Rodney Stark: Griechisches Feuer

Griechisches Feuer

Lesen Sie einen weiteren Abschnitt aus Rodney Starks Buch „Gottes Krieger“ (S. 56 – 59).

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Rodney StarkHätten die Muslime die Hauptstadt erobert, wäre für sie der Weg für eine Invasion Europas durch den Balkan frei gewesen. Aber Konstantinopel konnte die Belagerer abwehren, und in einer großen Seeschlacht brachten die Byzantiner den Muslimen eine schwere Niederlage bei. Nach dem Untergang ihrer Flotte wurden die Araber zu Belagerten. Sie litten Hunger, die Ruhr breitete sich aus, Tausende von muslimischen Kämpfern kamen um.

Auch hatten die wenigsten Muslime jemals Schnee und Eis erlebt, und als der Winter kam, traf sie die Kälte völlig unvorbereitet. Sie hatten keine warme Kleidung, viele erfroren. Obwohl ihre Reihen sich lichteten und die gut genährten Byzantiner sie von den Zinnen der Stadtmauern herab verhöhnten, hielten sie einige Jahre durch. Aber als seine Armee von jeglichem Nachschub abgeschnitten war, lenkte Muawiya ein und nahm das Friedensangebot der Byzantiner an, „zu Bedingungen, die ihm noch wenige Jahre zuvor schändlich vorgekommen wären: Räumung der ägäischen Inseln, die er jüngst erobert hatte, und Zahlung eines jährlichen Tributs von fünfzig Sklaven, fünfzig Pferden und dreitausend Pfund Gold an den Kaiser.“

Ein Jahr später starb Muawiya, der neue Kalif stellte die Tributzahlungen ein. Westliche Historiker haben die Niederlage der Muslime als einen „Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit“ gefeiert. Der in Russland geborene Byzantinist Georgije Ostrogorski (1902-1976) nennt den Ansturm auf Konstantinopel „den stärksten, den die christliche Welt von arabischer Seite je erlebt hat. Konstantinopel war aber der letzte Damm, der damals der arabischen Invasion entgegenstand. Dass dieser Damm gehalten hatte, war eine Rettung nicht nur für das Byzantinische Reich, sondern für die gesamte europäische Kultur.“

Oder, wie es der bekannte Historiker John Julius Norwich formulierte: „Hätten sie Konstantinopel im siebten und nicht erst im fünfzehnten Jahrhundert eingenommen, wären vielleicht ganz Europa und wohl auch Amerika heute moslemisch.“

Wie kamen die Byzantiner zu diesem Sieg? Leider sind die arabischen Quellen „so wirr, dass sie nicht zu gebrauchen sind“. Daher wissen wir von muslimischer Seite wenig, und die Byzantiner beobachteten die muslimischen Truppen nur aus der sicheren Entfernung ihrer Wehranlagen. Doch ist diese Frage wahrscheinlich auch gar nicht so wichtig, denn merkwürdigerweise wurde nicht viel gekämpft, der Sieg war eher ein Triumph der westlichen Technik – der uneinnehmbaren Befestigungsanlagen und einer geheimen Angriffswaffe.

Die Mauern dienten nicht nur der Verteidigung der Stadt auf der Landseite, sondern umschlossen auch die drei Seeseiten und den Hafen, in den die Schiffe nur durch ein gewaltiges Tor einlaufen konnten. Diese Mauern waren ein Wunder der Ingenieurskunst: zunächst die wuchtige Außenmauer mit Türmen und prächtigen Zinnen und Wehranlagen, dahinter die noch stärkere Innenmauer, dreizehn Meter hoch und fünf Meter dick, mit noch kunstvolleren Zinnen. Vor der landseitigen Außenmauer lag ein breiter Graben, und auf den anderen drei Seiten waren die Mauern natürlich nur mit Booten zu erreichen. Gegen diese außerordentliche Befestigungsanlage setzten die Araber selbst für damalige Zeiten vergleichsweise primitive Belagerungsmaschinen ein, die den Mauern kaum Schaden zufügen konnten.

Erst mit schwerer Artillerie, also ab dem 15. Jahrhundert, konnten Angreifer Breschen in die Mauern schießen, zuvor waren sie allenfalls mit Sturmleitern zu überwinden.

