Ist er dement?

Salman

Auf „FAZ.NET“ wagt Rainer Hermann einen Blick in das Reich des Bösen (1).

_____

Die Last des Herrschers

Vor dem saudischen König Salman türmen sich die Probleme: Kriege im Norden und Süden des Königreichs, in Syrien und im Jemen; die Gefahr des IS und der niedrige Ölpreis. Aber ist der 80 Jahre alte König noch handlungsfähig? Oder längst dement?

Saudische Könige sind alt, wenn sie ihr Amt antreten. Abdullah Bin Abdalaziz Al Saud war 79 Jahre alt, als er den Thron bestieg. Sein Nachfolger und Halbbruder Salman Bin Abdalaziz Al Saud hatte das gleiche Alter erreicht, als er im Januar König wurde. In Zeiten, in denen sich die Welt weniger schnell verändert hat, war die Seniorität absolut herrschender Monarchen wenig ins Gewicht gefallen. Heute aber sieht sich Saudi-Arabien im Inneren wie im Äußeren Herausforderungen ausgesetzt, die sich zu einer existentiellen Bedrohung entwickeln könnten, wird nicht rechtzeitig gegengesteuert.

Kriege im Norden und Süden des Königreichs, in Syrien und im Jemen; im Osten das sich hegemonial gebärdende Iran; im Äußern wie im Inneren die Gefahr des islamistischen Terrors; das Königreich selbst ist ein Wohlfahrtsstaat, der kaum mehr zu finanzieren ist; und zu allem Überdruss liegt der Ölpreis bei weniger als der Hälfte dessen, was nötig wäre, um den Staatshaushalt zu finanzieren, der sich fast ausschließlich aus den Öleinnahmen speist. Dass der Ölpreis so tief gefallen ist, war eine Entscheidung des Königreichs Saudi-Arabien, das darunter aber weniger leidet als jene, gegen die es seine Ölwaffe einsetzt.

Heute ist Salman alt und krank. Zumindest einen Schlaganfall hat er hinter sich. Gerüchte halten sich, dass erste Anzeichen von Demenz zu erkennen seien. In Gesprächen sei er zu Beginn noch aufmerksam, dann lasse die Konzentration aber nach. Dabei war Salman einer der wirkungsvollsten Macher im Haus Saud. 1955, er war damals 20 Jahre alt, wurde er Gouverneur seiner Geburtsstadt Riad, und er blieb es – mit kurzen Unterbrechungen – bis 2011, als er, der mit der Armee nie viel zu tun hatte, anstelle seines verstorbenen Vollbruders Sultan Bin Abdalaziz Al Saud Verteidigungsminister wurde und, wie Sultan, zweiter Kronprinz. Also der dritte Mann im Königreich.

Als Salman 1955 den wichtigsten Posten Riads übernahm, lebten in der Hauptstadt gerade einmal 100.000 Einwohner, und Riad war eher eine kleine, staubige Oase in der Mitte der Wüste. Als er den Posten 2011 abgab, war die Zahl der Einwohner auf mehr als 5 Millionen gewachsen, und Riad war eine moderne Metropole der arabischen Welt geworden. Die Petrodollars halfen, die der Ölpreisanstieg von 1973 an in die Staatskasse spülte.

Doch Salman, der keine allzu große formale Schulausbildung genoss, tat, wie auch sein Vater Abdalaziz Al Saud, der Gründer des Königreichs, häufig mit einem beduinischen Instinkt das Richtige. Großzügig und schachbrettartig ließ er die schnell wachsende Stadt anlegen, mit Schnellstraßen und einem dichten Straßennetz, mit Schulen und Krankenhäusern. Als Hauptstadt des größten Ölexporteurs zog sie immer mehr wirtschaftliche Unternehmen an.

Salmans Riad ist keine klassische arabische Stadt geworden. Riad gleicht eher einer modernen amerikanischen Großstadt als Kairo oder Bagdad. Die Hauptstadt Saudi-Arabiens wurde für Autos geplant und nicht für Fußgänger, sie sieht keine öffentlichen Plätze vor, sondern klimatisierte Shopping Malls, in denen sich das öffentliche Leben abspielt.

