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Eine völlig normale Angelegenheit

24. Mai 2016

Dreieinigkeits-Gemeinde

Reinhard Bingener und Friederike Böge berichten auf „FAZ.NET“ über die Evangelisch-Lutherische Dreieinigkeits-Gemeinde in Berlin Steglitz, in der besonders viele Orks zum Christentum konvertieren (1).

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Flüchtlingskrise

Gehet hin und lehret alle Völker

Wer sich als Flüchtling christlich taufen lässt, hat bessere Aussichten auf Asyl. Oft aber ist das nicht der Grund, warum viele Muslime konvertieren.

Vor fünf Jahren saß Pastor Gottfried Martens bei seinen Bibelstunden noch einer Handvoll älterer Herrschaften gegenüber. Wegen der geringen Mitgliederzahl gab es nur einen Gottesdienst pro Woche, ansonsten stand die Kirche leer. Inzwischen aber ist die Dreieinigkeitskirche im Berliner Stadtteil Steglitz vermutlich die am schnellsten wachsende Gemeinde Deutschlands. Zu den älteren Herrschaften sind inzwischen 850 Persisch-sprachige Konvertiten hinzugekommen. Weitere 350 Anwärter befinden sich derzeit in einem der viermonatigen Kurse zur Vorbereitung auf die Taufe. Fast alle Mitglieder und Taufwilligen sind Flüchtlinge, größtenteils aus Iran und in geringerem Maße aus Afghanistan, geboren und aufgewachsen als Muslime. Sie sind erst seit einigen Monaten oder wenigen Jahren in Deutschland, mehrheitlich leben sie noch in Migrantenunterkünften.

An einem Mittwoch haben sich in der schlichten Steglitzer Kirche rund 200 Taufschüler versammelt, die Holzbänke sind fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Es sind vor allem junge Männer und eine Handvoll Frauen. Viele tragen zum Zeichen ihrer Gläubigkeit einen Kreuzanhänger an einer Kette oder einem Armband. Sie lauschen den Worten von Pastor Martens, der zwischen den Bänken auf- und abschreitet, gefolgt von einem Übersetzer, der jeden seiner Sätze in persischer Sprache wiederholt. „Es gibt einige unter euch, die sich bei der Taufe zwischen Gott und ihren Eltern entscheiden müssen“, sagt Martens. In seinen Erklärungen über die zehn Gebote bemüht sich der Pfarrer, Bezüge zur Lebenswelt der Taufschüler herzustellen. Er spricht scherzhaft von „haram“ und erklärt, dass es trotz der großen Bedeutung von Träumen in der persischen Kultur fragwürdig sei, wenn einem Jesus Christus im Traum erscheine und etwas anvertraue, was mit der Bibel nicht vereinbar sei. Ab und zu wirft er augenzwinkernd ein: „Das ist eine typische Frage, wie sie auch in der Taufprüfung vorkommen kann.“

Protestreligion gegen das Diktat des islamistischen Regimes

Wie kann es sein, dass Hunderte Iraner und Dutzende Afghanen allein im Großraum Berlin plötzlich ihre Liebe zum Christentum entdecken? Die Vermutung liegt nah, dass manche von ihnen die Hoffnung treibt, ihre Chancen auf Asyl zu verbessern. Doch wer sich mit den Taufschülern in Steglitz unterhält, merkt schnell, dass diese Erklärung zu kurz greift – und dass die Grenze zwischen Opportunisten und Erweckten nicht so leicht zu ziehen ist. Das, was sich da in Steglitz vollzieht, wirft zudem Fragen an die Kirchen in Deutschland auf. Über ihr Verhältnis zum Islam und zum biblischen Missionsbefehl.

Vor dem schmucklosen Büro von Pastor Martens hat sich eine Traube von jungen Leuten gebildet, die den Geistlichen unbedingt sprechen wollen. Martens begrüßt sie mit Handschlag, Umarmung oder persischen Begrüßungsformeln. Manche brauchen seine Unterschrift, um aus ihren Brandenburger Unterkünften nach Berlin kommen zu dürfen. Andere wollen Termine, um ihre Taufprüfung abzulegen. Doch bis zum späten Abend ist der Pastor voll beschäftigt. Nachts, so sagt er, bekomme er derzeit häufig nur noch vier Stunden Schlaf. „Kommt mal so um neun heute Abend“, sagt Martens in einer Mischung aus Deutsch und Persisch. Eigentlich hat er um die Zeit noch eine Mitarbeitersitzung.

Den großen Andrang in seiner Gemeinde erklärt sich Martens auch mit Entwicklungen außerhalb Deutschlands: „Wir haben es mit einer ganz bemerkenswerten, geistlich gesprochen, Erweckung im Iran zu tun, mit einer Ausbreitung des christlichen Glaubens in der jüngeren Bevölkerung in Form von Hausgemeinden.“ Tatsächlich ist das Christentum unter städtischen Jugendlichen im Moment ein viel diskutiertes Thema. Das bestätigten dieser Zeitung mehrere iranische Beobachter. Das Christentum gilt demnach als eine Art Protestreligion gegen das Diktat des islamistischen Regimes, gegen Kopftuchzwang, Sittenpolizei und korrupte, machthungrige Mullahs – eine andere Ausprägung dieses Protests ist der unter jungen Iranern verbreitete Atheismus. Das Christentum wird im Vergleich zum politischen Islam, der von vielen als Grund für die Rückständigkeit vieler Staaten der islamischen Welt betrachtet wird, als freier, weniger repressiv betrachtet.

Im Fall von Iranern, die eine Migration oder Flucht nach Europa planen, könne eine Hinwendung zum Christentum auch Ausdruck einer „vorweggenommenen Anpassung an die ‚Leitreligion‘ der westlichen Welt sein, sagt einer der iranischen Gesprächspartner. Verlässliche Informationen über die Zahl der Konvertiten in Iran gibt es nicht, von evangelikalen Kirchen verbreitete Zahlen schwanken erheblich. Eine Prüfung ist unmöglich, weil die Konvertiten sich nur im Untergrund bewegen und im Fall einer Entdeckung mit langen Haftstrafen und Misshandlung in den Gefängnissen rechnen müssen. Im jüngsten Religionsfreiheits-Bericht der amerikanischen Regierung werden zahlreiche solcher Fälle geschildert; zudem ist von 90 Christen die Rede, die Anfang 2015 wegen ihres Glaubens im Gefängnis oder angeklagt waren.

Pastor Martens sagt, etwa die Hälfte seiner iranischen Gemeindemitglieder habe sich schon in Iran mit dem Christentum befasst. „Viele unserer Gemeindeglieder hatten vorher Kontakt zu armenischen Christen, die sie in Hauskirchen vermittelt haben.“ Ethnischen Armeniern und Assyrern in Iran ist die Ausübung ihres christlichen Glaubens erlaubt. Manche ihrer Kirchen können auch von Touristen besucht werden; wie etwa die armenische Vank-Kathedrale in Isfahan, in deren Umfeld sich – nicht zufällig – die angesagten Cafés der Stadt angesiedelt haben. Die Aufnahme von Konvertiten ist ihnen ebenso streng verboten wie Gottesdienste auf Persisch.

Anders ist die Situation für Flüchtlinge aus Afghanistan, wo der Hass auf Konvertiten und vermeintlich Ungläubige nicht nur staatlich verordnet, sondern noch stärker als in Iran gesellschaftlich verankert ist. Die einzige Kirche Afghanistans ist die Kapelle in der italienischen Botschaft. Zwar betreiben auch missionsorientierte evangelikale Christen aus den Vereinigten Staaten und Südkorea in Afghanistan Hilfsprojekte, doch eine Missionierung ist ihnen streng verboten. Viele der afghanischen Gemeindemitglieder, sagt Pastor Martens, hätten auf ihrer Flucht in Griechenland zum christlichen Glauben gefunden, wo amerikanische Missionare aktiv sind. Konvertieren würden vor allem Angehörige der schiitischen Minderheit der Hazara, die sich von der sunnitischen Mehrheit diskriminiert fühlen. Die Mehrzahl der afghanischen Konvertiten in Deutschland ist allerdings im Nachbarland Iran aufgewachsen, wohin schon ihre Eltern flüchteten. Ihr Verhältnis zur Religion ist deshalb geprägt durch die starke Politisierung des Islams dort.

Das persische Wort für Ostern

Freilich haben auch die Schlepper das Thema für sich entdeckt. In der afghanischen Hauptstadt zum Beispiel ist es gerade Stadtgespräch, dass ein Bekenntnis zum Christentum die Chancen auf Asyl in Europa angeblich erhöhe. Das berichtet Alexey Yusupov, der Direktor des Landesbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kabul. Oft werde die Idee verbreitet, man solle am besten behaupten, man sei Christ und schwul. In Kabul wird gewitzelt, die Europäer seien sicher verwundert, wenn sich Tausende Afghanen bald als schwul erwiesen. Mit solchen Überlegungen würden die Afghanen versuchen, sich einen Reim auf die ihnen unklare Rechtslage in Europa zu machen, sagt Yusupov. Vielen Afghanen sei bewusst, dass die EU mit allen Mitteln versuche, Asylbewerber aus Afghanistan abzuhalten. „Es ist ein Wettbewerb gegen den Rechtsstaat im Finden von Regelungslücken.“

Wer sich als Flüchtling christlich taufen lässt, hat bessere Aussichten auf Asyl. Der einzige Grund?

Pastor Martens leugnet nicht, dass manche Taufwillige opportunistische Motive haben, sieht sie aber in der Minderheit. Im Taufunterricht spreche er das Thema an und in den Taufprüfungen überzeuge er sich, „ob es tatsächlich eine ernsthafte Hinwendung zum christlichen Glauben gegeben hat“. Etwa 20 Prozent der Teilnehmer bestünden diese Prüfung nicht. Schließlich wolle er nicht, dass seine Gemeinde – etwa beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) – in den Ruf gerate, Schnelltaufen durchzuführen – wie er sie manch anderer Gemeinde vorhält. Schließlich müsse man die schützen, die es ernst meinten. In Berlin hätten die Mitglieder seiner Gemeinde eine Anerkennungsquote als Flüchtlinge von hundert Prozent, sagt Martens. In Brandenburg liege die Quote etwas niedriger – weil manche Bamf-Mitarbeiter in Eisenhüttenstadt „kein Verständnis für so etwas Abenteuerliches wie Religion haben“. In den Befragungen müssen die Konvertiten glaubhaft machen, dass das Christentum für sie lebensprägend ist. Darüber hinaus werden häufig Wissensfragen gestellt, was laut Martens Probleme aufwirft, wenn etwa der muslimische Übersetzer das persische Wort für Ostern nicht kenne. Ein Asylgrund kann aber auch dann vorliegen, wenn die Konversion nicht glaubhaft, jedoch bereits im Heimatland öffentlich geworden ist, so dass eine Verfolgung aus religiösen Gründen droht.

Schwester aus dem Haus geworfen

Christ oder nicht Christ – so einfach ist es freilich nicht. Immer wieder komme es vor, sagt Martens, „dass Leute sagen, dass sie am Anfang wegen Asyl in die Kirche gekommen sind, und als sie die Botschaft gehört haben, hat das ihr Leben verändert“. So ist es mutmaßlich auch Tofigh Abdullahi ergangen. „Ich bin ursprünglich nur wegen der Aufenthaltsgenehmigung hierher gekommen“, sagt der Iraner, ein eloquenter junger Mann. Er sitzt nach dem Taufunterricht im Hof der Dreieinigkeitskirche in Steglitz und scrollt durch die Einträge auf seiner Instagram-Seite. Dort wimmelt es von Jesus-Bildern und Kirchenfotos, mit denen er allen Bekannten in Iran seinen Sinneswandel vor Augen geführt hat. Abdullahi zeigt auch E-Mails, in denen er beleidigt oder zur Umkehr aufgefordert wird. Sie stammen von seinen früheren Lehrern an einer islamischen Hochschule in Yazd. Ursprünglich, so erzählt der Iraner, habe er selbst ein islamischer Geistlicher werden wollen. Doch in seinem Seminar sei ihm bewusst geworden, wie „verlogen und leer“ die Welt des iranischen Klerus sei. „Sie glauben nur an Geld, an sonst nichts.“ Im Gegensatz dazu habe er den christlichen Glauben als ehrlich und befreiend empfunden. Ohne Zwang und Bevormundung durch bräsige, engstirnige Mullahs.

Warum er nach Deutschland kam, kann er selbst nicht genau sagen. Verfolgt wurde er jedenfalls nicht. „Ich war müde“, sagt er achselzuckend. Fünf Wochen vor ihm war seine Schwester aufgebrochen; sie übrigens sei schon in Iran Christin gewesen, und er habe sie deshalb – fügt er grinsend hinzu – aus dem Haus geworfen. Und seine Frau, die mit ihm nach Deutschland kam, habe ihn nun wegen seines geplanten Religionswechsels verlassen. Es ist eine Geschichte voller Wirrungen und Widersprüche, wie sie in vielen Flüchtlingsbiographien zu finden sind. Man kann sich durchaus vorstellen, dass ein nach Sinn suchender junger Mann, dessen Leben in Unordnung geraten ist, in der Gemeinde unter Gleichgesinnten neuen Halt findet.

Konservative Abspaltung von den großen Landeskirchen

Erleichtert wird den iranischen Konvertiten der Übertritt zum Christentum wohl auch dadurch, dass im Alten Testament viel von Persern die Rede ist; zum Beispiel von Kyros dem Großen, der in der Bibel ziemlich gut wegkommt. Er erfreut sich unter Iranern heute großer Beliebtheit, gerade bei jenen, die aus Frust über die Herrschaft der Turbanträger und wegen ihrer Abneigung gegenüber der arabischen Welt nach Identifikationsfiguren in der vorislamischen Zeit suchen. Kyros ist ein beliebter Taufname unter iranischen Christen. Pastor Martens weiß all das natürlich und verweist gern auf entsprechende Bibelstellen. Etwa jene aus der Apostelgeschichte des Lukas in der in Martens‘ Worten heißt: „Die ersten, die sich taufen ließen, waren mal wieder die Perser.“ Auch die Leidensgeschichte Jesu ist Schiiten leicht zu vermitteln. Im iranisch dominierten Kirchenvorstand wurde jüngst vorgeschlagen, das schlichte Kirchenkreuz gegen eine blutüberströmte Jesus-Figur zu ersetzen. Vielleicht empfinden die Konvertiten sein Leiden mit der gleichen Leidensfrömmigkeit, mit der sie früher den aussichtslosen Kampf des Prophetenenkels Hussein in der Schlacht von Kerbala beweint haben.

Dass die Gemeinde in Steglitz, die der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche, einer konservativen Abspaltung von den großen Landeskirchen angehört, so schnell wächst, hat freilich auch damit zu tun, dass die bereits konvertierten früheren Muslime in den Heimen eifrig über ihre Erfahrungen sprechen. Das ist durchaus im Sinne vom Pastor Martens. Im Pfarrbrief der Gemeinde wird zum Gebet „für alle Muslime“ aufgefordert, „dass sie den Weg zu ihrem Retter Jesus Christus finden mögen“.

„Das ist ja eine völlig normale Angelegenheit.“

So offensiv würden vermutlich nur die wenigsten Pfarrer in Deutschland diesen Wunsch formulieren, ganz gleich ob sie für eine evangelische Landeskirche oder ein katholisches Bistum tätig sind, auch wenn es bei den großen Kirchen in dieser Frage sehr unterschiedliche Positionen gibt. In einer Arbeitshilfe der Evangelischen Kirche im Rheinland heißt es zum Beispiel, „eine Begegnung mit Muslimen in Konversionsabsicht bedroht den innergesellschaftlichen Frieden und widerspricht dem Geist und Auftrag Jesu Christi und ist entschieden abzulehnen“. Der Missionsbefehl am Ende des Matthäus-Evangeliums, alle Völker zu taufen, müsse man heutzutage eher als „innerkirchlichen Auftrag“ verstehen. Hingegen heißt es in einer neuen Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), mittlerweile könne man bei Asylsuchenden „erfreulich oft“ ihre Taufe feiern. Zahlen dazu gibt die EKD jedoch keine heraus. Aus der württembergischen Landeskirche heißt es immerhin, für das vergangene Jahr zeichne sich bei den Erwachsenentaufen ein „deutlicher Zuwachs“ ab, der höchstwahrscheinlich auf konvertierende Asylbewerber zurückzuführen sei. In der Handreichung wird auch erörtert, wie ernst solche Konversionen zu nehmen sind und welche asylrechtlichen Fragen sich daraus ergeben. Eine einheitliche Linie indes existiert nicht. Die Praxis dürfte sich vielmehr von Ort zu Ort unterscheiden. Zu hören ist von Pastoren großer Landeskirchen, die Taufbegehren von Asylbewerbern teils ähnlich unbesehen nachkommen wie mancher Prediger aus dem Bereich der Pfingstkirchen.

Für Martens jedenfalls steht fest, dass auch aktive Missionierung in Flüchtlingsheimen wünschenswert ist: „Sollte man allen Ernstes unsere Leute daran hindern zu erzählen, was sie selbst für sich entdeckt haben? Das ist ja eine völlig normale Angelegenheit.“

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Time am 24. Mai 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/konvertierung-von-muslimischen-fluechtlingen-zum-christentum-14247113.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Radikale Islamisten für Polio

2. Januar 2014

Polio

Ich hatte Ihnen im Juni einen Aufsatz von Daniel Pipes vorgelegt (1), in dem dieser darlegt, inwiefern sich durch die demagogische Kampagne des nigerianischen „Arztes“ Ibrahim Datti Ahmed die Kinderlähmung, die schon kurz vor der weltweiten Ausrottung stand, seit 2003 insbesondere in der Orksphäre wieder rasant ausbreitet.

Vor zwei Tagen brachte „FAZ.net“ nun einen Artikel von Friederike Böge (2), die aus Pakistan berichtet, dass dort viele Impfhelfer von der mohammedanistischen Avantgarde getötet werden, bei der es sich allerdings nicht um „Islamisten“ sondern „radikale Islamisten“ handelt, so Frau Böge („Islamisten“ – also „nicht radikale Islamisten – sind für sie offenbar die afghanischen Taliban, welche Impfungen zulassen).

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Kinderlähmung

Rückzugsgebiet einer Seuche

In Pakistan haben die Taliban alle Impfhelfer zu Verrätern erklärt – und viele schon ermordet. Wer das Wort Polio auch nur in den Mund nimmt, ist in Lebensgefahr. Das alles hat mit der Tötung Usama Bin Ladins zu tun.

