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Gott sei Dank säkular

28. Oktober 2010

Albrecht Dürer: „Betende Hände“

Manche „militante“ Atheisten glauben, sie würden der Religion des Christentums einen Schlag versetzen, wenn sie einen säkularen Staat fordern. Das Gegenteil ist der Fall, denn die Ideen von Theokratie und „Gottesstaat“ sind mit den Worten Jesu nicht vereinbar, der sagte: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (Matth. 22/21) und „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh. 18/36).

Christen brauchen einen Staat, der Meinungsfreiheit garantiert, der sie sich versammeln lässt, der ihnen die vollen Bürgerrechte sichert, und der sie ihre Tüchtigkeit entfalten lässt, nicht einen, der im Namen Christi Macht ausübt. Der Staat ist für Christen nicht notwendig, um Jesu Worte zu verbreiten, das können sie selbst, und eher als dass der Mohammedanismus in einem Staatskirchenvertrag anerkannt würde (1), wäre für mich persönlich die generelle Abschaffung aller Staatskirchenvertrage und Konkordate vertretbar.

Was mich, obgleich ich selbst Christ bin, am Christentum in Deutschland häufig stört, sind selbstgefällige Pastoren, die in der Regel von der Schulbank auf die Kanzel wechselten, von der Realität keine Ahnung haben aber meinen, von oben herab mit salbungsvollen und gestelzten Reden sich selbst und ihr Amt spielen zu müssen. Das sind die Auswüchse eines Beamtenpredigertums, dessen Abschaffung dem Glauben möglicherweise sehr förderlich wäre. Die USA mögen da beispielhaft sein.

Die Ideen konservativer und nationalrevolutionärer Blogger im Umfeld des Counterjihad, die den fehlenden Gottesbezug in der EU-Verfassung (2) einfordern oder die flächendeckende Dekoration aller Schulklassenräume mit Kruzifixen, wären eine unzulässige Dominierung der Atheisten in Deutschland, die immerhin ein Drittel ausmachen, zielen letztlich auf die Errichtung autoritärer bzw. totalitärer Strukturen, haben aber m.E. mit dem Glauben nichts zu tun – sie benutzen ihn nur und schaden ihm.

Überlegungen in dieser Richtung sind in der FAZ im Zusammenhang mit den beiden verfehlten Reden unseres Noch-Bundespräsidenten in der letzten Zeit von verschiedenen Seiten vertreten worden. Da gab es einen exzellenten Text von Necla Kelek (3), einen ausgezeichneten Leserbrief von Dr. Frank-Bertolt Raith (4) sowie einen interessanten Aufsatz von Christian Lindner, dem Generalsekretär der FDP (5).

Im Folgenden bringe ich zwei weitere Wortmeldungen. Die erste stammt aus der gestrigen FAZ und ist von Dr. Ezhar Cezairli.

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Worauf auch wir Muslime hier stolz sein sollten

Zur Rede Bundespräsident Wulffs zum Tag der Deutschen Einheit (F.A.Z. vom 4. Oktober): Seit Beginn der „Deutschen Islamkonferenz“ 2006 sagten der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sowie viele andere Politiker immer wieder, dass „der Islam ein Teil Deutschlands“ sei. Angesichts der hier lebenden Muslime, deren Zahl kontinuierlich wächst, ist das eine Realität.

Bei der Debatte über die Aussagen unseres Bundespräsidenten, dass der Islam zu Deutschland gehöre, geht es darum, welcher Islam gemeint ist. Denn der Islam, der in Deutschland im Alltag wahrgenommen und von den meisten islamischen Verbänden vertreten wird, ist leider noch nicht den Herausforderungen einer aufgeklärten modernen Gesellschaftsordnung gewachsen, noch bereit, sie auf dieser unverrückbaren Grundlage mitzugestalten. Trotz der Warnungen von uns säkularen Muslimen werden die islamischen Verbände in ihrer Forderung unterstützt, als Religionsgemeinschaft und als Ansprechpartner und Vertreter „der Muslime“ verfassungsmäßig anerkannt zu werden. Damit wäre rechtlich die Gleichstellung mit den Kirchen vollzogen. Deshalb empfinde ich die Aufregung über die Aussage des Bundespräsidenten Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland, als zwiespältig.

