Assassin

ISIS

In einem Aufsatz bei „FAZ.NET“ erörtert Don Winslow den Zusammenhang zwischen Drogenhandel und Terrorismus (1).

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Terrorismus und Drogen

Offene Hand und geballte Faust

Der Terrorismus ist seit jeher ohne den Handel mit Drogen nicht denkbar – und ohne den Konsum auch nicht. Neu ist, mit welcher Geschwindigkeit die beiden Welten zusammenwachsen.

Seit fünfzehn Jahren schreibe ich sowohl über Drogenhandel als auch über Terrorismus. In dieser Zeit habe ich eine beunruhigende Entwicklung festgestellt: Ihre Welten wachsen zusammen.

Es gab immer eine Verbindung zwischen Terrorismus und Drogen. Schon das Wort „Assassine“ stammt von den ersten Terrorgruppen, deren Mörder unter dem Einfluss von Haschisch handelten. Vom Boxeraufstand in China bis zu den algerischen Nationalisten kämpften antikoloniale Rebellen unter dem Einfluss von Drogen. Heute gibt man Selbstmordattentätern Drogen, um sie zu beruhigen, damit sie keine Rückzieher machen, wenn sie ihr eigenes Leben und das von anderen zerstören.

Eine viel wichtigere Verbindung aber ist die ökonomische. Der Drogenhandel diente lange dazu, Terroroperationen zu finanzieren. Terrorismus kostet Geld – um Waffen zu kaufen, Mitglieder zu bezahlen, Häuser zu mieten, Leute zu überwachen und Operationen zu planen. Drogen sind tiefhängende Früchte – mühelos zu ernten und mühelos mit enormem Gewinn zu verkaufen, und zwar in mühelos transferierbarem Bargeld.

Drogen kennen keine Ideologie

Drogen sind Geld – und weil sie illegal sind, wandern die Profite in jene Schattenwelten, in denen Terrorismus wächst und gedeiht. Terroristen und Drogenhändler können sich so einfach zusammenschließen, weil sie die gleichen Sphären bewohnen und weil sie in vielen Fällen die gleichen Feinde haben – Gesetzeshüter und Geheimdienste. Machen wir uns nichts vor: Unsere Drogenpolitik hat diese Gruppen einander in die blutverschmierten Arme getrieben.

Es ist kein Zufall, dass jene Regionen der Welt, wo Opium und Kokain am besten wachsen, gleichermaßen geplagte und oft gesetzlose Länder sind. Drogen kennen keine Ideologie – es herrscht Chancengleichheit, wenn sie im Dienst des Terrorismus töten. Sowohl rechte als auch linke Terroristen haben ihre Gewalttaten mit dem Verkauf von Drogen finanziert. Mitten im Vietnamkrieg, als amerikanische Truppen den Vietcong bekämpften, half der amerikanische Geheimdienst Heroinschmugglern, ihren Stoff einzufliegen, um ihre Loyalität gegen die Kommunisten sicherzustellen. In den 1980er Jahren führte der amerikanische Widerstand gegen die linke Regierung in Nicaragua dazu, dass die Regierung Reagan mit mexikanischen Drogenhändlern kooperierte, um die antikommunistischen Contras zu unterstützen, nach jeglicher Definition des Begriffs eine terroristische Vereinigung. In den 1990ern ließen sich Terroristen der kolumbianischen Farc von mexikanischen Kartellen für ihr Kokain nicht mit Geld bezahlen, sondern mit Waffen. Islamische Terroristen, das gilt auch für Al Qaida und den IS, erzielen ihre Einnahmen auch aus dem Handel mit Heroin aus Südasien. Meine Quellen im Libanon und in Syrien berichten mir etwa, dass sich die Hizbullah paradoxerweise durch den Verkauf von Haschisch in Israel finanziert.

Volksfeste und Enthauptungen

Aber das sind keine Neuigkeiten. Viel beunruhigender ist eine jüngere Entwicklung – das Ineinandergreifen von Taktik, Technik und Philosophie, welches die Welt des Terrorismus und die des Drogenhandels einander noch ähnlicher macht. Jede Seite hat sich Taktiken von der anderen abgeschaut.

