Eine völlig normale Angelegenheit

Dreieinigkeits-Gemeinde

Reinhard Bingener und Friederike Böge berichten auf „FAZ.NET“ über die Evangelisch-Lutherische Dreieinigkeits-Gemeinde in Berlin Steglitz, in der besonders viele Orks zum Christentum konvertieren (1).

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Flüchtlingskrise

Gehet hin und lehret alle Völker

Wer sich als Flüchtling christlich taufen lässt, hat bessere Aussichten auf Asyl. Oft aber ist das nicht der Grund, warum viele Muslime konvertieren.

Vor fünf Jahren saß Pastor Gottfried Martens bei seinen Bibelstunden noch einer Handvoll älterer Herrschaften gegenüber. Wegen der geringen Mitgliederzahl gab es nur einen Gottesdienst pro Woche, ansonsten stand die Kirche leer. Inzwischen aber ist die Dreieinigkeitskirche im Berliner Stadtteil Steglitz vermutlich die am schnellsten wachsende Gemeinde Deutschlands. Zu den älteren Herrschaften sind inzwischen 850 Persisch-sprachige Konvertiten hinzugekommen. Weitere 350 Anwärter befinden sich derzeit in einem der viermonatigen Kurse zur Vorbereitung auf die Taufe. Fast alle Mitglieder und Taufwilligen sind Flüchtlinge, größtenteils aus Iran und in geringerem Maße aus Afghanistan, geboren und aufgewachsen als Muslime. Sie sind erst seit einigen Monaten oder wenigen Jahren in Deutschland, mehrheitlich leben sie noch in Migrantenunterkünften.

An einem Mittwoch haben sich in der schlichten Steglitzer Kirche rund 200 Taufschüler versammelt, die Holzbänke sind fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Es sind vor allem junge Männer und eine Handvoll Frauen. Viele tragen zum Zeichen ihrer Gläubigkeit einen Kreuzanhänger an einer Kette oder einem Armband. Sie lauschen den Worten von Pastor Martens, der zwischen den Bänken auf- und abschreitet, gefolgt von einem Übersetzer, der jeden seiner Sätze in persischer Sprache wiederholt. „Es gibt einige unter euch, die sich bei der Taufe zwischen Gott und ihren Eltern entscheiden müssen“, sagt Martens. In seinen Erklärungen über die zehn Gebote bemüht sich der Pfarrer, Bezüge zur Lebenswelt der Taufschüler herzustellen. Er spricht scherzhaft von „haram“ und erklärt, dass es trotz der großen Bedeutung von Träumen in der persischen Kultur fragwürdig sei, wenn einem Jesus Christus im Traum erscheine und etwas anvertraue, was mit der Bibel nicht vereinbar sei. Ab und zu wirft er augenzwinkernd ein: „Das ist eine typische Frage, wie sie auch in der Taufprüfung vorkommen kann.“

Protestreligion gegen das Diktat des islamistischen Regimes

Wie kann es sein, dass Hunderte Iraner und Dutzende Afghanen allein im Großraum Berlin plötzlich ihre Liebe zum Christentum entdecken? Die Vermutung liegt nah, dass manche von ihnen die Hoffnung treibt, ihre Chancen auf Asyl zu verbessern. Doch wer sich mit den Taufschülern in Steglitz unterhält, merkt schnell, dass diese Erklärung zu kurz greift – und dass die Grenze zwischen Opportunisten und Erweckten nicht so leicht zu ziehen ist. Das, was sich da in Steglitz vollzieht, wirft zudem Fragen an die Kirchen in Deutschland auf. Über ihr Verhältnis zum Islam und zum biblischen Missionsbefehl.

Vor dem schmucklosen Büro von Pastor Martens hat sich eine Traube von jungen Leuten gebildet, die den Geistlichen unbedingt sprechen wollen. Martens begrüßt sie mit Handschlag, Umarmung oder persischen Begrüßungsformeln. Manche brauchen seine Unterschrift, um aus ihren Brandenburger Unterkünften nach Berlin kommen zu dürfen. Andere wollen Termine, um ihre Taufprüfung abzulegen. Doch bis zum späten Abend ist der Pastor voll beschäftigt. Nachts, so sagt er, bekomme er derzeit häufig nur noch vier Stunden Schlaf. „Kommt mal so um neun heute Abend“, sagt Martens in einer Mischung aus Deutsch und Persisch. Eigentlich hat er um die Zeit noch eine Mitarbeitersitzung.