Vor ein paar Jahren lief eine Impfkampagne gegen Kinderlähmung im Nordwesten Pakistans noch so ab: Die Helfer riefen die Bevölkerung über den Lautsprecher der örtlichen Moschee dazu auf, ihre Kleinkinder zu bringen, damit sie gegen die heimtückische Krankheit geschützt werden könnten. Impfgegner, die es in der konservativen paschtunischen Stammesgesellschaft im Nordwesten stets gegeben hat, wurden mit Drohungen zum Umdenken bewegt: „Wir sagten einfach, wenn ihr wollt, dass eure Kinder gelähmt sind, dann bleibt weg‘“, sagt Afzal Khan. „Viele Frauen brachten daraufhin sogar gegen die Anordnung ihrer Männer ihre Kinder zu uns.“

Damals trug der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa stets ein T-Shirt, das ihn in großen Buchstaben als Impfhelfer identifizierte. Das wäre heute undenkbar. Das Wort Polio ist in dieser Gegend zum Unwort geworden, wer es in den Mund nimmt, dem droht der Tod. Mehr als 30 Impfhelferinnen und Polizisten, die eingesetzt wurden, um sie gegen Angriffe zu schützen, sind in den vergangenen eineinhalb Jahren von radikalen Islamisten getötet worden.

Seit der Tötung Usama Bin Ladins im Mai 2011 durch eine amerikanische Spezialeinheit sind Polio-Impfhelfer in Pakistan in Verruf geraten. Der pakistanische Arzt Shakil Afridi soll damals dem amerikanischen Geheimdienst CIA unter dem Deckmantel einer Impfkampagne bei der Suche nach dem Al-Qaida-Gründer geholfen haben. Die pakistanischen Behörden warfen ihm Hochverrat vor, er wurde unter fadenscheinigen Begründungen zunächst zu 33 und später zu acht Jahren Haft verurteilt. In den Vereinigten Staaten gilt Afridi dagegen als Held, die Regierung in Washington setzt sich für seine Freilassung ein.

Karte

Die pakistanischen Taliban haben daraufhin alle Polio-Impfhelfer zu Verrätern erklärt und im Juli 2012 ein Verbot entsprechender Kampagnen verfügt. Mit verheerenden Folgen: Die Zahl der Neuerkrankungen an Kinderlähmung ist in Pakistan von 58 im Jahr 2012 auf 72 in diesem Jahr gestiegen. Das klingt nach wenig – doch dahinter verbergen sich 200 Mal höhere Zahlen von Personen, die das hoch ansteckende Poliovirus in sich tragen und weitergeben. Die Zuwachsraten in Pakistan sind ein großer Rückschlag im weltweiten Kampf gegen die Ausrottung der Kinderlähmung. Nach ursprünglichen Planungen der Weltgesundheitsorganisation WHO hätte das längst erreicht sein sollen, inzwischen lautet das Ziel, es bis 2018 zu schaffen. Pakistan ist eines von nur noch drei Ländern auf der Welt, neben Afghanistan und Nigeria, in denen Polio noch endemisch ist.

Impfnachweis für Mekka-Pilger

„Abottabad hat uns sehr geschadet“, sagt der WHO-Landesdirektor in Islamabad, Nima Saeed Abid, unter Verweis auf die Stadt, in der Usama Bin Ladin getötet wurde. Bis heute beginne jedes seiner Treffen mit Mullahs mit der Frage nach dem inhaftierten Arzt Afridi. „Dabei haben wir mit ihm gar nichts zu tun.“ Abid steht in seinem Büro vor einer Pakistan-Karte, in die rote Nadeln gesteckt sind. Jede steht für einen Fall von Kinderlähmung, der in diesem Jahr registriert wurde. Fast alle roten Punkte konzentrieren sich auf zwei Gebiete an der Grenze zu Afghanistan: Nordwasiristan und die nordwestliche Provinz Khyber Pakhtunkhwa. In Nordwasiristan, einer Hochburg der pakistanischen Taliban, hat seit Juli 2012 gar keine Impfkampagne mehr stattgefunden. In Khyber Pakhtunkhwa werden die Helfer von Polizisten begleitet. Erst am vergangenen Wochenende wurde in der Provinzhauptstadt Peshawar wieder eine Helferin getötet. Zwei vermummte Männer hatten von einem Motorrad aus ein Krankenhaus beschossen, in dem die Impfungen stattfanden. „Khyber und Nordwasiristan sind die Schüssel für eine weltweite Ausrottung der Krankheit“, sagt Abid.

Doch Fortschritte sind vorerst nicht zu erwarten. Die pakistanischen Taliban haben ein Ende ihres Impfverbots an die Forderung geknüpft, dass die Vereinigten Staaten ihre Drohnenangriffe einstellen, bei denen in den vergangenen Monaten zahlreiche ranghohe Kommandeure der Extremisten getötet wurden. „Der einzige Ausweg wäre, dass die Bevölkerung die Impfung einfordert. Denn selbst die Taliban sind an einem guten Image interessiert“, sagt Abid. Das zeigt etwa das Beispiel des Nachbarlands Afghanistan: Dort unterstützen die Taliban explizit die Impfkampagnen und machen die WHO sogar darauf aufmerksam, wenn Wohnviertel ausgelassen wurden.

Umso brisanter ist die Angelegenheit für die pakistanische Regierung. Denn einerseits hat sie es vermieden, die Extremisten allzu scharf für ihre todbringende Verweigerungshaltung zu kritisieren. Andererseits droht dem Land die internationale Ächtung. So verlangt etwa Saudi-Arabien inzwischen von Pakistanis, die nach Mekka pilgern oder in dem Land arbeiten wollen, einen Polio-Impfnachweis – eine Demütigung für das ohnehin von Minderwertigkeitskomplexen geplagte Land.

Extremisten fordern Impfkampagnen ohne Frauenbeteiligung

In den betroffenen Gebieten, in denen die Gesundheitsversorgung generell schlecht ist, sieht die Bevölkerung Kinderlähmung aber bislang als sekundäres Problem an. Die WHO, die nach der erfolgreichen Ausrottung der Pocken den Sieg gegen eine weitere Krankheit in greifbarer Nähe sieht, investiert dagegen einen Großteil ihrer für Impfkampagnen bereitgestellten Mittel in den Kampf gegen Polio. Das verstärkt das Misstrauen der Bevölkerung noch. „Warum versuchen sie uns erst mit Drohnen zu töten, um uns dann auf der anderen Seite vor Krankheiten zu bewahren?“ Diese Frage bekommt Afzal Khan, der für eine vom Rotary-Club finanzierte Impfkampagne arbeitet, häufig zu hören. Um Vertrauen zu gewinnen, setzt seine Hilfsorganisation deshalb auf neue Methoden. Das Wort Polio verwendet er in der Öffentlichkeit gar nicht mehr. Stattdessen spricht er über Hygiene, Prävention und den Nutzen von Impfungen allgemein. Bei sogenannten Gesundheitscamps werden neben dem Impfstoff auch andere Medikamente verteilt und kostenlose ärztliche Untersuchungen angeboten.

Eine weitere Strategie ist der Einsatz von Geburtshelferinnen, die im Zuge einer Entbindung die Mütter überzeugen, ihre anderen Kinder impfen zu lassen. Auf diese Weise hat etwa die Geburtshelferin Lal Burhan Impfverweigerer überzeugt, die sich sechs Jahre lang gesperrt hatten. Die alte Frau, die kaum noch Zähne hat, hebt den Zeigefinger und sagt: „Ich bin alt, wenn ich etwas sage, kann mir niemand widersprechen, auch kein Mann.“ Die Männer im Raum, Stammesälteste mit langen Bärten kichern. „Lacht nicht“, herrscht Burhan sie an und berichtet, dass sie häufig auf Männer treffe, die glaubten, dass der Westen die Fruchtbarkeit der Muslime mit Hilfe der Impfungen verringern wolle. Diese Verschwörungstheorie wurde 2003 von dem nigerianischen Arzt und damaligen Leiter des Obersten Shariarats des afrikanischen Landes, Ibrahim Datti Ahmed, verbreitet und hat auch in Pakistan viel Unheil angerichtet.

Von den Taliban wollen sich die alte Frau und die anderen Impfhelfer nicht einschüchtern lassen. „Wenn sie uns wieder einmal drohen, verlassen wir einige Tage nicht das Büro“, sagt Afzal Khan. „Damit zeigen wir ihnen, dass wir ihre Drohungen ernst nehmen.“ Dabei sind die lokalen Zeitungen voll mit Einlassungen der Extremisten zu Polio. An diesem Tag etwa hat die Al Qaida nahestehende Extremistengruppe Jundallah der Lokalzeitung von Nowshera erklärt, dass sie die Impfungen zulassen werde, wenn keine Frauen mehr an den Kampagnen beteiligt würden – was unmöglich ist, da nur sie Zugang zu den Familien haben.

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Time am 2. Januar 2014

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2013/06/09/mohammedanismus-verbreitet-polio/
2) http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/asien/kinderlaehmung-rueckzugsgebiet-einer-seuche-12732322.html

Neues von den Sklavinnenhaltern

17. Juni 2010

„Auf dem Sklavenmarkt“ von Luigi Crosio (1835–1915)

Über das mutige Engagement einiger Frauen in Bagdad berichtete heute in der FAZ Rainer Hermann. Absurd: „Die gläubige Schiitin Kubashi sagt, die Scharia gewähre den Frauen viele Rechte, die die Traditionen der Männergesellschaft im Laufe der Geschichte wieder eingeschränkt hätten.“

Weiß sie denn gar nicht, dass Klo H. Metzel Sklavenjäger und -Händler war? Dass er eine Neunjährige missbraucht hat?

Der Mohammedanismus ist nicht nur eine schwere Geisteskrankheit, er ist auch eine Sucht, schlimmer als die zu Heroin (1). Wie ein Insekt spießt er die Menschen auf eine Nadel und läßt sie sich fortwährend um ihn drehen, in ständiger Bewegung – ohne dass sie auch nur einen Millimeter weiter kommen (2).

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Bis die Männer sich abregen

In Sadr City haben zwei Irakerinnen ein Zentrum für Frauen gegründet. Es leistet juristischen Beistand und kämpft für ihre Rechte.

Von einem Routinefall im Gericht kehrt Widad al Abbudi ins Frauenzentrum zurück. Gerade zwanzig Jahre alt war an diesem Vormittag ihre letzte Mandantin. „Ich bin von dir geschieden“, hatte ihr Mann ausgerufen. Dann verließ er seine Frau und auch die gemeinsame Tochter. Verzweifelt pilgerte die junge Frau an das Grab des siebten Imams Musa Ibn Dschaafar al Kadhim im Norden Bagdads. Als sie sich dort ausweinte, riet ihr eine Frau, sich doch an das Zentrum „Fortschritt für die Sache der Frauen“ im Stadtteil Sadr City zu wenden.

Die Anwältin Abbudi hat an diesem Vormittag im Gericht durchgesetzt, was der geschiedenen Frau von Rechts wegen zusteht. Der Qadi verpflichtete den Mann, seiner geschiedenen Frau den Lebensunterhalt für ein Jahr auszuzahlen. Auch muss er mit seinem Personalausweis erscheinen, damit die Tochter bei den Behörden endlich angemeldet werden kann. „Ein Routinefall und keine Probleme“, sagt die Anwältin. Ihr Haupthaar verhüllt sie mit einem dünnen weißen Tuch, und ihre Unterarme stecken in grellen gelben Ärmeln, die unter dem strengen schwarzen Kleid hervorlugen.

Vor drei Jahren hatten Suad al Lami und Amal Kubashi das Frauenzentrum gegründet. Die beiden Frauen stammen aus Sadr City, wo jeder dritte Einwohner Bagdads lebt. Nahezu alle sind Schiiten. Den Befehl zur Gründung des Viertels hatte 1959 der General und Ministerpräsident Abdulkarim Qasim gegeben. Nach einer verheerenden Flut waren hier im Osten Bagdads die obdachlos gewordenen Einwohner der südirakischen Stadt Amara angesiedelt worden. Erst hieß der Flecken „Stadt der Revolution“, dann „Saddam City“. In „Sadr City“, wie das Armenhaus Bagdads seit 2003 heißt, sind die Werte der traditionellen Stammesgesellschaft noch weit prägender als in allen anderen Teilen der Hauptstadt.

Mit Mitteln amerikanischer und japanischer Entwicklungshilfeorganisationen bietet das Frauenzentrum Rechtsbeistand an, auch medizinische Hilfe und Fortbildungskurse, teilweise für Mädchen und Jungen in gemischten Klassen. „Damit die Jungen die Mädchen verstehen und sie dann als Frauen besser behandeln“, sagt Amal Kubashi, die stellvertretende Direktorin. Früher hatte sie als Biologielehrerin gearbeitet. Heute sitzt sie im Parlament des Stadtteils und sagt von sich, es sei besser, nicht verheiratet zu sein. Weitere Frauenzentren hat sie im sunnitischen Stadtteil Adhamiyya gegründet. „Denn wir wollen auch Sunniten und Schiiten einander näherbringen.“ Die meisten Frauen suchen das unscheinbare Zentrum auf, um Rechtsbeistand zu bekommen. Zwei Anwältinnen und drei Angestellte für Gerichtsverfahren sind hier beschäftigt. Sie arbeiten gebührenfrei. „Das Gesetz beschützt die Rechte von uns Frauen“, insistiert Amal Kubashi. So erlege es dem Mann Pflichten auf, wenn er die Scheidung ausspreche. Die aber müsse man eben häufig einklagen. Freiwillig würden viele Männer nicht die im Heiratsvertrag vereinbarte Entschädigung an die Frau auszahlen. Immer wieder rasten sie aus, wenn die Frauen ihre Rechte einfordern. „Dann bleiben wir ganz ruhig und sorgen dafür, dass sich die Männer abregen“, sagt die Anwältin Abbudi selbstbewusst.

Ständig ist sie im Einsatz. Denn die Zahl der Scheidungen nimmt zu. Ein Grund ist der tägliche Existenzkampf im Leben der einfachen Iraker, ein zweiter, dass die Männer eine zweite und jüngere Frau ehelichen, wenn sie aufsteigen und mehr verdienen. In Sadr City lebt jeder dritte erwachsene Mann mit zwei Frauen. „So ist das in der Stammesgesellschaft des Südiraks“, sagt Amal Kubashi zur Erklärung. Ein geflügeltes Wort in Sadr City lautet: „Hast du zusätzliches Geld, kauf dir eine Zweitfrau oder einen Revolver.“ Doch auch Frauen können Scheidungen beantragen, selbst wenn sie offiziell bloß „rechtliche Trennung“ heißen.

Das noch gültige Personenstandsrecht stammt aus dem Jahr 1959, dem Jahr, in dem Sadr City gegründet wurde. Grundlage des Gesetzes ist die Scharia. Die gläubige Schiitin Kubashi sagt, die Scharia gewähre den Frauen viele Rechte, die die Traditionen der Männergesellschaft im Laufe der Geschichte wieder eingeschränkt hätten. Einige Fortschritte gebe es in jüngerer Zeit, sagt sie zufrieden. Frauen könnten für Ämter kandidieren, würden in Parlamente gewählt und in die Exekutive berufen. Da in den Kriegen seit 1980 viele Männer hätten sterben müssen, stellten die Frauen heute einen großen Teil an den Erwerbstätigen, selbst wenn ihre Einkommen oft nicht reichten, um die Familien zu ernähren. Immerhin könnten viele ihre Wohnungen verlassen. Der Obhut ihrer nächsten männlichen Verwandten sind sie aber weiter unterstellt.

Amal Kubashi wünscht sich ein Gesetz, das Frauen vor häuslicher Gewalt schützt und das moderne Formen der Sklaverei unter Strafe stellt. Denn der Handel mit minderjährigen irakischen Mädchen nehme zu, sagt sie. Sie werden als „Tänzerinnen“ oder gleich als Prostituierte in benachbarte arabische Staaten verkauft. Nicht wenige werden an reiche Araber oder Iraner für die Dauer von einem Jahr „verheiratet“. Das Menschenrechtsministerium hat einen Gesetzentwurf gegen den Menschenhandel ausgearbeitet. „Nun liegt er im Parlament, und nichts geschieht“, kritisiert Amal Kubashi.

Die Malerin Esraa Ali drücken andere Sorgen. Ihr Mann, ebenfalls ein Maler, hat sich nach Schweden abgesetzt. Er nahm seine erste Frau dorthin mit, von der er sich einmal hatte scheiden lassen. Zurück ließ er Esraa und die gemeinsame Tochter. Offiziell ist sie weiter verheiratet. „Denn wer in dieser Gesellschaft geschieden ist, wird zum Lustobjekt“, klagt sie bitter. Also lebt sie bei ihren Eltern, ohne eigenes Zimmer, ohne Privatsphäre. Wenn es Nacht wird und alle schlafen gehen, legt sie sich auf die Couch des Wohnzimmers.

Jeden Tag muss sie sich zu Hause anhören, dass es sich für eine Frau nicht geziemt zu malen. Amal Kubashi erfuhr von ihrem Fall, lud sie in das Frauenzentrum ein und öffnete ihr ein klein wenig das Tor zu etwas Freiheit. Jeden Tag kommt sie nun in das Frauenzentrum, um aus der Enge auszubrechen und wieder zu malen. „Wie soll ich denn als Künstlerin mit meinen freiheitlichen Ideen über diese Wirklichkeit hinausgehen?“, fragt sie mit einem bohrenden Blick. Nach Freiheit strebe sie, und am liebsten würde sie auswandern. In dieser Gesellschaft könne sie nicht leben. „Ich fühle mich hier wie ein Tier.“

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Time am 17. Juni 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/03/03/einzige-hoffnung-totaler-entzug/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/12/13/die-nadel-rausziehen/

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PS, ein sehr lesenswerter Bericht aus Afghanistan von Friederike Böge unter:
http://www.faz.net/s/Rub0CCA23BC3D3C4C78914F85BED3B53F3C/Doc~E4768C16FAFFB4DC591E728E204D08142~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Opfer der Deutschen fotogener

11. Mai 2010

Andreas Kilb berichtete in der gestrigen FAZ von einer Fotoausstellung in der Galerie „Kunstraum“ in Potsdam, die Bilder von Hinterbliebenen des Bombenangriffs auf zwei von den Taliban entführte Tanklaster zeigt. Kilb schreibt (1):

„Ebendies ist der Pferdefuß dieser Ausstellung: Sie ersetzt ein Feindklischee durch ein Freundklischee. Die Taliban, liest man in Christoph Reuters Katalogaufsatz, haben in der Provinz Chardara, aus der sämtliche Opfer des Bombardements stammten, einen starken Rückhalt in der Bevölkerung; auf Mettelsiefens Fotos und in den Begleittexten haben sie ihn nicht. Hat niemand unter den Dorfleuten gewusst, wer die Tanklaster entführt hatte? Und warum kommen die Toten alle aus denselben fünf Orten, während andere, ebenso nah an der Furt im Fluss gelegene Dörfer keine Opfer zu verzeichnen haben? Bei der Entführung der Tanklaster erschossen die Taliban einen der beiden Fahrer; warum fehlt sein Bild in der Ausstellung? Zudem zeigen die Aufnahmen ausschließlich Hinterbliebene männlichen Geschlechts. Hatten die Toten keine Schwestern, Mütter und Großmütter?

