Rodney Stark: Nichts lief schief

krak des chevaliers

Die Kreuzfahrerburg „Krak des Chevaliers“

Im November 2007 hatte ich in Eisvogels Blog „Acht der Schwerter“, das seinerzeit viele engagierte Kommentatoren an sich binden konnte, die Arbeiten des Mathematikers und Wirtschaftswissenschaftlers Lawrence R. Iannaccone vorgestellt (1), der Religion vor allem in ökonomischer Hinsicht betrachtet.

Rodney StarkEiner seiner Vorläufer ist Rodney Stark. Wikipedia (2):

„Er ist ein Verfechter der Theorie der rationalen Entscheidung in der Religionssoziologie, die er die ,Theorie der religiösen Wirtschaft‘ nennt … Heute wird die Theorie, die religiöses Engagement als Wechselverhältnis von Belohnungen und Ausgleichen erklärt, als eine Vorstufe für den expliziten Rückgriff auf ökonomische Prinzipien der Religion gesehen …“

Rodney Stark hat u.a. das Buch „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.) geschrieben (3), das die mittelalterlichen Kreuzzüge im Nahen Osten beleuchtet.

Ich möchte Ihnen in lockerer Folge einige Auszüge daraus vorlegen. Der erste (S. 81-90) enthält für kundige Counterjihadis keine Neuigkeiten, ist jedoch eine gute Einführung für „Neulinge“, die ja auch täglich zur MoT stoßen.

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ABENDLÄNDISCHE „IGNORANZ“
VERSUS MORGENLÄNDISCHE „KULTUR“

Seit langem ist die Auffassung verbreitet, dass zu einer Zeit,
da Europa im „finsteren Mittelalter” vor sich hin döste, Wissenschaft
und Bildung in der islamischen Welt in voller Blüte standen.
Wie Bernard Lewis, eine Kapazität auf diesem Gebiet, in seiner jüngsten
Studie schreibt, hatte der Islam „im Hinblick auf die Kü̈nste und
Wissenschaften das höchste kulturelle Niveau in der Geschichte der
Menschheit erreicht. (…) das mittelalterliche Europa [ging] bei
den Muslimen in die Lehre und war in gewisser Weise abhängig von
der islamischen Welt.”

Dann aber hätten die Europäer plötzlich und sprunghaft
Fortschritte gemacht: „Sie ließen das islamische Erbe – die Wissenschaften,
die Technologie und schließlich auch die Kultur – weit hinter sich.”
Daher die Frage, die Lewis im Titel seines
Buches stellt: What went wrong? („Was ist schief gelaufen?”)

Dieses Kapitel ist meiner Antwort auf Lewis Frage gewidmet:
Nichts ist schiefgelaufen.
Der Glaube, es habe einmal eine muslimische Kultur gegeben,
die der europäischen überlegen war, ist bestenfalls eine Illusion.

Dhimmi-Kultur

Die höhere Kultur, die arabische Eliten sich aneigneten, haben sie von den Völkern übernommen, die sie unterworfen hatten. Wie Bernard Lewis schreibt, ohne sich allerdings völlig im Klaren darüber zu sein, was das bedeutet, hatte „der Islam das Wissen und die Fertigkeiten des antiken Nahen Ostens, Griechenlands und Persiens übernommen … und außerdem … aus Indien”.

Die hohe Kultur der Muslime (meistens ist von „arabischer” Kultur die Rede) war die der unterworfenen Völker – die jüdisch-christlich-griechische Kultur von Byzanz, der erstaunlich hohe Bildungsstand in häretischen christlichen Gemeinschaften wie den Kopten und Nestorianern, das umfangreiche Wissen des zoroastrischen Persien und (wenn wir an die frühen und ausgedehnten Eroberungen der Muslime in Indien denken) die großen mathematischen Leistungen der Hindu.

Dieses Bildungserbe, vondem viel auf das alte Griechenland zurückging, wurde ins Arabische übersetzt und zum Teil in die arabische Kultur aufgenommen. Aber auch nachdem es übersetzt war, wurde es in erster Linie von den Dhimmis (geduldete, staatlich geschützte und steuerpflichtige Nichtmuslime, genauer: Angehörige der monotheistischen Religionen; A.d.Ü) erhalten, die unter arabischer Herrschaft standen. Das „älteste wissenschaftliche Buch in der Sprache des Islam” beispielsweise ist „eine medizinische Abhandlung eines syrischen christlichen Priesters aus Alexandria und wurde von einem persisch-jüdischen Arzt ins Arabische übersetzt”.

