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Sieg des Counterjihad: Jerusalem

14. Juli 2019

Lesen Sie einen Beitrag aus der „Jüdischen Rundschau“ von Gil Yaron (1).

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Amerikanisch-russisches Treffen mit Netanjahu
zum Thema Iran in der israelischen Hauptstadt Jerusalem

Mit diesem Gipfel wird Israel nicht nur zum wichtigen Mitgestalter im Nahen Osten, sondern feiert zudem einen beispiellosen diplomatischen Erfolg.

Auf den ersten Blick scheint es absurd: Der Weg von Washington DC nach Jerusalem ist knapp 1.500 Kilometer länger als ein Flug von dort nach Moskau. Doch Donald Trumps Sicherheitsberater John Bolton und sein russisches Pendant Nikolai Patruschew zogen es vor, sich in Jerusalem zu treffen. Die Erklärung für den enormen Umweg lieferte Bolton beim Auftakt des historischen Treffens selbst in einer Lobrede auf Israels Premierminister Benjamin Netanjahu: „Dank Ihrer engen Beziehungen zu (Russlands) Präsident Wladimir Putin und Präsident Trump besteht eine wesentlich größere Aussicht darauf, unsere jeweiligen Strategien zu koordinieren, um einen sicheren und dauerhaften Frieden in der gesamten Region zu erreichen.“ Zu besprechen gibt es einiges. An fast allen Fronten steht Moskau dabei den USA als Rivale gegenüber, in Syrien und dem Iran kollidieren die Interessen offen miteinander.

Das Gipfeltreffen im Jerusalemer „Orient-Hotel“ ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Jahrzehnte lang wurde Israel international wie ein Pariastaat behandelt, ein Zwergenstaat mit gerade einmal neun Millionen Einwohnern, der von Feindesstaaten umgeben ist und um Anerkennung buhlt. Unter Netanjahus Führung aber wurde der einstige Außenseiter zu einem begehrten Partner und nun auch Ausrichter diplomatischer Gipfeltreffen. Das hat einerseits mit dem schwindenden Einfluss der Amerikaner in der Region zu tun. Zwei nicht endenwollende Kriege in Afghanistan und dem Irak haben die USA militärisch wie politisch erschöpft. Trumps Vorgänger Barack Obama leitete den Rückzug aus der Region ein, Trump hat seinen Wählern das Ende der militärischen Abenteuer versprochen. Obamas halbherzige Unterstützung demokratischer Bewegungen im Arabischen Frühling schadete den USA gleich doppelt: Sie erschütterte das Verhältnis zu absoluten Autokratien wie Saudi-Arabien. Zugleich mündete die Revolution in Libyen in Chaos, und die Einmischung in Syrien endete in einer Niederlage der von den USA unterstützten, kurdisch geführten Rebellen.

Der Kreml füllt heute das Vakuum, das das Weiße Haus in der Region hinterließ. Der erfolgreiche Militäreinsatz in Syrien, der Präsident Baschar al-Assad an der Macht hielt und Amerikas Einfluss zurückdrängte, hat Moskau zur Schutzmacht Syriens und des Irans gemacht. Als Waffenlieferant Ägyptens und der Türkei wird Russland zu einem der wichtigsten Akteure in der Region.

Großer diplomatischer Erfolg für Netanjahu

Als Washingtons engster Verbündeter könnte man eigentlich annehmen, dass auch Israels Einfluss in der Region schrumpft. Doch das wäre die Rechnung ohne den israelischen Ministerpräsidenten gemacht. „Das historische Treffen der drei nationalen Sicherheitsberater in Jerusalem ist eine Krönung von Netanjahus diplomatischen Bemühungen“, sagt Dr. Eran Lerman, Colonel a.D. und ehemaliges Mitglied des israelischen Nationalen Sicherheitsrats im Gespräch mit WELT. Netanjahu hat über die Zeit enge Beziehungen zu China, Indien, vielen Staaten in Afrika, Südamerika und im östlichen Mittelmeerraum aufgebaut. „Vor allem aber ist es ihm gelungen, einer der engsten Freunde Trumps zu bleiben und zugleich intime Beziehungen zu Russlands Präsident zu unterhalten“, so Lerman.

Dabei nutzt der Premier seine lange Erfahrung, außerdem setzt er die Fähigkeiten des israelischen Militärs strategisch ein. Netanjahu hatte den Iran-Deal stets abgelehnt, er ließ Israels Luftwaffe Hunderte Luftangriffe in Syrien fliegen, um den Aufbau iranischer Stützpunkte zu verhindern – wenn nötig auch in Nähe russischer Truppen. „Russland hat Respekt vor Israels militärischen Fähigkeiten und versteht, dass es Israels Interessen in Nahost berücksichtigen muss“, sagt Lerman. Zugleich betrachten arabische Staaten Israel heute als belastbaren Verbündeten in ihrem Kampf gegen den Iran

Russlands und Irans Interessen kollidieren

Beim Treffen in Jerusalem ging es darum, die Interessen Amerikas, Israels und Russlands unter einen Hut zu bringen – vor allem in Syrien. Der Kreml gewährte Assads Truppen Luftunterstützung. Dabei war er aber auf Bodentruppen angewiesen, die der Iran in der Form schiitischer Milizen in Syriens Bürgerkrieg entsandte. Nach Assads Sieg divergieren nun die Interessen Moskaus und Teherans: Russland will in Syrien Stabilität und Aufschwung. Der Iran will das Land aber nutzen, um Israel zu bedrohen und Jordanien destabilisieren zu können. Netanjahu gelobt, genau das „um jeden Preis“ zu verhindern. Dafür braucht er die Hilfe Russlands.

Mit Luftangriffen allein kann er Putin aber nicht dazu bringen, den Iran aus Syrien zu verdrängen. Deshalb ruft Netanjahu die USA zu Hilfe. Die brauchen Israels guten Draht nach Moskau, um einen Dialog über Syrien und vor allem Irans Atomprogramm zu führen. Wenn das gelingt, könnten alle davon profitieren: Die Amerikaner könnten Sanktionen gegen die Russen lockern oder gemeinsam mit Israel Russlands international geächteten syrischen Vasallen Assad wieder salonfähig machen. Moskau könnte den Amerikanern helfen, im Atomstreit Druck auf den Iran aufzubauen, aber Russland wird für seine Hilfe einen hohen Preis verlangen.

In der Auseinandersetzung zwischen Washington und Teheran um eine abgeschossene US-Drohne stellte sich Russland am Tag des Jerusalemer Treffens auf die Seite der Iraner: Die Drohne sei, anders als es die Trump-Regierung behauptet, über iranischem Gebiet geflogen und darum zu Recht von den iranischen Revolutionsgarden abgeschossen worden. Die USA behaupten hingegen, das unbemannte Flugobjekt habe sich über internationalen Gewässern befunden und sei darum illegal von den Iranern abgeschossen worden.