So lässt die Ausstellung viele Fragen offen, ohne deren Beantwortung auch die visuellen Dokumente kein vollständiges Bild ergeben. Im Begleitband, der allemal zu empfehlen ist, bemüht sich Christoph Reuter um eine abwägende, historisch informierte Deutung der Ereignisse in Kundus. Die Fotos aber sprechen eine andere Sprache. Sie laden zur Identifikation mit den Trauernden und ihren toten Angehörigen ein. Ihr Pathos macht es dem Betrachter zu einfach.“

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Über Opfer anderer Art, nämlich die Opfer der Taliban, berichtete Friederike Böge in der FAZ ebenfalls gestern:

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Protest in Kabul gegen Taliban-Versöhnungspolitik

Konferenz von Menschenrechtlern und Opferverbänden
Karzai reist nach Washington

Drei Wochen vor der geplanten Friedenskonferenz in Kabul haben Opferverbände und Menschenrechtler die Versöhnungspolitik der afghanischen Regierung scharf kritisiert. Die Opfer der Taliban und der vorherigen Regime würden ignoriert, sagte der stellvertretende Leiter der afghanischen Menschenrechtskommission, Nadir Nadery. „Mit dieser Veranstaltung wollen wir die Regierung daran erinnern, dass Versöhnung nicht durch Verhandlungen hinter verschlossenen Türen erreicht werden kann.“ An dem Treffen nahmen Dutzende von Kriegsopfern und Angehörigen teil, um ihre Leidensgeschichten öffentlich zu erzählen. Solche Auftritte von Opfern sind in Afghanistan äußerst selten, da viele der Täter heute hohe Posten in der Regierung Karzai bekleiden. „Die Regierung hat kein Recht, den Tätern Straffreiheit zu gewähren“, sagte einer der Überlebenden.

Präsident Hamid Karzai wird am Dienstag zu einem mehrtägigen Besuch in Washington erwartet, am Mittwoch will er mit Präsident Barack Obama zusammenkommen. Nach Informationen der britischen Zeitung „Guardian“ will Karzai mit Obama auch über eine mögliche Amnestie für Taliban-Führer sprechen. Demnach soll ihnen ein Leben im Exil im Gegenzug für einen Friedenspakt angeboten werden. Anschließend solle der Plan auf der Friedenskonferenz am 29. Mai vor Hunderten von Stammesführern vorgestellt werden. Zudem plant die Regierung ein Reintegrationsprogramm für einfache Kämpfer und Kommandeure. Sie sollen Ausbildungen und Arbeitsplätze bekommen, wenn sie ihre Waffen niederlegen. Die Opferverbände forderten dagegen, dass das Leid, das die Zivilbevölkerung in den vergangenen 30 Kriegsjahren erlitten hat, von der Regierung anerkannt werden müsse.

Viele Teilnehmer hatten Tränen in den Augen, als Betroffene berichteten, wie sie gefoltert wurden oder den Tod von Angehörigen mit ansehen mussten. Ihr Mann sei während der Talibanherrschaft inhaftiert worden und leide seither unter schweren psychischen Störungen, rief eine Frau im Rhythmus eines Klageliedes. Da ihr Mann für unzurechnungsfähig erklärt worden sei, habe sie das Besitzrecht auf ihr Haus verloren. Ein Milizenführer habe es vor Gericht zugesprochen bekommen, nachdem er den Richter bestochen habe. Sie habe sich Hilfe suchend an zahlreiche Regierungsstellen gewandt, sei jedoch nirgends erhört worden. „Die Regierung Karzai hat mein Herz gebrochen“, rief die Frau.

Erstmals traten Opfer der sowjetischen Besatzung, des Bürgerkriegs und der Talibanherrschaft gemeinsam auf. Viele der Redner betonten, dass das erfahrene Leid sie verbinde. Damit traten sie Befürchtungen entgegen, dass eine Auseinandersetzung mit dem Bürgerkrieg Hass und ethnische Spannungen weiter anheizen könnte. „Auch die Täter kamen aus allen Volksgruppen und allen Teilen des Landes“, sagte ein Folteropfer. Ein anderer sagte: „Wenn wir diese Wunden nicht behandeln, werden sie nur weitere Gewalt hervorbringen.“

Angehörige sagten, neben einer Bestrafung der Täter gehe es ihnen vor allem darum, Gewissheit darüber zu erlangen, wo, warum und von wem ihre Verwandten getötet worden seien. In den vergangenen Jahren waren zahlreiche Massengräber im Land entdeckt worden. Wegen fehlender forensischer Spezialisten war eine Identifizierung der Opfer bislang jedoch schwierig. Ein Mann berichtete, wie er drei Jahre lang persönlich recherchiert habe, wie sein Sohn von den Taliban getötet worden sei. Unter anderem habe seine Tochter sich mit den Ehefrauen der mutmaßlichen Mörder getroffen.

Die „Opfer-Dschirga“ machte deutlich, wie allgegenwärtig die Leiderfahrungen der vergangenen drei Jahrzehnte in der Bevölkerung sind, obwohl sie selten öffentlich thematisiert werden. Zahlreiche Teilnehmer gehörten der Minderheit der Hazara an (2), die unter der Herrschaft der Taliban besonders gelitten hat. Sie fürchten, dass Verhandlungen mit den Aufständischen und ihre mögliche Beteiligung an der Regierung abermals zu Diskriminierung führen könnte.

In einer gemeinsamen Erklärung forderten die Opferverbände, dass ein 2008 verabschiedetes Amnestiegesetz zurückgenommen werden müsse. Erst im Januar 2010 war bekanntgeworden, dass Präsident Karzai das Gesetz entgegen vorheriger Beteuerungen unterschrieben hatte. Darin wird Tätern, die zwischen 1979 und 2001 Menschenrechtsverletzungen begangenen haben, Straffreiheit gewährt. Zudem verlangten die Verbände, dass ein 2003 beschlossener, aber nie umgesetzter Regierungsplan zur Aufarbeitung von Kriegsverbrechen befolgt werden müsse. Er sieht unter anderem die Entschädigung von Opfern und die Entlassung von Regierungsmitarbeitern vor, denen Menschenrechtsvergehen vorgeworfen werden.

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Dass es nicht die Armut ist, die den verbrecherischen Jihad hervorruft, stellte Leser Dr. Helmut Ritzmann einmal mehr in eben jener Ausgabe klar:

Dem Brief „Wo Terror wütet, müssen wir Einhalt gebieten“ von Leser Peter Herrmann in der F.A.Z. vom 4. Mai zur Situation in Afghanistan ist zuzustimmen, allerdings möchte ich den Leser in einem wesentlichen Punkt korrigieren. Er schreibt, dass die Ursache des Terrorismus darin begründet sei, dass ein Teil der Menschen im Überfluss lebt und andere nicht genug zum Überleben haben. Diese Konstellation ist aber gerade nicht die Ursache des heutigen Terrorismus. So waren die Terroristen des 11. September keinesfalls arm, sondern kamen aus wohlhabenden Verhältnissen. Sie waren geprägt von einem aggressiven Islam, der sich den Kampf gegen die „Ungläubigen“ und ihre Kultur auf seine Fahnen geschrieben hat. Deshalb muss der militante Islam als Ursache des Terrorismus angesehen werden, wobei festzustellen ist, dass er seine terroristischen Aktivitäten nicht nur gegen den Westen, sondern auch gegen andere islamische Richtungen, zum Beispiel gegen die Schiiten, richtet. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass von den armen Regionen dieser Erde, die nicht vom Islam geprägt sind, keinesfalls terroristische Aktivitäten ausgehen.

Die FAZ hatte zudem Folgendes gemeldet:

„Afghanische und westliche Truppen töteten am Sonntag im Westen Afghanistans zehn Taliban-Kämpfer. Diese hätten zuvor vier Kämpfer einer regierungstreuen Stammesmiliz enthauptet, sagte ein Armeesprecher.“

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Time am 11. Mai 2010

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1) http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EB82A6B9CB14A41A599FE4E1F3D312973~ATpl~Ecommon~Scontent.html
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/03/21/asds/

Interview mit Marcel Mettelsiefen:
http://www.freitag.de/wochenthema/1016-an-diesem-abend-sind-nur-maenner-gestorben

Alles läuft rund in Afghanistan

11. April 2010

Zum Thema Afghanistan hat Friederike Böge in der heutigen FAZ einen ihrer wie stets sehr interessanten Aufsätze abgeliefert.

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Was treibt Hamid Karzai?

Die Beziehungen zwischen dem Präsidenten und dem Westen sind zerrüttet. Nicht nur in Kabul rätselt man über seine Absichten. Und seinen Geisteszustand.

Wer in diesen Tagen mit Mitarbeitern des afghanischen Präsidialamtes redet, trifft auf Männer, die nervös zur Tür schauen und das Thema wechseln, sobald ein Kollege sich nähert. Verdächtige Worte wie „Präsident“ oder „Karzai“ meiden sie und sprechen stattdessen von „dem Mann da oben“. Der Geheimdienst, so sagt einer, beobachte genau, mit wem Regierungsmitarbeiter Kontakt hätten. Das Misstrauen gegenüber Amerika und Großbritannien sei so groß, dass er einen schriftlichen Antrag stellen müsse, wenn er Vertreter der beiden Botschaften treffen wolle. Die Paranoia der afghanischen Führung trat vor kurzem in einem Gerücht zutage, das in Kabuler Regierungskreisen die Runde machte. Innenminister Hanif Atmar, ein Liebling der Briten, sei vom amerikanischen CIA beauftragt, Präsident Hamid Karzai zu ermorden. Es war nur eine von vielen Verschwörungstheorien, doch immerhin soll der Minister daraufhin seinen Rücktritt angeboten haben.

Die Beziehungen zwischen Karzai und seinen westlichen Verbündeten sind seit Monaten zerrüttet. In den vergangenen Tagen hat der Präsident sie mit erstaunlichen Äußerungen auf eine neue Probe gestellt. Er behauptete, die massiven Fälschungen bei der Präsidentschaftswahl seien von Ausländern organisiert worden. Er erklärte, „die Ausländer“ wollten ihn und das Parlament schwächen. In Kandahar stellte er vor Stammesältesten die wichtige Nato-Offensive auf das Kernland der Taliban in Frage. In Gesprächen mit Abgeordneten soll er sogar gesagt haben, er werde sich den Aufständischen anschließen, wenn der Westen ihm weiter in seine Regierungsgeschäfte pfusche.

Das sagt ein Mann, dessen Regierung nach Ansicht vieler innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen würde, wenn die westlichen Truppen morgen abzögen. Dessen Sicherheitsapparat zu großen Teilen vom Ausland finanziert wird. Ist der Präsident auf Drogen, wie der einstige UN-Gesandte in Kabul, Peter Galbraith, im amerikanischen Fernsehen nahelegte? Ist er gar verrückt geworden, wie der Arzt und Oppositionspolitiker Abdullah Abdullah diagnostizierte? Oder verfolgt er mit seinem Konfrontationskurs eine Strategie?

Zweifel am Geisteszustand des Präsidenten sind nicht neu. Oft schon ist er als überarbeitet, erratisch, divenhaft, sprunghaft und paranoid beschrieben worden. Karzai brauche Urlaub, sagen Diplomaten seit Jahren. Er selbst hat in einem Interview einmal gesagt: „Ich bin eine erschöpfte Person. Ich mache das nicht erst seit sieben Jahren, sondern seit ich 22 Jahre alt bin.“

Besonders anstrengend sind wohl die vergangenen Monate gewesen. Das Gerangel um die gefälschte Präsidentschaftswahl 2009 hat ihn, den stolzen Paschtunen, tief gedemütigt. Seit dem Amtsantritt von Barack Obama hat er, der jeden Morgen die amerikanische Presse studiert, nur noch selten Schmeichelhaftes über sich lesen dürfen. In Kabul heißt es, er sei überzeugt, man wolle ihn loswerden. Kaum weniger demütigend war der jüngste Besuch Obamas, bei dem er Karzai für die Korruption rügte. Wütend, so heißt es, sei man im Präsidentenpalast, auch darüber, dass Amerika in der Afghanistan-Politik immer stärker auf pakistanische Interessen eingehe. Und vollends platzte Karzai offenbar der Kragen, als das afghanische Parlament seine Wahlrechtsreform ablehnte. Damit wollte er wohl sicherstellen, dass genügend loyale Kräfte gewählt werden. Die braucht er dringender denn je, seit sich erstmals eine wirksame Opposition im Unterhaus zu bilden scheint.

Sind also einfach nur die Pferde mit dem Präsidenten durchgegangen? Der Kabuler Analyst Harun Mir sieht keine „rationale Erklärung“ für die Äußerungen Karzais. Er sei isoliert und frustriert. Ohne Hoffnung. Andererseits: Aus Karzais Sicht ist seine Distanz zu den engsten Verbündeten keineswegs so irrational, wie sie scheint. Er mag vom Westen abhängig sein, doch auch er, Karzai, ist für den Erfolg der amerikanischen Strategie in Afghanistan vorerst unverzichtbar. Aus Sicht des Westens gibt es derzeit keine Alternative zu Karzai. Sein stärkster Herausforderer Abdullah gilt als Iran-nah und wirkt wegen seiner Rolle im Bürgerkrieg für viele Afghanen wie ein rotes Tuch. Der bei Diplomaten beliebte Ashraf Ghani kam bei der Wahl über ein paar Tausend Stimmen nicht hinaus. Wohl auch deshalb hatten die westlichen Botschaften es nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2009 zunächst gar nicht eilig, den Wahlbetrug anzuprangern. Erst als Medienberichte das ganze Ausmaß der Manipulation zutage förderten, hagelte es Kritik aus Washington, London und Berlin.

Trotz des Drucks hat Präsident Karzai bislang kaum erkennen lassen, dass er ernsthaft gegen die Korruption vorgeht. Ein Beispiel: Zum stellvertretenden Chef der Anti-Korruptions-Behörde ernannte er den Bruder seines ehemaligen Stabschefs. Einen Mann, der weithin als inkompetent gilt. Bislang hat die afghanische Regierung kaum die Erfahrung gemacht, dass sich Korruptionsbekämpfung für sie lohnen würde. Trotz wachsender Misswirtschaft ist das Volumen internationaler Hilfsgelder für Afghanistan in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Ebenso wie im Nachbarland Pakistan, wo Milliardenhilfen aus Washington jahrelang ohne strikte Konditionen flossen. Der amerikanische Botschafter in Kabul, Karl Eikenberry, hat es kommen sehen. Nach einem Bericht der „Washington Post“ hatte der Diplomat sich in einem internen Memo im November gegen Truppenaufstockung ausgesprochen. Der Grund: Washington mache sich abhängig von einem unberechenbaren, korrupten Partner.

Der Vorwurf, Ausländer hätten die Wahlen gefälscht, mag für westliche Ohren lächerlich klingen. Für das verschwörungstheoretisch geschulte afghanische Publikum ist das keineswegs undenkbar. Tatsächlich gab es etwa im paschtunischen Osten viele Stimmen, die die Kritik an den Wahlfälschungen als westliches Komplott gegen den paschtunischen Präsidenten ansahen. Das mag verständlich sein angesichts westlicher Medienberichte, der einstige UN-Gesandte Galbraith habe offen über eine Ablösung Karzais sinniert.

Der Präsident hat schon früher versucht, mit Kritik am Westen seinen Ruf als Marionette loszuwerden. Punkten konnte er damit nur bedingt. Die Unbeliebtheit seiner Regierung hat kaum mit seiner Abhängigkeit vom Ausland zu tun, sondern vor allem mit Korruption und Machtmissbrauch. In den vergangenen Monaten hat Karzai sich zudem auffällig intensiv um zusätzliche Bündnispartner bemüht. Er reiste nach China und Iran. Er drohte, Russland um Rüstungshilfe nachzusuchen, wenn der Westen ihm keine Kampfflugzeuge bereitstelle. Karzai wäre nicht der erste Herrscher in Kabul, der dem Druck seiner Verbündeten auszuweichen sucht, indem er zusätzliche Türen öffnet. Zudem wird er auf gute Beziehungen zu den Nachbarn China und Iran – und eine Aussöhnung mit den Taliban – angewiesen sein, wenn die westlichen Truppen Afghanistan in einigen Jahren verlassen werden.

Vor diesem Hintergrund, so meinen Beobachter in Kabul, müssten auch die jüngsten rhetorischen Einlassungen Karzais verstanden werden. Die Heftigkeit seiner Ausbrüche hat allerdings selbst seine engeren Mitarbeiter überrascht. Er sei ernsthaft besorgt, sagt der Mann aus dem Präsidialamt.

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Angesichts des gräßlichen Endes seines Vorgängers Mohammed Nadschibullah (1) wäre es wirklich kein Wunder, wenn Karzai allmählich der A*sch auf Grundeis ginge. Es ist m.E. vernünftig und logisch, dass er sich aufgrund der Tatsache, dass in den letzten Jahren das Talibanübel nicht beseitigt worden ist, viele verschiedene Optionen offen halten will. Es gibt durchaus „rationale Erklärungen“ für sein Verhalten, so wie Frau Böge diese ja auch darstellt.

In ihren Augen besteht der Kern des afghanischen Problems in der Korruption der Regierung Karzai. Es sollte also theoretisch lösbar sein, legt dies nahe. Aber vielleicht ist eine mohammedanistische Gesellschaft ohne Korruption ein Widerspruch in sich? Den Taliban wird nachgesagt, sie seien nicht korrupt gewesen, aber ob dies zutrifft, ist unter dem Leichenberg, den sie hinterlassen haben, schwer festzustellen (2).

Folgt man der Auffassung von Frau Böge, sollte ein Hauptinteresse des Westens darin bestehen, die Regierung Karzai durch eine andere zu ersetzen. Das ist nicht so einfach, da man sich demokratischen Regeln verschrieben hat, die wiederum in vieler Hinsicht rein praktisch gar nicht zu realisieren sind. Diesen Gedanken denkt sicher auch Karzai zuende, aber er scheint nicht bereit zu sein, sich auf Hawaii zur Ruhe zu setzen. Daher spielt er in Gedanken sicher auch ein Vorgehen westlicher Dienste gegen sich selbst durch.

Grundsätzlich pessimistisch wird die afghanische Situation neuerdings offenbar von Thomas Speckmann gesehen, der warnend an die Niederlage der Sowjets erinnert. Seine militärtheoretischen Ausführungen in der FAZ sind im allgemeinen mit Gewinn zu lesen. Sein letzter Aufsatz in der FAZ vom 7. April erscheint mir jedoch arg defätistisch. Vielleicht sollte er über seinen Betrachtungen von Kriegen als „alte“ und „neue“ dazu übergehen (3), auch „ganz neue“ Kriege ins Kalkül zu ziehen oder aber auch „ganz alte“.

Als „ganz neuen“ könnte man, wie ich schon häufiger ausgeführt habe, den Afghanistan-Krieg insofern betrachten, als dass sein Sinn nicht unbedingt darin bestehen muss, Territorium zu erobern oder den Gegner niederzuzwingen oder zu eliminieren, sondern einfach darin, ihn auf Trab zu halten bzw. ihn in Achgharnichtsklappt zu trappen (trap = engl.: Falle), wenn es sein muss auch 1.000 oder 2.000 Jahre lang. Denn ein „ganz alter“ Krieg wiederum ist der Jihad, der 1.400-jährige Krieg der Mohammedanisten gegen den Rest der Welt, welcher heutzutage von nur wenigen Menschen als solcher erkannt wird.

