Not im Überfluss

Belutschistan

In der „Jungle World“ berichtet Gilbert Kolonko über die Wassernot in Pakistan (1).

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Trockene Aussichten

Pakistan hat enorme Schmelzwasservorkommen, doch in vielen Teilen des Landes herrscht wegen Misswirtschaft Wassermangel. Hunderttausende Menschen im Land erkranken jährlich durch verunreinigtes Trinkwasser, viele sterben daran.

Im Hafen der südpakistanischen Megametropole Karatschi ist die Wasseroberfläche von einem feinen Ölfilm überzogen. Das Gewässer, soll mehr unterschiedliche Schadstoffe aufweisen als das Wasser in jedem anderen Hafen der Welt. Nebenan liegt der schwarze Strand von Clifton; der Sand ist immer noch schwarz, obwohl sich der Untergang des Öltankers Tasman Spirit vor der Küste bereits 2003 ereignete und die Besitzer Geld für die Reinigung an den pakistanischen Staat bezahlt haben. Täglich werden 1,5 Milliarden Liter ungereinigtes Abwasser Karatschis ins Meer geleitet. Um das Trinkwasser der Hafenstadt steht es kaum besser. Wegen maroder Wasserleitungen und einer Bewirtschaftung, die in den Händen einer regelrechten Wasser-Mafia liegt, sterben Studien der Weltbank zufolge jährlich 30 000 Menschen in der Metropole an Krankheiten, die auf verunreinigtes Trinkwasser zurückzuführen sind.

Karatschi hat zwischen 20 und 22 Millionen Einwohner, genau weiß das niemand. Und so sollte man die aktuellste Statistik, wonach die Stadtverwaltung nur 50 Prozent des Wasserbedarfs der Bewohner bedienen kann, als sehr optimistisch betrachten. »Seit Jahren haben die Verantwortlichen unserer Stadt nichts getan, um die Infrastruktur zu modernisieren«, sagt voller Wut ein Ladenbesitzer am Empress Market, einem bekannten Marktplatz der Stadt, während über uns unermüdlich die Bussarde kreisen. Der Finanzberater Ali, der oft mit den staatlichen Behörden zu tun hat, wird genauer: »Ich habe eine interne Studie gelesen, nach der 80 Prozent der Mitarbeiter der Wasserbehörde überflüssig sind, da sie keine Aufgabe haben. Und das ist das Dilemma: Der Großteil der Staatsdiener wird nach Parteibuch oder Schmiergeldzahlungen eingestellt. Das wenige Fachpersonal ist von der Situation überfordert. Dazu weiß ich, dass die Verantwortlichen nicht einmal einen mittelfristigen Plan haben, um das Wasserproblem Karatschis zu lösen.« Lange Menschenschlangen vor Lastern mit Wassercontainern überall in der Metropole zeigen, wo sich die verunsicherten Bürgerinnen und Bürger mit Trinkwasser versorgen.

Im Rest Pakistans sieht es ähnlich aus. Jährlich sterben landesweit mehr als 250 000 Kinder an den Folgen verunreinigten Trinkwassers, wie eine unabhängige Studie des Forschers Michael Kugelman aus dem Jahr 2009 zeigt – bis heute dürfte sich an den Zahlen kaum etwas geändert haben. Nur 44 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu sauberem Wasser. Und was die staatlichen Behörden als unbedenklich deklarieren, ist allzu oft mit gesundheitsschädlichen Substanzen belastet. Die bestehende Infrastruktur ist unzureichend oder zerfällt, Grundwasserspeicher sind durch Umweltgifte kontaminiert. Proben zeigten, dass das Flaschenwasser von 17 verschiedenen Herstellern Arsenmengen aufwies, die das Siebenfache des erlaubten Werts überstiegen.

Doch die eigentliche Wasser-Katastrophe bahnt sich gerade erst an. Mit 1 019 Kubikmetern Wasser, die pro Einwohner jährlich zur Verfügung stehen, gehört Pakistan derzeit weltweit zu jenen drei Ländern, die am meisten unter Wassernot leiden. Und dies, obwohl das Land mit dem Karakorum-, dem Himalaya- und dem Hindukush-Gebirge über die größten Schmelzwasservorkommen außerhalb der Polarregion verfügt.