Sowohl Terroristen als auch Drogenhändler brauchen die Kontrolle über ein Territorium. Terroristen brauchen einen Rückzugsort, wo sie Kämpfer trainieren und Operationen planen können. Drogenhändler müssen die Gebiete kontrollieren, in denen die Drogen angebaut werden, und jene Grenzregionen, aus denen sie in die Länder geschmuggelt werden, wo man sie konsumiert. Wer ein Territorium kontrollieren will, muss die lokale Bevölkerung kontrollieren, und um das zu erreichen, haben beispielsweise die mexikanischen Kartelle klassische terroristische Taktiken eingeführt, allen voran einen zweigleisigen strategischen Ansatz: Die eine Hand, die offene, verteilt großzügig Wohltaten an die Gemeinschaft. Die andere Hand, die zur Faust geballt ist, bringt Einschüchterung, Folter und Mord.

Terrorgruppen gewinnen die Unterstützung der Lokalbevölkerung, indem sie Dienste zur Verfügung stellen, die die Regierung nicht leisten kann oder will, vor allem in unterentwickelten oder unterversorgten ländlichen oder innerstädtischen Gemeinden. Die Bosse mexikanischer Kartelle wie Joaquín „Chapo“ Guzmán wurden zu Lokalhelden, weil sie Unterstützung und Schutz in den Regionen garantieren, indem sie Krankenhäuser, Schulen, Kirchen und Spielplätze bauen, die Wasserversorgung sicherstellen und aufwendige Volksfeste veranstalten. Eines der grausamsten Kartelle, die Zetas, spendierte den Familien eines Dorfes oder eines Viertels regelmäßig neue Waschmaschinen oder Kühlschränke zum Muttertag. Sogar während er im Gefängnis saß, unterstützte der ehemalige Kopf des Golfkartells Feste zum Kindertag für ganze Städte, ließ Rummelplätze bauen sowie Spielzeuge, Süßigkeiten und Eiscreme verschenken.

Das ist die offene Hand

Die zur Faust geballte Hand der mexikanischen Kartelle hat ganze Nachbarschaften und Dörfer abgeschlachtet, die im Verdacht standen, die Regierung oder rivalisierende Kartelle zu unterstützen, und hat ganze Dörfer entlang der Grenze entvölkert, um die eigenen Unterstützer dort anzusiedeln. Sie hat gefoltert und gemordet und dabei oft die verstümmelten Leichen offen liegen lassen, als Lektion für die Bevölkerung. Das sind klassische terroristische Techniken. Jetzt sind sie auch im Drogenhandel Standard.

Was Terrorismus außerdem braucht, ist die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Sein Ziel ist es, in der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten und eine unverhältnismäßige Antwort der Regierung zu provozieren. Ein terroristischer Akt bedeutet nichts, wenn keiner davon erfährt. Um dieses Ziel zu erreichen, haben zeitgenössische islamische Terroristen Techniken von mexikanischen Kartellen übernommen, allen voran den Einsatz von sozialen Medien.

Als ich die schrecklichen Videos des IS zum ersten Mal gesehen habe, war das für mich nichts Neues. Bei den Recherchen zu meinem Roman „Das Kartell“ habe ich solche obszönen Bilder auch von den mexikanischen Kartellen gesehen, schon seit 2005. Das begann, als die Zetas ein Team aus vier Killern nach Acapulco schickten, um einen Konkurrenten zu töten, den Drogenhändler Edgar Villareal, alias „Barbie“ (einen amerikanischen Staatsbürger). Mit Hilfe der örtlichen Polizei nahm Villareal seine vier designierten Mörder gefangen, führte sie in ein Zimmer, filmte ihre Geständnisse über die Morde, die sie für die Zetas begangen hatten, und richtete sie anschließend mit Pistolenschüssen hin. Dann verschickte er das Band an die Medien.