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Déjà-vu am Hindukusch

Die Chronik eines Debakels in Afghanistan

Eine Supermacht interveniert: Elitesoldaten von Luftlandedivisionen nehmen Flughäfen und andere Schlüsselobjekte in Besitz. Kurz darauf folgen motorisierte Bodentruppen. Ihr Vormarsch trifft nur in wenigen Städten auf Widerstand. Nennenswerte Verluste sind nicht zu beklagen. Ein leichter, schneller Sieg, auf den ersten Blick. Auf den zweiten zeigt sich bald, dass die Interventionsstreitmacht von 80 000 Mann lediglich dazu in der Lage ist, Städte und wichtige Verkehrsverbindungen oder Nachschublinien zu sichern. Die eingesetzten Kräfte reichen nicht aus, um flächendeckend die Provinzen des Landes zu überwachen. Ein blutiger Guerrillakrieg zwischen den Interventionstruppen und der Armee der neuen Regierung auf der einen sowie Aufständischen auf der anderen Seite ist die Folge.

Was sich wie eine Zusammenfassung der Ereignisse in Afghanistan seit Beginn der amerikanischen Intervention 2001 liest, ist die komprimierte Einleitung von Bernhard Chiaris luzider Analyse des Debakels der Sowjetunion am Hindukusch. Ohne dass der Wissenschaftliche Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam Analogieschlüsse zöge, erscheinen seine Beobachtungen nicht nur als Déjà-vu der heutigen Situation am Hindukusch. Sie legen auch den Finger auf die wunden Punkte des westlichen Vorgehens seit 2001 („Kabul, 1979: Militärische Intervention und das Scheitern der sowjetischen Dritte-Welt-Politik in Afghanistan“, in: „Die Sowjetunion und die Dritte Welt“, Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Band 99, hrsg. von Andreas Hilger, München 2009).

Unter den Bedingungen der außerhalb von Kabul weitgehend traditionell organisierten Stammesgesellschaften erklärte die afghanische Regierung im Oktober 1978 die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau. Jugendliche Aktivisten aus Schulen und Hochschulen, die die traditionellen Spielregeln des Lebens nicht einmal kannten, wurden in die Dörfer geschickt, um dort die Segnungen des Kommunismus zu verkünden. In ihrem Bestreben, unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen Zugang zu Bildung und Boden durch eine Landreform zu verschaffen, ignorierten die afghanischen Kommunisten die Überlieferungen: Zwangen Repräsentanten der Regierung eine Bäuerin in eine Grundschule, so entehrten sie damit deren Ehemann. In den Dörfern setzten sich die Männer dagegen zur Wehr.

Die Politik der Regierung in Kabul rief den Widerstand breiter Bevölkerungsschichten und bewaffnete Aufstände islamischer Gotteskrieger hervor. Im März 1979 lieferten sich Bewohner von Herat, Bauern der umliegenden Dörfer und Soldaten der örtlichen Garnison vier Tage lang Gefechte mit afghanischen Regierungstruppen. Die Märzunruhen forderten 5000 Tote, darunter 150 bis 200 sowjetische Militärberater und ihre Familienangehörigen. Die Aufständischen vernichteten Panzer der Armee und Jeeps des KGB mitsamt ihren Insassen. Anders als bei früheren, rasch niedergeschlagenen Meutereien in Mazar-i-Sharif und Kabul konnten die Aufständischen Herat eine Woche lang halten. Die Rebellion offenbarte den spontanen Volkszorn in den afghanischen Provinzen. Er war aber gerade daher für die Regierung und ihre sowjetischen Verbündeten viel erschreckender als vereinzelte Attentate der bis zu diesem Zeitpunkt noch kaum organisierten Islamisten, die 1978 nur geringen Rückhalt in der Bevölkerung fanden.

Moskaus Militärs rieten mit Blick auf eine mögliche Intervention zur Vorsicht. Bei der Analyse des Aufstandes von Herat und der Taktik der Mudschahedin fiel immer wieder der Ausdruck „Partisanenkrieg“, seit dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion ein beinahe mythischer Begriff. Höheren Funktionären in Partei und Armee, meist selbst der Kriegsgeneration angehörig, war klar, welche Probleme die Ausweitung der militärischen Operationen gegen die afghanischen Aufständischen mit sich bringen mussten. Der Chef des sowjetischen Generalstabs, Marschall Ogarkow, warnte dringlich, eine Invasion würde dem Islamismus in der gesamten Region Auftrieb geben.

Am Ende waren es Leonid Breschnew und Politbüro-Mitglieder wie KGB-Chef Andropow, die alle Bedenken zurückstellten. Die Führung der UdSSR hoffte darauf, Afghanistan mit Hilfe einer neuen Regierung zu stabilisieren, um dann das eigene militärische Engagement rasch verringern zu können. Eine Hoffnung, die sich nicht nur damals als ebenso irrig erwies wie der Versuch, den ausufernden Konflikt mit Gewalt zugunsten der Kabuler Regierung zu entscheiden. Helmut Schmidt, der zur Zeit des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan Bundeskanzler war, hat Mitte März in einem Gespräch mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gemahnt: „Es wird langsam Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass man den Krieg irgendwann wird abbrechen müssen.“ Die Sowjetunion tat dies nach mehr als neun Jahren.

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Churchill hatte über die afghanische Gesellschaft geschrieben (4):

„Außer zur Erntezeit, wenn die Selbsterhaltung einen temporären Waffenstillstand erzwingt, sind die Pathanenstämme immer mit kleinen oder großen Kriegen beschäftigt. Jeder Mann ist Krieger, Politiker und Theologe. Jedes große Haus ist eine echt feudale Festung, zwar nur aus sonnengebackenem Lehm, aber mit Befestigungen, Kuppeln, Scharten, Ecktürmen, Zugbrücken, etc., wo nichts fehlt. Jedes Dorf hat seine Verteidigung. Jede Familie kultiviert ihre Vendetta; jeder Clan seine Fehde. Die zahlreichen Stämme und die Koalitionen von Stämmen haben alle ihre offenen Rechnungen, die gegeneinander beglichen werden müssen. Nichts wird je vergessen, und nur ganz wenige Schulden bleiben unbezahlt.“

Das Debakel der Sowjets rührte aus ihrem Versuch, die archaische und aus unserer Sicht verbrecherische Orkgesellschaft in die Welt des 20. Jahrhunderts liften zu wollen. Diesen Fehler brauchen wir nicht zu wiederholen, aber diese Erkenntnis verlangt nicht den Truppenabzug – im Gegenteil. Meine eigene Sicht der Dinge in Bezug auf den Afghanistankrieg, seine Ursachen und seinen Sinn, scheinen Silvio Berlusconi und Nicolas Sarkozy eher zu teilen als Böge/Speckmann. Michaela Wiegel berichtete in der gestrigen FAZ:

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„(…) Einen italienisch-französischen Schulterschluss führten Sarkozy und Berlusconi auch bei der militärischen Zusammenarbeit vor. In Paris wurde die Gründung einer französisch-italienischen Brigade nach dem Vorbild der deutsch-französischen Brigade beschlossen. Angestrebt wird zunächst eine Gebirgsjägerbrigade, die gemeinsam für einen möglichen Einsatz in Afghanistan trainiert. Der italienische Außenminister Frattini forderte in der Zeitung „Le Figaro“ Deutschland auf, sich der Brigade anzuschließen. Auch Spanien solle darüber nachdenken. Es gehe darum, die europäischen Interventionsfähigkeiten zu verstärken. Nach dem Tod eines französischen Soldaten am Donnerstag in Afghanistan rechtfertigte der französische Verteidigungsminister Morin von neuem den Militäreinsatz. Ein schneller Abzug wäre unverantwortlich, sagte Morin.“

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In der Tat, so ist es, und daher ist auch das Gewinsel von Günther Nonnenmacher in der gestrigen FAZ m.E. recht unverantwortlich (5):

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Niemand kann die Angehörigen, die Freunde und Kameraden von Niels Bruns, Robert Hartert und Martin Augustiniak über ihren Verlust hinwegtrösten. Die öffentliche Trauerfeier in Selsingen, im Nachbarort der Fallschirmjägerkaserne von Seedorf, war Dank und Ehrung für die drei Bundeswehrsoldaten, die am Karfreitag in Afghanistan im Dienst für ihr Vaterland gefallen sind. Die Anerkennung für die Toten und ihre Würdigung – ausgesprochen im Namen aller Staatsbürger – können den persönlichen Schmerz nicht auslöschen. Öffentliches Gedenken und Anwesenheit höchster Repräsentanten des Staates bei der Trauerfeier sind nicht mehr als der Versuch, dem gewaltsamen, dem tragischen Tod der drei jungen Männer einen Sinn abzugewinnen.

Sinngebung des Sinnlosen? Die Frage richtet sich im Fall des Soldatentodes, diesseits von Glaube und Hoffnung, an die Politik. Denn sie trägt die Verantwortung für den 2001 beschlossenen Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch, und damit tragen die Politiker auch die letzte Verantwortung für den Tod von 39 deutschen Soldaten, die seither in Afghanistan gefallen sind. Zu dieser Verantwortung hätte es gehört, rechtzeitig und offen darüber zu sprechen, dass in Afghanistan seit geraumer Zeit Krieg herrscht – wie immer die völkerrechtlichen Umschreibungen dafür lauten mögen.

Das hätte den Ernst der Lage deutlich gemacht, nicht nur den Soldaten im Einsatz, die ihn ohnehin Tag für Tag erleben, sondern auch der deutschen Gesellschaft, die sich zu lange mit dem Gedanken beschwichtigt hat, es gehe um politische Stabilisierung, humanitäre Hilfe und Wiederaufbau eines zerstörten Landes.

Die einzig politisch tragfähige und damit verantwortungsvolle Rechtfertigung für den Einsatz in Afghanistan hat der frühere Verteidigungsminister Struck gegeben mit dem Satz, Deutschlands Freiheit und Sicherheit würden auch am Hindukusch verteidigt. Bundeskanzlerin Merkel hat ihn bei der Trauerfeier in Selsingen sinngemäß wiederholt und damit bekräftigt. Sie hat aber auch von Zweifeln gesprochen, die jeden Abgeordneten schon geplagt hätten.

Denn bei allen Rücksichten auf überpersönliche und übernationale Aspekte, wie etwa die Verpflichtungen in einem Bündnis: Politiker, die angesichts der Gefallenen keine Zweifel verspürten, wären im Deutschen Bundestag fehl am Platz.

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Selbstverständlich ist der Verlust von 39 gefallenen Mitbürgern sehr schmerzlich. Er ist aber nicht „tragisch“ oder „sinnlos“. Er ist nicht tragisch, weil die Toten aus freien Stücken den Soldatenberuf ergriffen und das Risiko des gewaltsamen Todes auf sich genommen haben. Das war in hohem Maße mutig, opferbereit und daher heldenhaft. Er ist nicht sinnlos, weil unsere Truppen zweifellos den Jihad von unseren eigenen Nationen in das Land des Feindes getragen haben und diesen dort binden.

Dass nicht jeder gute Politiker stets und immer wieder mit der treffenden Parole von Struck hausieren geht, und also die nackte Wahrheit ausspricht, ist vor allem Dimmis wie Nonnenmacher geschuldet, die die Parole nicht verstanden haben (wie Nonnenmachers Wortwahl zeigt), und die lange von einer demokratischen Zivilgesellschaft Afghanistan träumten (bzw. gegen die Intervention waren). Die Aufbauhilfe war sicher weniger für die Afghanen als vielmehr für die deutsche Heimatfront bestimmt, Nonnenmacher eingeschlossen.

Als FAZ-Redakteur hätte er es doch in der Hand gehabt, die Angelegenheit von vornherein „Krieg“ zu nennen und gegen den Jihad zu schreiben. Aber in der FAZ muss ja auf jeden counterjihadischen Artikel ein fieslahmverstehender folgen. Jetzt mit dem Finger auf „DIE“ Politiker zu weisen, ist mehr als wohlfeil. Aufgabe der Politik ist es, den Willen der Bürger zu exekutieren. Für die Formulierung dieses Willens, für die Meinungsbildung aber sind in hohem Maße die Medien, ist Nonnenmacher selbst verantwortlich.

Angebliche Zweifel müssen gewisse Politiker einräumen, um die Dimmis und PC-Geblendeten hier nicht zu verschrecken, um die Reihen langsam zu schließen und um bürgerlichen Gepflogenheiten gerecht zu werden. Wenn unsere Kanzlerin könnte, würde sie entschlossener vorgehen, da bin ich sicher. Aber es stehen derzeit einfach zu viele Günther Nonnenmachers im Weg rum.

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Time am 11. April 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/12/hell-aint-the-worst-place-to-be/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/04/we’re-only-in-it-for-the-money/
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/17/guter-alter-„neuer-krieg“/
4) http://kewil.myblog.de/kewil/art/176462276/
5) http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E0C84F875FDE44FA8902B6E4268104789~ATpl~Ecommon~Scontent.html

auch:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/21/nur-keine-eile/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/14/wir-sollten-bleiben-fur-immer/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/30/fort-pointing-man/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/02/hohle-und-andere-nusse/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/11/verantwortung-wem-gegenuber/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/28/ich-bin-verdrossen/
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PS.: Apropos „Trap“, als Soundtrack AC/DC‘s „Fly on the Wall“:
http://www.youtube.com/watch?v=7DIHfaDzp50
live: http://www.youtube.com/watch?v=s33ocNT8yAo&feature=related

Hier der Text (mit leichter Modifikation; gewidmet Mohammed Atta):

Fly on the Wall

You can dance
through the night
Rock ‚n‘ roll music
(itchin‘ to fight)
Makin‘ love
drunk or stoned
Lookin‘ for dollars
get broken-boned
It‘s a game
too tough to tame
Ends up the same
sweatin‘ out rain

I was TRAPPED
like a fly on the wall
I was caged
like a zoo animal
No escape from the fate
that you make
You‘re a snake
I‘ve had all I can take
Watch out
there‘s a fly on the wall

Take a chance
take a bite
ALLA, ALLA
take me tonight
Like a bitch
makin‘ heat
Beatin‘ on my chest
lickin‘ at my feet
It‘s a game
too tough to tame
Ending up the same,
sweatin‘ in the rain
So watch out
there‘s a fly on the wall


ASDS…

21. März 2010

… Afghanistan sucht den Superstar!
Auf dem Foto sehen Sie die mutige Elaha Sorur.

In der heutigen FAZ berichtet Friederike Böge über die afghanische Fernseh-Talentshow „Afghanischer Star“.

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Und heimlich singt der Taliban

Heute Abend findet in Kabul das  Finale von „Afghanischer Star“  statt. Die Sendung folgt dem üblichen Schema westlicher  Talentshows – und funktioniert  doch längst nach ihren  eigenen Gesetzen.

Habibullah Shabab sieht nicht aus wie ein Superstar. Er trägt Sandalen und Turban. Dazu das traditionelle afghanische Gewand und einen biederen Schnäuzer. Für seinen Haarschnitt hat er nicht mehr als ein paar Cent bezahlt. Habibullah ist ein Jedermann aus der Provinz. Bis vor kurzem wusste er nicht, wie man ein Mikrofon hält. Er kommt aus einem Kriegsgebiet, aus Helmand im Süden des Landes, wo internationale und afghanische Truppen vor ein paar Wochen die größte Militäroffensive seit dem Sturz der Taliban starteten. Trotzdem hat sich der 22-Jährige in den Bus nach Kabul gesetzt, der auf dem Weg mehrfach von Aufständischen angehalten wurde, um in der Fernsehsendung „Afghanischer Star“ aufzutreten. Er kam, um über die Liebe zu singen, über Frieden und nationale Einheit.

All das macht ihn zum Favoriten des diesjährigen Finales, das heute in Kabul stattfindet. Sein Sieg wäre eine kleine Sensation. Nicht nur, weil das Publikum damit all seinen modisch gekleideten Kontrahenten eine Absage erteilen würde. Jenen Männern mit Föhnfrisuren und pinkfarbenen Glitzerhemden, die in den vergangenen Jahren immer das Rennen gemacht haben. Ein Votum also für das Eigene, gegen den Einfluss westlicher und indischer Popkultur. Aber nicht nur das: Zum ersten Mal in der fünfjährigen Geschichte der Sendung könnte ein Paschtune zum Superstar gewählt werden.

In Deutschland mag die Talentshow mit ihren B- und C-Stars nur noch müde belächelt werden. Am Hindukusch ist die Sendung ein politisches Ereignis. Das Finale der vorherigen Staffel verfolgte nach Schätzung des Fernsehsenders Tolo fast die Hälfte der Bevölkerung – 13 Millionen Menschen. In einem Land, in dem Musik noch vor neun Jahren verboten war und Singen noch immer als verdächtig gilt, ist der Songcontest ein sichtbares Zeichen des Wandels. Was erscheinen mag wie ein Export westlicher Trash-Kultur, ist dann aber doch eine ziemlich afghanische Veranstaltung.

„Habib, Habib, Habib“, schallt es aus dem Publikum. Es ist das Halbfinale vor zwei Wochen im Saal des Hotels „Kabul Dubai“. Diskokugeln wirbeln bunte Lichter durch den Raum. Der Mann mit den Sandalen stimmt ein Loblied auf seine Mutter an. So will es der Produzent, denn es ist Weltfrauentag und die Show soll die ganze Familie ansprechen. Die Jugendlichen im Saal scheint das nicht zu stören. Revolte gegen die eigenen Eltern ist in der afghanischen Pubertät nicht vorgesehen.

Habibullah hat dazu einen Atan gewählt, traditionelle Trommelrhythmen, ursprünglich ein Kriegstanz. Die Mädchen in den ersten drei Reihen klatschen höflich. Die Habib-Rufe kommen von den jungen Männern weiter hinten.

„Schließlich heißt die Sendung ja nicht ,Indien sucht den Superstar'“, kommentiert Habibullah ein paar Minuten später hinter der Bühne sein Outfit. Er ist fast der Einzige im Saal, der keine westlichen Hosen trägt. „Ich will die Gesellschaft langsam verändern. Schritt für Schritt“, sagt der 22-Jährige, der noch zur Schule geht, weil der Unterricht in Helmand wegen der Kämpfe so oft ausgefallen ist.

Sein Widersacher, der 19-Jährige Wali Sazesh, hat sich ein wenig Gel in die Haare geschmiert und die Spitzen fransig schneiden lassen. „Die Jugend muss vorangehen“, sagt er altbacken. Dann erzählt er von seinen Fans, zum Beispiel einer alten Dame aus seiner Heimatstadt Herat, die jede Woche SMS im Wert von 50 Afghani (80 Euro-Cent) versendet, um ihn zu unterstützen. Walis Vater ist Handwerker, hat zwei Frauen und zehn Söhne. „Singen ist was für Ungläubige“, sagte er, als Wali ihm von der Show erzählte. Aber irgendwie hat er ihn dann wohl doch überzeugt.

