Ohne den Westen geht es nicht

Tadesse Mesfin, „Pillars of Life: „Water Bearers II“

In Dubai bewegt sich was. Lesen Sie einen Aufsatz von Lena Bopp von „FAZ.NET“ (1).

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Ein Blick aus der anderen Richtung

Die Art Dubai, die im Madinat Jumeirah Resort stattfindet, hat den Anspruch, eine der wichtigsten Kunstmessen des „Global South“, der sogenannten nichtwestlichen Welt, zu werden. Kann das gelingen?

Es klang so interessant, was Pablo de Val angekündigt hatte. Der künstlerische Leiter der Art Dubai sprach von einer neuen, „UAE Now“ getauften Abteilung, mit der sich die Kunstmesse der lokalen Szene zuwenden wolle, den Graswurzelpflänzchen am Golf. Und dann das: An drei schmalen Ständen in einem abseits gelegenen Saal des Nobelressorts „Madinat Jumeirah“ präsentierten ein paar junge Frauen eine Website, auf der sie die Arbeiten „talentierter“ Freunde versammelt hatten. Außerdem zeigten sie eine Fotosammlung von öffentlicher Kunst in den Straßen von Abu Dhabi und Skizzenbücher, in denen je ein Künstler die Zeichnungen eines anderen fortgeführt hat, etwa so wie in dem Knickbild-Spiel, das man Kindern beibringt, wenn man möchte, dass sie eine Weile still sitzen. Man durfte das als entlarvend verstehen.

Dubai zeigt sich gerne als Kunstzentrum des Nahen Ostens, und immer im März, wenn die Messe ansteht, wenn die „Art Week“ so viele Menschen in das Galerienviertel an der Alserkal Avenue lockt wie vermutlich das restliche Jahr nicht mehr und dann noch im benachbarten Sharjah die Biennale eröffnet, dann sieht es eine Weile wirklich so aus, als würde sich dieses Versprechen erfüllen. Aber Dubai muss sich, wie in vielen Marktsegmenten, auch im Kunstmarkt auf den Import verlassen. Darauf, dass es trotz aller Wirtschaftskrisen, die vor dem Emirat nicht Halt machen, noch immer über die Mittel und den Willen verfügt, alles einzufliegen, was es für eine Messe braucht, die sich mit rund 80 Galerien und 500 Künstlern nichts Geringerem als dem „Global South“ verschrieben hat. Damit sind die arabischen Länder, Südostasien, Afrika und in diesem Jahr besonders auch Südamerika gemeint – mithin fast die gesamte Welt, außer der westlichen.

Der Versuch, so etwas wie eine Gegenöffentlichkeit zu der von westlichen Institutionen und Wahrnehmungen dominierten Kunstszene aufzubauen, ist nicht neu in der Region. Er ist auch nicht verkehrt. Pablo de Val gab diplomatisch zu, es sei noch ein langer Weg. Aber ein Blick über die mit Wasserspielen und Palmen gespickten Landschaften des Messe-Ressorts reichte, um zu sehen, dass Gäste und Angestellte aus aller Herren Länder stammten. In Dubai arbeiten Menschen aus mehr als zweihundert Nationen. Das Mittelmeer, die afrikanische Ostküste, aber auch Indien und Sri Lanka sind mit Billigfliegern oft in weniger als vier Stunden erreichbar. Die Frage ist nur, ob es nötig ist, den „Globalen Süden“ auch auf Südamerika auszudehnen. Denn Pablo de Val, der lange in Mexiko lebte, bevor er vor zwei Jahren die Leitung der Messe in Dubai übernahm, hat eigens ein „Residents“ genanntes Programm aufgelegt, in dessen Rahmen zwölf Künstler aus Südamerika nach Dubai kamen und ihre Werke nun auf der Messe anboten.

Aber die entstandene Kunst wirkte so ratlos wie die Besucher, die sie betrachteten. Eine Ausnahme bestätigte die Regel: Eine echte Verbindung zwischen den Kontinenten zeigte das Künstlerduo Lina Mazenett und David Quiroga auf, das mit seinen Fotos von kolumbianischen Marschlandschaften, welche die beiden mit einfachen, in der islamischen Kunst oft verwendeten geometrischen Mustern aus Blattgold überklebt haben, an ein emiratisches Unternehmen erinnerte, das in Kolumbien in Goldminen investieren möchte (ab 6000 Dollar).

