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Im Interview: Badinter und Schwarzer

12. Dezember 2017

Michaela Wiegel protokollierte für „FAZ.NET“ ein Gespräch mit Elisabeth Badinter und Alice Schwarzer (1).

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Islam und Antisemitismus

„In Cafés sitzen keine Frauen mehr“

Kommt es durch die Einwanderung von Muslimen zum Erstarken des Antisemitismus? Und was bedeutet diese Diskussion für Feministinnen? Ein Gespräch zwischen der französischen Philosophin Elisabeth Badinter und der deutschen Journalistin Alice Schwarzer.

Führt Masseneinwanderung aus dem islamischen Kulturraum zu einem Erstarken der Judenfeindlichkeit in unseren Gesellschaften?

Elisabeth Badinter: Die Antwort ist schwierig. Die erste Generation und auch die zweite Generation der Einwanderer in Frankreich sind überhaupt nicht durch eine antisemitische Haltung aufgefallen. Ein radikaler Antisemitismus hat sich erst in der dritten, in Frankreich geborenen Generation entwickelt, die sich zugleich zum radikalen Islamismus bestimmter Imame hingezogen fühlt. Es gibt heute in Frankreich keine andere Bevölkerungsgruppe, die wie die Juden ausschließlich aufgrund ihrer Religion schikaniert, gefoltert und sogar getötet wird. Diese Straftaten werden immer von Personen mit muslimischem Einwanderungshintergrund begangen, die sich dem Islamismus verschrieben haben.

Die kürzlich veröffentlichte Studie „Jüdische Perspektiven zum Antisemitismus in Deutschland“ kommt zu dem Ergebnis, dass drei Viertel der befragten Juden Antisemitismus als großes Problem wahrnehmen. Drohen Deutschland französische Verhältnisse?

Alice Schwarzer: Das Phänomen ist neu, aber kein muslimisches. Bei den ersten beiden Generationen türkischer Einwanderer gab es weder verschleierte Frauen noch offenen Antisemitismus. Es kommt eher von jüngeren Arabern, die in Deutschland nicht immer, aber häufig neu zugezogen sind. Es scheint mir relativ wenig mit dem Islam an sich zu tun zu haben, sondern mit dem politisierten Islam, der offensiv antisemitisch beziehungsweise antizionistisch ist. Mich wundert also nicht, dass die wenigen Juden in Deutschland, die aus gutem Grund noch sensibler als die französischen sind, sich Sorgen machen.

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat kürzlich als Zeuge vor Gericht in Paris gesagt, der Antisemitismus sei Teil der islamischen Kultur, er werde im Koran, in den Moscheen und in den Familien verbreitet. Sollte der Vorwurf der Naivität angesichts des Islams ernst genommen werden?

Schwarzer: Ich schätze Boualem Sansal sehr, seine Romane wie seine kritischen Analysen. Natürlich gibt es im Islam einen traditionellen Antisemitismus, aber – mit Verlaub – auch im Christentum. Es ist an den Muslimen selbst, selbstkritisch zu sehen, was sie bei sich ändern müssen. Doch ich bleibe dabei: Das Phänomen des Antisemitismus bei Muslimen ist in dieser Virulenz bei uns neu und geschürt vom politischen Islam.

Badinter: Boualem Sansal kennt den Koran besser als ich. In jedem Fall erleben wir heute eine islamische Radikalisierung, die den Antisemitismus zu einer Art religiösen Pflicht erhebt. Das Beunruhigende dabei ist, dass in Frankreich zugleich der gesellschaftliche Konsens bröckelt, nach der Schoa nie wieder Antisemitismus – in welcher Form auch immer – zu dulden. Ein Teil der Linken bei uns jedoch lehnt es ab, den neuen Antisemitismus als solchen zu benennen, geschweige denn zu verurteilen. Es sind die gleichen Leute, die sich auf den Antizionismus berufen. Auch ich halte Kritik am Staat Israel für notwendig, aber Kritik kann nicht bedeuten, das Existenzrecht Israels zu leugnen. Antizionismus läuft aber im Kern genau darauf hinaus.

In Frankreich richtete sich 2016 jede dritte rassistische Straftat gegen Juden, obwohl sie nur knapp ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Wie schützt der Staat die jüdische Minderheit?

Badinter: Der Staat schützt nicht. Genau das ist das Problem. Aber hat er überhaupt die Möglichkeit? Es gibt auch politische Gründe für die staatliche Zurückhaltung. Es soll vermieden werden, dass eine Ungleichbehandlung zwischen Juden und Muslimen entsteht. Denn Muslime sind natürlich auch Opfer von Rassismus. In Frankreich leben etwa 500.000 Juden und sechs Millionen Muslime.

Schwarzer: Es kommt noch etwas hinzu. Die 500.000 verstehen sich ja eigentlich keineswegs alle vorrangig als Juden. Sie sind keine Community. Viele sind einfach Franzosen und wollen ihre Ruhe haben. Sie werden erst von den Antisemiten wieder zu Juden gemacht.

Eine Befragung von Berliner Lehrern durch das American Jewish Comitee hat jüngst ergeben, dass bei vielen Schülern antisemitische Feindbilder stark präsent sind. In Frankreich haben Lehrer in dem Sammelband „Die verlorenen Territorien der Republik“ bereits 2002 vom grassierenden Antisemitismus in ihren Klassen berichtet. Wie kann da gegengesteuert werden?

Schwarzer: „Emma“ hat kürzlich eine Umfrage unter Lehrerinnen gemacht, und die stehen wirklich mit dem Rücken zur Wand. Diese Jugendlichen, die sich mit einer Attitüde der Gewalt inszenieren, schüchtern die anderen ein. Da braucht es nur vier, fünf Schüler in einer Klasse, die geben dann den Ton an, vor allem in Sachen Sexismus. Und da kommt neuerdings noch der Antisemitismus dazu. Auf den Schulhöfen sind „du Jude“, „du Schwuler“ oder „du Opfer“ heute Schimpfwörter. Lehrerinnen werden von Schülern als Nutten beschimpft. Doch die Schulleitungen und auch die Politik wollen jeden Konflikt vermeiden. Wenn die Lehrerinnen sich beschweren, heißt es: Setzen Sie sich mal durch, Sie haben anscheinend Ihre Klasse nicht im Griff.

Badinter: Seit viele sozial benachteiligte Familien unter dem Einfluss der Salafisten oder der Muslimbruderschaft stehen, wiegt das Wort der Imame schwerer als das der Lehrer. In zahlreichen Klassenzimmern in den Vorstädten kann die Geschichte des Holocausts nicht mehr unterrichtet werden, so stark ist die Ablehnung der Schüler. Das Wort des Lehrers gilt als Ausdruck der dominanten Mehrheitsgesellschaft, von der sich manche Schüler ausgegrenzt fühlen. Manche Eltern bestärken ihre Kinder in dem Glauben, dass der Imam wichtiger als der Lehrer sei. Für die Lehrer ergibt sich daraus eine unglaublich schwierige Situation. Wir haben innerhalb kürzester Zeit 2500 Moscheen in Frankreich gebaut, und langsam entwickelt sich genau das, was radikale Islamisten fordern: ein Separatismus der muslimischen Minderheit gegenüber dem Rest der Nation. Wir haben diese Entwicklung hingenommen und das mit der Pflicht zur Toleranz gerechtfertigt.

Schwarzer: Eigentlich hätte ich gedacht, dass die Situation in Frankreich und Deutschland sehr unterschiedlich ist, wir haben ja eine ganz andere Geschichte, schon allein wegen der kolonialen Vergangenheit Frankreichs. In Wahrheit jedoch gleicht sie sich frappant. Nur gibt es in Deutschland ein zusätzliches Problem, das ich seit über zwanzig Jahren sehe: Das sind die Islamverbände, allen voran der „Zentralrat der Muslime“, der sich in Anspielung auf den „Zentralrat der Juden“ so genannt hat. Die meisten dieser Muslimverbände sind schriftgläubig, orthodox, wenn nicht gar islamistisch. Sie waren bisher die privilegierten Gesprächspartner von Politik und Kirchen. Dabei repräsentieren sie nur ganz wenige Prozent der Muslime in Deutschland. Die Mehrheit der bei uns lebenden Muslime ist aufgeklärt und will keinen Gottesstaat, sondern die Demokratie, und nur eine von vier Musliminnen trägt ein Kopftuch. Nach dem Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel dankenswerterweise eine Solidaritätskundgebung vor dem Brandenburger Tor organisiert. Aber mit wem stand sie da Arm in Arm? Ich konnte es kaum fassen: mit Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des „Zentralrates der Muslime“.

Hat nicht vor allem die Gleichgültigkeit angesichts des Antisemitismus zugenommen? Frau Badinter, Sie haben Ende September in der Zeitschrift „L’Express“ einen Appell an alle Franzosen gerichtet, die Juden den Kampf gegen den Antisemitismus nicht allein bestreiten zu lassen.

Badinter: Ja, das war ein Alarmschrei, der sich an alle Franzosen, aber besonders auch an die Journalisten richtete, die kaum über die jüngsten antisemitischen Vorfälle berichteten. Das führte dazu, dass die jüdischen Opfer der islamistischen Terroranschläge beinahe vergessen wurden. Der Mord an der Jüdin Sarah Halimi im Mai dieses Jahres in Paris durch einen radikalisierten muslimischen Nachbarn wurde heruntergespielt. Auch auf meinen Appell folgte ein seltsames Stillschweigen. Keine Zeitung, kein Sender berichtete darüber. Nichts! Nur in den sozialen Medien war es Thema. Aber ein paar Wochen später häuften sich in den Medien Berichte über den wachsenden Antisemitismus in Frankreich. Den Schlüssel zu dieser eigenartigen Reaktion habe ich in einem Kommentar gefunden. Da stand: Wir müssen aufpassen, wenn die Lage für die Juden noch schlimmer bei uns wird, werden auch wir Journalisten eines Tages zur Rechenschaft gezogen.

