Posts Tagged ‘Hannes Heine’

Aus der Hauptstadt (#49)

4. September 2018

Hannes Heine und Alexander Fröhlich berichten für den „Tagesspiegel“ (1).

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Kriminalität in der Hauptstadt

Kämpfe zwischen Berliner Clans drohen zu eskalieren

Schüsse aus einem Auto, bewaffnete Auseinandersetzung in Kreuzberg – Konkurrenzkämpfe zwischen einschlägig bekannten Großfamilien in Berlin häufen sich.

Schüsse, Äxte, Massenschlägerei – seit Tagen führen Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen bekannter deutsch-arabischer Großfamilien zu Polizeieinsätzen. Am Montag, kurz nach Mitternacht, wurden zwei Männer am Britzer Damm in Neukölln aus einem Auto heraus niedergeschossen. Die beiden, 32 und 42 Jahre alt, kamen schwerverletzt in eine Klinik. Der Anschlag ereignete sich vor einer Bar auf dem Britzer Damm, die Opfer hatten das im Milieu beliebte Sportwetten-Lokal gerade verlassen. Die Polizei bestätigte das.

Ein Mann soll unmittelbar nach der Tat in einem Mercedes den mutmaßlichen Tätern hinterhergefahren sein. Im Mariendorfer Koppelweg wurde dann, so vorläufige Erkenntnisse, auch auf diesen Mercedes geschossen. Nun ermittelt die Polizei wegen versuchten Mordes. Die beiden verletzten Opfer stehen in einem Krankenhaus unter Polizeischutz.

Seit Wochen Polizeieinsätze

In Neukölln, aber auch Kreuzberg, Tiergarten und Schöneberg hatte es schon in den vergangenen Wochen umfangreiche Polizeieinsätze gegeben. Die Razzien könnten die internen Auseinandersetzungen zwischen den Clans verschärfen – es kann dabei um weitgehend legale Geschäfte im Immobilienmarkt gehen, aber auch um Drogenhandel und den Einfluss im Rotlichtgewerbe.

Bei den beiden Niedergeschossenen soll es sich Justizkreisen zufolge um Angehörige der Familie C. handeln, die einst aus dem Libanon eingewandert ist. Auch der Mann, der die Schützen verfolgt hat, gehört zur Großfamilie C. Deren Lebensmittelpunkt ist Kreuzberg. Ein entfernter Verwandter der zwei Opfer ist den unbestätigten Angaben zufolge jener Heranwachsende, bei dem vergangene Woche wegen mutmaßlichen Verbreitens von Falschgeld eine Wohnungsdurchsuchung stattgefunden hat. In dessen Kiez hatte es in den vergangenen Tagen immer wieder Polizeieinsätze gegeben. Ebenfalls in der Nacht zu Montag führte ein Streit unter den Großfamilien C. und W. zu einer Massenschlägerei.

Polizei beschlagnahmte Schreckschusswaffen, Pfeffersprays und Messer

An der Graefestraße in Kreuzberg sollen dabei sogar eine Axt und Schlagstöcke eingesetzt worden sein, die Kontrahenten drohten einander mit einer Schusswaffe. Bei der Schlägerei wurden mehrere Männer durch Faustschläge und durch Pfefferspray verletzt. Wegen der vermeintlichen Schusswaffe stürmte ein Spezialeinsatzkommando der Polizei eine Wohnung im Kiez. Die gehört einem Mitglied der Familie C. Die Polizei beschlagnahmte zwei Schreckschusswaffen, Pfeffersprays und Messer. Der Auslöser für die Massenschlägerei war am frühen Abend ein Streit um einen Blechschaden an einem Auto. Die Polizei nahm drei Männer im Alter von 44, 19 und 18 Jahr vorläufig fest. Zwischen den Aktionen in Neukölln und Kreuzberg bestehe derzeit kein Zusammenhang, teilte die Polizei mit. Allerdings prüfen die Ermittler einen Zusammenhang zwischen den aktuellen Vorfällen und dem Toten in Spandau. Am Wochenende war dort, wie berichtet, in einer Wohnung eine Leiche gefunden worden. Das Opfer: ein mutmaßlicher Drogendealer.

Viele sind einschlägig vorbestraft

Die betroffene Sportbar in Neukölln-Britz ist der Polizei bekannt. Dort trafen sich in den vergangenen Wochen immer wieder Angehörige diverser deutsch-arabischer Großfamilien, viele der Männer sind einschlägig vorbestraft. Das Lokal ist außerdem häufiger Ausgangspunkt für sogenannte Profilierungsfahrten – also das Rasen in teuren Fahrzeugen.

Dabei gelten, so Gerüchte im Milieu, drei Familien als „angezählt“. Neben den in Britz betroffenen Männern der Familie C. hatten Angehörige und Helfer der Familie A. und der Kern des Clans R. in den vergangenen Wochen sowohl Ärger mit den Behörden als auch Streit mit Konkurrenten.

Vor allem die Großfamilie R., derzeit wohl der berüchtigtste Clan in Berlin, wird im Milieu beobachtet. Vor einigen Wochen wurden 77 Immobilien konfisziert, von denen die Staatsanwaltschaft annimmt, dass sie mit Gewinnen aus Straftaten finanziert wurden. Angehörige der R. werden des Diebstahls der Goldmünze aus dem Bode-Museum und des Mordes an einem Familienvater und Gläubiger in Britz verdächtigt. Ein Angehöriger war wegen eines Einbruchs in eine Sparkasse 2014 verurteilt worden. Erst am Freitag wurde ein Mann aus der Familie R. festgenommen. Gegen ihn lag ein Haftbefehl wegen illegalen Waffenbesitzes vor. Nur Tage zuvor waren zwei Heranwachsende in Tiergarten wegen Drogenhandels verhaftet worden.