Nicht nur, dass die „arabische” Wissenschaft und Bildung größtenteils von den Dhimmis stammte; sie waren es auch, die die Texte ins Arabische übersetzten. Doch aus diesem Wissensbestand wurde damit noch keine arabische Kultur. Sondern, schreibt Marshall Hodgson, „wer auf naturwissenschaftlichem Gebiet arbeitete, hielt im Allgemeinen an seinen alten religiösen Anschauungen fest und blieb ein Dhimmi, auch wenn er Arabisch schrieb”. Als sich die Dhimmis allmählich assimilierten, ist denn auch vieles der gepriesenen hohen Kultur der Araber verloren gegangen.

Ein gutes Beispiel, das freilich nicht Wissenschaft und Kunst betrifft, sind die muslimischen Flotten. Die Probleme, die die Araber hatten, insofern die Byzantiner sie vom Meer aus angreifen konnten, brachten sie darauf, sich eigene Schiffe und Kriegsflotten zuzulegen. Diese konnten sich in manchen Gefechten mit byzantinischen oder westlichen Flotten durchaus messen, und das könnte als Beispiel für den hohen kulturellen Stand in der islamischen Welt gelten. Bei näherem Hinsehen aber zeigt sich, dass diese Flotten auch nicht wirklich „muslimisch” waren.

Als Wüstenbewohner verstanden die Araber nichts vom Schiffbau. Also wandten sie sich an die jüngst eroberten und noch intakten Werften in Ägypten und in den syrischen Hafenstädten Tyrus, Akko und Beirut und ließen dort eine große Flotte bauen. Sie verstanden auch nichts von Segeltechnik und Navigation, bemannten ihre ägyptische Flotte deshalb mit koptischen Seeleuten, ihre persischen Schiffe mit Söldnern, die ihre seemännischen Kenntnisse unter byzantinischer Flagge erworben hatten.

Als sie etwas später eine Seestreitmacht in Karthago brauchten, schickte der „Statthalter von Ägypten 1000 koptische Schiffszimmerleute … um eine Flotte von 100 Kriegsschiffen bauen zu lassen”.

Über die muslimische Marine ist sehr wenig geschrieben worden (was den Gedanken nahe legt, dass muslimische Schriftsteller wenig davon verstanden). Daher ist davon auszugehen, dass die Muslime „ihre” Schiffe nicht selbst bauten und befehligten, sondern dass sie weiterhin von Dhimmis entworfen, gebaut und geführt wurden. Auch für den letzten, gescheiterten Versuch der Araber im Jahr 717, Konstantinopel vom Meer aus zu erobern, war entscheidend, dass „die christlichen Besatzungen der arabischen Schiffe großenteils zu den Byzantinern überliefen”.

Und schließlich, als 1571 in der Seeschlacht von Lepanto eine große muslimische Flotte durch Europäer versenkt wurde, waren „die Kapitäne beider Flotten … Europäer. Der Sultan selbst bevorzugte abtrünnige italienische Admiräle.” Überdies waren die arabischen Schiffe nicht nur Kopien europäischer Entwürfe, sondern „sie wurden für den Sultan von bestbezahlten Ausreißern aus Europa gebaut”, von „Schiffszimmerleuten aus Neapel und Venedig”.

Auch die hoch gelobte arabische Architektur war im Wesentlichen ein Werk der Dhimmis und hatte persische und byzantinische Ursprünge. Als Kalif Abd al-Malik den großen Felsendom in Jerusalem bauen ließ, der als Meisterwerk der islamischen Kunst gilt, beauftragte er byzantinische Architekten und Handwerker, weshalb er der Grabeskirche so ähnlich ist.

Und als Kalif al-Mansur im Jahr 762 Bagdad gründete, vertraute er den Entwurf der Stadt einem Zoroastrer und einem Juden an. Zahlreiche berühmte Moscheen waren ursprünglich christliche Kirchen, nur Minarette wurden außen zugefügt und das Innere umgebaut.

„Der Felsendom ist ein Werk der heute sogenannten islamischen Kunst”, das aber, so schreibt ein anerkannter Islamwissenschaftler, „bedeutet nicht unbedingt, dass er von Muslimen gebaut wurde, sondern dass es sich um eine Kunst in Gesellschaften handelt, in denen die meisten – oder die wichtigsten Menschen Muslime waren.”