Der israelische Militär Lerman wertet das als „Signal an die Iraner, dass Moskau immer noch auf ihrer Seite steht“. Schon vor dem Treffen in Jerusalem hatte der russische Sicherheitsberater Patruschew betont, der Iran sei „auf Einladung der legitimen Regierung in Syrien und engagiert sich aktiv im Kampf gegen den Terrorismus.“ Deshalb werde Russland „natürlich die Interessen des Iran berücksichtigen.“

Russland wird den Iran nicht sofort aus Syrien schmeißen

So erwartet niemand, dass sich nach dem Treffen in Jerusalem etwas „über Nacht ändern wird. Es ist unrealistisch zu hoffen, dass Putin den Iran aus Syrien rausschmeißt“, so Lerman. Vielmehr sei dies der Beginn eines Austauschs der drei Mächte, an dessen Ende „die schiitischen Milizen allmählich das Land verlassen und Russland die Möglichkeiten des Iran, syrisches Territorium zu nutzen, einschränkt.“

Trotzdem sei es ein „schwerer Schlag für den Iran, dass die Russen die Amerikaner ausgerechnet jetzt in Jerusalem treffen“, glaubt der israelische Colonel. Der Gipfel in Jerusalem ist ein wichtiges Signal, nicht nur, weil er einer impliziten russischen Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt gleichkommt. Patruschew erklärte Israels Sicherheit offiziell zu einem „russischen Anliegen“. So gelang Netanjahu etwas, was allen seinen Vorgängern verwehrt blieb: von den beiden wichtigsten Akteuren der Region ein klares Bekenntnis zum jüdischen Staat zu erhalten. Damit nimmt Israel nun aktiv an der Gestaltung des Nahen Ostens teil, statt wie bisher häufig nur über die Vermittlung der Amerikaner.

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Time am 14. Juli 2019

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1) https://juedischerundschau.de/article.2019-07.amerikanisch-russisches-treffen-mit-netanjahu-zum-thema-iran-in-der-israelischen-hauptstadt-jerusalem.html

Moskau versteht Israel

19. Dezember 2017

Audiatur brachte einen Aufsatz von Dr. Gil Yaron (1).

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In jedem Ort, aus dem der IS vertrieben wird,
nistet sich der Iran ein

Israels Angriff auf eine syrische Kaserne könnte Auftakt einer neuen Konfrontation zwischen Jerusalem und Teheran sein. Er zeigt zudem, dass die Spannungen mit Russland zunehmen.

Syriens Bürgerkrieg geht zwar langsam zuneige, dennoch dürfte dem Land vorerst keine Ruhe beschert sein – ganz im Gegenteil. Längst hat ein neuer Kampf begonnen – zwischen Russland und Iran auf der einen Seite, und den USA und Israel auf der anderen. Es geht darum, wer die Zukunft dieses geopolitischen Drehkreuzes in Nahost bestimmt, und welche strategischen Vorteile die Parteien aus der Nachkriegssituation ziehen können. Russland und der Iran haben Präsident Baschar Assad massiv unterstützt und wollen nun Rendite für ihre Investition. Russland baut seinen einzigen Mittelmeerhafen in Tartus aus, und hat wirtschaftliche und militärische Abkommen mit Damaskus unterzeichnet. Doch die größten Gewinner könnten die Iraner sein. Sie träumen von einem Landkorridor von Teheran bis zum Mittelmeer, und wollen zu diesem Zweck ebenfalls in Tartus einen Militärhafen bauen. Zudem gaben sie bekannt, dauerhaft Truppen und Kampfflugzeuge in Syrien stationieren zu wollen – so nah wie möglich an der Grenze ihres Erzfeindes Israel. Die USA und Israel wollen das um jeden Preis verhindern.

Hisbollah-Miliz, außenpolitisches Instrument der Iraner

Bislang wurde dieser Kampf hauptsächlich mit rhetorischen Mitteln ausgetragen. Am Wochenende folgten den Worten nun offenbar erstmals Taten: In der Nacht zum Samstag soll Israel den Militärkomplex el Kiswah südlich von Damaskus bombardiert haben. Laut einem Bericht im BBC, der sich auf „westliche Geheimdienste“ stützt und der der „Welt“ von unabhängigen Quellen bestätigt wurde, bauten die Iraner diese Basis aus um hier Bodentruppen zu stationieren. Das Bombardement ist deshalb eine doppelte Warnung Jerusalems mit zwei Adressaten: Einer ist Teheran, den zweiten Warnschuss gab Israel Richtung Russland ab. Dabei betonte Israels Premier Benjamin Netanjahu in vergangenen Monaten wiederholt seine guten Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin. Tatsächlich war es ihm gelungen, einen Koordinierungsmechanismus mit Moskau einzurichten um ungeachtet der Präsenz fortschrittlicher russischer Luftabwehrsysteme Israels Luftwaffe in Syrien weiterhin volle Bewegungsfreiheit zu gewährleisten. Mehr als hundert Mal griff die laut Angaben des Luftwaffenchefs seit Ausbruch des Bürgerkriegs dort an um zu verhindern, dass strategisch bedeutsame Waffen in den Libanon geliefert werden. Dort ist die Hisbollah-Miliz zuhause, das wohl wichtigste außenpolitische Instrument der Iraner, und eine der bedeutendsten militärischen Kräfte in der Region. Fast alle diese Angriffe wurden von Moskau mit Schweigen quittiert – also offensichtlich geduldet.

Doch die russisch-israelische Entente stößt nun an Grenzen. Denn Putin lässt sich von Netanjahu nicht dazu einspannen, Israels Interessen gegenüber dem Iran zu vertreten. Schon vor einem Jahr warnte Netanjahu: „In jedem Ort, aus dem der IS vertrieben wird, nistet sich der Iran ein.“ Diese Warnung scheint sich nun zu bewahrheiten. Laut Angaben der iranischen Opposition kommandiert der Iran bereits rund 70.000 Kämpfer auf syrischem Staatsgebiet, darunter hunderte iranische Revolutionsgarden, rund 7000 Kämpfer der Hisbollah, tausende Fatemijun – schiitische Milizen aus Afghanistan, zudem Freiwillige aus Irak und Pakistan.

Wiederholt fuhr Netanjahu zu Putin, um seine Bedenken über eine Etablierung des Irans in Syrien darzulegen. Doch bislang reagierten weder Moskau noch Israels engster Verbündeter Washington darauf. Ein Waffenstillstandsabkommen für Südsyrien, das vor wenigen Wochen zwischen den USA, Russland und Jordanien unterzeichnet wurde, liess Israels Befürchtungen ausser Acht und lässt die Iraner bis nah an Israels Nordgrenze in den Golanhöhen. Mitte November sagte Russlands Außenminister Sergei Lawrow, das Abkommen sehe ausdrücklich nicht den Abzug iranischer Truppen aus Syrien vor. Und Russlands Botschafter in Tel Aviv Alexander Shein bezeichnete die Anwesenheit iranischer Militärs an Israels Grenze als „legitim“.