1 500 Kilometer nördlich von Karatschi, nahe der chinesischen Grenze, schlängelt sich auf 2 500 Höhenmetern der Karakorum Highway am Gletscher Passu entlang. Als die Straße 1978 gebaut wurde, musste man noch eine Schneise durch den Gletscher schlagen. Doch mittlerweile hat der Klimawandel nicht nur den Passu erheblich schrumpfen lassen. Auch viele der anderen 5 218 Gletscher Nordpakistans schmelzen schneller als lange angenommen. Ein Nebenprodukt der Gletscherschmelze ist zehn Kilometer südlich am schwarzen Gulkhin-Gletscher zu sehen. In seinem Innern hat sich ein See gebildet. Jeden Moment kann dies zu Erdrutschen und Überschwemmungen führen – eine Gefahr, die die 1 000 Einwohner des Orts Gulkhin bedroht, die aus Mangel an Handlungsmöglichkeiten jedoch ignoriert wird.

Kurzfristig sorgt die beschleunigte Gletscherschmelze für mehr Wasser in der Lebensader Pakistans, dem Fluss Indus – leider ausgerechnet dann, wenn er durch den Monsun bereits anschwillt. »Das Schmelzwasser macht die Hochwasser noch gefährlicher, denn nicht einmal das von 2010 konnte unsere Verantwortlichen dazu bewegen, einfachste Vorsichtsmaßnahmen in Angriff zu nehmen. Stattdessen tun sie so, als träfen die alljährlichen Hochwasser unser Land völlig überraschend und schreien nach internationalen Hilfsgeldern«, kritisiert ein Meteorologe aus Lahore. 2010 machte ein Hochwasser 16 Millionen Menschen in Pakistan obdachlos.

Langfristig wird das Land mit weniger Wasser auskommen müssen, was theoretisch kein Problem wäre, denn Pakistan besitzt das größte künstliche Bewässerungssystem der Erde. Doch verschlingt es über 96 Prozent des genutzten Wassers, da zwei Drittel wegen undichter Dämme versickern und viel Wasser maßlos verschwendet wird. So sind die Ernteerträge im Verhältnis zum eingesetzten Wasser die geringsten der Erde. Überdies erhebt der Staat bei den Bauern nur eine minimale Wassergebühr. Die Agrarwirtschaft trägt einen Anteil zwischen 21 und 25 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt Pakistans bei – doch von den etwa 60 Milliarden US-Dollar, die die Bauern und Agrarbetriebe 2013 erwirtschaftet haben, wurden nur zwölf Millionen an direkten Steuern vom Staat eingefordert. Das entspricht einem Steuersatz von 0,02 Prozent. Die meisten Abgeordneten in den pakistanischen Parlamenten oder ihre Verwandten sind Großgrundbesitzer, die vom derzeitigen Zustand profitieren. Weitsichtiges Handeln ist von staatlicher Seite daher nicht zu erwarten.

In den neunziger Jahren vergab Nawaz Sharif, der damalige und derzeitige Premierminister Pakistans, großzügige Kredite zum Bau von Zuckerfabriken, worauf der Anbau von Zuckerrohr expandierte, obwohl er sieben Mal mehr Wasser verbraucht als der von Weizen. Damals besaß die Sharif-Familie die Firma Ittefaq Foundries, den größten Zulieferer der Zuckerfabriken. Ein Entwicklungshelfer, der seit Jahren mit der Wasserversorgung in Pakistan vertraut ist und nicht namentlich genannt werden will, beschreibt die dafür zuständigen staatlichen Beamten wie folgt: »Sie sind schrecklich korrupt, ineffizient und unglaublich faul.« Einer Studie der Weltbank zufolge kassieren diese Beamten jedes Jahr allein für die Wasserzuteilung an die Bauern Schmiergelder in Höhe von 30 Millionen US-Dollar.

Wenn man von der Stadt Sehwan Sharif, etwa 150 Kilometer nördlich von Karatschi, ein paar Tage Richtung Westen nach Belutschistan läuft, bekommt man einen Eindruck, wie der Süden Pakistans ohne Bewässerungssystem aussieht: öde Steinwüsten, bedeckt mit Dornenbüschen, und Sandsteinhügel soweit das Auge reicht. An den Brunnen der kleinen Ortschaften sieht man nur Frauen, denn im ländlichen Pakistan ist das Wasserholen ihre Aufgabe; eine von vielen anderen Tätigkeiten, die die Frauen in ihrem bis zu 15stündigen Arbeitstag erledigen müssen. Trotzdem werden sie in Wasserfragen kaum zu Rate gezogen, denn wenn dies passiert, steht der Brunnen nicht mehr in der Nähe der Moschee, sondern in der Dorfmitte.

