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Voll daneben, Karen!

17. März 2012

Eigentlich hatte ich die FAZ-Redakteurin Karen Krüger wegen ihrer Fuhrergan-kritischen Beiträge schon fast zum Counterjihad gezählt, da lieferte sie gestern einen teilweise unerträglich unreflektierten Artikel über die Filmkomödie „Türkisch für Anfänger“ ab. Er ist wie gewohnt treffend formuliert, und es gelingt Frau Krüger sogar, auf den Film neugierig zu machen.

Allerdings kann sie sich einer an den Medien-Mainstream anbiedernden Geste nicht enthalten, indem sie schon zu Beginn ihrer Ausführungen positiv auf eine „Dartscheibe mit einem Foto Thilo Sarrazins, durchlöchert von Pfeilen“ referiert und Dr. Sarrazin einen „Integrations-Unruhestifter“ nennt, wo doch jeder Mensch genau weiß, dass die „Integrations-Unruhestifter“ in Wirklichkeit in den Salafistengruppen, Moscheevereinen und Ork- und Torkverbänden zu finden sind. Offenbar darf man the Fuhrergan heutzutage nicht kritisieren, ohne gleichzeitig Thilo Sarrazin zu schmähen…

Gestern erschienen Frau Krügers Zeilen, doch Dr. Sarrazin reagierte umgehend, und schon heute steht seine Erwiderung in der FAZ, was zeigt, dass die FAZ Herrn Sarrazin schätzt und seine Briefe nicht lange in der Schublade auf die Veröffentlichung warten lässt. Lesen Sie nun zunächst Thilo Sarrazins Brief und sodann den Artikel von Karen Krüger.

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Wo fängt Gewalt an?

Zu „Deutschland lacht sich stark – ,Türkisch für Anfänger‘ erst im Fernsehen, jetzt im Kino: Ein unexotischer Erfolg“: Ihre Autorin Karen Krüger hat sich offenbar wie die Mehrheit ihrer Pressekollegen nie die Mühe gemacht, mein Buch zu lesen, sonst könnte sie nicht so absurden Unsinn über seinen Inhalt quasi nebenbei unterstellen. Diese besondere Spielart journalistischer Legasthenie ist bedauerlich, aber weit verbreitet. Das ist aber nicht der Anlass dieses Leserbriefes. Karen Krüger scheint es für einen guten Filmgag zu halten, dass mein Gesicht mit Dart-Pfeilen beschossen wird, und das lässt tief blicken. Wo fängt Gewalt an, und wo hört sie auf? Und wie verstockt muss man sein, um solche Art der Auseinandersetzung zu goutieren? Sollte der wunde Punkt darin liegen, dass man Sachverhalte, die nicht ins eigene Weltbild passen, gerne verdrängen möchte, auch wenn die moralischen Kosten der Verdrängung hoch sind und den impliziten Gewaltaufruf mit einschließen?

Dr. Thilo Sarrazin, Berlin

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Deutschland lacht sich stark

„Türkisch für Anfänger“ erst im Fernsehen, jetzt im Kino:
Ein unexotischer Erfolg

Kritik ist ja oft am effektivsten, wenn ihre Spitzen in Humor gekleidet sind. Und so verrät gleich zu Beginn dieser Komödie ein Detail, worum es in „Türkisch für Anfänger“ eigentlich geht: Einen Wimpernschlag lang sieht man an einer Tür eine Dartscheibe mit einem Foto Thilo Sarrazins, durchlöchert von Pfeilen.

Ganz zufällig scheint die Kamera es zu streifen, und man kann sich vorstellen, welch diebische Freude es den Filmemachern bereitet haben muss, den Integrations-Unruhestifter auf diese Weise zu plazieren. Zwar folgt der Film in einem gewissen Sinn dessen biologistischer Argumentation – insofern nämlich, dass wir alle Kinder unserer Eltern sind.

Anders als bei Sarrazin heißt das für den deutschtürkischen Drehbuchautor und Regisseur Bora Dagtekin aber nicht, dass man sich deshalb immer sicher sein kann, wie die Sprösslinge werden. Ganz im Gegenteil.

Als mit Preisen überhäufte Fernsehserie, die bis 2008 im Ersten zu sehen war, hat das „Türkisch für Anfänger“ schon klug und lustig vorgeführt. Sie erzählt von der Berliner Patchwork-Familie Öztürk-Schneider; von Vater Metin, Witwer, Kripobeamter und überangepasster Softie, der bei der geschiedenen, ständig um Unkonventionalität bemühten Psychotherapeutin Doris einzieht.