Zehn bekannte Großfamilien

Immer wieder wird gegen Mitglieder bestimmter Familien wegen Raubes, Nötigung, Hehlerei und allerlei Gewalttaten ermittelt. In Berlin leben – je nachdem, wie weit der Begriff gefasst wird – zehn einschlägig bekannte Großfamilien mit insgesamt mindestens 1000 Angehörigen. Nicht alle, aber hunderte Männer dieser Familien sind als Mehrfachtäter aktenkundig. Die Clan-Älteren kamen oft schon während des libanesischen Bürgerkrieges vor der Wende nach Berlin, aber auch nach Bremen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Einige von ihnen lebten schon in Beirut als Flüchtlinge, weil sie als arabische Minderheit aus der Türkei oder als staatenlose Palästinenser in den Libanon geflohen waren. Als Instanz galt ihnen nur die eigene Familie, nicht der Staat, die Stadt oder die Gesellschaft. Bis heute geht es ihnen darum, Ehre und Reichtum des Clans zu mehren. Immer wieder, sagen Angehörige offen, heirateten entfernte Verwandte untereinander – so blieben die engen Verbindungen in den Familien erhalten.

Die Innenminister der Länder, auch Senator Andreas Geisel (SPD), führen eine Liste, auf der die Namen derjenigen Serientäter stehen, die man in den Libanon auszuweisen beabsichtigt. Das ist schwierig, weil viele von ihnen ja schon dort als staatenlos galten. Die jüngeren, meist in Berlin geborenen Angehörigen haben die deutsche Staatsbürgerschaft.

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Time am 4. September 2018

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1) https://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/kriminalitaet-in-der-hauptstadt-kaempfe-zwischen-berliner-clans-drohen-zu-eskalieren/22987728.html

Aus der Hauptstadt (#44)

9. März 2018

Israels Stand auf der Internationalen Tourismus Börse wurde Ziel von Pöblern – ausgerechnet aus der Wachfirma.

Hannes Heine berichtete für den „Tagesspiegel“ (1).

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Wachleute bedrängen israelischen Tourismusstand

Auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in der Berliner Messe ist am Donnerstag die Polizei angerückt – um den Stand Israels zu schützen.

Am Donnerstag hat es auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in der Berliner Messe einen Vorfall am Israel-Stand gegeben. Drei Männer der Wachfirma, die in der Messe eingesetzt war, zogen nach Tagesspiegel-Informationen lautstark zum Stand der israelischen Tourismusagentur und riefen „Free Palestine!“, also „Freiheit für Palästina“. Polizisten zogen die Männer letztlich fort, die Störer wurden suspendiert. Ein Messe-Sprecher bestätigte den Vorfall. Die drei Männer, berichteten Besucher, seien arabischer Herkunft gewesen. Ob sie wegen ähnlicher Fälle aufgefallen sind, ist unklar; ebenso, ob die Polizei wegen Hausfriedensbruch ermittelt.

Immer wieder hatten Beamte darauf aufmerksam gemacht, dass in Berliner Sicherheitsfirmen junge Männer arbeiten, die Kontakte zu einschlägig bekannten Clans und radikalen Moscheen haben. Vor den ITB-Ständen aus der Türkei, die gerade im kurdisch-syrischen Afrin einmarschiert, oder aus Ägypten, wo es massiven Protest gegen die Regierung gibt, pöbelte in der Messe niemand.

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Time am 9. März 2018

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1) https://www.tagesspiegel.de/berlin/sicherheitsmaenner-poebeln-auf-itb-wachleute-bedraengen-israelischen-tourismusstand/21051500.html#

Für ein unabhängiges Kurdistan

25. September 2017

Die deutschen Eliten haben die Kosovo-Orks und die bosnischen Orks in ihren Landraub- und Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützt.

Den Kurden haben sie eine Absage erteilt – im Gegensatz zu Israel. Lesen Sie einen Beitrag aus dem „Tagesspiegel“ von Hannes Heine (1).

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Kurden stimmen trotz internationaler Warnungen ab

Trotz Warnungen führt der nordirakische Kurdenpräsident Massoud Barzani das Unabhängigkeitsreferendum durch. Für seine Anhänger wird er damit einmal mehr zum prinzipienfesten Kämpfer.

Sicher, im Nahen Osten ist die Bundestagswahl aufmerksam beobachtet worden. Vor allem die Medien in der Türkei, Irak, Syrien und Irak befassten sich aber noch intensiver mit einer anderen Abstimmung: dem Referendum im kurdischen Nordirak. Mehr als fünf Millionen Kurden, aber auch Araber, Turkmenen und Assyrer waren aufgerufen, darüber abzustimmen, ob sich die Autonomieregion für unabhängig erklären solle.

De facto lässt sich die Regionalregierung schon seit Jahren kaum von Bagdad reinreden. Noch sind die Stimmen nicht ausgezählt, auch viele Exilanten konnten nach einer Internet-Registrierung mit votieren Und: Mit einer klaren Mehrheit für die – noch umfassend auszuhandelnde – Unabhängigkeit rechnen selbst Gegner des Referendums. Davon gibt es viele.

Die Regierungen aller Nachbarländer befürchten das Aufbegehren der Kurden in ihren eigenen Staatsgrenzen, sobald in der nordirakischen Metropole Erbil ein Wahlsieg gefeiert wird. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan drohte der Führung in Erbil umgehend mit einer Blockade ihrer Ölexporte. „Sobald wir das Ventil abdrehen, „ist es vorbei“, sagte Erdogan. Die eingeschlossene Kurdenregion wickelt ihren Außenhandel über die Türkei ab. Zuletzt hatte Ankara wieder Truppen an der Grenze mobilisiert, zudem Stellungen der militanten Kurdischen Arbeiterpartei PKK in Nordirak angegriffen.

Mullahs im Iran setzen Flüge in Nordirak aus

Die Mullahs im Iran wiederum setzten Flüge in den Nordirak aus und schlossen die Grenze. So werden auch kurdische Rebellen, die grenzüberschreitend agieren, eingeschränkt. Aus Teheran hieß es, man stehe loyal zu Iraks Premier Haidar al Abadi. Der erklärte, man werde sie Spaltung des Landes nicht zulassen. Die Armee drohte, in die Kurdengebiete einzurücken. Man werde kein „zweites Israel“ zulassen. Tatsächlich war der Staat der Juden auch der einzige, dessen Regierung ankündigte, das Votum der Kurden anzuerkennen. Deutschland allerdings hat dem Streben nach Autonomie bereits eine Absage erteilt.