Die gesamte Integrationsdebatte der letzten Jahre ist eigentlich eine Diskussion um das Selbstverständnis des heutigen und zukünftigen Deutschlands.

Wir müssen uns entscheiden, welches Selbstverständnis wir, unter Berücksichtigung der demographischen Verschiebungen zugunsten der stärkeren Zunahme von Muslimen, den heutigen und zukünftigen Generationen vermitteln wollen: Entweder definieren wir uns über die Religionen: Christentum und Judentum („christlich-jüdisch-abendländische Kultur“), die sicherlich sehr stark die deutsche Identität geprägt haben – dann werden wir jedoch den Islam nicht ausschließen können; oder aber wir definieren uns über eine gemeinsame Wertebasis, die von allen hier lebenden Menschen unterschiedlichster ethnischer, kultureller und religiöser Zugehörigkeit angenommen wird. Es geht darum, zu definieren, worauf sich unsere moderne, freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung tatsächlich gründet und welche Errungenschaften dazu geführt haben, dass sich eben Deutschland und Europa von anderen Staaten, insbesondere von den Herkunftsländern der meisten Migranten, unterscheiden.

Viele Länder, gerade des Nahen und Fernen Ostens und die Türkei, sind auch geprägt von jüdischer, christlicher und islamischer Geschichte und Kultur (auch von anderen Religionen), teilweise stärker, als es Deutschland und Europa sind. Ich selbst stamme aus „Antiochia“ – heute: „Antakya“ -, einer Stadt im südöstlichen Mittelmeergebiet der Türkei, die seit Jahrtausenden geprägt ist von der Koexistenz dieser Religionen.

Das, was Deutschland und Europa von den meisten dieser Länder unterscheidet, ist aber die Tatsache, dass sie nicht nur vom Christentum und Judentum geprägt wurden, sondern eben auch von den Werten der Aufklärung und des Humanismus, welche die Moderne und den Fortschritt ermöglicht haben; das ist die Demokratie, die individuelle Selbstbestimmung und Freiheit, Pluralität, Gleichberechtigung der Geschlechter, die universellen Menschenrechte und der Säkularismus, der sowohl die individuelle als auch die Religionsfreiheit garantiert.

Darauf können und sollten alle hier lebenden Menschen stolz sein.

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Ich gehe davon aus, dass Dr. Cezairli dies ebenso konsequent in der mohammedanistischen Community vertritt. Der zweite Beitrag stammt von Hartmut Peltz und ist der heutigen FAZ entnommen.
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So verrät Wulff sich und andere

Zum Beitrag „Wulffs Republik der Gläubigen“ (F.A.Z.-Feuilleton vom 22. Oktober): Necla Kelek erwähnt in ihrer Replik auf die Rede des Bundespräsidenten eine bedeutsame Tatsache nicht. Der, wie sie schreibt, „Pro-Christ-Katholik Christian Wulff“ ist geschieden. Er hat damit die Möglichkeit der Lösung der Ehe ergriffen, die in langen Auseinandersetzungen gegen eine bestimmte, vor allem klerikal orientierte Lesart des christlichen Glaubens erkämpft werden musste. Ich gehe davon aus, dass der Christ Christian Wulff die Vorteile dieser Möglichkeit – bei allen Kosten, die sie mit sich bringt – zu schätzen weiß.