Der Produzent der Show, Hafizullah Mohammadi, ein Mann mit zerknautschtem T-Shirt und Krempel-Jeans, schlurft durch den Backstage-Bereich. Sein Handy klingelt permanent. Freunde wollen wissen, wer im Halbfinale ausgeschieden ist – „out shut“ nennen sie das auf Neupersisch. Sie haben Geld gewettet. Ein paar hundert Euro. Mohammadi hält Habibullah für den klaren Favoriten. „Die Leute wollen ihre Traditionen sehen“, sagt er. „Und sie wollen Helden, die sind, wie sie selbst.“ Die SMS-Stimmen für den Mann aus Helmand kämen aus allen Landesteilen und von allen Bevölkerungsgruppen, betont Mohammadi. Das ist nicht selbstverständlich in Afghanistan, wo viele Bürger bei Wahlen nach ihrer ethnischen Herkunft abstimmen.

2800 Kandidaten, drei Frauen

Bislang hatten Kandidaten aus dem Süden bei der Superstar-Show kaum eine Chance, weil Tolo in persischer Sprache sendet und unter Paschtunen nicht wohlgelitten ist. Noch dazu sind die Vorbehalte gegenüber Sängern im Süden besonders groß. Doch diesmal gibt es Berichte aus Helmand und Kandahar, dass selbst Mullahs und – so munkelt man – Taliban die Sendung verfolgen, um einen Paschtunen siegen zu sehen. Schon möglich also, dass die Fernsehshow ihren Beitrag zur Versöhnung der ethnisch gespaltenen Gesellschaft leistet.

Weniger erfolgreich war Tolo bisher bei dem Versuch, die Vorbehalte der erzkonservativen Gesellschaft gegenüber Frauen im Fernsehen zu überwinden. Noch dazu, wenn sie singen. Die Zahlen sagen alles: Unter den 2800 Kandidaten, die in dieser Staffel an den Castings teilnahmen, waren ganze drei Frauen. Zwei aus der Hauptstadt und eine aus der als liberaler geltenden Stadt Mazar-i-Sharif. Die, die es dennoch wagen, sind kühne, kompromisslose Revoluzzerinnen. Frauen wie Elaha Sorur.

Sie trat im vergangenen Jahr an, schaffte es unter die ersten Zehn und gehört – wegen ihres großen Talents – zu den wenigen ehemaligen Teilnehmerinnen, über die überhaupt noch jemand spricht. Die 21-Jährige hat ihren Philosophielehrer zum Interview dazugeladen. Er redet von Walter Benjamin, Theodor Adorno und vergleicht die Rolle der Musik im heutigen Afghanistan mit deutscher Kunst nach dem Nationalsozialismus. Elaha sagt: „Die afghanische Kunst handelt von Helden und Romantik. Sie reflektiert nicht das Leiden der Menschen.“ In Deutschland würde eine Elaha wohl kaum bei einer „Superstar“-Sendung auftreten, in einem Land ohne Musikklubs aber ist die Show die einzige Möglichkeit, als Musiker ein breiteres Publikum zu erreichen.

Und trotzdem war schon ihre Teilnahme gewissermaßen eine politische Aussage. Der Preis dafür war hoch: „In einigen Stadtteilen werde ich mit Steinen und Müll beworfen“, sagt die Mutter der Sängerin. Schlimmer noch: Auf Youtube gibt es einen chinesischen Pornoclip, dessen Hauptdarstellerin in einer paschtunisch synchronisierten Fassung „Elaha“ genannt wird. Der Film machte auf Mobiltelefonen die Runde. Dass der Clip aus China kommt, ist kein Zufall. Elaha gehört der Minderheit der Hazara an, die von afghanischen Rassisten wegen ihres mongolischen Aussehens als Chinesen bezeichnet werden.

Singen für Karzais Kabinett

Die Sängerin, so scheint es, haben solche Erfahrungen radikaler werden lassen. Ihre Texte handeln von den Verbrechen des Bürgerkriegs und der Unterdrückung der Frauen im Namen des Islams. „Eines Tages werden deine Steine aufgebraucht sein“, lautet der Refrain eines ihrer Songs, der sich auf die Scharfrichter bezieht, die zu Taliban-Zeiten Ehebrecherinnen steinigten. Man kann davon ausgehen, dass das – noch nicht veröffentlichte – Lied wütende Proteste unter den religiösen Kräften auslösen wird.

Hat sie denn keine Angst? Die Sängerin zuckt mit den Schultern. „Das Ziel von Kunst ist ja nicht, alle glücklich zu machen.“ Der Philosophielehrer sitzt ruhig daneben und sagt: „Ich rate Elaha, Geduld zu haben.“

„Afghanistan sucht den Superstar“ – eine emanzipatorische Fernsehshow? Nicht unbedingt. So siegte im vergangenen Jahr der 23-jährige Computerverkäufer Navid Forough, weil er sich die Unterstützung der Warlords gesichert hatte. Er sang nationalistische Lieder, die den ehemaligen Kommandeuren ethnischer Bürgerkriegsmilizen das Herz erwärmten. „Ich habe Musik für die Politiker interessant gemacht“, sagt Forough ohne jedes Anzeichen von Scham. Ein Sonnyboy mit gewellten halblangen Haaren, der vor allem unter Mädchen Zuspruch genießt. Er zählt ein ganzes Gruselkabinett an vermeintlichen Kriegsverbrechern auf, die ihn damals zu sich nach Hause einluden: Mohammad Fahim, Raschid Dostum, Karim Khalili.

Es ist kein Zufall, dass das die Männer sind, die sich Präsident Karzai kurz zuvor als Verbündete für seinen Wahlkampf ausgesucht hatte. Für sie waren Foroughs Lieder ein willkommenes Mittel, um an die ethnischen Gefühle ihrer Wähler zu appellieren. Der Sänger weiß das, es war Teil seiner Strategie. „Fahim hat mit den Hazara-Führern besprochen, dass ihre Anhänger für mich stimmen sollen“, sagt er nonchalant. Es heißt, der heutige Vizepräsident habe selbst Tausende von SIM-Karten unter seinen Leuten verteilt, damit sie für Forough SMS schicken konnten. Im Gegenzug, sagt der Sänger, habe er Wahlempfehlungen für das Karzai-Lager ausgesprochen. Zum Dank standen nach dem Finale 18 schwarze Geländewagen vor der Tür, um ihn nach Hause zu eskortieren. „Mit abgedunkelten Scheiben“, fügt Forough stolz hinzu – vielen anderen Afghanen gelten sie als Symbol der Drogenmafia in der Regierung.

Bei den Frauen hat ihm seine Prominenz bisher keine Vorteile verschafft. Die beiden Hochzeitsanträge, die seine Mutter an Mädchen in Kabul überbrachte, wurden negativ beschieden. „Er ist ein Friseur“, hieß es in beiden Fällen zur Begründung. Denn singen gilt in Afghanistan noch immer als niedrige Tätigkeit, die traditionell häufig von Haarschneidern ausgeübt wurde. An manchen Dingen kann eben auch eine Fernsehshow nichts ändern.

An anderen aber schon: Wenn Habibullah heute im Finale auftritt, werden in Helmand sicher wieder einige Mullahs vor dem Fernseher sitzen. Und vielleicht, ganz vielleicht, werden manche sogar heimlich mitsingen.

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Time am 21. März 2010

Ästhetik des Terrors?

15. März 2010

Vor einem Monat hatte ich Auszüge aus einer Buchbesprechung von Friederike Böge von der FAZ gebracht, die die Biografie des Taliban Abdul Salam Zaeef zum Gegenstand hatte (1). Gestern brachte die FAZ einen Aufsatz von Nils Minkmar über dasselbe Buch. Herrn Minkmar macht sich mehr noch als Frau Böge die Behauptung Zaeefs zu eigen, die Taliban seien Kämpfer gegen die Korruption und selbst „unbestechlich“. Andererseits schreibt Böge: „So beschwert sich Zaeef, dass viele Vertreter seines Ministeriums vor allem damit befasst waren, die eigenen Taschen zu füllen.“

Ohne denjenigen das Wort reden zu wollen, die Terrorismus auf Armut zurückführen, bin ich doch der Ansicht, dass Armut Ungeist gebiert und etwas Schlechtes und zu Bekämpfendes ist. Die Mohammedanisten sind arm, weil sie Mohammedanisten sind, aber die Armut erschwert ihnen auch das Erkennen von Klo H. Metzels abgrundtiefer Perversion. Minkmar: „Mit der Zeit wird er alt genug, gegen die ungläubigen sowjetischen Besatzer zu kämpfen – eine wirkliche Alternative gibt es auch nicht in einer Region ohne Wirtschaft oder Wissenschaft.“

Quantara bringt ein Interview mit der ägyptischen Frauenrechtlerin Mariz Tadros (2). Sie sagt: „Wenn beispielsweise Frauen oder Mädchen bis zum Alter von 16 Jahren heiraten, gilt dies in Ägypten als Gesetzesverstoß. Die Idee dahinter ist der Schutz der Kinderrechte. Prinzipiell ist dieses Gesetz also sinnvoll. Doch sind die Familien oft so arm und so verzweifelt, dass sie ihre Töchter überzeugen können, dass es in ihrem besten Sinne ist, zu heiraten. In diesen Fällen fällt es ihnen leicht, ihre Ausweise zu fälschen, so dass die Mädchen bereits mit 13 oder 14 Jahren heiraten können, wenn die von ihnen vorgelegten Dokumente sie als 16jährig ausweisen. Für viele Familien ist dies der einzige Weg, mit der Armut umzugehen – indem die ‚Last‘ jemand anderem aufgebürdet wird.“

Vielleicht sind einige Taliban wirklich so gehirngewaschen, dass sie den Jihad um jeden Preis führen wollen, aber meist wird doch der alte Spruch gelten: „Jeder ist käuflich, es kommt auf den Preis an“. Und es ist allemal sinnvoll, den Jungs eine Alternative zu bieten bzw. sie zu kaufen, bevor sie Taliban werden.

Bedenklich finde ich die unverhohlene Sympthie, die Herr Minkmar den Fussels entgegenbringt, und die ungleich größer ist als die gegenüber der gewählten Regierung. Im folgenden Text werden Sie sehen, wie er die Bezeichnung der Entscheidung zum Jihad als einer „ästhetischen Entscheidung“ unreflektiert übernimmt, und sich damit ziemlich nahe zu Mammut Gardinenstange bringt, der von der „Kunst“ des Selbstmordattentats faselte (3). Nun ja, wenn wir solcherart zu einer „ästhetischen“ Auseinandersetzung gezwungen werden, wird sich zeigen, dass wir auch dort über die besseren Argumente verfügen bzw. über eine überlegene „Ästhetik“. Und es wird sich zeigen, ob sich die „Werke“ der „Ästhetik des Terrors“ auf Dauer ökonomischen Kriterien entziehen können, falls dies überhaupt je der Fall gewesen sein sollte. Auf dem Foto oben sehen Sie übrigens ein paar Tommies mitten in der Debatte.

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Mäßigung als Verrat

Wie wird man eigentlich zum Taliban? Abdul Salam Zaeef, einst Mitglied der afghanischen Regierung und Häftling in Guantánamo, hat zwei amerikanischen Wissenschaftlern sein Leben erzählt – Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft, Frömmigkeit – lauter TUGENDEN, die wir aus der ANTIKE kennen. Zaeefs Leben beginnt 1968, die historischen Umstände seiner  Kindheit passen aber eher ins Jahr 1648.

Jeder hat eine Meinung zu den Taliban, aber wer kennt deren Meinung über uns? Wer hat je einen gesprochen oder auch nur sprechen hören? Unzählige Meinungen, Berichte und Kommentare über Afghanistan sind über uns hereingebrochen, aber wie viele davon stammten von Afghanen? Wie viel gar von entscheidenden Akteuren? Die Taliban haben die Welt erschreckt, dann wähnte man sie besiegt, und nun, nach neun Jahren Krieg, beherrschen sie wieder die politische Bühne Afghanistans. Jetzt ist man sich im Westen einig darüber, dass sie „eingebunden“ werden sollen, findet plötzlich, dass sie uns die Last ihres Landes abnehmen könnten. Jedenfalls die „gemäßigten“ unter ihnen. Aber was versteht ein Taliban unter dem rechten Maß?

Zum ersten Mal gibt es nun ein Buch, das ausführlich das Leben, Haltungen und Werte eines hohen Taliban wiedergibt. Den in Kandahar lebenden amerikanischen Wissenschaftlern Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn ist es gelungen, Abdul Salam Zaeef dazu zu bewegen, ihnen die Geschichte seines Lebens zu erzählen. Daraus haben sie ein wissenschaftlich annotiertes Werk gemacht, das augenblicklich zur Pflichtlektüre aller Politikplaner, Militärstäbe und interessierten Bürger avanciert, denn auf Leuten wie Zaeef ruht gegenwärtig die gesamte Afghanistan-Strategie. Zaeef gehört zu den Gründungsmitgliedern der Bewegung und gab ihr, als afghanischer Botschafter in Pakistan, ein Gesicht. Er war der einzige Repräsentant des Regimes, der sich überhaupt internationalen Journalisten stellte. Später wurde er festgenommen und jahrelang in Guantánamo inhaftiert. 2005 wurde er freigelassen, ohne dass je Anklage gegen ihn erhoben worden wäre. Heute lebt er in Kabul, gilt nach wie vor als Schnittstelle zwischen den Taliban und der Welt und wurde auch als der Talib mit dem iPhone bekannt.

Sein Leben beginnt in dem Jahr, das wir 1968 nennen, die historischen Umstände seiner Kindheit passen eher ins Jahr 1648, in die wüste und fromme Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, vor der Wissenschaft und der Aufklärung. An diesem Leben kann man studieren, wie sich jemand fühlt, der aus einem fernen Jahrhundert in die globalisierte Postmoderne purzelt: Er staunt, hat oft Kopfschmerzen und klammert sich, weil er nicht verrückt werden will, an bestimmte Werte. Der Weg, den Zaeef zurückgelegt hat, ist mit keiner westlichen Biographie zu vergleichen. Er kommt aus der Zeit, aus der unsere Märchen stammen: Die Mutter stirbt früh, der Vater ist da schon alt und als Geistlicher überfordert, die vier Kinder durchzubringen. Er arbeitet lange Tage in der Moschee. Verwandte und Freunde stecken ihm gegen seinen Willen etwas Geld in die Tasche, das jedoch nie reicht. Das Dorf, in dem der Vater als Mullah amtiert, hat weder Strom noch Wasser. Wenn er auf Reisen muss, sind die Kinder alleine zu Hause. In der Nacht hören sie die Wölfe heulen, die immer näher kommen. Eines morgens betet der Vater heftiger und lauter als gewohnt. Die Kinder werden wach davon, eilen zu ihm. Stunden später stirbt er. Da ist Abdul Zaeef sieben Jahre alt. Er und seine Geschwister sind allein, ihre entferntere Familie muss erst umständlich von Nachbarn verständigt werden. Telefone gibt es nicht. Dann werden die Kinder auf verschiedene Zweige der Familie verteilt. Abdul kommt zu einem finsteren Onkel, dem ein zusätzliches Kind gerade noch gefehlt hat. Er wird geschlagen. Nach dem Einmarsch der Sowjets muss die fragmentierte Familie nach Pakistan fliehen.

Der Koran und die Frömmigkeit werden zum Refugium des Jungen. Er äußert einen starken Widerwillen gegen die Machtspiele der Erwachsenen, ihre Interessen und gewalttätigen Praktiken. ZURÜCKHALTUNG, DEMUT und FRÖMMIGKEIT sind die Züge, die er am meisten bewundert und an sich pflegt. Mit der Zeit wird er ALT GENUG, gegen die ungläubigen sowjetischen Besatzer zu kämpfen – eine WIRKLICHE Alternative gibt es auch nicht in einer Region ohne Wirtschaft oder Wissenschaft. Zaeef führt ein Leben mit beständiger Kampf- und Gewalterfahrung. Es lässt sich nicht zählen, wie oft er beschossen, geschlagen und verletzt wird. Mehrmals gerät er in unmittelbare Lebensgefahr, wobei er nie von einer Gefahr sprechen würde, sondern stets davon, dass sein Wunsch, als Märtyrer zu sterben, kurz vor der Realisierung stand.

Die HINGABE an einen religiös motivierten, nationalen Befreiungskampf, an den Dschihad gegen die Sowjets, ist auch eine moralische und ÄSTHETISCHE Entscheidung. Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft, Tapferkeit und Frömmigkeit – es sind TUGENDEN, die wir aus der klassischen Antike kennen, welche die späteren Taliban motivieren. In der Praxis sind sie nicht zu trennen von Handlungen, die wir als Diskriminierung und Grausamkeit verurteilen (gut! T.), die für die Taliban aber der Ausweis konsequenten, unverdorbenen Handelns sind (Nein, sie SIND grausam und verbrecherisch, T.). Sie verstehen sich von Anfang an auch als eine ÄSTHETISCHE Bewegung. Die Taliban, schwärmt Zaeef über die Jahre ihres Erfolgs, haben „dem öden Land eine SCHÖNHEIT verliehen“.

Zaeef schildert sehr detailliert, wie sich in den neunziger Jahren die religiös motivierten, ehemaligen Mudschahedin erst lokal, dann regional formieren, um gegen die endemische Landstraßenpiraterie der Warlords vorzugehen und – wie Tyrannen immer ihre Gewaltherrschaft begründen (gut! T.) – Frauen und Knaben vor sexueller Gewalt zu schützen. Zaeef ist dabei, als in der „weißen Moschee“ von Sangisar Mullah Omar als Anführer bestimmt wird, er schwört ihm dort ewige Treue. Die himmlische Motivation der Taliban und ihr Rückhalt in der Bevölkerung führen sie von Sieg zu Sieg.

Nach Jahren des Kampfes kommt ein entscheidender Moment: Da hat sich Zaeef in einem Gefecht mit einer rivalisierenden Truppe verheddert. Dummerweise haben die anderen eine kleine Kanone, was ihnen einen entscheidenden Vorteil verschafft; Zaeefs Truppe verfügt nur über Kalaschnikows. Also läuft er zu seinem regionalen Befehlshaber und bittet um bessere Waffen, woraufhin der ihn nur auslacht: „Warum nimmst du dir nicht einen Panzer? Oder besser gleich drei?“ Denn unterdessen hatten die Taliban das Land erobert und die Kasernen unter ihre Gewalt gebracht. Zum ersten Mal in seinem Leben war Zaeef in einer dominierenden Position.

So beginnen die Jahre der Macht, die zugleich auch den schwierigen Kontakt mit der weiten Welt bedingen. Die meisten Länder FÜHLTEN sich den kaum gebildeten Taliban überlegen, die aber hielten sich für eine FROMME und ASKETISCHE Elite. Besonders schlecht weg kommt bei Zaeef der deutsche Botschafter in der pakistanischen Hauptstadt. Das sei ein arroganter Mann gewesen, der ihm immer mit so ärgerlichen Themen wie den Frauenrechten gekommen sei. Damit hat es der Autor gar nicht. Wenn er besonders gemeine Übergriffe schildern will, dann haben die damit zu tun, dass jemand in seiner Anwesenheit Lieder einer Sängerin spielt, womöglich noch auf Urdu, dann ist der stolze Paschtune so richtig bedient.

