Stoppt die „Entwicklungshilfe“

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Lesen Sie einen Artikel von Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke, den ich bei „FAZ.NET“ aufgetrieben habe (1).

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Entwicklungshilfe bringt nichts

Die Bundeskanzlerin meint, durch Entwicklungshilfe ließe sich die Zuwanderung nach Deutschland begrenzen. Das ist ein Irrglaube.

Kürzlich sah ich in den Fernsehnachrichten die Bundeskanzlerin in Addis Abeba. Da war ich auch schon, schoss es mir durch den Kopf – der erste Gedanken des geübten Touristen beim Fernsehbild einer exotischen Kulisse. Aber wie die Kanzlerin war auch ich nicht als Tourist dort.

Ich besuchte die äthiopische Hauptstadt Anfang der achtziger Jahre als Mitglied einer Delegation des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Prüfung der äthiopischen Wirtschaftspolitik. Diese Reise fiel in die zweite Hälfte meiner Karriere als Entwicklungsökonom. Ich hatte auf diesem Gebiet promoviert und eine Lehre bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau als Ökonom für Entwicklungshilfe gemacht. Meine Arbeit beim IWF hätte der ultimative Karriereschub sein können, wenn ich nicht zwei Jahre nach meinem Besuch in Addis Abeba der Entwicklungsökonomik endgültig Adieu gesagt hätte. Der Grund für die Aufgabe meines Jugendtraums war Ernüchterung: Ich hatte gelernt, dass sich wirtschaftliche Entwicklung von Ökonomen nicht planen lässt und Entwicklungshilfe vor allem den Helfern hilft. Ich sattelte um und wurde Finanzökonom – aber das ist eine andere Geschichte.

Manche Leser werden meine Einschätzung des Entwicklungshilfegeschäfts als Folge persönlicher Enttäuschung sehen, die sich nicht verallgemeinern lässt. Doch dem ist nicht so. In einem im November 2008 in der renommierten Review of Economics and Statistics veröffentlichen Aufsatz kommen Raghuram Rajan, ehemaliger Chefvolkswirt des IWF und Gouverneur der Bank von Indien, und sein Ko-Autor Arvind Subramanian zum gleichen Schluss. Nach der Auswertung der Daten von 239 Entwicklungsländern finden sie, dass es keinen Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe und Wachstum gibt und es dabei keinen Unterschied macht, in welchen Regionen der Welt die Hilfe gewährt wird, wie die Wirtschaftspolitik der Empfängerländer aussieht, oder in welcher Form die Entwicklungshilfe erfolgt. Zwar mag es immer noch im Entwicklungsgeschäft tätige Leute geben, die das anders sehen, aber die praktische Erfahrung und wissenschaftliche Analyse sprechen gegen den Erfolg von Entwicklungshilfe.

Entwicklungshilfe beseitigt die Fluchtursachen nicht

Doch zurück zur Bundeskanzlerin. Sie war auf ihrer Afrikareise, um die „Fluchtursachen“ zu bekämpfen. Gemeint sind damit Kriege und mangelndes Wirtschaftswachstum auf dem afrikanischen Kontinent. Geschätzte 50 Millionen Afrikaner sitzen auf ihren gepackten Koffern und wollen zu uns kommen, um der Misere ihres Kontinents zu entkommen. Mit Entwicklungshilfe können wir diese Fluchtursachen aber nicht beseitigen. Dann bleiben eigentlich nur drei weitere Möglichkeiten, mit dem erwarteten Ansturm aus Afrika umzugehen: Afrikanische Potentaten dafür zu bezahlen, dass sie ihre Bevölkerung an der Flucht hindern; zu akzeptieren, dass wir „afrikanischer werden“; oder die Einwanderer an den Grenzen der Europäischen Union zurückzuweisen. Die erste Möglichkeit ist nicht nur ethisch fragwürdig, sondern vermutlich ebenso ineffizient wie die Entwicklungshilfe. Afrikanische Potentaten werden zwar gerne die Hand aufhalten, aber wohl kaum ihre Landsleute von der Emigration abhalten können und wollen. Es bleibt die Alternative zwischen offenen Grenzen und Grenzschutz.

Diese Alternative ist Sprengstoff für die EU. Nach den Erfahrungen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist unser Nationalbewusstsein auf ein sehr überschaubares Maß geschrumpft. Zunächst hätten wir am liebsten die deutsche Nationalität in einer europäischen aufgehen lassen. Dann schwärmten wir für ein „buntes Deutschland“, in dem wir unsere uns unheimlich gewordene deutsche Kultur mit fremden Einflüssen durchmischen wollten. Das sehen andere europäische Völker, denen unsere Komplexe fremd sind, ganz anders. Mangelnde Grenzkontrolle und ungezügelte Einwanderung waren wesentliche Motive dafür, dass die Engländer für den „Brexit“ gestimmt haben. Die Osteuropäer machen ihre Grenzen dicht, da sie fürchten, Zuwanderung würde ihren Volkscharakter verändern. Italien erfährt erst jetzt, dass die Ankömmlinge aus Afrika nicht mehr von allein in die Nachbarländer verschwinden. Sogar Frankreich, der unverzichtbare Partner Deutschlands in der EU, fürchtet sich vor weiterer Zuwanderung, nachdem die Integration der aus den früheren Kolonien gekommenen Nordafrikaner misslungen ist.

Wenn wir der EU noch eine Chance geben wollen, dann werden wir „europäischer“ statt „afrikanischer“ werden müssen. „Europäischer“ werden heißt da, die Zuwanderung aus Afrika zu begrenzen und an den EU-Grenzen strikt zu kontrollieren.

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Time am 22. Oktober 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mayers-weltwirtschaft/mayers-weltwirtschaft-entwicklungshilfe-bringt-nichts-14493260.html

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