Israel erhöhte daraufhin den Druck. Man werde „eine Konsolidierung der Schiiten oder der Iraner in Syrien nicht hinnehmen, noch zulassen, dass Syrien in einen Ausgangspunkt für Angriffe gegen Israel verwandelt wird“, sagte Verteidigungsminister Avigdor Lieberman Mitte November. Zugleich forderte er, den Verteidigungsetat in den kommenden fünf Jahren um rund eine Milliarde Euro aufzustocken, um „neuen Herausforderungen“ begegnen zu können – im Klartext: die Möglichkeit eines zwei Fronten-Kriegs gegen Libanon und Syrien. In einem Interview an eine saudische Zeitung machte Israels Generalstabschef Gadi Eisenkot aus der bis dahin nur hinter verschlossenen Türen geäußerten Bitte eine offene Warnung: Iranische Truppen dürften Israels Grenze nicht näher als 50 Kilometer kommen.

Klares Zeichen, dass Moskau Israel versteht

Der Angriff in el Kiswah, diesseits der von Eisenkot gezogenen Grenze, ist nun die nächste Stufe. Er sei ein wichtiges Signal an Moskau gewesen, sagt Russlandexperte Alex Tenzer: „Israel wollte Putin zeigen, dass es seine roten Linien ernst meint.“ Ob Moskau davon beeindruckt ist, bleibt unklar. Unlängst kehrte Avi Dichter, Vorsitzender des außenpolitischen Knessetausschusses und enger Vertrauter Netanjahus, aus Moskau zurück. Dort habe man ihm versichert, Russland „arbeite daran, „dass Assad ganz Syrien kontrolliert und keine ausländischen, einschließlich iranischen, Truppen sich mehr im Land befinden“, sagte Dichter. Der jüngste Angriff wurde von russischen Medien fast vollkommen ignoriert, sagt Tenzer: „Ein klares Zeichen, dass Moskau Israel versteht, oder sich zumindest nicht in diese Angelegenheit einmischen will.“ Zugleich macht Putin aber auch keinerlei Anstalten, den Iran aus Teilen Syriens herauszuhalten: „Moskau hat viele wirtschaftliche und politische Interessen in Teheran, und will es sich weder mit Israel noch mit dem Iran verderben“, so Tenzer.

So dürfte die Hauptstossrichtung des israelischen Angriffes Assad und der Iran gewesen sein. Die Botschaft: Israel wird einen offenen Schlagabtausch nicht scheuen, falls der Iran versucht, seine militärische Präsenz in Syrien weiter auszubauen. Zu einem offenen Konflikt könnte es schnell kommen, falls im Gegensatz zum letzten Angriff beim nächsten Bombardement iranische Soldaten ums Leben kommen.

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Time am 19. Dezember 2017

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1) http://www.audiatur-online.ch/2017/12/05/in-jedem-ort-aus-dem-der-is-vertrieben-wird-nistet-sich-der-iran-ein/

Fünf Minuten reichen

30. Dezember 2011

Die evangelische Erlöserkirche (1) in Jerusalem um 1900

Als weihnachtliche Nachlese lege ich Ihnen heute einen Aufsatz des fotogenen Dr. Gil Yaron (2) aus der FAZ vom 24. Dezember vor.

Er befasst sich noch einmal eingehender mit dem in Israel von Liebermans Partei geplanten „Schutz-der-akkustischen-Umwelt-Gesetz“, das die Senkung des Geräuschpegels zum Ziel hat, der von sakralen Orten im allgemeinen und den Moscheekreischern im besonderen ausgeht (3).

Albernerweise bezeichneten Dimmis wie z.B. Sebastian Engelbrecht vom ARD diese menschenfreundliche Idee als „faktische Diskriminierung“ der arabischen Bürger Israels.

Hier in Norddeutschland hat die evangelische Kirche es nicht nötig, Menschen vom Wort Jesu zu überzeugen, indem sie sie nervt und im Schlaf stört. Die Kirchenglocken erklingen regelmäßig nur fünf Minuten am Samstagabend um 17:55 Uhr zum „Einläuten des Sonntags“. Unregelmäßig werden sie bei Beerdigungen oder bei Hochzeiten eingesetzt, aber dort wirken sie weitaus dezenter als beispielsweise die perversen Autokorso-Hupkonzerte, die die Orks veranstalten, wenn sie wieder eine ihrer Töchter verschachert haben.

Manchmal finde ich den Klang der Glocken demgegenüber so schön, dass ich gerne länger zugehört hätte. Und jemanden mit der Totenglocke zu Grabe zu tragen oder mit dem gesamten Geläut in die Ehe zu begleiten, gibt dem Geschehen eher einen würdigen Rahmen, als dass es ein akkustischer Religionskrieg ist. Dieses Läuten für besondere Anlässe und die regelmäßigen fünf Minuten in der Woche halte ich aber für absolut ausreichend, um auf sich aufmerksam zu machen.

Aus diesem Grund hoffe ich, dass sich Bibi Netanjahu doch noch ein Herz fasst und Anastasia Michaeli Samuelson von „Israel Beiteinu“ unterstützt, die den israelischen Bürgern etwas mehr Ruhe verschaffen möchte. Fünf Minuten reichen.

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Lauter Heilige

Seit Jahrhunderten versuchen Juden, Christen und Muslime in Jerusalem den Ton anzugeben. Egal, ob sie dabei Hörner, Glocken oder Lautsprecher einsetzen, sie lassen die anderen Religionen nicht in Ruhe.

Die Details des Einsatzes hatte man tagelang minutiös geplant, jetzt hing es nur noch davon ab, dass der sechzehn Jahre alte Abraham Elkayam nicht im letzten Augenblick Mut und Atem verlor. Er sollte sich durch die Linien misstrauischer britischer Soldaten schmuggeln und vor der Klagemauer zu Jom Kippur, dem höchsten religiösen Feiertag der Juden, nach altem Brauch ins Widderhorn, auf Hebräisch Schofar, blasen. Obwohl das die Briten verboten hatten. Noch immer leuchten die Augen des inzwischen Achtzigjährigen, wenn er von jenem Moment im September 1947 spricht, als er einer Supermacht die Stirn bot.