Dass der nordirakische Kurdenpräsident Massoud Barzani das Referendum trotz internationaler Warnungen durchführt, macht ihn für seine Anhänger einmal mehr zum prinzipienfesten Kämpfer. Seine Kritiker halten ihn dagegen für einen kalten Machtpolitiker, der die Zuspitzung brauche, um seine konservative KDP, die von Barzanis Familie dominiert wird, an der innerkurdischen Macht zu halten. In Erbil gab Barzani in der typischen, sandfarbenen Uniform seiner Peschmerga-Miliz und mit rot-weißen Kopftuch seine Stimme ab. Die Kurden hätten „keine andere Wahl“ als die Sezession, die arabische Zentralregierung in Bagdad habe die Kurden jahrzehntelang unterdrückt, ja bis zuletzt nicht akzeptiert.

Damit hat Barzani wohl Recht. Und selbst viele seiner Kritiker – etwa die sozialistische, in vielen Staaten verbotene PKK – wissen, dass der Regionalpräsident populär ist, weil er sich für eine vergleichsweise florierende Wirtschaft einsetzte. Wie überall in den Kurdengebieten der Region werden die jeweiligen Parteien auch von moderat-muslimischen Arabern und orientalischen Christen unterstützt. Andere fürchten, in einem Kurdistan leben zu müssen. In Kirkuk schossen Turkmenen, die sich teilweise an Erdogans konservativ-islamischer AKP orientieren, kürzlich auf Kurden.

Unklar ist, wer bei Kurden das Sagen haben wird

Barsani unterhielt bislang gute Beziehungen nach Ankara. Die Furcht vor der PKK, die in der Türkei die meisten Anhänger hat, einte ihn und Erdogan. Nun dürfte man sich in Ankara, in Teheran, letztlich auch in Damaskus gemeinsam gegen Erbil wenden – selbst wenn die Abstimmung noch lange keine vollendete Eigenstaatlichkeit der Kurden bedeutet.

Unklar ist, wer bei den Kurden bald das Sagen haben wird. Barzanis Familie dominiert die konservative KDP. Die Verwandten des irakischen Ex-Präsidenten des Kurden Dschalal Talabani wiederum führen die eher sozialdemokratische PUK. Beide lieferten sich einst Kämpfe – die Iraks Diktator Saddam Hussein nützten. Nach dessen Sturz durch die USA 2003 wurde Barsani zum Präsidenten der Kurdenregion gewählt. Das Regionalparlament in Erbil verlängerte sein Mandat mehrfach, seit 2015 aber regiert er im Notstandsmodus. Besonders in Suleimanijeh, wo die PUK dominiert, gibt es Widerstand gegen ihn. Allerdings hatte Barzani angekündigt, nach dem Referendum anderen die Führung zu überlassen. Sowohl die Truppen der PKK als der KDP und PUK gelten als entschlossene Kämpfer gegen den IS.

Ähnlich ist die Lage im zerrissenen Syrien. Auch dort gibt es eine Rojava genannte Autonomiezone. Die Kurden haben dort vergangene Woche örtliche Gemeinderäte wählen lassen. Das passt weder Erdogan noch Syriens Baschar al Assad. Erdogan hatte die syrischen Kurden, die von der sozialistischen PYD geführt werden, bombardieren lassen. Türkische Einheiten besetzten syrische Orte. Wenn es sein müsse, sagte Erdogan am Montag, werde man nicht davor zurückschrecken, auch im Irak solche Schritte zu unternehmen. Da verwundert es nicht, dass sein Ministerpräsident Binali Yildirim dem Sender CNN Türk erklärte, nach der Bundestagswahl die Beziehung zu Berlin „reparieren“ zu wollen. Notwendig sei jedoch ein härteres Vorgehen der Bundesregierung gegen PKK-Anhänger.

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Time am 25. September 2017

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1) http://www.tagesspiegel.de/politik/unabhaengigkeitsreferendum-im-nordirak-kurden-stimmen-trotz-internationaler-warnungen-ab/20376410.html

Aus der Hauptstadt (#39)

5. Juli 2017

Die Lieblingsbeschäftigung junger Orkmännchen ist Aggression und Brutalität, wie in der Hauptstadt so auf der ganzen Erde. Lesen Sie einen Bericht von Hannes Heine und Dimitri Vachedin aus dem Berliner „Tagesspiegel“ (1).

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Staatsschutz ermittelt gegen Schlägertruppe

Islamistische Moralwächter terrorisieren Berliner

Tschetschenische Islamisten sollen in Berlin Landsleute und deren Kontakte wegen „moralischer Verfehlungen“ angegriffen und schwer verletzt haben.

Eine Gruppe von islamistischen Schlägern soll in Berlin lebende Tschetschenen, insbesondere Frauen und deren Kontakte wegen vermeintlichen Verstößen gegen ihre archaischen Moralvorstellungen bedroht und angegriffen haben. Einige Opfer sollen schwer verletzt worden sein. Nun ermittelt nach Informationen des Tagesspiegels der Staatsschutz des Landeskriminalamtes gegen Unbekannt wegen „Störung des Rechtsfriedens durch Androhung von Straftaten“.

Auslöser ist ein Video, das dem Tagesspiegel vorliegt und seit Mai in der tschetschenischen Community kursiert. Es zeigt das Foto eines Mannes mit Sturmhaube, der mit einer Pistole in die Kamera zielt. Auf tschetschenisch sagt eine Stimme: „As-salamu alaykum, muslimische Brüder und Schwestern, ihr wisst es, ich weiß es, jeder weiß es.“ In Europa täten einige „tschetschenische Frauen – und Männer, die wie Frauen aussehen – unaussprechbare Dinge“. Falls man die Gelegenheit dazu habe, „werden wir sie maßregeln“. Etwa 80 Gleichgesinnte seien sie, „weitere wollen beitreten“. Sie hätten auf den Koran geschworen, „wir gehen raus auf die Straßen. Sag nicht, du seist nicht gewarnt worden. Sag nicht, du hättest es nicht gewusst.“ Auch das russischsprachige Online-Portal „Meduza“ hatte über das Video berichtet.

