Sieg des Counterjihad: Sudan

Lesen Sie einen Artikel von Alfred Hackensberger von der „Welt“ (1).

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Armee ergreift Macht im Sudan

Das Militär hat sich im Sudan nach monatelangen Protesten gegen den langjährigen Staatschef Omar al-Baschir an die Macht geputscht. Für eine Übergangszeit von zwei Jahren werde ein Militärrat eingesetzt.

Im Sudan wurde Präsident Omar al-Baschir nach 30 Jahren Gewaltherrschaft vom Militär abgesetzt. Für die nächsten zwei Jahre hat das Militär die Macht ergriffen. Die Verfassung wurde ausgesetzt, die Grenzen und der Luftraum wurden geschlossen.

Besonders Nachts war es in den vergangenen Wochen eine atemberaubende Szenerie, wenn die Handys von Zehntausenden Menschen leuchteten und sie immer wieder skandierten: „Die Revolution ist da, weg mit dem Regime!“. Seit dem 6. April wichen die Demonstranten nicht mehr vom Eingang des Militärhauptquartiers in der sudanesischen Hauptstadt Khartum.

Von Tag zu Tag wuchs die Menge, die die das Ende der Herrschaft von Präsident Omar al-Baschir forderten. Mehr als 30 Jahre hatte der ehemalige Generalleutnant das nordafrikanische Land mit harter Hand regiert.

Am Donnerstag dann wurde al-Baschir vom Militär des Landes abgesetzt. Die Armee habe den Präsidenten in Gewahrsam genommen, erklärte Verteidigungsminister Awad Ibn Auf im Staatsfernsehen. Nach Angaben seines Ministeriums hat die Armee für die nächsten zwei Jahre nun die Macht im Sudan ergriffen. Sie setze die Verfassung aus und schließe die Grenzen und den Luftraum, sagte der Verteidigungsminister in Uniform im staatlichen Fernsehen.

Zuvor hatte der Geheimdienst angekündigt, alle politischen Gefangenen freizulassen. Demonstranten hatten am Donnerstag zudem ein Gebäude der Behörde in der Stadt Kasala im Osten des Landes gestürmt, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete.

Die Opposition im Sudan hatte aus dem Chaos des Arabischen Frühlings in anderen Ländern gelernt. Sie ließ sich von der Gewalt der Sicherheitskräfte der letzten Monate nicht provozieren – obwohl Polizei und Geheimdienste mit Tränengas und scharfer Munition vorgingen. Seit Beginn der Proteste im Dezember soll es schätzungsweise 70 Tote gegeben haben. Mehr als 2500 Menschen wurden verhaftet.

Der Sudan ist schon das zweite Land Nordafrikas, das in diesem Jahr mit friedlichen Mitteln seinen autokratischen Präsidenten gestürzt hat. In Algerien musste Abdelasis Bouteflika nach wochenlangen Massendemonstrationen zurücktreten.

Eine Symbolfigur der Hoffnung auf Veränderung ist Alaa Salah, eine junge sudanesische Journalistin. Sie war diese Woche auf dem Gelände vor dem Militärhauptquartier kurzerhand auf das Dach eines Autos gestiegen. Die erst 22-Jährige sprach über Rassismus, Tribalismus und für die Jugend. „Sie verbrannten, töteten und verhafteten uns im Namen der Religion“, rief sie. „Aber die Religion ist daran nicht schuld.“

Bei ihrer Rede war Salah traditionell ganz in Weiß gekleidet, mit weitem Tuch und bodenlangen Rock. Sie trug große, runde Goldohrringe, wie eine sudanesische Braut aus dem vergangenen Jahrhundert. Foto und Videos von ihrem faszinierendem Auftritt gingen in wenigen Tagen um die Welt.

Sie wurde zu einer sogenannten Kandaka. Das ist ein Titel für die nubischen Königinnen aus der Antike, mit dem Sudanesen heute die weiblichen Protestlerinnen bezeichnen. „Weiß ist ein Zeichen von Kraft, Reinheit und Mut“, erklärte Salah.

„Frauen haben eine großen Anteil an den Demonstrationen.“ Die junge Frau ist heute das Gesicht der sudanesischen Revolution.

Die Proteste brachen vor vier Monaten aus, nachdem die Regierung den Brotpreis verdreifachte. In einem Land, in dem nahezu die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, kommt das einem Desaster gleich. Brot ist eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel und wird zu jedem Gericht gegessen. Die Preissteigerung war aber nur der Auslöser einer langen Unzufriedenheit.

