Im Interview: Erich Schmidt-Eenboom

Lesen Sie ein Interview von Benjamin Konietzny von „N-TV“ (1).

_____

Kuds-Agenten auf deutschem Boden

„Iranische Dienste bereiten Vergeltung vor“

In mehreren Bundesländern werden Wohnungen mutmaßlicher iranischer Spione durchsucht. Was tun Teherans Agenten hierzulande? Ein Spionage-Experte berichtet im Interview über die Ziele und die lange Tradition deutsch-iranischer Geheimdienstarbeit.

n-tv.de: Was machen iranische Geheimdienste auf deutschem Boden?

Erich Schmidt-Eenboom: Eine Schwerpunktaufgabe ist die Ausspähung der iranischen Opposition in der Bundesrepublik. Dabei haben die iranischen Dienste vor allem die sogenannten Volksmudschahedin im Fokus, die ihre Europazentrale in Paris haben, aber auch in Nordrhein-Westfalen, vor allem im Raum Köln, sehr aktiv sind.

Aber sie überwachen ja nicht bloß die iranische Exil-Opposition, oder?

Nein, sie sind natürlich auch daran interessiert, die Nahostpolitik der Bundesrepublik als Führungsmacht in der EU zu beeinflussen. Eine wesentliche Rolle dabei spielt das Atomabkommen mit dem Iran. Teheran will wissen, wer in Deutschland noch an diesem Abkommen hängt und wer nicht. Hinzu kommt, dass sich das Verhältnis zwischen Israel und dem Iran seit Monaten nachhaltig verschlechtert. Die Israelis drohen durchaus mit militärischen Attacken gegen die Atomanalagen im Iran. Und da bereiten iranische Nachrichtendienste natürlich auch so etwas wie potentielle Vergeltungsmaßnahmen vor.

Vergeltung gegen israelische oder jüdische Einrichtungen oder Personen?

Ja.

Jüdische oder israelische Repräsentanten müssen also auf deutschem Boden aufgrund iranischer Geheimdienste um Leib und Leben fürchten?

Für jüdische und israelische Einrichtungen – von der Synagoge bis zur Botschaft – besteht diese Gefahr.

Auch der deutsche Politiker Reinhold Robbe wurde in seiner früheren Funktion als Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft jahrelang bespitzelt. Könnten auch deutsche Staatsbürger Opfer möglicher Vergeltungsaktionen des iranischen Geheimdienstes werden?

Da wird der Iran keine roten Linien überschreiten, denke ich. Die Lobbyarbeit Israels in Deutschland wird natürlich genau beobachtet, besonders die aktuellen Versuche, die Bundesregierung davon zu überzeugen, dass das Atomabkommen gekündigt werden sollte und dass wieder Wirtschaftssanktionen verhängt werden sollten. Da beobachtet der Iran ganz genau deutsche Politiker, die eng mit israelischen Lobbyisten zusammenwirken. Aber dass sie solchen Leuten körperlichen Schaden zufügen könnten, halte ich für ausgeschlossen. Das würde die Bundesregierung in Bezug auf den Iran endgültig ins amerikanische Lager treiben. Der Iran wird für jeden Angriff Israels Vergeltung suchen. Doch das muss nicht bedeuten, dass nach einem solchen Angriff direkt Raketen auf Tel Aviv zusteuern. Das kann auch bedeuten, dass im Ausland Funktionsträger und Lobbyisten exekutiert werden. Das würde auch in der schiitisch-arabischen Welt Billigung finden. Nicht gebilligt würde, wenn auch deutsche Staatsbürger getötet werden würden.

Wie bewerten Sie denn so eine Razzia wie am Dienstag in mehreren Bundesländern? Wie kam es zu so einem Zugriff?

Offensichtlich durch sehr gute Vorfeldaufklärung des Verfassungsschutzes. Der erarbeitet ein Gefährdungspotential für israelische und jüdische Einrichtungen auf deutschem Boden. Und offensichtlich stand eine Attacke kurz bevor. Jetzt ist natürlich die Frage, wie man Beweismaterial zusammenbekommt, um solche Personen dingfest zu machen. Meistens endet das ergebnislos. Die Beweise für eine solche unmittelbar geplante Attacke sind meistens dünn. Dennoch bleibt es natürlich ein deutlicher Warnschuss gegenüber Teheran. Die Botschaft lautet: Wir haben euch im Auge, wir wissen, was ihr plant.

Was sind das für Menschen, die in Deutschland für solche Operationen akquiriert werden? Iraner mit militärischem Hintergrund? Menschen anderer Nationalitäten? Flüchtlinge?

Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit, dass sich iranische Dienste bei Flüchtlingen Nachwuchs beschafft haben, ist recht gering. Natürlich nutzen alle Nachrichtendienste die Flüchtlingsrouten, um ihre Leute einzuschmuggeln. So wie Terrororganisationen wie der IS das auch getan haben. Auch wenn Herr de Maizière das lange bestritten hat: Es gibt genug Beispiele dafür, dass Geheimdienste diese Routen nutzen. In der Regel benötigen die iranischen Dienste aber andere Leute: junge iranische Männer mit akademischen Hintergrund, die in bestimmten militärischen Positionen, vor allem in den Kuds-Brigaden, gearbeitet haben. Der Iran erwartet also eine gute militärische Ausbildung und dass diese Leute sehr staatstreu sind. Die werden dann versteckt in Universitäten oder Tarnfirmen untergebracht. Insbesondere im operativen Bereich, also bei Hit-and-Run-Teams und für die Aufklärung, werden Personen mit einem entsprechenden militärischen Hintergrund benötigt. Die finden Sie im Grunde nur dort.

Wie waren die Geheimdienstaktivitäten zwischen Deutschland und dem Iran in der Vergangenheit?

Da hatte ich mal ein Gespräch mit einem ehemaligen Beschaffungsleiter beim Bundesnachrichtendienst. Der hat gesagt, dass die Beziehungen zum Nachrichtendienst des Schahs ausgezeichnet waren. Und der BND war dann auch der erste Nachrichtendienst, der nach der Machtübernahme der Mullahs sofort wieder, nämlich drei Monate später, Kontakte zu den iranischen Kollegen pflegte. Später, unter Bernd Schmidtbauer, Helmut Kohls Geheimdienstkoordinator, war der Iran immer einer der wichtigsten Partner bei der Arbeit im Nahen und Mittleren Osten. Austauschaktionen von Geiseln oder Leichen israelischer Soldaten gegen palästinensische Gefangene – das geschah alles unter Einbeziehung der Nachrichtendienste des Iran.

Geheimdienstkontakte zwischen Deutschland und dem Iran – das hat also Tradition?

Ja. Der BND hat ja auch die Aufgabe, Gesprächskanäle offen zu halten zu Regimen, die man sonst auf offizieller diplomatischer Ebene nur mit der Zange anfassen würde. Zur Historie gehört auch, dass es Fälle gab, in denen der BND den iranischen Nachrichtendienst mit technischem Equipment ausgestattet hat – mit Fotoanlagen, Funktechnik und dergleichen. Die Beziehungen waren also schon mal so eng, dass man den Iranern über den BND technische Hilfe gewährt hat.

Und umgekehrt: Was machen deutsche Geheimdienste im Iran?

Aufklärung durch Agenten so gut wie kaum. Es gab Ansätze dazu mal in den 90er Jahren im Umfeld der Atomanlagen. Aber diese Operationen wurden dem BND zu riskant und die Agenten vor Ort wurden abgeschaltet. Seitdem konzentriert sich der BND auf die fernmeldetechnische Aufklärung der iranischen Kommunikation auf militärischer, politischer und diplomatischer Ebene. Und da ist der BND im Weltmaßstab auch durchaus leistungsfähig.

Werden Erkenntnisse solcher Aufklärungsaktionen weitergegeben – beispielsweise an den israelischen Geheimdienst?

Das ist höchstwahrscheinlich. Sie können davon ausgehen, dass es einen intensiven Kontakt zwischen dem BND und dem Mossad gibt, vor allem, wenn es um Erkenntnisse des BND über den Iran geht.

_____

Time am 19. Januar 2018

_____

1) https://www.n-tv.de/politik/Iranische-Dienste-bereiten-Vergeltung-vor-article20236099.html

Schlagwörter: , , ,

Eine Antwort to “Im Interview: Erich Schmidt-Eenboom”

  1. Jakobiner Says:

    Es ist ein gegenteiliges, selektives, wohl durchdachtes Eliminieren von Führungspersonen der anderen Seite, wenngleich Eeehnboom ja da auch klar macht, dass der Iran nix in Deutschland macht (anders als Erdogan), um die Deutschen nicht gegen den Irandeal aufzubringen. Die USA/Israel denken aber genauso über die Exekutierung führender iranischer Persönlichkeiten im Nahen Osten nach wie umgekehrt.Man fragt sich, wieweit die USA, Saudiarabien und Israel den Konflikt mit dem Iran eskalieren wollen. Bleibt es bei verbalen Bekundungen zur Unterstützung der iranischen Proteste? Trump selbst hat schon einen Regimechange als Ziel angedeutet. Zumindestens will man jedenfalls die iranische Außenexpansion und deren Stellvertreterkriege in Syrien, Irak, Libanon und Yemen nachhaltig schwächen oder beenden. Ein wichtiger Schritt hierzu ist, dass Trump nun Israel grünes Licht gegeben hat, den Oberkommandierenden der Qudstruppen der Revolutionären Garden Soleimani zu ermorden. So berichtet Menawatch unter Berufung auf die israelische Tageszeitung Haaretz:

