Rodney Stark: technisch rückständig

Akkon

Kreuzfahrerburg Akkon

Heute möchte ich Ihnen den letzten und spannendsten Teil des Kapitels „Abendländische ,Ignoranz’ versus morgenländische ,Kultur’“ des Buches „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014) von Rodney Stark vorlegen (S. 95-110).

Mr. Stark befasst sich darin mit der vermeintlichen Rückständigkeit der christlichen mittelalterlichen Gesellschaft.

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Rodney StarkDer Mythos vom
finsteren Mittelalter

Die Behauptung, die Muslime hätten die fortgeschrittenere Kultur gehabt, beruht auch auf falschen Vorstellungen über die kulturelle Rückständigkeit der Christenheit – auf der verbreiteten, aber unbegründeten Überzeugung, Europa sei nach dem Untergang des Römischen Reichs in ein dunkles Zeitalter zurückgefallen und habe das kulturelle Erbe verloren, das im Islam lebendig blieb.

So behauptete Voltaire, nach dem Fall Roms hätten „Barbarei, Aberglaube und Unwissenheit das Antlitz der Welt bedeckt”.

Ebenso sah Rousseau (1712-1778) Europa „in die Barbarei seiner Vorzeiten zurückgefallen. Die Völker dieses … Teils der Welt lebten vor einigen Jahrhunderten in einem Zustand, der schlimmer als die Unwissenheit war.”

Auch Edward Gibbon sah in diesem Zeitalter den „Triumph der Barbarei und Religion”. Kein Wunder, dass solche Ansichten zum anerkannten Wissen wurden. In seinem Bestseller Entdeckungen (1983, dt. 1991) hat der Historiker und Pulitzer-Preisträger Daniel J. Boorstin (1914-2004) im Kapitel „Das Gefängnis des christlichen Dogmas” geschrieben, das „dunkle Zeitalter” habe schon vor dem Untergang Roms begonnen. Das Christentum „eroberte das Römische Reich und große Teile Europas. Dann beobachten wir ein europaweites Phänomen des Gedächtnisschwundes der Gelehrten, das den Kontinent von etwa 300 n. Chr. bis mindestens 1300 n. Chr. heimsuchte.” Es seien die Führer des orthodoxen Christentums gewesen, die eine „große Barriere gegen den Fortschritt des Wissens” errichtet hätten.

Und der Historiker William Manchester (1922-2004) sieht das Mittelalter als eine Ära „unablässiger Kämpfe, der Rechtlosigkeit, der Besessenheit von seltsamen Mythen, einer nahezu undurchdringlichen Geistlosigkeit … Das dunkle Zeitalter war eine in jeder Hinsicht öde Periode.“

Einige dieser Behauptungen sind boshaft, andere zeugen von erstaunlicher Ignoranz. Freilich, wie die muslimischen Eroberer hatten auch die germanischen Stämme, die das Römische Reich eroberten, in Sachen Kultur allerhand aufzuarbeiten, bis sie es mit ihren Vorgängern aufnehmen konnten. Aber sie hatten nicht nur Römer, die sie unterrichteten und anleiteten, sie hatten auch die Kirche, die die von Rom ererbte Kultur sorgfältig bewahrte und weiterentwickelte. Man sollte sich vor Augen halten, dass die als „dunkel” bezeichneten Jahrhunderte eine der „großen innovativen Epochen der Menschheit” gewesen sind, eine Zeit, in der in einem Maß neue Techniken entwickelt und angewandt wurden, wie dies „in keiner Zivilisation zuvor” der Fall war. Tatsächlich machte Europa, wie wir sehen werden, im angeblich dunklen Zeitalter den großen technologischen Sprung nach vorn, mit dem es sich weltweit an die Spitze setzte.

Immerhin hat sich diese Erkenntnis inzwischen so weit durchgesetzt, dass der Terminus „dunkles Zeitalter” mittlerweile auch in solchen Lexika und Enzyklopädien als unbegründeter Mythos gilt, die ihn einige Jahre zuvor noch verbreitet hatten. Während in älteren Auflagen der Encyclopcedia Britannica die fünf oder sechs Jahrhunderte nach dem Untergang Roms noch „dark ages” genannt wurden, lehnten die Autoren der 15. Auflage (1981) diese Bezeichnung als „unannehmbar” ab, denn damit werde fälschlich behauptet, diese Zeit sei „eine Periode des geistigen Dunkels und der Barbarei” gewesen.