Die jüdischen Gebete zu Füßen des Tempelbergs und der Al-Aqsa-Moschee, Juden und Muslimen gleichermaßen heilig, waren seit 1928 zum Brennpunkt des brodelnden Konflikts zwischen Palästinensern und Zionisten geworden. Vorher hatten Juden nach der Zahlung eines Bakschisch das Schofar blasen dürfen, aber in der aufgeheizten Stimmung in Palästina der dreißiger Jahre begannen die Araber, jedes Anzeichen jüdischer Präsenz in Jerusalem zu bekämpfen. Anfangs trieben Hirten ihre Esel durch die betende Menge. Später eskalierte der Kampf, als beide Seiten versuchten, den Gegner zu übertönen. Zuerst installierte der Waqf, die muslimische Verwaltung der Moscheen auf dem Tempelberg, einen Muezzin über der Klagemauer. Danach ließ er vor Ort regelmäßig einen „Dhikr“ abhalten – ein muslimisches Ritual, in dessen Rahmen mit Untermalung von Flöten und Trommeln stundenlang die 99 Namen Allahs und Koransuren zitiert werden. Die immer lauter werdenden Gebete heizten die Stimmung zwischen Juden und Muslime so lange an, bis 1929 aus dem Schreiwettbewerb ein handfestes Pogrom wurde, bei dem Hunderte starben.

Die Briten setzten eine Untersuchungskommission ein, um Regeln für das Beten festzulegen: Die Juden erhoben gegen das Dhikr Einspruch „wegen des begleitenden widerlichen Kraches“, schrieb die Kommission und empfahl: „Muslime sollte es verboten werden, die Dhikr-Zeremonie während der jüdischen Gebete auszuführen oder die Juden auf irgendeine andere Weise zu verärgern.“ Juden hingegen „sollte es nicht gestattet sein, das Schofar neben der Klagemauer zu blasen oder jede andere vermeidbare Störung der Muslime vorzunehmen“, so die Kommission. Es sollte zwischen den Parteien herrschen.

Jemanden wie Abraham Elkayam forderte so etwas nur heraus: „Der Ton des Schofars symbolisiert die Erlösung des Volkes Israel“, sagt der Rentner und dass er sich „in meinem Land doch nicht den Mund verbieten lasse“. Als er damals ins Horn blies, und das markerschütternde Gejaule ertönte, trieben die Briten die Betenden mit Schlagstöcken auseinander. Abraham Elkayam wurde verhaftet und abgeführt. Aber das störte den jungen Eiferer nicht. Er hatte Geschichte geschrieben. Er war der letzte Jude, der vor der Eroberung Ostjerusalems durch die Jordanier 1948 an der Klagemauer ins Schofar blies. Bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967, als Israel die Altstadt Jerusalems eroberte, verhinderten die Jordanier den alten Brauch vor dem jüdischen Heiligtum.

Heute ertönen muslimische Gebete, christliches Gebimmel und das Geheule von Sabbatsirenen im Heiligen Land, alle versuchen einander zu übertönen. „Die Christen in der Altstadt beschweren sich über den Krach der Moscheen“, sagt Reverend David Pileggi von der Christ Church neben dem Jaffa-Tor in Jerusalem, „es ist unerträglich geworden.“ Vom Dach seiner Kirche blickt er auf die Moschee nebenan, wo vier neue Lautsprecher silbrig in der gleißenden Wintersonne funkeln. Fünf Mal täglich dringt hier der „Adhan“, der Gebetsruf der Muslime, mit solcher Wucht aus der Anlage, dass „man sich selbst kaum denken hört“, so Pileggi. „Die Gebete werden lauter, die Lautsprecher zahlreicher.“

Nicht nur in Jerusalems Altstadt rüsten die Minarette akustisch auf. Glaubt man der Knessetabgeordneten Anastasia Michaeli, dann bedarf der Lärm aus Israels rund 400 Moscheen gesetzlicher Regelung. Sie will die Anwendung von „Lautsprechern auf Gotteshäusern“ verbieten. Dabei möchte das fotogene Mitglied der nationalistischen „Israel Beiteinu“ die Initiative „als eine Frage des Umweltschutzes und der Lebensqualität“ verstanden wissen, nicht als Versuch, Imame mundtot zu machen. Doch das Lautsprecherverbot für Gotteshäuser, das hauptsächlich Moscheen betreffen würde, war Israels Hardliner-Premier Benjamin Netanjahu zu heikel. Er legte es vorerst auf Eis. Es wäre die vorerst letzte Regelung in einem akustischen Glaubenskampf gewesen, der inzwischen fast dreizehn Jahrhunderte währt.

Die erste war der „Pakt von Omar“, der auf das Jahr 717 datiert und Kalif Omar II. zugeschrieben wird. Darin verpflichteten sich die christlichen Untertanen der muslimischen Eroberer „unsere Religion nicht offen zur Schau zu stellen oder Menschen zu ihr zu bekehren.“ Ferner versprachen sie „die Klöppel in unseren Kirchen nur sehr leise zu benutzen. Wir werden unsere Stimmen nicht heben, wenn wir unsere Liebsten zu Grabe tragen. Unsere Häuser werden diejenigen der Muslime nicht überragen.“ Auch wenn der Vertrag wahrscheinlich rückdatiert und nicht von Omar II. verfasst wurde, regelte er doch für Jahrhunderte die akustische Unterlegenheit von Christen und Juden. Spätestens als die Macht von den genussfreudigen Kalifen der Omajjaden auf die frömmelnden Abbasiden überging, mussten die Glocken ganz verstummen. Bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts herrschte rund um die Kirchen des Osmanischen Reiches Stille, weshalb der erste britische Konsul in Jerusalem, James Finn, 1854 noch vermutete, dass „der Klang von Glocken den Einwohnern Jerusalems unbekannt war“.

Historisch gesehen, war das falsch: Die Kreuzfahrer hatten Glocken in der Heiligen Stadt installiert. Im Museum „Studium Biblicum Franciskanum“ in der Jerusalemer Alstadt wacht Direktor Pater Alliata über dreizehn Kreuzfahrerglocken, die zumeist im Libanon gegossen wurden. Ein Exemplar stammt sogar aus China und fand seinen Weg über Nestorianische Kirchen in Persien ins Heilige Land. Der Chroniker Wilhelm von Tyrus berichtet vom Bau eines Glockenturms neben der Grabeskirche, die im Jahr 1022 stark beschädigt worden war. „Im Jahr 1182 empörte sich der Erzbischof über die Kirchen der Johanniter nebenan, die die Grabeskirche überragten und mit ihren Glocken übertönten“, so der Historiker Jürgen Krüger.

