Rodney Stark: Bildungshass

Belvoir

Kreuzritterfestung „Belvoir“

Im Kapitel „Abendländische ,Ignoranz‘ versus morgenländische ,Kultur’“ seines Buches „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014) befasst sich der amerikanische Religionssoziologe Rodney Stark auch mit der historischen Grundeinstellung der Orks zu Philosophie, Wissenschaft und Bildung (S. 90-95).

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Rodney StarkIslam und Aristoteles

Der Vorstellung, dass die Muslime gebildeter waren als das christliche Abendland, liegt die Annahme zugrunde, dass eine Gesellschaft, die nicht in griechischer Philosophie und Literatur verwurzelt ist, im Dunkel der Geschichte lebe!

So haben europäische Schriftsteller in den letzten Jahrhunderten immer wieder betont, dass die Araber im Besitz der klassischen Schriften gewesen seien, wobei sie davon ausgingen, dass aufgrund des Zugangs zur fortgeschrittenen „Weisheit” der Alten der Islam die überlegene Kultur gewesen sei.

Die mittelalterlichen europäischen Gelehrten waren mit den „Klassikern” viel vertrauter, als häufig angenommen wird, dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass aufgrund des Weiterbestehens der byzantinisch-griechischen Kultur in den meisten von den Arabern eroberten Gesellschaften die gebildetsten Araber eine umfangreichere Kenntnis klassischer griechischer Autoren hatten, vor allem von Platon und Aristoteles.

Weniger bekannt ist der eher negative Einfluss, den der Zugang zur griechische Bildung auf die arabische Gelehrsamkeit hatte. Die Werke von Platon und Aristoteles erreichten die Araber wahrscheinlich im 9. Jahrhundert in Übersetzungen aus dem Syrischen, die im späten 7. Jahrhundert aus dem Griechischen ins Syrische übertragen wurden.

Anstatt jedoch in diesen Werken die Bemühungen griechischer Gelehrter zu sehen, Antworten auf spezifische Fragen zu geben, betrachteten die muslimischen Intellektuellen diese Texte wie den Koran als unverrückbare Wahrheiten, die unhinterfragt und widerspruchslos verstanden werden müssten, um immanente Unstimmigkeiten oder Widersprüche aufzuheben. Schließlich richtete sich ihr Hauptinteresse auf Aristoteles. „In Aristoteles”, schreibt der angesehene muslimische Historiker Caesar Farah, „fanden die muslimischen Denker den großen Führer, er wurde ihr ,erster Lehrer‘. Nachdem dies allgemein anerkannt war, entwickelte sich die muslimische Philosophie der folgenden Jahrhunderte nur noch in dieser Richtung als eine Fortsetzung von Aristoteles, um diesen zu erweitern, anstatt etwas Neues zu schaffen.”

Das führte schließlich dazu, dass der Philosoph Averroes und seine Anhänger die Auffassung vertraten, die aristotelische Physik sei vollständig und unfehlbar, und wenn bestimmte Beobachtungen mit der Lehre des Aristoteles unvereinbar waren, dann konnte das nur auf Irrtümern oder Täuschungen beruhen.

Solche Einstellungen hinderten den Islam, im Erkenntnisfortschritt dort fortzufahren, wo das griechische Denken stehen geblieben war. Im Unterschied dazu ließen sich die frühen christlichen Scholastiker durch ihre Rezeption des Aristoteies zum Experimentieren und Forschen anregen. Denn damals wie heute erwarb man sich größeren Ruhm, wenn man das überkommene Wissen hinterfragte, bessere Lösungen fand und zu neuen Erkenntnissen gelangte, und so begannen die Scholastiker, Mängel bei den Griechen zu entdecken. Und es gab viele Fehler zu finden.

Bücher und Bibliotheken

Wie gesagt, alle Argumente für die angebliche Überlegenheit der muslimischen Kultur, stützen sich darauf, dass die muslirnischen Gelehrten Übersetzungen der klassischen griechischen Schriften besaßen. Bücher und Manuskripte müssen aber irgendwo aufbewahrt werden, und diese Orte mit großen Textsammlungen kann man als Bibliothek bezeichnen – ob es sich nun um die Sammlungen von einzelnen Personen oder um solche von Institutionen handelt, die ihre Aufgabe darin sahen, Texte zu erwerben, zu kopieren und aufzubewahren. Beide Arten von Sammlungen gab es in der islamischen Welt schon in ihrer Frühzeit.

Islamische Eroberungsarmeen stießen auf solche Bibliotheken überall im Nahen Osten und in Nordafrika. Einige stammten noch aus heidnischen Zeiten, andere hatten Christen und Juden eingerichtet. „Jedes Kloster und vermutlich jede Kirche” der Kopten in Ägypten „hatten einst eigene Manuskriptsammlungen.”