Den großen Andrang in seiner Gemeinde erklärt sich Martens auch mit Entwicklungen außerhalb Deutschlands: „Wir haben es mit einer ganz bemerkenswerten, geistlich gesprochen, Erweckung im Iran zu tun, mit einer Ausbreitung des christlichen Glaubens in der jüngeren Bevölkerung in Form von Hausgemeinden.“ Tatsächlich ist das Christentum unter städtischen Jugendlichen im Moment ein viel diskutiertes Thema. Das bestätigten dieser Zeitung mehrere iranische Beobachter. Das Christentum gilt demnach als eine Art Protestreligion gegen das Diktat des islamistischen Regimes, gegen Kopftuchzwang, Sittenpolizei und korrupte, machthungrige Mullahs – eine andere Ausprägung dieses Protests ist der unter jungen Iranern verbreitete Atheismus. Das Christentum wird im Vergleich zum politischen Islam, der von vielen als Grund für die Rückständigkeit vieler Staaten der islamischen Welt betrachtet wird, als freier, weniger repressiv betrachtet.

Im Fall von Iranern, die eine Migration oder Flucht nach Europa planen, könne eine Hinwendung zum Christentum auch Ausdruck einer „vorweggenommenen Anpassung an die ‚Leitreligion‘ der westlichen Welt sein, sagt einer der iranischen Gesprächspartner. Verlässliche Informationen über die Zahl der Konvertiten in Iran gibt es nicht, von evangelikalen Kirchen verbreitete Zahlen schwanken erheblich. Eine Prüfung ist unmöglich, weil die Konvertiten sich nur im Untergrund bewegen und im Fall einer Entdeckung mit langen Haftstrafen und Misshandlung in den Gefängnissen rechnen müssen. Im jüngsten Religionsfreiheits-Bericht der amerikanischen Regierung werden zahlreiche solcher Fälle geschildert; zudem ist von 90 Christen die Rede, die Anfang 2015 wegen ihres Glaubens im Gefängnis oder angeklagt waren.

Pastor Martens sagt, etwa die Hälfte seiner iranischen Gemeindemitglieder habe sich schon in Iran mit dem Christentum befasst. „Viele unserer Gemeindeglieder hatten vorher Kontakt zu armenischen Christen, die sie in Hauskirchen vermittelt haben.“ Ethnischen Armeniern und Assyrern in Iran ist die Ausübung ihres christlichen Glaubens erlaubt. Manche ihrer Kirchen können auch von Touristen besucht werden; wie etwa die armenische Vank-Kathedrale in Isfahan, in deren Umfeld sich – nicht zufällig – die angesagten Cafés der Stadt angesiedelt haben. Die Aufnahme von Konvertiten ist ihnen ebenso streng verboten wie Gottesdienste auf Persisch.

Anders ist die Situation für Flüchtlinge aus Afghanistan, wo der Hass auf Konvertiten und vermeintlich Ungläubige nicht nur staatlich verordnet, sondern noch stärker als in Iran gesellschaftlich verankert ist. Die einzige Kirche Afghanistans ist die Kapelle in der italienischen Botschaft. Zwar betreiben auch missionsorientierte evangelikale Christen aus den Vereinigten Staaten und Südkorea in Afghanistan Hilfsprojekte, doch eine Missionierung ist ihnen streng verboten. Viele der afghanischen Gemeindemitglieder, sagt Pastor Martens, hätten auf ihrer Flucht in Griechenland zum christlichen Glauben gefunden, wo amerikanische Missionare aktiv sind. Konvertieren würden vor allem Angehörige der schiitischen Minderheit der Hazara, die sich von der sunnitischen Mehrheit diskriminiert fühlen. Die Mehrzahl der afghanischen Konvertiten in Deutschland ist allerdings im Nachbarland Iran aufgewachsen, wohin schon ihre Eltern flüchteten. Ihr Verhältnis zur Religion ist deshalb geprägt durch die starke Politisierung des Islams dort.

Das persische Wort für Ostern

Freilich haben auch die Schlepper das Thema für sich entdeckt. In der afghanischen Hauptstadt zum Beispiel ist es gerade Stadtgespräch, dass ein Bekenntnis zum Christentum die Chancen auf Asyl in Europa angeblich erhöhe. Das berichtet Alexey Yusupov, der Direktor des Landesbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kabul. Oft werde die Idee verbreitet, man solle am besten behaupten, man sei Christ und schwul. In Kabul wird gewitzelt, die Europäer seien sicher verwundert, wenn sich Tausende Afghanen bald als schwul erwiesen. Mit solchen Überlegungen würden die Afghanen versuchen, sich einen Reim auf die ihnen unklare Rechtslage in Europa zu machen, sagt Yusupov. Vielen Afghanen sei bewusst, dass die EU mit allen Mitteln versuche, Asylbewerber aus Afghanistan abzuhalten. „Es ist ein Wettbewerb gegen den Rechtsstaat im Finden von Regelungslücken.“

Wer sich als Flüchtling christlich taufen lässt, hat bessere Aussichten auf Asyl. Der einzige Grund?