Am 11. September 2001 verfolgt Zaeef die Berichte über den Anschlag im Fernsehen, doch während alle im Raum jubeln, fängt er an zu weinen. Nicht aus Mitgefühl für die unschuldigen Opfer, sondern weil er weiß, dass dieser Akt einen weiteren Krieg für seine Heimat und das Ende seiner Herrschaft bedeutet (Sie hätten A*schloch bin K*cken ausliefern können, sie hätten genauso wie Saddam den Krieg abwenden können, aber ihr orkischer Größenwahn machte sie blind für die Realität, T.). In dem Buch findet sich kaum eine Bemerkung zu Al Qaida und Usama Bin Ladin. Zwar betont Zaeef mehrmals die Bedeutung brüderlicher Hilfe unter Muslimen, macht aber genauso oft deutlich, dass er sich als lebenslanger Taliban versteht, also nie als Mitglied von Al Qaida. Man ahnt, dass er sie als unglückselige Ausländer verurteilt, die die Güte seines geliebten Mullah Omar ausgenutzt haben. Schreiben tut er es nicht. Besonderen Abscheu hegt er nämlich für Verräter aller Art, insbesondere für den pakistanischen Präsidenten Musharraf, der den Amerikanern gegen Geld Gefangene ausgeliefert und damit einen „Handel mit Glaubensbrüdern etabliert hat, die er verkauft hat, als wären sie Vieh“.

Die nach JEDEM Recht ILLEGALE Festnahme von Zaeef (behauptet Minkmar, aber ist sie das? Nach Kriegsrecht? Nach Recht des asymmetrischen Krieges? T.) und seine Jahre in Guantánamo bilden die bedrückendsten Kapitel in dem Buch. Außer seiner Funktion in der Talibanregierung kann ihm nichts vorgeworfen werden (Wieso kann man jemand nicht vorwerfen, Mitglied einer terroristischen „Regierung“ zu sein, bzw. ist das nicht an sich schlimm? T.). Pakistanische und amerikanische Soldaten prügeln und foltern ihn (würde ich angesichts der üblichen Lügengeschichten mit Vorsicht genießen, T. – 4), damit er den Aufenthaltsort von Mullah Omar verrät – dem Mann, dem Präsident Karzai nun Frieden anbietet. Die kriminellen Methoden und Verhältnisse in Guantánamo haben aus Zaeef nur insofern einen „gemäßigten“ Taliban gemacht, als er vermeiden möchte, noch mal dorthin zu kommen, und die Machtverhältnisse in einem Konflikt mit den Amerikanern nun realistisch einschätzt. Doch einen, der für seine religiösen und kulturellen Anschauungen so oft zusammengeschlagen wurde, der wiederholt lukrative Möglichkeiten zum Verrat ausgeschlagen hat, wird man weder mit Geld noch mit einer bloß formalen Machtbeteiligung befrieden können.

Die Einbindung der Taliban in die Regierung Afghanistans entbindet den Westen nicht, sondern setzt eine starke und langfristige Militärpräsenz voraus. Die ANDEREN Partner dort, Karzai voran, sind einfach zu KORRUPT, als dass die Taliban sich damit abfinden könnten. Mäßigung ist für diesen Talib jedenfalls ein anderes Wort für Verrat.

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Time am 15. März 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/17/guter-alter-„neuer-krieg“/
2) http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-1169/i.html
3) http://www.welt.de/print-welt/article176827/Kunst_des_Maertyrertums.html
4) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/30/the-fabulous-gitmo-freak-show/

Abdul Salam Zaeef: „My Life with the Taliban“. Edited by Alex Strick van Linschoten and Felix Kuehn. Columbia University Press, 330 Seiten, ca. 24 Euro

Der Jedermann als Taliban

21. Februar 2010

Friederike Böge berichtet in der heutigen FAZ anschaulich wie stets von einer Geschäftsidee für jedermann in Afghanistan. Meines Erachtens wird u.a. ein weiteres Mal die Ähnlichkeit des Konfliktes mit den nordamerikanischen Indianerkriegen deutlich.

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Die Taliban von nebenan

Wer in Afghanistan als Reporter ein Interview mit Aufständischen führen will, muss sich auf einiges gefasst machen.

Die Taliban behaupten gern von sich, sie seien nicht käuflich. Aber ganz so stimmt das nicht. Durchreisende Journalisten, die wenig Zeit haben und vor dem Abflug schnell noch ein Taliban-Interview führen wollen, können sich für 200 Dollar einen Aufständischen mieten. Für diesen Gegenwert, der als Fahrtkostenpauschale deklariert wird, kommt ein selbsternannter Subkommandeur aus der vierzig Kilometer entfernten Provinz Wardak in die afghanische Hauptstadt gereist und nimmt sich Zeit für ein zweistündiges Gespräch.

Die das tun, sind freilich einfache, unbedeutende Kämpfer, vielleicht auch nur Straßenräuber oder Kabuler Studenten, die sich als Taliban verkleiden. Wer weiß das schon so genau? Dennoch, so versichert der Mittelsmann, der das Treffen organisiert hat, sind solche Arrangements durchaus gefragt. Neben dem Discount-Talib gibt es auch noch einen Mann im Angebot, der behauptet, er sei 2007 an der Entführung des deutschen Ingenieurs Rudolf Blechschmidt und seines ermordeten Kollegen Rüdiger D. beteiligt gewesen. Ein anderer aus der Provinz Helmand könne über seine Waffen- und Drogengeschäfte in Nordafghanistan berichten, verspricht der Mittelsmann. Das freilich sei teurer: rund 2000 Dollar. Reine Fahrtkosten, versteht sich, schließlich müsse man dafür nach Kundus reisen.

Taliban ist eine Bezeichnung, die sich inzwischen allerlei Leute zu allerlei Zwecken selbst verleihen. Nicht nur, um Journalisten zu beeindrucken, sondern auch, um Feinde und Nachbarn einzuschüchtern oder ihren kriminellen Machenschaften ein Mäntelchen der islamischen Rechtschaffenheit umzuhängen. Das macht es schwierig, das Phänomen des militanten Islamismus in Afghanistan zu fassen. Der Afghanistan-Forscher Antonio Giustozzi glaubt sogar, dass die Taliban solche „Hilfsaufständischen“ deshalb rekrutieren, um ihre Gegner zu verwirren und ihnen eine Vielzahl von Zielen anzubieten.

Der 200-Dollar-Talib wartet an einem regnerischen Nachmittag in einem Rohbau im Westen von Kabul. Das einzige bereits möblierte Zimmer wird von einem kleinen Ölofen warm gehalten. „Sagen Sie, Sie seien von Al Dschazira“, hat der Mittelsmann empfohlen. Mit anderen Medien wolle der Talib nicht sprechen. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Gespräch ist wie zu erwarten wenig ergiebig. Der Mann zählt die üblichen Gründe auf, warum er sich der Bewegung angeschlossen habe. Amerikanische Soldaten hätten Verwandte von ihm – Zivilisten – getötet. Nächtliche Hausdurchsuchungen hätten die Würde der Bewohner beleidigt. Es sei seine religiöse und vaterländische Pflicht, gegen die ungläubigen Besatzer zu kämpfen. Die Regierung sei ein Sammelsurium von Kriegsverbrechern, und Paschtunen seien darin kaum vertreten. Fragen nach den Details seines persönlichen Werdegangs wehrt der Mann ebenso ab wie eine Diskussion über die zivilen Opfer der Taliban. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Welcher Deutsche würde schon seine ethischen Dilemmata mit einem fremden afghanischen Reporter besprechen wollen?

Von den Plänen der afghanischen Regierung, Subkommandeuren wie ihm eine zweite Chance für ein ziviles Leben anzubieten, hat der Mann aus dem Radio erfahren. Unter seinen Mitkombattanten sei darüber eine rege Diskussion im Gange. „Die Leute sind des Kämpfens müde“, sagt der Mann, der nach eigenen Angaben 13 seiner Freunde hat sterben sehen. Immerhin: Einige Testfragen ergeben, dass der Mann tatsächlich aus Wardak kommt und über die angesprochenen lokalen Taliban-Aktionen Detailkenntnisse besitzt.

Interessanter als seine Antworten sind aber seine Fragen. Er will wissen, wie die Journalistin sich das Leben nach dem Tod vorstelle und was die Bibel dazu zu sagen habe. Ob sie sich vorstellen könne, einen Muslim zu heiraten. Und ob Jesus für Christen die gleiche Bedeutung habe wie der Prophet Mohammed im Islam. Warum hat der Kommandeur dem Treffen zugestimmt? Wegen der 200 Dollar? Um Werbung für den heiligen Krieg zu machen? Oder aus Neugier auf die merkwürdigen Christenmenschen, die sonst nur mit gepanzerten Fahrzeugen an ihm vorbeifahren?

Treffen mit den Fußsoldaten der Taliban lassen sich mit ein wenig Geduld und über afghanische Freunde freilich auch ohne Geld vereinbaren. Fast jeder Afghane hat Bekannte oder Verwandte, die Bekannte oder Verwandte haben, die einen Talib kennen. Bauunternehmer beispielsweise sind gute Ansprechpartner, denn ohne Verbindungen zu den Aufständischen können sie gar nicht arbeiten. Der Erkenntnisgewinn solcher Treffen ist allerdings begrenzt. Sie sind vor allem Begegnungen mit den eigenen Ängsten und Vorurteilen. Den bangen Momenten vor dem Treffen, dem erhöhten Pulsschlag und der Frage „Soll ich, soll ich nicht?“ folgt meist die Antiklimax recht banaler Gespräche. Bei meiner ersten Begegnung mit einem Talib beeindruckte mich vor allem, dass er höllische Angst davor zu haben schien, einer Frau die Hand zu geben oder ihr in die Augen zu sehen – und sich so zu verunreinigen.

Wer mehr über die Aufständischen wissen will, muss erhebliche Risiken in Kauf nehmen. Die französische Journalistin Claire Billet zum Beispiel verbrachte mehrere Tage mit dem Taliban-Kommandeur Abu Tayeb (ein Kampfname) in Wardak – demselben Mann, der später den „New York Times“-Reporter David Rohde entführte und sieben Monate in seiner Gewalt hatte. Billets Bericht „Embedded with the Taliban“ für den Sender France 24, der als Podcast im Internet verfügbar ist, zeigt die Kämpfer beim Essen, Beten, Schießtraining und beim Angriff auf einen Polizeiposten. Drei Monate vertrauensbildende Maßnahmen gingen dem Treffen voraus. Der Film macht auch sichtbar, warum Abu Tayeb sich auf Billets Anfrage einließ. Er nutzt die Aufnahmen geschickt, um sich und seine Kämpfer in Szene zu setzen: unerschrocken, tief religiös, bei der Bevölkerung beliebt und im Kampf erfolgreich.

Dem in London lebenden afghanischen Reporter Najibullah Quraishi (Foto rechts, T.) gelang es dagegen vor einigen Wochen, eine Gruppe Aufständischer bei einem PR-Desaster zu filmen. Die von ihnen gebastelte Bombe explodierte nicht, weil die Kämpfer die Fernzünder vertauscht hatten. Der amerikanische Militärkonvoi fuhr ungehindert weiter. Quraishi war live dabei, als die Männer darüber stritten, wer schuld an dem Schlamassel sei. „Wer dir zugetraut hat, eine Mine zu bauen, muss ein Idiot sein“, sagte einer der Aufständischen. „Was um Gottes willen meinst du damit, dass ich den Fernzünder kaputtgemacht habe?“ In der nächsten Szene beschreibt der Kommandeur der Gruppe mit ernster Miene, wie erfolgreich der Angriff gewesen sei und wie viele amerikanische Soldaten dabei getötet worden seien (1 – Beachten Sie bitte die Links unten).

Andere Begegnungen mit den Taliban verlaufen so: Der Fernsehjournalist Christian Parenti steht auf einem Hügel in der Nähe von Kandahar und ruft einer Gruppe maskierter Taliban in einiger Entfernung seine Fragen zu. „Werden die Taliban von Pakistan unterstützt?“ Die Männer bejahen und berichten über ihre Rückzugsgebiete. Wenig später deuten sie warnend in den Himmel, wo amerikanische Kampfflugzeuge kreisen, und das Interview ist beendet. Die Szene stammt aus dem Jahr 2006 und ist in dem kürzlich erschienenen Dokumentarfilm „Fixer: The Taking of Ajmal Naqshbandi“ zu sehen. Zurück im Auto, dreht Parenti die Kamera auf sich selbst: „Hier sehen Sie den erleichtertsten amerikanischen Reporter in Afghanistan.“ Der Topos des unerschrockenen Journalisten als heimliche Hauptfigur zieht sich durch die meiste Taliban-Berichterstattung. Und der Zuschauer wird zum Mitgruseln eingeladen.

Der kanadische Journalist Graeme Smith versuchte dem Phänomen des militanten Islamismus auf seine Art auf die Spur zu kommen. Er wollte nicht getötet oder entführt werden und ließ deshalb einen afghanischen Forscher 42 Videointerviews mit Fußsoldaten der Taliban in Kandahar führen. In seinem „Porträt des Feindes“ heißt es: „Sie sind wild und furchteinflößend, aber auch stolz und bisweilen poetisch. Sie nutzen die Sprache des radikalen Islams, aber ihre Botschaften sind oft nicht mehr als fremdenfeindlich und getrieben von dem Willen, ihre Lebensart zu beschützen.“

Die Autoren Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn verbrachten vier Jahre damit, die Autobiographie eines der Mitgründer der Taliban, Abdual Salam Zaeef, zu redigieren und zu übersetzen (2). In dieser Zeit arbeiteten sie eng mit dem Ex-Talib zusammen, der nach dem Sturz des Regimes 2001 in amerikanische Gefangenschaft geriet und seit 2005 zurückgezogen in Kabul lebt. Sie haben wohl mehr Zeit in der Gedankenwelt der radikalislamischen Bewegung gelebt als jeder andere westliche Reporter. „Wir fühlen tiefe Demut angesichts der Erfahrungen, die er (Zaeef) in seinem Leben gemacht hat und trotz deren er sich seine Menschlichkeit, Gutherzigkeit und Anständigkeit bewahrt hat“, heißt es im Vorwort der beiden Autoren.

„Kenne deinen Feind“, schreibt der chinesische Militärstratege Sun Tzu, der in solchen Zusammenhängen gern zitiert wird. Doch die Berichte geben wenig Aufschluss über die Militärstrategie oder die Organisationsstruktur der Taliban. Sie zeigen uns merkwürdige Männer mit Ängsten und Launen, in bisweilen peinlichen und manchmal vertrauten Situationen, mit Großmannsgelüsten und gekränktem Ehrgefühl, manche sympathisch, andere weniger. Männer, die mit westlichen Taliban-Phantasien wenig gemein haben.

So wie der 200-Dollar-Talib aus Wardak, der sich am Ende des Gesprächs für ein Foto zurechtmacht. Innerhalb von drei Minuten verwandelt sich der schmächtige 24-Jährige mit dem fisseligen Spitzbart und dem verlegenen Lächeln in ein Abziehbild dessen, wie der Westler sich die Taliban vorstellt. Er wickelt sich einen Turban um den Kopf und verhüllt sein Gesicht, so dass nur noch zwei finster dreinblickende Augen sichtbar sind. Es ist kurz vor Rosenmontag.

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Time am 21. Februar 2010

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1) Die Reportage von Najibullah Quraishi kann bei YouTube angesehen bzw. runtergeladen werden. Sie ist m.E. unbedingt sehenswert. Die oben beschriebenen Szenen befinden sich im vierten Teil (2:45, 6:45, 8:00). Teil 1: http://www.youtube.com/watch?v=obSOmABJorw Teil 2: http://www.youtube.com/watch?v=VDIeN1aAx9k&NR=1 Teil 3: http://www.youtube.com/watch?v=7Qbd6iw0GUQ Teil 4: http://www.youtube.com/watch?v=DNfnjfno2Ng&feature=related Teil 5: http://www.youtube.com/watch?v=b9z-LOJl7dQ&feature=related

2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/17/guter-alter-„neuer-krieg“/

Guter alter „Neuer Krieg“

17. Februar 2010

Friederike Böge bespricht in der heutigen FAZ eine aktuelle Autobiografie des Taliban-Mitbegründers Abdul Salam Zaeef (My Life with the Taliban, edited by Alex Strick van Linschoten und Felix  Kuehn, Hurst & Company Publishers, London 2010, 331 Seiten, 22,79 [Euro]).

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Die Usama-Angelegenheit

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Zaeef gehörte 1994 zu den Gründern der Bewegung, die zwei Jahre später in Kabul an die Macht gelangte. Als enger Vertrauter des Taliban-Führers Mullah Omar stieg er zum stellvertretenden Verteidigungsminister auf. Als späterer Botschafter in Pakistan verhandelte Zaeef vor und nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit amerikanischen Diplomaten über eine Auslieferung des Al-Qaida-Führers Usama Bin Ladin. Nach dem Sturz des Regimes verbrachte er vier Jahre im amerikanischen Militärgefängnis Guantánamo. Seit 2005 lebt er zurückgezogen in Kabul.

„Die größte Schwäche amerikanischer Strategen ist wohl ihr absolut mangelhaftes Verständnis ihres Gegners“, schreibt Zaeef. Es verwundert kaum, dass der Autor die Hoffnung, die Aufständischen könnten mit Geld korrumpiert werden, zurückweist. „Sie kämpfen den heiligen Dschihad nach den Prinzipien des Gehorsams, des Zuhörens und des Dialogs.“ So weit sein Selbstbild. Doch sein Buch bietet zahlreiche Hinweise darauf, dass Anspruch und Wirklichkeit bei den Taliban schon damals weit auseinander lagen. So beschwert sich Zaeef, dass viele Vertreter seines Ministeriums vor allem damit befasst waren, die eigenen Taschen zu füllen. Zudem berichtet der Autor, dass der in Taliban-Fragen bestens informierte pakistanische Geheimdienst ISI ihm schon 2001 nahelegte, eine Gruppierung moderater Taliban zu bilden und sich von den Hardlinern abzuspalten.

Zaeef wurde 1968 als Sohn eines Mullahs im ländlichen Kandahar geboren. Wie viele Afghanen seiner Generation wuchs er in einem pakistanischen Flüchtlingslager auf, weil Sowjettruppen sein Land besetzt hatten. Mit 15 Jahren schloss er sich dem Widerstand an. Die Kämpfe beschreibt er als eine Zeit der Entbehrungen, aber auch der Kameradschaft. Diese Verklärung des Kämpferdaseins ist unter ehemaligen Mudschahedin weit verbreitet und dürfte mit dazu beitragen, dass die Schwelle, sich den heutigen Taliban anzuschließen, für viele nicht allzu hoch ist.

