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Die Armenier demaskieren den Wolf

23. April 2010

Unlängst hatte ich Karen Krüger von der FAZ für einen ihrer fieslahmversteherischen Artikel kritisiert (1). Mit schönster Regelmäßigkeit war nun wieder ein counterjihadischer Artikel zu erwarten. Und tatsächlich, gestern beschrieb sie pointiert die Wühlarbeit türkisch-mohammedanistischer Aktivisten gegen die Diskussion über den Völkermord an den Armeniern am Beispiel des deutschen Städtchens Minden (2). Außerordentlich positiv finde ich hier die Zusammenarbeit zwischen Aleviten und Armeniern, erwartungsgemäß abstoßend das Einschüchterungsverhalten der Türken, ekelhaft die Feigheit deutscher Politiker.

Natürlich spielt sich dieser „weiche Jihad“ nicht nur in Minden ab. Die heutige FAZ brachte folgenden Leserbrief von G. D. (Aktualisierung: türkischer Name, mutmaßlicher Eigner fordert Unkenntlichmachung, s.u.) aus Köln:

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Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren

Zu Ihren Berichten über die Armenier und zu Ihrer Haltung zur Türkei: Wir als hier lebende Türken haben die Nase voll von Ihren Anti-Türkei-Berichten! Sie sollten erst mal gucken, was die Deutschen in der Geschichte so gemacht haben und viel mehr Berichte darüber schreiben! In der Türkei wurden viele Massengräber von Türken gefunden, die von Armeniern umgebracht worden waren. Was ist mit den Hocali-Massakern am türkischen Volk und was mit den Aserbaidschanern, die von den Armeniern umgebracht worden sind? Ich werde die türkische Botschaft und Ministerpräsident Erdogan kontaktieren und ihnen über Ihre Anti-Türkei-Politik berichten. Ebenso werde ich eine Kampagne gegen einige deutsche Medien auf von mir geführten Webseiten starten. Es geht nicht nur um die Armenier-Frage, sondern auch um andere Berichte von Ihnen. Zusätzlich werde ich türkische Medien kontaktieren, damit Berichte gegen Deutschland geführt werden. Es reicht!

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Sie lachen über diesen aufgeblasenen Windbeutel, aber die bibbernde FAZ-Leserbriefredaktion hat bestimmt bereits Personenschutz angefordert. Dabei sind die Fakten völlig klar. Hierauf hatte FAZ-Leserin Muriel Mirak-Weissbach am 19. April hingewiesen (3): „Im Jahr 2005 hat der ehemalige “Spiegel”-Journalist Wolfgang Gust die wichtigsten Dokumente zu den Ereignissen in einem bahnbrechenden Geschichtswerk zusammengetragen.“ Wolfgang Gust nun beschreibt in der heutigen FAZ einen diesbezüglichen Workshop in Boston.

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Das Ende eines langen Anfangs

Wann immer in der deutschen Öffentlichkeit Armenier und Türken über den Genozid an den Armeniern diskutieren, kommt es zum Eklat. Die türkischen Vertreter versuchen ihre Gegenüber mit altbekannten Parolen zum Schweigen zu bringen, die armenischen Vertreter hingegen bestehen als Vorbedingung eines Dialogs auf der Anerkennung des Genozids. Doch es geht auch anders.

In den Vereinigten Staaten trafen sich Anfang April Erforscher des Genozids an den Armeniern zu einem Workshop der Clark-Universität in Boston. Unter ihnen waren – wie immer – bestens informierte Armenier und – wie erst in neuester Zeit – auch bestens informierte Türken. Organisator der Veranstaltung waren Taner Akçam, der an der Clark-Universität mit dem Kaloosdian/Mugar Chair den einzigen amerikanischen Lehrstuhl für den Völkermord an den Armeniern innehat, sowie das Strassler Center for Holocaust & Genocide Studies. Mitsponsoren waren die „National Association for Armenian Studies and Research“ mit Marc Mamigonian, sowie der amerikanische Deutschland- und Genozid-Spezialist Eric Weitz von der Universität Minnesota.