Pastor Martens leugnet nicht, dass manche Taufwillige opportunistische Motive haben, sieht sie aber in der Minderheit. Im Taufunterricht spreche er das Thema an und in den Taufprüfungen überzeuge er sich, „ob es tatsächlich eine ernsthafte Hinwendung zum christlichen Glauben gegeben hat“. Etwa 20 Prozent der Teilnehmer bestünden diese Prüfung nicht. Schließlich wolle er nicht, dass seine Gemeinde – etwa beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) – in den Ruf gerate, Schnelltaufen durchzuführen – wie er sie manch anderer Gemeinde vorhält. Schließlich müsse man die schützen, die es ernst meinten. In Berlin hätten die Mitglieder seiner Gemeinde eine Anerkennungsquote als Flüchtlinge von hundert Prozent, sagt Martens. In Brandenburg liege die Quote etwas niedriger – weil manche Bamf-Mitarbeiter in Eisenhüttenstadt „kein Verständnis für so etwas Abenteuerliches wie Religion haben“. In den Befragungen müssen die Konvertiten glaubhaft machen, dass das Christentum für sie lebensprägend ist. Darüber hinaus werden häufig Wissensfragen gestellt, was laut Martens Probleme aufwirft, wenn etwa der muslimische Übersetzer das persische Wort für Ostern nicht kenne. Ein Asylgrund kann aber auch dann vorliegen, wenn die Konversion nicht glaubhaft, jedoch bereits im Heimatland öffentlich geworden ist, so dass eine Verfolgung aus religiösen Gründen droht.

Schwester aus dem Haus geworfen

Christ oder nicht Christ – so einfach ist es freilich nicht. Immer wieder komme es vor, sagt Martens, „dass Leute sagen, dass sie am Anfang wegen Asyl in die Kirche gekommen sind, und als sie die Botschaft gehört haben, hat das ihr Leben verändert“. So ist es mutmaßlich auch Tofigh Abdullahi ergangen. „Ich bin ursprünglich nur wegen der Aufenthaltsgenehmigung hierher gekommen“, sagt der Iraner, ein eloquenter junger Mann. Er sitzt nach dem Taufunterricht im Hof der Dreieinigkeitskirche in Steglitz und scrollt durch die Einträge auf seiner Instagram-Seite. Dort wimmelt es von Jesus-Bildern und Kirchenfotos, mit denen er allen Bekannten in Iran seinen Sinneswandel vor Augen geführt hat. Abdullahi zeigt auch E-Mails, in denen er beleidigt oder zur Umkehr aufgefordert wird. Sie stammen von seinen früheren Lehrern an einer islamischen Hochschule in Yazd. Ursprünglich, so erzählt der Iraner, habe er selbst ein islamischer Geistlicher werden wollen. Doch in seinem Seminar sei ihm bewusst geworden, wie „verlogen und leer“ die Welt des iranischen Klerus sei. „Sie glauben nur an Geld, an sonst nichts.“ Im Gegensatz dazu habe er den christlichen Glauben als ehrlich und befreiend empfunden. Ohne Zwang und Bevormundung durch bräsige, engstirnige Mullahs.

Warum er nach Deutschland kam, kann er selbst nicht genau sagen. Verfolgt wurde er jedenfalls nicht. „Ich war müde“, sagt er achselzuckend. Fünf Wochen vor ihm war seine Schwester aufgebrochen; sie übrigens sei schon in Iran Christin gewesen, und er habe sie deshalb – fügt er grinsend hinzu – aus dem Haus geworfen. Und seine Frau, die mit ihm nach Deutschland kam, habe ihn nun wegen seines geplanten Religionswechsels verlassen. Es ist eine Geschichte voller Wirrungen und Widersprüche, wie sie in vielen Flüchtlingsbiographien zu finden sind. Man kann sich durchaus vorstellen, dass ein nach Sinn suchender junger Mann, dessen Leben in Unordnung geraten ist, in der Gemeinde unter Gleichgesinnten neuen Halt findet.

