Posts Tagged ‘Gulbuddin Hekmatjar’

Sie kaufen uns weg

29. Juli 2010

Hübsch anzusehen: Abu Dhabi (1), die Hauptstadt des gleichnamigen Emirates sowie der „Vereinigten Arabischen Emirate“

Skurril, was die heutige FAZ über eine aktuelle Resolution der UNO zu berichten weiß: „UN erklären Wasser zum Menschenrecht – Die Vereinten Nationen haben am Mittwoch den Anspruch auf reines Wasser in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aufgenommen. Die von Bolivien vorgelegte Resolution wurde in der Vollversammlung mit großer Mehrheit angenommen. Einige Staaten enthielten sich, Gegenstimmen gab es keine. Die Resolution bedeutet kein Recht auf Wasser im Sinne des internationalen Rechts, ist aber politisch von Bedeutung.“

Kewil schreibt dazu: „Sauberes Wasser ist jetzt ein Menschenrecht. Die Vereinten Nationen haben am Mittwoch den Anspruch auf reines Wasser in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aufgenommen. Man kann darüber lachen und auch noch Sonnenschein, saubere Luft und Regen in die Menschenrechte schreiben, aber so wie wir die globalisierte Welt kennen, könnte auch ein Staat klagen, und wir müssen Tankschiffe in die Sahara schicken…“ (2)

Er hatte die Info aus der NZZ, in der auch Folgendes stand: „Nach Uno-Angaben enthielten sich 41 Staaten. Das waren vor allem Industrieländer, während die Staaten der Dritten Welt praktisch durchgängig für den Entwurf stimmten.“

Vor allem eines sollten die Industrieländer nun in der UNO zur Abstimmung bringen, nein, nicht „Human Rights for Snakes“ (3), sondern das MENSCHENRECHT AUF ERDÖL.

Bisher läuft es doch so, dass wir den Orks das Öl für fantastische Preise abkaufen, so dass sie gar nicht wissen, wohin mit dem Geld. Dann kaufen sie sich bei uns ein. Und falls sie pleite gehen (4), erlassen wir ihnen die Schulden (5).

Rainer Hermann referiert in der heutigen FAZ in zwei Beiträgen die Bemühungen der krakenden Golfstaaten.

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Nach der Welt greifen

Wieder einmal war Abu Dhabi eine der ersten Adressen. Diesmal suchte der angeschlagene Ölkonzern BP den Rettungsring eines langfristig denkenden strategischen Investors. Allein die Bestätigung der Nachricht, dass sich der Vorsitzende Tony Hayward mit dem Kronprinzen von Abu Dhabi getroffen hatte, reichte aus, um den Sinkflug der BP-Aktie zu stoppen. Ein Staatsfonds des ölreichen Emirats soll BP vor einer Übernahme bewahren, so wie die Staatsfonds im vergangenen Jahr den Banken Barclays und Citigroup über die Klippen der Krise geholfen hatten.

Die großen Staatsfonds der ölproduzierenden Golfstaaten greifen nach der Welt. Sie beteiligen sich an großen Namen der Industrienationen, siedeln zukunftsträchtige Industrien bei sich an und investieren einen größeren Teil ihrer Petrodollars im aufstrebenden Asien. Eben erst hat Aabar aus Abu Dhabi 5 Prozent der größten italienischen Bank Unicredit erworben und wurde ihr zweitgrößter Aktionär. Die Qatar Investment Authority (QIA) war am Börsengang der größten chinesischen Bank beteiligt und erwarb über eine Tochtergesellschaft 5 Prozent am weltgrößten Wasserunternehmen Veolia aus Frankreich.

