Die Fronten waren klar

lepanto

Berthold Seewald berichtet bei der „Welt“ über die Schlacht von Lepanto (1).

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Schlacht gegen „Heilige Liga“

So verloren die Türken ihre Elite-Schützen

Als sich am Morgen des 7. Oktober 1571 die Flotten des Sultans und der Heiligen Liga vor Lepanto (heute: Nafpaktos) zum Kampf stellten, galten die türkischen Marinesoldaten als die besten ihrer Zeit. Nur wenige Stunden später hatten sie eine vernichtende Niederlage erlitten, und das Mittelmeer war wieder das „Meer der (christlichen) Römer“, als das es aus der Sicht des Islam bis zur Errichtung des Osmanischen Weltreichs gegolten hatte. Damit zählt die Schlacht von Lepanto zu den großen Wendemarken der Geschichte.

Nicht nur politisch und militärisch. Denn die vereinigte Flotte von Venedig, Spanien, Genua und Papst verdankte ihren unerwartet klaren Sieg ihrer Technologie, überlegenen Schiffen und vor allem überlegener Feuerkraft. So wurde Lepanto auch zu einer wichtigen Episode im Siegeszug der Feuerwaffen. Denn sie hatten der gefürchteten Elitetruppe der osmanischen Bogenschützen Verluste beigebracht, von denen sich diese nie mehr erholen konnte.

Bei Lepanto am Ausgang des Golfs von Korinth trafen die Schiffe der Heiligen Liga auf die osmanische Flotte.

Der Kriegsplan war denkbar einfach. Beide Admiräle bildeten ein Zentrum, das von starken Flügeln unterstützt wurde. Vor der Linie der Liga-Schiffe sind deutlich die vier Galeassen zu sehen, die zuvor in Position geschleppt worden waren.

Dass Gewehren die Zukunft gehören sollte, war im 16. Jahrhundert noch keine ausgemachte Sache. Musketen waren schwer, unhandlich, teuer in Anschaffung und Unterhalt. Sie waren unzuverlässig in der Handhabung und konnten sogar dem Schützen gefährlich werden. Zudem war ihre Zielgenauigkeit erschreckend gering. Ein Schütze hatte soviel mit seiner Waffe zu tun, dass er selbst während eines Gefechts des Schutzes durch Kameraden bedurfte.

Bögen, zumal zusammengesetzte Reflexbögen, hatten eine Entwicklungsstufe erreicht, die auch später nicht weiter zu vervollkommnen war. In drei großen Schlachten des Hundertjährigen Krieges – bei Crécy, Poitiers und Azincourt – hatten englische Bogenschützen ganze französische Ritterheere ausgeschaltet. Der Untergang des gepanzerten Reiters am Ende des Mittelalters war zu guten Teilen das Werk von Bogenschützen. Sie konnten bis zu zehn Schüsse pro Minute abgeben, die bis auf 240 Meter noch eine erstaunliche Zielgenauigkeit aufwiesen und dabei Holzplatten von mehreren Zentimetern Dicke durchschlagen konnten. Bis Gewehre zu solchen Leistungen in der Lage waren, sollten noch Generationen ins Land gehen.

Das Ziel der Supermacht war Zypern

Es war denn auch nicht zuletzt das Vertrauen in die Überlegenheit seiner etwa 8000 Bogenschützen, die den türkischen Admiral Ali Pascha bewog, trotz der drohenden Herbststürme seine sichere Position vor Zypern zu verlassen und der christlichen Armada offensiv entgegenzutreten. Deren Ziel waren die venezianischen Besitzungen auf Zypern, die Sultan Selim II. dem von seinem Vater Süleyman dem Prächtigen ererbten Imperium einverleiben wollte.

Die Furcht vor der islamischen Supermacht hatte das politische Wunder ermöglicht, dass Papst, Spanien und Venedig ihre Differenzen für eine Weile zurückstellten und sich in der „Heiligen Liga“ zusammenschlossen. Nur weil Genua und Pisa auf ihrem Gebiet die Werbung von Matrosen erlaubten, konnte die gut 200 Galeeren umfassende Flotte bemannt werden. Ob diese zusammengewürfelte Truppe aus 40.000 Matrosen und 28.000 Soldaten den Anmarsch überstanden hätte, ist eine Frage. Sie stellte sich nicht, weil die Türken im Golf von Patras die Schlacht annahmen. Diese verfügten über mindestens 260 Schiffe mit deutlich größerer Besatzung.

Doch Liga-Admiral Juan de Austria, ein unehelicher Sohn Kaiser Karls V., hatte einen Trumpf in der Hinterhand. Im Arsenal von Venedig, der leistungsfähigsten Manufaktur Europas, hatten die Baumeister sechs schwimmende Ungetüme auf Kiel gelegt. Diese sogenannten Galeassen konnten bis zu 1000 Mann Besatzung aufnehmen und verfügten an Heck und Bug über Kastelle, deren Fronten aus verstärkten Holzplanken gebildet waren. Dahinter waren 30 Geschütze positioniert, was der Feuerkraft von sechs Galeeren entsprach. Obwohl mit Ruderern und Segeln ausgerüstet, mussten die Giganten in ihre Position geschleppt werden, was vor Lepanto mit knapper Not gelang. Je zwei bezogen vor dem Zentrum und den Flügeln der Liga-Flotte Stellung.

