Was tun? (#11)

Bei der „Welt“ stellt der Psychologe Ahmad Mansour einen Zehn-Punkte-Plan zur Bekämpfung des Jihad vor (1).

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Ein Zehn-Punkte-Plan gegen den Islamismus

Wissenschaftler haben die Nachrichten von jugendlichen Salafisten ausgewertet. Sie zeichnen so nach, wie sich Jugendliche radikalisieren und dass sie oft naive Vorstellungen vom Glauben haben. In den letzten Jahren hat sich die Anzahl der Islamisten in Deutschland auf 10.000 verdoppelt. Dies sind die notwendigen Antworten der demokratischen Gesellschaft auf diese Bedrohung.

Die Reaktionen auf islamistischen Terror sind schon fast automatisch geworden. Solidaritätsbekundungen hier und da, Experten, die auf allen Kanälen erzählen, dass Terror unser Leben nicht verändern darf, und Politiker, die täglich versuchen, sich gegenseitig mit harten Maßnahmen zu überbieten – doch wo bleiben die wirklich konstruktiven Lösungsvorschläge?

Es können noch so viele Reden gehalten werden, sie werden alle nichts ändern, solange das Problem nicht an seinen Wurzeln bekämpft wird. Und die befinden sich in Deutschland, mitten unter uns. Sie befinden sich in den Klassenzimmern, in den Kinderzimmern, in den Moscheen.

In den letzten Jahren hat sich die Anzahl der Islamisten hierzulande auf 10.000 Menschen verdoppelt. Wir müssen den Wettlauf gegen die islamistischen Rattenfänger ernst nehmen und beginnen, junge Menschen wieder zu erreichen, bevor jene es tun. Es braucht ein Umdenken der Akteure der Prävention in Politik, Bildungssystem und Sozialarbeit, um auf die gefährdete Jugend zuzugehen, die gerade dabei ist, sich von unseren demokratischen Werten abzuwenden.

In sie zu investieren bedeutet auch, in den Erhalt unserer Verfassung, unseres friedlichen Zusammenlebens und unserer demokratischen Normen zu investieren. Wenn wir aus Jugendlichen Demokraten machen können, dann können wir sie auch gegen das islamistische Gift immunisieren.

Um diese Herausforderung aktiv anzugehen, muss dringend eine gezielte und nationale Strategie gefunden werden. Dafür braucht es politischen Willen – inhaltlich offen, finanziell investitionsbereit, langfristig gedacht. Und gebraucht wird dieser Wille jetzt.

1) Strategien zur Prävention

Schwerpunkt der Präventionsarbeit sind die Bildungseinrichtungen, von der Grundschule bis zur Berufs- und Hochschule. Die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK), die für das Bildungsprogramm an Schulen verantwortlich ist, wird ihre Vorgaben an das Ziel der Prävention anpassen.

An allen Schulen müssen die Fächer Ethik und Politische Bildung zur Pflicht werden. In ihnen werden aktuelles politisches und gesellschaftliches Geschehen sowie Nachrichtenthemen intensiv mit den Lernenden besprochen.

Die Jugend von heute ist sehr politisch interessiert, gerät aber oft an unseriöse Quellen. Was in der Schule nicht erklärt wird, erklären ihnen gerne die Islamisten. So finden sie Raum, ihre einfachen Schwarz-Weiß-Bilder und ihren Hass gegen den Westen unter Jugendlichen zu propagieren.

Auch das systematische Erlernen des Debattierens (nach britischem Modell), Kritisieren und Argumentieren ist Teil des Unterrichts. Der Religionsunterricht wird konfessionsübergreifend unterrichtet (Vorbild: Hamburger Modell) und ebenfalls zum Abbau von Vorurteilen und für Diskussionen genutzt.

2) Ausbildung der Pädagogen

Pädagogen lernen in ihrer Ausbildung, wie sie angemessen mit der von Radikalisierung gefährdeten Schülerschaft umgehen. Es ist auch wichtig, dass sie überhaupt lernen, zu erkennen, wann ein Schüler gefährdet ist.

Ihnen werden auch gezielt interkulturelles Basiswissen und Strategien einer stützenden Anerkennungspädagogik vermittelt, damit sie eine gewisse Sicherheit in ihrem Handeln haben und nicht länger unklar ist, wie mit bestimmten Situationen umzugehen ist.