Den Annahmen über eine fortgeschrittenere und höher entwickelte Kultur der islamischen Welt liegt, wie sich gezeigt hat, häufig ein gewisser „Intellektualismus” zugrunde. Kultur besteht nicht nur in Schriften oder „Bücherwissen”. Wie man Ackerbau betreibt, ein Segelschiff navigiert oder Schlachten gewinnt, lernt man nicht, indem man Platon oder Aristoteles liest. Technik im weitesten Sinne ist der Stoff, aus dem das wirkliche Leben gemacht ist; Technik entscheidet darüber, wie gut die Menschen leben und ob sie sich schützen können.

Und wie gut oder schlecht die muslimischen Intellektuellen im Vergleich zu gebildeten christlichen Scholastikern die aristotelische Wissenschaft und die platonische politische Philosophie gekannt haben mögen – die Technik jedenfalls befand sich in den muslimischen Ländern, verglichen mit den byzantinischen und europäischen, eindeutig im Rückstand.

Unterschiede auf technischem Gebiet

Es ist weitaus schwieriger, als es sein sollte, den in der christlichen und der islamischen Welt unterschiedlichen Entwicklungsstand der Technik herauszuarbeiten, weil das Thema von muslimischen Autoren beherrscht wird, die zu absurden Behauptungen neigen. So kann man „entdecken”, dass „Ibn Firnas aus dem islamischen Spanien im 9. Jahrhundert eine Flugmaschine erfand, baute und erprobte”.

Nicht europäische, vielmehr muslimische Schiffbauer hätten das Steuerruder erfunden. (Welche muslimischen Schiffbauer sollen das gewesen sein?) Der Kompass sei keine chinesische Erfindung, sondern eine muslimische. Und so weiter und so fort.

Transport

Was wir mit absoluter Sicherheit wissen, ist, dass das Rad nach der muslimischen Eroberung Ägyptens, des Mahgreb und Spaniens aus diesen Gebieten verschwand!

Über Jahrhunderte gab es dort weder Karren noch Wagen. Alle Waren wurden von Menschen getragen oder auf Kamele, Esel und Pferde gepackt. Das heißt nicht, dass die Araber das Rad nicht kannten, aber sie waren der Meinung, dass es ihnen nicht viel nütze. Für Räder braucht man Straßen und Wege. Kamele und Fußgänger brauchen beides nicht. Wenn man in Betracht zieht, wie sie die Möglichkeiten des Rades verkannten, erscheint es zweifelhaft, dass sie wussten, wie Geschirre auszusehen hatten, mit denen man Zugtiere vor Karren oder Wagen spannen konnte.

Ganz anders im „dunklen Zeitalter” Europas: Irgendwann in dieser Zeit nämlich wurden das Kummet und ein Geschirr entwickelt, mit dem man Pferde statt Ochsen als Zugtiere für schwer beladene Wagen benutzen konnte – und schneller vorankam. Ein richtig angeschirrtes Pferd kann einen Wagen mit fast einer Tonne Last ziehen, für diese Last braucht man vier oder fünf Kamele.

Die Zugkraft europäischer Pferde wurde weiter gesteigert, als im 8. Jahrhundert das Hufeisen erfunden wurde und im folgenden Jahrhundert überall in Gebrauch kam. Hufeisen schützen nicht nur die Hufe vor Abnutzung, besonders auf harten Oberflächen, beschlagene Pferde finden auf weicherem Untergrund auch besseren Halt und können mehr ziehen.

Ferner erfanden Europäer im 10. Jahrhundert ein Geschirr, das es erlaubte, mehrere Pferde oder Ochsen paarweise hintereinander, nicht mehr nur nebeneinander anzuschirren. Damit war es möglich, große Ladungen mit vielen Zugtieren zu bewegen, zum Beispiel große Steinschleudern oder Belagerungstürme.

Gegen Wagen hätten die Araber einwenden können, dass die Konstruktionen, die zur Zeit der muslimischen Eroberungen und davor in Gebrauch waren, eine starre Vorderachse hatten, darum schwer zu wenden waren. Auch Bremsen kannte man noch nicht, was bei starkem Gefälle gefährlich war.