Werke, die eine ähnlich große Bewunderung für die arabische Bildung geweckt haben, entstanden auf wissenschaftlichem und philosophischem Gebiet. So bemerkt Donald R. Hill in seinem viel beachteten Buch über die „enormen” Leistungen arabischer Wissenschaftler und Ingenieure, dass sie ihre Ursprünge in der vorarabischen Geschichte der eroberten Völker haben.

Avicenna beispielsweise, den die Encyclopcedia Britannica für den „einflussreichsten muslimischen Philosophen und Gelehrten” hält, war Perser, ebenso die berühmten Gelehrten Omar Khayyam, al-Biruni und Razi, die ebenso bedeutend sind wie Avicenna. Ein anderer Perser, al-Chwarizmi, gilt als Vater der Algebra. AI-Uqlidisi, der die Bruchrechnung erfand, war Syrer; Bakhtishu und Hunayn ibn Ishaq, zwei bedeutende „muslimische” Ärzte, waren nestorianische Christen.

Masha’allah Ibn-Athari, der berühmte Astronom und Astrologe, war Jude. Die Liste ließe sich fortsetzen. Vielleicht haben sich manche Historiker von den arabischen Namen dieser Vertreter „arabischer Wissenschaft” sowie durch die Tatsache täuschen lassen, dass sie ihre Werke auf Arabisch veröffentlichten, in der damals „offiziellen” Landessprache.

Betrachten wir die Mathematik. Die sogenannten arabischen Ziffern sind indischen Ursprungs. Nachdem das großartige, auf dem Begriff der Null basierende indische Zahlensystem in arabischer Version in Umlauf gekommen war, wurde es nur von Mathematikern verwendet; im Alltag nutzten die Muslime weiter ihr umständliches traditionelles System. Auch viele andere Leistungen auf mathematischem Gebiet wurden irrtümlich „Arabern” zugeschrieben.

Beispielsweise gilt der für seine Beiträge zur Geometrie und zur Zahlentheorie bekannte Thabit ibn Qurra gewöhnlich als „arabischer Mathematiker”, er war jedoch kein Araber, sondern Angehöriger der heidnischen Sekte der Sabier. Natürlich gab es eine Reihe hervorragender muslimischer Mathematiker; möglicherweise weil Mathematik ein so abstraktes Gedankengebäude ist, dass diejenigen, die sich mit ihm beschäftigten, gegen kritische Stimmen von religiöser Seite geschützt waren.

Das Gleiche gilt für die Astronomie, obwohl auch in diesem Fall nicht Araber, sondern Inder und Perser die größten Verdienste hatten. Die „Entdeckung”, dass sich die Erde um ihre Achse dreht, wird häufig dem Perser Raihan Muhammad al-Biruni zugeschrieben, der sie aber nach eigenem Bekunden von Brahmagupta und anderen indischen Astronomenübernommen hatte. Biruni war sich in dieser Angelegenheit nicht wirklich sicher; in seinem Canon Masudicus jedenfalls schreibt er, es sei dasselbe, „ob man der Ansicht ist, dass die Erde sich bewegt oder der Himmel. In beiden Fällen ist die astronomische Wissenschaft nicht betroffen.” Ein anderer berühmter „arabischer” Astronom, al-Battani, war wie Thabit ibn Qurra ein Mitglied der Sabier. Sie waren Sternenanbeter und darum hatten sie ein besonderes Interesse an Astronomie.

Auch in der Medizin haben die Araber nicht das geleistet, was ihnen vielfach nachgesagt wird, denn in dieser Wissenschaft waren sie, wie auf mathematischem Gebiet, vorangegangenen Kulturen keineswegs überlegen.

Die „muslimische” oder „arabische” Medizin war in Wirklichkeit eine Domäne nestorianischer Christen, selbst führende muslimische und arabische Ärzte wurden in dem großen Wissenschaftszentrum im syrischen Nisibis ausgebildet.

Dort wie in anderen von Nestorianern betriebenen Bildungsstätten, beispielsweise in Jundishapur in Persien – der Wissenschaftshistoriker George Sarton (1884-1956) bezeichnet es als „das größte Bildungszentrum dieser Zeit” -, wurde nicht nur auf medizinischem Gebiet, sondern auch auf allen anderen Wissensgebieten gelehrt und geforscht. Daher erwarben sich die Nestorianer bei den Arabern den Ruf, ausgezeichnete Buchhalter, Architekten, Astrologen, Banker, Ärzte, Kaufleute, Philosophen, Naturwissenschaftler, Schreiber und Lehrer zu sein.

