Er bekämpft sich selbst

Cordoba

Die Moschee von Cordoba ist für die Mohammedanisten eines der wenigen existierenden Zeugnisse ihres angeblichen „goldenen Zeitalters“, das es mit größter Wahrscheinlichkeit nie gegeben hat. Das beeindruckendste Merkmal ihrer Gebetshalle sind die übereinanderliegenden Hufeisenbögen, die auf 856 Säulen aus Jaspis, Onyx, Marmor und Granit ruhen. Die Säulen stammen großenteils von Gebäuden aus der Römerzeit, sowohl von dem vorher an dieser Stelle stehenden römischen Tempel als auch anderen römischen Gebäuden aus der Provinz Baetica.

Lesen Sie von Abdel-Hakim Ourghi einen für seine Verhältnisse mutigen Text, den ich bei „FAZ.NET“ (1) gefunden habe.

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Mohammed war ein Mann der Politik und des Schwerts

Mekka gegen Medina: Der Islam braucht eine Reformation, die seine fatalen politischen Ausprägungen unterbindet.

Den Muslimen wird immer wieder vorgeworfen, dass der Islam eine rückwärtsgewandte, wissenschaftsfeindliche und mittelalterliche Religion sei. Mit Recht, wenn man die gegenwärtige Situation der islamischen Welt in Bezug zum wissenschaftlichen und technischen Fortschritt setzt. Ein Exkurs in die Geschichte der islamischen Wissenschaft zeigt jedoch, dass dies nicht immer der Fall war. Zwischen dem neunten und dem dreizehnten Jahrhundert erlebte die islamische Wissenschaft in einigen Kulturzentren wie Bagdad und Cordoba eine Blütezeit. Während des Abbasiden-Kalifats (750-1258) gelang es den muslimischen Gelehrten anhand der Übersetzungen des griechischen Erbes ins Arabische Wissensgebiete wie Mathematik, Medizin, Chemie und Astronomie zu revolutionieren.

Auch die islamische Theologie erlebte eine goldene Zeit. Beeinflusst von der griechischen Philosophie entstand eine rationale und diskursive Theologie, die von den Mutaziliten in sunnitisch-schiitischen Wissenskreisen vertreten wurde. Sie betonte nicht nur die Vernunft als hermeneutischen Zugang zur Religion, sondern auch die Willensfreiheit des Menschen in seinen Entscheidungen. Seit die beiden wichtigsten Wissenschaftszentren der islamischen Welt erobert wurden – Cordoba ging 1236 im Zuge der spanischen Reconquista verloren, Bagdad wurde 1258 von den Mongolen erobert und verwüstet -, ist es um die islamische Welt schlecht bestellt, und zwar heute mehr denn je.

Die historische Begegnung des „muslimischen Morgenlands“ mit dem „christlichen Abendland“ im Zeitalter der Kolonisierung machte die Unterlegenheit der muslimischen Welt deutlich sichtbar. Die koloniale Epoche, die als Wendepunkt im kollektiven Bewusstsein der Muslime haften blieb, brachte zum Ausdruck, dass sich nicht nur die islamische Welt, sondern auch der Islam in Stagnation befand, während gleichzeitig Europas Stärke und Macht durch technische und wissenschaftliche Entwicklungen wuchsen. Diese historische Begegnung der islamischen Kultur mit der westlichen Zivilisation verschärfte die Sinnkrise des Islams und der Muslime und das Unbehagen an ihrer kulturellen Identität.

Der Feind ist die westliche Vernunft

Die oft beschworene frühislamische Glanzzeit nach der Entstehung des Islams im Jahre 610, aus der die Muslime ein Überlegenheitsgefühl schöpfen, ist inhaltslose Nostalgie, die der gegenwärtigen Realität des Islams und der Muslime in der islamischen Welt und den muslimischen Gemeinden im Westen nicht entspricht. Eine entschiedene Trennung von weltlichen und religiösen Angelegenheiten kam nie zustande. Die Freiheit des Individuums ist dem Islam bis heute fremd.