Die Europäer hatten diese Probleme spätestens im 9. Jahrhundert gelöst, ihre Fuhrwerke mit Schwenkachsen und Bremsen ausgerüstet. Diese technischen Neuerungen verschafften ihnen Vorteile auf Feldzügen, die oft fast 4000 Kilometer von ihren Siedlungen entfernt stattfanden. Ein Heer soll im Ersten Kreuzzug mit mindestens 2000 Wagen aufgebrochen sein.

Und zuletzt fehlten den Muslimen, obwohl sie die schnellsten Reitpferde der Welt züchteten, die großen und schweren Zugpferde, wie sie die Europäer einsetzten. Darum hätte es ihnen auch kaum Vorteile gebracht, hätten sie Wagen anstelle ihrer Packkamele benutzt.

Natürlich waren beide, Muslime wie Europäer, erfahrene Pferdezüchter; diese Unterschiede haben sich also infolge unterschiedlicher Präferenzen ergeben.

Landwirtschaft

Große Zugpferde spielten auch eine Rolle für die Revolution der Landwirtschaft, die das Europa des „dunklen Zeitalters” verwandelte. Damals konnte die Nahrungsmittelproduktion gewaltig gesteigert werden. Das lag nicht zuletzt daran, dass Pferde einen Pflug doppelt so schnell ziehen können wie Ochsen; Bauern, die auf Pferde umstellten, konnten in der gleichen Zeit zweimal so viel Land bewirtschaften wie Bauern mit Ochsengespannen.

Nicht weniger wichtig war, dass die schweren Zugpferde einen viel besseren Pflug zogen. Bis zum 6. Jahrhundert benutzten die fortgeschrittensten Bauern auf der ganzen Welt Hakenpflüge, es waren Grabstöcke, die an einem Brett angebracht wurden. Mit einem Pflug dieses Typs war es unmöglich, den Boden zu wenden, der Pflug wurde einfach über die Oberfläche gezogen; der Boden zwischen den flachen Furchen blieb unberührt, so dass man noch einmal quer pflügen musste.

Diese Art des Pflügens eignete sich weder für die mageren trockenen Böden des Mittelmeerraums noch für die schweren, nasstn und fruchtbaren Böden Nordeuropas. Gebraucht wurde ein schwerer Pflug mit langer, scharfer und schwerer Schar, nur so ließ sich der Boden wenden und eine tiefe Furche ziehen. Hatte man diesen Pflug, war die nächste Verbesserung eine zweite Schar, die, in einem Winkel zur ersten angebracht, die von der ersten Schar gewendete Scholle durchschnitt; schließlich fehlte noch das Streichbrett oder -blech, das die zerkleinerte Scholle vollständig wendet. Und der Pflug musste Räder bekommen, damit man ihn leichter von einem Feld zum anderen bewegen und die Schar auch unterschiedlich hoch einstellen und so, je nach Gegebenheit, flacher oder tiefer pflügen konnte. Mit diesen Neuerungen wurden auch Böden, die vorher nicht oder nicht effizient genug beackert werden konnten, ertragreich; selbst auf mageren Böden ließ sich mit schweren Streichblech- Pflügen der Ertrag fast verdoppeln.

Im 8. Jahrhundert kam es in Europa zu einer zweiten Revolution in der Landwirtschaft: der Dreifelderwirtschaft. Das Ackerland, das zu einem Dorf gehörte, wurde dreigeteilt, und jeder Bauer hatte in allen drei Feldern oder Flurstücken eigene Ackerstreifen. In einem Flurstück wurde Wintergetreide angebaut, zum Beispiel Weizen, im zweiten Sommergetreide wie Hafer (der vor allem gebraucht wurde, nachdem das Pferd zum wichtigsten Zugtier geworden war), oder Hülsenfrüchte (Erbsen und Bohnen) und Gemüse, das dritte Stück blieb ein Jahr lang brach liegen. Im nächsten Jahr wurde auf dem Brachland Wintergetreide angebaut, auf dem zweiten Stück Sommergetreide, und das Stück, auf dem im Vorjahr Sommergetreide angebaut wurde, blieb Brachland und wurde als Weide genutzt. Damit wurde nicht nur das Unkraut niedrig gehalten, sondern auch der Dung des Weideviehs genutzt, um die Fruchtbarkeit des Landes zu erhöhen.

Diese Verbesserungen hatten zur Folge, dass sich die meisten Europäer seit dem „dunklen Zeitalter” besser ernähren konnten, als es dies einfachen Leute anderswo oder zu früheren Zeiten jemals möglich war. Die Europäer im Mittelalter, so lässt sich sagen, waren die ersten Menschen, deren genetisches Potential nicht durch schlechte Ernährung verkümmerte, und so waren sie im Durchschnitt größer, gesünder und kräftiger als die Menschen anderer Regionen.