3) Prävention im Internet

Um die Kinder und Jugendlichen von heute zu erreichen, braucht es das Internet. Im Jugendzentrum von nebenan sind die jungen Menschen nicht mehr zu finden, sie halten sich dafür täglich mehrere Stunden im Internet auf. Dort beziehen sie ihre oft fehlgeleiteten Informationen und Meinungen.

Momentan sind beispielsweise haarsträubende Verschwörungstheorien über Juden oder „den Westen“ zu einer Plage geworden. Daher benötigen wir eine digitale Sozialarbeit, die Jugendlichen im Netz aktiv begegnet.

Inhalte werden dabei „cool“ und ästhetisch ansprechend für sie präsentiert, um über die Gefahren von Islamismus, Radikalismus und blindem Gehorsam aufzuklären. Gegennarrative und differenzierte Inhalte sind hier dringend nötig.

Auch muslimische Comedians und Kabarettisten, Schauspieler und Popmusiker arbeiten an diesen Kampagnen mit, die zum Nachdenken und Diskutieren anregen sollen. Wenn wir die Demokratie wieder greifbar, attraktiv und ansprechend machen können, werden wir den digitalen Wettlauf gegen die Islamisten gewinnen.

4) Konzepte zur Elternarbeit

Bundesweit erhalten Eltern auf sie zugeschnitten Aufklärung über: Entwicklungsphasen während der Kindheit, innerfamiliäre Kommunikation, gewaltfreie Erziehung, den Sinn von Spracherwerb der Kinder, den Sinn von Sexualkunde, Schwimmunterricht, Klassenreisen und so weiter.

Besonders für Mütter als Multiplikatoren der Erziehung gibt es Angebote. Auch Sensibilisierungskurse und Fortbildungen für Erzieher, Pädagogen, Sozialarbeiter, Polizei werden während einer Übergangsphase verpflichtend. Es muss deutlich werden, dass Kultur oder Religion nicht benutzt werden dürfen, um eine Gefährdung des Kindeswohles auf irgendeine Weise zu rechtfertigen.

5) Einen Bundesbeauftragten ernennen

Islamismus muss zur Chefsache im Kanzleramt werden. Die neue Dienststelle wird die Koordination aller Behörden und Institutionen der Radikalisierungsprävention zentral leiten. Eine gezielte Strategie für den Umgang mit ideologischer Radikalisierung und deren Prävention wird erstellt und deutschlandweit umgesetzt.

Dazu werden die wirksamsten Konzepte in Deutschland und Europa erfasst und auf die Bundesrepublik übertragen. Des Weiteren wird eine Datenbasis zu islamischem Radikalismus, Antisemitismus und Fundamentalismus an Schulen und in Gemeinden geschaffen. In jedem Bundesland gibt es Vertreter des Amtes, die ihre Erfahrungen austauschen.

Auf einem jährlichen Gipfeltreffen werden sich alle Beteiligten von Kanzleramt, Bildungsministerium, Sozialministerium, Innenministerium, BKA und Experten treffen, um über den Stand der Dinge und aktuelle Planungen informiert zu werden.

6) Professionalisierung der Prävention

Fundamentalisten sind technisch, sozial, ästhetisch und strategisch auf der Höhe der Zeit. Staatliche Pädagogen sind dagegen „verstaubt“ und müssen dringend aufholen. Es besteht in Deutschland ein Wildwuchs an Präventions- und Jugendprojekten. Sie sind kleinteilig, inhaltlich willkürlich, ohne nationale Strategie und im schlimmsten Falle sogar kontraproduktiv. Eine Reform ist auch hier dringend nötig.

Die Finanzierungsmöglichkeiten dazu sind vorhanden, es fehlt jedoch an Struktur. Deshalb werden Projekte nach klaren Richtlinien konzipiert und durch unabhängige Gutachter kontrolliert. Träger und Vereine kontrollieren sich nicht länger selber. Strukturen und Finanzierung der Präventionsarbeit werden transparent öffentlich gemacht.

7) Partner sorgfältig aussuchen

Private Kooperationspartner im Kampf gegen Radikalisierung und für Präventionsarbeit werden nicht mehr nach Parteibuch oder Seilschaft ausgesucht, sondern inhaltsorientiert. Muslimische Partner müssen kritischer auf ihre Ideologie betrachtet werden. Lippenbekenntnisse oder Teilnahme an Mahnwachen dürfen nicht genügen, um als Partner akzeptiert zu werden.

