Paul Collier – auch in der FAZ

Paul Collier

Auch die FAZ brachte ein Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Merkelkritiker Paul Collier (1), in dem er drastische Worte fand. Die Fragen stellte Lena Schipper.

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„Merkels Flüchtlingspolitik ist verwerflich“

Der Entwicklungsökonom Paul Collier
zweifelt an der Integrationsbereitschaft der Flüchtlinge.
Er sagt: Deutschland rettet die Falschen.

Herr Collier, Deutschland hat im vergangenen Jahr mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen und erwartet womöglich noch einmal so viele. Schaffen wir das, wie Angela Merkel sagt?

Das hängt sehr davon ab, was Sie tun – und davon, was die Flüchtlinge tun. Leicht wird es nicht.

Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten?

Das Problem ist, dass Flüchtlinge keine gewöhnlichen Migranten sind. Sie sind nicht eines Morgens aufgewacht, um ihre Heimat zu verlassen und ihr Glück in Deutschland zu suchen. Sie wurden gezwungen zu gehen, weil sie zu Hause nicht mehr sicher waren. Sie haben andere Ziele als Wirtschaftsflüchtlinge.

Das müssen Sie erklären.

Diese Menschen wollen in dem Chaos ihr normales Leben bewahren, so weit es irgendwie geht. Sie möchten also möglichst nahe bei den Menschen aus ihrer Heimat bleiben, um einen letzten Rest Stabilität zu wahren. Menschen, die freiwillig eingewandert sind, setzen dagegen alles daran, in der aufnehmenden Gesellschaft anzukommen.

Für die deutsche Gesellschaft klingt die Haltung der freiwilligen Einwanderer vielversprechender.

Das ist eine Frage der Perspektive. Menschliches Mitgefühl gebietet vielleicht, den Flüchtlingen diesen letzten Rest Stabilität zu lassen. Aber ihre Integration in die Gesellschaft wird sich dadurch verzögern.

Sehen Sie gar keine Aussicht auf Integration?

Deutschland war noch nie besonders gut darin, Einwanderer zu integrieren. Türkische Einwanderer haben sehr lange gebraucht, um Teil der Mehrheitsgesellschaft zu werden. Bevor Angela Merkel eine Heilige sein wollte, hat sie die Multikulti-Gesellschaft in Deutschland als gescheitert bezeichnet. Ich sehe nicht, warum sich das auf einmal geändert haben sollte.

Wie kann man es besser machen?

Es kommt darauf an, was Deutschland will. Wenn Sie die Menschen nicht nur zeitweilig aufnehmen, sondern integrieren wollen, müssen Sie sicherstellen, dass sie eine Chance bekommen und nicht diskriminiert werden.

Das sagt sich leicht. Wie funktioniert das in der Praxis?

Es könnte sein, dass Sie Flüchtlingsquoten einführen müssen in Schulen, Universitäten und für bestimmte Jobs. Sie müssten Sprachkurse anbieten und die Menschen zur Teilnahme verpflichten. Vielleicht wäre es auch sinnvoll, den Flüchtlingen vorzuschreiben, wo sie sich niederlassen dürfen, um Gettobildung zu vermeiden. So macht es zum Beispiel die Schweiz, da hat jeder Kanton Regeln, wie viele Ausländer maximal an einem Ort leben dürfen.

Das klingt ziemlich brachial. Wären simple Arbeitsmarktprogramme nicht erst mal naheliegender?

Gerade für junge Flüchtlinge ist da sicher Potential, solange sie rasch Deutsch lernen. Aber bei den Älteren ist es schon schwieriger. Ein Großteil der syrischen Flüchtlinge war in Syrien nicht produktiv genug, um die hohe Schwelle des deutschen Mindestlohns zu nehmen. Man könnte den Mindestlohn für Flüchtlinge aussetzen, Firmen subventionieren, die Flüchtlinge beschäftigen, oder ihnen sogar vorschreiben, eine bestimmte Anzahl von Flüchtlingen einzustellen. Aber ob das funktioniert?

Sie klingen skeptisch.

Es ist ein langer Weg. Und ich glaube, er erfordert nicht nur Ausbildung, sondern auch kulturelle Integration – deutsche Arbeitsdisziplin, Kooperationsfähigkeit, das sind alles kulturelle Errungenschaften, die man sich aneignen muss. Um das zu tun, muss man es wollen.

Warum sollten die Menschen ihre Chance nicht ergreifen wollen?

Ich will Ihnen keine Angst machen, aber die meisten Studien zeigen, dass Integration umso schwerer wird, je größer und homogener die Gruppe der Einwanderer ist. Die meisten Menschen geben sich lieber mit denen ab, die ihnen ähnlich sind. Das ist kein Rassismus, das ist in jeder Gesellschaft so. Auch wenn es schön wäre, wenn es nicht stimmte. Die Ausnahme sind junge, wohlhabende, gutausgebildete Menschen, die Diversität cool finden und diese Meinung sehr viel eloquenter vertreten als die schweigende Mehrheit die ihre.

Ist das nicht eher eine Frage der Gewöhnung? In Deutschland kommen die schärfsten Gegner der Flüchtlingspolitik aus Gegenden, in denen es kaum Ausländer gibt.

Ein Großteil der akademischen Literatur zeigt etwas anderes. Ich kann mir vorstellen, dass in Deutschland die Trennung zwischen Ost und West eine Rolle spielt. Rassismus scheint mir in Ostdeutschland weiter verbreitet zu sein als im Westen, weil sich die Menschen dort nie auf dieselbe Weise damit auseinandersetzen mussten. Aber das ist nur eine Vermutung.