Die Liste technischer Neuerungen im Europa des „dunklen Zeitalters” ließe sich um ein Vielfaches verlängern; an anderer Stelle habe ich das getan. Hier erscheint es mir sinnvoller, das Thema mit einem Vergleich der Militärtechnik abzuschließen.

Militärische Macht

Beginnen wir mit einem Beispiel: Im Jahr 732, tief im angeblich „dunklen Zeitalter”, hatte die schwere Reiterei Karl Martells Sättel mit einem hohen Rückenteil und Steigbügeln, so dass die volle Masse eines angreifenden Pferdes und eines schwer gepanzerten Reiters hinter eine lange Lanze gesetzt werden konnte, ohne dass der Reiter durch den Aufprall abgeworfen wurde.

Die Muslime dagegen benutzten Pferde ohne Sattel oder nur mit einem dünnen Polster, sie ritten ohne Steigbügel, konnten also nur Schwerter und Äxte schwingen, so wie es die berittenen Abteilungen früher getan hatten, auch die der Römer und Perser.

Die muslimische Reiterei konnte den geballten Angriffen abendländischer Ritter ausweichen und flüchten, standhalten konnte sie ihnen nicht. Hinzu kam, dass den Muslimen, ebenso wie sie keine starken Pferde zum Pflügen und zum Ziehen schwerer Fuhrwerke hatten, auch die großen Streitrösser fehlten, wie sie gut gepanzerte Ritter brauchten – ein Handikap, das sich erstmals in der Schlacht von Tours und Poitiers zeigte und nie gelöst wurde.

Im Zeitalter der Kreuzzüge benutzten die europäischen Ritter Pferde, die zwölf undmehr Zentner wogen, die muslimische Reiterei dagegen. Pferde, die nur etwa acht Zentner schwer waren. Das verschaffte den Kreuzrittern Vorteile, im Nahkampf konnte der Mann auf dem größeren Pferd nach unten auf seinen Gegner einschlagen, dessen Pferd ließ sich mit dem massigeren Tier abdrängen. Zudem wog der durchschnittliche Kreuzritter mehr als sein muslimischer Gegner, denn er war größer und trug vor allem eine schwerere Rüstung.

Anders als in neueren Zeiten gab es in dieser Epoche keine „Standardausrüstung” für Soldaten. Zwar stellten manche Adelige ihren Männern Waffen und Rüstungen zur Verfügung, aber das war nicht die Regel: Die meisten Krieger hatten ihre eigene Ausrüstung. Daher sind Vergleiche zwischen der Ausrüstung der christlichen und muslimischen Heere viel weniger aussagekräftig als beispielsweise Vergleiche zwischen amerikanischen und japanischen Soldaten und ihrer Ausrüstung im Zweiten Weltkrieg.

Dennoch lässt sich sagen, dass die Kreuzfahrer mehr und bessere Rüstungen trugen als die Muslime. Das aber heißt nicht, dass alle europäischen Ritter mit Rüstungen aus beweglichen Panzerplatten, wie man sie in Museen sieht, ausgestattet waren. Solche eisernen Vollrüstungen, die ihren Träger rundum schützten, kamen später auf, und nur wenige Ritter der schweren Reiterei trugen sie.

Denn solche Rüstungen waren unpraktisch und gefährlich. Ein voll gepamerter Ritter musste mittels einer Hebevorrichtung in den Sattel gehievt werden, und wenn er vom Pferd fiel, konnteer nicht wieder aufstehen und weiterkämpfen. Daher waren auch in der schweren Reiterei eher dicke Kettenmäntel üblich, die heftigen Schläge mit dem Schwert oder der Axt standhielten, sowie Helme, die Schädel, Hals und in besonderen Ausführungen auch Teile des Gesichts bedeckten. Fußsoldaten, die den Hauptanteil aller abendländischen Heere im Mittelalter stellten, haben ebenfalls solche Rüstungen getragen.

Die Kettenpanzer wurden aus dünnen Eisenringen gefertigt, wobei jeder Ring mit vier anderen verbunden war; geschnitten war dieses Gewebe wie ein langes Hemd, an der Leiste in Bahnen geteilt, die von der Hüfte zum Knie herunterhingen und – wie die Überhosen der Cowboys – um die Beine gebunden werden konnten oder aber, wie dies meistens der Fall war, lose um die Beine baumelten.