Nur wer ohne Einschränkung für Demokratie, Menschenrechte, Frauenrechte, Kinderrechte und Vielfalt steht, kann Partner werden. Muslimische Verbände, die ein veraltetes, starres Islamverständnis mit Buchstabenglaube, Angstpädagogik, Geschlechtertrennung, Verbreitung von Opferrollen und Schwarz-Weiß-Bildern haben, müssen neu beurteilt und notfalls von der Zusammenarbeit ausgeschlossen werden.

8) Innerislamische Debatte fördern

Europas Muslime finden den Mut, sich den sozialen und mentalen Problemen zu stellen, die überholte Tradition und buchstabengläubige Religionsauffassung hervorbringen. In muslimischen Gemeinden wird über Ansätze zur Reform und zur Relektüre des Korans nachgedacht.

In der Demokratie heranwachsende Generationen von Muslimen entdecken im Inneren ihrer eigenen Gemeinden neue Alternativen zum religiösen Fundamentalismus. Imame und andere Verantwortliche sorgen durch Reformwilligkeit für eine Neudefinition der Beziehung zu Hierarchie, Autorität und zwischen Mann und Frau.

Neue, zeitgemäße muslimische Vorbilder, die demokratiekompatibel sind, wirken attraktiv und nachahmenswert. Damit wird den Heranwachsenden auch eine neue Möglichkeit der freien Entfaltung der Persönlichkeit gezeigt, und sie erkennen die Vorteile, Teil einer demokratischen Gesellschaft zu sein.

9) Neue Sicherheitskonzepte

Islamistische Terroristen werden sie angreifen, wo es nur geht. Daher werden wir Geld für neue Sicherheitskonzepte investieren müssen, um auf allen Ebenen einen besseren Schutz der Gesellschaft zu gewährleisten. Die Polizei braucht bessere Methoden, es müssen Gesetze zur Bekämpfung von Hasspredigern und islamistischen Strukturen entwickelt werden.

Als Gesellschaft müssen wir uns mit dem Gedanken anfreunden, nicht mehr mit dem Pkw ungestört bis kurz vor den Check-in-Schalter am Flughafen fahren zu können. All dies trägt dazu bei, dass ein Fall wie Amri sich nicht wiederholen kann. Hier unterstütze ich die Bemühungen des Innenministers für die Schaffung von bundesweiten zentralen Standards zur Bewachung und Bekämpfung von Islamismus und Terror.

10) Kultur der Inklusion

Ziel ist es, Heranwachsenden aus Einwandererfamilien die Erfahrung zu vermitteln, dass sie zur Gesellschaft und zum Staat gehören, um sie für demokratische Werte und Normen zu begeistern. In Schulen, Sportvereinen, Behörden, Ämtern unterstützt eine Kampagne mit dem Tenor „Du gehörst dazu!“ diese Haltung.

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Time am 12. Juli 2017

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1) https://www.welt.de/debatte/kommentare/article166583460/Ein-Zehn-Punkte-Plan-gegen-den-Islamismus.html

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5 Antworten to “Was tun? (#11)”

  1. Jakobiner Says:

    Ich widerspreche: Unser Hauptproblem sind nicht jene 670Gefährder und 10000 Islamisten, die man durch klaren Counterjihad bekämpfen könnte, sondern jene 1.-2 Millionen „zivilen“ Islamisten der Erdotürken, die als kontinuierlicher Störfaktor die Republik destablisisieren werden und bekämpft gehören. Zumindestens über ein Islamgesetz ala CSU, aber dazu noch wesentlich mehr.

  2. Time Says:

    Ich widerspreche auch: Unser Hauptproblem sind die um die 80% der 1,5 Milliarden Orks weltweit, die eine antijüdische, eine antichristliche und eine antisäkulare Gesinnung haben. Es sind vielleicht sogar die 90%, die den Kriegsverbrecher und Sadisten Klo H. Metzel als „besten Menschen aller Zeiten“ verehren. Um den 10% Dissidenten des Nazislahm den Ausstieg zu ermöglichen, sieht mein persönlicher Maßnahmenkatalog harsche und robuste Schritte vor wie umfassende Berufsverbote, ein totales Moscheeverbot, das Verbot, kloranische Namen zu geben und dergleichen mehr.