Einschüchterung, Propaganda und Rekrutierung

Es wurde zum viralen Hit im Internet, und die Kartelle begriffen das terroristische Potential sozialer Medien. Hier hatten sie ein Mittel der Massenkommunikation, das keiner redaktionellen Zensur oder staatlichen Kontrolle unterlag. Jeder Beitrag, egal wie gewalttätig, brutal und grausam, konnte mit einem Knopfdruck an Millionen von Zuschauern geschickt werden. In der Anarchie des Internets blühte der Schrecken, plötzlich begannen alle Kartelle, Videos zu drehen. Die ersten Videos von Enthauptungen kamen nicht vom verstorbenen Dschihadi John, sondern von mexikanischen Kartellen. Aber das dreifache Ziel – Einschüchterung, Propaganda und Rekrutierung – war klassischer Terrorismus.

Auch Propaganda ist ein gemeinsames Ziel von Terroristen und Drogenhändlern. Fast in jedem Video müssen die Opfer ihre „Verbrechen“ gestehen, um die anschließende Hinrichtung zu rechtfertigen. Den Kartellen dient das dazu, ihre moralische Überlegenheit gegenüber anderen Kartellen zu verkünden, die Islamisten verkünden ihre Beschwerden und Ziele. Drogenhändler haben getötet, gefoltert und Blogger zerstückelt, die die Kühnheit hatten, entlarvende Informationen und Ansichten zu veröffentlichen, die ein Gegengewicht zu ihrer Propaganda lieferten.

Was uns zum dritten Ziel führt: Rekrutierung. So traurig es sein mag, die Videos der Gewalttaten sind für Terroristen und Drogenhändler nach wie vor wichtige und erfolgreiche Instrumente der Rekrutierung. Statt Abscheu hervorzurufen, sind sie für ein bestimmtes Publikum sehr reizvoll. Das liegt zum einen einfach am Überlebenswillen – Menschen in umkämpften Gebieten sind gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden, und viele entschieden sich für die Seite, die das Schwert der Enthauptung oder die Kettensäge in der Hand hält.

Die Instrumentalisierung der Medien

Zum anderen geht es um die Projektion von Macht. Für Menschen, die sich selbst für machtlos halten, besonders für junge, arbeitslose Männer, ist nichts verführerischer als diese Bilder der Gewalt über Leben und Tod. Wer glaubt, keine Zukunft zu haben, wird sich für das kurze, aber aufregende Leben eines Drogenhändlers oder Terrorkriegers entscheiden, selbst wenn er weiß, dass es sehr wahrscheinlich mit dem frühen Tod enden wird.

Dazu kommt schlicht das Element des Sadismus. Die Videos üben eine starke psycho-sexuelle Anziehungskraft auf Soziopathen und Psychopathen aus, die bereitwillig jede Gelegenheit wahrnehmen, ihre inneren Dämonen loszulassen, anstatt sie auszutreiben. Dschihadi John zum Beispiel tanzte mit seine Opfern gerne Tango, bevor er sie folterte, Massenvergewaltigungen sind sowohl bei den Kartellen als auch beim IS üblich, und die manchmal surrealen Formen der Gewalt beider Gruppen kann man nur auf deren schiere Lust zurückführen, anderen Schmerzen zuzufügen.

Seit kurzem erkennt man die Gemeinsamkeiten von Terrorismus und Drogenhandel auch an ihrer jeweiligen Beziehung zu den Medien. Terroristen legen ihnen gegenüber seit jeher eine Hassliebe an den Tag. Einerseits brauchen sie die Medien, um ihre Gewalttaten öffentlich zu machen und ihrer „Sache“ eine Stimme zu geben; andererseits nehmen sie ihnen ihre negative Berichterstattung übel. Noch bis vor kurzem haben Drogenhändler eher versucht, sich dem prüfenden Blick der Medien zu entziehen oder ihn zu ignorieren. Aber in den vergangenen zehn Jahren haben die Drogenhändler von den Terroristen die Philosophie übernommen, dass sie nicht nur Herr über die Ereignisse sein müssen, sondern auch über das Narrativ.