Schwarzer: Die Herausforderung liegt darin, die Probleme nicht zu leugnen. Deutschland hat eine massive Zuwanderung von jungen Männern erlebt, die aus Ländern kommen, in denen Frauen völlig rechtlos sind, die tief patriarchale Traditionen haben und außerdem seit Jahren einer radikalislamischen Propaganda ausgesetzt sind. In ihrem Gepäck bringen sie, wie es der algerische Schriftsteller Kamel Daoud so treffend gesagt hat, all dies mit zu uns. Nimmt man diese jungen Männer ernst, muss man dafür sorgen, dass sich das ändert. Ich halte es auch gegenüber diesen jungen Männern für schlicht rassistisch, die Augen zuzumachen. Da sagt man, bei euch ist das nun mal so, für euch gelten andere Gesetze. Aber das ist menschenverachtend.

In Frankreich soll es inzwischen vereinzelt Viertel geben, in denen Männer arabisch-muslimischer Herkunft das Straßenbild dominieren und Frauen unerwünscht sind. Stimmt das?

Badinter: Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Noch vor fünf Jahren konnte ich mich in Aubervilliers oder La Courneuve als Frau unbesorgt in ein Straßencafé setzen. Das ist vorbei. In den Cafés sitzen einfach keine Frauen mehr. Die Verschleierung der Frauen hat rapide zugenommen. Sie tragen das, was ich die Uniform der Muslimbruderschaft nenne. Das betrifft natürlich nur einige, ganz bestimmte Viertel. Aber ich beobachte, dass inzwischen schon kleine, fünf Jahre alte Mädchen mit einem Schleier verhüllt werden. Das Burka-Verbot ändert leider nichts daran.

Ist die jüdische Minderheit in Frankreich nicht auch dabei, eine Art religiöse Rückbesinnung zu erleben, sich immer stärker abzuschotten?

Badinter: Es ist vor allem auf Sicherheitsbedenken zurückzuführen, wenn immer mehr Eltern ihre Kinder von öffentlichen Schulen an jüdische wechseln lassen. Aber es gibt natürlich auch ein Erstarken orthodoxer Lebensformen. Ich finde es zum Beispiel nicht normal, dass man Kinder mit der Kippa zur Schule schicken will. Nach einer Messerattacke auf einen Juden in Marseille hat der dortige Rabbi darum gebeten, auf die Kippa im öffentlichen Raum zu verzichten. Aber der Großrabbiner Frankreichs hat ihm umgehend widersprochen. Ich bedaure das sehr. Mein Vater, der sehr gläubig war, sagte immer: Die Kippa setzt man auf, wenn man die Synagoge betritt oder wenn man zu Hause betet. Aber niemals auf der Straße!

Schwarzer: Man muss sich das mal vorstellen: Wir, Elisabeth Badinter und ich, werden beide wegen unserer kritischen Position zum politisierten Islam – dessen erste Opfer übrigens Muslime sind – von einem Teil der Linken und manchen jüngeren sogenannten intersektionellen Feministinnen als islamophobe Rassistinnen diffamiert, als weiße, bürgerliche Feministinnen, die nicht das Recht hätten, andere Kulturen zu kritisieren. Ich stand am Pranger, weil ich gewagt hatte, auf den Fakt aufmerksam zu machen, dass es überwiegend Männer aus dem Maghreb waren, die in der Silvesternacht in Köln Frauen sexuell belästigt hatten. Aber wie wollen wir die Realität ändern, wenn wir sie nicht benennen dürfen?

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Time am 12. Dezember 2017

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/alice-schwarzer-im-interview-ueber-islam-und-antisemitismus-15333514.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

Es gibt nur einen

29. Juni 2016

Paris

Jürg Altwegg berichtet auf „FAZ.NET“ von einem Aufruf französischer Intellektueller gegen den radikalen Islam (1).

Das ist eine gute Sache, aber besser wäre es, wenn man endlich begreifen würde, dass der Nazislahm per se radikal ist, dass es keinen nicht-radikalen Islam gibt, und dass der Mohammedanismus daher weltweit und vollständig dekonstruiert werden muss.

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Protest gegen radikalen Islam

Wir müssen mehr Widerstand leisten

Französische Intellektuelle rufen zum Widerstand gegen den radikalen Islam auf. Sie sind der Überzeugung: Staat und Gesellschaft müssen mehr tun, nicht nur in Frankreich.

Französische Intellektuelle haben einen Aufruf gegen den Islamismus verfasst, sie rufen zu mehr kulturellem Widerstand auf. Der Anlass des Aufrufs sind die Prozesse, die in Kanada gegen die Essayistin Djemila Benhabib geführt werden. Diese kritisiert, dass eine private muslimische Schule in Montreal, die Kinder im Grundschulalter aufnimmt und vom kanadischen Staat finanziell unterstützt wird, das Kopftuch für obligatorisch erklärt. Nun wird sie von der Schule verklagt. Djemila Benhabib stand bereits 2012 vor Gericht, weil ihr eine muslimische Mutter vorwarf, die Fotos ihrer Kinder veröffentlicht zu haben: Die Bilder stammten von einem Koran-Rezitations-Wettbewerb in einer Moschee, die als Zentrum der Muslimbrüder gilt.

Die französischen Intellektuellen solidarisieren sich in ihrem Aufruf zudem mit der Bürgerrechtlerin Maryam Namazie, die sich in England als Sprecherin des „Council of Ex-Muslims“ gegen SchariaTribunale engagiert, weshalb ihre Veranstaltungen von radikalen Muslimen regelmäßig gestört werden.

In der Petition einflussreicher französischer Organisationen und prominenter Intellektueller, die „Libération“ veröffentlicht, werden als vom radikalen Islam Verfolgte auch Taslima Nasreen, der ermordete niederländische Filmemacher Theo van Gogh, der dänische Karikaturist Kurt Westergaard und „Charlie Hebdo“ genannt. Der Appell brandmarkt die Strategie der Einschüchterung, wie sie von zahlreichen muslimischen Organisationen betrieben werde. Frankreichs Premierminister Manuel Valls hatte im Frühjahr erklärt, die Salafisten seien im Begriff, den Kulturkampf innerhalb des französischen Islams gegen die gemäßigten Kreise zu gewinnen. Der Appell fordert den Staat auf, dem radikalen Islam mit aller „republikanischen Strenge“ zu begegnen. Es müsse mehr Widerstand geleistet werden. Zu den Unterzeichnern zählen neben feministischen und laizistischen Vereinigungen Elisabeth Badinter, Caroline Fourest, die frühere Ministerin Yvette Roudy, Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“, der aus Kanada stammende Astrophysiker Hubert Reeves sowie der algerische Schriftsteller Boualem Sansal, der selbst immer wieder Verfolgungen ausgesetzt ist. Sie pochen auf das Recht und die Notwendigkeit, religiöse Dogmen zu kritisieren.

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Time am 29. Juni 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/franzoesische-intellektuelle-gegen-radikalen-islam-14313628.html

Helden des Counterjihad

21. Juni 2016

Ayaan Hirsi Ali

Giulio Meotti hat über besondere Helden des Counterjihad, nämlich über Apostaten und Dissidenten des Nazislahm, einen ehrenden Aufsatz geschrieben (1).

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Die wichtigsten Verbündeten des Westens:
die Dissidenten des Islam

– Heute ist vom Islam ein neuer Eiserner Vorhang gegen den Rest der Welt errichtet worden und die neuen Helden sind die Dissidenten, die Apostaten, die Häretiker, die Rebellen und die Ungläubigen.

– Diese rapide anwachsenden Armee muslimischer Dissidenten ist die beste Befreiungsbewegung für Millionen Muslime, die danach streben ihren Glauben friedlich zu praktizieren, ohne sich den Diktaten der Fundamentalisten und Fanatiker zu unterwerfen.

– Sie stehen allein gegen alle. Gegen den Islamismus, der Kalaschnikows einsetzt; und gegen den intellektuellen Terrorismus, der sie der Einschüchterung durch die Medien unterzieht. Von ihren Gemeinschaften als „Verräter“ betrachtet, wird ihnen von den Eliten des Westens „Stigmatisierung“ vorgeworfen.

– Wir sollten sie unterstützen – sie alle. Denn wenn die Feinde der Freiheit aus freien Gesellschaften kommen, die, die vor den Vollstreckern Allahs knien, dann kommen einige der besten Verteidiger der Freiheit aus den islamischen Systemen. Europa sollte diesen Freunden der westlichen Zivilisation finanzielle, moralische und politische Unterstützung zukommen lassen, wohingegen unsere blamierte Intelligenzija sich damit beschäftigt sie zu verleumden.

Der Islam, warnte der Bestseller schreibende algerische Romanautor Boualem Sansal, wird die europäische Gesellschaft „aufsprengen“. In einem Interview mit deutschen Medien malte dieser mutige arabische Schriftsteller eine Vision Europas, das vom radikalen Islam unterjocht ist. Nach Aussage von Sansal richten sich die Terroranschläge in Paris und Brüssel gegen den westlichen Lebensstil: „Sie können nicht einmal die schwachen arabischen Staaten besiegen, also müssen sie den Westen dazu bringen sich selbst zu zerstören. Sie wollen die Gesellschaft spalten, und sie wissen: Wenn ihnen das gelingt, fällt sie ganz von allein in sich zusammen.“

Sansal, der Morddrohungen erhalten hat, gehört zu der rapide anwachsenden Armee muslimischer Dissidenten. Sie sind die beste Befreiungsbewegung für Millionen Muslime, die danach streben ihren Glauben friedlich zu praktizieren, ohne sich den Diktaten der Fundamentalisten und Fanatiker zu unterwerfen. Diese muslimischen Dissidenten verfolgen Gewissensfreiheit, interreligiöse Koexistenz, Pluralismus in der Öffentlichkeit, Kritik am Islam und Respekt vor dem allgemeinen Recht. Für die islamische Welt könnte ihre Botschaft niederschmetternd sein. Das ist der Grund, dass die Islamisten Jagd auf sie machen.

