt an nichts. In Nahaufnahme sehen wir, wie Yussef Windeln zu Saft und Süßigkeiten in den Wagen legt, sein Sohn bekommt ein Kitkat aus dem Regal mit den Schokoriegeln.

So geht es weiter, zurück zu Hause, bekommt der Sohn einen kleinen Tarnanzug und eine Mütze mit dem Logo des Islamischen Staats übergezogen, auf der Straße spielen Kinder (nur Jungs), in der Moschee predigt ein Imam. Und weil ein Mudschahed an einem freien Tag auch Gutes getan haben sollte, verteilt Yussef Süßigkeiten, verschenkt Fleisch an eine Gruppe von Jugendlichen und besucht einen verletzten Kameraden im Krankenhaus. Als es langsam dunkel wird, lockt der Vergnügungspark mit Riesenrädern und bunten Karussells. Und auch als Yussef am Ende seinen Sohn in die Luft wirft und sicher wieder auffängt, baumelt die Kalaschnikow an seiner Schulter.

Die Konstruktion des islamistischen Utopias, meint Winter, sei wichtig, gewissermaßen der Unique Selling Point des Kalifats. Der Islamische Staat behauptet, die Visionen von Al Qaida und anderen islamistischen Gruppen nicht nur zu teilen, sondern in Realität umzusetzen. Sie sind „die wahren Islamisten“. Alle anderen sind nur Gruppen – sie sind ein Staat. Unter ihrem Regime, so die Botschaft, herrscht Frömmigkeit und Ruhe, Zucht und Ordnung. Das soll versichern: Wir, der Islamische Staat, können nicht nur erobern, sondern auch regieren. Wir garantieren Sicherheit, Ordnung und Versorgung. Law and Order im Kernland des Islamismus. In einer Region, die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten von Kriegen gezeichnet ist, muss das verlockend klingen. Die Gewalt vergangener Jahre hat dazu geführt, dass auch viele gemäßigte Muslime einfach nur noch überleben wollen – und die Hoffnung auf Freiheit und Demokratie in den Hintergrund rückt.

Aber auch für Rekruten aus anderen Ländern ist dieses Utopia attraktiv – für Menschen, die sich von ihrer Gesellschaft ausgestoßen fühlen und ihr deshalb den Rücken kehren. Um der Propaganda des Islamischen Staates etwas entgegenzusetzen, davon ist Winter überzeugt, muss man daher ihre Vielfalt erkennen. Die gebetsmühlenartige Ablehnung der Grausamkeiten des Islamischen Staates reicht nicht aus, um das Angebot einer „wahren Alternative zum christlich-kapitalistischen Status Quo“ zu entzaubern – es müssen gesellschaftliche Angebote gemacht werden an jene, die zutiefst enttäuscht vor ihrer vermeintlichen Chancenlosigkeit stehen. Sonst wird der Islamische Staat immer weitere Freiwillige finden, die im 21. Jahrhundert Zuflucht in einer mittelalterlichen Gesellschaft suchen – und denen er verspricht, sie als die Seinen aufzunehmen.

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Time am 24. Oktober 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/neue-is-propaganda-urlaub-vom-dschihad-13862308.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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Eine Antwort to “Welt ohne Frauen”

  1. Sophist X Says:

    Die Standardphrase von der Chancenlosigkeit als Auslöser tierhafter Gewalttätigkeit ist das Wasserzeichen linker Verblendung.

    Es ist schlicht so, dass mehr Verbrechen begangen werden, wenn sie nicht mehr bestraft werden. Wenn, wie im Islam, Verbrechen nicht nur nicht bestraft, sondern belohnt werden, dann bekommt man ein gewaltbesoffenes Irrenhaus. Das ist sehr, sehr einfach.

    Ein schöne Stilblüte hat er außerdem noch eingebaut:
    Die gebetsmühlenartige Ablehnung der Grausamkeiten des Islamischen Staates…
    Ja, lasst uns die Grausamkeiten mal nicht mehr so gebetsmühlenartig ablehnen. Das nervt.

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