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Groteske Verleugnung der Wahrheit

6. April 2017

Arye Sharuz Shalicar

Bei „Achgut“ beleuchtet Vera Lengsfeld die zunehmend bedrängte Stellung der Juden in Deutschland (1).

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Jung, Muslim, Antisemit: Weder neu noch überraschend

In einer „Schule ohne Rassismus“ in Berlin-Friedenau, die noch dazu unter der Schirmherrschaft der Senatorin für Integration, Dilek Kolat (SPD), steht, wurde ein 14jähriger jüdischer Schüler von seinen muslimischen Mitschülern so lange gemobbt, bis ihn seine Eltern von der Schule nahmen. Lehrer und Schulleitung scheinen nichts davon mitbekommen zu haben, dass in ihrer „Schule ohne Rassismus“ antisemitische Attacken üblich waren.

Bezeichnenderweise fand der Skandal erst über die britische Zeitung „The Jewish Chronicle“ den Weg in unsere Medien. Während aber in der Originalberichterstattung klar darauf hingewiesen wurde, dass es sich um türkische und arabische Mitschüler gehandelt hat, wurde das in deutschen Medien in den Hintergrund geschoben. „Die Welt“ wies verdruckst darauf hin, dass es sich um eine Schule handelt, in der 75 Prozent der Schüler eine andere Muttersprache als Deutsch hätten, darunter viele aus arabischen und türkischen Familien.

Die „Huffington Post“ präsentiert gar unter der martialischen Überschrift „Fremdenfeindliches Mobbing an Schulen: Sie wollen ihre Opfer vernichten“ eine Schauspielerin, deren Tochter unter fremdenfeindlichen Übergriffen an ihrer Schule leidet. „Meine Haut ist, ich würde sagen Latte Macchiato-braun, die meiner Tochter karamellbraun“, beschreibt sich die Schauspielerin selbst und die „Huffington Post“ verweist auf Pegida-Väter, die mit Galgen demonstrieren und legt damit nahe, dass die Tochter unter rassistischen Übergriffen von biodeutschen Schülern leidet, die am Küchentisch von ihren Pegida-Eltern rassistisch indoktriniert werden, ohne einen einzigen Beleg dafür zu liefern. So wird wenigstens in der Propaganda die schöne Multikulti-Ideologie noch einmal gerettet.

Diese groteske Verleugnung der Wahrheit, dass es in Deutschland einen grassierenden Antisemitismus und Rassismus muslimischer Herkunft gibt, wird immer härter mit der Realität konfrontiert.

Nach dem Skandal in Friedenau hat sich die Jüdische Gemeinde endlich entschlossen, Klartext zu reden. Zentralratspräsident Josef Schuster sagte dem Berliner „Tagesspiegel“: „Hier geht es um Antisemitismus übelster Art.“ Schuster appellierte gleichzeitig an die muslimische Gemeinschaft, „den antisemitischen Tendenzen in ihren Reihen mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten“. Allerdings will Schuster immer noch glauben, „dass in einem Teil der Moscheen in Deutschland Judenfeindlichkeit und Israelfeindlichkeit aktiv Vorschub geleistet wird“, dass also muslimischer Antisemitismus nicht flächendeckend ein Problem ist.

Die zahlreichen Warnungen werden seit Jahren ignoriert

Die ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, sagte der „Heilbronner Stimme“: „Das ist kein Einzelfall.“ Immer öfter würden jüdische Schüler angefeindet, ausgegrenzt oder sogar körperlich angegriffen – „weil sie Juden sind“. Nein, das ist kein Einzelfall, es ist nicht mal ein neues, mit der Masseneinwanderung von 2015 aufgetretenes Problem. Über den Antisemitismus an deutschen Schulen gibt es bereits mehrere Bücher, die aber kaum beachtet worden sind. Die viel zu früh ums Leben gekommene Jugendrichterin Kirsten Heisig hat bereits vor Jahren in ihrem Buch „Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ Antisemitismus, Rassismus und Frauenfeindlichkeit an Schulen beschrieben.