Beide haben Kinder, die ganz anders geraten sind, als die beiden das wollten: Cem ist ein Macho vor dem Herrn, Schwester Yagmur eine strenggläubige Muslimin, und die antiautoritär erzogene Lena die personifizierte Selbstkontrolle. Das Zusammenleben ist turbulent, das aber erzählt der gleichnamige Kinofilm nun nicht einfach weiter, sondern macht die Serienhelden noch einmal miteinander bekannt. Unter ganz anderen, verschärften Bedingungen, gewissermaßen als soziales Experiment in Laborsituation. Es spielt nicht an der Integrationsfront von Neukölln oder Kreuzberg, sondern, schlimmer noch, an einem Ort, von dem es kein Entkommen gibt, nämlich auf einer einsamen Insel im Indischen Ozean.

Dorthin hat es Cem (Elyas M’Barak), Yagmur (Pegah Ferydoni), Lena (Josefine Preuß) und den stotternden Griechen Costa (Arnel Taci, in der Serie Yagmurs Verlobter) verschlagen. Mit dem exotischen Ort fängt das Dagtekin-typische Aufräumen mit Klischees schon an, vermutet man Berliner Türken während des Sommers doch gemeinhin in der Türkei bei Verwandten oder im Kreuzberger Prinzenbad.

Doch wie die Schneiders zieht es auch die Öztürks in die Ferne, nach Thailand nämlich, unterwegs stürzt jedoch das Flugzeug ab, muss notwassern, dabei geht die Rettungsinsel mit den Jugendlichen verloren. Während Metin (Adnan Maral) und Doris (Anna Stieblich) sich in einem Hotel ihrer Rettung freuen, der kulturellen Unterschiede zum Trotz einander näherkommen und mit Cocktail und Sonnenöl in der Hand bald kaum noch an die verschollenen Kinder denken, tobt auf der Insel ein Integrationskampf en miniature.

Lena („einer muss die Führung übernehmen, ich bin hier die Einzige mit Abitur, also ich“) hält ihn in ihrem Videotagebuch fest. Ihr „Absturzbericht“ beginnt so: „Es sieht schlecht aus. Einsame Insel. Ein völlig desozialisierter Macho. Der andere stottert. IQ eventuell nicht messbar.“ Cem zahlt ihr das heim: „Der Duden hält jetzt mal die Fresse, sonst kommt er ins Altpapier.“ Im Folgenden passiert all das, was Abenteuerfilme schon unzählige Male durchdekliniert haben: Die vier finden eine verlassene Hütte, die ihr Basislager wird. Sie bekommen Hunger und stillen ihn. Sie wagen sich in den Urwald, um einen Peilsender auf einer Anhöhe zu plazieren. Sie begegnen Eingeborenen, halten sie für Kannibalen und rennen schreiend davon.

Dass das auch nicht eine Sekunde langweilig ist, sondern einfach nur sehr lustig, liegt an den pointierten Dialogen und Sprüchen, mit denen sich die vier malträtieren. Kein deutsch-türkisches Stereotyp wird außer acht gelassen, jedes Mann-Frau-Klischee in die Luft gesprengt. Der feingerippte Cem posiert die ganze Zeit, als sei er Model in einer Ray-Ban-Werbung, während Lena ständig darum bemüht ist, ihre kindliche Kirschunterwäsche zu verbergen. Alle vier hängen in der Warteschleife von großspurigen Behauptungen über Sex und dem tatsächlichen ersten Mal. Doch sie müssen miteinander klarkommen, die Lage ist schließlich ernst. So ernst, dass die Rollen brüchig werden, in denen sich jeder von ihnen irgendwann als Sohn oder Tochter eingerichtet hat. Es kommen Eigenschaften zum Vorschein, die von ganz anderen Persönlichkeiten erzählen. Jeder von ihnen ist unerträglich in dem Bemühen, ein bestimmtes Bild zu erfüllen, verkörpert aber etwas, von dem der andere insgeheim gern ein Stück abhätte.

Auf die Spitze getrieben wird die Integrationssatire mit Uschi (Katja Riemann) aus Darmstadt. Auf sie treffen die vier bei den vermeintlichen Kannibalen. Das mit dem Menschenfressen habe sie ihrem Bärchen längst abgewöhnt, erzählt Uschi, die vor vielen Jahren auf die Insel kam, um die Ureinwohner zu erforschen, und dann der Liebe wegen hängen blieb.

Inzwischen malten sich ihr Mann und der Sohn nur noch an, um lästige Touristen zu vertreiben. Auch das ganze Gebrülle und die Speere dienten nur deren Abschreckung, denn alles solle ja nun auch nicht anders werden in ihrem schönen Wald. Man hört es, lächelt, tritt aus dem Kino, das vielleicht irgendwo in Neukölln oder Kreuzberg liegt. Und sieht die Welt, was selten bei Komödien ist, tatsächlich ein klein wenig mit anderen Augen.

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Time am 17. März 2012