Der Kern der westlichen Aufklärung, die Relativierung der Religion, wird seit Jahrhunderten von konservativen Gelehrten und politischen Despoten mit der Unterstützung der Laien verhindert. Seit der napoleonischen Invasion Ägyptens (1798-1801) spürten einige Gelehrte die Notwendigkeit, den Islam zu erneuern. Sie beriefen sich auf verschiedene Koranverse und die Tradition des Propheten, in denen ihres Erachtens die Muslime zur Verbreitung der Reform (islah) innerhalb ihrer Gemeinde aufgerufen würden.

Die „Vorreformbewegung“ zur Erneuerung des Islams, die sich im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert fast überall in der islamischen Welt zu Wort meldete, war jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Reformer, die eine Rückkehr zu den Lehren des „reinen“ Islams des siebten Jahrhunderts predigten, wie etwa Jamal ad-Din al-Afgani (1838-1897), Muhammad Abduh (1849-1905) und Muhammad Rašid Rida (1865-1935), waren nicht in der Lage, die Traumata zu heilen, die durch den Zusammenprall mit der westlichen Moderne verursacht worden waren. Dieser Islamreform fehlte der Geist der kritischen Vernunft. Das sogenannte „Erwachen des Islams“ (sahwat al-islam) und die vehemente Ablehnung der westlichen Kultur durch die Erben dieser Reformbewegung, wie etwa den Begründer der Muslimbruderschaft Hassan al-Banna (1906-1949) und den Theoretiker des aktivistischen Islams Sayyid Qutb (1906-1966), mündeten in neofundamentalistische Bewegungen.

Eine bequeme Betrachtung

Im Namen des Islams werden heute Unschuldige wahllos auf grausame Weise geschlachtet. Daher ist es verständlich, dass Nichtmuslime Furcht vor dieser Religion haben. Wäre ich kein Muslim, hätte auch ich Angst vor dem Islam und stellte auch ich mir die Frage, was für eine Religion der Islam ist, durch den so viel Gewalt legitimiert wird. Die Botschaft der radikalen Islamisten lautet: „Ihr seid unsere Feinde, solange ihr so lebt, wie ihr lebt, und glaubt, woran ihr glaubt. Ihr seid Ungläubige, und wir sind die einzig wahren Gläubigen.“ Der Islamismus hat die westliche Rationalität und Lebensweise, die er als entfremdend und unislamisch empfindet, als Feind bestimmt. Alles, was sich der Herrschaft Gottes im Namen des Islams nicht unterordnet, gilt den Islamisten als verdorben.

Die bequeme Betrachtung, dass die Extremisten keine Muslime seien und dass der Islam nichts mit ihren Greueltaten zu tun habe, ist schlichtweg naiv und ignorant gegenüber den Opfern des Terrors. Die Islamisten sind auch Muslime. Sie beten in Moscheen und nicht in Synagogen und Kirchen. Sie erkennen mit Pathos den Koran und die Tradition des Propheten als kanonische Schriften an. Ihnen dienen als Handlungsanleitung einige medinensische Koranpassagen (622-632) und das politische Handeln des Propheten selbst seit dem Jahr 624 bis zu seinem Tod 632. Darüber hinaus stützt sich der islamistische Terror auf eine gewalttätige, theologisch gut fundierte Ideologie, die als eine Rezeption des medinensischen Korans und der Tradition des Propheten gelten muss. Den islamistischen Terrorismus kann man allerdings auch nicht auf reine Glaubensinhalte reduzieren. Er ist ein komplexes soziales Phänomen.

Abgleich mit der Bibel

Noch nie wurde wie heute die Notwendigkeit der Reformation des Islams gespürt. Die Mehrheit der hier lebenden Muslime, darunter Konservative und etliche Konvertierte, lehnen vehement die humanistischen Begründungsversuche einer Islamaufklärung ab. Für sie ist der Islam nicht reformierbar, denn der Koran ist unveränderbares Gotteswort. Die koranische Offenbarung ist jedoch auch ein historisches Produkt des siebten Jahrhunderts. Durch freie Auslegung können die religiösen Schriften durch neue interpretierende Sinngehalte bereichert werden.