Die Verdienste des Gouverneurs gingen weit über die Stadtplanung hinaus. Wann immer – meist berechtigte – Kritik an den vielen Prinzen des Hauses Saud geübt wurde: Salman war davon ausgenommen. Er stand für eine gute Regierungsführung und eine nicht korrupte Verwaltung. Die Untertanen attestierten ihm einen Gerechtigkeitssinn, den sie anderen Mitgliedern des Hauses Saud absprachen. Wohl wegen dieser Fähigkeiten wurde er im Jahr 2000, als der damalige Kronprinz Abdullah zur Beilegung offener Fragen der Al Sauds einen Familienrat einrichtete, an dessen Spitze berufen. Salman wurde damit der wichtigste Mann bei der Schlichtung von Interessenkonflikten im Haus Saud mit seinen vielen tausend Prinzen.

Als ein Reformer wie sein Vorgänger im Amt, Abdullah, galt Salman aber nie. Eher als ein pragmatischer, unideologischer Macher. Auch für ihn gilt, wie für die meisten Mitglieder des Hauses Saud, dass er „fortschrittlicher“ ist als die Mehrheit der Untertanen, die weiter dem Glauben huldigen, dass das Leben im Königreich und darüber hinaus den Regeln ihres intoleranten wahhabitischen Islams zu unterwerfen sei. Er befürwortet zwar gesellschaftliche Veränderungen, forderte aber 2007, dass der Reformprozess nicht zu schnell und zu tief verlaufen dürfe, weil sonst ein Aufstand der – reaktionären – Geistlichkeit drohe, die um ihre Macht fürchtet.

Als er im Januar 2015 vom Kronprinzen zum König aufstieg, trug er seinem hohen Alter Rechnung und leitete den Übergang in die Generation der Enkel des 1953 verstorbenen Gründers des Königreichs, Abdalaziz Al Saud, ein. Erster Kronprinz wurde der 1959 geborene Innenminister Muhammad Bin Nayef Al Saud, zweiter Kronprinz sein 1985 geborener Lieblingssohn Muhammad Bin Salman Al Saud. Während der Erste für die innere Sicherheit verantwortlich ist, übertrug Salman seinem Sohn weitreichende Vollmachten in der Verteidigungs- und Wirtschaftspolitik.

Denn als neuer Verteidigungsminister führt dieser die saudische Armee, als Präsident des neu eingerichteten Hohen Wirtschaftsrats bestimmt er die Linien der Wirtschaftspolitik, als Aufsichtsratsvorsitzender des Ölkonzerns Aramco formuliert er die Ölpolitik mit, als Chef des königlichen Hofs entscheidet er, wer Zugang zu seinem Vater, dem König, bekommt – und wer nicht. Auf den als unbeherrscht geltenden Muhammad Bin Salman war die Aussage des Bundesnachrichtendienstes gemünzt, die lange berechenbare saudische Politik sei „impulsiv“ geworden und damit eine Gefahr für die Stabilität.

Während König Abdullah eine panarabische Agenda verfolgte, stehen für Salman und seinen Sohn Muhammad allein saudische Machtinteressen auf dem Spiel. Die Kriege im Jemen und in Syrien gelten dem Zurückdrängen des iranischen Einflusses. Die aggressive Ölpolitik, also die Weigerung, die Ölproduktion trotz des Überangebots an Öl auf dem Weltmarkt zu drosseln, soll unbotmäßige Länder wie Iran und Russland in die Knie zwingen und den amerikanischen Frackern zeigen, dass die Saudis am längeren Hebel sitzen.

Diese Politik hat ihren Preis: Die Reserven schmelzen rasch dahin. Allein der Krieg im Jemen soll bereits mehr als 70 Milliarden Dollar gekostet haben, ein Zehntel der offiziell angegebenen Reserven. Im November reiste des IWF-Chefin Christine Lagarde nach Riad und mahnte rasche Reformen an. Nichts deutet darauf hin, dass der alt gewordene König Salman die Mahnung verstanden haben könnte.

_____

Time am 11. Dezember 2015

_____

1) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/die-last-des-saudischen-herrschers-salman-in-riad-13959405.html

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: