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Gunnar, der Kampf geht weiter

12. Mai 2012

Vor etwas über zwei Jahren hatte ich einen FAZ-Artikel von Matthias Hannemann über den norwegischen, antifaschistischen Widerstandskämpfer Gunnar Sønsteby gebracht. Hier ein Auszug (1):

“’Es ist wichtig, über die Lager zu reden’, sagt Sønsteby, ‚aber was kann die junge Generation in Deutschland dafür? Diese Touren sollten mal aufhören.’ Überhaupt, klagt er, diese Unfähigkeit vieler Zeitgenossen, endlich nach vorn zu schauen, auch in Deutschland: ‚Einmal muss doch Schluss sein. Eines Tages muss dieser Krieg doch mal zu Ende sein. Die Demokratie hat längst andere Feinde.’ Womit wir offenbar beim Thema wären. Vor Jahren erzählte Sønsteby schon dem Autor Ari Behn: ‚Wenn ich zwanzig wäre, hätte ich Bin Ladin mit einem meiner Männer gefunden.’ Das sagt er diesmal nicht; auch Sønsteby wird älter. Über die Muslime aber, über den fortwährend notwendigen ‚Einsatz für die Demokratie’, spricht er trotzdem, wenn auch leise.

Gunnar Sønsteby ist vorgestern im Alter von 94 Jahren gestorben.

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Gunnar Sønsteby gestorben

Er habe neun Leben gelebt, hieß es über Gunnar Sønsteby schon vor Jahrzehnten. Als er gerade 22 Jahre alt war, besetzten deutsche Truppen seine Heimat. Er habe ihrem Marsch über die Hauptstraße von Oslo zugesehen und nicht gewusst, was er tun solle, berichtete Sønsteby später. Das währte nicht lange: Er schloss sich dem Widerstand an. Die erste spektakuläre Sabotageaktion gelang zwei Jahre später, nachdem er als Agent des britischen Geheimdienstes den Decknamen „Nr. 24“ angenommen hatte: Zusammen mit anderen Mitgliedern der „Oslobande“ stahl er Druckplatten für Banknoten aus der Zentralbank. Er verübte Anschläge auf Einrichtungen der Besatzungsmacht. In der Schlussphase des Kriegs sicherte die „Oslobande“ Archivmaterial für Prozessen gegen Kollaborateure. Dass diese Prozesse rechtsstaatlich abliefen, war Sønsteby genauso ein Anliegen wie die Aussöhnung mit Deutschland. Nach dem Krieg studierte er Wirtschaftswissenschaften; er war ein erfolgreicher Unternehmer. Das Ehrenkreuz der norwegischen Streitkräfte, das ihm vor zwei Wochen verliehen wurde, war die letzte von vielen Auszeichnungen für den bekanntesten Kriegshelden des Landes. Am Donnerstag ist er im Alter von 94 Jahren gestorben.

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Time am 12. Mai 2012

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/27/die-nazis-seid-ihr/

Die Nazis seid Ihr!

27. Februar 2010

Antifaschistischer Held und Anti-Mohammedanist:
Gunnar Sønsteby

Vor kurzem hatte ich im Rahmen meiner regelmäßigen „Milieustudien“ den Rapper Azad mit einem seiner recht blutrünstigen Songs vorgestellt (1). Mein Beitrag stößt heute auf Ablehnung des Blogs „Blogicide“ (2), der meint: „So etwas darf es in Deutschland nie wieder geben“. Damit sind aber nicht etwa die Hasszeilen von Azad a la „Axt in deinen Schädel, bis dein Schädel auseinanderfällt“ gemeint, der nach Ansicht von Blogicide ein multikulturelles, interreligiöses Freundschaftprojekt betreibt, sondern meine Assoziation des verschwuchtelten Aso-Haufens mit dem Durcheinanderpurzeln einer Kellerasselgemeinschaft. Sami G. von Blogicide nennt sein wortreiches Gestammel „Analyse“ und will Azad persönlich auf mich hetzen sowie ein paar Anwälte, da mein Beitrag vermutlich §130 StGb der Volksverhetzung erfülle. Ich gehe davon aus, dass Azad dann außer den Anwälten seine ganze Asselbande mitbringen wird und auch die ganzen Schießeisen, Hackebeilchen und Flammenwerfer, ohne die sich Typen wie er nackt vorkommen. Darauf freue ich mich schon. „Das letzte Wort hat Azad“, faselt Sami G. Na, meinetwegen, denn ich werde der sein, der zuletzt lacht!