  3. Sophist X Says:

    Es ist sicher kein Pessimismus, zu sagen, dass die mediale Halbwertszeit dieses Zehn-Punkte-Plans unterdurchschnittlich sein wird.
    Falls man wirklich mal eine interessante Studie machen will, sollte man zählen, nach wie vielen Zehn-Punkte-Plänen (auch von wesentlich relevanteren Figuren als Mansour) drei Tage später kein Hahn mehr gekräht hat.
    Mansour liefert den Medien den aufgeklärten Quotenmoslem, der – vermutlich mit den besten Absichten – den Eindruck erwecken soll, dieser Todeskult könnte von irgendwelchen Beauftragten und Familienflüsterern in die Neuzeit upgedatet werden.
    Mansour war von der Entwicklung rund um den Globus schon widerlegt, bevor er der erste Wort in seinem Elfenbeinturm getippt hatte. Moslems, die diese Bezeichnung gemäß den Vorgaben ihrer Sektenführer verdienen, werden einen Sch… drauf geben, was irgendwelche Sozialfutzies und ‚Beauftragte‘ erzählen.

  4. charlie Says:

    Wie TIME bemerkte: das Problem sind alle Musels, die einen Verbrecher als „perfekten Menschen“ und „Vorbild für alle Muslime“ bezeichnen. Wer sich einen Mörder, Kinderf*cker, Schlächter, Sklavenhändler zum Vorbild nimmt, stellt sich automatisch außerhalb jeglicher zivilisatorischer, menschlicher Entwicklung. Fertig!

  5. Jakobiner Says:

    Ein Vorschlag zur Güte:

    „Besser wäre es die Gülenanhänger Erdogan auszuliefern, damit ein Islamist den anderen vernichtet und im Gegenzug Erleichterungen für die säkulare Opposition zu fordern.“

    Türkei: Jahrestag des Gegenputsches gegen Erdogans Gleichschaltung und die Narrative

    Erdogan feiert den mißlungenen Gegenputsch gegen seine Machtübernahme als Gründungstag seiner neuen neoosmanischen, islamistischen Diktatur, die er bis zum 100. Gründungstag der säkularen, prowestlichen Attatürktürkei als alleiniger Präsidialdiktator etablieren möchte. Den Gegenputsch nennt er „Putsch“ und auch ein „Geschenk Allahs“ und nutzt dies nun als Vorwand, auch noch die verbleibende Opposition der CHP, der prokurdischen HDP , Oppostionellen innerhalb der AKP und dem Rest des Staatsapperates und der Zivilgesellschaft zu beseitigen.

    Zum Jahrestag des Gegenputsches gibt es von Erdogan das Narrativ, dass vor allem die Gülenbewegung, die er lange gegen säkulare und laizistische Kräfte unterstützte die eigentlichen Drahtzieher des Gegenputsches seien. Der BND hält eine führende Rolle der Gülenbewegung für falsch, dennoch haben jetzt die deutsche SZ, das investigative Team der ZEIT sowohl britische Medien um den Guardian eine Beteiligung der Gülenbewegung für möglich gehalten und versuchen einen eigenen Narrativ des Gegenputsches aufzumachen. Auf Global Review haben wir darauf verwiesen, dass das türkische Militär und der türkische Geheimdienst keine Schüler islamischer Schulen oder Parteien je in seinen Reihen aufgenommen hat–weder AKP noch Gülen. Das stimmt auch und die gegenputschenden Militärs waren keine Gülenanhänger. Dennoch wird uns jetzt seitens der genannten Medien folgendes Bild vom Gegenputsch gezeichnet: Im Oktober 2015 hätten sich diverse Kreise aus dem türkischen Militär, welches eine neue Entlassungswelle befürchtete, Gülenanhängern und säkularen Kemalisten in einer Villa getroffen, um einen Gegenputsch gegen Erdogans zunehmende Gleichschaltung des Staates und seiner Gesellschaft zu planen. Der Generalstab des Militärs und der Geheimdienstchef Fikan hätten davon gewusst, es auch nicht verhindert, aber eben auch nicht aktiv unterstützt, sondern eher eine abwartende Haltung eingenommen, die keinen richtigen Putsch ermöglichte. Die genannten Medien wie die SZ zitieren nun türkische Videoquellen, in denen ein Imam der Gülenbewegung auf einem Militärstützpinkt anwesend war, sowie ein Gülenanhänger eine Polizeieinheit auf den Islam einschwor. Dies soll dann als Beweis für eine Involvierung der Gülenbewegung dienen.