Im ganzen Byzantinischen Reich verfügte der orthodoxe Klerus über Bibliotheken. Auch die Nestorianer hatten in ihren großen Bildungseinrichtungen umfanzreiche Handschriftensammlungen. Daher verwundert die Geschichte von jenem nestorianischen Mönch keineswegs, der sich jede Woche eine Schrift aus der Klosterbibliothek holte und die freie Zeit nutzte, über den Text nachzudenken und ihn auswendig zu lernen.

So wurde den Muslimen von Anfang an vor Augen geführt, dass sie, wenn sie „das vielfältige Wissen, das ihnen als Erbe zugefallen war, nutzen wollten, Schriften haben mussten, vorzugsweise auf Arabisch, und dass diese Schriften sicher und für die Leser gut zugänglich aufbewahrt werden mussten”.

Die Vorstellung, dass die Muslime Bibliotheken zu schätzen wussten, steht jedoch im Widerspruch zu der kontrovers diskutierten Behauptung, dass sie die große Bibliothek von Alexandria verbrannt haben. Der Überlieferung nach ließ der muslimische Befehlshaber nach der Eroberung Alexandrias beim Kalifen Umar in Damaskus anfragen, was mit der riesigen Bibliothek – angeblich Hunderttausende von Schriftrollen – geschehen solle. Und der Kalif habe geantwortet: „Wenn das, was in den Schriften geschrieben steht, mit dem Buch Gottes [dem Koran] übereinstimmt, brauchen wir sie nicht, wenn es nicht übereinstimmt, haben wir kein Verlangen danach. Also verbrenne sie.” Daraufhin soll der General die Schriftrollen an die 4.000 Bäder der Stadt verteilt haben – als Brennmaterial. Sechs Monate habe es gedauert, bis alles verfeuert war.

Dieser überlieferte Bericht hat bei vielen Bewunderern des Islam für heftige Reaktionen gesorgt, auch wenn die Tatsache als solche von führenden westlichen Historikern (einschließlich Edward Gibbon) bestritten wurde und die meisten sich mit der landläufigen These zufrieden gaben, dass die Bibliothek bereits während der Eroberung Ägyptens durch Julius Cäsar unbeabsichtigt abgebrannt war. Gleichwohl hat die Islamwissenschaftlerin Asma Afsaruddin den Vorwurf erhoben, diese Geschichte belege nichts außer den Hass der Christen auf die Muslime, wobei sie allerdings die Tatsache ignoriert, dass der Bericht zum ersten Mal von einem Muslim, einem ägyptischen Geschichtsschreiber des 13. Jahrhunderts, überliefert wurde; und andere muslimische Gelehrte haben den Bericht dann tradiert, unter ihnen auch der berühmte Ibn Chaldun.

Der Vorwurf, der Kalif habe die Zerstörung der Bibliothek angeordnet, kam also von Muslimen, was natürlich kein Beweis dafür ist, dass er zu Recht erhoben wurde, wird doch von dem angeblichen Geschehen gut 600 Jahre später erstmals berichtet. Aber dass dieser überlieferte Bericht von so vielen muslimischen Intellektuellen geglaubt wurde, verweist auf etwas viel Interessanteres: dass nämlich vielen Muslimen, auch Staatslenkern, Bücher und Bildung verhasst waren! Diese antiintellektuelle Einstellung wird offensichtlich, wenn man sich einmal mit der politischen Geschichte des Islam beschäftigt und nicht nur mit Darstellungen der ruhmreichen muslimischen Wissenschaft.

So hat Mutawakkil, als er im Jahre 847 Kalif wurde, unverzüglich damit begonnen, „die unabhängige wissenschaftliche Forschung abzuwürgen und abweichende religiöse Meinungen gewaltsam zu unterdrücken”.

Seine Nachfolger verfuhren nicht anders. Und als das Kalifat zusammenbrach, war es nicht mehr möglich, eine einheitliche – sei es eine „aufgeklärte” oder „repressive” – Politik zu betreiben, denn das Reich war in eine Vielzahl von Emiraten zersplittert, die sich gegenseitig bekriegten. Nun verhielten sich manche muslimische Herrscher den Gelehrten, ihren Schriften und ihrer Bildung gegenüber toleranter als andere; die meisten freilich waren nicht übermäßig tolerant. Sogar Saladin, der berühmte, von abendländischen Schriftstellern so bewunderte Held des 12. Jahrhunderts, schloss die öffentliche Bibliothek der Fatimiden in Kairo und ließ die Bücher verscherbeln.

Alles das zeigt die Diskrepanz, die es zwischen der hohen, sogenannten muslimischen, faktisch aber von den Dhimmis getragenen Kultur und der tatsächlichen Kultur der muslimischen Eliten gab.

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Time am 5. Februar 2016

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Rodney Stark in der MoT:

https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/04/rodney-stark-nichts-lief-schief/
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Rodney Stark: „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.)

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