Meine Assoziation wird aber mit antijüdischer, nationalsozialistischer Propaganda gleichgesetzt. Dies zeigt einerseits, wie wenig der deutsche Nazismus im allgemeinen begriffen wird. Es weist weiterhin auf eine m.E. zentrale Aufgabe des Counterjihad hin. Dieser, der absolut gewaltlos ist, wenn man vom „heißen Counterjihad“ gegen die Taliban etc. absieht, muss m.E. die fatale Ähnlichkeit zwischen gewalttätigem Nazismus und Mohammedanismus als Kernbotschaft herausarbeiten – weil sie den Tatsachen entspricht. Sie sind es, die die Nazis sind, nicht wir vom Counterjihad. Ein großartiger Veteran im Kampf gegen den deutschen Nationalsozialismus hat das mit klarem Blick erkannt. Lesen Sie einen, wie ich meine, poetischen und teilweise etwas wehmütigen Bericht über den Norweger Gunnar Sønsteby von Matthias Hannemann aus der heutigen FAZ.

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Wäre ich jung, würde ich Bin Ladin jagen

Seine letzte Mission: Gunnar Sønsteby war im Zweiten Weltkrieg einer der führenden Köpfe des norwegischen Widerstands gegen die deutschen Besatzer. Jetzt hat er noch einmal die Hauptstadt der früheren Feindmacht besucht.

Ihr Name, bitte? Ach ja. Er legt den Stock ab, lächelt und greift nach dem Stift. Ein Name. Wie oft ist er früher nach seinem Namen gefragt worden, und wie häufig nannte er einen falschen, um sich zu schützen. Sieben Jahrzehnte ist das her. Damals war Gunnar Sønsteby zweiundzwanzig und stand an Karl Johan, Oslos Flaniermeile, als deutsche Soldaten im April 1940 das Land überfielen und ihn zum Widerstandskämpfer werden ließen. Jetzt ist Sønsteby zweiundneunzig. Er gilt als höchstdekorierter Staatsbürger des Königreiches. Selbst die Geburtstagsfeier auf der Festung Akershus liegt hinter ihm, bei der König Harald einem Reporter gestand, er kenne Sønsteby „seit ich ein Kind bin und er uns 1945 zum Schloss zurück eskortierte“.

Ihr Name? Ach ja. Der Mann im Mantel schreibt seinen Namen auf den Zettel, den ihm der Hotelier gereicht hat, und geht zügig ins Restaurant, um ein Bier zu bestellen. Es sei ihm wichtig, hieß es, noch einmal mit den Deutschen zu reden. Max Manus, Sønstebys Freund aus der „Oslogjengen“, die mit Sabotageaktionen die deutschen Besatzer in Atem hielt, machten Filmemacher unlängst zum Mittelpunkt eines Films (in dem auch Sønsteby von einem Schauspieler verkörpert wird). Manus starb 1996, auch andere Weggenossen sind längst verstummt. „Ich will mich da nicht aufdrängen“, sagt Sønsteby, „aber ich rede, wenn ich gefragt werde, und im Rahmen dieses Films ist das Interesse gewaltig.“

In Norwegen sahen 1,2 Millionen Besucher „Max Manus“. Dass mit Sønsteby noch ein Veteran der sogenannten „Oslogang“ lebt, bescherte dem Büro, über das Sønsteby noch immer verfügt, mehr als doppelt so viele Anrufe wie üblich. Aber Deutschland? Ob in Berlin nun auch das Radio kommen würde, das deutsche Fernsehen, wie Sønsteby hoffte? Die Organisatoren seiner Reise mühen sich redlich. Sie hofieren ihn, als sei der König persönlich nach Berlin gereist. Das Interesse ist trotzdem gering.

Wir schlugen Sønsteby vor, am Führerbunker zu ihm zu stoßen, dem ersten Programmpunkt seines Besuchs. Sønsteby kommt, auch der Militärattaché der Botschaft stößt dazu, und eine Gruppe Schüler, die vom Holocaust-Mahnmal zur Gertrud-Kolmar-Straße läuft, fragt neugierig, wer dieser Mann sei. Ein norwegischer Widerstandskämpfer, antworten wir. Aha, sagen sie, mit leerem A. Über ihn und seine Leute gebe es jetzt auch einen Kinofilm, schieben wir hinterher. Da packen sie die Handy-Kameras aus, mit denen sie eben noch den Parkplatz über Führers Bunker fotografiert haben. So ist das.

Sønsteby will weiter. Womöglich hat das damit zu tun, dass sich die versprochene Geschichtsstunde einer Praktikantin auf Datenreihen aus dem Wikipedia-Fundus beschränkt. Na ja, sagt die Frau entschuldigend, so wichtig war dieser Ort dann ja auch nicht für Hitler. Na ja, entgegnet Sønsteby, so wichtig eben ein Ort ist, an dem man sich versteckt, erschießt und verbrannt wird. Der Militärattaché lässt den Wagen anwerfen, um ins Hotel zu fahren.

