Eine lange Tradition der Säkularität

Lesen Sie einen Artikel von Agnes Imhof von „FAZ.NET“ (1).

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Säkulare Migrantinnen

Die Fesseln der Herkunft

Es hat sich eingebürgert, Migranten als Mitglieder von Kollektiven zu sehen, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Kultur oder Religion geschützt werden müssen. Nicht wenige von ihnen fliehen aber gerade deshalb nach Europa, weil sie von kulturellen oder religiösen Geboten in ihrer Heimat unterdrückt werden. Auch Migranten sind Individuen, die mit den Regeln ihrer Herkunftswelt nicht übereinstimmen müssen. In der Migrationsdebatte wird diese Personengruppe so gut wie nicht wahrgenommen.

Die Gründerinnen der neuen Initiative für säkulare Migrantinnen, die kürzlich in Frankfurt am Main ins Leben gerufen wurde, haben ehrgeizige Ziele. Naïla Chikhi, Monireh Kazemi und Fatma Keser wollen Frauen eine Stimme geben, die sich von den patriarchalisch organisierten religiösen Verbänden nicht vertreten fühlen. „Wir wollen jeder Form der Gewalt gegen und Unterdrückung von Mädchen und Frauen entgegenwirken und nicht zulassen, dass sie traditionell, kulturell oder religiös entschuldigt werden“, sagt Fatma Keser. Die Zusammenarbeit der Regierung mit religiösen Akteuren sei nicht immer zielführend, fügt Monireh Kazemi hinzu, weil die Interessen der Frauen als Einzelpersonen dabei oft auf der Strecke blieben.

Weg von der Ikonographie des Kopftuchs

Es sind gebildete Frauen, die wissen, wovon sie sprechen. Naïla Chikhi hat ein Studium in angewandten Sprach- und Kulturwissenschaften abgeschlossen und arbeitete in der Initiative von Ahmad Mansour für Demokratieförderung und Extremismusprävention. Fatma Keser studierte Komparatistik und Philosophie, war Feminismusbeauftragte und Referentin für politische Bildung des Asta an der Goethe-Universität. Monireh Kazemi musste Mitte der achtziger Jahre Iran verlassen und engagiert sich seither für Frauenrechte.

Alle drei sehen Migrantinnen als Frauen, die für sich selbst einstehen. Nicht nur gegenüber der Aufnahmegesellschaft, sondern auch gegenüber patriarchalischen Strukturen ihrer Herkunftsgesellschaft. Bewusst setzt sich die Initiative von der weit- verbreiteten Ikonographie der Migrantin als kopftuchtragende Gläubige ab. „Wann ist es eigentlich passiert“, fragt Fatma Keser, „dass wir bei der Bezeichnung Migrantin nur noch an gläubige muslimische Frauen denken?“ Die Initiative wird sich Gehör verschaffen müssen. Gerade in den Parteien, die sich gern als Verteidiger muslimischer Migrantinnen gerieren, reagiert man bisweilen überrascht, wenn diese sich selbst zu Wort melden und andere Positionen vertreten als die verkürzten Stereotypen von der hochreligiösen Muslimin.

Der Staat muss neutral sein

Klar positioniert sich die Initiative gegen Kinderehen, Jungfräulichkeitsmythen und traditionelle Ehrkonzepte. Stattdessen fordert sie besseren Schutz vor religiösem Mobbing, den Schutz von Homo- und Transsexuellen, bundesweit integrativen Ethikunterricht als Pflichtfach und ein Verschleierungsverbot in staatlichen Institutionen, insbesondere bei Minderjährigen. Kritisch betrachtet man die Relativierung von Menschenrechten aus falscher Toleranz. „Wir sehen, dass die Parteien, die einst unsere Interessen vertreten wollten, da sie sich den Säkularismus und den Feminismus auf ihre Fahne geschrieben hatte, heute mit reaktionären Kräften in Dialog treten, ihnen eine politische Bühne bieten und somit dazu beitragen, dass die traditionellen Moralvorstellungen, welche uns fesseln, verfestigt werden“, sagt Monireh Kazemi.

Säkularität ist für die Mitglieder daher von entscheidender Wichtigkeit. „Für uns ist eine säkulare Demokratie das Fundament für die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Auch deshalb vertreten wir einen universalen Feminismus“, betont Naïla Chikhi. Wissend, dass säkulare Muslime oft mit dem Etikett der „Islamophobie“ mundtot gemacht werden sollen, fügt sie hinzu: „Der Begriff ‚Islamfeindlichkeit‘ gehört zur Rhetorik der Islamisten.“

Aus islamwissenschaftlicher Sicht ist ihr zuzustimmen. Der bisweilen geäußerte Vorwurf, säkulare Muslime verleugneten ihre Kultur, geht ins Leere. Säkularität hat in der islamischen Welt eine weit längere Tradition, als Fundamentalisten heute gern glauben machen wollen, und Kultur ist nicht synonym mit dem identitären Selbstverständnis islamistischer Kreise. Die Vorstellung, die islamische Zivilisation sei allein durch die Religion geprägt, ist tatsächlich ein Stereotyp interkultureller Polemik, das von fundamentalistischen Bewegungen umgewertet wurde. Historisch haltbar ist es nicht. „Ich wünsche mir“, meint Naïla Chikhi, „dass die Errungenschaften der Aufklärung in fünf Jahren so gestärkt sind, dass wir Initiativen wie diese nicht mehr brauchen.“

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Time am 24. Dezember 2020

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1) https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/die-initiative-fuer-saekulare-migrantinnen-stellt-sich-gegen-stereotypen-17113656.html

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