Noch genauer kann man es in Arye Sharuz Shalicars Buch „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ nachlesen.

Shalicar ist der Sohn einer jüdischen Familie, die aus dem Iran nach Deutschland gekommen ist. Er wächst in Spandau auf, zieht aber als Jugendlicher in den 80er Jahren mit seiner Familie in den Wedding. Hier muss er sich in einem muslimisch dominierten Umfeld behaupten. Im Wedding, in Kreuzberg, in den anderen Ausländerghettos in Deutschland gibt es seit Jahrzehnten eine Parallelgesellschaft, auch wenn das von Politik und Medien immer noch hartnäckig übersehen, wenn nicht gar geleugnet wird. In dieser Gesellschaft herrschen Gewalt, Rassismus und Antisemitismus, nicht von Biodeutschen, sondern von „Ausländern“ mit und ohne deutschen Pass. Der Hass dieser jungen Türken, Bosnier, Kurden, Araber, Palästinenser, Inder, der dem jungen Shalicar unvorbereitet entgegenschlägt, ist, wie Chaim Noll in seinem Vorwort schreibt: „…nicht der Hass des europäischen Antisemiten, es ist der Hass, der aus dem Nahen Osten kommt, sozusagen die Fortsetzung des Nahostkonflikts in Europa.“

Shalicar bekommt diesen Hass täglich zu spüren: Verbal, indem ihm immer wieder gesagt wird, dass die Juden hassenswert seien, auch wenn die Jugendlichen, die ihm das entgegen schleudern, außer ihm noch nie einen Juden gesehen haben. Dann durch körperliche Übergriffe. Shalicar wechselt schließlich die Schule und seine Taktik. Er beschließt, einer von ihnen zu werden, ein Mitglied einer der Jugendbanden, die sich den Wedding untereinander aufgeteilt haben.

Das alles treibt Shalicar schließlich aus dem Land

Er macht auf sich aufmerksam, indem er zum Sprayer wird. Nacht für Nacht zieht er los, um seine überdimensionalen Tags an die Wände im Wedding zu schmieren. Als sein Sprayer-Name „Aron“ schließlich in aller Munde ist, gibt er sich zu erkennen, indem er diesen Namen auf sein T-Shirt drucken lässt. Aron hat sich durch seine kühnen Tags so viel Ansehen erworben, dass er von einer kurdischen Jugendgang aufgenommen wird. Er kann sich jetzt sogar offen als Jude bekennen, wird aber als die Ausnahme angesehen, als einer, der wie „wir“ ist, nicht wie ein „Jude“. Shalicar muss seine Mitgliedschaft in der Gang teuer bezahlen. Er wird zum Kleinkriminellen, kommt immer öfter mit der Polizei in Konflikt, trägt schließlich ein Messer bei sich oder andere Waffen und setzt sie bei Schlägereien ein.

Es ist die Liebe und die wachsende Neugier auf seine Herkunft, die Shalicar aus seiner Abwärtsspirale befreit. Seine Freundin Janica, der er auch sein Buch gewidmet hat, erinnert ihn immer wieder daran, dass es ein Leben außerhalb der Wedding-Banden gibt.

Er macht schließlich sein Abitur, geht zur Bundeswehr und studiert, unter anderem Hebräisch und Judaistik. Shalicar schließt sich der Jüdischen Gemeinde an, die er aber bald inkonsequent findet. Während überall in Europa Juden auf die Straße gehen, um gegen muslimischen Antisemitismus zu demonstrieren, bleibt es in Deutschland still.

Das alles treibt Shalicar schließlich aus dem Land. Er will dort leben, wo er und seine künftigen Kinder frei sind, wo sie sich zugehörig, also zuhause fühlen können. Er entscheidet sich für Israel, auch wenn das eine Trennung von seiner ersten Liebe Janica bedeutet.

