Im Interview: Hans Belting

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Hans Belting, emeritierter Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie, gehört zu den Mitbegründern der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und lehrte unter anderem an Hochschulen in München, Heidelberg und Chicago. Ursula Scheer hat ihn für „FAZ.NET“ interviewt (1).

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Im Westen hat das Antlitz eine andere Bedeutung als im Orient

Das Burkaverbot in den Niederlanden zeigt, dass die islamische Vollverschleierung in Europa als Kulturbruch verstanden wird. Warum ist das so?

Herr Belting, Sie haben sich intensiv mit der Rolle des Gesichts in unserer Kultur befasst. Inwiefern berührt die Debatte um die Vollverschleierung der muslimischen Frau einen Kernbereich unserer Zivilisation?

Das Gesicht ist Ausdrucksträger und als solcher auch Zeichenträger der Person in der europäischen Kultur. Wir haben in unserem Kulturkreis keinen Schleier vor dem Gesicht, aber die Maske als Gegensatz des offenen Gesichts. Deswegen bewerten wir den Schleier als Maske und nicht als Diskretion. Die Maske entstammt der Welt des antiken Theaters und hat in der Moderne ihre Bedeutung als Zeichenträger an das Gesicht abgegeben. Das echte Gesicht steht in unserer Kultur für den Ausdruck der Wahrhaftigkeit, aber auch der Gefährdung. Man kann sein Gesicht verlieren.

Wie entwickelte sich die europäische Geschichte des Gesichts nach der Antike?

In der christlichen Religion verbindet sich das Gesicht mit der theologischen Frage nach dem wahren Gesicht Christi. Die Geschichte der Ikone beginnt mit der Debatte um die Doppelnatur Jesu. Welches Gesicht zeigt er? Im Theater der Renaissance wird die antike Maske nicht mehr eingeführt, sondern das Gesicht übernimmt ihren Rollencharakter. Im 18. Jahrhundert schließlich wird das höfische Gesicht zum Stein des Anstoßes.

Das stark geschminkte, zur Maske erstarrte Gesicht?

Ja. „Persona“ ist bekanntlich der lateinische Begriff für Maske, bevor er die Person kennzeichnet. Das Rollengesicht wird im Zeitalter der Aufklärung zum Ziel der Angriffe. Rousseau will das höfische Maskengesicht herunterreißen. Es war eine Forderung nach Wahrheit.

Gesicht zu zeigen verbindet sich mit politischer und gesellschaftlicher Partizipation und Repräsentation.

Dabei handelt es sich um eine Paradoxie. Das öffentliche Ich, im Englischen Persona, stellt sich mit dem Gesicht dar und entzieht sich dem Blicktausch. Deswegen verlangt man heute von den Medien so gerne, dass sie hinter dem öffentlichen Gesicht das echte Gesicht einfangen.

Gesicht ist nicht gleich Gesicht.

Ja. Auch das natürliche Gesicht kann Kommunikation verweigern. Wer sein Gesicht verschließt, entzieht sich der Lesbarkeit.

Wie sind die Sichtbarkeit des Gesichts und der Stellenwert des Individuums in der Kunst- und Kulturgeschichte miteinander verbunden?

In der Renaissance wird das Porträt die wichtigste Bildgattung für die Repräsentation einer Person. Im europäischen Tafelbild macht das Porträt das Selbst zum Thema. So wird das Porträt mit seiner gesellschaftlich kodierten Sichtbarkeit zum Träger des Individualisierungsprozesses.

Und das Gesicht wird zum Statthalter des Individuums, Ausdruck seiner Würde.

Aber die Situation bleibt paradox: Das Gesicht stellt die Person dar, aber stellt auch die Person aus.

Die Maske im europäischen Kulturkreis hat ihren Ort im Kult, im Theater und im Karneval, in zeitlich begrenzten Spektakeln, in denen Rollenwechsel einer sozialen Übereinkunft folgen.

Das wiederum führt zu der Vorstellung, dass die Maske ihren Träger befreien kann. Wie Nietzsche sagt, ist man nur frei in der Maske. Und Oscar Wilde führt den Gedanken weiter, wenn er sagt: Wenn du von jemandem wissen willst, was er wirklich denkt und fühlt, dann setze ihm eine Maske auf, und er wird es dir sagen.

Weil sie eine asymmetrische Situation schafft: Ich sehe etwas von dir, was du von mir nicht siehst?

Genau. Eine asymmetrische Blicksituation bedeutet immer Machtgewinn oder Machtverlust. Für die eine oder die andere Seite.

Diesen Effekt zeitigt auch die Vollverschleierung der Frau. Gibt es in der europäischen Kultur eine vergleichbare Tradition des Gesichtsentzugs?

Man kann die Halbmaske der italienischen Commedia dell’Arte sicher nicht dazurechnen und auch nicht den Karneval, denn in den Spektakeln wird uns ja ein anderes Gesicht gezeigt oder geradezu aufgedrängt, ein Gesicht, in dem wir einen Typus erkennen. Aber das ist eine andere Ebene. Eine Analogie zum blickdichten Tuch vor dem Gesicht oder dem vergitterten Blick der Burka haben wir nicht.

Beispiele für ähnliche Verhüllungen im Westen sind der Henker, der Räuber und der vermummte Demonstrant, die unerkannt Gewalt ausüben wollen. Liegt darin ein Grund, dass die Vollverschleierung auf Aversionen stößt?

