An Wahnsinn grenzende Debatte

jemen

Im Land der Riesenklorane.
Mit den Jemeniten dort hat es Alla offenbar
weniger gut gemeint.

In der „Islamischen Zeitung“ hat Armin Begić einen interessanten Artikel veröffentlicht (1). Er echauffiert sich über die Ungerechtigkeit und Ungleichheit, die zwischen Männern und Frauen in „zig muslimischen Communities“ herrscht und die Versessenheit auf weibliche Jungfräulichkeit. Er zitiert (und damit tue ich das, was ich eigentlich von meinen Gegnern Brux und Ostner erwartet hätte: Ich bringe einen positiven Kloranvers) das böse Buch. Hier die Passage (33/35):

„Gewiss, muslimische Männer und muslimische Frauen, gläubige Männer und gläubige Frauen, ergebene Männer und ergebene Frauen, wahrhaftige Männer und wahrhaftige Frauen, standhafte Männer und standhafte Frauen, demütige Männer und demütige Frauen, Almosen gebende Männer und Almosen gebende Frauen, fastende Männer und fastende Frauen, Männer, die ihre Scham hüten und Frauen, die ihre Scham hüten, und Allahs viel gedenkende Männer und gedenkende Frauen, für (all) sie hat Allah Vergebung und großartigen Lohn bereitet.“

Schon ganz gut, wirklich.

Vorher hatte Klo aber gesagt (33/33):

„Haltet euch in euren Häusern auf; und stellt euch nicht zur Schau wie in der Zeit der früheren Unwissenheit. Verrichtet das Gebet und entrichtet die Abgabe und gehorcht Allah und Seinem Gesandten. Allah will gewiß nur den Makel von euch entfernen, ihr Angehörigen des Hauses, und euch völlig rein machen.“

Eine klare Bindung seiner Frauen an das Haus. Und später kommt dann dies (33/50):

„O Prophet, Wir haben dir (zu heiraten) erlaubt: deine Gattinnen, denen du ihren Lohn gegeben hast, das, was deine rechte Hand (an Sklavinnen) besitzt von dem, was Allah dir als Beute zugeteilt hat, die Töchter deiner Onkel väterlicherseits und die Töchter deiner Tanten väterlicherseits, die Töchter deiner Onkel mütterlicherseits und die Töchter deiner Tanten mütterlicherseits, die mit dir ausgewandert sind; auch eine (jede) gläubige Frau, wenn sie sich dem Propheten (ohne Gegenforderung) schenkt und falls der Prophet sie heiraten will: Dies ist dir vorbehalten unter Ausschluß der (übrigen) Gläubigen – Wir wissen wohl, was Wir ihnen hinsichtlich ihrer Gattinnen und dessen, was ihre rechte Hand (an Sklavinnen) besitzt, verpflichtend gemacht haben –, damit für dich kein Grund zur Bedrängnis bestehe. Und Allah ist allvergebend und barmherzig.“

Unlimeted Sex für den „besten Menschen aller Zeiten“, abgesegnet durch das Wesen, welches das gesamte Universum geschaffen haben soll. Wenn das kein Wahnsinn ist, was könnte es sonst sein? In 33/53 wird dann die Konversation unterbunden sowie die Verschleierung weiter fortgeschrieben. Auch dürfen die Frauen des Scheusals nie wieder heiraten:

„O die ihr glaubt, tretet nicht in die Häuser des Propheten ein – außer es wird euch erlaubt – zu(r Teilnahme an) einem Essen, ohne auf die rechte Zeit zu warten. Sondern wenn ihr (herein)gerufen werdet, dann tretet ein, und wenn ihr gegessen habt, dann geht auseinander, und (tut dies,) ohne euch mit geselliger Unterhaltung aufzuhalten. Solches fügt dem Propheten Leid zu, aber er schämt sich vor euch. Allah aber schämt sich nicht vor der Wahrheit. Und wenn ihr sie um einen Gegenstand bittet, so bittet sie hinter einem Vorhang. Das ist reiner für eure Herzen und ihre Herzen. Und es steht euch nicht zu, dem Gesandten Allahs Leid zuzufügen, und auch nicht, jemals seine Gattinnen nach ihm zu heiraten. Gewiß, das wäre bei Allah etwas Ungeheuerliches.“

33/59 schließlich ist ein klares Verschleierungsgebot:

