Rodney Stark: Die Orks sind Landratten

Château Pélerin

Kreuzfahrerfestung Château Pélerin

Lesen Sie einen weiteren Textabschnitt aus Rodney Starks Buch „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 Seiten, S. 76-80).

_____

Rodney StarkVORHERRSCHAFT AUF SEE

In den 1920er-Jahren verschaffte sich der belgische Historiker Henri Pirenne (1862 – 1935) internationale Aufmerksamkeit mit seiner These, Europa habe sein „dunkles Zeitalter“ nicht deshalb erlebt, weil das Römische Reich unterging oder „Barbaren“ aus dem Norden einfielen, sondern weil es durch die muslimische Vorherrschaft im Mittelmeer isoliert, „hinter Schloss und Riegel gesetzt” worden sei. Das Mittelmeer, das Städte und Provinzen des Römischen Reichs verband und damit regen Handel förderte, habe „den Charakter eines mohammedanischen Sees” gewonnen – Vom Orienthandel abgeschnitten, sei Europa zu einer Ansammlung rückständiger Agrargesellschaften verfallen. Um seine These zu stützen, zitiert Pirenne einige fragmentarische Quellen, die einen deutlichen Rückgang des Seehandels im 7. Jahrhundert und bis zum frühen 15. Jahrhundert ein geringes Handelsvolumen belegen. Pirennes Ansicht blieb einige Jahre sehr einflussreich, verlor aber an Plausibilität, als Kollegen überzeugende Beweise erbrachten, dass der angebliche Rückgang des Handels, auf dem Pirennes These beruht, stark überschätzt wurde. Es mochte, während der ersten fünfzig Jahre der muslimischen Expansion, Unterbrechungen des Seehandels mit dem Orient gegeben haben, doch die Handelsschifffahrt auf dem Mittelmeer erholte sich rasch; ebenso der Handel zwischen Europa und den islamischen Ländern.

Merkwürdigerweise haben die Historiker der grundlegenden Annahme Pirennes, dass die muslimische Seemacht das Mittelmeer beherrschte, kaum Aufmerksamkeit geschenkt, sie eher unhinterfragt übernommen. Wie Pirenne zu dieser Auffassung kam, lässt sich schwer sagen. Vielleicht glaubte er einfach Ibn Chaldun, der schrieb: „Die Muslime gewannen die Vorherrschaft über das gesamte Mittelmeer. Ihre Macht und Herrschaft über die See waren riesig. Die christlichen Nationen konnten nichts bewirken gegen die muslimischen Flotten, nirgendwo im Mittelmeer. Zu jeder Zeit ritten die Muslime auf seinen Wellen zur Eroberung.”

Tatsächlich aber erlangte die muslimische Flotte, abgesehen von den Vorteilen, die ihr einige strategisch günstige Inselstützpunkte boten, niemals die unbestrittene Vorherrschaft auf dem Meer. Zwar legten sich die Muslime nach der Eroberung Ägyptens eine mächtige Flotte zu, besiegten im Jahr 655 die byzantinische Flotte vor der anatolischen Küste. Doch nur zwanzig Jahre später zerstörten die Byzantiner mit Hilfe des Griechischen Feuers eine große muslimische Flotte, ebenso im Jahr 717. Dann, im Jahr 747, traf „eine gewaltige arabische Armada von 1.000 Galeeren, die Blüte der syrischen und ägyptischen Seemacht”, vor Zypern auf eine viel kleinere byzantinische Flotte – das anschließende Gefecht überstanden nur drei arabische Schiffe. Die muslimischen Seestreitkräfte konnten ihre alte Stärke auch deshalb nicht mehr ganz zurückgewinnen,weil sie im Unterschied zu den Byzantinern nie über ausreichend „Holz zum Schiffsbau, über Werften und Hafenspeicher und Eisen” verfügten.

Das Mittelmeer wurde also nicht zum „mohammedanischen See”, dessen östlicher Teil war vielmehr byzantinisch. „Die mit äußerstem Geschick operierende Flotte kontrollierte erfolgreich die Küsten, überwachte die Meere und griff die sarazenischen Piratenschiffe an, wo immer sie sich zeigten.”

Zwar konnten die Muslime im 8. und 9. Jahrhundert im westlichen Mittelmeer, weit ab von den byzantinischen Flottenstützpunkten, zum Teil auch auf dem Seeweg vordringen, seit dem 10. Jahrhundert aber mussten sie sich sowohl vor abendländischen Flotten als auch vor der des erneuerten Byzantinischen Reichs in Acht nehmen. Die Schwäche der muslimischen Seemacht blieb stets offensichtlich. Zunächst machten die Muslime rasch die Erfahrung, dass sie ihre Schiffe aus offenen Häfen zurückziehen mussten, wo ihnen Überraschungsangriffe drohten. Aus diesem Grund gaben sie beispielsweise Karthago auf, verlegten die dort stationierte Flotte in einen Binnenhafen bei Tunis und bauten einen Kanal, um Zugang zum Meer zu haben. Der Kanal war so eng, dass nur jeweils eine Galeere durchpasste, weswegen er sich leicht gegen feindliche Schiffe verteidigen ließ.

Auch aus Alexandria wurde die ägyptische Flotte abgezogen, dafür nilaufwärts ein neuer Stützpunkt angelegt. Diese Maßnahmen waren strategisch sinnvoll, zeigen aber auch die Schwäche der muslimischen Seemacht. Dass die Muslime das Mittelmeer nicht unangefochten oder ausreichend kontrollieren konnten, geht auch daraus hervor, dass die Byzantiner ihre Armeen ungehindert auf dem Seeweg transportieren, zum Beispiel Nachschub und Soldaten in Süditalien an Land bringen und von da aus die Muslime aus dieser Region vertreiben konnten. Ebenso wenig konnten die Muslime den wachsenden Seehandel italienischer Stadtstaaten wie Genua, Pisa und Venedig unterbinden.

Im 11. Jahrhundert, einige Zeit vor dem Ersten Kreuzzug, unternahmen italienische Seeverbände nicht nur Überfälle auf muslimische Schiffe, sondern auch auf deren Stützpunkte an der nordafrikanischen Küste.

Darum konnten auch italienische, englische, fränkische und sogar Wikingerflotten nach Belieben zum Heiligen Land und zurück segeln, Tausende Kreuzfahrer und den für sie notwendigen Nachschub transportieren. Schon deshalb kann Pirennes These nicht richtig sein, muslimische Seehandelsblockaden seien die Ursache dafür, dass Europa in ein „dunkles Zeitalter” eintrat.

_____

Time am 28. Februar 2016

_____

Rodney Stark in der MoT:

https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/04/rodney-stark-nichts-lief-schief/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/05/rodney-stark-bildungshass/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/07/rodney-stark-technisch-rueckstaendig/

_____

Rodney Stark: „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.)

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: