Sich nie mit dem Terrorismus abfinden

Schweiz

Die Särge der 36 Schweizer Terroropfer von Luxor sind für eine Trauerfeier in einer Werfthalle des Flughafens Kloten aufgestellt.

Lesen Sie einen Beitrag von Felix Müller aus der „NZZ“ (1).

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An den Terror dürfen wir uns nie gewöhnen

Risikoforscher erklären uns, Autofahren fordere mehr Opfer als der Terrorismus. Politiker sagen, Europa müsse mit Attentaten leben lernen. Ersteres ist dümmlich, das Zweite eine Kapitulation vor Islamisten.

Nun, da die europäische Terrorwelle Bayern erreicht hat, nimmt die Angst zu, dass das Morden bald einmal auch die Schweiz erfasst, dass man selbst Opfer eines Attentats werden könnte. Welcher Unterschied zu den Zeiten, als die Islamisten noch in fern liegenden Orten zuschlugen, in Bali, in Kenya, im ägyptischen Luxor, in New York oder Mumbai. Die Gefahr ist jetzt konkret geworden, vorstellbar und benennbar.

Alles nur halb so schlimm, sagen aber die überlegenen Geister, die rationalen Experten wie etwa der deutsche Risikoforscher Ortwin Renn, der als Tranquilizer der deutschen Volksseele medial momentan stark gefragt ist. Er rechnet vor, dass die Chancen, in Europa Opfer eines Anschlags zu werden, bei 0,002 Prozent liegt. In Deutschland sei die Gefahr grösser, an einem Wespenstich zu sterben als durch die Kugel eines Islamisten, obwohl bloss etwa zehn Personen jährlich dem Gift des Insekts erlägen.

In der «Süddeutschen Zeitung » antwortet der Angstforscher Borwin Bandelow auf die Frage, ob er wegen der Anschläge von Würzburg, München und Ansbach mehr Angst habe als früher: «Eigentlich nicht. Ich bin ja ein rational denkender Mensch und sage mir, dass die Wahrscheinlichkeit, das nächste Opfer eines Terroranschlags zu werden, extrem gering ist.»

Schon etwas zurück liegt das gleich gelagerte Argument des «Tages-Anzeiger»-Journalisten Constantin Seibt. Er rechnete im März vor, dass seit 9/11 die Islamisten in den USA und Westeuropa etwa 450 Menschen ermordet hätten. «Es gibt Gefährlicheres. Allein in Deutschland sterben pro Jahr 500 Personen an einer Fischgräte.» Seibt ist dabei einer Internet-Ente aufgesessen, aber man versteht die Argumentationslogik bestens. Er hätte ja auch Leiterstürze beim Kirschenpflücken oder Tod durch Blitzschlag als Vergleichsbasis beiziehen können. Er will sagen: Die Furcht vor einer kaum existierenden Gefahr ist völlig irrational.

Wer diesen Standpunkt einnimmt, umgibt sich mit der Aura des moralisch Überlegenen, des rational Denkenden, der sich von seinen dumpfen Ängsten nicht zu möglicherweise primitiven Aktionen verleiten lässt. Die angezeigte Haltung angesichts der Terrorgefahr sei «Fürchte Dich nicht!», schreibt Seibt. Man fragt sich bloss, ob diese Souveränität auch noch bestehen würde, wenn der junge Jihadist das Messer an der Kehle ansetzt.

Zu beobachten ist hier die Pseudorationalisierung der Terrorgefahr. Die Zahlen-Proportionen treffen ohne Zweifel zu. Aber sie basieren auf einem Grundlagenirrtum. Denn bei Wespenstichen, Fischgräten, Blitzschlägen, Autocrashs handelt es sich um Unfälle, beim Terrorismus aber um Mord. Auch wenn in beiden Fällen der Tod für Angehörige meist das zerstörende Ergebnis ist, benennt die Sprache zu Recht einen Unterschied. Ein Unfall stellt einen plötzlichen, unerwarteten, letalen Vorfall dar, der aber von niemandem beabsichtigt worden ist. Deswegen wissen die Menschen um die grundsätzliche Gefahr, die mit Wespen, Autofahren, Bergsteigen verbunden ist. Aber sie fürchten sich nicht wirklich davor, weil das Eintreten dieser Gefahr vom Zufall, vom Schicksal, von Gott ausgelöst wird – allesamt Mächte, auf die der Mensch keinen Einfluss nehmen kann.