Zwar versuchten die Türken, mit Schnellruderern in den Rücken der Alliierten zu gelangen. Aber deren Admiräle erkannten das Manöver und schlossen die Lücken. Die Galeassen aber rissen die osmanische Front buchstäblich wie Wellenbrecher auf, als die Linie aufbrach, griffen die christlichen Schiffe an. Auf engstem Raum kam es zu Duellen Schiff gegen Schiff.

In dieser Situation entschied einmal mehr die Feuerkraft. Eine gute Chance für die türkischen Bogenschützen, doch es kam anders als in der Schlacht von Preveza 1538, wo eine vereinigte christliche Flotte von den wendigen Schiffen der Osmanen besiegt worden war. Die erhöhten Galeassen hielten die feindlichen Galeeren auf Distanz oder zwangen ihre Besatzungen, Deckung zu suchen.

Der Kampf Schiff gegen Schiff wurde
durch die größere Feuerkraft entschieden

Als entscheidend aber erwies sich die Ausrüstung der Liga-Soldaten, von denen viele für den Kampf zu Lande ausgebildet waren. Sie verfügten im Gegensatz zu den Türken über Helm und Panzer und besaßen Gewehre. Die einen booten einigen Schutz, die anderen waren zur Bekämpfung größerer Ziele durchaus geeignet. Nach dem Entern, also beim Kampf Mann gegen Mann, erwies sich die Ausrüstung der Christen als wirkungsvoller, zumal die türkischen Bogenschützen (anders als die Elbenkrieger in diversen Tolkien-Verfilmungen) im Nahkampf nicht ihre Stärken ausspielen konnten. Sie wurden zu großen Teilen niedergemetzelt oder starben im Feuer der Geschütze.

Nachdem die Christen Ali Paschas Flaggschiff erobert und dessen abgeschlagenen Kopf als Trophäe zur Schau gestellt hatten, brach der osmanische Widerstand zusammen. Die türkischen Verluste sollten mehr als 20.000 Mann betragen haben. 117 Galeeren fielen in die Hände der Christen, die 7500 Tote und ebenso viele Verwundete zu beklagen hatten.

Der Aderlass der Schützen ließ sich nicht ausgleichen

Die hohen Verluste, vor allem aber der Mangel an ausgebildeten Schiffsbogenschützen, machten es den Osmanen unmöglich, den Seekrieg auf absehbare Zeit fortzusetzen. Das Mittelmeer wurde wieder von Flotten christlicher Mächte beherrscht, auch wenn sie sich bald wieder dem Krieg gegeneinander widmeten.

Denn der Aderlass der türkischen Schützen ließ sich in einer Generation nicht ausgleichen, schreibt der britische Militärhistoriker John Keegan, „da die Aneignung der notwendigen Fähigkeiten eine Lebensaufgabe darstellte“. Nur mit regelmäßigem Training von Kindesbeinen an konnten Bogenschützen die Leistungen erbringen, die die Engländer zum Schrecken der französischen Panzerreiter und die Türken zu Herren des Mittelmeers gemacht hatten. Mit dem Gewehr zu schießen, konnte ein Rekrut binnen weniger Monate erlernen. Und mit jedem Modernisierungsschub verbesserten sich Handhabung, Reichweite und Treffsicherheit der Handfeuerwaffen.

Hinzu kamen politische Erwägungen, die Königin Elisabeth I. von England kurz darauf den Befehl geben ließ, den berühmten Langbogen aus der Waffenliste ihres Militärs zu streichen. Ihre Fertigkeiten mit der Waffe erwarben Engländer durch ständiges Üben während ihres Zivillebens als Handwerker oder Bauer. Das bedeutete, dass eine große Zahl der Untertanen über eine hocheffektive Waffe verfügte, die sich jeglicher Kontrolle entzog. Soldaten, die ihre Ausrüstung von königlichen Zeugmeistern erhielten, garantierten das Gewaltmonopol des Staates ungleich zuverlässiger als eine Miliz, die für Verführungen anfälliger war.

Im Osmanischen Reich gab es dieses Problem nicht, rekrutierten sich die Bogenschützen doch aus Kriegersklaven, den Janitscharen. Dennoch tauschten auch diese ihre Bögen gegen Gewehre. „Lepanto markierte das Ende einer Tradition, die nicht wiederhergestellt werden konnte“, schreibt der Militärhistoriker John Guilmartin.

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Time am 16. Februar 2017

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1) https://www.welt.de/geschichte/article162116593/So-verloren-die-Tuerken-ihre-Elite-Schuetzen.html

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