Für N-TV ist die Scharia ok

Scharia ist toll

Bei „N-TV“ betrieb Nora Schareika in falschem Deutsch gestern engagierte Propaganda für die Einführung der Scharia (1).

Sie trat nach eigenem Bekunden damit gegen Leute an, die sich aufgrund „allzu simpler Vorstellungen“ und aufgrund von „Halbwissen“ gegen die Einführung des nazislahmischen Rechts in Deutschland wenden.

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Reizwort und Drohkulisse

Scharia ist nicht nur „Kopf ab“

Bringen die muslimischen Flüchtlinge die Scharia nach Deutschland? So argumentieren manche, die diese nicht in Deutschland haben wollen, argumentieren. Dahinter stecken allzu simple Vorstellungen und Halbwissen.

Wenn konservative Politiker vor „unkontrolliertem Zuzug“ warnen und die Flüchtlingspolitik der vergangenen Monate kritisieren, kommen diese Warnungen selten ohne ein Reizwort aus. „Wir wollen nicht die Scharia in Deutschland“, heißt es dann. Vergangenes Wochenende beim CSU-Parteitag fielen solche Sätze dutzendfach. Die innenpolitischen Sprecher von CDU und CSU gehen in ihrem neuesten Forderungskatalog ebenfalls darauf ein. „Wer bei uns statt dem Grundgesetz nur die Scharia anerkennt, kann kaum dauerhaft einen Platz in unserer Gesellschaft finden.“

Das islamische Recht dient, wann immer es um Kritik an Einwanderung geht, als Drohkulisse, die kalkulierbare Ängste hervorruft. Vor dem inneren Auge des Laien tauchen dann vollverschleierte Frauen und Bilder zu martialischen Geschichten auf, von Steinigungen, „Ehrenmorden“, Henkern und abgetrennten Gliedmaßen.

Vor kurzem sorgte ein Teil der „Marhaba“-Serie von n-tv für einige Aufregung unter Facebook-Kommentatoren: Darin wurde sinngemäß die Scharia als etwas ähnliches wie das Grundgesetz beschrieben, nämlich als Quelle der Gesetzgebung. Die Entrüstung darüber war groß. Viele regten sich auf, wie man das Grundgesetz so „beleidigen“ könne.

Aus gegebenem Anlass daher ein Überblick:

1.) Was bedeutet „Scharia“?

Scharia bedeutet im Arabischen so viel wie „der Pfad, der zum Heil führt“. Scharia ist der Oberbegriff für das islamische Rechtssystem und keine fixierte Gesetzessammlung. Wenn also jemand für oder gegen die „Einführung der Scharia“ ist, ist zunächst einmal nicht klar, was er oder sie damit meint.

2.) Wer bestimmt, was die Scharia bedeutet?

Über die genaue Auslegung sind sich islamische Rechtsexperten bis heute nicht einig. Aus diesem Grund gibt es unzählige solcher Rechtsexperten. Sie können von quasi-institutionellem Rang sein, wie etwa der Mufti von Ägypten, oder selbsternannte Experten, die über das Internet zu Alltagsfragen Ratschläge erteilen. Religiöse Autorität ist nicht durch ein Amt wie das des Papstes im Katholizismus geklärt. Ein Obermufti hat natürlich durch seine Ausbildung mutmaßlich mehr fachliche Autorität als ein Fernsehprediger – nicht aber zwingend mehr Zuhörer.

Die Wissenschaft spricht von einer Pluralisierung der islamischen Autoritäten, also einem breiten Spektrum unterschiedlicher Ansätze. Alternative Islamauffassungen sind für Muslime heute über die Medien sehr viel einfacher zu finden als in frühislamischer Zeit. Damit steigt auch die Konkurrenz zwischen den Deutungen. Mit anderen Worten: „Die“ Scharia gibt es nicht, nur mehr und weniger populäre Auslegungen.

3.) Woher hat die Scharia ihre Regeln, und wie kommen sie zum Tragen?

