Türken türken (#2)

Dass die Ermächtigung Fuhrergans getürkt worden ist, war mir von Anfang an klar.

Lesen Sie einen Bericht von Axel Weidemann von „FAZ.NET“ (1).

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Machen Sie sich ein Bild vom „Jein“

Als Midori Kocak hörte, dass Türken von ihren Vorgesetzten gezwungen wurden, beim Referendum mit „Ja“ zu stimmen, bastelte sie eine App. Die half, so zu tun, als habe man für Erdogan votiert. Dessen Unterstützer reagierten mit Drohungen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sein Volk Mitte April vor die Wahl gestellt: Ja (Evet) zu einer Verfassungsreform, die seine Macht noch weiter ausbaut, oder Nein (Hayir). Millionen von Türken wählten. 51,4 Prozent stimmten mit „Evet“, doch nicht alle freiwillig.

Auf türkischen Nachrichtenseiten wie „Birgün“ und „Evrensel“ tauchten Berichte auf, die davon handelten, dass Vorgesetzte ihre Position ausnutzten, ihre Angestellten zu zwingen, mit „Ja“ zu stimmen. Andernfalls werde man sie feuern. Zum Teil sollen ganze Firmen ihre Mitarbeiter dazu gedrängt haben, sich für die Reform auszusprechen. In vielen Fällen wurde ein Beweisfoto der Jastimme aus der Wahlkabine gefordert, obgleich das türkische Wahlrecht Aufnahmen der Stimmzettel verbietet.

Als Midori Kocak – eine türkische Software-Programmiererin und Netzaktivistin, die im Exil lebt – davon erfuhr, machte sie sich, wie sie sagt, „zunächst nur aus Spaß“ daran, eine App zu programmieren, mit der man das erzwungene Beweisfoto der Jastimme fälschen kann. Auf Twitter veröffentlichte sie zwei Tage vor dem Referendum folgenden Tweet: „Für Firmen, die ein Foto von der Abstimmung fordern, der Abstimmungsfoto-Creator“. Darunter stellte sie einen Link zu ihrem Programm und den Hashtag #hayir.

„Ich wusste, dass ich mit einer HTML5-Canvas-Technik die gewünschten Bilder einfach selbst herstellen konnte“, sagt Midori Kocak im Gespräch mit dieser Zeitung. Am 14. April hatte sie nach zwei Stunden Arbeit eine erste Version ihres Programms gefertigt. Dabei handelt es sich um eine Art „Evet“-Passepartout mit elf verschiedenen Hintergründen, das die Bilder der Dokumente – etwa das Foto des Personalausweises – stets in einem zufälligen Winkel einpasst, so dass am Ende nie das gleiche Foto entsteht.

Beschimpfungen und Dank

Die App, die „just for fun“ entstanden war, wurde rasch zu einer ernsten Angelegenheit, denn die Nachfrage türkischer Wähler, die sich einen echten Nutzen von der App versprachen, war groß. „Die Leute baten mich, realistischere Farben einzusetzen, ein Feature zum Hochladen des Personalausweises zu integrieren und mehr Hintergründe zur Auswahl zu stellen, damit das Programm glaubwürdiger erscheint.“ Mit so viel Resonanz habe sie nicht gerechnet, sagt Midori Kocak. Und zwar in zweifacher Hinsicht: „Es gab Beschimpfungen, Diffamierungen und Todesdrohungen von den Erdogan-Unterstützern auf der einen Seite, und Dank und Glückwünsche von jenen, die mit ,Nein‘ stimmen wollten.“

Die Geschichte einer Studentin, die noch bei ihren Erdogan-treuen Eltern wohnt, habe sie, sagt Midori Kocak, besonders berührt. „Ihre Eltern drohten ihr, dass sie sie zu Hause rausschmeißen, wenn sie mit ,Nein‘ stimme.“ Kocak habe ihr daraufhin bei der Erstellung des Bildes geholfen, so dass die Studentin zu Hause glaubhaft vorgeben konnte, dem Wunsch ihrer Eltern entsprochen zu haben. Man solle sich keine Illusionen machen: „Dass die Studentin wirklich auf der Straße landet, war alles andere als unwahrscheinlich.“ Einige Spaßvögel indes hätten schlicht ihre Freunde mit der gefälschten „Jastimme“ schocken wollen.

Drohungen von Erdoganunterstützern

Doch so sehr sich Midori Kocak über den unerwarteten Erfolg ihres kleinen Programms freut, so finster bleiben die Konsequenzen für sie. „Durch meine politische Haltung und meinen Status als Netzexpertin, die sich gegen die türkische Regierung stark macht, erhalte ich, wie viele andere auch, durchgehend anonyme Morddrohungen von Erdoganunterstützern. Sollte ich jemals zurück in die Türkei gehen, sperren die mich dort wahrscheinlich ein.“

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Time am 29. April 2017

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wie-sich-tuerken-dem-zwang-beim-referendum-mit-ja-zu-stimmen-entzogen-14989043.html

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