Gibt es eigentlich Dinge, die unausgesprochen sind? Abends, im Kinosaal der nordischen Botschaften, wird Sønsteby zwischen Historikern und Filmbesuchern sitzen. Sie werden Fragen zum Krieg stellen, wie sie in Norwegen erst seit den neunziger Jahren gestellt werden. Zumindest in der Öffentlichkeit pflegte man dort zuvor das Schwarzweißmuster des Sommers 1945: einen Mythos, über den sich die Nation definierte. Was aber war mit den vielen Norwegern, die passiv blieben oder kollaborierten? Wo überschritt auch der Widerstand, der Menschen tötete, die Grenzen der Moral? Die Wissenschaft ist bei der Arbeit, unterstützt von Zeitzeugen wie Sønsteby, der sich für einen Dokumentarfilm zum Thema zur Verfügung stellte, der für neuen Wirbel sorgen wird. An diesem Abend in Berlin sagt er trotzdem bloß Sätze wie: „Wir hatten unsere Befehle aus London, wo der König und die Alliierten saßen.“ Und Punkt.

Im Hotel kommt das Bier, ohne dass die Bedienung verschwände. Egal. „Irgendwie sind wir“, sagt Sønsteby, als er eines seiner Bücher aus der Tüte zieht, „zu Historikern unserer eigenen Geschichte worden.“ Zu dieser Geschichte zählen nicht nur der Aufbau eines Kontaktnetzes und die Sprengung von Waffenfabriken. Sønsteby erzählt, wie er vor dem Krieg Langhoffs „Moorsoldaten“ und Meldungen über die Novemberpogrome von 1938 las. Wie seine Leute Juden vergeblich zur Flucht zu überreden versuchten. Wie er vor Kriegsende, unter Einsatz seines Lebens, die Archive der Besatzer vor der Vernichtung rettete, um Prozesse zu ermöglichen. Und wie er den Landesverräter Quisling nach der Kapitulation davor zu schützen hatte, noch vor Prozessbeginn erschossen zu werden. „Wir im Widerstand fühlten, dass achtundneunzig Prozent der Bevölkerung hinter uns standen.“ Jeder Satz sitzt. Auch diese letzte Mission ist eben präzise geplant.

„In Deutschland fragen sich die Zeitzeugen, wie es sein wird, wenn keine Zeitzeugen mehr vom Krieg erzählen können“, sagen wir. Wie soll das schon sein, antwortet Sønsteby. Von Napoleon habe er auch erfahren, ohne mit ihm gesprochen zu haben, und was an Emotionen mit Büchern schwer erklärbar sei, werde durch Filme wie „Max Manus“ transportiert. Das Leben wird weitergehen.

Dann freilich lehnt er sich herüber: „Wir haben für die Demokratie gekämpft“ sagt er, „Ich habe gleich 1945 dafür geworben, nach vorn zu schauen und Deutschland aufzubauen. Ich bin als Geschäftsmann, als Papierhändler, sofort auf die Deutschen zugegangen. Ohne böse Gefühle. Das verstand sich von selbst.“ Einige in Norwegen, scheint er sagen zu wollen, verstehen das bis heute nicht. Dort gibt es eine Stiftung, die das Deutschland-Bild von mehr als hunderttausend Schülern geprägt hat; sie fährt mit „weißen Bussen“ ausschließlich von KZ zu KZ, als sei ein anderes Deutschland immer noch nicht existent. „Es ist wichtig, über die Lager zu reden“, sagt Sønsteby, „aber was kann die junge Generation in Deutschland dafür? Diese Touren sollten mal aufhören.“ Überhaupt, klagt er, diese Unfähigkeit vieler Zeitgenossen, endlich nach vorn zu schauen, auch in Deutschland: „Einmal muss doch Schluss sein. Eines Tages muss dieser Krieg doch mal zu Ende sein. Die Demokratie hat längst andere Feinde.“

Womit wir offenbar beim Thema wären. Vor Jahren erzählte Sønsteby schon dem Autor Ari Behn: „Wenn ich zwanzig wäre, hätte ich Bin Ladin mit einem meiner Männer gefunden.“ Das sagt er diesmal nicht; auch Sønsteby wird älter. Über die Muslime aber, über den fortwährend notwendigen „Einsatz für die Demokratie“, spricht er trotzdem, wenn auch leise. Während die Teller, Gläser und Bestecke im Hotel immer lauter klappern.

Ein merkwürdig zeitverrückter Termin? Nein, nicht so merkwürdig wie das, was der Produzent von „Max Manus“ am Abend erzählen wird: Als das Filmteam in Oslo, nachdem es das Stortinget mit Hakenkreuz-Fahnen geschmückt hatte, auch noch Freiwillige suchte, um einmarschierende Deutsche zu spielen, habe man sich vor Anfragen kaum retten können. Ein großer Spaß? Wohl kaum.

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Time am 27. Februar 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/22/milieustudien-5-die-asselbande/
2) http://blogicide.wordpress.com/2010/02/27/so-etwas-darf-es-in-deutschland-nie-wieder-geben/