Defensive Haltung der Aufstandsbekämpfung

Folglich lassen mexikanische Drogenhändler nichts unversucht, um journalistische Berichterstattung zu kontrollieren oder zu unterdrücken. Regelmäßig rufen sie nach einem Mord Reporter in ihren Autos an und lassen sie wissen, ob es in Ordnung sei, zum Tatort zu fahren oder nicht. Sie haben Reporter bestochen, und wenn das nicht funktionierte, gefoltert und getötet. In den vergangenen zehn Jahren wurden in Mexiko Hunderte von Journalisten getötet. (Ich habe „Das Kartell“ diesen Journalisten gewidmet, den Männern und Frauen, die die wahren Helden sind.) Drogenhändler haben Radio- und Fernsehsender mit Maschinenpistolen, Granaten und Raketenwerfern angegriffen. Ihre Bemühungen waren enorm erfolgreich. Viele mexikanische Zeitungen und Radio- und Fernsehsender weigern sich heute, über den Drogenhandel zu berichten. Auch islamische Terroristen haben Journalisten und andere angegriffen, die den Propheten abgebildet haben. Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ war der tragische Auftakt zu den schrecklichen Ereignissen in Paris. Ganz zweifellos hatte die Gewalt gegen Journalisten den Effekt, die Berichterstattung über beide Gruppen zu unterdrücken.

Wie die Welten von Drogenhandel und Terrorismus, so sind zwangsläufig auch die Welten des Kampfes gegen sie zusammengewachsen. Weil Terroristen gewalttätiger wurden, hat sich die übliche Gegenstrategie der „Aufstandsbekämpfung“, im Wesentlichen eine defensive Haltung, welche die Lokalbevölkerung gegen die Terroristen einnehmen und vor ihnen schützen will, zur schnelleren, billigeren und gewalttätigeren Doktrin des Anti-Terror-Kampfs gewandelt. Er zielt vorrangig auf das Aufspüren und Ausschalten von Terroristen, insbesondere den Anführern, ab. Der Kampf gegen den Drogenhandel folgte diesem Beispiel. Weil die Drogenhändler immer terroristischer wurden, wandelte sich die Philosophie der Gegenmaßnahmen von der im Wesentlichen defensiven Haltung der Beschlagnahmung von Drogen zur aggressiveren Doktrin, die Drogenhändler aktiv aufzuspüren, mit Hilfe von Razzien, die meistens eher die Absicht haben, die Drogenbosse umzubringen, als sie gefangen zu nehmen.

Die geheimdienstlichen Methoden sind beinahe identisch, die Bemühungen beim Orten von Terroristen und Drogenhändlern unterscheiden sich kaum. In beiden Fällen werden Mobiltelefone abgehört, Computer analysiert und „erweiterte Verhörtechniken“ eingesetzt. Oder Spezialkräfte: Seitdem Drogenhändler und Terroristen taktisch raffinierter und besser bewaffnet sind, ist der Einsatz von Spezialeinheiten des Militärs statt von Polizeibeamten üblich. In Geheimoperationen verfolgen Eliteeinheiten mit Hilfe avancierter Technologie die Terroristen und Drogenbosse und löschen sie aus. Es ist bekannt, dass Drohnen eingesetzt werden, um Terroristen hinzurichten. Weniger bekannt ist, dass Drohnen auch eingesetzt werden, um Drogenhändler zu lokalisieren, um Razzien vorzubereiten, bei denen die Drogenhändler oft getötet werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Drohnen auch mit Raketen bewaffnet werden, um Drogenhändler zu treffen – wenn es nicht schon passiert ist.

Terroristen waren immer Drogenhändler. Jetzt sind Drogenhändler auch Terroristen. Ihre Welten sind zu einer zusammengewachsen.

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Time am 20. Dezember 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/terrorismus-und-drogen-offene-hand-und-geballte-faust-13975459.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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