Es reicht aber nicht, zu bekräftigen, dass die Offenbarung des Korans in ihrer historischen Entstehungssituation zu verstehen ist. Mohammed war nicht nur ein Verkünder einer friedlichen Zeit im mekkanischen Koran (610-622). Er war auch ein Politiker, der zu Gewaltmaßnahmen gegen die arabischen Paganen und die Schriftgelehrten griff. Er war ein Staatsmann, der bestens die Macht des Wortes und die Gewalt des Schwertes vereinte.

Ein unabschließbarer Prozess der Interpretation

Nur der in Mekka offenbarte Koran ist zeitlos, weil er universal sinnstiftende Lehren im ethischen Sinne beinhaltet. Der medinensische Koran hingegen ist eine situationsbedingte Offenbarung, für eine irdische Gemeinde des Propheten im siebten Jahrhundert, die in ihrem historischen Wirkungskontext zu begreifen ist. Als historisch-politisches Modell passt er in seiner begrenzten, temporären Gültigkeit zu keiner modernen Gesellschaft. Nur die ethischen Werte des Korans, die man ähnlich auch im Alten und Neuen Testament findet, sind mit den westlichen Werten vereinbar.

Der Islam in seiner politischen Form ist zurzeit dabei, den friedlichen Islam zu verdrängen und sogar abzuschaffen. In seiner althergebrachten Tradition, die nicht mehr zeitgemäß ist, bekämpft er sich selbst. Auch der nicht reformierbare Islam in seinen politischen Ausprägungen zeigt sich als ernstzunehmende Konkurrenz gegenüber dem universalen ethischen Sinngehalt des mekkanischen Korans.

Nicht nur der Korantext und die Tradition des Propheten, sondern auch das historisch akkumulierte Wissen des Islams gehören zum unabschließbaren Prozess der Interpretation, die auf die heutigen Lebenswelten der Muslime reflektieren muss. Dabei können Gewaltpassagen oder die Unterdrückung der Frauen im Korantext und in der Tradition des Propheten durchaus abgelehnt werden.

Emanzipation in der Religion

Der historische Mohammed als Verkünder einer Offenbarung und als Staatsmann ist nur ein Mensch mit menschlichen Fehlern und Schwächen. Deshalb dürfen seine politischen Taten kritisiert werden. Dem Korantext ist zu entnehmen, dass er nur ein Mensch sei (Koran 18:110), der immer wieder von Gott kritisiert wird (Koran 80:1-10 und 2:272). Auch die Tradition des Propheten als ein menschliches Konstrukt, das zwei Jahrhunderte nach dem Tod des Propheten aus verschiedenen ideologischen Gründen entstand, ist in Frage zu stellen und besonders jene Überlieferung, die dem zeitlosen mekkanischen Korantext mit seinen universellen Lehren im ethischen Sinne in großen Teilen widerspricht.

Die Aufklärung des Islams hat die Aufgabe, die historisch akkumulierte Wissenstradition von menschengemachtem, oft patriarchalischem Ballast zu befreien. Die fortdauernde Unmündigkeit der Muslime zeigt sich in der blinden Übernahme von herkömmlichen Denksystemen der Islamgelehrten aus vergangenen Epochen. Durch den Gebrauch der kritischen Vernunft können sich die Muslime in ihrer Religion emanzipieren und zum aktiven Akteur der Selbstbestimmung ihrer religiösen Identität werden.

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Time am 28. August 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/der-islam-braucht-eine-reformation-14407083.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Schlagwörter:

Eine Antwort to “Er bekämpft sich selbst”

  1. Sophist X Says:

    Leute wie Abdel-Hakim Ourghi hat der Islam seit Jahrhunderten erfolgreich bekämpft, und zwar gemäß den Vorschriften des ‚Propheten‘ mit allen Mitteln brutaler Gewalt.

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