Das Wasser aus den Brunnen schmeckt hier teilweise nach Urin oder anderem Ungenießbarem. Da die natürlichen Grundwasserspeicher oft zwischen Salzstöcken oder Mineralvorkommen liegen, dringen bei zu hoher Wasserentnahme Fremdstoffe ein. Die Anzahl der mit Pumpen betriebenen Rohrbrunnen in Pakistan ist in den vergangenen 40 Jahren von 98 000 auf über eine Million gestiegen. Die Auswirkungen kann man in Quetta, der Hauptstadt Belutschistans, sehen. Spätestens im kommenden Jahr dürfte auch der letzte Grundwasserstock leergepumpt sein. Wie es dann mit der über eine Million Einwohner zählenden Stadt weitergehen soll, weiß die Regierung nicht.

In Pakistan wurde in den siebziger Jahren der Tarbela-Damm, der bis heute zweitgrößte natürliche Staudamm der Erde, gebaut – eine Meisterleistung der Ingenieure. Doch mittlerweile ist die Aufnahmekapazität des Damms wegen Versandung um 30 Prozent zurückgegangen. Auch die Weltbank sieht das Problem Pakistans nicht im Mangel an Experten und Equipment – schließlich besitzt das Land Atomwaffen und ist fähig, seine Soldaten auf dem höchstgelegenen Schlachtfeld der Welt gegen Indien antreten zu lassen, in einem Gletschergebiet auf 6 000 Höhenmetern. Bereits im Jahr 2005 zog die Weltbank ein bitteres Fazit: »Pakistan verfährt nach dem Prinzip: bauen, vernachlässigen, wieder aufbauen. Dabei ignorieren die Verantwortlichen alle wissenschaftlichen Fakten und strapazieren die Infrastruktur des Landes, bis sie zusammenbricht.«

Das sind Ratschläge, die auch der Internationale Währungsfonds (IWF) ignoriert, die Schwesterorganisation der Weltbank. Deren wissenschaftliche Mitarbeiter kamen zwar hinsichtlich der IWF-Aktivitäten in Pakistan zu folgendem Schluss: »Die Lösung des Wasserproblems in Pakistan ist möglich, denn alle Fakten sind bekannt. Es muss endlich Druck ausgeübt werden, damit Taten folgen und die Kredite gerechtfertigt sind.« Bis heute gab es zwölf große Hilfsprogramme des IWF, doch selbst 2008, als Pakistan einmal mehr vor dem Staatsbankrott stand, und man mit 7,6 Milliarden US-Dollar aushalf, ließ der IWF die vernünftige Forderung nach einer Landwirtschaftssteuer fallen. Es sind vor allem die USA, die jeden Druck verhinderten, da ihnen ein halbwegs »stabiles« Pakistan im »Kampf gegen den Terror« lieber ist als eine mögliche Konfrontation, durch die sich Pakistan abwenden und radikalisieren könnte. Die Regierung und insbesondere die pakistanischen Armeegeneräle kennen diese Sorgen und spielen ihr Wissen seit 2001 geschickt aus. So dreht sich in Pakistan alles weiter im Kreis, doch ein armes Land ist es deswegen nicht. Wenn alles wie gehabt weitergeht, wird Pakistan im Jahr 2050 zwar nicht mehr genug Wasser für seine dann geschätzt mehr als 300 Millionen Einwohner haben (derzeit sind es rund 200 Millionen), dafür aber das drittgrößte Atomwaffenarsenal der Erde besitzen.

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Time am 28. Januar 2016

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1) http://jungle-world.com/artikel/2016/03/53350.html

Schlagwörter:

3 Antworten to “Not im Überfluss”

  1. Sophist X Says:

    Eine Sklavenhaltergesellschaft, der man die Sklaven weggenommen hat. Ersatzweise blutegelt man an den Ressourcen des verweichlichten Westens.

  2. wolaufensie Says:

    Apropos Not…
    In Köln haben die Bahnhofsgesellschaft, in enger Zusammenarbeit
    mit der Polizei und auf Anregung der berliner Ordnungshüter, ein erweitertes Erlebniskonzept erarbeitet, in das nun auch schon
    13-Jährige Mädchen mit einbezogen werden können.

  3. charlie Says:

    Wer gierig nach der islamischen A-Bombe strebte und diese nun in Händen hält, hat gewiss Ressourcen frei, um seine Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser zu versorgen.

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