Dass die neuen Liebhaber ganz gleich welcher Religion deren Kosten, Härten und Unmenschlichkeiten vergessen und die Leistungen des Säkularismus und der Aufklärung bei gleichzeitigem Genuss in einem Zuge unterschlagen und verraten, gehört zu einer neuen, von vielen gepflegten Weltanschauung. Sie ist zugleich antichristlich wie antiaufklärerisch. Sie ist antichristlich, da, um bei dem Beispiel zu bleiben, der Stifter des Christentums bei aller Betonung des göttlichen Willens (keine Scheidung!) der christlichen Gemeinde die Kompetenz, zu binden und zu lösen, überträgt und die Unterscheidung von Kirche und Welt, Letztem und Vorletztem, einschärft. Bei dem evangelischen Christen Dietrich Bonhoeffer kann der Katholik Wulff nachlesen, warum Mündigkeit, ein zentrales Wort der Aufklärung, eine christliche Tugend ist.

Der Bundespräsident -, oder vielmehr seine Redenschreiber, – kennt und kennen sich leider weder in der politischen noch in der christlichen Tradition Europas aus. So verrät er sich und andere.

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Time am 28. Oktober 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Staatskirchenvertrag
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesbezug#Gottesbezug_in_der_Europ.C3.A4ischen_Verfassung
3) http://www.faz.net/s/Rub9B4326FE2669456BAC0CF17E0C7E9105/Doc~E6300B4C6C101487A8B1583348B868D0B~ATpl~Ecommon~Scontent.html
4) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/10/12/leserbrief-counterjihad-6/
5) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/10/18/so-gebet-dem-kaiser/

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P.S., Jihad-Piraten reingelegt, Interview mit Reeder:
http://www.faz.net/s/RubD16E1F55D21144C4AE3F9DDF52B6E1D9/Doc~E4EC0D25DD20A49928B8D855B94334792~ATpl~Ecommon~Scontent.html

 

„So gebet dem Kaiser…“

18. Oktober 2010

Francisco de Goya: Inquisition

Ich hatte vor kurzem einen Brief des FAZ-Lesers Dr. Frank-Bertolt Raith gebracht (1), der m.E. zu Recht darauf hinwies, dass die Entwicklungsleistung der westlichen Zivilisation grade darin bestehe, sich von der Religion emanzipiert zu haben, weshalb die derzeit gängige Formulierung „jüdisch-christliches“ Fundament unpräzise sei.

In der heutigen FAZ führt der Generalsekretär der FDP, Christian Lindner, diesen Gedanken weiter aus.

Ich möchte dazu anmerken, dass ich persönlich auch mit dem allerstrengsten Säkularismus kein Problem habe, obwohl ich mich zu Jesus bekenne – eingedenk seiner Worte: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (Matth. 22/21).

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Eine republikanische Offensive

Für den Bundespräsidenten gehört der Islam zu Deutschland. Ihm wurde entgegnet, das Grundgesetz beruhe auf dem „christlich-jüdischen Erbe“. Ein Ministerpräsident warnte schließlich vor „fremden Kulturkreisen“, die eindeutig dem Islam zuzuordnen sind. Die Debatte um die Integration von Zuwanderern hat damit eine Wende genommen, nach der religiöse Werte bedeutsamer scheinen als republikanische. Damit wird eine Konfliktlinie für die Zukunft vorgezeichnet. Das zwingt Liberale zum Widerspruch: In dieser Debatte ist zu viel von Religion und zu wenig von Republik die Rede.

Unser Zusammenleben ordnen weltliche Gesetze und nicht religiöse Gebote. Die deutsche Verfassungsgeschichte würde zudem verklärt, wenn das Grundgesetz als Entwicklung aus dem „christlich-jüdischen Erbe“ interpretiert würde. Das Christentum ist nicht die deutsche Staatsreligion, sondern ein persönliches Bekenntnis der Bürger. Tatsächlich reichen die Wurzeln unserer Verfassungsidee bis zurück nach Athen und Rom, ihre Prinzipien wurden in der Aufklärung freigelegt und seit der Französischen Revolution erkämpft – oft genug gegen den Widerstand der Kirchen.