Im Jahr 1187 ließ der Eroberer Saladin alle Glocken demontieren, der Turm verstummte erneut. Bis der Krim-Krieg (1853 bis 1856) dem Pakt von Omar das Aus bescherte. Großbritannien und Frankreich verlangten von Sultan Abdülmecid I. einen Preis für ihren Beistand. Die „Kapitulationen“, mit denen sich der russische Zar bereits seit dem achtzehnten Jahrhundert im Osmanischen Reich einmischte, gestanden nun auch ihnen wachsenden Einfluss zu. Fortan ließ der Sultan die Ungläubigen in seinem Reich wieder bimmeln. Konsul James Finn hängte diesen Machtzuwachs der Briten buchstäblich an die große Glocke, die fortan „über dem Eingang zu unserem Gelände“ vor der Christ Church in Jerusalems Altstadt schellte. Wenig später spross ein Glockenturm in die Höhe, „und von da an wurde die Glocke – keine große, aber mit einem guten, vollen Klang – jederzeit für den Gottesdienst geläutet“, schrieb Finn.

Die anderen Großmächte Europas wollten nun auch in Jerusalems Himmel den Ton angeben. Bald wetteiferten sie um den Ruhm des höchsten Kirchturms und des größten Klöppels. Kein Hindernis war zu gewaltig, um die Macht des eigenen Reiches in Jerusalem aller Welt vor Ohren zu führen. Deutschland gewann das Rennen, als 1911 die 6120 kg schwere „Herrenmeisterglocke“ auf dem Ölberg ertönte. Dort überblickt sie seither vom 45 Meter hohen Turm der deutschen Himmelfahrtskirche die Heilige Stadt. Ein gewisser „Baurath Hoffmann“ begleitete das Rieseninstrument auf dem Weg von der Gießerei Franz Schilling in Apolda. In Jaffa per Schiff angekommen und nur 82 Kilometer von Jerusalem entfernt versank das sechsköpfige Gespann mit der Glocke in Schmutz und Sand. „Der Wagen zerbrach und unter unsäglichen Mühen mußte die Glocke auf Schlitten und Rollen nach dem Quai zurückgeschleppt werden“, notierte Hoffmann. Erst nachdem Jaffas Straßen auf eigene Kosten in Stand gebracht worden waren, kam der Herrenmeister nach Jerusalem. „Und was hat die Geschichte gekostet!“ Für den Weg bis nach Jaffa waren es 615,92 Mark, für die kurze Strecke bis zur Baustelle auf dem Ölberg 1476,40 Mark.

Firas Qazaz sind solche Streiche fremd. Der Sprössling einer altehrwürdigen Jerusalemer Patrizierfamilie schreitet täglich zwei Mal von seiner Zwei-Zimmer-Wohnung durch die Gassen der Altstadt zum Haram a-Scharif, dem drittheiligsten Ort des Islams. Dort erklimmt er ein Minarett und schwebt mit seiner Stimme durch orientalische Tonleitern, um Muslime zum Gebet zu rufen. Vor acht Jahren wurde Firas zum jüngsten der vier Muezzins der Al-Aqsa-Moschee erkoren. Die Wahl war leicht, schließlich sei seine Familie „für ihre gute Stimme bekannt und bekleidet diesen Posten seit mehr als 500 Jahren“, sagt der schüchterne 24 Jahre alte Mann stolz.

„Der ,Adhan‘, der Aufruf zum Gebet, ist eine der ältesten Bräuche des Islams“, sagt Dr. Najeh Bkerat, Vorsitzender der Manuskriptabteilung des Waqf der Al-Aqsa, der sein Doktorat über Muezzins schrieb. Laut alten Überlieferungen stellte die wachsende Gemeinde in Medina den Propheten Mohammed vor das Problem, wie er seine Anhänger zum Gebet rufen sollte. Anfangs wurde erwogen, wie die Juden das Schofar zu blasen oder wie die Christen Glocken zu läuten. Andere wollten die Sitte der Zoroaster übernehmen und ein Feuer anzünden. Schließlich überzeugte der Traum Abdallah ibn Saids. Abdallah hatte darin den genauen Wortlaut des heutigen Adhan gehört und trug ihn vor. Doch da er eine fürchterliche Stimme hatte, schlug Mohammed vor, den Text dem Schwarzen Bilal beizubringen, der damit zum ersten Muezzin der Geschichte wurde: „Alle waren von Bilals Stimme verzückt“, zitiert Bkerat islamische Quellen.

Auf die Erfindung des Muezzins folgte die Entwicklung des Minaretts. „Zuerst rief Bilal von einem hohen Stein, dann von einem Baum, später von der Kaaba in Mekka“, sagt Bkerat. In Indien, Anatolien und im Iran hatten die Moscheen bis zum vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert keine Minarette. Zu einem organischen, integrierten Bestandteil der Moscheen wurde das Minarett erst unter den Mameluken im Mittelalter. Historiker lokalisieren das erste Minarett in Damaskus, wo der Turm eines römischen Tempels umfunktioniert wurde. Doch für Palästinenser ist klar: „Das erste Minarett der Welt wurde in Jerusalem gebaut“, so der tiefgläubige Bkerat. Nach dem Tod Mohammeds soll Bilal vor lauter Trauer aufgehört haben, den Adhan vorzutragen. Erst mit der Eroberung Jerusalems dreizehn Jahre später ließ er seine Stimme wieder vom Felsen auf dem Haram a Scharif erklingen. „Die Freunde Mohammeds waren zu Tränen gerührt“, sagt Bkerat und ist dabei selbst sichtlich bewegt. Danach sollen noch der Omajjadenkalif al Walid bin Abdel Malik, Sohn des Erbauers des Felsendoms, das erste Minarett der Welt gebaut haben.

Diese Überlieferungen hallen in Firas nasaler Stimme wieder, wenn er den Adhan anstimmt. Andächtig schließt er seine Augen und intoniert das Glaubensbekenntnis des Islams, wiegt sich ekstatisch vor und zurück. Seine Nasenflügel beben jedes Mal, wenn er das „M“ in die Länge zieht. Wie alle seine Vorfahren hat Firas seinen Beruf vom Vater erlernt, eine professionelle Gesangsausbildung wie im Westen kennt man in Arabien nicht. Lehrgänge für Muezzins gibt es nur wenige. Firas träumt davon, eines Tages an der Al-AzharUniversität in Kairo einen belegen zu können.

„Die Melodien des Adhan sind von Land zu Land verschieden“, sagt Bkerat, der am liebsten dem neunzig Jahre alten Muezzin in Medina lauscht: „Er stammt aus Buchara und klingt so wunderbar orientalisch“, schwärmt der Gelehrte. Trotz musikalischer Variationen habe sich der Wortlaut des Adhan jedoch „nie verändert und ist auf der ganzen Welt bei allen Muslimen identisch“. Das ist allerdings Wunschdenken. Denn Glockenklang, Schofarton und Adhan zeichnen nicht nur Trennlinien zwischen Religionen, sondern sind auch Ausdruck innerer Machtkämpfe. So fügen Schiiten ihrem Adhan zwei Sätze hinzu: Vor allem ihre Bekundung, dass „Ali der Stellvertreter Allahs!“ sei, bringt Sunniten zur Weißglut.