In Israel hat Shalicar eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Er wurde Major der israelischen Armee und war lange Zeit ihr Pressesprecher. Heute gehört er zu den Mitarbeitern im Büro des Ministerpräsidenten. Die Entwicklung in Deutschland beobachtet er immer noch genau. Er stünde sicher jederzeit mit Rat und Tat bereit, wenn sich die deutschen Verantwortlichen in Politik und Medien endlich dazu durchringen sollten, das Problem des muslimischen Antisemitismus und Rassismus anzupacken. Hoffen wir, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis Shalicars unverzichtbarer Rat eingeholt wird.

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Time am 6. April 2017

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1) http://www.achgut.com/artikel/jung_muslim_antisemit_weder_neu_noch_ueberraschend

Bundeswehr nach Afrika

4. Mai 2015

Bundeswehr

In der „Welt“ nimmt Henryk M. Broder zur orkischen Masseninvasion Stellung (1).

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Wir sind den Afrikanern Bundeswehreinsätze schuldig

Wer Flüchtlingen helfen will, müsste der Bundeswehr ein „robustes Mandat“ verschaffen, um in Afrika sichere Zonen zu etablieren. Das würde das Problem nicht lösen, aber das große Sterben stoppen.

Nach Angaben der UN-Flüchtlingshilfe waren Ende des Jahres 2013 mehr als 51 Millionen Menschen „auf der Flucht“. Knapp 17 Millionen, ein Drittel, waren „klassische“ Flüchtlinge im Sinne der völkerrechtlichen Definition des Begriffes. Mehr als 33 Millionen, also zwei Drittel, waren „Binnenvertriebene“, die innerhalb ihres eigenen Landes fliehen mussten.

Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, der United Nations High Commissioner for Refugees, kümmerte sich 2013 weltweit um fast 36 Millionen Menschen – „Flüchtlinge, Binnenflüchtlinge, Asylbewerber, Rückkehrer und Staatenlose“. Inzwischen dürfte die Zahl noch größer sein.

Die meisten Politiker, nicht nur in Deutschland, sind von der Situation überfordert. Die einen möchten gerne Schiffe nach Afrika schicken, um den Flüchtlingen eine sichere Passage nach Europa zu ermöglichen, die anderen glauben, sie könnten mit „kontrollierter Einwanderung“ die Lage in den Griff bekommen. Derweil rollt eine Flüchtlingswelle auf Europa zu, mit der offenbar niemand gerechnet hatte, auch nicht die vielen Experten für Entwicklungshilfe beziehungsweise wirtschaftliche Zusammenarbeit, die in den vergangenen Jahren nicht müde wurden, uns immer wieder zu versichern, Afrika sei ein „Erfolgsmodell“ und das Geld, das wir dorthin schicken, gut angelegt.

Notorische Gutmenschen wie Sir Bob Geldof und Bono nahmen Afrika unter ihre Fittiche und forderten bei jedem ihrer Auftritte, es müsste noch mehr Geld dorthin fließen, natürlich nicht ihr eigenes, sondern das anderer Leute, OPM, Other People’s Money.

Sind wir für alle Länder verantwortlich?

Nun hat sich der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, zu Wort gemeldet. Während einer Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau sagte er, Deutschland habe so viel Unheil über die Welt gebracht und stehe bei so vielen Ländern tief in der Schuld, dass es sich nicht leisten könne, „Flüchtlinge und Verfolgte abzulehnen“.

Diese Feststellung ist nicht grundsätzlich verkehrt. Stünden Polen, Russen, Tschechen, Esten, Letten, Litauer, Norweger und Dänen vor unserer Tür, müssten wir uns in der Tat Gedanken darüber machen, wie wir ihnen helfen können.

Aber für das Elend in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge heute kommen, sind ausnahmsweise nicht wir verantwortlich, sondern andere europäische Länder – wenn man mal unterstellt, dass der Kolonialismus bis heute nachwirkt: Frankreich für den Libanon, Syrien und große Teile Nord- und Westafrikas; Italien für Äthiopien, Eritrea und Libyen; Belgien für den Kongo, Ruanda und Burundi; England für den Sudan, Somalia und Nigeria.