Die Scharia fußt auf auslegungsbedürftigen Regeln, die im Koran und in der Sunna formuliert sind. Die Sunna ist die Gesamtheit der überlieferten Aussprüche und Taten des Propheten Muhammad, welche als vorbildhaft gelten. Auf Basis der Grundregeln der Scharia können Gesetze abgeleitet werden. Das geschieht auch in manchen islamischen Staaten. Insofern war es vollkommen richtig, dass n-tv Moderator Constantin Schreiber in der zweiten Folge seiner Reihe „Marhaba“ folgende Parallele zog: „Gesetze sollen Frieden in Gesellschaften sichern. Das gilt für die Scharia genauso, wie für Gesetze im Westen. Und so wie die Scharia die Grundlage allen Rechts nach islamischem Verständnis ist, so ist das deutsche Grundgesetz die Quelle unserer Rechtsordnung.“

4.) Was ist in der Scharia geregelt?

Es geht in der Scharia, grob gesagt, um das gesellschaftliche Zusammenleben, religiöse Riten und Familienangelegenheiten (Ehe, Scheidung, Erbe), am Rande auch um die Wirtschaft (Zinsverbot). Die Körperstrafen, mit denen Scharia von vielen Laien assoziiert wird, sind dabei der kleinste Teil.

Umstritten ist auch, was mit Dschihad gemeint ist. Selbstmordattentate etwa sind von wichtigen islamischen Theologen verurteilt worden. Das (wörtliche) Bemühen um die eigene Religion gehört zudem nicht zu den Pflichten, sondern zu den empfohlenen Handlungen.

Eine staatliche Autorität ist nicht vorgesehen. Nur von radikalen Islamisten wird eine solche als Bestandteil eines echten islamsichen Staates vorausgesetzt. Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ hat deshalb ein Kalifat ausgerufen, eine im 7. Jahrhundert erfundene Regierungsform, in der weltliche und geistliche Herrschaft in der Person des Kalifen vereint sind. Dadurch verlieh sich IS-Anführer Abu Bakr Al-Baghdadi selbst die Autorität, Gesetze nach seinem Verständnis der Scharia abzuleiten. Der Kalif als Stellvertreter Gottes steht aber aus Sicht der meisten Muslime im Widerspruch zur Lehre des Propheten Muhammad.

5.) Ist die Scharia besonders unfreundlich gegenüber Frauen?

In der Tat sind die Gesetze in jenen Staaten, wo die Scharia die Hauptquelle der Gesetzgebung ist, oft nicht besonders frauenfreundlich. Das Problem hier ist aber die Auslegung, die auf rückwärtsgewandtem Islamverständnis beruht.

Viele Wissenschaftler sehen keinen zwingenden Widerspruch zwischen Frauenrechten und islamischem Recht. Die Grenze zu tradierten patriarchalen Vorstellungen, die nicht vorrangig etwas mit der Religion zu tun haben, sind fließend. So sind etwa die in Deutschland häufig diskutierten sogenannten „Ehrenmorde“ nicht auf eine Scharia-Regel zurückzuführen, sondern auf archaischen Vorstellungen von Familienehre.

Das relativiert natürlich keinen der geschehenen Morde, kein Unrecht und keine Diskriminierung gegen Frauen. Es zeigt aber, dass die Warnung vor einer „Scharia in Deutschland“ hier nicht zieht.

6.) Ist die Scharia in allen islamischen Staaten Gesetz?

Wie schon beschrieben, ist die Scharia kein Gesetz, sondern ein loses Regelwerk. In folgenden islamisch geprägten Staaten wurde die Scharia ganz abgeschafft: Tunesien, Türkei, Albanien, Serbien, Aserbaidschan, den ehemals sowjetischen zentralasiatischen Staaten, Tschad, Niger, Mali und diversen anderen afrikanischen Staaten.

Es gibt einige Staaten, in denen die Scharia tatsächlich die Hauptquelle der Gesetzgebung ist, zum Beispiel Saudi-Arabien, Iran, Afghanistan, Pakistan, Sudan und Mauretanien. Doch nicht einmal in Saudi-Arabien und dem Iran wird die Scharia exklusiv angewandt.

In den meisten islamisch geprägten Staaten ist die Scharia eine Quelle der Gesetzgebung, die das Privatrecht betrifft. Dazu zählen Ägypten, Algerien, Oman und Marokko. Einflussreicher ist im arabischen Maghreb und Ägypten aber das auf dem französischen Code Civil basierende Rechtssystem.