Anfangs, so Zaeef, waren die Taliban fast mittellos. Sie besaßen zwei Motorräder. Eines, das schnell den Geist aufgab, und eines, das den Beinamen „Panzer des Islam“ trug. Durch Spenden von Geschäftsleuten sei die Bewegung rasch gewachsen, schreibt der Autor. Der Afghanistan-Experte Ahmad Rashid führt das dagegen auf die massive Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI zurück, über dessen Rolle Zaeef nur Andeutungen macht. Auffällig schweigsam ist der Autor auch in Bezug auf die Unterdrückung ethnischer Minderheiten und der Frauen, die ohne männliche Begleitung nicht das Haus verlassen, nicht arbeiten oder zur Schule gehen durften.

Zaeef beschreibt sich als einen unpolitischen Mann, der seine Erfüllung im Studium und der Lehre des Islams findet und die verschiedenen Posten in der Taliban-Hierarchie nur mit Widerwillen und auf Druck Mullah Omars hin angenommen habe. Wer in der Regierung arbeite, sei von Korruption und Ungerechtigkeit umgeben und den „Gefahren und Versuchungen der Macht“ ausgesetzt. Wie ein funktionierender islamischer Staat aussehen könnte und ob es ihn überhaupt geben kann, sagt er nicht.

Als Botschafter in Pakistan erlebt Zaeef die Begegnungen mit den meisten westlichen Amtskollegen als höflich. Ausnahme: der deutsche Botschafter. Er sei voller Vorurteile gewesen und habe immer nur über die Rolle der Frauen sprechen wollen. Zaeef seinerseits erklärte seinem japanischen Amtskollegen, der Buddhismus sei „eine inhaltsleere Religion ohne Grundlage“, der Islam dagegen sei die „wahre Religion“. Japan hatte vergeblich versucht, die Sprengung der bedeutenden Buddha-Statuen in Bamiyan zu verhindern.

Doch ein „deutlich größerer Verlust“ für Afghanistan sei der Tod des krebskranken stellvertretenden Taliban-Führers Mohammad Rabbani gewesen, für den Zaeef noch 2001 medizinische Hilfe von den Vereinigten Staaten erbat. Es ist nicht das einzige Mal, dass der Leser überrascht darüber ist, wie falsch die Taliban die diplomatische Lage einschätzten. Mullah Omar habe noch kurz vor dem Sturz erklärt, die Gefahr eines amerikanischen Militärschlags liege bei unter zehn Prozent, weil die Regierung in Washington keine Beweise für die Beteiligung Usama Bin Ladins an den Anschlägen vom 11. September vorgelegt habe, schreibt Zaeef. Der Titel des Kapitels: „Die Usama-Angelegenheit“.

Die Autobiographie zeichnet das Bild eines Mannes, dessen Überzeugungen von 30 Jahren Krieg, Flucht und Staatsverfall und von vier Jahren Haft in Guantánamo geprägt sind. Nach westlichem Verständnis ist er radikalreligiös und ausgesprochen unliberal, wenngleich er als „gemäßigter Talib“ gilt. Wenn es nach ihm ginge, wären wohl nicht 25 Prozent der afghanischen Parlamentarier Frauen, die Meinungsfreiheit wäre nicht in der afghanischen Verfassung verankert und die Vereinigten Staaten wären nicht der wichtigste Verbündete Afghanistans. Aber ist er auch eine Gefahr für den Westen? „Ich war ein Talib, ich bin ein Talib, und ich werde immer ein Talib sein“, erklärte Zaeef 2005 bei seiner Entlassung aus dem Militärgefängnis. „Aber ich war nie Teil von Al Qaida.“

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Na, das ist ja suuupa! Tatsächlich ist es völlig egal, welcher Terrortruppe irgendein Ork angehört. Matschagatschadatschu! „Mein Jihad? Dein Jihad? Jihad ist für uns alle da!“ Was für ein absurdes Statement ist dieses: „Sie kämpfen den heiligen Dschihad nach den Prinzipien des Gehorsams, des Zuhörens und des Dialogs.“ Als ob Jihad nicht von Anfang an den Sinn gehabt hat, Beute zu machen, zu vergewaltigen und zu versklaven. Es ist an uns, die orkische Eigenschaft auszunutzen, dass sie meist zwischen ihrer Gier nach Blut und ihrer Gier nach Gold hin- und hergerissen sind. Es ist an uns, jede Waffe, die zielführend ist, auch einzusetzen (1). Einer unser Hauptgegner dabei ist die linksverseuchte öffentliche Meinung, die so öffentlich gar nicht ist, sondern die vielmehr die Ansichten der linken Meinungs- und Medieneliten spiegelt. Grade sind bei einer Großoffensive in Helmand Tausende von westlichen Soldaten im Einsatz, aber drei versehentlich getötete afghanische „Zivilisten“ schaffen es allemal leichter auf die Titelseiten. Ein Aufsatz von Thomas Speckmann in der heutigen FAZ beschäftigt sich u.a. mit den Ursachen hierfür.

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Die „Neuen Kriege“  gab es in den Kolonien

Über die eurozentrische Illusion gehegter Konflikte

„Neue Kriege“ sind für die westliche Medienöffentlichkeit asymmetrische Konflikte wie im Irak oder in Afghanistan. Doch „neu“ sind derlei Kriegsformen gerade für die Europäer nicht. Sie haben es nur vergessen. Denn die neuen Kriege ereignen sich überwiegend außerhalb Europas. Gemessen werden sie jedoch an den europäischen Staatenkriegen. Ebendarin sieht der Tübinger Historiker Dieter Langewiesche die Schwäche dieser Deutung: Den „gehegten Krieg“ gab es nur in Europa. Und auch hier überdauerte diese Hegungsära nur zweieinhalb Jahrhunderte – vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zum Ersten Weltkrieg („Wie neu sind die ,Neuen Kriege‘? Eine erfahrungsgeschichtliche Analyse“, in: „Kriegserfahrungen – Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit. Neue Horizonte der Forschung“. Hrsg. von Georg Schild und Anton Schindling, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009).

Langewiesche bezeichnet dies als einen Sonderweg, der freilich auch nur ein temporärer war: ab Mitte des siebzehnten Jahrhunderts von Europa spät beschritten und im Zweiten Weltkrieg verlassen. Langewiesche macht auf eine historische Tatsache aufmerksam, mit der sich vor allem der erneut am Hindukusch kriegführende Westen auseinandersetzen sollte: Außerhalb des eigenen Kontinents, in seinen Kolonialkriegen, hat Europa seinen Sonderweg nie respektiert. Und selbst in der Hegungsphase des Krieges in Europa gab es ihn auch nur als eine Forderung, gegen die immer wieder verstoßen wurde. Gleichwohl brechen die Neuen Kriege mit der westlichen Kriegserfahrung der Gegenwart, die am völkerrechtlich geregelten Staatenkrieg geschult ist, mit dem Zweiten Weltkrieg als Sündenfall, der sich nicht wiederholen soll.

Langewiesche nimmt die heutige Perspektive ernst. Ihm genügt nicht der Nachweis, dass es das „Neue“ schon immer gab. Er fragt vielmehr nach den Ursachen eines Phänomens: Neu sind die Neuen Kriege nicht, dennoch werden sie als neu erfahren. Langewiesche erklärt dies mit der Globalisierung des Wahrnehmungsraumes: Ganz gleich, wo in der Welt und in welcher Form heute Krieg geführt wird, die Medien berichten darüber. Alle, die zu ihnen Zugang haben, werden über das Kriegsgeschehen in der Welt ständig informiert; auch über die Art der Kriegsführung, über die Folgen des Krieges, die Not der Bevölkerung, Flucht und Vertreibung, Massaker, Vergewaltigungen, die Rolle von Kindern im Krieg als Opfer und als Täter, über Warlords und ihre Privatarmeen, über den Krieg als Ökonomie, Geschäfte mit Flüchtlingsströmen und der internationalen humanitären Hilfe.

Die mediale Allgegenwart heutiger Kriege bedeutet mediale Allgegenwart des ungehegten Krieges, jener Konflikte, die keine Kriege zwischen Staaten sind und rund 85 Prozent aller Waffengänge auf der Welt seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ausmachen. Zwar war ebendies in früheren Jahrhunderten auch nicht anders. Aber damals gab es den globalen Wahrnehmungsraum nicht. Die Europäer im Zeitalter des gehegten Staatenkrieges hatten die andersartigen Kriege außerhalb Europas nicht vor Augen. Von ihnen nahmen sie am ehesten die Kolonialkriege der eigenen Nation wahr. Und auch diese lediglich aus einer engen Perspektive: Dass man dort anders Krieg führte als im eigenen Kulturraum, Krieg gegen die gesamte Bevölkerung, galt als selbstverständlich.

Langewiesche beobachtet parallel eine Globalisierung des Handlungsraums, beruhend auf zwei Faktoren: Erstens, die globalen Interessen der Supermächte, vor allem der Vereinigten Staaten, die auch ihre Bündnispartner involvieren; zweitens, die weltweiten Interventionen der Vereinten Nationen, wodurch diese Konflikte zu Angelegenheiten aller Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft werden. Hinzu kommen Staatenorganisationen wie die Afrikanische Union, die Organisation Amerikanischer Staaten, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die Europäische Union oder die Nato, die ihrerseits in bestimmten Weltregionen intervenieren.

Auch der 1946 geschaffene Internationale Gerichtshof der Vereinten Nationen in Den Haag, unter dessen Dach für die Kriegsverbrechen in Jugoslawien und in Ruanda spezielle Strafgerichtshöfe eingerichtet wurden, trägt zur weiteren Globalisierung des Handlungs- und damit auch des Wahrnehmungsraums bei. Die Konflikte, in welche die supranationalen Institutionen eingreifen oder mit deren Folgen sie sich befassen, sind überwiegend Kriege, die nicht nach dem europäischen Muster des gehegten Staatenkrieges geführt werden und auch früher nie so geführt wurden: „Zu keiner Zeit, nicht in staatenlosen Gesellschaften, die Anthropologen und die Vor- und Frühgeschichtler untersuchen, und auch nicht in verstaatlichten Gesellschaften außerhalb der europäischen Hegungszone seit der frühen Neuzeit.“

Dass die Kriege der Gegenwart als Neue Kriege wahrgenommen werden, führt Langewiesche schließlich auch auf die Universalisierung der Menschenrechte zurück. Denn sie erzwingt nun, Menschenrechtsverletzungen im Krieg überall auf der Welt in gleicher Weise zu bewerten und zu verurteilen. Zuvor wurde der Krieg, den europäische Staaten außerhalb Europas führten, mit anderen Maßstäben gemessen als die Kriege in Europa. Doch dieser doppelte Maßstab mit einer doppelten Moral – eine für den eigenen Kulturraum, eine andere für die fremden Kulturen – wird nicht mehr akzeptiert. Heute fühlen sich auch Gesellschaften, die nicht von einem Krieg betroffen sind, verantwortlich. Sie fordern, einen Krieg, der als illegitim gilt, weil er die Menschenrechte von Bevölkerungsgruppen verletzt, sogar in Völkermord übergeht, mit „humanitären Interventionen“ zu bekämpfen. In ihnen erlebt die Idee des „Gerechten Krieges“, der in seiner Rechtfertigung und in seiner Durchführung an feste Regeln gebunden ist, eine Renaissance. Er ist die Antwort der Gegenwart auf die Regellosigkeit der „Neuen Kriege“.

Die bittere Ironie dieser Geschichte: Indem die heutigen Militärinterventionen des Westens versuchen, das Staatsmonopol auf Krieg, das man im Europa der frühen Neuzeit erreicht zu haben schien, weltweit zu erzwingen, sehen sich Amerikaner und Europäer selbst zunehmend in asymmetrische Kriege verwickelt, in denen sie ihrerseits immer wieder gegen die Regeln des modernen Kriegsvölkerrechts verstoßen und nicht zuletzt deshalb ihre Gegner kaum bezwingen können, die sich wiederum an keinerlei Regeln gebunden fühlen. Oder, wie Langewiesche den 2007 verstorbenen Soziologen Karl Otto Hondrich zitiert: „Was wir nicht ertragen können, versuchen wir zu unterbinden – paradoxerweise nun mit eigener Gewalt.“ So erhält der „Gerechte Krieg“ seine Rechtfertigung durch die „Neuen Kriege“. Hierin sieht Langewiesche den vermutlich wichtigsten Grund für die Faszination, die vom Bild der Neuen Kriege ausgeht – ein Bild, das wirklich neu nur in den eurozentrischen Köpfen des Westens ist. Amerikas und Europas Antworten auf die heutigen Kriegsformen wirken daher nicht zufällig von Jahr zu Jahr älter.

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Dass sie keine Waffenindustrie hatten, machte die Überfälle der Indianer auf europäische Siedler nicht weniger grausam und blutig. Anstatt dankbar dafür zu sein, dass wir Kriege asymmetrisch mit der weit größeren Kraft auf unserer Seite führen können, erheben Gutmenschen und Orkagenten immer weitreichendere humanistische Anforderungen an unsere Streitkräfte.

Um Erfolg zu haben, auch an der Heimatfront, muss m.E. vermehrt der sadistische und grausame Charakter des Feindes herausgestellt werden (2), ohne dass der westliche Bürger gleich in Schreckstarre versetzt wird. Orientierung könnten die Indianerkriege sein. Das Neue an den „Neuen Kriegen“ sollte nicht sein, dass jeder meint, mitreden und vor allem mitbestimmen zu können, das Neue sollte sein, ihre Verluste nochmals zu maximieren und vor allem unsere nochmals zu minimieren.

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Time am 17. Februar 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/05/die-terroristen-terrorisieren/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/19/zwei-strategien-gleichzeitig/
2) http://de.danielpipes.org/7972/nahen-osten-starkes-pferd
(aktuell, but: It’s just the Nazislam, Daniel! T.)

Von Thomas Speckmann in der „Madrasa of TIME“:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/26/imperialkrieg/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/26/asymmetrischer-krieg/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/10/jihad-terrorismus-xxxxl/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/12/02/keine-regeln-nur-fur-uns/

Die Orks verdienen keine Demokratie

21. November 2009

Heute brachte die FAZ einen wie stets exzellenten Bericht von Friederike Böge aus Kundus:

Wir  sind da

Wie es sich in Kundus lebt, das weiß auch die Bundeswehr nicht. Nur gepanzert wagt sie sich aus ihrem Lager in die Stadt. Unsere Autorin hat zwei Jahre dort gewohnt. Nun ist sie noch einmal zurückgekehrt – zwischen alle Fronten.

Als ich vor fünf Jahren nach Kundus zog, war die Stadt ein verschlafenes Nest mit Schlammstraßen, auf denen sich bunt geschmückte Kutschen durch Schlaglöcher quälten. Überall wurde gebaut, kleine Geschäfte öffneten, Flüchtlinge kehrten zurück, Zukunft lag in der Luft. Im Hotel „Kundus“ fanden regelmäßig Bürgerversammlungen statt, in denen über die Parlamentswahl diskutiert wurde, den Karikaturenstreit, die Hochwasserprävention. Bis auf die Rufe der Mullahs morgens um fünf war es so ruhig, dass viele Deutsche, die mit der Bundeswehr oder den Hilfsorganisationen kamen, spöttisch von Bad Kundus sprachen. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier einmal von tieffliegenden Kampfflugzeugen geweckt werden könnte. So wie heute Morgen um drei.

Die Stadt, die ich vor drei Jahren verlassen habe, ist heute Frontstadt in einer Provinz, die einem Kriegsgebiet gleicht. Fast wöchentlich werden Soldaten der Bundeswehr angegriffen, und gerade sollen bei einer Offensive der afghanischen Armee und amerikanischer Spezialeinheiten hundertdreißig Taliban getötet worden sein. Nur in gepanzerten Fahrzeugen wagen sich die Deutschen, deren Lager wie ein Ufo auf einem Hügel über der Stadt sitzt, noch durch die Stadt, die sie schützen wollten.

Sie fahren vorbei am Südtor von Kundus, wo der Polizeiposten mit Sandsäcken zu einer kleinen Festung umgebaut ist. Vorbei an der Baumwollfabrik, welche die Stadt in den sechziger Jahren groß gemacht hat und wo heute Arbeiter träge in den Gängen warten. Auf der Hauptstraße geht es zum Verkehrskreisel, auf dem ein Polizist zwischen Autos und Motor-Rikschas steht. Die Eiscremeläden, in denen indische Musikvideos laufen, sind abends in pinkfarbenes Neonlicht getaucht, es sei denn, es ist Stromausfall. Auf dem Bürgersteig schweißen Jungs ohne Schutzkleidung Eisentore zusammen. Geldhändler wedeln mit Dollarbündeln, es gibt Hochzeitsschmuck, chinesische Billigschuhe, Plastikstühle, Teppiche, und in den Gassen dahinter reihen sich die Häuser, Lehmmauer an Lehmmauer. Es wirkt, als habe sich die Stadt seit meiner Abreise kaum verändert.

Als ich in Kundus lebte, arbeitete ein junger Mann für mich als Übersetzer. Er war einer derjenigen, die sich damals auf die Leute aus dem Westen eingelassen haben. Jetzt soll ich ihn in dieser Geschichte Mirwais Amiri nennen, weil er Angst hat, seinen richtigen Namen zu tragen. Wir treffen uns bei ihm, in einem Gehöft am Stadtrand mit Ziehbrunnen und Hühnern. Eine Schwester bringt Tee und Mandeln, und Mirwais erzählt, wie er vor ein paar Tagen auf dem Markt war und Ketchup kaufte. Aus Versehen sei ihm die Flasche heruntergefallen und zerbrochen. Als er sie trotzdem bezahlen wollte, hielt ihn eine Frau zurück. „Du kannst die Tomatensoße nicht benutzen“, sagte sie, „also brauchst du sie nicht zu bezahlen.“ Dann habe sich eine andere eingemischt und gesagt: „Lass den ruhig zahlen, der hat genug Geld, der arbeitet für die Ausländer.“

Mirwais lacht, er lacht darüber, dass er nicht wusste, wer die Frau war, sie trug eine Burka, dass aber sie wusste, wer er war. Eigentlich ist die Geschichte aus genau diesem Grund gar nicht witzig. Seit Monaten geht er jeden Morgen mit Büchern unter dem Arm ins Büro, damit die Leute denken, er sei Student, dabei arbeitet er für eine deutsche Hilfsorganisation. Freunden, die davon wussten, hat er erzählt, er habe gekündigt. Diese Angst, mit Ausländern in Verbindung gebracht zu werden, kannte ich von früher nicht. Sie kam erst, als die Taliban in der Provinz Kundus wieder Fuß fassten.

Mirwais legt eine DVD in den Recorder. Auf dem Bildschirm erscheint ein junger Mann, Schnauzbart, Seitenscheitel, Hemd und Bundfaltenhose. Er läuft die Hauptstraße von Kundus hinunter, vorbei an Kebabständen, Frauen in weißen Burkas, reisigbeladenen Kamelen und Männern mit beigefarbenen Pluderhosen, die in Plastiksandalen dahinschlappen. Der Film ist ein Dokument für die kulturelle Verwirrung eines Übersetzers, der sich zwischen zwei Welten bewegt. Der Mann auf dem Bildschirm ist Mirwais selbst. Er hat seinen Bruder gebeten, ihn zu filmen, weil Verwandte ihm vorgeworfen hatten, sein Gang sei arrogant geworden, seit er mit Deutschen zusammenarbeite. „Ich gehe doch ganz normal“, sagt er.