Die Freizügigkeit in Europa und die offenen Türen der Globalisierung verändern Deutschland. Die alten Prägekräfte von Religion und Nation lassen nach, neue kulturelle und kosmopolitische Einflüsse nehmen zu. Diese Vielfalt ist ein Freiheitsgewinn, wenn wir die Frage nach der verbindenden Identität republikanisch beantworten: Menschen unabhängig von Herkunft, Glaube oder Geschlecht können als Bürger mit gleichen Rechten und Pflichten am politischen Gemeinwesen teilhaben.

Ohne diesen republikanischen Konsens würden gesellschaftliche Fliehkräfte den sozialen Frieden bedrohen. Die Bürgergesellschaft geht vom selbstbestimmten Individuum aus, das für sich und andere Verantwortung übernimmt. Sie öffnet sich für die Teilhabe am produktiven Miteinander in Demokratie, Wirtschaft und Gesellschaft – und fordert sie. Zur Bürgertugend gehört die unbedingte Akzeptanz des Staates, seiner Gesetze und Repräsentanten. Sie appelliert an den Einzelnen, die eigenen Interessen nur im Rahmen der Voraussetzungen für den Bestand des Gemeinwesens zu verfolgen. Ihre Antwort auf Vielfalt und Ungleichheit ist nicht Anpassungsdruck oder Ressentiment – sondern Respekt vor dem anderen. Wir wollen, dass Migranten mit diesen Tugenden zu Mitbürgern werden – unabhängig von privater Frömmigkeit. Die religiöse Defensive und die multikulturelle Naivität werfen uns gleichermaßen zurück. Wir Liberale werben für eine republikanische Offensive.

Der liberale Verfassungsstaat steht dabei nicht im Wettbewerb zur Religion. Zur Freiheit des Einzelnen gehört die Suche nach dem Sinn und den Werten des eigenen Lebens. Das persönliche Glaubensbekenntnis ist für viele Quelle von Solidarität und Moral. Der säkulare Staat achtet und sichert diese Freiheit seiner Bürger, solange sie nicht mit seiner Rechtsordnung kollidiert. Eine laizistische Unterdrückung oder Ignoranz gegenüber religiösen Überzeugungen würde nur Konflikte provozieren. Auch ein liberaler Staat fördert also Glaubens- und Religionsgemeinschaften durch Kooperation. Im Verhältnis zu den einzelnen Religionen bleibt er aber neutral.

Der Islam steht erst am Anfang einer historisch-kritischen Interpretation seiner Glaubensbekenntnisse und damit auch einer entsprechenden Differenzierung zwischen Staat und Glauben. Die harte Konfrontation des „clash of cultures“ erleichtert ihm diese Aufgabe nicht. Zudem müssen wir uns fragen, ob wir immer unseren eigenen Ansprüchen genügen: Ministerpräsidenten sind mindestens formal an der Besetzung von Bischofssitzen beteiligt. Der Staat kommt ohnehin für deren Bezüge auf. Seit der Säkularisierung vor zwei Jahrhunderten zahlt die öffentliche Hand zudem – unabhängig von der Kirchensteuer und weiteren zweckgebundenen Zuwendungen – jährliche Dotationen an die christlichen Kirchen: trotz der Sparzwänge in den Länderhaushalten sind es gegenwärtig mehr als 450 Millionen Euro. Die Einbindung islamischer Gemeinden, denen sich ein wachsender Anteil der Bevölkerung verbunden fühlt, in die staatlichen Kooperationsbeziehungen ist dagegen noch peripher. Die Offensive für eine republikanische Identität fordert von uns also auch eine Selbstprüfung: Das staatliche Recht wird umso mehr Instrument der Befriedung und Versöhnung sein, wie seine weltanschauliche Neutralität gestärkt wird.

