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Die Armenier demaskieren den Wolf

23. April 2010

Unlängst hatte ich Karen Krüger von der FAZ für einen ihrer fieslahmversteherischen Artikel kritisiert (1). Mit schönster Regelmäßigkeit war nun wieder ein counterjihadischer Artikel zu erwarten. Und tatsächlich, gestern beschrieb sie pointiert die Wühlarbeit türkisch-mohammedanistischer Aktivisten gegen die Diskussion über den Völkermord an den Armeniern am Beispiel des deutschen Städtchens Minden (2). Außerordentlich positiv finde ich hier die Zusammenarbeit zwischen Aleviten und Armeniern, erwartungsgemäß abstoßend das Einschüchterungsverhalten der Türken, ekelhaft die Feigheit deutscher Politiker.

Natürlich spielt sich dieser „weiche Jihad“ nicht nur in Minden ab. Die heutige FAZ brachte folgenden Leserbrief von G. D. (Aktualisierung: türkischer Name, mutmaßlicher Eigner fordert Unkenntlichmachung, s.u.) aus Köln:

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Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren

Zu Ihren Berichten über die Armenier und zu Ihrer Haltung zur Türkei: Wir als hier lebende Türken haben die Nase voll von Ihren Anti-Türkei-Berichten! Sie sollten erst mal gucken, was die Deutschen in der Geschichte so gemacht haben und viel mehr Berichte darüber schreiben! In der Türkei wurden viele Massengräber von Türken gefunden, die von Armeniern umgebracht worden waren. Was ist mit den Hocali-Massakern am türkischen Volk und was mit den Aserbaidschanern, die von den Armeniern umgebracht worden sind? Ich werde die türkische Botschaft und Ministerpräsident Erdogan kontaktieren und ihnen über Ihre Anti-Türkei-Politik berichten. Ebenso werde ich eine Kampagne gegen einige deutsche Medien auf von mir geführten Webseiten starten. Es geht nicht nur um die Armenier-Frage, sondern auch um andere Berichte von Ihnen. Zusätzlich werde ich türkische Medien kontaktieren, damit Berichte gegen Deutschland geführt werden. Es reicht!

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Sie lachen über diesen aufgeblasenen Windbeutel, aber die bibbernde FAZ-Leserbriefredaktion hat bestimmt bereits Personenschutz angefordert. Dabei sind die Fakten völlig klar. Hierauf hatte FAZ-Leserin Muriel Mirak-Weissbach am 19. April hingewiesen (3): „Im Jahr 2005 hat der ehemalige “Spiegel”-Journalist Wolfgang Gust die wichtigsten Dokumente zu den Ereignissen in einem bahnbrechenden Geschichtswerk zusammengetragen.“ Wolfgang Gust nun beschreibt in der heutigen FAZ einen diesbezüglichen Workshop in Boston.

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Das Ende eines langen Anfangs

Wann immer in der deutschen Öffentlichkeit Armenier und Türken über den Genozid an den Armeniern diskutieren, kommt es zum Eklat. Die türkischen Vertreter versuchen ihre Gegenüber mit altbekannten Parolen zum Schweigen zu bringen, die armenischen Vertreter hingegen bestehen als Vorbedingung eines Dialogs auf der Anerkennung des Genozids. Doch es geht auch anders.

In den Vereinigten Staaten trafen sich Anfang April Erforscher des Genozids an den Armeniern zu einem Workshop der Clark-Universität in Boston. Unter ihnen waren – wie immer – bestens informierte Armenier und – wie erst in neuester Zeit – auch bestens informierte Türken. Organisator der Veranstaltung waren Taner Akçam, der an der Clark-Universität mit dem Kaloosdian/Mugar Chair den einzigen amerikanischen Lehrstuhl für den Völkermord an den Armeniern innehat, sowie das Strassler Center for Holocaust & Genocide Studies. Mitsponsoren waren die „National Association for Armenian Studies and Research“ mit Marc Mamigonian, sowie der amerikanische Deutschland- und Genozid-Spezialist Eric Weitz von der Universität Minnesota.

Es ging um den armenischen Genozid, mit Schwerpunkt auf dessen Dokumentierung in den weltweit verstreuten Archiven, aber auch um die Frage, wie es weitergehen soll mit seiner Erforschung. Es herrschte akademische Vielfalt; die Vorträge, die Diskussion und selbst – wenn nicht sogar in erster Linie – die abweichenden Meinungen waren äußerst informativ. Dazu trugen die türkischen Wissenschaftler in hervorragender Weise bei. Man wurde zum Zeugen einer Normalisierung.

„Wir haben einen langen Weg hinter uns und noch einen längeren Weg vor uns“, alle Teilnehmer hätten „das Ende vom Anfang erlebt“, bilanzierte Taner Akçam. Dieser Völkermord sei nun nicht mehr vornehmlich eine Domäne armenischer Wissenschaftler. Europäische, amerikanische und türkische Forscher verschiedener Disziplinen seien hinzugekommen, um das Ereignis in ihre Überlegungen und Vergleichsstudien von Genozid, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschheit einzubeziehen. „Diese Entwicklung wird zu einem höheren Standard auf dem Feld der Genozidforschung führen“, sagte Akçam.

