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Der Nazislahm in Agonie

29. Januar 2019

Ratze Fuhrergan wird scheitern, und der Nazislahm wird auf dem Müllhaufen der Geschichte der von Ja+we berufenen Menschheit landen.

Elif Akgül schrieb für die „Welt“ über eine emanzipatorische Bewegung in der Torkei (1).

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Mein Kopftuch, meine Entscheidung

Das Kopftuch sexualisiere Mädchen bereits im frühen Schulalter und verstoße gegen das Grundgesetz, findet Necla Kelek von „Terres des Femmes“. Eine Aktion soll nun ein Kopftuchverbot für Minderjährige erreichen.

Auf dem einen Foto ist eine junge Frau zu sehen, sie lacht und hält den Kopf leicht gesenkt, sie trägt ein Kopftuch, eng um ihren Kopf gewickelt, man sieht kein einziges Haar, keinen Zentimeter Hals. Das andere Foto zeigt auch eine junge Frau, sie reckt ihr Kinn in die Höhe, lächelt verschmitzt in die Kamera. Ihr braunes Haar fällt in Wellen auf ihre Schultern, ihr weißer Strickpullover hat einen V-Ausschnitt.

Es sind Fotos wie Tausende andere auch, zur #10YearChallenge in den sozialen Medien gepostet – so sah ich früher aus, so sehe ich heute aus. Doch diese zwei Bilder werden zum Politikum in der Türkei.

Denn sie zeigen ein und dieselbe Frau, Büsra Cebeci, einmal mit Kopftuch, einmal ohne. Die junge Journalistin, ist eine von vielen, die ihre Entscheidung gegen das Kopftuch öffentlich gemacht haben. Viele schrieben auf einem Blog namens Asla Yalniz Yürümeyeceksin (Du wirst nie allein gehen) über ihre Geschichten.

Manche nennen diese Bewegung eine Befreiung, während andere sie als Verrat bezeichnen und den Frauen vorwerfen, sie hätten eine geheime Agenda. Solche Reaktionen gab es sowohl von konservativer als auch von säkularer Seite.

Mine Kirikkanat, bekannt als weltliche, kemalistische Autorin der Tageszeitung „Cumhuriyet“, schrieb auf Twitter, sie sei der Bewegung gegenüber skeptisch. Es handle sich um eine gezielte Manipulation durch Anhänger der von der türkischen Regierung als Terrororganisation bezeichnete Gülen-Bewegung oder Adnan Oktar, einem religiösen Kultführer.

Die Journalistin Cebeci sprach als Erste mit den Frauen, die ihre Entscheidung gegen das Kopftuch in den sozialen Medien posteten. Die Reaktion Kirikkanats nannte sie einen konservativen Reflex. „Beide Seiten vertreten eine patriarchalische Sichtweise.

Das Kopftuch ist dabei nur ein Werkzeug, um Frauen zu kontrollieren. Wenn du ein Kopftuch trägst, kannst du nicht öffentlich küssen, Alkohol trinken oder tanzen. Und wenn du es doch tust, wäre die Person, die dich fotografiert und das Foto online teilt, kein Islamist, sondern ein Kemalist. Der Hang zu Konservatismus und Kontrolle spielen für beide Ideologien eine große Rolle.“

Cebeci fügt hinzu: „Es ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die als ganz normal angesehen werden sollte.“ Nicht jede Frau, die ihr Kopftuch abgelegt habe, sehe das als einen Akt der Befreiung: „Für einige Frauen ist das Kopftuch ein Zeichen der Befreiung von der Moderne. Für andere Frauen, die von ihrer Familie unterdrückt werden, ist es ein Akt der Befreiung, das Kopftuch abzulegen.“

Gülsüm Postaci ist eine der Frauen, die ihr Vorher/Nachher-Foto geteilt haben. Sie sieht die Sache ähnlich wie Cebeci: „Ich bin weder befreit worden, als ich mich entschieden habe, ein Kopftuch zu tragen, noch, als ich es abgelegt habe. Ich war nie ein Opfer. Es war meine eigene Entscheidung, dass ich früher eins getragen habe.“

So sieht es jedoch nicht jeder in der Türkei. Manche Stimmen machen die islamistische Politik für die Entscheidungen der Frauen verantwortlich. Wie Fatma Bostan Ünsal. Sie ist eine der Gründerinnen der derzeitigen Regierungspartei AKP, distanzierte sich später von ihr.

Kürzlich verlor sie auch ihre akademischen Ämter, weil sie einen Friedensaufruf an die türkische Regierung im kurdischen Konflikt mitunterzeichnete. Sie selbst war eine Verfechterin des Rechts auf Bildung von Frauen mit Kopftuch.

„Die momentane Bewegung ist der vom 28. Februar sehr ähnlich. Damals setzten wir uns für das Recht ein, Kopftuch zu tragen, und jetzt setzen sich Frauen für das Recht ein, es abzulegen“, sagt Bostan. „Nach dem Staatsstreich von 1980 hielten die Regierungen den Kemalismus hoch, jetzt tun sie das Gleiche mit dem Islam. Die Regierung sollte sich nicht so sehr einmischen, auch nicht zum Schutz der nächsten konservativen Generationen.“

Sowohl Cebeci als auch Postaci sind der Überzeugung, dass die Frauen, die ihre Fotos in den sozialen Medien teilen, nicht Teil einer politischen Bewegung sind, sondern aus Solidarität mit anderen Frauen handeln, die ebenfalls ihr Kopftuch ablegten und die Entscheidung öffentlich machten.

„Indem ich meine Fotos teile, fühle ich mich, als würde ich die Last anderer Frauen teilen“, sagt Postaci. „Ich erinnere mich an den Moment, als der Regen zuerst meine Kopfhaut berührte. Und ich weiß, dass es auch bei anderen Frauen so ist. Ob man Kopftuch trägt oder nicht, sollte eine so normale Entscheidung sein wie die, welche Jacke man anzieht.“

Das Kopftuch ist in der Türkei ein symbolträchtiges Kleidungsstück wie wohl kein anderes. Schon immer stand es in der türkischen Politik zwischen den Fronten des politischen Islam auf der einen Seite und des kemalistischen Säkularismus auf der anderen.

Nach dem Militärputsch von 1980 wurde das Kopftuch an Universitäten und öffentlichen Einrichtungen verboten. Die Armee wollte islamistischen Tendenzen in der Politik ein Ende setzen und die Trennung von Staat und Religion wahren. Im Jahr 1997 griff das Militär erneut ein, auch bekannt als 28.-Februar-Prozess oder „postmoderner Staatsstreich“, und das Verbot wurde noch strenger ausgelegt als vorher.

Studentinnen mit Kopfbedeckung wurden in sogenannte Überzeugungsräume gebracht, wo sie ihre Tücher ablegen mussten – oder der Universitiät verwiesen wurden. Viele Frauen kämpften damals für ihr Recht, sich in der Öffentlichkeit zu verhüllen. Die Abgeordnete Merve Kavakci etwa trug bei ihrer Vereidigung im Parlament 1999 ein Kopftuch und durfte deshalb ihren Eid nicht ablegen.

Als die AKP unter Recep Tayyip Erdogan an die Macht kam, wurde das Kopftuchverbot zunächst an den Universitäten aufgehoben, später im öffentlichen Dienst und im Parlament.

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Time am 29. Januar 2019

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1) https://www.welt.de/politik/ausland/article187861028/Tuerkei-Grosse-Debatte-ueber-Frauen-die-ihr-Kopftuch-ablegen.html