Es ging um den armenischen Genozid, mit Schwerpunkt auf dessen Dokumentierung in den weltweit verstreuten Archiven, aber auch um die Frage, wie es weitergehen soll mit seiner Erforschung. Es herrschte akademische Vielfalt; die Vorträge, die Diskussion und selbst – wenn nicht sogar in erster Linie – die abweichenden Meinungen waren äußerst informativ. Dazu trugen die türkischen Wissenschaftler in hervorragender Weise bei. Man wurde zum Zeugen einer Normalisierung.

„Wir haben einen langen Weg hinter uns und noch einen längeren Weg vor uns“, alle Teilnehmer hätten „das Ende vom Anfang erlebt“, bilanzierte Taner Akçam. Dieser Völkermord sei nun nicht mehr vornehmlich eine Domäne armenischer Wissenschaftler. Europäische, amerikanische und türkische Forscher verschiedener Disziplinen seien hinzugekommen, um das Ereignis in ihre Überlegungen und Vergleichsstudien von Genozid, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschheit einzubeziehen. „Diese Entwicklung wird zu einem höheren Standard auf dem Feld der Genozidforschung führen“, sagte Akçam.

Der Völkermord an den Armeniern wird weltweit nicht einseitig, wie viele Türken hierzulande behaupten, sondern völlig eindeutig dargestellt – und an der Wahrheit interessierte Türken steuern einen immer wichtigeren Teil dazu bei. Kurz vor dem Workshop hatten meine Frau und ich in unserem Internetportal http://www.armenocide.net, das sich auf die Veröffentlichung offizieller Dokumente konzentriert, eine neue Edition von etwa 350 Akten des deutschen Auswärtigen Amts mit dem Titel „Deportationsbestimmungen“ herausgegeben. Es handelt sich um weitgehend unbekannte, weil zumeist handschriftliche und damit schwer lesbare Unterlagen über Armenier in deutschen Diensten. Sie zeigen neben fehlender Zivilcourage der Deutschen vor allem, was die offizielle Türkei bis heute heftig bestreitet: die Macht der jungtürkischen Zentrale, über das Schicksal eines jeden Armeniers zu entscheiden. Welche Rolle dabei die Provinzbehörden und die lokalen Jungtürken-Komitees spielten, geht aus den deutschen Akten nur rudimentär hervor. Genau deren Rolle im Völkermord aber beschrieb Ayhan Aktar, türkischer Soziologie-Professor an der Istanbuler Bilgi Universität, in seinem Workshopbeitrag. Dokumente des Auswärtigen Amtes und Aktars Analyse der osmanischen Verwaltung ergänzen hervorragend die Sicht auf die damaligen Vorgänge vor Ort.

Was in Boston schon Wirklichkeit geworden ist, liegt in Deutschland noch in weiter Ferne. Schon deshalb, weil sich in Deutschland keine Universität der Erforschung des Völkermords widmet, von der Ruhr-Universität Bochum abgesehen, an der ein armenischer Professor lehrt. Hingegen reiste im türkischen Auftrag der längst widerlegte amerikanische Genozidleugner Professor Justin McCarthy durch das Land, um der offiziellen türkischen Schwindelversion ein akademisches Mäntelchen umzuhängen.

Doch viele Türken sehen die Sache inzwischen ganz anders – dank der Ereignisse in der Türkei selbst: immer mehr türkische Großmütter, die sich kurz vor ihrem Tod den erschrockenen Enkeln als Armenierinnen offenbaren, ein Nobelpreisträger, den der Staat vors Gericht zerrt, weil er einen Genozid nicht hinnehmen will, ein armenisch-türkischer Intellektueller, den die nationalistische Hydra ermordete und dessen Sarg eine ungeheure Menschenmenge folgte und skandierte: Wir alle sind Hrant Dink! Die Türkei erwacht und die Türken in Deutschland mit ihr.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich die türkische Welt, die ich wahrnehme, signifikant verändert. Waren zuvor fast ausschließlich Armenier meine Zuhörer, nachdem ich im Jahr 1993 mein erstes Buch über den Völkermord veröffentlicht hatte, so sind es heute mehrheitlich Türken. Sie wollen erfahren, was damals wirklich geschah.