Es sind immer Einzelpersonen, wie z.B. Lech Walesa, die den entscheidenden Unterschied ausmachen. Die Sowjetunion wurde von nur Dreien besiegt: von Ronald Reagan, Papst Johannes Paul II – und den Dissidenten. Als Professor Robert Havemann in Ostdeutschland starb, nehmen nur wenige davon Notiz. Dieser unerschrockene Regimekritiker stand in Grünheide unter Hausarrest, bewacht von der Stasi. Doch der alte Professor erlaubte sich nicht sich einschüchtern zu lassen. Er setzte den Kampf um seine Ideen fort.

Ein Held des tschechoslowakischen Antikommunismus, Jan Patočka, starb in einem zermürbenden Polizeiverhör. Patočka zahlte den höchsten Preis dafür zum Schweigen gebracht zu werden. Seine brillanten Vorträge wurden auf ein verstohlenes Seminar reduziert. Obwohl er nicht veröffentlichen konnte, arbeitete er in einer winzigen Wohnung im Untergrund weiter.

Vom KGB gejagt schrieb Alexander Solschenizyn die Kapitel seines Archipel Gulag nieder und versteckte sie bei verschiedenen vertrauenswürdigen Freunden, damit niemand das gesamte Manuskript besaß. 1973 gab es nur drei Exemplare. Als die politische Polizei der Sowjetunion es schaffte die Stenotypistin Elizaveta Voronyanskya zu erpressen, eines der Verstecke preiszugeben, glaubte sie, das Meisterwerk sei für immer verloren und erhängte sich.

Heute ist vom Islam ein neuer Eiserner Vorhang gegen den Rest der Welt errichtet worden und die neuen Helden sind die Dissidenten, die Apostaten, die Häretiker, die Rebellen und die Ungläubigen. Es ist kein Zufall, dass Salman Rushdie, indisch-britischer Schriftsteller aus einer muslimischen Familie, das erste Opfer einer Fatwa war.

Pascal Bruckner nannte sie „die Freidenker der muslimischen Welt“. Wir sollten sie unterstützen – sie alle. Denn wenn die Feinde der Freiheit aus freien Gesellschaften kommen, die, die vor den Vollstreckern Allahs knien, dann kommen einige der besten Verteidiger der Freiheit aus den islamischen Systemen. Europa sollte diesen Freunden der westlichen Zivilisation finanzielle, moralische und politische Unterstützung zukommen lassen, wohingegen unsere blamierte Intelligenzija sich damit beschäftigt sie zu verleumden.

Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud, der Saudi-Arabien als „einen ISIS, der es geschafft hat“ bezeichnete, entfachte vor kurzem einen „Islamophobie“-Streit, weil er seine eigene Wut gegen die naiven Menschen gerichtet hatte, von denen er sagt, sie ignorierten die kulturelle Kluft, die die arabisch-muslimische Welt von Europa trennt.

Ein weiterer, der heute in den Niederlanden lebende Exil-Iraner und Jurist Afshin Ellian, arbeitet an der Universität Utrecht, wo er seit dem Mord an Theo Van Gogh von Leibwächtern beschützt wird. Nach dem Massaker bei Charlie Hebdo, als die Medien Europas damit beschäftigt waren den „dummen“ Karikaturisten Vorwürfe zu machen, warb Ellian für einen Appell: „Lasst nicht die Terroristen die Grenzen der freien Meinungsäußerung bestimmen.“

Eine weitere mutige Dissidentin ist Ayaan Hirsi Ali, die aus den Niederlanden in die USA fliehen musste, wo sie schnell eine der prominentesten öffentlichen Intellektuellen wurde.

Der marokkanische Bürgermeister von Rotterdam, Ahmed Aboutaleb, wird ebenfalls von der Polizei geschützt. Er sagte vor kurzem muslimischen Glaubensgeschwistern, die gegen die Freiheiten protestierten, die sie beim Leben im Westen vorfanden, sie sollten „eure Sachen packen und euch verp…en“. Ein heroischer christlicher Verteidiger dieser Freiheiten in den Niederlanden ist Geert Wilders, der jetzt wegen „Diskriminierung“ vor Gericht steht. „Ich bin im Gefängnis“, hat er, unter Verweis auf seine konspirativen Wohnungen“ und dass „die anderen frei herumlaufen“, gesagt.

Viele dieser Dissidenten sind Frauen. Shukria Barakzai, eine afghanische Politikerin und Journalistin, erklärte den islamischen Fundamentalisten den Krieg, nachdem die Religionspolizei der Taliban sie zusammenschlug, weil sie es wagte ohne männliche Begleitung in die Öffentlichkeit zu gehen. Ein Selbstmordbomber sprengte sich in der Nähe ihres Autos und tötete drei Personen. Kadra Yusuf, eine somalische Journalistin, unterwanderte Oslos Moscheen, um die Imame bloßzustellen, besonders was die weibliche Genitalverstümmelung angeht, die noch nicht einmal vom Koran und den Hadithen (Berichten über Mohammed) gefordert wird. In Pakistan forderte Sherry Rehman „eine Reform der pakistanischen Blasphemie-Gesetze“. Sie riskiert tagtäglich ihr Leben. Sie wird von Islamisten als „zum Töten vorgesehen“ abgestempelt, weil sie eine Frau, Muslima und säkulare Aktivistin ist. Die syrisch-amerikanische Autorin und Psychiaterin Wafa Sultan wurde ebenfalls als „Ungläubige“ gebrandmarkt, die den Tod verdient.

Vor kurzem veröffentlichte Le Figaro einen langen Bericht über muslimisch-französische Persönlichkeiten, denen mit „Hinrichtung“ gedroht wird. „Sie leben – unter permanentem Polizeischutz, von Muslimen als Verräter betrachtet – in einer Hölle. In den Augen von Islamisten ist ihre Freiheit ein Akt des Hochverrats an der Ummah [Gemeinschaft].“ Es sind Schriftsteller und Journalisten arabisch-muslimischer Kultur, die die islamistische Bedrohung und die inhärente Gewalt des Koran verurteilen. Sie stehen allein gegen den Islamismus, der den physischen Terrorismus der Kalaschnikows einsetzt; und gegen den intellektuellen Terrorismus, der sie der Einschüchterung durch die Medien unterzieht. Von ihren Gemeinschaften als „Verräter“ betrachtet, wird ihnen von den Eliten des Westens „Stigmatisierung“ vorgeworfen.

Die französische Journalistin Zineb El-Rhazoui hat mehr Leibwächter als viele Minister der Regierung von Manuel Valls und muss aus Sicherheitsgründen in den letzten Monaten die Häuser in Paris häufig wechseln. Für diese junge Wissenschaftlerin, die in Casablanca geboren wurde und für die französische Wochenzeitschrift Charlie Hebdo arbeitet, ist es undenkbar geworden die Straßen von Paris entlangzugehen. Eine nach dem 7. Januar 2015 ausgegebene Fatwa lautet: „Tötet Zineb El-Rhazoui, um den Propheten zu rächen.“

Drohungen gegen Nadia Remadna, eine weitere Dissidentin, kommen nicht aus Raqqa in Syrien, sondern aus ihrer eigenen Stadt: Sevran in Seine-Saint Denis. Sie spiegeln den zunehmenden Einfluss von Islamisten in den verlorenen Gebieten der französischen Republik. Welches „Verbrechens“ wurde sie für schuldig befunden? Sie schuf die „Brigade der Mütter“, um gegen den islamistischen Einfluss auf junge Muslime anzukämpfen.

Die Philosophie-Lehrerin Sofiane Zitouni hat ihren Job an einer muslimischen Schule wegen „schleichendem Islamismus“ gekündigt.

Der französisch-algerische Journalist, Essayist und Autor mehrerer Untersuchungen islamistischer Kreise, Mohamed Sifaoui, ist Opfer einer doppelten Bedrohung. Er ist das Hauptziel sowohl von fundamentalistischen als auch „toleranten“ Großinquisitoren. Vom algerischen Regime zu zwei Jahren Gefängnis wegen „Pressedelikten“ verurteilt und dann von Islamisten bedroht, beantragte er 1999 in Frankreich Asyl und hat Algerien nie wieder betreten. Seitdem hat Sifaoui sein Bild und seinen Namen auf islamistischen Internetseiten neben den Worten „le mourtad“ – der Glaubensabtrünnige – gesehen; das heißt, dass er zur Ermordung freigegeben ist. Seit 2006 steht er unter totalem französischem Polizeischutz; damals verteidigte er die freie Meinungsäußerung für das französische Satiremagazin Charlie Hebdo.

Rund fünfzehn Zeugen gaben eidesstattliche Erklärungen zugunsten des Magazins Charlie Hebdo ab. Darunter waren der verstorbene muslimisch-tunesische Essayist Abdelwahab Meddeb, der den Mut hatte das gesamte französisch-muslimische Establishment herauszufordern, das versuchte Charlie Hebdo zu stoppen. Meddeb wollte zeigen, dass „es hierbei nicht darum geht, dass irgendjemand gegen den Islam ist, sondern der aufgeklärte Islam gegen den dunklen Islam“.