Die Polizei äußert sich wegen der laufenden Ermittlungen nicht zu dem Fall. In Deutschland lebende Tschetschenen berichten übereinstimmend, die Berliner Schlägergruppe vereine möglicherweise bis zu 100 Männer, die bewaffnet seien und von Tätern mit Kriegserfahrung angeführt würden. Mindestens zwei junge Frauen und einen Mann soll die Gruppe in den vergangenen Wochen verprügelt haben. Zwei weitere Frauen sollen bedroht und verfolgt worden sein.

Aus Justizkreisen heißt es, straff organisierte, salafistische Tschetschenen seien in Berlin und Brandenburg zunehmend eine Gefahr. Es gebe viele Hinweise auf religiös motivierte Taten, aber auch auf Drogenhandel und Erpressung. Zuletzt wurden Tschetschenen im Mai nach Schüssen auf eine Berliner Bar festgenommen. In Heimen hatten Tschetschenen christliche Asylbewerber angegriffen.

Statistisch lässt sich nicht ermitteln, ob Tschetschenen auffälliger sind, da es keine tschetschenische Staatsbürgerschaft gibt. Angehörige dieses sunnitischen Volkes aus dem Kaukasus leben zudem nicht nur in Tschetschenien, der Teilrepublik Russlands, sondern auch in Dagestan und Inguschetien – sie haben russische Pässe. Dazu kommen Tschetschenen aus Georgien, selten aus Kasachstan. Angenommen wird, dass die Tschetschenienkriege zwischen den muslimischen Separatisten und der russischen Regierung nach dem Ende der Sowjetunion zur Radikalisierung beigetragen haben.

Ein Sprecher des Berliner Innensenators Andreas Geisel (SPD) sagte: Erkenntnisse, dass Tschetschenen gegenüber anderen Flüchtlingen besonders oft Straftaten begangen hätten, habe man nicht. Gleichwohl stelle man seit Jahren immer wieder „vereinzelte Bezüge zu Ermittlungskomplexen der russisch-eurasischen Organisierten Kriminalität“ fest.

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Time am 5. Juli 2017

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1) http://www.tagesspiegel.de/berlin/staatsschutz-ermittelt-gegen-schlaegertruppe-islamistische-moralwaechter-terrorisieren-berliner/20018170.html

Aus der Hauptstadt (#28)

10. August 2016

Soldiner

Lesen Sie einen Bericht aus dem „Tagesspiegel“ von Melanie Berger und Hannes Heine (1).

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Polizeieinsatz in Berlin-Gesundbrunnen

70 Männer gegen die Polizei wegen eines Elfjährigen

Beamte mit Polizeihunden mussten Montagabend in Gesundbrunnen ihren Kollegen zu Hilfe kommen. Auslöser war ein elfjähriger Mehrfachtäter – der den Beamten bereits bestens bekannt ist.

Eigentlich ist es ein Routineeinsatz. In der Soldiner Straße spielen Kinder in einem offenen Auto, ein Elfjähriger startet den Motor immer wieder, Zeugen rufen die Polizei. Als die Beamten eintreffen, ist schnell klar: Die vermeintliche Kleinigkeit entwickelt sich zu einem brenzligen Einsatz am Montagabend im Soldiner Kiez in Gesundbrunnen.

70 Männer versammeln sich um die paar Polizisten und den schon polizeibekannten Elfjährigen. Mehrere Beamte mit Diensthunden müssen anrücken, um die Kollegen zu schützen. Am Ende stehen 70 wütende Menschen gegen etwa 10 Polizisten.

Wieder löste eine kleine Kontrolle einen Großeinsatz aus, wieder versammelte sich in Sekunden ein militanter Mob, wieder passierte das in Gesundbrunnen. Die Menge bedrängte und beleidigte die Beamten, als sie mit dem Elfjährigen sprachen. Die Polizisten kannten den Jungen bereits, er sei als „kiezorientierter Mehrfachtäter“ aktenkundig, hieß es bei der Polizei.

Zwei Männer verhaftet

Dem Polizeipräsidium zufolge soll aus der Menschenmenge gerufen worden sein: „Haut ab, das ist unsere Straße!“ Vor allem die Familienangehörigen des Elfjährigen sollen die Beamten bedrängt haben, daraufhin forderten die Polizisten Verstärkung an und sprachen Platzverweise aus.

Der 21 Jahre alte Bruder des Jungen sowie ein Gleichaltriger ignorierten den Platzverweis und beleidigten die Beamten. Die nahmen den Bruder des Elfjährigen fest, daraufhin griff der zweite Mann die Beamten an und versuchte den 21-Jährigen, dem bereits Handschellen angelegt worden waren, zu befreien.

Die Beamten setzten Reizgas ein und nahmen auch den zweiten 21-Jährigen fest. Erst als die Verstärkung eintraf, beruhigte sich die Lage an der Kreuzung Soldiner Straße und Koloniestraße. Ein Polizist wurde am Handgelenk und am Knie verletzt, blieb aber im Dienst.

Die soziale Lage im Kiez habe sich in den letzten Jahren nicht verändert, sagt der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses und örtliche SPD-Abgeordnete Ralf Wieland. Die Anzahl der Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger sei beständig hoch: „Dieser Vorfall ist natürlich verurteilenswert. Die Staatsgewalt liegt weiterhin bei der Polizei.“

Auch Innensenator Frank Henkel (CDU) verurteilte den Vorfall und forderte schnelle juristische Konsequenzen. „Der Fall zeigt, wie hart es ist, in manchen Problemkiezen Recht und Gesetz durchzusetzen“, sagte Henkel.