    Fakt bleibt: Es ist durchaus möglich, dass sich eine Interessengemeinschaft zwischen Teilen des Militärs, des Geheimdienstes, die nicht wie beim Ergenkonprozess entlassen werden wollten mit der Gülenbewegung und Teilen der Kemalisten verbunden haben. Es ist aber einfach Blödsinn, dass der türkische Generalstab, Gülen, die CHP oder gar die HDP hinter diesem Gegenputsch als treibende Kräfte standen. Zumal auch die Erdoganmedien sich von der Sichtweise eines US-gestützten NATO-Putsches wieder verabschiedet haben.

    Der türkische Generalstab, der türkische Geheimdienst MIT und der sogenannte „tiefe Staat“ wollten schon 2007 gegen Erdogan putschen, aber zum einen mobilisierten Erdogan und die damals mit ihm verbündete Gülenbewegung dagegen, wie auch die EU, Deutschland, die USA und die NATO sich gegen einen Putsch gegen Erdogan aussprachen. Folge war, dass Erdogan die EU-Beitrittsperspektive systematisch dazu nutzte.um das türkische Militär, den Geheimdienst und den „tiefen Staat“zu entmachten und den Laizismus nachhaltig zu schwächen. Während linke und liberale EU-Erweiterungsfanatiker in den USA und der EU dies als Demokratisierung der Türkei feierten, durchblickten sie darin Erdogans Plan nicht, nun systematisch eine islamistische Diktatur zu errichten. Der Generalstab der türkischen Armee, die bisher immer Putsche organisiert und aktiv eingeleitet hatte war mittels des Ergenekonprozesses und seiner faktischen Enthauptung völlig paralysiert. Erdogan richtete da eine Art symbolisches Blutbad innerhalb des türkischen Militärs und des Geheimdienstes an, dass diese Leute nachhaltig einschüchterte. Etwas später gab es dann selektive Amnestien, eine großtürkische Agenda auch in Syrien und dem Irak, wie auch Erdogan den PKK-Kurdenhass und Nationalismus innerhalb des Militärs, des Geheimdienstes und der Kemalisten zu nutzen wusste.

    Kurz: Der türkische Generalstab und der MIT war damit auf Linie gebracht. Zumindestens soweit, dass er keine aktiven Gegenputsche gegen Erdogans weitere Gleichschaltungsmaßnahmen mehr planen wollte. Deswegen scheiterte auch der Gegenputsch von 15. Juni 2016 , da diese Kräfte bestenfalls eine abwartende Haltung einnahmen.

    Nun hat sich Erdogan nach der HDP die CHP vorgenommen und startet mit der Verhaftung eines CHP-Abgeordneten nun einen Testballon, inwieweit er damit auf Widerstand stößt, zumal es bisher zu keinerlei nennneswerten Demonstrationen und Protesten in der Zeit nach dem Gegenputsch des Militärs kam. Auch für Kemal Kiliçdaroglu, den Chef der Oppositionspartei CHP, war die Zeit offenbar reif, um „aufzuwachen“. Der Auslöser war die Verurteilung des ehemaligen Journalisten und CHP-Abgeordneten Enis Berberoglu zu 25 Jahren Haft in der vergangenen Woche. Man wirft Berberoglu vor, eine Geheiminformation an die Zeitung „Cumhuriyet“ weitergegeben zu haben. Nachdem das Urteil bekanntgeworden war, brach Kiliçdaroglu in Ankara zu Fuß in Richtung Istanbul auf. Er will zu dem Gefängnis marschieren, in dem sein Abgeordneter sitzt. Desweiteren erklärte der CHP-Chef, dass Erdogan einen „zweiten Putsch“durchführe und Widerstand geboten sei.Nun hat die CHP einen Millionenmarsch durchgeführt und reagiert Erdogan nun mit den Märtyrerfeiern zum Jahrestags des Gegenputsches gegen seine Gleichschaltungspolitik, bei der er nun auch offenen Terror, politischen Mord und die Todesstrafe gegen seine Gegner fordert, um diese weiter einzuschüchtern.

