Kein wirkliches Vertrauen

Nando Sommerfeldt und Holger Zschäpitz berichteten bei der „Welt“ über das Anlageverhalten der Torks (1).

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Die Türken flüchten in Dollar und Euro

Wer in diesen Tagen die privaten Geldströme der Türken analysiert, erkennt schnell: Viele von ihnen haben offenbar nicht besonders viel Vertrauen in die Zukunft ihrer Währung.

Während sich die türkische Regierung vom Westen entfernt, tun viele Landsleute das Gegenteil. Sie tauschen Lira in Devisen. Geht das so weiter, könnten sie Erdogan in Schwierigkeiten bringen.

Wer wissen will, wie die Menschen wirklich ticken, muss auf ihr Konto schauen. Wie sie Gelder verschieben oder investieren, so denken sie wirklich über die Zukunft ihres Landes. Wer in diesen Tagen die privaten Geldströme der Türken analysiert, erkennt schnell, dass viele von ihnen offenbar nicht besonders viel Vertrauen in die Zukunft ihrer Währung haben.

In den Tagen nach dem Referendum haben Privatleute und kleinere Unternehmen massenhaft türkische Lira in Devisen wie Euro und Dollar getauscht. Allein in der vergangenen Woche berichten lokale Banker von Umschichtungen in Höhe von umgerechnet rund zwei Milliarden Dollar. Laut Finanznachrichtendienst Bloomberg halten die Türken umgerechnet 157 Milliarden Dollar ihrer Einlagen in harten Devisen.

Das Verhalten der Bevölkerung steht im scharfen Kontrast zur Stimmung an den internationalen Finanzmärkten. Dort nämlich trommeln die Geldhäuser wie Deutsche Bank oder Credit Suisse derzeit für die Lira. Nach dem Referendum kehre Stabilität ins Land zurück, lautet ihre Meinung. Außerdem biete die Lira mit zwölf Prozent Verzinsung eine attraktive Rendite für Investoren und Spekulanten.

Türken trauen ihrer Lira nicht

Die Einheimischen haben offensichtlich Zweifel an dem Comeback. Sie verzichten lieber auf die zweistellige Lira-Verzinsung und haben ihr Geld in Dollar oder Euro liegen, für die es keine ordentliche Rendite gibt. Bei den Türken ist es üblich, einen Teil der Ersparnisse in harten Devisen zu halten. Das liegt in der Geschichte der Lira begründet. Die genießt auch in der eigenen Bevölkerung einen Ruf als Weichwährung. An dem Image konnte selbst ein heftiger Währungsschnitt im Jahr 2005 nichts ändern.

Damals wurden einfach sechs Stellen gestrichen, nicht zuletzt, um das Geld im Alltagsgebrauch wieder handhabbar zu machen. Preise in Millionen oder Milliarden Lira waren einfach zu unübersichtlich geworden. Nach der Währungsreform von 2005 konnte sich die Lira zwar zwischenzeitlich stabilisieren, doch seit 2011 geht es mit dem Kurs wieder abwärts. Seither hat die Lira zum Dollar rund 60 Prozent ihres Wertes.

Rund 40 Prozent der Einlagen lauten auf Euro oder Dollar. Damit sind die türkischen Bürger selbst ein wichtiger Faktor für den Wert ihrer Währung. Sollten sie weiter die heimische Lira meiden und ihr Geld in Devisen bunkern, kann die Lira nicht nachhaltig florieren.

Präsident Erdogan weiß offenbar selbst, dass er stärker um das Vertrauen seiner Bürger buhlen muss. Nur so ist es zu erklären, dass die türkische Bundesbank am Mittwoch überraschend die Zinsen erhöht hat. Viele Experten hatten zuletzt immer wieder die Unabhängigkeit der Währungshüter infrage gestellt. Denn Erdogan machte keinen Hehl daraus, wie sehr er hohe Zinsen „hasst“.

Doch nun hat er offensichtlich stillgehalten. So sehr das Land, auch angesichts der hohen Arbeitslosenquote, einen Konjunkturimpuls durch sinkende Zinsen gebrauchen könnte. Umso dringender scheint jedoch auch das Problem der hohen Inflation. Die Bevölkerung fürchtet um ihre Ersparnisse. Und bevor die Flucht in ausländische Devisen weitergeht, akzeptiert die Regierung die eigentlich ungeliebten höheren Zinsen.

Referendum zum Thema EU-Beitritt im Gespräch

Erdogan weiß: Nur mit einer starken Währung kann er auf Dauer ein starker Präsident sein. Außerdem dürfte es ihn besonders schmerzen, dass sich seine Landsleute mit ihren Käufen von Euro und Dollar gen Westen orientieren, während das Land die Zukunft wohl außerhalb der Europäischen Union sieht. Offen wird über einen Abbruch der Beitrittsgespräche gesprochen, sollte das Land, wie von Erdogan angedeutet, die Todesstrafe wiedereinführen. Der türkische Präsident hatte am Dienstag in einem Reuters-Interview erklärt, ein Referendum zum Thema EU-Beitritt zu erwägen.

Der türkische Präsident Erdogan wirft der Europäischen Union vor, sein Land hinzuhalten. Man spreche bereits seit 54 Jahren über einen Beitritt der Türkei, geschehen aber sei wenig.

Sollte es zu einem Bruch kommen, könnte sich die Flucht der Türken aus der Lira noch verstärken. Um die Kriterien für die EU-Mitgliedschaft zu erfüllen, hatte die Türkei zahlreiche Reformen durchgeführt, etwa auch den Währungsschnitt bei der Lira. Auch die Unabhängigkeit der Notenbank war deutlich gestärkt worden.

Solche Reformen stünden zur Disposition, sollten die Beitrittsgespräche beendet werden. Spannend wird es sein, wie die Türken darüber denken. Man wird es an ihren Kontobewegungen sehen können.

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Time am 28. April 2017

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1) https://www.welt.de/finanzen/article164036204/Die-Tuerken-fluechten-in-Dollar-und-Euro.html

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