Von dieser vorsichtigen Kritik abgesehen, mahnte die Kunst vor allem, den Begriff des „Globalen Südens“ nicht zu überdehnen. Auch sollte man die Messe nicht mit Abteilungen überfrachten. Die „Bawadda“ genannte Sektion mit kleinen Soloschauen von zehn, vollkommen willkürlich ausgewählten Künstlern stand in der Halle mit der zeitgenössischen Kunst auf verlorenem Posten. Nicht nur hier zeigte sich, dass es reicht, sich auf das zu konzentrieren, was Dubai näher liegt. Dazu gehört schließlich auch die ostafrikanische Küste, von wo die Galerie „Addis Fine Art“ eine kleine Entdeckung mitbrachte. Zwei halb abstrakte Bilder von afrikanischen Frauen, die der Künstler Tadesse Mesfin als „Säulen des Lebens“ bezeichnet und auch so darstellt – hoch gewachsene, schmale Wesen, die bei der Verrichtung täglicher Aufgaben wie dem Wasserholen ihre Individualität verlieren, aber elementare Stützen einer Gemeinschaft bilden (Water Bearers II, 147 mal 112 Zentimeter, 28.000 Dollar). Beide Bilder wurden sofort verkauft.

Noch näher liegen natürlich die arabischen Nachbarländer, die traditionell gut vertreten sind, nicht nur weil Galerien aus Ramallah und Jordanien in Dubai ein viel kaufkräftigeres Publikum treffen als an ihren Standorten. Auch für Künstler aus Saudi-Arabien ist Dubai wichtiger denn je – wer reist schon nach Saudi-Arabien in diesen Tagen, in denen die „New York Times“ gerade erst von einer „schnellen Eingreiftruppe“ aus Riad berichtete, die bereits vor dem Mord an Jamal Khashoggi Dissidenten im Ausland entführt und gefoltert haben soll. Bei „Athr Art“ aus Dschiddah war entsprechend viel los. Ein Foto aus der „Desert of Pharan“-Serie von Ahmed Mater stand zum Verkauf. Bemerkenswert war aber besonders die Arbeit von Zahriah Al-Ghamdi, die in ihrer Installation „Accelerating growth“ mit Baumwolle gefüllte Lederbälle stapelte und mit feinen Schraffierungen versah. Sie erinnerten an die Felsinschriften von Al-Ula, einer archäologischen Stätte aus vorislamischer Zeit im Nordwesten des heutigen Saudi-Arabiens, die jahrzehntelang kaum zugänglich war. In den seit kurzem gediehenen Plänen des Kronprinzen, sein Land für den Tourismus zu öffnen, spielt diese Unesco-Welterbestätte aber eine zentrale Rolle. Und so ist die Entscheidung, ausgerechnet die über Al-Ula arbeitende Zahriah Al-Ghamdi als Vertreterin Saudi-Arabiens zur kommenden Biennale nach Venedig zu schicken, auch ein politisches Signal.

Solche Signale findet man in der arabischen Gegenwartskunst häufig, die deswegen eine größere Dringlichkeit ausstrahlt. Wer in einem Palästinenserlager in Beirut aufgewachsen ist, wie Abdulrahman Katanani in Shatila, dessen Leben ist seit dem ersten Tag von der ewigen Hoffnung der Palästinenser geprägt, eines Tages in ihre Heimat zurückzukehren. Aber Katanani erteilte dieser Hoffnung eine Absage, indem er den Blick mit seinen Wandfiguren „Gaza“ auf das richtete, was er im Lager tatsächlich vorfand – seien es nur Kinder, die mit Wellblech und Stacheldraht spielen. Auch der Iraker Serwan Baran griff in seiner Bilderserie „Checkpoints“ das ewige Dilemma der von Misstrauen zersetzten arabischen Gesellschaften auf. Schließlich stellte sich Walid Raad einer Frage, die jedem schon in den Sinn gekommen sein dürfte, der vor Bildern von Künstlern wie Huguette Caland stand: Wie kann es sein, dass jemand, der den Krieg kannte, nicht über ihn gearbeitet hat? Raad gibt die Antwort in einer Bilderserie, die elf Maler der arabischen Moderne zum Schwur zwingt (je 87,5 mal 74,3 Zentimeter, zusammen für 150.000 Dollar).

Ansonsten war die Messe doch überschaubar. Ein kleines Bronzepferd mit Reiter von Fernando Botero stand für 480.000 Dollar zum Verkauf (Custot Gallery). Als herkömmlich marktgerechtes Angebot gab es Bilder von Peter Halley und Marc Quinn. Außerdem Fotos von Shirin Neshat und Andreas Gursky. Wie üblich im Emirat Dubai gab es einen „Ladies Day“, ein paar Stunden, in denen Frauen die Messehallen ganz für sich hatten. Überraschungen gab es keine. Und Nervosität kam eigentlich nur auf, als sich in den Fluren das Gerücht verbreitete, die Delegation des Museum of Modern Art aus New York sei eingetroffen. So ganz ohne den Westen geht es doch nicht.

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Time am 30. März 2019

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1) https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/art-dubai-ein-blick-aus-der-anderen-richtung-16103231.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

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