    Während Hitler gleich zu Beginn seiner Amtszeit die gesamte Opposition und deren Führung verbieten ließ und über Nacht in KZs verbrachte, verläuft der Gleichschaltungsprozess in der Türkei eher wie im Fasces-Italien Mussolinis, als der Duce das Parlament noch eine Zeit bestehen ließ und eher schrittweise vorging, bis er dann die italienische Demokratie ganz beseitigte. Nach letzterem Muster scheint nun Erdogan vorzugehen, aber die Zielrichtung dürfte jetzt schon klar sein. Nachdem nun auch das kemalistische Militär als Machtfaktor ausgeschaltet und untergeordnet ist, dürfte nun auch die Säuberung und Gleichschaltung des Staatsapperates, wie auch des Militärs und Geheimdienst als nächstes folgen. Bisher galt beim Militär das Verbot, dass Mitglieder islamistischer Parteien oder Studenten islamischer Institutionen und Akademien Studenten der Militärakademien oder Mitglieder der Generalität und des Offizierskorps werden konnten. Diese Bestimmung wird Erdogan als nächstes abschaffen, um die Ränge des türkischen Militärs zu islamisieren und mit seinen Leuten zu besetzen. Die andere Option ist, dass er wie Hitler neben der Reichswehr eben neben dem türkischen Militär auch eine Art islamistische SS aufbaut. Vorbild dabei dürften die Republikanischen Garden der Islamischen Republik Iran sein. Doch noch besteht die Möglichkeit, dass er sich zuviel Feinde auf einmal macht, wenn er HDP, CHP, AKP-dissidenten, Militär, Gesellschaft und Gülebewegung zugleich und auf einmal gleichschalten würde. Es bleibt abzuwarten, inwieweit der Protestmarsch der CHP auf Resonanz stößt und sich ausweitet und was die CHP selbst bei Amnestie ihres verurteilten Abgeordneten weiter zu tun gedenkt, insofern es dazu kommen sollte oder sich dies nicht zu einer Kraftprobe entwickelt, die eine neue Dynamik auslösen könnte.

    Inwieweit es eine wirksame Opposition geben wird, bleibt fraglich. Die kemalistische CHP sieht in der HDP eher noch eine Kurdenpartei und in der MHP zurecht eine antidemokratische, faschistische Partei, die wiederum nichts mit der HDP zu tun haben will und auch mehr mit Erdogans Ausrichtung zu einer Großtürkei und einer Diktatur sympahtisiert als mit demokratischen Kräften . Fraglich, ob sich diese Kräfte gegen Erdogans AKP behaupten können. Hinzu kommt, dass ab 2019 mittels der Einführung der Präsidialdiktatur das Parlament keine Rolle mehr spielen wird, die Gewaltenteilung aufgehoben sein wird und die Legislative, Exekutive und Judikative in den Händen Erdogans liegen wird. Letzte Chance wäre noch, dass sich CHP, HDP und MHP auf einen Gegenpräsidentschaftskandidaten einigen könnten, der Strahlkraft entwickelt, was auch sehr unwahrscheinlich ist.

    Andere Kommentatoren hoffen noch auf eine Abspaltung seitens islamokonsevativer Kräfte wie Gül, Davotoglu, etc, die eine türkisch-islamische CDU begründen könnten, die Erdogan zur Seite drängt. Auch dies ist eine sehr optiomistische Hoffnung, da erklärte Personen nichts dergleichen beabsichtigen und Erdogan schon erklärt hat, dass man nun auch die AKP von Gülenanhängern säubern müsse. Und da kann ein Gül oder Davotoglu schneller als Gülenanhänger-, sympathisant oder Terrorist gelabelt werden, als ihm lieb ist.

    Fragt sich desweiteren, ob ein Generalstreik, ein Bürgerkrieg oder ein erneuter Putsch eine Änderung herbeibringen könnte. Aber dazu fehlt scheinbar die Bereitschaft seitens CHP, HDP,des Militärs sowie der Zivilgesellschaft. Deswegen wird Erdogan wahrscheinlich seine Präsidialdiktaur bis 2013 etablieren können. Es gibt auch noch Restidioten, die uns die Gülenbewegung als Alternative zu Erdogan preisen wollen. Fakt ist: Gülen ist ebenso ein Islamist und will eine islamistische Türkei unter seiner Führerschaft wie Erdogan, nur dass Erdogan als Weg dazu eine Massenpartei wie die Muslimbrüder sieht, während Gülen in seinen Bildungseinrichtungen islamistisch-ideologische Multiplikatoren produzieren will, die ganz elitär den Staat und die Gesellschaft unterwandern und infiltrieren will, um dann seine islamistische Diktatur zu errichten. Besser wäre es die Gülenanhänger Erdogan auszuliefern, damit ein Islamist den anderen vernichtet und im Gegenzug Erleichterungen für die säkulare Opposition zu fordern.

    

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