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Time am 18. Oktober 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/10/12/leserbrief-counterjihad-6/

Leserbrief-Counterjihad (#6)

12. Oktober 2010

In der gestrigen FAZ ging der Leserbrief-Counterjihad weiter. Dr. Frank-Bertolt Raith wies darauf hin, dass bei aller derzeitigen Beschwörung des jüdisch-christlichen Fundaments unserer Zivilisation nicht vergessen werden dürfe, dass eine wesentliche Entwicklungsleistung grade in der Emanzipation von religiöser Ordnung bestanden habe.

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Die Verkennung unserer Wurzeln

Vielen Dank für den vollständigen Abdruck der Rede des Bundespräsidenten. Wulffs Präsidentschaft endet intellektuell, bevor sie überhaupt begonnen hat. Dabei zeigt die breite Zustimmung des politischen Establishments wieder einmal, wie sehr sich die Elite unseres Landes bereits in eine abgehobene Parallelgesellschaft versponnen hat. Symptomatisch ist die zentrale Stelle der Rede über das Fundament unseres Staates: Das scheinbar fortschrittliche Bekenntnis zu religiöser Öffnung als Antwort auf die faktisch bestehende Einwanderungsgesellschaft erweist sich als Rolle rückwärts. Nicht die Anbiederung an den Islam ist bedenklich, sondern die Verkennung unserer kulturellen Wurzeln.

Prägend für unsere abendländische Kultur ist doch gerade die Emanzipation von bevormundender, nicht zuletzt religiöser Ordnung – als Freiheit, „unerhörte“ Dinge zu denken, zu sagen und zu tun. Dabei ist geschichtlich nicht nur an die kirchliche Unterdrückung der Frau, der Wissenschaften, der Kunst, des freien Gedankens, und so weiter zu erinnern, sondern auch an die vielen, die an der Stigmatisierung durch überhebliche Moralapostel litten und immer noch leiden.

Als Ausdruck individueller Entfaltung genießt Religion dabei sicherlich einen gewissen Schutz. Deren Werte jedoch auf Christentum oder Judentum zurückzuführen greift zu kurz. Das Bekenntnis zu unserem freiheitlichen Wertefundament ist vielmehr von alteingesessenen Glaubensgemeinschaften ebenso einzufordern wie von neu zugewanderten. Deshalb verlassen Kleriker, die aus Kirchenraison Angriffe auf „Schutzbefohlene“ in eigener Regie zu behandeln suchen, das Wertefundament unseres Staates ebenso wie muslimische Familien, die ihren Kindern eine freie Persönlichkeitsentwicklung verwehren wollen.

Aufgrund seiner gegenüber Institutionen jeglicher Couleur unkritischen Grundhaltung will sich auch Wulffs Begriff von Freiheit im Fortgang der Rede nicht wirklich entfalten. Freiheit erscheint in der Rede fast als ein Konsumangebot, das (wie Sozialleistungen) von den staatlichen Institutionen sorgsam zu bewahren und bei Bedarf den Bürgern zu gewähren ist. Freiheit, wie schon Kant wusste, erfordert jedoch Mut. Freies Handeln ist keinem Konsens verpflichtet, setzt, anders als Wulff suggeriert, keine Einordnung in einen gemeinsamen Weg voraus. Freiheit muss sich vielmehr im Austragen von Konflikten bewähren – gerade auch gegen die Vorgaben „behütender“ Institutionen wie Familie, Kirche oder Staat. Statt der Kraft zum Konsens müssen wir vielleicht eher die Bereitschaft zum Dissens neu lernen – Veränderungen zulassen, auch wenn man selbst dagegen ist. Schließlich darf die Freiheit nur eingeschränkt sein, wo sie die Freiheit anderer einzuschränken droht. Der Ausgleich ist dabei immer neu zu finden in zivilen Verfahren, die nur durch ihre Transparenz Legitimität stiften können. Auch die staatlichen Organe jedoch müssen Freiheit immer wieder lernen.

Nicht zuletzt daran wäre an einem 3. Oktober zu erinnern gewesen.