Der Tod durch Terroristenhand dagegen stellt einen Mord dar. Hier handelt ein Täter mit Absicht; er fällt den bewussten Entscheid, mich zu töten, im Fall des Selbstmordattentäters vielleicht nicht mich als Individuum, aber als Teil einer Menschenmenge. Der Mord ist in allen Kulturen geächtet und wird überall streng sanktioniert. Das geschieht aus nachvollziehbaren Gründen: Denn er stellt die radikale Zerstörung des Lebens dar, oft als Resultat brutaler Gewalt.

Wo das Morden um sich greift, wo «jeder des andern Wolf» ist, gibt es kein zivilisiertes Zusammenleben der Menschen mehr. Im Mord begegnet dem Menschen das Böse an sich: Es ist die oft grausame und auf jeden Fall sinnlose Auslöschung von Leben. Wer davon betroffen ist, wem der Terrorist aus nächster Nähe in den Kopf schiesst oder mit dem Messer den Kopf abschneidet, dem ist jede Statistik kein Trost. Er wird sich nicht sagen: «Halb so schlimm, schliesslich erleide ich ein höchst unwahrscheinliches vorzeitiges Ende meines Lebens.»

Der Tod ist immer absolut. Es ist deshalb durchaus nachvollziehbar, dass die Bevölkerung Angst vor islamistischen Attentaten hat. Kritiker des «Kriegs gegen den Terror» pflegen zwar zu sagen, die personellen und finanziellen Mittel, die in Sicherheitsvorkehrungen gesteckt werden, seien völlig übertrieben angesichts der konkreten – also bescheidenen – Opferzahlen. Risikoforscher Renn spricht von einer «ineffizienten Ausnutzung der Ressourcen» in der Sicherheitspolitik. Dies erfolge, weil die Politiker dem Druck des Volkes nachgeben würden aus Angst, sonst nicht mehr gewählt zu werden. Es handle sich da um einen «Webfehler der plebiszitären Demokratie», wie er sich in einem Beitrag des deutschen Nachrichtensenders n-tv zitieren lässt.

Mit der gleichen Logik müsste Renn aber auch die Größe der meisten Polizeikorps infrage stellen. Diese dienen unter anderem dazu, Morde zu unterbinden und, ist ein solcher vorgefallen, die Täter rasch und mit zuweilen enormem Aufwand zu fassen. Würde man da das gleiche Kosten-Nutzen-Denken anstellen wie im Fall des Terrorismus, liesse sich die Zahl der Polizisten vermutlich deutlich reduzieren. Dass diese Forderung vom Volk nicht erhoben wird, zeigt, wie stark Polizeiarbeit ein Gefühl der Sicherheit vermittelt, ein Gefühl des Geschütztseins, was das Fundament einer zivilisierten Gesellschaft darstellt.

Auf keine andere Weise (ausser dem Krieg) wird dieses Fundament stärker infrage gestellt als durch den Mord. Deswegen ist in allen demokratischen Staaten das Bedürfnis groß, gerade vor dem Terrorismus geschützt zu werden. Denn die Attentate von Paris, von Orlando, von Luxor, jüngst von Saint-Etienne-du-Rouvray zeichnen sich alle durch ihre völlige Willkür, ihre totale Sinnlosigkeit und spezielle Grausamkeit aus, gewissermaßen eine Potenzierung des Mords. Zudem kann der heutige Terrorismus nun wirklich jeden treffen, während die Terroristen früher meist noch einer – wenn auch morbiden – Logik folgten und etwa Politiker und Manager umbrachten, wie die Rote Armee-Fraktion (RAF) in den 1970er Jahren, oder Israeli und Amerikaner, wie die Palästinenser.