Ebenfalls in Frankreich trägt der mutige Imam von Drancy, Hassen Chalghoumi, bei seinen Predigten eine kugelsichere Weste. Geht er auf die Straße, wird er von fünf Polizisten mit halbautomatischen Waffen begleitet. Das ist nicht außerhalb der Grünen Zone in Bagdad; es ist im Herzen von Paris. Chalghoumi unterstützte das Verbot von Burkas; er absolvierte einen nie da gewesenen Besuch des Holocaust-Mahnmals in Jerusalem, zollte den Opfern von Charlie Hebdo Anerkennung und befürwortete den Dialog mit den französischen Juden.

Naser Khader, ein muslimischer Liberaler mit dänischer Staatsbürgerschaft, forderte „eine muslimische Reformation“ und schrieb „Ehre und Schande“; ihm wird von islamischen Gruppen mit Mord gedroht.

In Italien wird der in Ägypten geborene Autor Magdi Cristiano Allam von Leibwächtern beschützt, weil er den politischen Islam kritisierte. Als leitender Redakteur von Italiens führender Zeitung Corriere della Sera veröffentlichte Allam ein Buch, dessen Titel schon ausreichte sein Leben in Gefahr zu bringen: „Viva Israele“.

Ibn Warraq lebt geschützt von einem Pseudonym, seit er sein bahnbrechendes Buch „Warum ich kein Muslim bin“ schrieb.

Der palästinensische Blogger Walid Husayin hat ebenfalls Seltenheitswert. Dafür, dass er „den Koran persiflierte“ saß er im Gefängnis; vor kurzem veröffentlichte er in Frankreich ein Buch über seine Erfahrungen in den Palästinensergebieten, wo sein „Atheismus“ ihn fast das Leben kostete.

In Tunesien gibt es eine Handvoll Filmemacher und Intellektuelle, die für freie Meinungsäußerung kämpfen, besonders nachdem der säkulare Oppositionsführer Chokri Belaid ermordet wurde. Auch Nadia El-Fani, die Regisseurin von „Ni Allah Ni Maître“ [Weder Allah noch Herr] und Nabil Karoui, der Manager von Nessma TV, werden mit dem Tod bedroht und vor Gericht gezerrt, um auf „Blasphemie“-Vorwürfe zu antworten. Wenn Tunesiens „Arabischer Frühling“ sich nicht, wie andernorts, in einen islamistischen Winter verwandelte, ist das weitgehend diesen Dissidenten zu verdanken.

Diese Helden wissen, was ihren Vorläufern im „Krieg gegen die arabischen Intellektuellen“ zustieß. Schriftsteller wie Tahar Djaout wurden 1993 von Islamisten in Algerien getötet, genauso der Journalist Farag Foda, der für seine scharfen Satiren auf den islamischen Fundamentalismus berühmt war. Vor seiner Ermordung war Foda von der Großmoschee Al-Azhar der „Blasphemie“ beschuldigt worden. Ebenso ist in Bangladesch ein Dutzend Blogger von Islamisten wegen des „Verbrechens“ des „Säkularismus“ kaltblütig ermordet worden.

Letztes Jahr forderte Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi eine Reform des Islam und der Art, wie er gelehrt wird, so wie es auch der führende sunnitische Islamkleriker Scheik Ahmed al-Tayeb tat, der Leiter der Al-Azhar-Universität in Kairo, dem Zentrum des sunnitischen Islam. Und er sagte das an keinem geringeren Ort als Mekka. Ägyptens Konservative taten indes ihr Bestes, um das zu unterdrücken – jedenfalls für den Augenblick.

Es gibt jedoch mehr und mehr Dissidenten, die erfolgreich ihre Stimme erheben und mutige, weitsichtige Bewegungen anführen. In den USA gründete M. Zuhdi Jasser, der Autor von „A Battle for the Soul of Islam“ und praktizierender Arzt, das American Islamic Forum for Democracy. Letztes Jahr warben mehr als zwei Dutzend muslimische Persönlichkeiten für einen Appell „zur Annahme eines pluralistischen Islam, der alle Formen der Unterdrückung und Misshandlung im Namen der Religion ablehnt“.

In Kanada gründeten Raheel und Sohail Raza die „Muslims Facing Tomorrow“ und es gibt mit Salim Mansur einen freimütigen Lehrbeauftragten für Politikwissenschaften an der Universität von Western Ontario.

In Großbritannien leitet Maajid Nawaz die einflussreiche Quilliam Foundation; Shiraz Maher, der aus der islamistischen Organisation Hisb-ut-Tahrir desertierte, dient jetzt als Senior Fellow am International Center for the Study of Radicalization am King’s College in London.

Das sind nur ein paar der Helden von heute. Einige mussten ausgelassen werden; es standen zu viele auf der Liste.

Der stolze und schmerzhafte Widerstand dieser „Rebellen Allahs“ ist eines der schönsten Zeugnisse unserer Zeit. Diese „Rebellen Allahs“ sind auch die einzig echte Hoffnung auf Reform in der islamischen Welt – und der Bewahrung unser aller Freiheit.

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Time am 21. Juni 2016

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1) http://de.gatestoneinstitute.org/8286/dissidenten-islam

Er ist nicht reformierbar

11. Januar 2016

Muhamad

Samuel Schirmbeck machte sich bei „FAZ.NET“ heute Gedanken über das mohammedanistische Frauenbild und die vermeintliche Radikalisierung des Nazislahm (1), ohne zu realisieren, dass Klo H. Metzel mitnichten ein friedfertiger Mystiker sondern (laut den mohammedanistischen Grundlagentexten) vielmehr ein kleinkarierter und sadistischer Gewaltherrscher und sexuell pervers war.

Er realisiert demzufolge auch nicht, dass die Grundlagentexte des Nazislahm die kranke Psyche seiner Begründer abbilden und keineswegs zu etwas anderem führen können als Bosheit und Verderben. Wer würde etwas anderes von Hitlers „Mein Kampf“ behaupten wollen?

Die „goldene“ Zeit vor unserer, als der Nazislahm nicht tollwütig mordete, kann allenfalls in der Zeit gesehen werden, in der er durch den westlichen Imperialismus und Kolonialismus in Schach gehalten wurde. Zu allen anderen Zeiten war er eine gigantische Mordmaschine.

Der Nazislahm ist nicht reformierbar.

Er muss dekonstruiert werden.

Vollständig!

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Muslimisches Frauenbild

Sie hassen uns

Die giftige Mischung aus nordafrikanisch-arabischer Kultur und Religion, die sich in der Kölner Silvesternacht Bahn brach, wird in Deutschland noch immer beschönigt oder beschwiegen. Islamkritik ist überfällig.

Was in der Silvesternacht in Köln passierte, passiert jetzt, in diesem Moment und wie selbstverständlich, am helllichten Tag hunderttausendfach in Nordafrika und in der arabischen Welt: Frauen werden sexuell belästigt, gedemütigt und, so sie es wagen, sich den Übergriffen zu widersetzen, als „Schlampen“ oder „Huren“ beschimpft.

Die ägyptische Schriftstellerin und Feministin Mona Eltahawy hat dieses Phänomen und seine Ursachen am 2. Mai 2012 in der französischen Zeitung „Le Monde“ beschrieben: „Ja: sie (die Männer der arabischen Welt) hassen uns. Es muss endlich gesagt werden . . . Die Frauen der ganzen Welt haben Probleme; stimmt, die Vereinigten Staaten haben noch keine Frau zur Präsidentin gewählt; und richtig, in vielen ,westlichen‘ Ländern (ich lebe in einem von ihnen) werden Frauen weiterhin wie Objekte behandelt. Das ist im Allgemeinen der Punkt, an dem das Gespräch beendet wird, wenn Sie versuchen, über die Gründe zu diskutieren, aus denen die arabischen Gesellschaften die Frauen hassen… Nennen Sie mir den Namen arabischer Länder, und ich werde Ihnen eine Litanei an Beispielen für den schlimmen Umgang – er ist tausendmal schlimmer, als Sie denken – mit Frauen rezitieren, der von einer giftigen Mischung aus Kultur und Religion angefacht wird, mit der sich anscheinend nur wenige auseinandersetzen wollen, aus Angst, der Blasphemie beschuldigt zu werden oder zu schockieren.“

Der Gewaltausbruch von Köln war jedoch derart heftig, dass sich die „giftige Mischung aus Kultur und Religion“, die Mona Eltahawy in ihrem Buch „Foulards et Hymens. Pourquoi le Moyen Orient doit faire sa révolution sexuelle“ („Schleier und Jungfernhäutchen. Warum es im Nahen Osten eine sexuelle Revolution geben muss“) detailliert darlegt, nicht länger leugnen oder verdrängen lässt, auch wenn das von linker und muslimischer Seite auch jetzt wieder versucht wird. So sprach die „taz“ angesichts der Empörung über die Übergriffe von der „Reproduktion des rassistischen Bildes der unschuldigen weißen Frau, die vor dem aggressiven muslimischen Mann geschützt werden muss“.

Es war allerdings eine nicht „weiß“, sondern asiatisch aussehende junge Frau, die ausführlich schilderte, wie sie von Dutzenden Händen überall begrabscht wurde: „Ich fand, sie (die Männer) hatten nicht den Eindruck, dass sie was Falsches tun.“ Bei Mona Eltahawy könnte die „taz“ erfahren, warum die jungen Muslime kein Unrechtsbewusstsein zu haben schienen.