Konservative Abspaltung von den großen Landeskirchen

Erleichtert wird den iranischen Konvertiten der Übertritt zum Christentum wohl auch dadurch, dass im Alten Testament viel von Persern die Rede ist; zum Beispiel von Kyros dem Großen, der in der Bibel ziemlich gut wegkommt. Er erfreut sich unter Iranern heute großer Beliebtheit, gerade bei jenen, die aus Frust über die Herrschaft der Turbanträger und wegen ihrer Abneigung gegenüber der arabischen Welt nach Identifikationsfiguren in der vorislamischen Zeit suchen. Kyros ist ein beliebter Taufname unter iranischen Christen. Pastor Martens weiß all das natürlich und verweist gern auf entsprechende Bibelstellen. Etwa jene aus der Apostelgeschichte des Lukas in der in Martens‘ Worten heißt: „Die ersten, die sich taufen ließen, waren mal wieder die Perser.“ Auch die Leidensgeschichte Jesu ist Schiiten leicht zu vermitteln. Im iranisch dominierten Kirchenvorstand wurde jüngst vorgeschlagen, das schlichte Kirchenkreuz gegen eine blutüberströmte Jesus-Figur zu ersetzen. Vielleicht empfinden die Konvertiten sein Leiden mit der gleichen Leidensfrömmigkeit, mit der sie früher den aussichtslosen Kampf des Prophetenenkels Hussein in der Schlacht von Kerbala beweint haben.

Dass die Gemeinde in Steglitz, die der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche, einer konservativen Abspaltung von den großen Landeskirchen angehört, so schnell wächst, hat freilich auch damit zu tun, dass die bereits konvertierten früheren Muslime in den Heimen eifrig über ihre Erfahrungen sprechen. Das ist durchaus im Sinne vom Pastor Martens. Im Pfarrbrief der Gemeinde wird zum Gebet „für alle Muslime“ aufgefordert, „dass sie den Weg zu ihrem Retter Jesus Christus finden mögen“.

„Das ist ja eine völlig normale Angelegenheit.“

So offensiv würden vermutlich nur die wenigsten Pfarrer in Deutschland diesen Wunsch formulieren, ganz gleich ob sie für eine evangelische Landeskirche oder ein katholisches Bistum tätig sind, auch wenn es bei den großen Kirchen in dieser Frage sehr unterschiedliche Positionen gibt. In einer Arbeitshilfe der Evangelischen Kirche im Rheinland heißt es zum Beispiel, „eine Begegnung mit Muslimen in Konversionsabsicht bedroht den innergesellschaftlichen Frieden und widerspricht dem Geist und Auftrag Jesu Christi und ist entschieden abzulehnen“. Der Missionsbefehl am Ende des Matthäus-Evangeliums, alle Völker zu taufen, müsse man heutzutage eher als „innerkirchlichen Auftrag“ verstehen. Hingegen heißt es in einer neuen Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), mittlerweile könne man bei Asylsuchenden „erfreulich oft“ ihre Taufe feiern. Zahlen dazu gibt die EKD jedoch keine heraus. Aus der württembergischen Landeskirche heißt es immerhin, für das vergangene Jahr zeichne sich bei den Erwachsenentaufen ein „deutlicher Zuwachs“ ab, der höchstwahrscheinlich auf konvertierende Asylbewerber zurückzuführen sei. In der Handreichung wird auch erörtert, wie ernst solche Konversionen zu nehmen sind und welche asylrechtlichen Fragen sich daraus ergeben. Eine einheitliche Linie indes existiert nicht. Die Praxis dürfte sich vielmehr von Ort zu Ort unterscheiden. Zu hören ist von Pastoren großer Landeskirchen, die Taufbegehren von Asylbewerbern teils ähnlich unbesehen nachkommen wie mancher Prediger aus dem Bereich der Pfingstkirchen.

Für Martens jedenfalls steht fest, dass auch aktive Missionierung in Flüchtlingsheimen wünschenswert ist: „Sollte man allen Ernstes unsere Leute daran hindern zu erzählen, was sie selbst für sich entdeckt haben? Das ist ja eine völlig normale Angelegenheit.“

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Time am 24. Mai 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/konvertierung-von-muslimischen-fluechtlingen-zum-christentum-14247113.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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Eine Antwort to “Eine völlig normale Angelegenheit”

  1. charlie Says:

    Die wahren Konvertiten werden sich verwundert die Augen reiben wenn sie erkennen, wie sehr sich beide Konfessionen an den Islam ranschleimen. Vom Muselregen in die Christliche Traufe. Herzlichen Glückwunsch!

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