Einige der Männer wohl aus Großfamilien

Dem Vernehmen nach handelt es sich bei den Tätern um Berliner arabischer Herkunft – einige Männer sollen einer Großfamilie angehören. Die Polizei bestätigt dies am Dienstag nicht. Bei der Familie soll sich nicht um einen der zwölf besonders aktiven Clans in Berlin handeln.

Von arabischen Großfamilien wird gesprochen, wenn Verdächtige oder ihre Vorfahren aus dem Libanon, den Palästinensergebieten oder dem Süden der Türkei stammen – wo es arabischsprechende Gemeinden gibt. Vor allem in den Libanon geflohene Palästinenser erhielten dort oft keine Staatsbürgerschaft – und gelten auch in Deutschland als staatenlos.

Nach dem Einsatz wurden Anzeigen gestellt – wegen Landfriedensbruchs, Beleidigung, versuchter Körperverletzung, versuchter Gefangenenbefreiung, unberechtigten Gebrauchs eines Kraftfahrzeuges sowie Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.Großeinsätze wegen Mehrfachtätern aus solchen Familien sind üblich – vor allem in Wedding, aber auch Neukölln.

Erst im Mai hatte ein prügelnder Ehemann zusammen mit Verwandten am Gesundbrunnen einen Einsatz mit 50 Polizisten ausgelöst. Der 25-Jährige alte Schläger hatte seine Frau geschlagen und verletzt. Dann griff er einen Bruder der Frau an, ein Messerstich des Bruders verfehlte den Ehemann.

Die Auseinandersetzung verlagerte sich auf den Bürgersteig vor dem Haus. Als die ersten Polizisten eintrafen, schlugen der Ehemann und der Bruder weiter aufeinander ein, während drei Frauen versuchten, sie zu trennen. Bei der Festnahme durch die Polizisten leistete der 25-Jährige massiven Widerstand und befreite sich immer wieder. Dazu sammelten sich noch bis zu 70 Schaulustige.

Früher war jeder Einsatz dort ein Problem

Schon vor zwei Jahren hatte ein Mob ebenfalls im Bezirk eine Streife angegriffen. Die Beamten waren im Einsatz, weil ein verwirrter Mann dort Passanten bedrohte. Nach wenigen Minuten standen 12 Polizisten fast 100 jungen Männern gegenüber, immer wieder wurde gerufen: „Es lebe der Dschihad!“, „Scheiß Christen!“ Vor drei Jahren hatte ein 26 Jahre alter Neuköllner eine Polizistin verprügelt, weil sie vor seinem BMW zu langsam gefahren sei. Und 2010 wollen zwei Polizisten in Steglitz einen Mann festnehmen, als sie von 50 Männer angegriffen werden.

„Die Jugendlichen dort haben keine Perspektive, es herrscht große Hoffnungslosigkeit“, sagt ein Sozialarbeiter des Projekts „Gangway“ aus dem Bereich Wedding und Gesundbrunnen. Das Problem sei vor allem eine fehelnde Ausbildung.

Der Soldiner Kiez sei in den letzten Jahren eher ruhig gewesen, sagt der SPD-Abgeordnete Wieland. Das liege auch an den Präventionsmaßnahmen der Polizei. „Vor sieben bis acht Jahren gab es diese Schwierigkeiten bei jedem Einsatz dort.

Wir haben eine Initiative gestartet, um das Verhältnis zwischen Bewohnern und der Polizei zu verbessern“, sagt Eckhard Mantei, Polizeihauptkommissar im Soldiner Kiez. Gemeinsames Backen, Fußballturniere und andere Aktivitäten hätten das Klima verbessert, zumindest im Soldiner Kiez.

Seit dem Start der Initiative sei die Auseinandersetzung am Montag hier der erste Vorfall dieser Art. Im Berliner Armutsbericht 2015 wurde das Viertel von der Liste der Problemkieze gestrichen.

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Time am 10. August 2016

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1) http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/polizeieinsatz-in-berlin-gesundbrunnen-70-maenner-gegen-die-polizei-wegen-eines-elfjaehrigen/13987946.html

Aus der Hauptstadt (#20)

21. Februar 2016

Kotti

Hannes Heine berichtete für den „Tagesspiegel“ über die Situation am Kottbusser Tor (1).

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Raub und Schläge am Kottbusser Tor in Berlin

Selbst für Kreuzberg zu krass

Seit 30 Jahren gehört das Kottbusser Tor zu den Berliner Problemplätzen. Nun ist es richtig gefährlich geworden. 50 Prozent mehr Überfälle, 100 Prozent mehr Diebstähle. Ex-Hausbesetzer und türkische Gastronomen haben genug.

Ihr nächstes Opfer nehmen die fünf Männer um 13.02 Uhr in den Blick. Dort, wo die zehn Geschosse des „Neuen Kreuzberger Zentrums“ die Adalbertstraße überbrücken. Wo zuletzt wieder viel über Räuber, Dealer und Antänzer gesprochen wurde. Von wo die fünf Männer um 13.03 Uhr wie aufgeputschte Kinder, die alles und jeden anfassen müssen, ein paar Meter zum Kottbusser Tor laufen.

An diesem Wintertag in der Woche flutet die Sonne den Kiez. Die Kreuzberger strömen mit Kaffeebechern in der Hand vom und zum U-Bahnhof Kottbusser Tor. Die fünf Männer sind geschätzte 25 Jahre alt, haben Gel in den Locken und trotz dunklen Teints fallen ihre noch dunkleren Augenringe auf.

Sie tun, was sie gleich tun werden, weil sie niemand aufhält, weil sie die Berliner Polizisten nicht fürchten, die Becherkaffee-Trinker schon gar nicht. Und so schlendert die Clique im Kreis, bis der Lauteste um 13.04 Uhr ungeniert loslegt: Hallo, Zigarette? Nein? Ah, ah, Jacke gut, Jacke schön, wo kaufen?

Nach einer, vielleicht zwei Sekunden ist die Hand des Lauten, der seinem Opfer so viel Nettes über dessen Mantel sagt, in die Außentasche desselben gerutscht, er fischt eine Tüte heraus und verschwindet in den Häuserschluchten. Die Clique wird feststellen, dass sie Hustenbonbons erbeutet hat.