Bei Kritik an den hohen Flüchtlingszahlen ist immer auch Rassismus im Spiel?

Nein, längst nicht immer. Ich habe allerdings den Eindruck, dass der öffentliche Diskurs in Deutschland so funktioniert: Die heilige Merkel gegen die Rassisten. Ich halte das für diffamierend. Es gibt berechtigte Gründe für Skepsis.

Was sind die wichtigsten?

Der wichtigste ist das Versagen der Mainstream-Parteien, eine Politik zu machen, die zumindest halbwegs sinnvoll erscheint. Das Gefühl, dass die Politik keinen Plan besitzt, hat bei vielen Menschen Panik ausgelöst. Und dann gibt es die Gruppe der weniger Wohlhabenden, die handfeste existentielle Ängste umtreiben.

Was für Ängste sind das?

Es gibt klare Anzeichen dafür, dass die Solidarität in Gesellschaften mit hohem Einwandereranteil rapide abnimmt. Mein Kollege David Rueda hat das erst kürzlich wieder für europäische Länder festgestellt. Die Reichen betrachten die Armen dann als eine Gruppe, mit der sie nichts gemeinsam haben und der sie nicht mehr durch Umverteilung helfen wollen. So wie sich die Deutschen den Griechen nicht nahe genug fühlen, um ihre Schulden zu übernehmen. Das Wunder des Nationalstaats ist, dass er eine gemeinsame Identität schafft, die Solidarität ermöglicht. Zu viel Einwanderung gefährdet dieses Arrangement.

Die Kritiker der Flüchtlingspolitik sehen den Sozialstaat in Gefahr?

Ich sage nur, dass sie rationale Gründe haben, sich Sorgen zu machen, ohne gleich Rassisten zu sein.

Sie halten nicht viel von Deutschlands Haltung in der Flüchtlingskrise, oder?

Überhaupt nichts. Alle Flüchtlinge nach Deutschland einzuladen war ein kolossaler Fehler von Angela Merkel. Zumal sie vorher offensichtlich überhaupt keine Vorbereitungen getroffen hatte, um den daraus resultierenden Ansturm zu bewältigen. Abgesehen davon war ihre Einladung auch moralisch verwerflich.

Verwerflich?

Sie hat die Menschen quasi aufgefordert, nach Europa zu schwimmen. Das ist russisches Roulette: Such dir einen Schlepper, und hoffe, dass dein Boot nicht untergeht. Was gibt es da zu verteidigen?

Die Flüchtlingszahlen sind auch schon vorher gestiegen. Die Leute kamen ohnehin. Sollte man die Bewältigung der Krise den Libanesen und den Jordaniern überlassen?

Natürlich nicht. Europa hat Verantwortung, diesen Ländern zu helfen. Aber Merkels Weg ist der falsche. Wenn sie wirklich will, dass eine große Zahl von Flüchtlingen sich in Deutschland in Sicherheit bringt, dann sollte sie Flüge aus den Lagern in Jordanien und dem Libanon organisieren. Und zwar für diejenigen, die es am nötigsten haben.

Im Moment helfen wir den Falschen?

Klar. Schauen Sie sich doch um: junge Männer, wohlhabend genug, um Tausende von Euro an Schlepper zu zahlen. Da entscheidet nicht humanitärer Anspruch, sondern das Recht des Stärkeren. Wer nicht unterwegs ertrinkt, darf bleiben. Dazu kommt noch, dass diese Leute später beim Wiederaufbau Syriens schmerzlich fehlen werden. Schließlich haben sie alles verkauft, um nach Europa zu kommen.

Trotzdem erscheint es unwahrscheinlich, dass demnächst Hunderttausende bedürftige Syrer nach Deutschland geflogen werden. Was können europäische Staaten sonst noch tun?

Sie dürfen Ländern wie dem Libanon und Jordanien nicht ihre Verantwortung abnehmen, Flüchtlinge aufzunehmen – wie Merkel das tut. Sie müssen dafür sorgen, dass den Ländern kein finanzieller Nachteil entsteht: Geld verteilen, Investitionen tätigen, Arbeitsplätze schaffen und den europäischen Markt für die Produkte dieser Länder öffnen.

Wenn es so einfach ist, warum hat im Moment kaum ein syrischer Flüchtling Arbeit in einem Nachbarland?

Weil nicht genug getan wird. Deutschland hat die Hilfen für Jordanien vor zwei Jahren sogar halbiert. Natürlich haben diese Länder Angst, ihren Bürgern zu schaden. Sie sind ja selbst arm. Die Europäer müssen sie kompensieren.

Warum ist gerade Deutschland so zögerlich?

Den meisten fällt es schwer zu sagen: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ Das gilt auch für Angela Merkel.

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Time am 23. Februar 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/paul-collier-ueber-angela-merkels-fluechtlingspolitik-14068937.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/15/im-interview-paul-collier/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/14/400-millionen-afrikaner/

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Eine Antwort to “Paul Collier – auch in der FAZ”

  1. Sophist X Says:

    Er ließ sich diesesmal nicht von dem Idiotenargument überrumpeln, dass im Osten Islamkritik ohne ansässige Moslems quasi nicht legitimiert sein kann.

    Man muss ihm auch sonst nicht in allen Punkten zustimmen, aber die Richtung ist schon begrüßenswert.

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