Auch das große Schisma in Ost- und Westkirche ist hörbar. Die orthodoxe Ostkirche, die lange unter islamischer Herrschaft existierte, passte sich ihrem untergeordneten Status musikalisch an. Statt mit Glockengebimmel ruft sie bis heute ihre Anhänger mit dem leiseren Semantron zum Gebet, einem langen Stab aus Holz oder Eisen, der mit Hilfe eines Hammers einen Gongton erzeugt. Das simple Instrument begann seinen Siegeszug noch im sechsten Jahrhundert, als es die in Ägypten und Palästina üblichen Trompeten ersetzte. Die erinnerten die frühen Christen vielleicht zu sehr an den jüdischen Brauch, den Sabbat mit Trompetenstößen vom Tempelberg anzukündigen. Noch heute finden sich im armenischen Viertel Jerusalems oder in der griechisch-orthodoxen Sektion der Grabeskirche solche Holzbalken oder Eisenstangen, lange Zeit Symbole für die Zweiteilung der Christenheit: Im römisch-katholischen Westen bimmelte man mit Glocken, während der orthodoxe Osten bis zum vierten Kreuzzug im dreizehnten Jahrhundert fast ausschließlich auf Semantra einschlug.

Auch zwischen Israels Juden sind schrille Töne keine Seltenheit. Dass ultraorthodoxe Breslaver mit dröhnenden Bässen durch säkulare Stadtteile fahren und bei jeder roten Ampel wild hüpfend auf den Kreuzungen tanzen, um für ihre Version des Judentums zu werben, gilt dabei noch als geringe akustische Aufdringlichkeit. In gleich mehreren israelischen Städten ringen ultraorthodoxe gegen säkulare Stadtbewohner, die keine Sabbatsirenen mehr hören wollen. Dabei reicht der Brauch, den heiligen Wochentag mit Trompeten oder dem Schofar zu empfangen, Jahrtausende zurück. In der Diaspora wurde der Brauch von Freiwilligen aufrechterhalten. Ihre Kadenzen warnten die Gläubigen vor dem Eintritt des Sabbats und erinnerten Hausfrauen, die Kerzen rechtzeitig anzuzünden.

Umso größer war die Enttäuschung eines gewissen Schmuel Stern, als der ehemalige Militärmusiker in der Armee des Zaren zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Jaffa an Land ging und feststellen musste, dass in Tel Aviv niemand den Sabbat ankündigt. Stern ergriff die Eigeninitiative und wurde angeblich zum ersten Stadttrompeter Tel Avivs. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte sich dieser Brauch etabliert. Längst genügte eine Trompete nicht, in vielen Stadtteilen tutete man nun freiwillig oder für ein symbolisches Gehalt. Ende der dreißiger Jahre ereilte die Moderne den Sabbat. Von September 1938 an ersetzten in Tel Aviv Luftschutzsirenen die Trompeten. Bis in die fünfziger Jahre war dies der Brauch, doch nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Unabhängigkeitskrieges 1948 erschraken die Menschen, wenn die Sirenen aufheulten. Die Stadtverwaltung stellte deswegen sieben Taxifahrer ein, die hupend den Sabbat ankündigten. Peinlichst achtete sie darauf, dass sie „neue Wagen“ fuhren um „einen guten Eindruck“ zu hinterlassen.

Im Keller von Mosche Bendett in Tel Aviv steht noch immer das Holzschild vom Dach des Taxis, mit dem er freitags durch die Straßen fuhr. Zwanzig Jahre lang überprüfte der heute 84 Jahre alte Mann in seinem Kalender, wann der Sabbat anfängt, schob die mit Ziffern beschriebenen Holztäfelchen ein, um die entsprechende Uhrzeit anzugeben, montierte die Tafel auf seinem Coronado-Straßenkreuzer und fuhr los: „Es war richtig schön“, sagt der in Warschau geborene dekorierte Kriegsheld. Kinder liefen hinter dem Wagen her, manche fuhren auf der Rückbank mit. „Überall, wo ich vorbeifuhr, rannten die Hausmütter auf die Terrassen um sich zu erkundigen, wann sie ihre Sabbatkerzen anzünden müssen.“ Doch der alte Brauch ist zunehmend umstritten. In Jitzchak Rabins Regierung erließ Umweltministerin Ora Namir 1992 eine Richtlinie, die Hupen nur bei Lebensgefahr zuließ. Es war der Beginn eines Kampfes zwischen denjenigen, die den heiligen Krach befürworten, und denjenigen, die am Wochenende einfach nur ihre Ruhe wollen. In vielen Städten gehen Stadtverwaltungen heute mit rechtlichen Mitteln gegen Synagogen, Toraschulen und Privatleute vor, die den Sabbat mit Sirenen begrüßen wollen.

Spätestens 2006 wurden Sirenen und Hupen vielerorts mit hassidischer Musik ersetzt. „Streifenwagen“ religiöser Organisationen beschallen freitagnachmittags ganze Stadtteile mit dem Sabbatlied von Shlomo Alkabez. Aus Angst vor städtischen Beamten organisieren die Fahrer ihre Einsätze im Untergrund. Das soll „die Menschen beruhigen und den Sabbat mit Freude einführen“, sagte Rabbiner Jakob Halperin, Millionär und Eigentümer einer Brillenladenkette, der mehr als 250 Lautsprecher spendete, aus denen im ganzen Land fromme Musik plärrt.

So umstritten der Krach aus Moscheen, Kirchen und Synagogen sein mag – er erzeugt die einmalige Kakophonie des Heiligen Landes. Zwar beklagt sich der muslimische Geistliche über fromme Juden, die absichtlich die Gebete der Muslime stören, und Siedler verklagen Muezzins, die ihre Lautsprecher laut aufdrehen, um sie aus ihrem Land zu vertreiben. Säkulare Juden prozessieren gegen Synagogen, die ihren Ruhetag mit lauten Psalmen vergällen, und Christen ringen darum, wer wann welche Glocke läuten darf. Doch wenn der Adhan von Firas Qazaz von den Bergen Judäas widerhallt, sich mit dem Geläut vom Ölberg und Gesumme betender Juden vor der Klagemauer vermischt, halten selbst Ungläubige manchmal kurz inne und lauschen dem einzigartigen Vielklang Jerusalems.