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Professor Dr. Fritz Fricke ging hart mit Mustafa Wulff ins Gericht.

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Schönfärberei und Verniedlichung

Multikulti mutiert bei Wulff zu: „Ein freiheitliches Land wie unseres – es lebt von Vielfalt“ und „Das Land muss Verschiedenheit aushalten“. In der Rede haben wir wieder mal eine wortreiche Schönfärberei und Verniedlichung für ein umbenanntes, von unserer Politik fabriziertes Debakel. Er nennt zu Recht gut gelungene Integrationsbeispiele, die ich aus meiner Umgebung ebenfalls mit großem Respekt anerkenne, aber die verbliebenen unendlich vielen gravierenden Probleme an der Basis, die kaum in absehbarer Zeit lösbar sind, werden nur kurz gestreift, zumal Christian Wulff damit vor Ort vermutlich nie konfrontiert war. Auf diese Weise blind, kann man dann natürlich sagen: „Lassen wir uns nicht in eine falsche Konfrontation treiben.“

Folglich lassen sich mit der Aussage „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ wohl noch ein paar mehr islamische Gottesstadtteilstaaten in Deutschland erwarten? Dort werden selbstverständlich unsere höchsten staatlichen Gesetze respektiert – gehandelt wird jedoch nach der Scharia. Eigene Erfahrungsbeispiele kann ich benennen. Ich möchte von unserem Bundespräsidenten keine schönen Illusionen hören, sondern realistische Problemlösungen dafür erfahren oder andererseits aus objektiven (nicht politisch gefärbten) Analysen entnehmen können, dass sich Deutschland nicht selbst abschafft. Ob es unserem Bundespräsidenten und unseren Politikern passt oder nicht passt, die Messlatten sind gesetzt.

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In der heutigen FAZ berichtet Holger Arppe von einem Moscheebesuch in Rostock.

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Eine Lehrstunde in der Moschee

Während der Bundespräsident am 3. Oktober seine vielleicht gutgemeinte Rede zum Tag der Deutschen Einheit in Bremen hielt, waren mein Lebenspartner und ich unmittelbar nach dem Erntedankgottesdienst unserer evangelischen Kirche beim „Tag der offenen Moschee“ in den Räumen der Rostocker muslimischen Gemeinde. Dort hielt der Imam einen Vortrag und beantwortete Besucherfragen. So erfuhren wir, dass der Islam die einzige Wahrheit auf der Welt ist, die alle Menschen besser anerkennen sollten. Homosexualität bezeichnete der Imam als Todsünde, die mit dem Islam unvereinbar sei. Schwule in muslimischen Staaten müssten dann eben in Länder auswandern, in denen ihr Treiben legal sei. Da wir in unserer Gemeinde einen jungen Mann aus Pakistan haben, der vom Islam zum Christentum konvertierte und seitdem um sein Leben fürchtet, fragte ich den muslimischen Geistlichen nach dem Umgang des Islam mit Abtrünnigen. Diese betitelte er sofort als Verräter und informierte uns darüber, dass innerhalb seiner Religion momentan kontrovers diskutiert werde, ob man solche Abtrünnigen töten solle oder nicht. Nach Steinigungen und Ehrenmorden gefragt, bedauerte der Mann, dass zu viele Muslime das Recht in ihre eigenen Hände nähmen, obwohl laut Scharia nur autorisierte Henker andere Menschen hinrichten dürften.

Nach diesen Informationen verweigere ich mich der Behauptung, dass der Islam ein Teil unserer deutschen Kultur sei und irgendetwas mit den Werten unserer Nation und Europas zu tun habe. Als Christ bin ich entsetzt darüber, dass der Bundespräsident meine Religion und das Judentum mit dem Islam auf eine Stufe stellt.

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Sie fühlen sich so stark, dass sie nicht mal Takija machen. Wird Zeit, dass sich das ändert.

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Time am 12. Oktober 2010

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