Deutschland könnte allenfalls die Verantwortung für das Wohlergehen der Menschen im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, übernehmen, wo die kaiserlichen Truppen im Jahre 1904 den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts verübten, als sie einen Aufstand der Herero und der Nama niederschlugen und dabei weder Frauen noch Kinder verschonten. Daraus könnte man eine moralische und politische Verpflichtung ableiten.

„Gerade wir als Deutsche“

Aber so hat es Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, nicht gemeint. Er sagte, Deutschland sei aufgrund seiner Vergangenheit „das letzte Land, das es sich leisten kann, Flüchtlinge und Verfolgte abzulehnen“. Egal, woher sie kommen und wer dafür verantwortlich ist, dass sie fliehen mussten. Er hat die beliebte Phrase – „gerade wir als Deutsche“ – neu paraphrasiert.

Schuster, der als Arzt täglich Menschen hilft, vertritt mit seiner Forderung sicher nicht die Mehrheit der Deutschen, er steht aber auch nicht allein auf weiter Flur. Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“, die sich über jeden Israeli freut, der nach Deutschland „flieht“, weil er damit das „Regime“ von Bibi Netanjahu delegitimiert, Prantl hält es für unsere „christliche Pflicht“, Menschen zu helfen, die ihr Leben für ein besseres Leben riskieren. So kommen christliche und jüdische Nächstenliebe zusammen – weit ab von jeder Realität.

Sollten sich Schuster und Prantl durchsetzen, könnte es in der Bundesrepublik etwas eng werden, auch in bisher dünn besiedelten Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern und der Sächsischen Schweiz. Andererseits würde es in monochromen Gegenden wie dem Schwarzwald endlich bunter werden.

Die Frage, ob Deutschland Millionen von Flüchtlingen wirtschaftlich und kulturell verkraften kann, ob es nicht eine „Sättigungsgrenze“ gibt, jenseits der Gesellschaften so umkippen wie bis jetzt einzelne Städte und Stadtteile – Duisburg-Marxloh, Berlin-Neukölln –, wird dabei gar nicht gestellt. Denn die Antwort könnte ernüchternd sein. Man denke an die Zustände rund um den Görlitzer Park und eine leer stehende Schule in Kreuzberg, die mit Unterstützung der grünen Kreuzberger Bürgermeisterin von einer Gruppe von Flüchtlingen besetzt wurde, die mit Gewalt ihre Anerkennung als Asylbewerber erzwingen wollten.

Wo bleibt das Gewaltmonopol des Staates?

Als die Polizei schließlich nach anderthalb Jahren die Schule räumte, war nicht nur das Gebäude ruiniert, sondern auch das Vertrauen der Bürger in das Gewaltmonopol des Staates.

Wer nun die bedingungs- und grenzenlose Aufnahme von Flüchtlingen fordert, der will nicht das Leiden der Flüchtlinge beenden, sondern nur sein eigenes: beim Anblick der Flüchtlinge in den vollgepackten seeuntauglichen Schlauchbooten. Die „Festung Europa“ soll fallen, aber der eigene Garten off limits für die Flüchtlinge bleiben.

Wer ihnen wirklich helfen will, der müsste sich um ein „robustes Mandat“ für die Bundeswehr bemühen, in Afrika „sichere Zonen“ zu etablieren, in denen Recht und Ordnung herrschen und niemand wegen seines Glaubens, seiner Hautfarbe oder seiner Herkunft verfolgt wird. Ein halbes Dutzend solcher „safe havens“ zwischen Nyala im Osten, Bamako im Westen und Annaba im Norden würde das Problem nicht lösen, aber erst einmal das große Sterben stoppen.

Das sind wir den Afrikanern schuldig. Vor allem wir als Deutsche.

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Time am 4. Mai 2015

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1) http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article140455149/Wir-sind-den-Afrikanern-Bundeswehreinsaetze-schuldig.html

Nicht der erste – nicht der letzte Völkermord

16. April 2015

1komma5Millionen

Im „Tagesspiegel“ findet heute Stephan-Andreas Casdorff starke Worte gegen die unterwürfige Haltung der Bundesregierung gegenüber dem Völkermord der Torks an den Armeniern und der verleugnenden Haltung der torkischen Regierung (1).