Der Völkermord an den Armeniern wird weltweit nicht einseitig, wie viele Türken hierzulande behaupten, sondern völlig eindeutig dargestellt – und an der Wahrheit interessierte Türken steuern einen immer wichtigeren Teil dazu bei. Kurz vor dem Workshop hatten meine Frau und ich in unserem Internetportal http://www.armenocide.net, das sich auf die Veröffentlichung offizieller Dokumente konzentriert, eine neue Edition von etwa 350 Akten des deutschen Auswärtigen Amts mit dem Titel „Deportationsbestimmungen“ herausgegeben. Es handelt sich um weitgehend unbekannte, weil zumeist handschriftliche und damit schwer lesbare Unterlagen über Armenier in deutschen Diensten. Sie zeigen neben fehlender Zivilcourage der Deutschen vor allem, was die offizielle Türkei bis heute heftig bestreitet: die Macht der jungtürkischen Zentrale, über das Schicksal eines jeden Armeniers zu entscheiden. Welche Rolle dabei die Provinzbehörden und die lokalen Jungtürken-Komitees spielten, geht aus den deutschen Akten nur rudimentär hervor. Genau deren Rolle im Völkermord aber beschrieb Ayhan Aktar, türkischer Soziologie-Professor an der Istanbuler Bilgi Universität, in seinem Workshopbeitrag. Dokumente des Auswärtigen Amtes und Aktars Analyse der osmanischen Verwaltung ergänzen hervorragend die Sicht auf die damaligen Vorgänge vor Ort.

Was in Boston schon Wirklichkeit geworden ist, liegt in Deutschland noch in weiter Ferne. Schon deshalb, weil sich in Deutschland keine Universität der Erforschung des Völkermords widmet, von der Ruhr-Universität Bochum abgesehen, an der ein armenischer Professor lehrt. Hingegen reiste im türkischen Auftrag der längst widerlegte amerikanische Genozidleugner Professor Justin McCarthy durch das Land, um der offiziellen türkischen Schwindelversion ein akademisches Mäntelchen umzuhängen.

Doch viele Türken sehen die Sache inzwischen ganz anders – dank der Ereignisse in der Türkei selbst: immer mehr türkische Großmütter, die sich kurz vor ihrem Tod den erschrockenen Enkeln als Armenierinnen offenbaren, ein Nobelpreisträger, den der Staat vors Gericht zerrt, weil er einen Genozid nicht hinnehmen will, ein armenisch-türkischer Intellektueller, den die nationalistische Hydra ermordete und dessen Sarg eine ungeheure Menschenmenge folgte und skandierte: Wir alle sind Hrant Dink! Die Türkei erwacht und die Türken in Deutschland mit ihr.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich die türkische Welt, die ich wahrnehme, signifikant verändert. Waren zuvor fast ausschließlich Armenier meine Zuhörer, nachdem ich im Jahr 1993 mein erstes Buch über den Völkermord veröffentlicht hatte, so sind es heute mehrheitlich Türken. Sie wollen erfahren, was damals wirklich geschah.

Vor drei Jahren fragte mich ein türkischer Zuhörer nach einer öffentlichen Konferenz in Berlin, wie er nachprüfen könne, dass meine Aussagen – denen er misstraute – stimmten. Ich verwies ihn auf mein zuvor erschienenes Buch mit Hunderten von Dokumenten des deutschen Auswärtigen Amts über den Genozid. Vor wenigen Wochen meldete sich dieser Mann, ein Türke Mitte fünfzig, wieder. Wir trafen uns, und er erzählte seine Geschichte: Wenn möglich einmal in der Woche hatte er im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes die Akten verglichen. Ihm sei dabei klargeworden, dass alle stimmten. Schließlich habe er weitere Belege studiert und sich dabei – auf Türkisch – fast achthundert Seiten Notizen gemacht. Viele der zusätzlichen Akten, die er gelesen hatte, waren mir unbekannt. Mein Gesprächspartner hatte mich mit seiner Kenntnis der deutschen Dokumente fast überflügelt. Natürlich zweifelte er nicht mehr im geringsten daran, dass die Ereignisse in den Jahren 1915/16 einen klassischen Genozid darstellten.

In den Vereinigten Staaten und in Istanbul hat sich eine türkische Graswurzelbewegung gebildet, die ein ganz klares Ziel verfolgt: sich mit Armeniern zu treffen, miteinander Tee zu trinken und zu sprechen – die Scheu voreinander zu verlieren und die Wahrheit der Jahre des Ersten Weltkriegs zu erkunden. Diese Menschen nennen sich „Freunde von Hrant Dink“. In Deutschland wird der Name „Projekt 2015“ erwogen. Zum hundertsten Jahrestag des Beginns des Völkermords wollen die Kinder und Großkinder der Täter und Opfer eines der furchtbarsten Kapitel der osmanischen Geschichte ergründet haben. Und wieder zueinanderfinden.