Vor drei Jahren fragte mich ein türkischer Zuhörer nach einer öffentlichen Konferenz in Berlin, wie er nachprüfen könne, dass meine Aussagen – denen er misstraute – stimmten. Ich verwies ihn auf mein zuvor erschienenes Buch mit Hunderten von Dokumenten des deutschen Auswärtigen Amts über den Genozid. Vor wenigen Wochen meldete sich dieser Mann, ein Türke Mitte fünfzig, wieder. Wir trafen uns, und er erzählte seine Geschichte: Wenn möglich einmal in der Woche hatte er im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes die Akten verglichen. Ihm sei dabei klargeworden, dass alle stimmten. Schließlich habe er weitere Belege studiert und sich dabei – auf Türkisch – fast achthundert Seiten Notizen gemacht. Viele der zusätzlichen Akten, die er gelesen hatte, waren mir unbekannt. Mein Gesprächspartner hatte mich mit seiner Kenntnis der deutschen Dokumente fast überflügelt. Natürlich zweifelte er nicht mehr im geringsten daran, dass die Ereignisse in den Jahren 1915/16 einen klassischen Genozid darstellten.

In den Vereinigten Staaten und in Istanbul hat sich eine türkische Graswurzelbewegung gebildet, die ein ganz klares Ziel verfolgt: sich mit Armeniern zu treffen, miteinander Tee zu trinken und zu sprechen – die Scheu voreinander zu verlieren und die Wahrheit der Jahre des Ersten Weltkriegs zu erkunden. Diese Menschen nennen sich „Freunde von Hrant Dink“. In Deutschland wird der Name „Projekt 2015“ erwogen. Zum hundertsten Jahrestag des Beginns des Völkermords wollen die Kinder und Großkinder der Täter und Opfer eines der furchtbarsten Kapitel der osmanischen Geschichte ergründet haben. Und wieder zueinanderfinden.

Zum ersten Mal werden in diesem Jahr Deutschlands Türken, Kurden und Armenier zusammen des 24. April 1915, als die armenische Elite im Osmanischen Reich verhaftet und zum größten Teil umgebracht wurde, gedenken. Es ist ein Anfang des gemeinsamen Erinnerns – und, wie in Boston erkannt, das Ende eines langen Wegs insbesondere für die Türken. Werden die Armenier ihn mitgehen? Im Clark-Workshop klagte Ron Suny, Direktor des „Eisenberg Institute for Historical Studies“ der Universität Michigan, dass die Armenier bisweilen zu nationalistisch seien. Das erregte den Nestor der Armenienforschung, Richard Hovannisian: Auch als überzeugter armenischer Patriot sei er der Wahrheit verpflichtet. Mit dieser Auffassung wäre ein Dialog möglich, auch wenn es die Armenier in Deutschland schwerer haben, denn ihnen steht eine fast hundertmal stärkere türkisch und kurdisch muslimische Gemeinschaft gegenüber.

Aber die türkischen Ultras sind dabei, ihre jahrzehntelange Dominanz zu verlieren. Bei einer Veranstaltung in Frankfurt, zu der ein türkischer Verein Taner Akçam und mich eingeladen hatte, kamen etwa zweihundert Türken und auch einige Armenier. Dann erschien ein halbes Dutzend adrett gekleideter junger Männer. „Da sind sie“, sagte mir ein Türke und deutete auf die Gruppe. Es waren jene Türken, die noch vor einem Jahrzehnt die Szene beherrscht hatten und jetzt als fast stigmatisierte Außenseiter erschienen: Kemalisten, einst von den Sowjets hofiert, jetzt die Träger eines antiquierten Nationalismus.

Noch versuchen sie, ihr Scheitern zu verhindern, und biedern sich sogar bei armenischen Hardlinern an, die ebenfalls nichts von einem Dialog zwischen beiden Völkern halten. In den kommenden Jahren wird sich entscheiden, ob die dialogbereiten Türken, Kurden und Armenier Deutschlands den entscheidenden Schritt schaffen, den die Forscher beider Nationen in Boston schon besiegelt haben.