Das kühle kommerzielle Kalkül der Staatsfonds hat den Beteiligungen die Aura der märchenhaften Exotik genommen. Als die Kuwait Investment Authority im Krisenjahr 1974 bei Daimler einstieg und 1982 mit 25 Prozent bei der Hoechst AG, hatten viele die Nase gerümpft. Als Aabar im vergangenen Jahr an Daimler 9 Prozent erwarb und vor den Fängen eines schwedischen Hedge-Fonds bewahrte, atmeten hingegen viele auf. Denn die Staatsfonds haben sich als Aktionäre erwiesen, die dem Management keine Vorgaben machen, langfristig Gewinn sehen wollen und in Dekaden denken.

Die Qatar Investment Authority (QIA) ist noch auf Immobilien ausgerichtet. Neben den 17 Prozent an Volkswagen und einer Beteiligung an der Credit Suisse dominieren teure Häuser in London. Ihr gehören das Kaufhaus Harrods, ein Großteil des Viertels Canary Wharf, 27 Prozent an der Supermarktkette Sainsbury. Nun ist das Savoy Hotel im Fokus. Im monatlichen Rhythmus kommen Objekte hinzu, mal das Raffles Hotel in Singapur, dann ein Luxusresort auf den Seychellen. 30 Milliarden Dollar will QIA in diesem Jahr ausgeben, 2011 könnten es 50 Milliarden Dollar werden. In einer Woche im Mai hatte QIA Harrods gekauft und Investmentfonds in Indonesien und Malaysia aufgelegt. Interesse hat Qatar auch an der französischen Nuklearfirma Areva.

Überall sind die Staatsfonds ein Puffer gegen die großen Preisausschläge des Erdöls. In Kuweit finanzieren die Erlöse der Staatsfonds noch immer fast den gesamten Import. Abu Dhabi setzt sie auch ein, um Industrien jenseits von Öl und Gas anzusiedeln. Nach einer Schätzung des amerikanischen Sovereign Wealth Fund Insti-tute ist die Abu Dhabi Investment Authority (ADIA) mit Aktiva von 627 Milliarden Dollar der mit Abstand größte Staatsfonds. In die Schlagzeilen kommen aber die kleineren Staatsfonds: Abu Dhabi Mar übernahm Blohm+Voss (inkl. militärischem Sektor, s.6, T.) und baut nun Werften in Abu Dhabi; die IPIC erwarb 70 Prozent des Anlagenbauers Ferrostaal und will nun Teilhaber an der Gasleitung Nabucco werden; Aabar ist an Daimler und am Elektroautohersteller Tesla beteiligt, an Banken wie Unicredit und Banco Santander und mit 32 Prozent an Richard Bransons Virgin Galactic selbst an der künftigen kommerziellen Raumfahrt.

Neben Finanzinvestitionen und Immobilien ist die Ansiedlung von zukunftsträchtigen Industrien eine dritte Aufgabe. Oben auf der Liste steht die Herstellung von Mikrochips. Die Regierung von Abu Dhabi ist mit Globalfoundries, einer Partnerschaft mit der amerikanischen AMD, schon der zweitgrößte Hersteller. Seine wichtigsten Werke stehen in Dresden und New York, ein weiteres wird in Abu Dhabi gebaut. In ihm sollen die Studenten aus den Emiraten arbeiten, die schon jedes Jahr in Dresden ein Sommerpraktikum machen. Zu Hightech kommt die Luftfahrt. Mubadala beginnt in diesem Jahr mit der Produktion von Komponenten für Boeing und Airbus. In weniger als einem Jahrzehnt will das Unternehmen in Abu Dhabi ein eigenes Flugzeug entwickeln. In der Wüste des Emirats Abu Dhabi baut das Staatsunternehmen Masdar mit Partnern aus Spanien und Frankreich eines der größten Solarkraftwerke, in den Industriezentren Chinas investiert Bourouge in petrochemische Werke für die chinesische Automobilindustrie.