Frauen können sich nicht entziehen

Doch ist zu befürchten, dass auch sie, obwohl Muslimin und Ägypterin, dann als „rassistisch“ eingestuft würde. Schon warnte der Beauftragte der türkischen Religionsbehörde (Ditib) für interreligiösen Dialog in Deutschland, Bekir Alboga, vor einer „Kulturalisierung von Verbrechen“, und die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor befand: „Beim Oktoberfest in München und beim Kölner Karneval kommt es gehäuft vor, dass stark alkoholisierte Männer Frauen sexuell bedrängen und belästigen. Das wird dann gern als Kollateralschaden dieser Veranstaltungen abgetan. Es gibt keinen Unterschied zwischen der einen sexuellen Gewalt und der anderen.“

Wirklich nicht? Der Unterschied liegt darin, dass die sexuelle Gewalt in Nordafrika und im Nahen Osten zum Alltag gehört und dass in dieser Hinsicht dort permanent „Oktoberfest“ und „Karneval“ ist, denen sich keine Frau entziehen kann, indem sie diese Veranstaltungen meidet. Die Gewalt beginnt vor der Haustür auf der Straße. Nawel, eine algerische Mitarbeiterin, berichtete mir von regelmäßigen Übergriffen im Bus. Obwohl sie eigentlich die Verschleierung ablehnte, verhüllte sie sich für die Fahrt mit einem Hijab (Kopftuch). Das hielt Männer im Gedränge nicht davon ab, sich durch Reibung an Nawels Körper Befriedigung zu verschaffen.

Rachida, eine marokkanische Mitarbeiterin, musste ich eines Tages von meinem Grundstückswächter per Fahrrad abholen und heimbringen lassen. Sie hatte beschlossen, die Djellaba (langes Gewand) abzulegen, und war daraufhin von jungen Männern mit Messern verfolgt worden. Nun wurde sie, mit wippendem Haar und in Jeans auf der Fahrradstange sitzend, an ihren Peinigern vorbeigefahren.

Todesdrohungen der Fundamentalisten

Sexuelle Übergriffe sind in islamischen Ländern die Regel und nicht Ausnahmen. Eine Muslimin kann in Deutschland den Bus nehmen, ohne befürchten zu müssen, begrabscht zu werden, eine Europäerin in Nordafrika kann das nicht. Davon konnte ich mich während meines zehnjährigen Aufenthaltes in Algerien und Marokko überzeugen. Eine Muslimin kann in Deutschland auf den Markt gehen, ohne plötzlich Männerhände am Hintern zu spüren, eine Europäerin kann das in Nordafrika nicht. Westliche Frauen gelten bei vielen jungen Nordafrikanern als halbe Huren, weil „sie es ja schon vor der Ehe mit vielen Männern tun“. Selbst wenn sie mit ihrem siebenjährigen Sohn an der Hand – als Mutter sozusagen eine „heilige Kuh“ – weitab von allen Menschenmengen einen Spaziergang über eine Wiese machen sollte, dauert es nicht lange, bis junge Männer auftauchen, sich an sie drängen, nicht von ihr ablassen und ihr vulgäre Worte ins Ohr raunen. Die islamische Grundeinteilung der Welt in „Gläubige“ und „Ungläubige“ ermutigt den Übergriff auf „westliche“, gleich „ungläubige“ Frauen. Da hilft nur schnellste Umkehr und Verzicht auf jeden weiteren Spaziergang.

In den zehn Jahren Nordafrika habe ich zugleich viele Musliminnen und Muslime kennengelernt, die diese Sicht auf die „westliche“ Frau abscheulich fanden. Sie hielten großen Abstand zu den Predigern, die die Welt auf letztlich menschenfeindliche Art in „Gläubige“ und „Ungläubige“ einteilten, setzten sich für eine humane, weltoffene Auslegung des Korans ein, schrieben mutig und ungeschützt gegen religiösen Obskurantismus und legten sich mit den mächtigsten Männern ihrer diktatorischen Staaten an, Frauen und Männer, Intellektuelle, Künstler, aber auch unzählige sogenannte „einfache Leute“. Nicht zuletzt ihretwegen blieb ich trotz Todesdrohungen seitens der Fundamentalisten in Algier. Das Problem ist aber, dass die meisten maßgeblichen Islam-Instanzen in den muslimischen wie den nicht-muslimischen Ländern den theologischen Diskurs darüber verweigern, wie man die fatale „Gläubig/Ungläubig“-Dichotomie überwinden und das Verhalten undogmatischer Muslime in den Islam integrieren könnte. Auch die Wortführer der muslimischen Verbände sollten über diese „Ausgrenzung“ von Muslimen endlich offen diskutieren.

Meine Freunde und Gesprächspartner in Nordafrika riskierten so viel mehr, als es meine politischen Weggefährten aus der 68er-Zeit jemals riskiert hatten: Ermordung, Folter, Gefängnis. Man erinnere sich an den Oktoberaufstand von 1988, die erste und hierzulande kaum zur Kenntnis genommene Arabellion, bei der Büros und Ministerien der algerischen Einheitspartei gestürmt und Polizeikommissariate attackiert wurden – ohne einen einzigen religiösen Slogan. Diese Leute haben meinen Blick auf Musliminnen und Muslime geprägt.

Muslimische Dissidenz wird als „islamophob“ verhöhnt

Um so schockierender fand ich nach meiner Rückkehr aus Nordafrika den Blick meiner alten Weggefährten sowie des linksliberalen Mainstreams einschließlich der SPD und der Grünen auf die muslimische Welt: Sie schienen keine Ahnung zu haben von dem, was dort vor sich ging, wie sehr Frauen dort unter religiösen Diktaten litten, nachdenkliche Menschen von Staat und Staatsislam gleichzeitig fertiggemacht wurden. Sie schienen völlig zu ignorieren, wie sehr Islam und Diktatur letztlich Hand in Hand arbeiteten, wenn es darum ging, ihre gemeinsamen Hauptfeinde zur Strecke zu bringen: die Demokratie, die Menschenrechte, die Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung.

Die muslimische Dissidenz à la Necla Kelek, Seyran Ates, Taslima Nasreen, Hirsi Ali et cetera wurde von Linken und Linksliberalen in Deutschland kaum ernst genommen, wenn nicht sogar verhöhnt oder als „islamophob“ diffamiert. Meinungsfreiheit und Demokratie, so war zu lesen, seien nicht unbedingt Lebensformen, nach denen sich die arabische Welt sehne. Das gesamte linke und linksliberale Spektrum baute jedoch eifrig an einem Multikulti-Schutzprotektorat für das Kopftuch samt dahinter steckendem Frauenbild, den Hass auf den „Westen“, die Verschonung des Islams vor jeder Kritik. In diesem intellekt- und kritikfeindlichen Dunst konnten die Parallelgesellschaften aufblühen. Dieses Nicht-wissen-Wollen war unfassbar.

Heute taucht diese Haltung im Zeichen der „Willkommenskultur“ und der „Der-Islam-gehört-zu-Deutschland“-Rhetorik wieder auf. Man erinnere sich nur an das Frohlocken der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt auf allen Fernsehkanälen über den höchstrichterlich ermöglichten Einzug des Lehrerinnen-Kopftuches in deutsche Klassenzimmer. Warum aber schreien Millionen fundamentalistisch gesinnter Männer von Pakistan über Afghanistan, Iran, Saudi-Arabien, Nigeria, Mali, Algerien und Marokko nach dem Kopftuch, warum ist das Kopftuch dort am häufigsten zu sehen, wo es am fundamentalistischsten zugeht?

Der Umgang mit Muslimen ist neurotisch

Es ist zu hoffen, dass die Kölner Ereignisse endlich dem Diskurs über „die Muslime“, die man nicht „beleidigen“ darf, ein Ende setzen, dass man hinter den „Muslimen“ – ein Begriff, den die Fundamentalisten zum Oberbegriff für alle Islam-Gläubigen gemacht haben, während man früher eher von Ägyptern, Algeriern, Marokkanern et cetera sprach – Menschen erkennt, die man behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte: als selbstverantwortlicher, lernfähiger, kritikoffener Erwachsener und nicht als Kleinkind, dem man sein Lieblingsspielzeug, in diesem Fall die Religion, nicht madig machen darf, weil es sonst aus Wut alles kurz und klein schlägt.

Das war bisher nicht der Fall. Der Umgang mit Muslimen war bisher eher neurotisch denn normal. Man sollte sich bei dieser Neuorientierung ein Beispiel an jenen muslimischen Intellektuellen in der arabischen Welt nehmen, die längst begriffen haben, dass Islamkritik nicht Angriff auf Muslime bedeutet, sondern Schutz vor seinen menschenverachtenden Auswüchsen, die sich gegen Frauen, Homosexuelle, eigenständig Denkende und sogenannte „Ungläubige“ richten, also auch gegen Millionen von Musliminnen und Muslimen.

Auch hier kann man sich ein Beispiel an muslimischen Schriftstellern wie Boualem Sansal, Abdellah Taia, Mona Eltahawy, Mohamed Choukri oder Kateb Yacine nehmen: „Haare aus glühendem brüchigen Eisen, auf dem die Sonne wirr sich häuft, wie eine Handvoll Wespen“ – dieser Satz aus „Nedschma“, dem weltberühmten Roman von Kateb Yacine, durfte einmal sein – vor den Kopftuch-Zeiten. Was für eine witzige, schöne, intelligente, zauberhafte muslimische Welt es selbst heute noch gibt und wieder neu geben könnte, würde der elende Entschuldigungsdiskurs für deren zerstörerische Geister endlich ein Ende finden! Warum sich nicht Mut anlesen oder auch auf Tareq Oubrou hören, den Imam der Moschee von Bordeaux? Der fordert Muslime auf, es einmal mit etwas „diskreter Sichtbarkeit“ religiöser Insignien, sprich dem Kopftuch, zu versuchen, um auf eine weniger religiöse europäische Öffentlichkeit Rücksicht zu nehmen, zumal das Kopftuch für den Glauben „nebensächlich“ sei.