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Ich halte die Anerkennung des Leidens der Armenier und das Eingeständnis türkischer Schuld für einen guten Test, ob es den Türken um Partizipation oder Beherrschung geht. Dieses Thema ist geeignet, die Takija-Maske herunterzureissen und den Jihad-Wolf für alle sichtbar zu machen. Er wird sichtbar werden: als Wolf, der er ist!

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Time am 23. April 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/09/sprachenjihad-jihadsprachen/
2) http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EA769924A55A647F5A29F41B3D3E4293D~ATpl~Ecommon~Scontent.html
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/19/turkischer-realismus/

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FAZ-Links zum Thema:
http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~EF9DB88FEA6AE4C4FACB9344EEDFD1365~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.faz.net/s/RubA330E54C3C12410780B68403A11F948B/Doc~E73B8EA7839F04D06B9E8625F0046823C~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.faz.net/s/RubA330E54C3C12410780B68403A11F948B/Doc~E3C89A9F611FA405786CF407C140365FF~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~E265545F362D24163B98E57B88A2E7B8C~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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Aktualisierung, aus der FAZ vom 24.04.’10: „Hinweis – Der unter dem Titel ‚Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren‘ veröffentlichte Leserbrief in der Ausgabe vom 23. April stammt nach seinem Bekunden nicht von G. D., Köln.“

Na und, es gibt ja vielleicht auch mehr als einen Helmut Schmidt in Köln. Erstaunlich ist die beflissene Eile, mit der die FAZ das Dementi bringt.

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Aktualisierung, aus der FAZ vom 26.04.’10: „Hiermit möchte ich betonen, dass der Leserbrief in der F.A.Z. vom 23. April mit der Überschrift ‚Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren‘ in keinerlei Weise von mir stammt. Eine mir noch unbekannte Person hat meinen Namen missbraucht, wahrscheinlich um meinen Ruf und meine Position zu beschädigen. Die Meinung des Verfassers, der den Leserbrief unter meinem Namen geschrieben hat, teile ich in keiner Weise! Ich bin in Deutschland geboren und verfüge über die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich würde niemals einem Land den Rücken kehren, das mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Sicherlich sollte die Armenier-Frage detailliert analysiert werden, aber zu schreiben ‚Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren‘ finde ich auch für den Schreiber absurd, da ein Ministerpräsident sich nicht negativ in die Pressefreiheit eines Landes einmischen kann. Ich möchte noch einmal bekräftigen, dass der am Freitag abgedruckte Leserbrief in keiner Weise meine Meinung wiedergibt und nicht von mir stammt.“ G. D., Köln

„Aghet – ein Völkermord“

3. April 2010

Ich habe in der Vergangenheit schon einige Beiträge zum Genozid der mohammedanistischen Türken an dem ersten christlichen Volk unserer Geschichte, den Armeniern, gebracht (s. Links unten). In der heutigen FAZ macht Karen Krüger – die in in lockerer Folge zwischen exzellenten, counterjihadischen und überflüssigen, fieslahmverstehenden Aufsätzen zu wechseln pflegt – auf den inszenierten Dokumentarfilm „Aghet – ein Völkermord“ von Eric Friedler zu diesem Thema aufmerksam, welcher am Freitag, den 9. April, um 23:30 Uhr im Ersten laufen wird, wenn die Türken dies nicht noch verhindern können. Lesen Sie hier Karen Krüger in Hochform.

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Das Letzte, was ich von den Kindern sah

Die türkische Regierung leugnet den Völkermord an den Armeniern. Zwischen 1915 und 1917 wurde das älteste christliche Volk fast vollständig vernichtet. Daran erinnert eine herausragende Dokumentation im ARD-Fernsehen. Sie wird für Wirbel sorgen.