Die ölproduzierenden arabischen Golfstaaten sind ein Machtzentrum der Weltwirtschaft geworden. Ihre Staatsfonds nehmen jedes Jahr die Hälfte der amerikanischen Staatsanleihen in die Bücher, sie retten angeschlagene westliche Unternehmen und finanzieren Investitionen in Asien. Zu Hause legen sie den Grundstein für eine Zukunft nach dem Öl. Den Weg hat ihnen das benachbarte Dubai gewiesen, das nie viel Erdöl hatte. Während sich Abu Dhabi und Doha als Wirtschaftszentren etablieren, ist Dubai in der geographischen Mitte der Welt ein Drehkreuz für Menschen und Waren. Seine Fluggesellschaft Emirates wird mit den jüngsten Großaufträgen nicht zum letzten Mal Furore gemacht haben.

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Dorsch führt in Abu Dhabi Bauregie

Die Offenbacher Dorsch Gruppe hat in Abu Dhabi den Auftrag zur Bauleitung und Bauüberwachung des neuen Stadtteils al Ghadeer erhalten, der für 80 000 Einwohner angelegt ist. Der Immobilienentwickler Sorouh hat die Dorsch Holding GmbH-DC Abu Dhabi beauftragt, das Projekt al Ghadeer zu planen, das nahe am Flughafen Abu Dhabi und der Freizone Dschebel Ali von Dubai liegt. Das Projekt umfasst in der ersten Phase den Bau von 154 Villen, 518 Reihenhäusern und 1500 teilweise terrassenförmig angelegte Wohnungen, ferner medizinische Einrichtungen, eine internationale Schule, Parks, zwei Klubhäuser, Moscheen und Beförderungsangebote. Darüber hinaus sollen Infrastrukturleistungen für das Wassernetz gebaut werden. Die Dorsch-Gruppe, die in Abu Dhabi schon den neuen Hafen und zahlreiche kleinere Projekt plant, unterhält in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate eines der führenden Ingenieurbüros. Im Juni eröffnete Dorsch eine Tochtergesellschaft in Saudi-Arabien. Dort plant das Offenbacher Unternehmen den neuen Flughafen von Medina. Die Dorsch Gruppe ist in nahezu allen 22 arabischen Staaten tätig. In der syrischen Stadt Aleppo saniert sie das Wassernetz.

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Na, das läuft ja super. Aber es ist natürlich besser, wenn sich deutsche Bosse goldene Nasen verdienen, als wenn das ganze Geld in den afghanischen Jihad fließt. Der hat ohnehin zu allerletzt Geldprobleme, wie der aktuelle „Spiegel“ (#30, S. 70ff.) im Zusammenhang mit dem Verrat von Wikileaks berichtet.

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Erst Ende 2005, Anfang 2006 und nur durch Geldzahlungen und Drohungen der Aufständischen, formierte sich der Widerstand gegen die internationale Truppenpräsenz – das geht aus zahlreichen Meldungen hervor, die davon berichten, wie der Bevölkerung für aktive Unterstützung der Aufständischen Geld geboten wird. 700 Dollar offeriert etwa die von al Qaida unterstützte Terrorgruppe Islamische Bewegung Usbekistans in der Grenzprovinz Takhar im Zuständigkeitsbereich der Bundeswehr den Einwohnern, falls diese helfen, die logistischen Hauptverkehrswege der Isaf-Truppe mit Straßenbomben zu verminen: „Afghanen aus der Gegend sollen die Sprengsätze platzieren, weil sie vergleichsweise unauffällig sind. Gezündet werden sie dann durch die Spezialisten“, verrät ein Isaf-Zuträger in eii ner Meldung. In Chapchi, einem Ort in der Provinz Badakshan und ebenfalls im deutschen Zuständigkeitsbereich, lobte ein Taliban-Kommandeur sogar 1.000 Dollar für die erfolgreiche Durchführung eines Angriffs aus. Viel Geld in einem Land mit weniger als 500 Dollar durchschnittlichem Jahreseinkommen.