Nazislahm

Männer nehmen sich aus dem Koran, was ihnen passt

Als ich einer marokkanischen Bekannten aus Rabat einmal die Kleinmarkthalle in Frankfurt zeigte, bemerkte sie zu meiner Überraschung: „Das ist der schönste Soukh, den ich je erlebt habe.“ „Unsere Kleinmarkthalle?“, erwiderte ich. „Ohne die Farben Marokkos, ohne das Karminrot und Safrangelb der Gewürzpyramiden?“ Ihre Antwort: „Ohne das Blau von Ellenbogen, die sich Ihnen ganz zufällig derart in die Brust rammen, dass Sie vor Schmerz aufschreien könnten. Ohne das Grün von Kniffen und Griffen sonst wohin. Stimmt, diese Farben Marokkos hat Ihre Kleinmarkthalle nicht.“

„In der Kleinmarkthalle haben die Frauen das Sagen und nicht der Koran“, entfuhr es mir. „Pardon, ich wollte den Koran nicht beleidigen. Ich weiß, dass im Koran steht, dass auch die Männer ihre Augen niederschlagen sollen, wenn sie einer Frau begegnen, und nicht nur die Frauen, wenn sie Männern begegnen.“ „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, erwiderte die Bekannte, „denn der Koran wird schon ewig von Männern ausgelegt. Die nehmen sich, was ihnen passt.“ Zum Beispiel Sure vier, Vers 34: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie ausgezeichnet hat.“ Oder Sure zwei, Vers 228: „Die Männer stehen eine Stufe über ihnen. Gott ist mächtig und weise.“ Oder Sure zwei, Vers 223: „Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. Geht zu eurem Saatfeld, wo immer ihr wollt…“ Das sitzt. Das gilt zwar nur für das, pardon, „Besäen“ von Ehefrauen, ist aber längst auf die unverheirateten Männer übergeschwappt, die es jeden Tag auch zum „Säen“ drängt, weil sie arm sind und ihnen das nötige Geld zum Heiraten fehlt. „Nicht meine Schuld, sagen die sich und gehen sich ihr täglich Stück Frau grabschen.“

„Klingt nicht gut“, sagte ich. „Was sollen junge Leute machen?“, fuhr die Besucherin aus Rabat fort, „Sex vor der Ehe ist bei uns gesetzlich verboten, denn er gilt im Islam als Unzucht. Einer unserer religiösen Scheichs hat neulich sogar öffentlich gezeigt, dass er sich des Problems bewusst ist. Scheich Abdelbari Zamzani hat per Fatwa den unverheirateten Marokkanerinnen die Karotte empfohlen! Als er daraufhin verspottet wurde, konnte er das nicht verstehen, er habe doch als Feminist gesprochen. Obendrein hat Zamzani sogar die Hymen-Reparatur erlaubt – nach einem Unfall! Wissen Sie, es ist dieser Mischmasch aus religiösen Geboten und heutiger Lebenswirklichkeit, der bei den Männern zu permanentem sexuellen Notstand führt – von den Frauen redet dabei übrigens niemand.“

Frauen mit kurzen Röcken werden als „Schlampen“ beschimpft

In den zehn Jahren meines Aufenthaltes in Nordafrika und auch bei den späteren Besuchen dort habe ich nicht eine einzige Frau getroffen, die nicht von sexuellen Belästigungen zu berichten gewusst hätte. Mit der zunehmenden Islamisierung Algeriens und Marokkos kann schon das Tragen eines Rockes zu Übergriffen führen. So geschehen in Inezgane bei Agadir: Im Juni 2015, einen Tag vor Beginn des Ramadans, gingen zwei junge Marokkanerinnen namens Sanaa und Siham im Soukh von Inezgane einkaufen. Die beiden Frauen trugen Röcke, die etwas oberhalb der Knie endeten. Als ein Händler die beiden erblickte, bemerkte er zu den Umstehenden, diese Art der Kleidung verletze das Schamgefühl aller Marokkaner, worauf sich sogleich eine Menschenmenge um die beiden Frauen scharte, sie als Schlampen beschimpfte, junge Männer sich an die beiden Mädchen drängten, sie anfassten und vulgäre Gesten machten.

Die von einem anderen Händler zum Schutz der Frauen herbeigerufenen Polizisten fanden die Kleidung Sanaas und Sihams gleichfalls schamlos. Sie nahmen die beiden Frauen fest und überstellten sie am nächsten Morgen dem Staatsanwalt. Im selben Soukh wurden wenige Tage später zwei für homosexuell gehaltene Männer zusammengeschlagen und gleichfalls festgenommen. Kein Ulema protestierte im einen wie im anderen Fall, während im Touristenort Agadir Schilder mit der Aufschrift „Respect Ramadan. No Bikinis“ auftauchten, um Marokkanerinnen und Ausländerinnen daran zu hindern, sich am Strand zu bräunen.

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun schrieb Anfang August 2015 zu diesen Vorfällen: „Es wird Zeit, dass die Regierung auf diese neue Diktatur der Ignoranz, der Frustration und der Dummheit reagiert. Letzte Woche haben mit Säbeln und Dolchen bewaffnete Halunken am Strand von Tanger Jagd auf unverschleiert Badende gemacht. Vorsicht, das fängt mit einer Belästigung dieser Art an und endet mit einer Bombe in einem Schwimmbad oder in einem Café. Die Sicherheitsdienste müssen dieses gefährliche Treiben absolut ernst nehmen und die Sicherheit und Freiheit des Individuums garantieren, ob Mann oder Frau.“ Einen Monat zuvor hatte es das mörderische Attentat am Strand von Sousse in Tunesien gegeben, der Salafisten als „Bordell“ gilt.

Die Linke muss sich ändern

Gegen diese Entwicklung eines außer Rand und Band geratenen Islams, dessen Schizophrenie sich diesmal vor dem Kölner Hauptbahnhof ausgetobt hat, gibt es nur ein Mittel, soll die Entwicklung nicht in Richtung Regression weitergehen: Der Islam muss die gleiche Kritik aushalten lernen, wie das Christentum sie hat aushalten müssen. Doch die hiesige seriöse Islamkritik besteht bisher aus einer Handvoll Frauen und Männern, die von den Islamverbänden als „islamophob“ abgelehnt werden. Das muss sich ändern.

Ebenso muss der Resonanzboden für die liebedienerische Haltung des hiesigen linken Spektrums gegenüber jedwedem Obskurantismus verschwinden, sobald dieser nur das Etikett „muslimisch“ trägt. Diese Liebedienerei ist zwar verständlich, teilt die fundamentalistisch-muslimische Welt doch die anti-amerikanische, antiwestliche und antiisraelische Aggressivität, die das Lebenselixier der deutschen Linken ausmacht. Sie ist gemeingefährlich, weil sie in ihrer Verbundenheit mit dem fundamentalistisch festgefahrenen Islam unbesehen jenes „Ungeheuer“ in Kauf nimmt, das der muslimische Philosoph Abdennour Bidar sich aus diesem entwickeln sieht.

Seit fünfzehn Jahren drischt die deutsche Linke auf muslimische Aufklärerinnen und Aufklärer ein, beschuldigt sie, Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten zu liefern. Wasser auf deren Mühlen aber liefert vor allem das Blut der Opfer des „Ungeheuers“, das muslimische Freunde verzweifelt bekämpfen, ohne dass die europäische Linke begriffe, was auf dem Spiel steht, auch für Nichtmuslime. Hauptsache, es geht gegen „den Westen“, der für den Niedergang der islamischen Welt verantwortlich sein soll – was keiner historischen Analyse standhält. So wie die Linke für das Scheitern des Sozialismus Sündenböcke findet, sucht sich die islamische Welt die ihren: Loser gesellt sich zu Loser, Underdog zu Underdog, gemeinsam sind wir stark, die Rachsucht brennt: Passt auf, wir werden es euch heimzahlen!

Der „sterile“ Islam setzt sich in den Köpfen fest

Die muslimische Intelligenz Nordafrikas hingegen hält Islamkritik für das sine qua non, sollen ihre Gesellschaften nicht dauerhaft einem Obskurantismus anheimfallen, der entsprechende Tendenzen via Immigration und Kommunikation auch in Deutschland noch verstärken würde. Rechtspopulismus machen die muslimischen Dissidenten nordafrikanischer Herkunft vor allem im frauen-, fremden- und aufklärungsfeindlichen „Theo-Populismus“ eines sich zunehmend „salafisierenden“ Islams aus, dem staatliche und religiöse Autoritäten keine stichhaltige Argumentation entgegensetzen, weil sie selbst die „westlichen“ Menschenrechte scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Die Einzigen, die sich um Aufklärung bemühen, sind die muslimischen „Freiheitssucher“, wie sie der tunesische Psychoanalytiker Fethi Benslama nennt. Gern sähen die Dissidenten der muslimischen Welt europäische Linke und Intellektuelle an ihrer Seite. Vergeblich, wie Fethi Benslama bereits 2004 in seiner „Nicht-Unterwerfungserklärung zum Gebrauch für Muslime und diejenigen, die es nicht sind“, feststellte: „Manche Nachfahren der Aufklärung sind blind für die Aufklärung der anderen.“

Von europäischer Aufklärung unbehelligt, kann sich auch hierzulande deshalb ein Islam im Bewusstsein der jungen muslimischen Generation festsetzen, den der 2015 verstorbene muslimische Philosoph und Islamologe tunesischer Herkunft Abdelwahab Meddeb folgendermaßen charakterisierte: „Eine Religion, die sich die letztendliche nennt, Trägerin der definitiven göttlichen Botschaft, die die prophetische Inspiration versiegelt, das, was vor ihr war, rekapituliert und rektifiziert, eine solche Religion, wortwörtlich genommen, annulliert jede Fragestellung, gründet eine absolute Wahrheit ohne möglichen Disput… Reduziert auf ein solches Skelett, zeigt der Islam sich religiös und politisch als austrocknende, sterile, das ,akut Lebendige‘ zeitgemäßer Fragestellungen ignorierende Sicht auf die Welt, erhebt sich zu einem alles an sich reißenden, aggressiven ,Monologismus‘, taub für jeden Dialog, abgeschnitten von den Voraussetzungen, die die Beziehung zwischen Personen und Völkern, zwischen Bürgern und Nationen eröffnen.“ Gegen einen solchen Islam werden die neuerdings geforderten „Integrationszentren“ nicht viel ausrichten, wenn sie sich vor der Auseinandersetzung mit ihm drücken, um muslimische Einwanderer nicht zu „beleidigen“.