Da der Terrorismus näher rückt, liegt die Frage auf der Hand, wie man sich denn verhalten soll. Angstforscher Borwin Bandelow sagte dazu: «Wir müssen lernen, diese Ängste auszuhalten.» Das sei weniger schwierig als vielleicht gedacht, denn «unser Vernunfthirn hat ja längst verstanden, dass die Wahrscheinlichkeit relativ gering ist, Opfer eines Anschlags zu werden.

Auf der andern Seite gibt es aber ein Angstsystem in unserem Gehirn, das sehr einfach gestrickt ist, etwa wie das eines Huhns.» Wer will denn da schon ein primitives Huhn sein und etwa Angst vor Terroristen haben? Generell sei in dieser Gefahrenlage «ein gewisser Fatalismus angebracht», fügt er an – sprich: Mit gewissen Opfern muss man einfach rechnen.

Etwas Ähnliches meinte der französische Premier Manuel Valls nach dem Attentat von Nizza, als er sagte: «Wir müssen lernen, mit dem Terrorismus zu leben.» Gerade das sollten wir aber unter keinen Umständen tun, weil dies letztlich eine Kapitulation vor den gewalttätigen Islamisten bedeutet. Der Nihilismus dieser Täter und ihr inhumanes Morden stellen einen fundamentalen Angriff dar auf die Werte, auf denen die westlichen Gesellschaften basieren. Glaubens- und Gewissensfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, friedliche Konfliktlösung, Recht auf Selbstverwirklichung: All das ist den Fanatikern des Islamischen Staates ein Dorn im Auge.

Gerade deswegen dürfen wir uns nie mit dem Terrorismus abfinden. Gerade deshalb ist es richtig, den enormen Aufwand für den Sicherheitsapparat zu leisten, der weitere Attentate verhindern soll. Gerade darum ist die scheinbar so überlegene Haltung der Risikoexperten fundamental falsch, die rechnerisch den Terrorismus relativieren. Oder hätten sie denn im Zweiten Weltkrieg auch gesagt, man müsse lernen, mit den Nationalsozialisten zu leben und auch Auschwitz mit einem «gesunden Fatalismus» in Kauf zu nehmen?

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Time am 4. August 2016

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1) http://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/essay-an-den-terror-duerfen-wir-uns-nie-gewoehnen-ld.108469

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Eine Antwort to “Sich nie mit dem Terrorismus abfinden”

  1. Sophist X Says:

    Die Presse geht viel zu weich mit diesen Beschwichtigern und Kleinredern um. Sie müssten in Schimpf und Schande davongejagt werden, man muss sie als die gefährlichen Dummköpfe entlarven, die sie sind, man sollte sie lächerlich machen anstatt sie überall ihre geistige Diarrhoe absondern zu lassen.

    Terror ist ein unkalkulierbares Risiko. Aus Opferzahlen vergangener Anschläge lassen sich prinzipiell keine Prognosen über zukünftige Opferzahlen stellen, weder in Bezug auf Opferzahl noch auf Todesort oder Todesart.
    Man kann zuhause im Bett erstochen werden, oder ein gesprengtes Flugzeug fällt auf’s Haus (Lockerbie), man kann an einem beliebigen Ort in der Öffentlichkeit einem Anschlag mit hochpotentem Gift zum Opfer fallen (Om-Sekte 1995). Man kann durch Massenmord durch herbeigeführte Flugzeugabstürze sterben (9/11), und der klügste TV-Experte kann nicht garantieren, dass sich moslemische Terroristen ab sofort auf Angriffe mit Äxten und Messern beschränken.
    Ein Ziel hat der Terror aber schlagend offensichtlich schon erreicht: Die Presse und die Öffentlichkeit sind so verunsichert und eingeschüchtert, dass man solche Vollidioten von Redaktion zu Redaktion herumreicht um sich und den Leuten einzureden, dass doch eigentlich alles in Ordnung ist.

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