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Time am 30. Dezember 2011

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Erlöserkirche_(Jerusalem)
2) http://www.info-middle-east.com/
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2011/12/12/zwingt-sie-zur-bescheidenheit/

Im Interview: Mosab Hassan Yousef

2. Januar 2011

Im März letzten Jahres hatte ich Ihnen den zahnlosen Verriss (1) Joseph Croitorus des Buches „Sohn der Hamas“ (2) von Mosab Hassan Yousef vorgestellt. Die heutige FAZ nun brachte ein Interview mit dem Autoren, welches Dr. Gil Yaron (3) mit ihm führte.

Dabei gibt es eine m.E. besonders interessante Passage. Yaron: „In Ihrem Buch beschreiben Sie eine tiefe Freundschaft zu Ihren Kollegen im israelischen Geheimdienst, sprechen sogar mit Liebe vom Staat Israel. (…)“. Yousef: „Als ich dann 18 war, wurde ich für 15 Monate verhaftet, gefoltert. In meiner Zeit im Gefängnis musste ich erleben, wie die Hamas ihre eigenen Leute folterte, weil sie sie der Kollaboration mit Israel verdächtigte. Heute tun sie genau dasselbe, nur in größerem Umfang.“ Hieraus lese ich, dass Yousef von der Hamas gefoltert wurde.

Bei Croitoru kam das so daher: „… hielt ihn später nicht davon ab, sich in jugendlichem Leichtsinn an der Beschaffung von Waffen zu beteiligen, was ihm Inhaftierung und Folter durch die ISRAELIS einbrachte. Einer langjährigen Haft konnte er nur entgehen, weil er dem Druck seiner israelischen Vernehmer nachgab und sich bereit erklärte, mit dem Schabak zusammenzuarbeiten.“ Ich habe Croitorus Aussage seinerzeit bezweifelt und finde mich durch das aktuelle Interview bestätigt.

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Ich sah mehr Blut als die meisten aus meinem Volk

Sein Vater gründete die Hamas, er arbeitete für die Israelis: Ein Gespräch mit Mosab Hassan Yousef über sein Buch „Sohn der Hamas“

FRAGE: Herr Yousef, Sie sind der Sohn eines der Gründerväter der Hamas, aber Sie haben sich vom Islam abgewendet und mit dem israelischen Geheimdienst zusammengearbeitet. Was ist an Ihnen so besonders, dass dieser Wandel sich ausgerechnet bei Ihnen vollzog?

ANTWORT: Ich bin kein besonderer Mensch. Aber meine Erfahrungen waren einzigartig. Ich wurde in jungen Jahren verhaftet und musste Folter durchstehen. Ich bin der Sohn einer der wichtigsten nationalen islamischen Führungspersönlichkeiten und hatte eine besondere Beziehung zu meinem Vater. Meine Familie war arm, mein Vater oft weg, verhaftet, als ich noch sehr jung war. So wurde ich zu Hause zur Autoritätsperson. Ich habe als Kind auf dem Friedhof gespielt, auf dem die Opfer der Intifada begraben wurden. Ich habe mehr Blut gesehen als die meisten anderen Menschen in meinem Volk. Das viele Leid, das ich sah – mein persönliches Leid und das meines Volkes – zwangen mich dazu, schwere Entscheidungen zu fällen und immer weiter zu suchen. Und das führte auch dazu, dass ich, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen hier, bereit war, die schweren Konsequenzen meiner Entscheidungen zu tragen.

FRAGE: In Ihrem Buch beschreiben Sie eine tiefe Freundschaft zu Ihren Kollegen im israelischen Geheimdienst, sprechen sogar mit Liebe vom Staat Israel. Fühlten Sie das bereits als Kind?

ANTWORT: Nein, natürlich nicht. Als Kind habe ich Israelis gehasst, wie alle.

FRAGE: Wann trafen Sie erstmals einen Israeli?

ANTWORT: Als ich von der Armee verhaftet wurde. Als ich zehn Jahre alt war, wurde ich zum ersten Mal verhaftet, dann noch mal mit 16. Die ersten zwei Male war ich nur kurz in Haft. Als ich dann 18 war, wurde ich für 15 Monate verhaftet, gefoltert. In meiner Zeit im Gefängnis musste ich erleben, wie die Hamas ihre eigenen Leute folterte, weil sie sie der Kollaboration mit Israel verdächtigte. Heute tun sie genau dasselbe, nur in größerem Umfang. Anderthalb Millionen Palästinenser im Gazastreifen leben heute jeden Tag in Angst. Langfristig zerstört das unsere Gesellschaft, und es wird Jahrzehnte dauern, bis wir das wieder richten.

FRAGE: Wann hörten Sie auf, Israelis zu hassen?

ANTWORT: Es war kein einzelner, entscheidender Augenblick, in dem dieser Wandel stattgefunden hat, sondern ein langwieriger Prozess, in dem ich mir die Frage stellte, ob ich wirklich hassen und kämpfen soll. Erst nach vielen Jahren kam ich zu der Erkenntnis, dass meine Feinde auch Menschen sind.

FRAGE: Sie wuchsen aber in einer ganz anderen Welt auf, Ihre ganze Umgebung dachte anders als Sie. Gab es da keine Zweifel?

ANTWORT: Es ging nicht um Zweifel, sondern darum, was in meinen Augen die Realität war und was uns einfach nur vorgegaukelt wurde. Ich habe sehr lange falschen Ideen angehangen. Es dauerte, bis ich erkannte, dass meine Welt nicht auf soliden Tatsachen beruht. Das Problem für mich war, die Wirklichkeit anzuerkennen. Als ich herausfand, dass alles, was ich bisher gedacht hatte, falsch war, war das für mich eine Katastrophe. Ich sah mich plötzlich im Konflikt mit einer ganzen Kultur, einer Religion. Ich musste ganz allein gegen etwas angehen, an das ich einmal glaubte. Danach habe ich an meinem Weg aber niemals gezweifelt.

FRAGE: Haben Sie in dieser Zeit jemals mit Ihrer Familie oder jemand aus Ihrem Freundeskreis gesprochen und gesagt: „Schaut mal, was wir hier machen, ist falsch!“?

ANTWORT: Ja, ich habe es versucht, aber niemand verstand mich. Ich dachte ganz anders als die Menschen um mich herum.

FRAGE: Eine Ihrer Entscheidungen war, mit dem israelischen Geheimdienst eng zusammenzuarbeiten. Erinnern Sie sich noch, wie Sie sich fühlten, als zum ersten Mal ein Palästinenser aufgrund eines Hinweises verhaftet wurde, den Sie gegeben hatten?

ANTWORT: Die ersten zwei oder drei Jahre meiner Arbeit beim Geheimdienst hatte ich mit solchen Dingen nichts zu tun. Später, als wir anfingen, ernsthaft zu arbeiten und Leute hinter Gitter zu stecken, war es schon eine sehr problematische Zeit. Sie wissen, die zweite Intifada, in der viel Blut vergossen wurde. Wenn wir so einen Mörder fassten, fühlte ich mich weder schlecht noch schuldig dabei. Im Gegenteil, ich wusste, dass ich damit sein Leben und das Leben anderer Menschen rettete. Ich habe mich nie dafür geschämt.