Manche Diebe besprühten ihre Opfer mit Reizgas oder zogen Messer

Diesmal. In den vergangenen Monaten wurden am Kottbusser Tor fast täglich Passanten umringt. Dabei wurden Portemonnaies, Telefone, Handtaschen gestohlen. Klappte das nicht, schlugen die Täter zu, manche besprühten ihre Opfer mit Reizgas oder zogen Messer. Einigen Frauen wurde an den Busen gefasst oder ins Gesicht geschlagen – wie vor einigen Wochen. Oder die Opfer wurden hunderte Meter weit gejagt – wie zum Jahresanfang, als ein rasender Trupp mit Gürteln auf zwei Schwule eindrosch, sie trat, während die zwei Männer in Panik schrien. Von der Hatz gibt es ein Video.

Stimmt das – oder gibt es nur eine zufällige Häufung der Übergriffe?

Ein Anruf bei der Polizei: Angezeigte Taschendiebstähle? Von 2014 auf 2015 eine Verdoppelung, statistisch gibt’s zwei, drei am Tag. Drogenhandel? Zunahme. Raub? Plus 50 Prozent, 80 Fälle letztes Jahr. Körperverletzung? Ebenfalls ein Anstieg. „Und das sind nicht alle Taten“, sagt ein Beamter. „Viele Opfer sind Touristen, sie machen keine Anzeige, weil sie bald abreisen oder sich nicht die ganze Nacht versauen lassen wollen.“

Dass die Polizei am ohnehin schon verrufenen Kottbusser Tor jetzt noch einmal so viel mehr Straftaten registriert, hängt auch mit dem Wandel in Kreuzberg zusammen. Früher trafen sich am Kottbusser Tor vor allem die Junkies, die bis heute im U-Bahnhof ihr Heroin kaufen und es sich in den nach Urin riechenden Gängen des „Neuen Kreuzberger Zentrums“ spritzen. Und wenn über das Elend im NKZ berichtet wird, fehlt fast nie der Hinweis, dass in diesem 300-Wohnungen-Betonklotz die Satellitenschüsseln vor den Fenstern alle nach Südosten zeigen, weil so viele Bewohner aus der Türkei kommen.

Von den Studenten profitierten auch die türkischen Gastronomen

Dann eroberte Europas akademische Jugend Kreuzberg, für die vergleichsweise einkommensstarken Neulinge modernisierte sich der Kiez. Wo Teestuben und Elektronik-Shops waren, sind Mode-Läden und Restaurants eingezogen. Davon profitieren auch die Kreuzberger Türken und Kurden, ein gastronomischer Mittelstand ist entstanden.

In den einst leeren Ladenzeilen eröffneten Bars; zuletzt der „Multi-Layer-Laden“, der „Südblock“ und die „Fahimi Bar“; „Möbel Olfe“ und „Monarch“ sind seit Jahren beliebt. In der Reichenberger Straße kostet eine 70-Quadratmeter-Wohnung 900 Euro im Monat, doppelt so viel wie 2001.

Damals war der Kaiser’s zum Monatsende, wenn Löhne und Sozialhilfe aufgebraucht waren, oft leer. Jetzt bilden sich jeden Abend lange Schlangen an den Kassen, Mädchen und Jungen, die in Englisch, Schwedisch, Italienisch reden. Sie wollen vom Kotti aus in die Kreuzberger Nacht starten. Überall im Kiez sind Hostels entstanden, wie in den Bars steht dort mehrsprachig: „Achtung Taschendiebe!“

Mit der Gentrifizierung scheint die Gewalt zu eskalieren

In der Adalbertstraße sitzt eine Ex-Hausbesetzerin, Anfang 40, in einem Thai-Lokal. Seit der Wende wohnt sie in Kreuzberg, ist Hochschuldozentin und äußert sich nur anonym: „Man kann es drehen und wenden, wie man will. Fest steht, es sind zuletzt bestimmte Flüchtlinge gekommen. Libyer, Marokkaner, Tunesier. Die sind krasser, als es der Kiez verkraftet. Die alteingesessenen Türken nervt das am meisten.“

Die Debatte über importierte Gewalt, sagt sie, habe sich nach der Silvesternacht von Köln zwar verändert. Aber kaum jemand sage es so offen wie sie: Männer aus den halb feudalen Regimen der arabischen Welt sähen im Recht des Stärkeren – gerade Frauen gegenüber – ein Handlungsgebot. „Es gab immer Gewalt. Aber ’ne Treibjagd auf Schwule, das ganze Angrabschen – das ist neu.“

Ein in Kreuzberg geborener Gastronom aus der Oranienstraße – alteingesessener Türke, würde die Ex-Hausbesetzerin sagen – findet deutlichere Worte: „Denen muss man mal eine zimmern. Die werden von der Polizei zu weich angefasst, das schockt die nicht.“ Seine Söhne, sagt der Wirt, dürften nicht am Kotti herumlungern.

Die Polizei hat eine Statistik zum Taschendiebstahl am Kotti erstellt. Die Täter kommen aus 17 Ländern. Osteuropäer und deutsche Staatsbürger sind dabei. Ganz oben aber stehen Tunesier, Libyer, Marokkaner, Ägypter. Die Zahl arabischsprachiger Täter steigt rasant.

Die meisten Diebe und Räuber kommen davon. Das weiß auch Tanja Knapp. Sie ist Leiterin des zuständigen Polizeiabschnitts. „Zu der am Kottbusser Tor vorhandenen schwierigen Szene“, sagt Knapp, „ist eine neue Spitze gekommen.“ Gemeint sind die Antänzer, jene Männer, die ihre Opfer beim Befummeln bestehlen. Wehren sich die Opfer – oft Frauen – werden die Täter gewalttätig. Die Grenzen zwischen Diebstahl, Raub, Körperverletzung und Missbrauch sind fließend.