Muslime selbst lesen dem Islam die Leviten

In muslimischen Ländern gewinnt genau dieser taube Islam in den jeweiligen staatlichen Fernsehsendern seit Jahren an Einfluss, vor allem, wenn sie von Saudi-Arabien gesponsert werden. Ergebnis ist der sich ausbreitende „Theo-Populismus“. Erfinder dieses Begriffs ist der in Oran lebende Journalist und Schriftsteller Kamel Daoud. Im „Quotidien d’Oran“ schreibt er seit Jahren die Kolumne „Raika Raikoum“ („Unsere Meinung – Ihre Meinung“). Am 28. Mai 2015 stellte er dort die Frage: „Müssen wir gegen den Theo-Populismus in den Untergrund gehen?“, eine Anspielung auf den Untergrund während des Befreiungskrieges gegen Frankreich: „Zu kurzer Rock, abgewiesen in einer Fakultät von Algier, ein rückwärtsgewandter Rektor, der per Anstands-Fatwa seinen Wachmann gegen die Studentin unterstützt. Undenkbar vor einigen Jahrzehnten, denkbar geworden gestern und vorgestern, weil selbst ein Rektor in Algerien inzwischen binär in halal/haram (erlaubt/nicht erlaubt) denkt. Aber das ist nicht der einzige Fall des im Namen des einzigen Gottes einzig erlaubten Denkens … Der behaarte Tumor (Daoud meint den Salafismus) ist in die algerischen Riten eingedrungen, die Kleidung, den Teint und die Zahnpflege. Zeit bedeutet inzwischen Gebet und nicht mehr Pünktlichkeit, Versprechen heißt inzwischen ,inschallah‘ und nicht mehr Worthalten. Das Ziel des Lebens ist der Tod, nicht das Leben… Es ist das binäre halal/haram-Denken, das den ,Theo-Populismus‘ ausmacht: ,Kreuzzüglerisierung‘ des ,anti-muslimischen‘ Westens, Obsession eines in allem überall gewitterten jüdischen Komplotts, Promotion des islamistischen Vorbildes in der Mode, den Riten, der Sexualität, dem Zölibat, der Ehe… Das Land: verschleiert, nikabisiert, gemobbt und in eine Frauenhintern-Überwachungsstation verwandelt, mittels beschämender und mittelalterlicher Predigten.“

Das ist das Nordafrika, aus dem auch einige der Kölner Täter kommen. Viele der Phänomene sind mehr oder weniger auch in den hiesigen muslimischen Gemeinschaften zu beobachten. Eines existiert schon lange: Das „Erwecken von Schuldgefühlen bei den progressiven Eliten und deren Denunzierung als… Islamophobe“ (Daoud), insbesondere durch die Islamverbände, Linke und Grüne. Deshalb dürfen wir uns davon nicht mehr ins Bockshorn jagen lassen, denn es sind Muslime selbst, muslimische „Freiheitssucher“, die genauso wenig „islamophob“ sind wie wir, wenn sie einem frauen-, fremden- und gedankenfeindlichen Islam die Leviten lesen statt sich ihm zu unterwerfen.

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Time am 11. Januar 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gasbeitrag-von-samuel-schirmbeck-zum-muslimischen-frauenbild-14007010.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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PS, lesen Sie auch:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/11/08/alla-hasst-frauen/

Im Interview: Boualem Sansal

18. November 2015

Weber

Von Boualem Sansal war vor kurzem in der MoT die Rede (1). Lesen Sie ein Interview mit ihm aus der heutigen FAZ (2).

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Die Anschläge werden nicht aufhören

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal beschreibt in seinem Roman „2084“ den Totalitarismus einer islamischen Diktatur. Er sagt: Der Westen hat die islamistische Gefahr zu lange unterschätzt.

Herr Sansal, Sie beschäftigen sich in Ihrem Werk seit Jahren mit der islamistischen Gefahr. Was denken Sie heute, wenige Tage nach den Anschlägen in Paris?

Ich bin, ehrlich gesagt, nicht überrascht. Die Islamisten sind dabei, sich in Europa einzurichten. Am Freitag haben sie in Paris zugeschlagen, morgen wird es woanders sein. Sie werden nicht aufhören. Die Strategie der Anschläge weist dabei auf ein Ziel hin, das man benennen muss: Es geht ihnen um die Eroberung der Welt. Und dieser Krieg wird längst nicht nur über Gewalt geführt. Die Islamisten nutzen für ihre Mission die verschiedensten Mittel, sie wirken politisch, sie predigen in Moscheen, sie kommunizieren über das Internet und lassen ihre Publikationen weltweit zirkulieren. Das halte ich für das Wesentliche. Mit den Attentaten wollen sie uns terrorisieren, aber die Arbeit im Hintergrund ist mindestens so wichtig.

Können Sie die Faszination gerade junger Leute für den Islamismus erklären?

Die Jugend betreibt seit jeher alles, was sie tut, mit großer Leidenschaft, ob das Musik ist oder Sport. Die Religion ist hier insofern wirkmächtig, als die Islamisten sektiererisch vorgehen. Es geht um Indoktrination. Die Jugend ist desorientiert und sucht nach einem Sinn des Lebens. Diese Lücke füllt die Religion aus. Sie bietet Visionen, politisches Engagement und eine Moral. Diese Zutaten zusammengenommen machen den Islamismus so faszinierend, dass sich inzwischen sogar Christen, Atheisten und Juden unter den Islamisten finden.

Sie sprechen hier tatsächlich noch immer von Religion?

Da gibt es zwei Diskurse. Viele Muslime sagen, dass die Gewalt mit dem Islam nichts zu tun habe, sondern eine Religion des Friedens und der Ausgewogenheit sei. Das hat man auch über das Christentum gesagt. Aber Religionen haben eben auch die schlimmsten Extreme in die Welt gebracht, ob das einst die Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken waren oder heute der Krieg zwischen Sunniten und Schiiten. Und die Gruppe derjenigen, die heute glauben, der Islam sei eine Religion der Stärke und Eroberung, nimmt zu. Ich habe diesen Wandel am eigenen Leib erlebt. Ich bin Algerier und lebe in Algerien. Früher praktizierten die Muslime um mich herum ihre Religion unauffällig und tolerant. Heute ist das anders, die Stimmung aufgeheizt. Vor allem die Jugend in Algerien ruft nach einem starken, männlichen, ehrgeizigen Islam. Auch für viele Muslime, die sich in Europa abgehängt fühlen, ist diese Vorstellung attraktiv. Sie sind vielleicht arbeitslos, werden kriminell oder nehmen Drogen. Da schlägt die Stunde der Islamisten. Ihre Manipulation ist perfide.

Warum leben Sie noch immer in Algerien und sind nicht wie viele Ihrer Landsleute ins Exil gegangen? Sie haben 1999 Ihren Posten als hoher Beamter im algerischen Wirtschaftsministerium verloren, Ihre Bücher sind in Algerien verboten, Sie müssen um Ihr Leben fürchten.

Natürlich habe ich viele Feinde in Algerien, nicht nur die Islamisten, auch unter den Machthabern. Aber ich bin Schriftsteller. Als Intellektueller, der darüber schreibt, dass wir für die Demokratie und gegen die Diktatur kämpfen müssen, kann ich mich doch nicht zugleich nach Paris oder Berlin zurückziehen. Ich muss dieselben Risiken eingehen wie die Menschen, die in Algerien leben. Anders geht es nicht. Obwohl ich mich manchmal durchaus bei dem Gedanken erwische: Jetzt geht es nicht mehr, jetzt gehe ich fort.

Ihr gerade in Frankreich erschienener Roman „2084“ ist die Dystopie über einen islamistischen Staat. Hätten Sie ihn heute, nach dem schwarzen Freitag, anders geschrieben?

Nein, denn das, was jetzt in Paris passiert ist, erleben wir in Algerien seit 1990. In Paris gibt es 129 Tote, in Algerien sind es 250000 Opfer. Ich kenne die Gefahr des Islamismus. Deshalb bestätigt Paris meine Analyse nur. Der Islamismus hat der Menschheit den Krieg erklärt, seine Verfechter wollen die Macht. Weltweit mobilisieren sie Anhänger, und ihnen gegenüber steht – nichts, Leere. Die Demokratien sind schwach. Deshalb werden die Islamisten obsiegen und große Teile der Welt beherrschen. Denken Sie doch nur einmal: Vor zwanzig Jahren gab es sie nicht, und schon heute dominieren sie mehr als dreißig Länder. Und sie gewinnen ständig neue Territorien hinzu, ob in der Sahara, im Irak oder in Syrien. Die Türkei wird von einer islamistischen Partei regiert, Iran, Marokko. Und als Nächstes installieren sie sich in Europa.

Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Frankreich eines Tages islamistisch wird?

Ich rede jetzt nicht von der nächsten Wahl. Was ich meine, ist eher eine psychologische Unterwerfung. Seit Jahren spricht man hier von nichts anderem mehr als vom Islamismus. Das ist für mich durchaus eine Form der Okkupation. Der Islam stammt nicht aus Europa, aber europäische Medien, Regierungen, die Sicherheitspolitik – alles dreht sich nur noch darum. Die Islamisten treiben den Westen vor sich her. Sie brauchen gar keine Ministerposten, sie regieren auf ihre Art. Sie erzeugen eine Stimmung der Angst und des Schreckens, um ihre Ziele durchzusetzen.