Manche Kreuzritter trugen auch Gamaschen aus Kettengewebe, die die Füße bedeckten. Bekannt waren Kettenhemden auch im Morgenland, waren aber selten zu sehen. Stattdessen nähte man schuppenförmige Metallteile auf Stoff- oder Lederjacken – eine Art der Rüstung, die „im Abendland als veraltet” galt.

Einerseits waren die muslimischen Krieger wegen ihrer leichteren und sparsameren Rüstungen beweglicher, bei Frontalangriffen aber auch verwundbarer. Die Kettenpanzer der Franken waren erstaunlich robust. Die muslimischen Pfeile konnten sie nicht durchschlagen, „oft fügten sie keine Verletzungen zu. Manchmal wurde das Bild eines Stachelschweins verwendet, wenn man Männer beschreiben wollte … , die von Türken angegriffen worden waren.”

Insofern war es durchaus angemessen, wenn Radulf von Caen in seiner Chronik des Ersten Kreuzzugs schreibt, die Sarazenen hätten „auf ihre Zahl und wir auf unsere Rüstungen vertraut”.

Keine Rüstung, auch kein Plattenpanzer, vermochte etwas auszurichten gegen die Erfindung, die die Kreuzfahrer in der Schlacht so gefährlich machte – die Armbrust. Diese Waffe war unter Kreuzfahrern weit verbreitet, doch nur wenig wurde über sie geschrieben – wohl deshalb, weil ihr Einsatz als schändlich, ja sündhaft galt. Das Zweite Laterankonzil hat die Armbrust und ihren Einsatz 1139 unter die Strafe des Kirchenbanns gestellt: als „eine Waffe, die Gott und den Christen verhasst ist”, sie war verboten (ausgenommen aber im Einsatz gegen Ungläubige); ein Verbot, das Innozenz III. bestätigt hat. Die europäischen Heere kümmerten sich jedoch nicht um die Kirche und machten reichlich Gebrauch von der Armbrust, bis sie durch Feuerwaffen überholt war.

So bestand beispielsweise die Garnison der Tempelritter in der Burg von Safed im nördlichen Galiläa aus 50 Rittern und 300 Armbrustschützen.

Die „moralischen” Einwände gegen die Armbrust hatten mit sozialen Unterschieden zu tun, denn diese revolutionäre Waffe machte auch einfache Bauern zu tödlichen Gegnern des Kriegerstands. Um Ritter zu werden, war eine lange Ausbildungszeit erforderlich, und das galt auch für Bogenschützen; sie brauchten jahrelanges Training, bis ihre Arme so stark waren, dass sie einen Langbogen spannen und sicher treffen konnten.

Dagegen konnte praktisch jeder die Handhabung einer Armbrust binnen einer Woche lernen, zumindest in ihren Grundzügen, und selbst ein Anfänger konnte auf eine Entfernung bis zu 60 Metern bald genauer schießen als ein gut ausgebildeter Langbogenschütze. Das lag daran, dass man mit der Armbrust zielte wie mit einem Gewehr und mit einem Abzugshahn die Sehne freigab, die dann einen Bolzen (einen schweren Pfeil) losschnellen ließ, der in gerader Linie ins Ziel flog. Zwar konnten Langbögen schneller und (auf einer hohen Flugbahn) auf weiter entfernte Ziele abgeschossen werden, aber sie waren lange nicht so genau wie Armbrüste.

Die von Armbrüsten abgeschossenen Projektile hießen Bolzen, weil sie viel kürzer und schwerer waren als die Pfeile herkömmlicher Bögen. Wenn sie auch auf große Entfernungen nicht zu gebrauchen waren, so hatten sie auf kürzere Entfernungen eine ungleich größere Wirkung. Da keine lange und mühselige Ausbildung nötig war, um das Armbrustschießen zu lernen, konnte man rasch auch größere mit dieser Waffe ausgerüstete Abteilungen aufstellen. Die Genuesen etwa zogen mehrmals mit einer Armee von 20.000 Armbrustschützen in die Schlacht.

