Unterdrückerreligion

zeitfahrer

1989 schrieb der amerikanische Autor Poul Anderson seinen Roman „The boat of a million years“ (dt. „Zeitfahrer“). Hier ein Ausschnitt (Heyne 1994, S. 107-109):

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Aliyat hatte nicht vorausgesehen, was der Übertritt zum Islam veränderte. Der Islam war zu plötzlich über Syrien hereingebrochen. Zabdas hatte ihn studiert, ehe er sich zu diesem Schritt entschloss. Sie lernte diese Religion erst hinterher kennen. Der Prophet hatte den Frauen die alten Gebräuche Arabiens vorgeschrieben. In der Öffentlichkeit mussten sie den Schador tragen, den dichten Schleier, der alles bis auf die Augen verhüllte. Daheim ebenfalls, wenn ein Mann anwesend war, ausgenommen der Vater, Ehemann, Bruder oder Sohn. Unkeuschheit wurde mit dem Tode bestraft. Frauen und Männer wohnten in getrennten Räumen, als sei eine unsichtbare Wand durchs Haus gezogen mit einer Tür, zu der nur der Herr des Hauses den Schlüssel besaß. Die Unterwürfigkeit der Frau dem Ehemann gegenüber war nicht durch Gesetz und Sitte bestimmt, wie bei Christen und Juden. Während der Dauer einer Ehe hatte der Mann das Recht, eine ungehorsame Frau zu verstümmeln oder zu töten.

Außer Einkäufen auf dem Markt hatte sie mit der Außenwelt absolut nichts zu tun. Er, die gemeinsamen Kinder und sein Heim waren ihr einziges Universum. Für sie gab es keine Gebete in der Moschee. Und das, was sie vom Paradies zu erwarten hatte, war alles andere als paradiesisch.

Dies erklärte Zabdas ihr Stück für Stück, wenn immer sich die Gelegenheit bot. Aliyat war nicht sicher, daß das Gesetz ganz so einseitig war. Bestimmt wurde es in vielen Familien abgemildert. Aber wie dem auch war: Sie war praktisch seine Gefangene. Sie musste sich sogar den Trost des Weines versagen. Nach der ersten Wut fand sie dies aber nicht allzu schlimm. Sie hatte sich damit manchmal öfter getröstet, als weise war.

Seltsamerweise fand sie sich im Laufe ihrer nächsten Monat als Muslimin weniger einsam als zuvor. Die weiblichen Mitglieder des Haushaltes – wohl oder übel zusammengepfercht – Aliyat, die Sklavinnen, aber auch die Frauen und Töchter der beiden Söhne Zabdas, die ebenfalls nach Tadmor gekommen waren stritten anfangs furchtbar, fingen dann aber an, einander zu vertrauen. Sowohl ihre Stellung wie auch, dass sie nicht alterte, hatte sie abgesondert. Jetzt, in geteiltem Leid, konnten die anderen Frauen darüber hinwegsehen, vor allem als sie merkten, daß Aliyat alles tat, um ihnen zu helfen, wenn sie mit ihren Kümmernissen zu ihr kamen.

Und ganz allmählich merkte Aliyat, daß sie in Wahrheit nicht ganz isoliert war. Sie lernte mehr von der Stadt kennen, als sie seit Barikais Tod davon gesehen hatte. Sie selbst war in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt; aber Frauen niedrigeren Ranges hatten alle möglichen Dinge dort zu erledigen, und diese hatten wiederum Verwandte, mit denen sie bei jeder Gelegenheit klatschten. Niemand achtete auf so unwichtige Personen und vermutete, dass sie so scharfe Augen und Ohren hatten. So wie die Berührung einer Fliege ein Spinnennetz in Schwingungen versetzt, so dass die Spinne im Zentrum ihre Ankunft erfährt, so erreichten auch viele Informationen Aliyat.

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Time am 9. Dezember 2016

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Eine Antwort to “Unterdrückerreligion”

  1. wolaufensie Says:

    Ach ja, hab von Poul Anderson damals „Dominic Flandry Agent im All“ und „Zwischen den Milchstraßen“ gelesen … ging so.

    …und hier eine Reise in der Berliner Zeitmaschine.
    In einem Jahr gleich 1000 Jahre übersprungen nach vorne und hinten. Wir leben in einer postfaktischen Welt ohne Industrie, ohne Polizei, ohne Militär, ohne Justiz, ohne Grenzen und die
    Integration läuft weiterhin super,
    die Emanzipation auch super
    und wenn es mal ein kleines biss.chen haken sollte hilft :
    „Gewalt ist immer auch ein Hilferuf“
    Claudia Roth

    …und alles ist dann gut.

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