Das kann ich mir schon denken. Und dann gibt es noch den religiösen Bereich: Karfreitagsprozessionen…

…in denen Büßer sich unter Stoffhauben verbergen…

…und die Aneignung solcher religiös aufgeladener Symbolik etwa durch den Ku-Klux-Klan.

Keine angenehmen Assoziationen. Einer Gesichtsbedeckung, die nur die Augen freilässt, haftet etwas Unheimliches an. Warum?

Das ist interessant. Das Auge ist nicht mehr Teil des Gesichts und wird vom Gesicht nicht mehr interpretiert. Das Auge in der Maske gewinnt immer über das Auge in einem offenen Gesicht, weil es im Ausdruck nicht mehr gedeutet werden kann.

Sie werden zu Augen ohne Körper.

Ja, es handelt sich um einem körperlosen Blick. Und das ist auch bei der Verschleierung, die nur einen Augenschlitz freilässt, der Fall.

Das erinnert mich daran, dass der Ursprung der Maske im Totenkult liegen soll.

Das ist zumindest meine These. Man hat dem Totenschädel, dessen Gesicht verwest ist, das Gesicht in der Maske zurückgegeben. So werden die Toten symbolisch mit einem Leihgesicht ausgestattet.

Aus welchem Kontext stammt der islamische Gesichtsschleier?

Der Gesichtsschleier steht dort in einem viel größeren Zusammenhang. Er ist Teil von Blickregelungen im Blicktausch zwischen den Geschlechtern. Die Frau verbirgt sich. Vom Mann wird erwartet, dass er den Blick abwendet. Die Geschlechter haben sich auch in der Sprache, die sie miteinander tauschen, gleichsam verschleiert. Sie sprechen, was der Code zulässt. In der Sprache muss sich ein Mann anzeigen, dass er sich der Wohnung einer Frau annähert. Und denken Sie an die Architektur. An das Gitterfenster, hinter dem die Frau in die Öffentlichkeit blickt.

Als problematischer Anblick gilt nur die Frau. Es gibt keine Verschleierungsregelungen für Männer?

Das stimmt. Die Blickregelung betrifft aber auch Männer: Im iranischen Film seit Chomeini war es ein großes Thema, dass die Geschlechter keine direkten Blicke tauschen dürfen.

Das Argument für die weibliche Verhüllung im Islam lautet, sie schütze vor Männerblicken. Den anstößigen Blick des Mannes gibt es auch in der europäischen Kulturgeschichte. Ich denke an die Ikonographie der Susanna im Bade. Er richtet sich aber auf den Körper, nicht auf das Gesicht.

Ja, absolut. In der profanen Kunst steht aber der Körper der Frau im Vordergrund. Der Körper macht die Frau zum Objekt und entzieht ihr das Recht auf ein Subjekt. Das Gesicht ist Zeichen des Subjekts.

Weil das Gesicht uns als Ausdruck des Geistes und des Intellekts gilt?

So ist es. Seit der Antike gibt es die Metapher vom Auge als Fenster der Seele. Man ist auch relativ verletzlich durch die Offenheit des Gesichts. In den Vereinigten Staaten irritierte mich anfänglich, dass mich Frauen auf der Straße breit anlächelten, bis ich verstand, dass das eine Abwehr war gegen meinen Versuch, sie anzublicken.

Konflikte um den Gesichtsschleier gab es auch in der Kolonialgeschichte und unter westlich orientierten Herrschern im islamischen Kulturkreis.

Die französischen Kolonialherren haben den Frauen in Algerien den Gesichtsschleier verboten. Das haben aber auch Kemal Atatürk in der Türkei und der Schah von Persien getan, denn sie erachteten den Schleier als Hindernis auf dem Weg in die Moderne. Wir stehen in dieser Tradition, wenn wir den Schleier heute verbieten. Als eine moderne Gesellschaft halten wir uns für aufgeklärt und frei, und jetzt kommt in einer neuen Weltlage der Schleier zu uns. Die Debatte um den Schleier ist aber nicht mehr zu trennen von der Unterdrückung der Frau im islamischen Fundamentalismus, der in sich einen Affront enthält gegen bessere islamische Traditionen.

Gab es in der europäischen Kunstgeschichte Phasen, in denen die Frau nicht bildwürdig gewesen wäre?

Nein, Maria hat im Monotheismus die Frau in der Religion bildwürdig gemacht.

Und doch ist das meist besuchte Bild im Louvre die Gioconda.

Ja, weil ihr Lächeln so unergründlich ist. Ihr Lächeln scheint ein Geheimnis zu bergen. Und man darf nicht vergessen, dass sie eines der frühesten Porträts war, das das Lächeln zugelassen hat.

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Time am 1. Dezember 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/burkaverbot-das-gesicht-spielt-im-westen-eine-groessere-rolle-14552542.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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Eine Antwort to “Im Interview: Hans Belting”

  1. Sophist X Says:

    Immerhin kommt er nach seinem etwas schlingernden Exkurs dann noch auf den Punkt:
    Die Debatte um den Schleier ist aber nicht mehr zu trennen von der Unterdrückung der Frau im islamischen Fundamentalismus, der in sich einen Affront enthält gegen bessere islamische Traditionen.

    Wobei die besseren islamischen Traditionen eben nur weniger islamisch sind.

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