Wo die Täter wohnen, ist nicht leicht feststellbar. Bekannt ist, dass einige Verdächtige französische und italienische Aufenthaltstitel haben. Andere besitzen keine Papiere, oder sind in Deutschland registriert: Im Herbst umzingelten drei Männer einen Israeli, dabei stahl ein Ägypter, 22 Jahre alt, dem Touristen das Smartphone. Der festgenommene Dieb wohnte als Flüchtling in Berlin.

Anwohner sagen, dass einige der Nordafrikaner auch dealten. Sie werden, so die Einschätzung in Justizkreisen, von arabischen Clans, die das Geschäft in Berlin dominieren, mit Stoff versorgt. Dabei dürften die verhaltensauffälligen Neulinge bloß mit Haschisch handeln, die erfahrenen Altdealer mit dem teureren Heroin. Koks, oder was dafür gehalten wird, verticken sie aber wohl alle.

Milieukundige Anwälte berichten, einigen der Kriminellen hätten die Clans auch Schlafplätze besorgt. Ein Anwohner sagt, einmal seien herumlungernde Jungs mit einem BMW abgeholt worden.

Nicht ganz klar ist, wer derzeit die Hand auf den Pillen – etwa Valoron – hat. Auch mit denen wird am Kotti gehandelt; vor allem das enthaltene Tilidin dämpft das Angst- und Schmerzempfinden.

„Auf Tilidin“, sagt Ercan Yasaroglu, „würden sie jeden angreifen.“ Yasaroglu ist Sozialarbeiter und Café-Betreiber. Seit den 80ern ist er am Kotti unterwegs. Er kennt die Wirte, Späti-Betreiber, Bezirkspolitiker und Streifenbeamten. Und er hat auch so einen guten Überblick. Dort, wo sich der NKZ-Wohnriegel über die Adalbertstraße schiebt, betreibt Yasaroglu oben auf der Balustrade das bekannte „Café Kotti“.

Von dort blickt er über den Platz, sieht, wenn ein Trupp einer Frau die Tasche entreißt, wenn eine Bande sich auf ein Opfer stürzt. Yasaroglu ruft oft die Polizei und nutzt sein Handy auch, um die Überfälle zu filmen. In einem Nebenraum seines Ladens lädt er zum Kaffee, holt sein Telefon raus, zeigt Aufnahmen brutaler Angriffe. Zu sehen ist etwa, wie Männer auf ihre Opfer einprügeln und auch dann nicht von ihnen ablassen, als sich jemand einmischt.

Yasaroglu kämpft seit 30 Jahren gegen Vorurteile, er war lange in antirassistischen Initiativen aktiv. Diejenigen, die rauben, schlagen und missbrauchen, sagt er deshalb sogleich, unterscheide von den meisten anderen Flüchtlingen schon das Auftreten. Er kenne Syrer, die vor dem Krieg flohen, scheue, gebrochene Männer und Frauen. Diejenigen aber, die sich seit Monaten vor seinem Café austoben, wirken arrogant, sadistisch, herrschsüchtig. „Das Problem ist“, sagt Yasaroglu vor zwei Wochen, „dass es wirklich viele Typen geworden sind.“ Das Gewühl und Gedränge ermögliche es den Tätern, immer wieder zu verschwinden.

Schon 2009 demonstrierte Yasaroglu zusammen mit anderen Anwohnern – Motto: „Drogen weg vom Kottbusser Tor!“ Vor einem Jahr dann bat er wegen der Überfälle um ein Treffen mit Monika Herrmann, der grünen Bezirksbürgermeisterin. Seitdem gab es tatsächlich mehr Polizeieinsätze. Besser geworden, da sind sich viele einig, ist es nicht. Laut Polizei konnten wegen Straftaten am Kotti nur 55 Verdächtige im Jahr 2015 festgenommen werden. Also helfen sich die Anwohner selbst: Die Wirte und Ladenbetreiber warnen sich über eine Telefonkette. Zieht eine Gang durch den Kiez, rufen sie sich an. Am Wochenende bewachen Türsteher die Bars.

Die Sonne scheint nicht mehr. Langsam wird’s dunkel am Kottbusser Tor. Vor dem NKZ lungert nun eine andere Clique und schaut den Passanten nach. Keiner von ihnen will darüber reden, woher sie kommen oder worauf sie warten. Einen Zwei-Meter-Mann mit Kopfhörern lassen sie vorbeiziehen. Eine Frau mit Kopftuch und Telefon am Ohr auch. Dann bestellen fünf, sechs lachende Italiener im Flachbau vor dem NKZ mehrere Döner. Die Jungen werden wacher, man möchte meinen, sie überlegten, ob sie sich an die Italiener wagen sollen. Wie auf Kommando setzt sich der Trupp in Bewegung. Doch die Italiener, eher der Kälte als einer Vorahnung wegen, setzen sich in den Imbiss, statt vor der Durchreiche zu warten. Der Trupp hat die Chance verpasst. Im Dönerladen achten die Angestellten darauf, dass niemand ihre Gäste bestiehlt.

Das türkische Kreuzberger Kleinbürgertum will am Touristenstrom verdienen. Diebe, zumal so sadistische, stören da. In Justizkreisen heißt es, man habe schon gehört, dass sich einige Gewerbetreibende überlegten, mit einer Bürgerwehr gegen die Nordafrikaner vorzugehen. Dass „gute Männer“ mal „durchgreifen“ sollen.

Droht am Kotti noch Selbstjustiz?

Nein, die Lage sei zwar angespannt, sagt Abschnittsleiterin Knapp. Aber ihre Beamten seien oft am Kotti und sprächen mit Anwohnern und Gastronomen. Sicher, sagt Knapp diplomatisch, mehr Beamte könnten nicht schaden. Ihre Kollegen betreuen ein, nun ja, besonders arbeitsintensives Revier. Der Görlitzer Park, lange als Dealertreff in halb Europa bekannt, gehört dazu. Außerdem das Schlesische Tor, wo die gleichen Banden wie am Kottbusser Tor aktiv sind. Kürzlich stürmte ein Mann am Schlesischen Tor in ein Café, entriss einer Frau die Tasche und rannte in die Nacht.