Zum ersten Mal werden in diesem Jahr Deutschlands Türken, Kurden und Armenier zusammen des 24. April 1915, als die armenische Elite im Osmanischen Reich verhaftet und zum größten Teil umgebracht wurde, gedenken. Es ist ein Anfang des gemeinsamen Erinnerns – und, wie in Boston erkannt, das Ende eines langen Wegs insbesondere für die Türken. Werden die Armenier ihn mitgehen? Im Clark-Workshop klagte Ron Suny, Direktor des „Eisenberg Institute for Historical Studies“ der Universität Michigan, dass die Armenier bisweilen zu nationalistisch seien. Das erregte den Nestor der Armenienforschung, Richard Hovannisian: Auch als überzeugter armenischer Patriot sei er der Wahrheit verpflichtet. Mit dieser Auffassung wäre ein Dialog möglich, auch wenn es die Armenier in Deutschland schwerer haben, denn ihnen steht eine fast hundertmal stärkere türkisch und kurdisch muslimische Gemeinschaft gegenüber.

Aber die türkischen Ultras sind dabei, ihre jahrzehntelange Dominanz zu verlieren. Bei einer Veranstaltung in Frankfurt, zu der ein türkischer Verein Taner Akçam und mich eingeladen hatte, kamen etwa zweihundert Türken und auch einige Armenier. Dann erschien ein halbes Dutzend adrett gekleideter junger Männer. „Da sind sie“, sagte mir ein Türke und deutete auf die Gruppe. Es waren jene Türken, die noch vor einem Jahrzehnt die Szene beherrscht hatten und jetzt als fast stigmatisierte Außenseiter erschienen: Kemalisten, einst von den Sowjets hofiert, jetzt die Träger eines antiquierten Nationalismus.

Noch versuchen sie, ihr Scheitern zu verhindern, und biedern sich sogar bei armenischen Hardlinern an, die ebenfalls nichts von einem Dialog zwischen beiden Völkern halten. In den kommenden Jahren wird sich entscheiden, ob die dialogbereiten Türken, Kurden und Armenier Deutschlands den entscheidenden Schritt schaffen, den die Forscher beider Nationen in Boston schon besiegelt haben.

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Ich halte die Anerkennung des Leidens der Armenier und das Eingeständnis türkischer Schuld für einen guten Test, ob es den Türken um Partizipation oder Beherrschung geht. Dieses Thema ist geeignet, die Takija-Maske herunterzureissen und den Jihad-Wolf für alle sichtbar zu machen. Er wird sichtbar werden: als Wolf, der er ist!

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Time am 23. April 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/09/sprachenjihad-jihadsprachen/
2) http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EA769924A55A647F5A29F41B3D3E4293D~ATpl~Ecommon~Scontent.html
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/19/turkischer-realismus/

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FAZ-Links zum Thema:
http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~EF9DB88FEA6AE4C4FACB9344EEDFD1365~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.faz.net/s/RubA330E54C3C12410780B68403A11F948B/Doc~E73B8EA7839F04D06B9E8625F0046823C~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.faz.net/s/RubA330E54C3C12410780B68403A11F948B/Doc~E3C89A9F611FA405786CF407C140365FF~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~E265545F362D24163B98E57B88A2E7B8C~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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Aktualisierung, aus der FAZ vom 24.04.’10: „Hinweis – Der unter dem Titel ‚Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren‘ veröffentlichte Leserbrief in der Ausgabe vom 23. April stammt nach seinem Bekunden nicht von G. D., Köln.“

Na und, es gibt ja vielleicht auch mehr als einen Helmut Schmidt in Köln. Erstaunlich ist die beflissene Eile, mit der die FAZ das Dementi bringt.

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Aktualisierung, aus der FAZ vom 26.04.’10: „Hiermit möchte ich betonen, dass der Leserbrief in der F.A.Z. vom 23. April mit der Überschrift ‚Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren‘ in keinerlei Weise von mir stammt. Eine mir noch unbekannte Person hat meinen Namen missbraucht, wahrscheinlich um meinen Ruf und meine Position zu beschädigen. Die Meinung des Verfassers, der den Leserbrief unter meinem Namen geschrieben hat, teile ich in keiner Weise! Ich bin in Deutschland geboren und verfüge über die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich würde niemals einem Land den Rücken kehren, das mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Sicherlich sollte die Armenier-Frage detailliert analysiert werden, aber zu schreiben ‚Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren‘ finde ich auch für den Schreiber absurd, da ein Ministerpräsident sich nicht negativ in die Pressefreiheit eines Landes einmischen kann. Ich möchte noch einmal bekräftigen, dass der am Freitag abgedruckte Leserbrief in keiner Weise meine Meinung wiedergibt und nicht von mir stammt.“ G. D., Köln