„O Prophet, sag deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen etwas von ihrem Überwurf über sich herunterziehen. Das ist eher geeignet, daß sie erkannt und so nicht belästigt werden. Und Allah ist allvergebend und barmherzig.“

Dennoch ist der Versuch ehrenwert, und vielleicht handelt es sich bei den von mir gebrachten Stellen ja auch um Übersetzungsfehler…

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Der heilige Gral:
Das Jungfernhäutchen der muslimischen Frau

Über eine leidige Debatte, die viele Lücken aufweist

Die Versessenheit nicht weniger unserer Glaubensgeschwister, vermeintlich absolute Kontrolle über fremde Vaginen zu erlangen, erreichte zuletzt in Ägypten einen neuen Höhepunkt. Mit seiner Forderung, dass Bewerberinnen an Universitäten sich zukünftig Tests unterziehen lassen sollen, die ihnen ihre Jungfräulichkeit attestieren, entfachte der ägyptische Parlamentsabgeordnete Elhami Agina über die Landesgrenzen hinweg eine Debatte, die an Wahnsinn grenzt und symbolisch eine Krankheit attestiert, an der zig muslimische Communities leiden.

Akt der Gewalt

Das Offensichtliche und Wichtigste zuerst: Die Realisierung solch eines abstrusen Gesetzesentwurfes würde einem Akt der Gewalt gleichkommen, der einen eklatanten und traumatisierenden Einschnitt in die Privatsphäre und die körperliche Integrität von Frauen darstellt. Man(n) müsse sich nur ausmalen, selbst davon betroffen zu sein und als kleine Aufmerksamkeit zum Start des Studiums – zusätzlich zu Notizblock und Stift mit Uni‐Logo – im wahrsten Sinne des Wortes in den Schritt gefasst zu werden.

Doch selbst jenseits solcher Überlegungen: Aus rein medizinischer Perspektive betrachtet ist allein der Versuch, die Jungfräulichkeit einer Frau anhand ihrer körperlichen Merkmale zu attestieren, unmöglich, da zum einen nicht jede Frau mit einem Jungfernhäutchen geboren wird und zum anderen es nicht selten schon vor dem ersten Geschlechtsakt reißen kann. Darüber hinaus müssen sexuelle Aktivitäten von Frauen keineswegs ihr Jungfernhäutchen involvieren. Was in solchen Fällen überhaupt noch Jungfräulichkeit bedeutet, wäre damit ein weiterer Diskussionsgegenstand.

Dass eine solche Untersuchung auch aus islamisch-theologischer Perspektive ohne Weiteres abzulehnen ist, beweist zum einen der Qur’an selbst, da er als Beweis für außerehelichen Geschlechtsverkehr ausschließlich eine Zeugenschaft von vier vertrauenswürdigen Personen vorsieht. Das Prinzip hinter dieser Vorschrift ist auch klar: Es ist das direkt bezeugte Handeln selbst, nicht irgendwelche anhand von körperlichen Merkmalen abgeleiteten Schlussfolgerungen zweiter Ordnung, die den Beweis für einen Bruch der Vorschrift liefern. Daneben findet sich in keiner Hadith-Sammlung ein Hinweis darauf, dass der Prophet Muhammad, Friede und Segen auf ihm, je jemanden unterwies, die Genitalien seiner Gefolgschaft zu analysieren. Auch unternahmen Rechtsgelehrte jeglicher Rechtsschulen über die islamische Geschichte und verschiedenste Herrschaftsformen hinweg nie den Versuch, die „Jungfräulichkeit“ der Menschen bis zur Abtastung ihres Intimbereichs zu attestieren und das Recht auf Intimsphäre derart zu beschneiden. Vor dem Hintergrund des islamischen Scheidungsrechts, das bekanntlich mehrmalige Verheiratungen sowohl von Männern als auch von Frauen anerkennt, ist die Heiratsfähigkeit beziehungsweise der „Heiratswert“ einer Frau explizit nicht an irgendwelche körperlichen Reinheitsvorstellungen wie etwa die Jungfräulichkeit gebunden.

Selektive Scharia-Polizei

Abgesehen von solchen – zugegebenermaßen eher theoretischen – Überlegungen stellt sich hier vordergründig eine ganz pragmatische Frage: Wieso lässt es jene Moralapostel, die stets deklarieren, die „Reinheit“ und den „Schutz der Ehre der Frau“ zu verteidigen, kalt, dass ganze muslimische Familien und Gesellschaften tagtäglich Gottes Botschaft ohrfeigen und verfälschen, indem sie der weiblichen Keuschheit Vorrang vor der männlichen geben und qur’anisch-egalitäre Richtlinien ignorieren? Oder besser gesagt: Wieso interessiert die Jungfräulichkeit des Mannes so gut wie niemanden? Wo bleibt die Sorge um den Schutz der männlichen „Ehre“?