Mirwais gehört zur neuen Elite von Kundus, die mit der Präsenz von Bundeswehr und Hilfsorganisationen entstanden ist. Sie suchten junge, unbelastete Mitarbeiter, die Englisch sprachen und einen Computer bedienen konnten, und weil das nur wenige waren, stiegen deren Gehälter rasch und veränderten das soziale Gefüge ganzer Familien. Mit neunzehn Jahren verdiente Mirwais sechsmal so viel wie sein Vater, der Lehrer war. Um diese Demütigung zu lindern, gab Mirwais das Geld jeden Monat bei seinen Eltern ab. Trotzdem stieg er zum heimlichen Familienoberhaupt auf, Onkel baten ihn nun um Rat und Hilfe. Inzwischen leben von seinem Gehalt zwanzig Verwandte.

In den vergangenen drei Jahren sind die Taliban wieder nach Kundus eingesickert. In diesem Jahr eröffneten sie im Norden eine zweite Front, als sie im Süden und Osten unter Druck gerieten. Außerdem versorgen die Amerikaner ihre Truppen seit Monaten über Kundus, weil die Route über Pakistan unsicher geworden ist. Damit hat die einst isolierte Provinz für beide Parteien eine neue strategische Bedeutung erlangt. In den paschtunisch besiedelten Distrikten konnten die Taliban alte Netzwerke aktivieren, die ihnen Unterschlupf gewähren. Über Händler aus diesen Distrikten reicht ihr Einfluss bis in die Innenstadt von Kundus, in der sich nun die Stimmung verändert hat.

In der Moschee hört Mirwais die Leute sagen, die Ausländer hätten Menschen wie ihm das Gehirn gewaschen (Interessant, das gewaschene Gehirn mal positiv gewendet: Ein gewaschenes Hirn ist sauber und rein, ein ungewaschenes ist schmutzig, so schmutzig wie die Gedanken des perversen Klohametts, T.), und natürlich haben all seine Begegnungen, die Reisen zu Fortbildungen nach Bonn und Berlin eine Wirkung getan. Wenn Mirwais mit seiner Frau zusammen einkaufen geht, unterhalten sie sich in der Öffentlichkeit. Wenn sie Freunde nach Hause einladen, muss sich seine Frau nicht im Nachbarzimmer verstecken. Das sind Verstöße gegen die Konvention. „Meine Art zu denken hat sich verändert“, sagt Mirwais und klingt wie einer, der sich selbst im Spiegel betrachtet. Eigentlich müsste er seiner Schwester jeden Morgen verbieten, in Jeans zur Schule zu gehen. Das würde sie sogar von ihm erwarten. Aber er nimmt das nicht so ernst. Deshalb hat nun sein jüngerer Bruder diese Aufgabe übernommen.

Der Regisseur Volker Schlöndorff hat einmal beschrieben, wie die Präsenz amerikanischer Soldaten im Deutschland der fünfziger Jahre ihn geprägt habe. „Wir liefen einfach zum Feind über, der sich um kein ,Betreten verboten‘ kümmerte, auf Rasen und Blumenbeeten herumkurvte, ein Bein cool aus dem Jeep baumelnd. Die Zivilisation der Amerikaner hatte uns einfach mehr zu bieten als ,das deutsche Erbe‘ der Eltern und Lehrer.“ Kann es sein, dass Mirwais fasziniert war von der Zivilisation der Deutschen, in deren Büros Akten und Sitzungstermine mehr galten als Teetrinken und der Respekt vor dem Alter?

Spät, vielleicht zu spät, hat die internationale Gemeinschaft auf die Rückkehr der Taliban reagiert. Sie hatten sich in den Stammesgebieten in Pakistan reorganisiert, während Amerika Al Qaida in Afghanistan gemeinsam mit alten Bürgerkriegsveteranen bekämpfte, die das Land in Schutt und Asche gelegt hatten. Sie halten heute im Parlament, in der Polizei und in den Provinzen wieder alle Fäden in der Hand. Die Korruption, der Machtmissbrauch der eigenen Regierung und die zivilen Opfer bei militärischen Operationen der Ausländer machte die Bevölkerung bald zynisch. Ohne sie aber können die Taliban nicht erfolgreich bekämpft werden. In diesem Umfeld gelingt es radikalen Kräften immer leichter, den Leuten einzureden, ihr Land sei von fremden Mächten besetzt.

Nurulhoda Maulawizada Karimi leitet die Koranschule von Kundus. Der Mullah mit dem wuchtigen Bart weiß, dass Koranschulen im Westen einen üblen Ruf haben, aber das verleitet ihn nur zu einem Scherz. „Wir haben hier 1500 Taliban“, sagt er zur Begrüßung, „Studenten – auf persisch Taliban.“ Er bittet in die Bibliothek, einen Raum voller handgeschriebener Bücher, an dessen Ende ein einzelner Computer steht. Er lobt den Bau von Straßen, Kliniken und Schulen. Doch es habe auch negative Veränderungen gegeben. „Vor allem das Privatfernsehen“, sagt er, „statt zu lernen, gucken unsere Kinder Seifenopern, und die Mädchen tragen Kleider wie indische Schauspielerinnen.“ Die Leute hätten die Bedeutung von Demokratie falsch verstanden. „Sie missbrauchen sie, um halb nackt herumzulaufen.“ Es klingt nicht, als sei Nurulhoda ein Reformer. Er ist es aber.

Vor zwei Jahren hat er die Leitung der Schule übernommen, auf der einige Lehrer noch von den Taliban eingestellt worden waren. Er legt die Hände an die Schläfen, um zu zeigen, wie eingeschränkt deren Blickfeld war. Er setzte Naturwissenschaften und Poesie auf den Plan und ließ das Diskutieren und Moderieren üben statt immer nur den Koran zu rezitieren. Als die Regierung ihm keine neuen Bücher schickte, schloss er kurzerhand einen Sponsorenvertrag mit einem Teehersteller ab. Heute hält er über das Internet Verbindung zu islamischen Lehranstalten in Iran, Ägypten und der Türkei. „Wir wollen an der modernen Entwicklung teilhaben“, sagt er. Wenn es nach ihm ginge, sollte der Westen mit den Religionsgelehrten eine islamische Demokratie in Afghanistan einführen. Um die Rechte der Frauen müsse man sich keine Sorgen machen. Frauenrechte gebe es auch im Koran. Das zeige sich schon daran, dass sie in islamischen Ländern nicht so hart arbeiten müssten wie im Westen.

Es war, als ich vor fünf Jahren nach Kundus kam, um für eine deutsche Hilfsorganisation zu arbeiten, damals viel von Zivilgesellschaft die Rede. Das Wort „civil society“ fehlte selten in Projektanträgen und öffentlichen Reden. Dabei wusste fast niemand so genau, was damit gemeint war. Sprachen die Leute nur „die Sprache der intervenierenden Macht“, um Gelder abzugreifen, wie der Afghanistan-Experte Conrad Schetter einmal schrieb? Hatten westliche Hilfsorganisationen sich von einer kleinen, modernen Elite blenden lassen und dabei die konservative Mehrheit aus dem Blick verloren?

Muslima Waliji ist Chefin der Frauenorganisation „Peace Window for Women“. Sie sitzt in einem großen Büro, in das alle paar Minuten Frauen mit einer Frage oder einem Papier zur Unterschrift kommen. Ihr Sohn und ein Wächter scheinen die einzigen Männer auf dem Gelände zu sein. Waliji hat ihr Kopftuch auf die Schultern rutschen lassen, die Burka hängt neben der Tür. „Die Leute hätten sich Schritt für Schritt dem neuen System genähert“, sagt sie. „Aber dafür brauchten sie Vertrauen und Sicherheit.“ Das Vertrauen in den Staat sei durch Korruption erschüttert worden, und die Gefahr durch militante Kräfte habe die Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement erstickt.

Muslima Waliji ist schon seit langem eine bekannte Frau in Kundus. Als die Sowjetunion Ende der siebziger Jahre Afghanistan besetzte, wurde sie von den neuen Machthabern zur Leiterin der Behörde für Frauenangelegenheiten in der Nachbarprovinz Takhar ernannt. Manche Einheimische halten ihr den Aufstieg heute noch vor. Trotzdem ließ sie sich, als die Bundeswehr nach Kundus kam, wieder auf ein neues politisches System ein. Nach dem Sturz der Taliban ging sie schon am nächsten Tag in ihre alte Schule, um wieder als Lehrerin zu arbeiten, später gründete sie eine Frauenorganisation. Frauen wie Waliji wurden damals vom Westen gern herumgereicht, weil sie die Hoffnung auf ein anderes Afghanistan verkörperten. Sie wurde zu den Besuchen deutscher Minister geladen, der Name Wieczorek-Zeul geht ihr noch leicht über die Lippen, und sie trat bei Veranstaltungen als Rednerin auf, bei denen sich das lange isolierte Land mit der Welt zu synchronisieren suchte. Damals wurde in Kundus mit viel Aufwand der Tag der Pressefreiheit begangen, der internationale Frauentag, der Tag des Kindes. Es erschien wie ein Fortschritt. Oder wollte das der Westen nur so sehen?

Sayed Faruq Omar ist oberster Richter von Kundus, ein Mann mit einem Spitzbart und einer ironischen Zahnlücke. Sein Haus ist ungewöhnlich schlicht für einen Mann in seiner Position, kahle Räume mit verschlissenen Sitzkissen, ein trostloser Innenhof ohne Blumen. Wie die meisten Regierungsvertreter auf Provinzebene hat Omar gegen die Sowjettruppen gekämpft und später im Bürgerkrieg. Beides tat er unter der Führung von Gulbuddin Hekmatyar, der heute zu den meistgesuchten Terroristen der Welt zählt. Leute wie Omar stellten Bundeswehr wie Hilfsorganisationen vor ein Dilemma. Man wollte und musste mit ihnen zusammenarbeiten, sie waren die afghanische Regierung, und doch wusste man nie , wen man vor sich hatte. Für die anderen mag Sayed Faruq Omar ein Warlord gewesen sein, für mich war er erst einmal mein Chef.

Abends saß er über dem Wörterbuch und lernte Englisch oder brachte sich bei, mit dem Computer umzugehen. Später ging er als vermutlich ältester Student Afghanistans noch einmal an die Universität, um sein Jurastudium abzuschließen. Er bemühte sich, im neuen System seine Stellung zu wahren, und es half ihm, dass er sich mit dem alten auskannte. Als sein Name einmal auf einer Fahndungsliste auftauchte, weil er angeblich Staatsland zu einem Spottpreis erworben hatte und deshalb der Generalstaatsanwalt aus Kabul kam, ihn zu verhaften, warnte ihn örtliche Polizeichef, den er von früher kannte. Die Sache verlief sich, und das Viertel, in dem er damals ein Haus baute, was er heute teuer vermietet, heißt im Volksmund „Rais Abad“, was „Ort der Chefs“ bedeutet. Es ist zu einem Symbol der Korruption in der Regierung geworden. „Hätte ich den Kaufpreis ablehnen sollen, den der Gouverneur angeboten hat“?, fragt Omar. „In unserem Gericht ist doch selbst die Anti-Korruptionsbehörde korrupt.“ Und: „Wer nichts nach Hause bringt, bekommt Ärger mit seiner Frau.“

Als ich noch für Sayed Faruq Omar arbeitete, habe ich nie gefragt, wie es kam, dass er einer von Hekmatyars Milizenchefs wurde. Als ich ihm diese Frage nun stelle, scheint es fast, als habe er darauf gewartet. Er rückt seinen grünen Mantel zurecht und beginnt zu erzählen, streng chronologisch, vier Stunden lang. Auf kritische Nachfragen gibt er fast immer die gleiche Antwort: „Das war damals so.“

Die Söhne, neun und elf sitzen gelangweilt daneben, als Vater vom Krieg erzählt. In den achtziger Jahren hatte er nach Pakistan fliehen müssen, als sein Bruder wegen Mitgliedschaft in einer Widerstandsgruppe vom kommunistischen Geheimdienst verhaftet worden war. In Pakistan traf er dann Hekmatyar, der ihm half, weil er wie Omar aus Imam Sahib kam, einer Kleinstadt im Norden der Provinz Kundus. Er finanzierte ihm ein Jurastudium in Saudi Arabien. Doch als er nach zwei Jahren zurückkehrte, musste er auf einmal kämpfen lernen. „Wir wurden auf einen Workshop des pakistanischen Geheimdienstes geschickt“, sagt Omar, „und konnte wählen zwischen Kursen für Minen legen, Panzerfaust und Kalaschnikow schießen.“ Er sagt tatsächlich „Workshop“ und meint es wohl ironisch. So werden im Volksmund alle Kurztrainingsprogramme genannt, mit denen westliche Hilfsorganisationen das Land überziehen. Ist der Westen in seinen Augen nur eine weitere ausländische Macht, die Afghanistan ihre Werte aufzwingen will?

Stundenlang erzählt Omar über die Kämpfe, die er erst gegen und dann mit dem Usbekenführer Abdul Rashid Dostum, erst gegen und dann mit dem Tadschikenführer Ahmad Shah Massoud, erst gegen die Taliban ausgefochten hat und dann mit ihnen. Damals hatten sie gedroht, seine Heimatstadt anzugreifen, wenn ihnen der örtliche Kommandeur nicht zweihundert Männer stelle. Die undankbare Aufgabe, sie zu führen, sei dann ihm zugekommen, sagt Omar. Beim ersten Schusswechsel seien viele jedoch desertiert, er selbst sei erst gar nicht an die Front gefahren und habe sich bald ins hundert Kilometer entfernte Tadschikistan abgesetzt. Es scheint immer Krieg gewesen zu sein im Leben von Sayed Faruq Omar, aber von den Seitenwechseln kann einem schwindlig werden. Warum hat er denn gekämpft, wenn Gegner und Verbündete nicht mehr zu trennen waren? „Das war damals so“, sagt er.

Eines Tages wird die Bundeswehr aus ihrem Lager über Kundus abziehen. Wenn die Hilfsorganisationen dann nicht mehr sicher sind, werden auch sie gehen. Was wird dann bleiben?

Der Übersetzer Mirwais Amiri wird nach Kabul ziehen müssen, wenn er ohne die Ausländer auf einmal in Gefahr ist in Kundus. Die Frauenrechtlerin Muslima Waliji wird womöglich ihre Frauenorganisation aufgeben und wieder als Lehrerin arbeiten, wie nach dem Abzug der Sowjettruppen. Für den Religionslehrer Maulawi Nurulhoda macht es sicher keinen Unterschied, ob die Deutschen da sind. Und Richter Sayed Faruq Omar wird wohl sagen, das mit der Demokratie und der Idee von einem modernen Staatswesen, das war damals so.

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Ich komme auf meinen Vorschlag „Fort Pointing Man“ (1) zurück: In Afghanistan ist es m.E. das vornehmste Ziel, die Kräfte mohammedanistischer Terroristen aus aller Welt zu binden. Dabei sind die Terroristen auch dann noch Terroristen, wenn sie in Millionenstärke gegen unsere Mauern anrennen sollten oder wenn das ganze afghanische Volk auf ihrer Seite stände.

Deshalb verstehe ich auch weder Mirwais Amiri noch seine deutschen Auftraggeber: Wir erfahren, daß Mirwais große Angst um sein Leben hat. Sie ist so begründet, daß er mit Hilfe einer Videokamera übt, seinen Gang zu kontrollieren – der Gang kann über Leben und Tod entscheiden. Wir erfahren, dass Mirwais 20 Familienmitglieder ernährt und zum heimlichen Familienoberhaupt aufgestiegen ist, bei dem sich die Onkels Rat holen. Warum aber kauft er zB. nicht zehn von diesen Onkels und Cousins Waffen, damit sie ihm beistehen können? Im Wilden Westen trug doch jeder Mann einen Revolver an der Hüfte (manche sogar zwei), und jede Frau hatte einen Derringer in der Handtasche oder im Strumpfband. Warum sollte das heutzutage in unzivilisierten Gegenden anders laufen? Was erwartet der Westen dort zu erreichen? Sind die Indianerkriege schon völlig in Vergessenheit geraten? Wieso sind unsere Freunde unbewaffnet, während die Taliban vor (amerikanischen) Waffen starren?

Das Land dort braucht zudem – anders als Amerika – doch überhaupt keiner, es ist für die Menschheit völlig irrelevant, welche Orkbande welche andere massakriert. Es ist doch eigentlich sogar je mehr je besser: Jeder gegen jeden und alle halten sich gegenseitig schön klein. Wenn einer dieser fiesen Typen zu sehr aufsteigt, sollten wir gleich seine Gegner stark machen. Sayed Faruq Omars Geschichte deutet m.E. überdeutlich in diese Richtung (Talente und Freunde – wie den kleinen Jungen auf dem Foto oben – können wir ja „herausfischen“).

Als unser Fehler Nummer eins kristallisiert sich in meinen Augen heraus, daß wir dort – ebenso wie später im Kosovo – verhindert haben, daß die Bolschewisten ihren Job machen konnten (ich denke nicht, daß die afghanische Niederlage wesentlich für das Ende des Kommunismus war). Als Fehler Nummer zwei sehe ich es an, daß wir nicht verhindert haben, daß mit den Taliban wieder eine Gruppe das Land dominieren und staatliche Strukturen nutzen konnte. In beiden Fällen hat der Westen tatkräftig am Erstarken der Monster mitgewirkt. Einerseits hat er die Horden gegen die Sowjets ausgerüstet, andererseits den pakistanischen Geheimdienst hochgepäppelt, der seinerseits ja quasi personalidentisch mit den Taliban ist.

Ja, „Nachher ist man immer klüger“, aber allmählich wird diese ständige Wiederholung des gleichen Fehlers so richtig ärgerlich, und die Diskussion läuft meiner Ansicht nach auch völlig in die falsche Richtung, wenn Friederike Böge meint: „Eines Tages wird die Bundeswehr aus ihrem Lager über Kundus abziehen.“ Warum sollte sie das tun, bevor der Mohammedanismus vernichtet ist? Nein, wir sollten von dort NIE wieder weggehen, und zwar auch dann nicht, wenn dereinst der Mohammedanismus bedeutungslos geworden ist. Wir sollten aber auch keinen anderen Anspruch haben, als die Orks ordentlich vorzuführen. Demokratie können wir ihnen nicht bringen, die müssen sie sich selbst erarbeiten und vor allem: VERDIENEN.

Time am 21. November 2009

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(1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/30/fort-pointing-man/

auch (Benzindiebe stellen Schadenersatzforderungen): http://www.n-tv.de/politik/Deutschland-soll-zahlen-article599707.html

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PS1.: Ist ja ein freundliches Foto, aber warum steht ein Okjunges mit einer großen Tasche ungehängt (in die sehr viel Nitro passt) derartig nah an einem unser Jungs?

PS2.: Heute (221109) in N-TV, neue amerikanische Strategie: http://www.n-tv.de/politik/Milizen-gegen-die-Taliban-article600674.html