Gegen die Armbrüste der Kreuzfahrer setzten die Muslime einen kurzen Kompositbogen von geringerer Reichweite und Schlagkraft ein. Ihr Pfeilhagel tat seine Wirkung, wenn es sich um leicht gepanzerte Gegner handelte, zum Beispiel um feindliche Muslime, aber wenn sie nicht aus kürzester Entfernung abgeschossen wurden, mussten sie einen Kreuzfahrer an einer ungepanzerten Stelle treffen. Der Bolzen einer Armbrust dagegen konnte, selbst wenn er aus einer Entfernung von etwa 130 Metern abgeschossen wurde, noch eine Panzerplatte durchschlagen. Wie die byzantinische Prinzessin Anna Komnena in der Alexias – einer hervorragenden Darstellung der Regierungszeit ihres Vaters Alexios Komnenos – schreibt, schießt die Armbrust mit „voller Wucht und höchster Schnellkraft die Bolzen ab, dann prallen diese dort, wo immer sie auftreffen, nicht nach hinten ab, sondern durchlöchern einen Schild und durchschlagen einen schweren Eisenpanzer und treten dann auf der anderen Seite wieder aus.”

In Kreuzfahrerheeren wie dem des Richard Löwenherz wurde eine Armbrust von jeweils drei Männern bedient: Einer trug einen großen Schild und richtete ihn auf, alle drei kauerten sich dahinter, um vor feindlichen Pfeilen und Geschossen geschützt zu sein, einer spannte und lud die Waffe, reichte sie dem Schützen, und der zielte und löste sie aus. Diese Teams konnten achtmal pro Minute schießen, ebenso oft wie ein Langbogenschütze, aber mit größerer Wirkung.

Kamen Armbrustschützen hinter einer gut gepanzerten, zuverlässigen Abteilung Fußsoldaten zum Einsatz, dann war dies eine tödliche Kombination: Der anstürmende Gegner erlitt durch die Armbrüste hohe Verluste und traf dann auf die noch geschlossenen Reihen der Fußsoldaten. Für die muslimischen Heerscharen erwies sich als zusätzlicher Nachteil, dass sie vor allem aus Reiterabteilungen bestanden, die für Angriffe auf eine entschlossene Fußtruppe nicht tauglich waren, es sei denn, sie waren in der Überzahl.

Die schweren Niederlagen, die diese Reiterarmeen im 8. Jahrhundert gegen die Frankenheere einstecken mussten – und damals setzten diese noch keine Armbrüste ein -, werden die muslimischen Führer veranlasst haben, die Zusammensetzung ihrer Streitkräfte zu überdenken. Doch wiegt in solchen Fragen die Tradition schwer. Die Araber waren immer als leichte Reiterei in Fehden und Kriege gezogen, hatten mit ihren traditionellen Methoden zunächst auch glänzende Siege errungen. Alle Versuche muslimischer Strategen, an der übergroßen Abhängigkeit von ihren Reitertruppen etwas zu ändern, möglicherweise in Reaktion auf ihre Vertreibung aus Europa, kamen im 11. Jahrhundert zum Erliegen, als nämlich gerade zum Islam übergetretene seldschukische Türken den arabischen Nahen Osten überrannten. Die Türken waren berittene Nomaden, die den Fußkampf verachteten.

Daher blieb das Vertrauen der Muslime in ihre leichten Reiterverbände ein ernsthaftes taktisches und kriegstechnisches Defizit, das während der Kreuzzüge fatale Folgen hatte. Immer wieder scheiterten die muslimischen Reiter, trotz ihrer zahlenmäßigen Übermacht, an den christlichen Fußtruppen. Auch christliche Ritter stiegen häufig vom Pferd und kämpften zu Fuß weiter, stets unterstützt von zahlreichen Armbrustteams.

Nicht nur auf dem Schlachtfeld entfalteten Armbrüste ihre tödliche Wirkung, sie ließen sich auch wirkungsvoll einsetzen, um Verteidiger von Festungsmauern herunterzuholen, beziehungsweise um Angriffe auf eine Festung abzuwehren; selbst in Seegefechten spielten sie eine wichtige Rolle.

Wenn man christliche und muslimische Kriegsflotten vergleicht, sollte man vor allem beachten, dass die Schiffe der Muslime Kopien christlicher Schiffe waren, gebaut und bemannt von christlichen Renegaten und Söldnern. Daraus folgt, dass die Besatzungen der muslimischen Schiffe nicht so engagiert waren wie die der christlichen Flotten.