Was spielt sich im Kopf und Herzen eines Muslims ab, der etwa mit 15 Frauen vorehelichen Geschlechtsverkehr hatte und mir im Gespräch fordernd klarmachen will, dass Gott ihm das Recht einräume, nur eine Jungfrau zur Frau zu nehmen?

Wie kann es sein, dass ein muslimischer Bekannter mir im Beisein seiner muslimischen Frau weismachen will, dass der Qur’an Männern erlaube, vor der Ehe sexuell aktiv zu sein, und es gleichzeitig Frauen streng untersage? Wie ist es möglich, dass in Situationen wie solchen, in denen sogar erfundene Qur’anbezüge zur Legitimation von patriarchalen und sexistischen Ideologien erfunden werden, keine der anwesenden Frauen es für notwendig hielt, verbal zu protestieren?

Da verwundert es wenig, dass viele Kinder und junge Erwachsene, die solchen Elternhäusern und Gemeinschaften entstammen, den vorgelebten Denkstrukturen schnell erliegen und sie selbst vertreten – so beispielsweise, wenn keiner fragt, wann der Sohn nach Hause kommt, mit wem er unterwegs ist und wohin er geht, während das Mädchen pünktlich um 20 Uhr an der Türschwelle antanzen muss. Nicht zu vergessen, dass sie akribisch aufpassen muss, ja nicht von irgendeiner lästergeilen Schwiegermutter der Cousine fünften Grades mit einem Arbeitskollegen oder Kommilitonen in der Öffentlichkeit gesichtet zu werden. Sonst ist der „gute Ruf“ schnell weg oder, um es in den Worten einer Freundin auszudrücken, „die Chance, einen anständigen Jungen zu heiraten“, flöten gegangen.

Wo bleiben wir?

Sind wir bereits so verblendet, dass wir nicht sehen, dass in unserem Umfeld dieser Wolf im Schafspelz – unter dem Deckmantel des Islam – allgegenwärtig seine Bahnen dreht? Sind unsere Herzen schon so tot, dass uns diese Ungerechtigkeit nichts ausmacht? Uns mangelt es nicht an Elan, lauthals gegen PEGIDA, AfD, Trump, Klöckner und Co. zu protestieren, hier aber schon?

Missstände in den eigenen Reihen lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen beseitigen. Das ist klar. Ein persönliches Bekenntnis zur Gerechtigkeit kann aber durchaus jeder für sich machen.

Lasst uns doch, wenn wir in unseren Kontexten mit solchen Aussagen und Fehlkonzeptionen konfrontiert werden – auch wenn wir keine großartige Lust auf lange und ermüdende Diskussionen haben – zumindest durch einen göttlichen Vers gerecht sprechen und den besten Gegenentwurf gegen diese Art der Besessenheit und religiösen Unbildung anbieten, indem wir Gott das letzte Wort einräumen, der sagt:

„Gewiss, muslimische Männer und muslimische Frauen, gläubige Männer und gläubige Frauen, ergebene Männer und ergebene Frauen, wahrhaftige Männer und wahrhaftige Frauen, standhafte Männer und standhafte Frauen, demütige Männer und demütige Frauen, Almosen gebende Männer und Almosen gebende Frauen, fastende Männer und fastende Frauen, Männer, die ihre Scham hüten und Frauen, die ihre Scham hüten, und Allahs viel gedenkende Männer und gedenkende Frauen, für (all) sie hat Allah Vergebung und großartigen Lohn bereitet.“ (Al-Ahzab, 35)

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Time am 31. Januar 2017

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1) http://www.islamische-zeitung.de/der-heilige-gral-das-jungfernhaeutchen-der-muslimischen-frau/

Schlagwörter:

Eine Antwort to “An Wahnsinn grenzende Debatte”

  1. Sophist X Says:

    Sind unsere Herzen schon so tot, dass uns diese Ungerechtigkeit nichts ausmacht?

    Ja, offensichtlich sind sie das. Es wird Zeit, das einzusehen und diesem Kult und seinen Akteuren den Rücken zuzuwenden.

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