FRAGE: Hatten Sie nicht Angst davor, dass jemand aus Ihrer engsten Umgebung, Ihrer Familie oder Ihren Freunden, Ihre Doppelrolle aufdecken und Sie töten könnte?

ANTWORT: Nein, darüber habe ich niemals nachgedacht. Ich weiß, dass meine Familie mich liebt, auch heute noch. Ich vertraue ihnen. Sie würden mir nie Schaden zufügen. Ich hatte keine Angst, entdeckt zu werden, weil ich mich ganz natürlich verhielt. Sie haben mich nie etwas gefragt. Auch meine Freunde nicht. Ich musste nie lügen. Wenn sie mich fragten, wo ich gewesen war, musste ich ihnen noch nicht mal antworten, wenn ich nicht wollte. Ich war immer ehrlich zu ihnen. Ich liebe meinen Vater und tat vieles, um ihn durch meine Kontakte zum Geheimdienst zu schützen. Ich liebe sie alle genug, um sie nicht zu fürchten, auch wenn es heute Menschen in meinem Volk gibt, die mich gern töten würden.

FRAGE: Sie haben das Buch Ihrem Vater gewidmet, er spielt darin eine zentrale Rolle, nicht nur für Ihr Leben, sondern für das Schicksal Ihres Volkes. Er ist einer der wichtigsten Führer der Hamas, die für den Islam und den Kampf gegen Israel steht. Wie reagierte er, als Sie ihm sagten, dass Sie dem Islam den Rücken gekehrt und mit Israel kollaboriert hatten?

ANTWORT: Er war schockiert. Ich glaube, er ist es immer noch. Es ist nicht leicht für ihn. Aber ich glaube, er wird mich eines Tages verstehen.

FRAGE: Haben Sie seither mit ihm gesprochen?

ANTWORT: Nein. Ich hoffe, dass wir eines Tages wieder miteinander sprechen können.

FRAGE: Was würden Sie ihm sagen?

ANTWORT: Ich würde ihn bitten, die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen, diese Ideologie des Islams zu verlassen, um sich für die Menschheit, für die Wahrheit einzusetzen. Ich möchte, dass er nicht mehr für die Hamas arbeitet, sondern für die Menschen, damit er Frieden bringen kann, anstatt weiterhin Opfer einer verrückten Organisation oder Religion zu sein.

FRAGE: Haben Sie in Ihrer Zeit im Geheimdienst nicht um Ihr Leben gefürchtet?

ANTWORT: Manchmal kam ich natürlich in gefährliche Situationen, zum Beispiel, als ich Treffen mit Agenten in der Nähe des Grenzzauns ausmachte. Ich war ein Teil von ihnen, aber die Soldaten wussten das natürlich nicht. Sie hätten mich erschießen können. Aber das wäre ein Unfall gewesen. Es gab manche Augenblicke, in denen mein Leben in Gefahr war, aber das war kein Dauerzustand. Ich musste nicht ständig um mein Leben fürchten.

FRAGE: In Ihrem Buch gibt es viele Abenteuer. Manchmal liest es sich wie die Geschichte von einem kleinen Jungen, der langsam zu einem James Bond wird. Vermissen Sie den Nervenkitzel und das Gefühl, mit Ihren Taten Geschichte mitzuschreiben?

ANTWORT: Ja, natürlich! Es macht süchtig. Jeder, der im Geheimdienst arbeitet, wird Ihnen bestätigen, dass es stärker süchtig macht als Politik oder Drogen. Ich vermisse das Gefühl, mehr zu wissen als die anderen, zu wissen, was hinter den Kulissen abläuft. Man denkt anders, das ganze Leben ändert sich: Geheimdienstarbeit wird zu einem Teil des Alltags. Das vermisse ich sehr.

FRAGE: Wie sieht Ihr Leben heute aus? Wie müssen wir uns das vorstellen? Sie sind untergetaucht. Schauen Sie ständig in den Spiegel aus Angst, dass Ihnen jemand auflauern könnte?

ANTWORT: Ich bin nicht untergetaucht. Zugegeben: Ich halte meinen Aufenthaltsort geheim. Manche Leute erkennen mich auf der Straße, aber die meisten wissen nicht, wo ich bin. Ich halte mich an Sicherheitsvorkehrungen, damit ich nachts ruhig schlafen kann. Ich werde manchmal von Leibwächtern begleitet, aber nur wenn ich öffentlich auftrete. Ich versuche, ein normales Leben zu führen: Ich gehe ins Kino, ich fahre Fahrrad, habe einen Sportwagen, gehe tauchen. Ich habe Freunde, mit denen ich über alles sprechen kann.

FRAGE: Bereuen Sie irgendetwas, was Sie getan haben?

ANTWORT: Nein, ich bereue nichts. Ich glaube an das, was ich tat. Mit tut es leid, meiner Familie so viel Schmerz zugefügt zu haben. Sie stecken da so tief drin, das ist mein einziger Grund zur Trauer. Aber es ist höchste Zeit, dass die Menschen aufwachen und anfangen, für sich selbst zu denken.

FRAGE: In Ihrem Buch beschreiben Sie eine große Razzia, die die israelische Armee ausführt, um Sie zu fassen, während der Geheimdienst Sie versteckt. Alles nur, um Ihre Tarnung aufrechzuerhalten. Selbst die Soldaten wussten nicht, dass sie Sie eigentlich gar nicht finden sollten. Wie viel von dem Konflikt, den wir täglich in den Nachrichten sehen, ist so eine Täuschung? Wird mit der Öffentlichkeit gespielt?

ANTWORT: (Lacht) Eine hervorragende Frage. Ich kann Ihnen nur raten: Glauben Sie nicht alles, was Sie in den Nachrichten sehen. Ich habe oft gesehen, wie weit selbst die besten Journalisten von der Realität entfernt sind. Der Journalismus wird oft zum Opfer der Geheimdienste. Man braucht viel Erfahrung, um zu wissen, was wirklich stimmt und was falsch ist. Die Medien werden benutzt, um Botschaften zu übermitteln. Die Journalisten haben oft keine Ahnung davon, dass sie im Dienst der Geheimdienste agieren. Täuschung ist Teil unserer Wirklichkeit.

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Time am 2. Januar 2011

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/03/26/anstatt-sich-zu-freuen/
2) http://www.amazon.de/Sohn-Hamas-Mein-Leben-Terrorist/dp/3775152237/ref=sr_1_3?ie=UTF8&s=books&qid=1293995307&sr=8-3
3) http://www.info-middle-east.com/