So wurde eine von Saladin in den 80er Jahren neu aufgestellte Flotte bereits 1187 komplett zerstört, während sie vor Tyrus kreuzte, damit die von Saladins Streitkräften belagerte Stadt nicht vom Meer aus versorgt werden konnte. Von einer Kreuzfahrerflotte überrascht, gaben Saladins Besatzungen, so jedenfalls steht es in einer ägyptischen Chronik, ihre Schiffe kampflos auf.

Außerdem waren die muslimischen Flotten, die Christen nach christlichen Vorbildern gebaut hatten, selten auf dem neuesten Stand der Technik. Nicht nur im Hinblick auf seemännisches Können und den Kampfwillen ihrer Besatzungen waren christliche den muslimischen Flotten überlegen, sondern auch hinsichtlich der „Größe und der technischen Fähigkeiten ihrer Schiffe”.

So waren die „Kastelle” christlicher Galeeren mit Armbrustschützen besetzt, die den gegnerischen Schiffen schwere Verluste beibringen konnten, bevor sie in Reichweite von deren Rammspornen kamen – ganz ähnlich hat die englische Flotte später Kanonen gegen die spanische Armada eingesetzt und auf den Nahkampf Mann gegen Mann verzichtet. Außerdem entwickelten die Christen schwere Armbrüste, die auf den Decks ihrer Galeeren montiert wurden und große Geschosse abschießen konnten – bisweilen auch Behälter mit Griechischem Feuer.

Ein weiterer technischer Vorsprung bestand darin, dass christliche Flotten über spezielle Galeeren verfügten, die zum Kampf gerüstete Ritterabteilungen samt ihren großen Streitrössern an Land bringen konnten.

Selbst wenn wir einräumen, dass gebildete Araber über eine überlegene Kenntnis der klassischen Autoren verfügten, dass sich unter ihnen hervorragende Mathematiker und Astronomen befanden, so bleibt doch festzuhalten, dass die Muslime auf vielen technischen Gebieten weit im Rückstand lagen.

Man denke an Sättel, Steigbügel, Hufeisen, Wagen und Karren, Zugpferde und Geschirre, effektive Pflüge, Armbrüste, das Griechische Feuer, den Schiffbau, die Kenntnisse der Seeleute, produktive Landwirtschaft, leistungsfähige Rüstungen und gut ausgebildete Fußtruppen. Insofern ist es kaum verwunderlich, dass die Kreuzfahrer Tausende von Kilometern marschieren und einen Feind schlagen konnten, der ihnen zahlenmäßig überlegen war – dies allerdings nur so lange, wie die Menschen und Staaten Europas bereit waren, ihren Kampf zu unterstützen.

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Time am 7. Februar 2016

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Rodney Stark in der MoT:

https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/04/rodney-stark-nichts-lief-schief/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/05/rodney-stark-bildungshass/

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Rodney Stark: „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.)

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2 Antworten to “Rodney Stark: technisch rückständig”

  1. Sophist X Says:

    >weil das Thema von muslimischen Autoren beherrscht wird, die zu
    >absurden Behauptungen neigen.

    Das ist eine sehr feinsinnige Umschreibung für Idioten, die beliebigen Nonsens faseln.

  2. Thomas Holm Says:

    Eine wesentlich fatalere Begegnung noch hatten die leidlich arrivierten Wuesten-Nomaden mit Steppen-Nomaden aus der anderen Himmelsrichtung. Deren noch selbstgefaelligerer Herrschsucht begegneten einige Araber dann ironischerweise mit einem ethnischen Ressentiment gegen die Anmassungen der opportunistisch konvertierten Eroberer aus den Steppen.

    Die „takfiristische“ Missgunst mit der sich die urspruenglichen Araber-Muslime gegen die Arroganz der Eroberer zu verwahren suchten, ist heute das Kern-Merkmal der so befremdlich wirkenden Saudi-Ideologie. Dabei war das mal ein Behelf von Arabern zur Verteidigung „ihres“ Morgenlandes gegen Invasoren, die mit ihrer Islam-Konversion ploetzlich Macht-schnorred auftrumpften.

    Seinerzeit zumeist referenziert als „Tataren“. Der mit seinem takfirismus gegen dieses Leute grantelnde Araber/Islamo-Traditionalist ibn Taymiyyah gilt den Saudis als ihr spezieller Stammvater 2.0 und ist hierzulande der finstere Guru einer pop-karikarturhaften Jugend-Askese-Hysterie rund um das Gegenteil von Freier Liebe.

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