Vor dem 9. Jahrhundert waren fast alle Gelehrten im islamischen Gebiet nestorianische Christen. Der nestorianische Christ Hunayn ibn Ishaq al-‚Ibadi (auf Lateinisch bekannt als Johannitius), „sammelte, übersetzte und bearbeitete Texte, ließ unter seiner Leitung, zudem Übersetzungen griechischer Manuskripte ins Syrische und Arabische anfertigen, insbesondere von Hippokrates, Galen, Platon und Aristoteles”. Mitte des 11. Jahrhunderts berichtete der muslimische Schriftsteller Nasir-i Khrusau: „Die Schreiber hier in Syrien und ebenso in Ägypten sind alle Christen … und Ärzte sind gewöhnlieh … Christen.”

Christen, so heißt es in Moshe Gils monumentalem Geschichtswerk über Palästina, hatten unter muslimischer Herrschaft „einen starken Einfluss und bedeutende Machtpositionen, weil es unter ihnen fähige Verwalter gab, die Regierungsämter bekleideten, obwohl das muslimische Recht die Anstellung von Christen [in solchen Ämtern] untersagte, oder sie gehörten zur Intelligenz, weil sie hervorragende Naturwissenschaftler, Mathematiker, Ärzte und so weiter waren.”

Auch Abd al-Jabbar hat die bedeutende Rolle, die christliche Beamte spielten, hervorgehoben; um 995 schrieb er: „Könige in Ägypten, al-Sham, Irak, Dschazira, Färis und in ihrer ganzen Umgebung vertrauen in der Beamtenschaft, der zentralen Verwaltung und im Finanzwesen auf Christen.”

Selbst die parteilichsten Historiker des Islam wie der berühmte englische Konvertit und Koranübersetzer Marmaduke Pickthall (1875-1936), teilen die Auffassung, dass die hoch entwickelte islamische Kultur ihren Ursprung in den Kulturen der eroberten Völker hatte.

Zum Niedergang der islamischen Kultur und zur Unfähigkeit der Muslime, mit dem Abendland Schritt zu halten, kam es – und das wird immer wieder übersehen -, weil eine eigene muslimische oder arabische Kultur im Großen und Ganzen eine Illusion war. Sie beruhte auf einer komplexen Mischung von Dhimmi-Kulturen und konnte darum leicht verloren gehen, war zudem stets in Gefahr, als häretisch unterdrückt zu werden.

Daher kam im 14. Jahrhundert, als die Muslime im Osten jede Art von religiösem Nonkonformismus ausmerzten, ihre Rückständigkeit zum Vorschein.

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Time am 4. Februar 2016

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/23/der-ich-bomben-markt-2/
2) https://de.wikipedia.org/wiki/Rodney_Stark
3) http://www.amazon.de/Gottes-Krieger-Kreuzz%C3%BCge-neuem-Licht/dp/3942989859/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1454604173&sr=8-1&keywords=rodney+stark

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Rodney Stark: „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.)

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3 Antworten to “Rodney Stark: Nichts lief schief”

  1. Sophist X Says:

    M. Klonovsky, Eintrag vom 4.2. 2016

    „Gestern abend erzählte mir ein befreundeter Physik-Professor, er habe in allen seinen wissenschaftlichen Publikationen noch nie eine Arbeit zitiert, die vom afrikanischen Kontinent und aus dem arabischen Raum stamme, Südafrika und natürlich Israel ausgenommen, und zwar keineswegs vorsätzlich, sondern weil dort einfach nichts Relevantes veröffentlicht werde.“

    http://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna

  2. charlie Says:

    Dass mordende, plündernde, vergewaltigende, versklavende und sonstige, dem Frohsinn zugeneigte, Wüstenvölker nichts auf die eigene Kette kriegen, dürfte bekannt sein. Aber die PR war/ist erstklassig.

  3. Thomas Holm Says:

    Insgesamt die Geschichte einer nur oberflaechlichen, nachlaessigen und episodisch gebliebenen Anverwandlung von kulturellem Erbe.

    Man stelle sich einen Bergbau-Konzern vor, der sich eingekaufte Talente wie Helden-Orden an seine Corporate Identity heftet.
    Der sich aber in Sachen F&E, sowie Aus- und Weiterbildung auf die Preisung seines Gruender-Patriarchen und dessen edler Geburt an einer Goldader beschraenkt.

    Leicht vorstellbar, dass diverse Stake-holder, die in den Bannkreis dieses Kroesus-Strohfeuers gerieten, bei absehbarem Versiegen der Goldader in toedlichen Zwist ueber Legitimitaets- und Authentizitaets-Probleme geraten.

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