    „Report: U.S. Gives Israel Green Light to Assassinate Iranian General Soleimani

    Al Jarida, a Kuwaiti newspaper which in recent years had broken exclusive stories from Israel, says Israel was ‚on the verge‘ of assassinating Soleimani, but the U.S. warned Tehran and thwarted the operation

    Haaretz Jan 01, 2018 1:30 PM

    Washington gave Israel a green light to assassinate Qassem Soleimani, the commander of the Quds Force, the overseas arm of Iran’s Revolutionary Guard, Kuwaiti newspaper Al-Jarida reported on Monday.

    Al-Jarida, which in recent years had broken exclusive stories from Israel, quoted a source in Jerusalem as saying that „there is an American-Israeli agreement“ that Soleimani is a „threat to the two countries‘ interests in the region.“ It is generally assumed in the Arab world that the paper is used as an Israeli platform for conveying messages to other countries in the Middle East.

    The agreement between Israel and the United States, according to the report, comes three years after Washington thwarted an Israeli attempt to kill the general.

    The report says Israel was „on the verge“ of assassinating Soleimani three years ago, near Damascus, but the United States warned the Iranian leadership of the plan, revealing that Israel was closely tracking the Iranian general.

    The incident, the report said, „sparked a sharp disagreement between the Israeli and American security and intelligence apparatuses regarding the issue.“

    The Kuwaiti report also identified Iran’s second in command in Syria, known as „Abu Baker,“ as Mohammad Reda Falah Zadeh. It said he also „might be a target“ for Israel, as well as other actors in the region.“

    https://www.haaretz.com/israel-news/1.832387

    „4.01.2018

    Wie weit Obama für den Atomdeal ging

    „Die kuwaitische Zeitung al-Jarida berichtete am Montag, Washington habe Israel mit Blick auf die Tötung Qassem Soleimanis – des Kommandeurs der Quds-Einheit, des internationalen Arms der iranischen Revolutionsgarden – grünes Licht gegeben. Al-Jarida konnte in den letzten Jahren wiederholt Exklusivmeldungen zu Israel veröffentlichen. Die Zeitung berief sich auf eine Quelle in Jerusalem, der zufolge es ‚eine amerikanisch-israelische Übereinkunft’ gebe, dass Soleimani eine ‚Bedrohung für die Interessen beider Länder in der Region’ darstelle. Drei Jahre zuvor habe Washington einen israelischen Versuch, den General zu töten, vereitelt.

    In dem Bericht heißt es, Israel habe vor drei Jahren ‚unmittelbar davorgestanden’, Soleimani in der Nähe von Damaskus zu töten, doch hätten die Vereinigten Staaten die iranische Führung vorgewarnt und offengelegt, dass Israel den iranischen General engmaschig überwache. Dadurch sei es ‚zu einer scharfen Meinungsverschiedenheit zwischen den israelischen und amerikanischen Sicherheits- und Geheimdienstapparaten gekommen’.“ (Bericht in Haaretz: „Report: U.S. Gives Israel Green Light to Assassinate Iranian General Soleimani“)“

    https://www.mena-watch.com/wie-weit-obama-fuer-den-atomdeal-ging/

    Während für die Obamaregierung die Tötung iranischer Führer noch ein Tabu war, scheinen diese Hemmschwellen nun zu fallen. Bisher wurden nur Sanktionen gegen iranische Führer, vor allem die Revolutionsgarden und mit dem Nuklearprogramm verbundenen Persönlichkeiten und Firmen verhängt. Israel ermordete einige am Atomprogramm beteiligte Wissenschaftler, um Irans Griff zur Atombombe zu bremsen und ebenfalls wurde der Computervirus Stuxnet eingesetzt, um das Atomprogramm zu sabotieren. Nach dem Nukeardeal schien die Obamaadministration sich zurückzuhalten, die Sanktionen aufzuweichen, sich eine 10-jährige Pause im Atomstreit gönnen zu wollen, dabei aber die iranische Außenexpansion stillschweigend hinzunehmen, zumal ja auch der Islamische Staat Hauptgegner der USA war. Nach der Niederlage des Islamischen Staats hat sich nun unter der Trumpregierung der Iran als neuer Hauptgegner in der Region herauskristallisert, hat Trump es dem US-Kongreß überlassen, den Nukeardeal Obamas zu beerdigen oder nicht, mit seinem Saudiarabien- und Israelbesuch und der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie klar gemacht, dass man nun gegen Iran vorgehen werde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: