Die Billig-Öl-Krise

OILOILOIL

Am 21. Januar legte Winand von Petersdorff bei „FAZ.NET“ dar, inwiefern die derzeitige Ölschwemme zu einer Weltwirtschaftskrise führen könnte (1).

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Konjunktur

Das große Öl-Rätsel

Erstmals scheint es Konjunkturprobleme durch zu billiges Öl zu geben. Die These, Ölpreisschocks hätten große Wirkungen für Verbraucher und geringe für Produzenten, verliert ihr Fundament.

Vor zwei Jahren, im Juni 2014, kostete das Fass Rohöl 115 Dollar. Jetzt schwankt der Preis in der 30-Dollar-Zone. Ein größeres Programm zur Befeuerung der globalen Konjunktur hätte man sich kaum ausdenken können. Es hätte wirken müssen wie eine große Steuersenkung in den Ölabnehmerländern. Schon als der Preis Ende 2014 auf 80 Dollar gerutscht war, bezifferten jubelnde Citigroup-Ökonomen den Wachstumsstimulus auf mehr als eine Billion Dollar. Das schien höchst plausibel: Die Großmächte der Weltkonjunktur China, Indien, der Eurozone und selbst die Vereinigten Staaten waren schließlich Netto-Ölimporteure. Sie hätten durch den billigeren Rohstoff einen konjunkturellen Schub bekommen müssen, der im besten Fall die gesamte Weltwirtschaft mitgezogen hätte. Stattdessen regiert aber die Stagnation. „Eine der größten Überraschungen des Jahres 2015 ist, dass der erstaunliche Verfall des Ölpreises nicht das Wachstum der Weltwirtschaft stärker befeuert hat“, sagt Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff.

Irgendetwas ist falsch am alten Kalkül, das so lautete: Wenn der Ölpreis fällt, dann gewinnen die Verbraucher und es verlieren die Produzenten. Was zunächst wie ein Null-Summen-Spiel aussieht, wirkt beflügelnd auf die Konjunktur, weil die Volkswirte dachten, dass die Verbraucher wie früher schon das zusätzliche Geld für den Konsum und für Investitionen nutzen würden, während die Produzenten, die Öl-Scheichs, auf ihre Ersparnisse zurückgreifen, um die Einnahmeausfälle zu kompensieren, ohne damit die Konjunktur nennenswerte zu trüben. Anders gesagt: Konsumenten würden viel von zusätzlich verfügbarem Geld verjubeln, Produzenten greifen auf Reserven zurück. Deshalb, so die Theorie, ist es für die Welt besser, wenn das Geld beim Verbraucher sitzt.

Allen war allerdings klar, dass nicht jeder Preiseinbruch unmittelbar stimulierend wirkt, schon gar nicht, wenn er die Folge einer großen Depression ist. Das ist wie bei einem Kranken: Wenn er Gewicht verliert, wird das nicht als Ergebnis eines erfolgreichen Fitnessprogramms gedeutet, sondern als Begleiterscheinung. Nach der Finanzkrise brachen die Bestellungen für den Rohstoff ein. Das drückte den Preis Ende 2008 schon einmal auf den Tiefststand von 30 Dollar. Damals hat der Ölpreis die Konjunktur höchstens vor einem weiteren Abrutschen bewahrt. Einen spürbar positiven Effekt erwarten die Ökonomen dagegen von sogenannten Angebots-Schocks wie jenem zwischen 1985 und 1986. Damals brachen die Ölpreise ein, weil Saudi-Arabien die Produktion hochfuhr, um verlorengegangene Marktanteile zurückzuerobern. Danach wuchs die Weltwirtschaft 1987 um 3,8 Prozent, immerhin um einen halben Prozentpunkt mehr als im Vorjahr.

Das Problem mit dem aktuellen Ölpreisschock ist nach Rogoffs Analyse, dass er weder ein eindeutiger Angebots- noch ein klarer Nachfrageschock ist. Chinas Umstrukturierung der Volkswirtschaft kostet Wachstum. Das hat zur Folge, dass das Land weniger Öl und andere Rohstoffe bestellt als erwartet. Deren Preise sind 2015 ebenfalls stark gefallen.