Warum stellt sich die arabische Welt nicht geschlossen gegen die Verbrechen des IS?

Das hat viele Gründe. Zum einen haben die Amerikaner lange Zeit in Ländern wie Syrien, Irak oder Afghanistan mit den Islamisten paktiert, um den Kommunismus mit ihrer Hilfe zurückzudrängen. Außerdem glauben tatsächlich viele Bürger in der arabischen Welt, dass die Anschläge von Paris nicht von Islamisten verübt wurden, sondern vom Mossad oder dem französischen Geheimdienst. Um die Stimmung gegen die arabische Welt aufzuheizen. Sie wollen sich aber auch nicht mit der einstigen Kolonialmacht Frankreich solidarisch zeigen. Und außerdem gibt es nicht den einen Islam. Wenn Schiiten Anschläge verüben, ist das den Sunniten herzlich egal, weil sie Gegner sind. Auch Syrien und der Irak, Algerien und Marokko sind verfeindet, niemals würden diese Länder an einem Strang ziehen. Und zuletzt ist es für einen Muslim schwer, einen anderen Muslim zu kritisieren. Schon als Europäer steht man dann unter Verdacht, islamophob zu sein. Über einen Muslim, der sich kritisch äußert, aber heißt es, er sei vom Glauben abgefallen. Das ist sehr gefährlich.

Hat der Westen die islamistische Gefahr unterschätzt?

Natürlich. Der Westen wird die wahre Dimension erst begreifen, wenn sich die Attentate häufen und eine Art urbaner Guerrillakrieg ausbricht.

Sie haben geschrieben, dass der IS an seinen inneren Widersprüchen scheitern wird. Glauben Sie das noch immer?

Unbedingt. Der gewalttätige Islamismus ist eine vorübergehende Entwicklung. Das wird es noch eine Zeitlang geben, vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre, aber seine wahre Intention ist die intellektuelle Ausrichtung. Das große Ziel ist die Renaissance des Islams. Dafür steht die Nahda-Bewegung, deren Name nicht zufällig „Wiedererwachen“ heißt. Entstanden in der Zeit, als die arabische Welt kolonisiert war und der Islam zu verschwinden drohte, hatte die Bewegung das Ziel, den Islam mit der Moderne zu verbinden. Heute hat Nahda Millionen Anhänger und wird immer mächtiger. Sie unterhalten karikative Initiativen, Koranschulen und sind in Parlamenten vertreten. Aber es sind fundamentalistische Muslime, deren Mission es ist, den Islam zu neuer Größe zu führen, in Afrika, Asien, Europa.

Wer sind die Unterstützer im Hintergrund, wer finanziert das?

Es ist doch offensichtlich, dass das Geld zum Beispiel aus Saudi-Arabien kommt, dem einzigen Land in der Welt, das einer Familie gehört. Die Amerikaner, die nur zu gern das saudische Öl abnehmen, versprechen im Gegenzug, nicht gegen Saudi-Arabien vorzugehen. Auf Qatar trifft dasselbe zu. Aus diesen Königreichen kommt die Unterstützung.

Haben Sie eigentlich selbst keine Angst, sich öffentlich zu äußern? Leben Sie unter Polizeischutz?

Nein, ich schütze mich selbst. Ich will nicht unter ständiger Beobachtung leben. Ich will mit Leuten reden, ich will aus dem Haus gehen. Aber ich passe auf mich auf. Mehr kann ich nicht tun.

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Time am 18. November 2015

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2015/10/11/2084/
2) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/boualem-sansal-im-interview-zu-den-anschlaegen-in-paris-13917703.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

2084

11. Oktober 2015

Boualem Sansal

In der FAZ hat Jürg Altwegg Boualem Sansals Islam-Roman „2084“ besprochen (1).

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2084 ist es friedlich

Eine zweite Unterwerfung: Auch in Boualem Sansals Roman „2084“ herrscht der Islam. Der Autor kommt jedoch ohne Blasphemie und Provokation aus und wird als Kandidat für die wichtigsten Literaturpreise gehandelt.

Es ist das zweite Buch des Jahres in Frankreich. In Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, der bekanntlich am Tag des Attentats auf „Charlie Hebdo“ in die Buchhandlungen ausgeliefert wurde, geht es um die Wahl eines islamischen Präsidenten im Jahr 2022 und die Islamisierung Frankreichs, das sich den neuen Machtverhältnissen anpasst wie im Krieg unter der deutschen Besatzung. Seit diesem Herbst liest man Houellebecqs Antizipationsroman als Vorgeschichte einer totalitären – islamischen – Gesellschaft, die vom algerischen Schriftsteller Boualem Sansal beschrieben wird und deren Autor selbst den kühnen Vergleich mit George Orwell wagt. „2084“ nennt Sansal, der 2011 in Frankfurt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden war, seinen Roman, Untertitel: „Das Ende der Welt“.

2084 ist das Gründungsereignis der Neuen Zeit, dem auf Gedenktafeln gehuldigt wird. Aber wofür das Datum steht, weiß niemand – außer dass die Versprechungen der Propheten Wirklichkeit geworden sind. Für die neuen Generationen der Neuen Zeit hatte die Geschichte nicht mehr Bedeutung als die unsichtbare „Spur des Winds im Himmel“: „Die Gegenwart ist ewig“, einen Kalender gibt es nicht mehr. Im Großen Heiligen Krieg war die alte Welt besiegt worden. Und alles, was sie ausmachte, ist untergegangen: die Sprache und die Bücher, die Museen und die Möbel, das Geschirr, die Nahrung, die Kleider. Mit den Ziffern 2-0-8-4 beschäftigt sich die florierende Numerologie. Hatte die Jahreszahl einen Bezug zum Krieg? Eine Zeitlang zirkulierte die Vorstellung, dass es sich um das Jahr der Geburt von Abi handeln könnte. Oder um jenes „seiner Erleuchtung durch das Licht“, als er fünfzig wurde und das „Land der Gläubigen“ den Namen Abistan bekam.

Eine Sprache, die Denken ausschließt

Abistan ist das Reich Yölahs und Abi Yölahs „Delegierter“ auf Erden. Auch „Bigaye“ wird er genannt. Er wohnt gleichzeitig in 25 Palästen. Die neue Sprache ist Abistanisch. Sie wurde so konzipiert, dass sie jegliches Denken ausschließt. Das Leben der Abistani wird vom Glauben, den Gebeten und den Pilgerfahrten bestimmt, andere Reisen sind verboten. Anträge auf Pilgerfahrten werden nach Jahren beantwortet und Bewilligungen vererbt, aber nie an die Zweitgeborenen oder Schwestern. Die Elite lebt im Überfluss, das Volk in extremer Armut. Es gibt eine Woche der heiligen Abstinenz. Der Feind, den die Ungläubigen einst darstellten, ist so endgültig besiegt, dass der Begriff aus dem Vokabular gestrichen wurde. Am Rande dieses Paradieses lebt der lungenkranke Ati in einem Sanatorium in der Wüste. Gefühle des Zweifels versucht Ati verzweifelt zu unterdrücken.

In seinem Essay „Allahs Narren“ (Merlin Verlag) hat Boualem Sansal beschrieben, „wie der Islam die Welt erobert“. Dass Frankreich islamistisch werden könnte, hält er für durchaus plausibel. In „2084“ gibt es keinen Dschihad und keine Attentate. Jeder unterwirft sich freiwillig den Regeln und Normen: „Die einzige Kraft, die zur Übernahme und langfristigen Ausübung der Macht fähig ist, scheint mir der Islam zu sein. Er ist die einzige religiöse Strömung, die über die notwendige Energie und Gewaltbereitschaft verfügt.“ Für besonders gefährlich hält Sansal den „westlichen Islamismus, der in Frankreich entsteht, in London, in den Vereinigten Staaten und in Russland. Diese Bewegungen könnten sich zusammenschließen.“ Sansal gehört zu den bedeutenden Schriftstellern der französischsprachigen Gegenwartsliteratur. Gallimard brachte „2084“ in einer Erstauflage von 150 000 Exemplaren in den Buchhandel. Der Roman kam auf die erste Liste der Kandidaten für den Prix Goncourt.

Favorit für Literaturpreise

Inzwischen haben die Jurys aller Literaturpreise Sansal in den Kreis ihrer Favoriten aufgenommen. Etwas Vergleichbares hat es in den letzten Jahrzehnten für keinen Schriftsteller gegeben. Der algerische Schriftsteller, der in seiner Heimat belästigt und bedroht wird, steht erstmals an der Spitze der Bestsellerliste, die erste Auflage ist bereits fast vollständig verkauft. Auch thematisch ragt der Entwurf einer religiösen Diktatur aus der Masse der Neuerscheinungen heraus.

Paris schickt sich tatsächlich an, Boualem Sansal einen Triumph zu bereiten. Ihre letzte Vorentscheidung wird die Goncourt-Jury Ende Oktober im Bardo-Museum in Tunis fällen, das im Frühling Schauplatz eines Attentats war. In Frankreich wird man für die Literaturpreise den Polizeischutz verstärken. Den muslimischen Fanatikern aber sei gesagt: Es gibt bei Sansal diesmal keine Blasphemie und keine Provokation. Sein Roman ist ganz anders als die „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq, der den Kollegen im Fernsehen lobte. Wenn die Fundamentalisten des Lesens mächtig wären, könnten sie „2084“ nur als Utopie verstehen.

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Time am 11. Oktober 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sansals-islam-roman-2084-ist-es-friedlich-13844180.html