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Was es war? Völkermord!

Ob die Verbrechen des Osmanischen Reichs an den Armeniern Völkermord waren, oder nicht, ist nicht Historikern vorbehalten, wie die Bundesregierung glauben macht. Sie muss sich klar dazu erklären. Ein Kommentar.

Diplomatie ist nicht nur die Kunst des ziselierten Wortes. Bei manchem ist absolute Klarheit geboten. Wie im Fall des Völkermords an den Armeniern. Jawohl, Völkermord!

Denn das ist, was vor 100 Jahren geschah: Im Osmanischen Reich wurden auf Befehl der Regierung mehr als eine Million Armenier deportiert, sie wurden ermordet oder verhungerten und verdursteten in der Wüste. Es brauchte eigentlich weiß Gott nicht erst den Papst, das einen Genozid zu nennen. Recht hat er. Und nicht er allein. Vor Franziskus haben Frankreich, Italien, Polen und viele Länder mehr dazu klare Worte gefunden. Manche, darunter Griechenland, stellen die Leugnung des Genozids sogar unter Strafe.

Deutsche Offiziere waren Mitwisser, waren Mittäter. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, hat dieser Tage darauf hingewiesen. Es wird doch nur zu gern verdrängt, dass Adolf Hitler diesen Völkermord zum Vorbild für die Vernichtung der Juden genommen hat. Wie schrecklich, dass Schuster daran erinnern muss, in diesem Jahr, 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, von Buchenwald.

Darum ist es Zeit, dass sich die Türkei, ja doch, und wir Deutsche uns unserer Verantwortung stellen. Am 24. April, dem Gedenktag, ist im Bundestag die Gelegenheit dazu: zu absoluter Klarheit. Am besten in einer Regierungserklärung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Das wäre angemessen. Nicht angemessen ist, wenn die Regierung erklärt, wie gerade geschehen, dass das Urteil über dieses Verbrechen Historikern vorbehalten sein sollte. Was ohnedies schon eine gewagte These ist. Politiker entscheiden zuweilen schon Historisches und auch über ihre Haltung zu Historischem.

Erschreckende Einstellung zu historischem Unrecht

Dass die Türkei in diesem Fall geradezu eine internationale Verschwörung gegen sich wittert, zeigt eine erstaunliche, genauer: eine erschreckende Einstellung zu historischem Unrecht und der Notwendigkeit seiner Aufarbeitung. Subjektive Reinigung eines Geschichtsbildes darf ihr nicht gestattet werden. Das wäre falsche Rücksichtnahme. Wo doch nur der, der sich seiner Vergangenheit stellt, eine gute Zukunft erringen kann. Das ist eine andere Form von politischer Hygiene – und zwingend, wenn die Türkei immer noch im modernen Europa ankommen will.

Was wiederum zurückführt zum Anspruch an Deutschland. Wie gut, dass die Union das Thema noch einmal mitnimmt in die koalitionären Beratungen. Nicht weil es der Opposition, weil es Linken und Grünen unerwünschte Angriffsflächen bietet, das wäre bloß taktisch, sondern weil sich tatsächlich keiner mit dieser seltsam unentschlossenen Haltung zufriedengeben sollte. Dazu ein Beispiel, eines, das die Bundesregierung durchaus desavouieren kann: Zu den Gedenkfeiern am 24. April in Eriwan kommt für Frankreich Staatspräsident François Hollande – Deutschland soll nur von einem Staatsminister aus dem Auswärtigen Amt vertreten werden? Das kann nicht das letzte Wort sein.

Am Vorabend gibt es einen ökumenischen Gottesdienst in Berlin. Möglicherweise wird Bundespräsident Joachim Gauck den Völkermord beim Namen nennen. Das Staatsoberhaupt spricht in unser aller Namen. Es wäre unwürdig, wenn sich Bundesregierung und Bundestag ihm nicht anschließen wollten.

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Time am 16. April 2015

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1) http://www.tagesspiegel.de/politik/armenien-was-es-war-voelkermord/11648172.html