Nicht jedes Opfer geht zur Polizei. „Wir ermutigen aber alle“, sagt Polizeichefin Knapp, „jede Tat anzuzeigen.“

Der Abend am Kottbusser Tor geht zu Ende. „Am Wochenende ist es schlimmer“, sagt Ercan Yasaroglu noch, „und wenn es erst mal wärmer wird, sowieso.“ Er soll Recht behalten. Am folgenden Wochenende stoppen im U-Bahnhof zwei Männer einen Blinden, reden auf ihn ein, tasten ihn ab. Bald merkt das Opfer, dass das Geld fehlt. Später verfolgen dieselben Täter auf demselben Bahnhof eine Frau. In der Hand halten sie ein Messer. Die Polizei kann die Männer festnehmen.

Nur einen Tag später werden auf dem Bahnsteig zwei Männer angegriffen, einer niedergestochen. Die Täter haben Arabisch gesprochen. Woher die Opfer das wissen? Sie kommen selbst aus Marokko und Algerien.

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Time am 21. Februar 2016

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1) http://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/kreuzberg/raub-und-schlaege-am-kottbusser-tor-in-berlin-selbst-fuer-kreuzberg-zu-krass/12907214.html

Aus der Hauptstadt (#6)

10. Oktober 2014

Berlin

Hannes Heine vom „Tagesspiegel“ ist einigermaßen konsterniert über „die Linke“ in Berlin, die sich bei Nebensächlichkeiten auf’s Äußerste ereifern kann, aber zu Massenmorden schweigt (1).

Mein Tipp: Das ist ihr Sinn und Zweck. Die Bolschewisten haben keine Moral und keine Theorie mehr, sie sind Nihilisten und nurmehr Hilfstruppen der mohammedanistischen Invasion, und ihre Aufgabe ist es nun, von tatsächlichen Brennpunkten abzulenken, bis die Orks die Situation dort für sich entschieden haben.

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Wo ist die Linke in Berlin?

Proteste gegen Barbie-Haus, keine Unterstützung für die Kurden

Linke protestieren heute gern gegen Barbie-Häuser und Abtreibungskritiker – nicht aber gegen die islamistischen Massaker an den Kurden. Ein Kommentar.

Einige von ihnen gibt es auch in Berlin noch, einige Linke. Ein paar tausend von ihnen liefen in den vergangenen Jahren durch die Stadt und protestierten: gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes, gegen das Barbie-Haus am Alexanderplatz, zuletzt versammelten sie sich gegen einen Marsch von Abtreibungsgegnern.

Zugegeben, das Tempelhofer Feld kann eine Weile frei bleiben, der Senat jedenfalls hatte kein sinnvolles Baukonzept. Auch über das Barbie-Haus lässt sich streiten. Und ja, die rechtsesoterische Allianz der Abtreibungsgegner ist unangenehm.

Weshalb aber bewegen sich Linke dieser Tage nur für derlei Nebensächliches auf die Straße? Seit Wochen demonstrieren Kurden, aber auch linke Türken und christliche Syrer in deutschen Städten gegen den Terror der Islamisten. In Berlin gibt es täglich Kundgebungen im Zentrum der Stadt.

Doch während beispielsweise Gregor Gysi zu fast jedem Thema in fast jede Kamera spricht, scheint seine Partei intern kein Bedürfnis zu verspüren, ihre Mitglieder für Solidaritätsaktionen zu mobilisieren. Gleiches gilt selbstverständlich für Sozialdemokraten, Grüne und Gewerkschafter, letztlich für jeden Konservativen, für den Vernunft und Humanismus keine reinen Phrasen sind.

Bei allem Engagement der linken Reste: Ein leeres Feld, ein geschlossenes Barbie-Haus und ungestörte Abtreibungen sind kaum etwas, was draußen in der Welt mit dem Kampf für Fortschritt assoziiert wird. Das Verhindern von Massakern durch klerikalfaschistische Banden hingegen wäre es schon. Die Islamisten wurden zudem lange von den Öldespoten am Golf ausgerüstet, einer besonders brutalen Klasse, die beste Beziehungen zu Herrschern in aller Welt pflegt. Warum also geht die Linke nicht massenhaft auf die Straße?

In der Linkspartei, das sei erwähnt, wird seit einigen Wochen über den Kampf der Kurden debattiert. Die Pazifisten in der Partei stellen dabei fest (als bräuchte man dafür die Linke): Der Nahe Osten strotzt vor Waffen, neues Kriegsgerät in die blutige Region zu schicken, mache die Lage noch gefährlicher; deutsche Waffen könnten zudem in falsche Hände geraten.

Oberflächlich mag das stimmen. Nur erstens, im Nahen Osten haben brutale Despoten und blutrünstige Islamisten die Waffen, den Kurden in Syrien jedenfalls fehlen sie. Und zweitens hätte es dann nie Kampagnen geben dürfen wie: „Waffen für El Salvador!“ Hat es aber – und zwar mit großem Echo unter Linken weltweit. Der Befreiungskampf in Zentralamerika wäre ohne Waffen aus Europa wohl nie gewonnen worden.

Der andere Flügel der Linkspartei schielt auf die nächste Regierungsbeteiligung und biedert sich der SPD an, indem er signalisiert, dass man sich auch außenpolitisch arrangieren könne. Viel mehr bedeutet die aktuelle Rhetorik nicht, denn hätte es das Linken-Establishment ernst gemeint, dann hätte es schon vor Monaten, gar Jahren, die Chance gehabt, offensiv zu fordern: Waffen dorthin, wo sie gebraucht werden! Also zum kurdischen Widerstand in Syrien.

Die Kurden dort übrigens sind schon gegen Baschar al Assad aufgestanden, als der syrische Herrscher noch ein hofierter Partner der Bundesregierung war.

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Time am 10. Oktober 2014

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1) http://www.tagesspiegel.de/meinung/wo-ist-die-linke-in-berlin-proteste-gegen-barbie-haus-keine-unterstuetzung-fuer-die-kurden/10817484.html