Der Sudan verlor mit der Abspaltung des Südsudan als eigenem Staat 2011 den Großteil der Erdölvorkommen und schlitterte damit in die ökonomische Krise. Präsident al-Baschir versuchte, die Wirtschaftsmisere mit Hilfe aus den Golfstaaten sowie Ägypten und der Türkei zu überbrücken – vergeblich.

Genug von Korruption, Willkür und Arbeitslosigkeit

Genug haben die Sudanesen auch von der weitverbreiteten Korruption, staatlichen Willkür, repressiven Gesetzgebung und vor allem der hohen Arbeitslosigkeit, die besonders die junge Generation betrifft. Etwa 65 Prozent der Einwohner Sudans sind unter 24 Jahre.

Es sind grundsätzlich die gleichen Probleme wie sie bereits die Menschen in Algerien auf die Straße brachten und die für den fragilen Zustand anderer arabischer Länder charakteristisch sind. Wie die Algerier glauben auch die Sudanesen, dass der Austausch des Präsidenten nicht genügt, um mit den Missständen aufzuräumen.

„Es muss das ganze Regime gehen“, sagt Mohammed A., ein erfolgreicher Anwalt aus Khartum noch vor dem Putsch am Mittwoch. Seinen Nachnamen wollte er nicht nennen – er hatte Angst, die Sicherheitskräfte hätten ihn verhaften und verschwinden lassen können. „Die Korruption ist überall. Sie beschränkt sich nicht nur auf Politik und Administration, selbst beim normalen Transport von Gütern wird abkassiert.“

Der Nationale Geheimdienst und Sicherheitsdienst (NISS) sowie die Schnelle Sicherheitstruppe (RSF) standen al-Baschir nahe. Besonders die RSF erhielt enorme Gelder aus dem Staatshaushalt, wie mehrfach berichtet wurde.

„Und jetzt zerfällt dieses Regime einfach. Die Angst ist weg“

Sie galten als unantastbar, als Staat im Staate unter der Führung des Präsidenten. Es waren diese Sicherheitskräfte, die immer wieder versuchten, die Demonstranten im Zentrum Khartums mit aller Gewalt auseinanderzutreiben. Nur Dank einiger Einheiten der Armee konnte dies verhindert werden.

„Die Soldaten haben sich mit uns verbündet“, sagte Anwalt Mohammed A., der mit seinem Sohn täglich an den Protesten vor dem Militärhauptquartier teilnahm. „Es war für uns alle auf der Straße ein wunderbares Gefühl, als sich die Armee mit uns solidarisierte.“

„Wir Sudanesen haben keine Angst mehr, auf die Straße zu gehen, und niemand kann uns mehr aufhalten“, sagte Mohammed A. am Mittwoch. Der Anwalt hätte es eigentlich nicht nötig, zu protestieren. Seine Kanzlei läuft seit vielen Jahren gut, und mit seinem Wohlstand kann er sich Freiheiten leisten, die für die meisten Sudanesen unerreichbar bleiben.

Frauen leiden am meisten

Mohammed A. reist ins Ausland, wann immer er möchte, seine Kinder gehen auf Privatschulen. Auf seinem Landhaus hat er einen Bauern eingestellt, der den Schnapsvorrat eines Jahres brennt. „Das ist eigentlich verboten und wird schwer bestraft“, sagt der Anwalt grinsend. „Aber wer kann, der kann.“ Mohammed A. hatte dennoch genug, wie er mehrfach versichert. „Ich kann dieses al-Baschir-System nicht mehr ertragen“, sagte er. Er meinte damit auch die Scharia, auf der das Rechtssystem des Landes beruht.

Aber die Scharia verbietet nicht nur Alkohol. „Es sind repressive Gesetze, unter denen besonders die Frauen zu leiden haben“, erklärt Jehanne Henry, die Afrika-Direktorin von Human Rights Watch. „Als Strafen werden Auspeitschung und Steinigungen eingesetzt.“ Diese rigide Gesetzgebung sei ein weiterer Faktor für die große Unzufriedenheit im Sudan.

„Ja, in der Tat, wer will heute diese Form der Scharia noch?“, bestätigt Mohammed A. „Das ist doch wie im Mittelalter, unser Land muss in eine neue Epoche geführt werden.“ Es sei endlich Zeit dafür, sagt er kämpferisch. „Heute und jetzt!“

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Time am 11. April 2019

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1) https://www.welt.de/politik/ausland/article191741731/Sudan-Zehntausende-protestieren-friedlich-fuer-Demokratie.html

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Eine Antwort to “Sieg des Counterjihad: Sudan”

  1. Sophist X Says:

    Wenn das Fressen knapp wird, holt sich die Meute den Rudelführer. Erdogan hat auch schon einen Vorgeschmack davon bekommen.

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