Mindestens ebenso wichtig ist aber die Schieferöl-Revolution in den Vereinigten Staaten: Dank neuer Bergbaumethoden wie Fracking, horizontalem Bohren und 3D-Seismik haben die Amerikaner ihre Ölförderung seit 2008 fast verdoppelt von 5 auf 9,3 Millionen Fass am Tag. Aktuell liegt die Produktion bei 8,7 Millionen Fass. Amerikas Fracker erweisen sich als zäh, zumindest was die Fördermenge betrifft. Das ist aus der Perspektive der Verbraucher prima, theoretisch zumindest.

Doch in der neuen Welt des Öls entfachen Preisschocks andere Wirkungen als früher. Ein Grund ist blanker Interventionismus: Länder wie China und Indien, die heute deutlich stärkeres Gewicht in der globalen Ökonomie haben als früher, haben den Treibstoff subventioniert, um ihn für Verbraucher auf erträglichem Niveau zu halten. Das führte in den Hochpreisjahren zu schweren Belastungen für die öffentlichen Haushalte dieser Länder. Sobald sie die Möglichkeit dazu sahen, fuhren sie die Subventionen zurück. Für die Verbraucher in diesen Ländern hat sich deshalb an der Tankrechnung nicht viel geändert und damit blieb ihnen auch nicht viel Geld, um es anderweitig auszugeben. So verpuffte die Stimulanz in importierenden Schwellenländern. Zu den Gewinnern zählt Rogoff zufolge allerdings die Eurozone, deren Konjunktur zunehmend vom Konsum gespeist wird.

Ölpreissenkungen wirken langfristig positiv

Ganz anders ist die Lage bei den Ölverkäuferländern: Einige der großen Exporteure haben weniger Puffer als gedacht und geraten nun in wirtschaftliche Turbulenzen: Das gilt für Venezuela, Nigeria, Angola und Russland, die alle ihre Haushalte aus Öleinnahmen gespeist haben und nun mit zum Teil drakonischen Sparprogrammen reagieren, die die Konjunktur bremsen. Selbst das als unanfechtbar geltende Saudi-Arabien kürzt die Staatsausgaben. Der Währungsfonds sieht für den Ölförderriesen 2016 eine Wachstumsrate von 1,2 Prozent, was für ein junges Land mit großem Bevölkerungsanstieg bedrohlich wenig ist.

Die These, Ölpreisschocks hätten große Wirkungen für Verbraucher und geringe für Produzenten, verliert ihr Fundament. Das zeigt sich auch in den Vereinigten Staaten. Hier zeigen sich die Ausgaben der Konsumenten robust: Sie haben zum Beispiel der amerikanischen Autoindustrie das beste Jahr ihrer Geschichte beschert und viele schwere Autos gekauft, die mehr Treibstoff verbrauchen. Das ist die gute Seite für die Konjunktur (nicht für Klimaschützer). Die düstere ist in den Öl-Bundesstaaten North-Dakota, Oklahoma und Texas sowie in den Bilanzen der Öl- und Gasförderer und deren Zulieferer zu sehen. Die Fracker- und Ölindustrie dort hat schon Hunderttausende entlassen. Die Firmen streichen ihre Investitionen zusammen, der Energiesektor im Börsensegment S&P 500 hat drei Viertel seiner Gewinne eingebüßt.

Längst schwappen die Probleme auf den Finanzsektor über. Der Markt für Hochzinsanleihen ist in Turbulenzen: Etwa 15 Prozent des Anlagevolumens hängt an Energiefirmen. Doch auch andere Bonds werden mit höheren Risikoaufschlägen gehandelt. Amerikanische Banken haben nach Angaben der Öl- und Gasindustrie 276 Milliarden Dollar geliehen, von denen 15 Prozent als unsicher gelten nach 4 Prozent im Vorjahr. In der scharf regulierten Bankenwelt führt das dazu, dass Banken ihre Kreditvergabebedingungen verschärfen könnten. Das könnte in eine Rezession führen. Und weil vergleichbare Entwicklungen weltweit zu sehen sind, scheint eine globale Flaute möglich. Die Ölkrisen seit den siebziger Jahren hatten jeweils ihre Ursache in verteuertem Öl. Diesmal droht die Krise wegen billigen Öls. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Rogoff zufolge wirken Ölpreissenkungen langfristig trotzdem positiv. Das zeigten makroökonomische Modelle.

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Time am 24. Januar 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/das-grosse-oel-raetsel-14025253.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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