In Staaten wie dem Irak, Libyen und Syrien ist eine Aussage im Moment nur unter Vorbehalt möglich, weil die Staaten nur noch teilweise existieren und von bewaffneten Konflikten und Herrschaftsansprüchen von Terroristen erschüttert werden. So hat der „Islamische Staat“ in den Gebieten, die er beherrscht, die Scharia ausgerufen. Ursprünglich galt sie aber ebenfalls nur im Privatrecht und – wichtig bei den Vielvölkerstaaten Syrien und Irak – dementsprechend nur für die muslimische Bevölkerung.

7.) Ist die Scharia ein rein „göttliches Recht“?

Die Scharia fußt auf dem Koran und der Sunna und gilt frommen Muslimen damit zunächst einmal in der Tat als göttliches Recht. Die Beschäftigung oder Wissenschaft mit der Scharia heißt auf Arabisch fiqh. Das bedeutet so viel wie „das Verstehen“. Wie die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer schreibt, ist das „ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich hier um eine von Menschen erbrachte Verstandesleistung handelt“. Die Koranexpertin betont, dass Rechtshistoriker innerhalb der Scharia eine Vielzahl von Elementen identifiziert hätten, die gar nicht aus dem Koran stammen. Darunter seien Elemente aus dem jüdischen, dem römischen und dem sassanidischen Recht (das heißt dem aus dem Neupersischen Reich der Spätantike).

8.) Ist die Scharia allumfassend und für jeden Muslim verbindlich?

Die klassische islamische Theologie geht natürlich davon aus. In der Praxis ist es aber, wie so oft, differenzierter. So wie die allermeisten Katholiken sich nicht an jedes Wort eines jeden Papstes halten, geht auch der größte Teil der Muslime mit dem religiösen Regelwerk pragmatisch um. Den meisten ist klar, dass der Koran in einem bestimmten historischen Kontext entstanden ist und man in der heutigen Zeit abstrahieren muss. Nur Salafisten lehnen das ab: Sie versuchen lieber, so zu leben, wie sie glauben, dass es zu Lebzeiten des Propheten war. Sie nähern also ihr Verhalten dem Koran an, statt den Koran aus einem modernen Leben heraus zu interpretieren. Ähnliche Phänomene gibt es auch bei bibeltreuen Christen und ultraorthodoxen Juden.

Gudrun Krämer gibt zu bedenken: „Mehr als eine theologische und juristische Schule sind davon ausgegangen, dass es durchaus Themen und Lebensbereiche gibt, zu denen Gott (oder der Prophet) keine klaren, verbindlichen Weisungen erlassen hat. Was Gott aber nicht verbindlich regelt, ist neutraler Grund.“ Daraus ergäben sich Freiräume, in denen sich Staatsräson und Alltagsvernunft entfalten könnten.

Was bedeutet das für die Flüchtlingsdebatte?

Scharia als Drohkulisse für eine düstere Zukunft in Deutschland ist zu einem populistischen Kampfbegriff verkommen, bei dem negative Vorstellungen und Halbwissen dominieren. Zweifelsohne gibt es viel Leid und Unrecht, das im Namen angeblichen islamischen Rechts anderen Muslimen angetan wird. Und ja, das hat mit bestimmten Auslegungen des islamischen Rechtssystems zu tun. Es hat aber ebensoviel mit autoritären Regimen und patriarchalischen Traditionen zu tun.

Ein Grund, generell vor Muslimen Angst zu haben, sind solche Phänomene allerdings nicht.

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Time am 28. November 2015

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1) http://www.n-tv.de/politik/Scharia-ist-nicht-nur-Kopf-ab-article16448061.html

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2 Antworten to “Für N-TV ist die Scharia ok”

  1. Sophist X Says:

    Eine ziemlich schlampig runtergerissene Propagandaschwarte, vermutlich ein ohne Motivation und eilig verfasstes Auftragsstück.

    Scharia ist Auslegungssache, keine Frage, aber alle ihre Auslegungen und Anwendungen führten und führen zu unsagbarer Barbarei. Dieses wesentliche Detail hat sie weggelassen.

  2. vitzli Says:

    lol, die kann sicher bis 5 zählen:

    das ist schon gemeingefährlicher mist, den die trulla da verbreitet.

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