Die Muslime hätten die Stadt aushungern können, hätten sie nicht ihre Vorherrschaft auf dem Meer verloren. Und dabei kam besagte Geheimwaffe ins Spiel.

Nach der Überlieferung gelang dem griechischen Architekten oder Ingenieur Kallinikos von Heliopolis um 670 eine Erfindung, die „Griechisches Feuer“ genannt wurde, und er brachte sie nach Konstantinopel. Das Griechische Feuer war eine hoch entzündliche Flüssigkeit, dem Napalm verwandt, die, einmal in Brand gesetzt, ein Flammenmeer ergab, das mit Wasser nicht gelöscht werden konnte, vielmehr noch stärker aufloderte, sobald es mit Wasser in Berührung kam.

Die Geschichte dieser Erfindung war ein Volksmärchen, wahrscheinlicher ist, dass das Feuer von „Chemikern in Konstantinopel entwickelt wurde, die an das Erbe der Entdeckungen der chemischen Schule von Alexandria anknüpften“.

Jedenfalls war die Formel ein streng gehütetes Geheimnis; dieses ging verloren, als der Vierte Kreuzzug viele Todesopfer unter der herrschenden Elite von Konstantinopel forderte, und den Wissenschaftlern ist es bis heute nicht gelungen, die Wirkung des Griechischen Feuers völlig zu reproduzieren.

Die Byzantiner aber waren in der Lage, mit dieser Waffe gegnerische Flotten zu zerstören und feipdliche Armeen in Angst und Schrecken zu versetzen. Das Griechische Feuer wurde auf verschiedene Weise an sein Ziel gebracht, meistens durch eine Schleuder oder mit Hilfe von Pumpen. Ein Behälter aus Glas oder Ton konnte, auf eine Schleuder geladen, bis zu vier-, fünfhundert Metern weit geschleudert werden. Beim Aufschlag zerbrach er, entzündete sich, und die brennende Flüssigkeit spritzte gut zwölf Meter nach allen Seiten. Die Wirkung des Feuers war ungeheuer, wenn solche Gefäße von den Wehranlagen und Stadtmauern auf die heranrückenden Muslime abgeschossen wurden. Ihnen blieb nur die Flucht. Auf Schiffen allerdings konnten keine Schleudern montiert werden. Darum erfanden byzantinische Ingenieure einen einfachen Flammenwerfer – eine Pumpe, die die brennende Flüssigkeit durch ein Rohr am Bug einer Galeere hinausschleuderte. (Solche Rohre waren oft mit Tlerköpfen verziert.) Die Reichweite dieses Systems war begrenzt, reichte aber aus, wenn es zum Nahkampf mit feindlichen Galeeren kam. Ausgerüstet mit diesen feuerspeienden Pumpen ruderten die Byzantiner wiederholt hinaus und brannten die muslimische Flotte nieder.

Im Jahr 717 versuchten es die Muslime ein zweites Mal, mit 1800 Galeeren sollen sie angerückt sein. Die Byzantiner lockten diese Flotte in den Bosporus, indem sie die große Kette wegzogen, mit der die Einfahrt gesperrt war, und als sich die Schiffe dicht gedrängt im flachen Wasser befanden, kamen byzantinische Schiffe mit ihren Pumpen und setzten die Flotte fast vollständig in Brand. Die meisten Gegner wurden getötet oder ertranken.

Im nächsten Frühjahr versuchten es die Muslime mit einer neuen Flotte zum dritten Mal, und wieder ließen die Griechen ihr Feuer auf sie niedergehen. Die muslimischen Galeeren, die sich hatten retten können, gerieten auf der Flucht in einen verheerenden Sturm. Es blieben nur fünf muslimische Schiffe übrig.

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Time am 4. März 2016

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Rodney Stark in der MoT:

https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/04/rodney-stark-nichts-lief-schief/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/05/rodney-stark-bildungshass/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/07/rodney-stark-technisch-rueckstaendig/
– https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/28/rodney-stark-die-orks-sind-landratten/

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Rodney Stark: „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.)

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Eine Antwort to “Rodney Stark: Griechisches Feuer”

  1. Sophist X Says:

    Dass sich noch niemand für das Zurückschlagen vorangegangener moslemischer Invasionen entschuldigt hat, kann nur am allgemeinen Desinteresse an geschichtlichen Details liegen.

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