Fanatische Überzeugung und finanzielle Anreize greifen in der Kriegsmaschinerie oft genug ineinander: „Wenn ihr noch Würde im Leib habt, tut euch zusammen und greift den Feind an, attackiert ihn mit ‚Stinger‘-Raketen, koste es was es wolle, 150.000 oder 200.000 Dollar, ich bezahle“, fordert etwa der Warlord Gulbuddin Hekmatjar (ein Mann, der Klo H. Metzel besonders ähnlich ist. T.) die getreuen Anhänger seiner Hisb-i-Islami in der Provinz Logar auf. Es ist Mitte März 2006, und die Widerstandsbewegung lahmt noch immer gewaltig.

Hekmatjar ist ein Veteran. Er hat bereits gegen die Russen gekämpft und nach deren Vertreibung im Machtkampf um Kabul die Hauptstadt in Schutt und Asche gelegt. Nun ist er – bis auf weiteres – ein unbeugsamer Feind der Amerikaner.

Mehr als durch die aufpeitschenden Worte des in der Provinz Kunduz geborenen Islamisten dürfte die Kampfeslust seiner Gefolgsleute im Norden durch die an jeden Gruppenführer verteilten 100.000 bis 500.000 Afghani (2.000 bis 10.000 Dollar) befeuert worden sein. Worte und Investitionen des spendablen Extremisten wurden sorgsam in den Dokumenten festgehalten.

Während die Afghanen 2006 noch immer zögerten, sich in die neue kriegerische Auseinandersetzung zwischen dem Westen und den Islamisten zu werfen, spielten ausländische Kämpfer, Araber, Tschetschenen, Usbeken und chinesische Uiguren, von Anfang an eine Schlüsselrolle. Es sind ideologische Hardliner, die al-Qaida nahestehen. Sie verfügten über einen Erfahrungsschatz mit Sprengstoffanschlägen und Selbstmordattentätern, wie er in Afghanistan bis dahin weithin unbekannt war. Die tödlichen Techniken aus dem Irak-Krieg wurden so an den Hindukusch transportiert.

Die berüchtigten ausländischen Kämpfer werden im Logbuch des Krieges erstmals am 15. Juli 2005 auch im Norden des Landes gemeldet. Fünf Tschetschenen seien in die Stadt Kunduz gekommen, sie sollen moderne Waffen an einen Taliban-Kommandeur übergeben und das Uno-Büro angreifen. Der angeblich geplante Anschlag findet zwar nicht statt, doch der beschriebene Transfer von technischem Know-how und neuen Waffensystemen an die Taliban wird später wesentlich zur deutschen Misere in Kunduz beitragen.

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Nun versuchen wir zwar auch, die afghanische Bevölkerung zu kaufen, die Hilfsgelder allerdings landen nicht bei den Menschen, wie im „Spiegel“ (#27) zu lesen war:

„Viele Milliarden Dollar werden in Kisten und Koffern nach Dubai transportiert. Der Westen hat den Überblick über seine Hilfsgelder verloren… Es geht um riesige Geldmengen, die regelmäßig in Kisten und Koffern per Flugzeug außer Landes geschafft werden – über drei Milliarden Dollar in bar waren es, mindestens, seit 2007. Der bevorzugte Bestimmungsort: die Steueroase Dubai. Bei dem Geldabfluss kann es sich nicht nur um Gewinne aus legalen Geschäften handeln: Das gesamte Bruttoinlandsprodukt des Landes beläuft sich umgerechnet auf gerade mal 13,5 Milliarden Dollar.“

Und von dort aus geht es dann vermutlich wieder zurück an die Taliban.

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Time am 29. Juli 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Abu_Dhabi
2) http://www.nzz.ch/nachrichten/panorama/wasser_ist_ein_menschenrecht_1.6957435.html
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/12/01/menschenrechte-fur-schlangen/
4) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/11/26/macht-besser-keine-geschafte-mit-orks/
5) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/20/ich-weiss-ich-weiss/
6) http://www.welt.de/die-welt/wirtschaft/article6919301/ThyssenKrupp-beschliesst-Verkauf-von-Blohm-Voss-an-Araber.html
7) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-71261436.html