Es war ein Befehl. Ein kurzer Satz, formuliert von der türkischen Regierung. Er bedeutete für fast tausend armenische Kinder den Tod. Beatrice Rohner spricht leise, sie erinnert sich genau. Sie weiß nicht, wo die Kinder begraben liegen. Auch nicht, wie sie starben; ob sie verhungerten, ob man sie erschlug. Keine Väter, keine Mütter konnten um sie trauern. Die Eltern hatte man damals, im Jahr 1917, längst umgebracht.

Die Räumung der von christlichen Organisationen betriebenen Kinderheime sollte die letzte Etappe des türkischen Vernichtungszugs gegen die Armenier sein; so hatte man es in Istanbul, dem damaligen Konstantinopel, verfügt. Auch jenes, das die Schweizer Krankenschwester Beatrice Rohner leitete, wurde aufgelöst: „Das Letzte, was ich von den Kindern sah, war der Sonderzug, der sie entführte. Und damit fiel der Schleier der Dunkelheit über sie“, sagt sie, „und über mich.“

Es ist eines der dunkelsten Kapitel des Ersten Weltkriegs: der türkische Genozid an den Armeniern. Bis heute behauptet die türkische Regierung, es habe ihn nie gegeben. Bis heute hat keiner der Staaten, deren Parlamente den Völkermord verurteilt haben, von der Türkei gefordert, ihn öffentlich anzuerkennen. Man solle Beweise vorlegen, sagt der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan. Ganz so, als sei der Völkermord ein Mythos, ein Hirngespinst der Armenier, eine Anekdote, mit der man der Türkei Böses will. Doch der Genozid ist ein Faktum, das Historiker längst bewiesen haben. Die fehlende Anerkennung signalisiert den Familien der armenischen Opfer, dass ihre Wahrheit eine subjektive sei. Für die armenische Identität ist das verheerend.

Über Jahrhunderte hatten die Armenier als christliche Minderheit unter den Muslimen des Osmanischen Reiches gelebt, in Konstantinopel, vor allem aber in sechs ostanatolischen Provinzen auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Doch dann erschütterte die Revolution der Jungtürken im Jahr 1908 das Land. Die Generäle Talat Pascha, Enver Pascha und Djemal Pascha übernehmen die Macht. Sie versprechen die Gleichstellung aller Minderheiten, haben aber ganz anderes im Sinn: ein Großreich, in dem nur Türken leben, geeint durch Blut, Religion und Rasse. Der heraufziehende Erste Weltkrieg ebnet ihnen den Weg. Deutschland, damals Kriegsverbündeter, schaut stillschweigend zu: 1,5 Millionen Menschen fallen dem Völkermord in den Jahren 1915 bis 1917 zum Opfer. Bis heute gedenken seiner Armenier auf der ganzen Welt am 24. April. Es war der Auftakt des Genozids.

Der Marsch führt in die Wüste

An jenem Tag im Jahr 1915 werden 235 armenische Intellektuelle in Konstantinopel verhaftet. Der Vorwurf: Kollaboration mit dem russischen Gegner – die Jungtürken brauchen einen Sündenbock, um ihre Niederlagen zu erklären. Schnell werden alle Armenier denunziert, armenische Soldaten des Osmanischen Heeres verhaftet, gefoltert und umgebracht. Zum Beweis ihrer These arrangiert die Regierung lokale Verschwörungen und wiegelt die Bevölkerung auf. Es kommt zu Massakern. Dann heißt es, die östlichen Grenzgebiete zu Russland müssten vor dem Feind im Innern gesichert werden. Der Startschuss für die Deportationen fällt. Zunächst nur im Osten, schließlich auf dem gesamten Gebiet der heutigen Türkei. Die Regierung behauptet, die Armenier würden in Syrien, das damals zum Osmanischen Reich gehörte, eine neue Heimat finden. Es ist eine Lüge. Mit der von deutschen Ingenieuren gebauten Bagdadbahn transportiert man sie ab, in Viehwaggons. Die meisten jedoch werden zu Fuß durch das Land getrieben, ohne Wasser und Nahrung, Tausende von Kilometern. Es ist ein Marsch des Grauens. Die Menschen sterben an Erschöpfung, werden erschlagen, ertränkt, Mädchen in Harems entführt, Frauen vergewaltigt und hilflos zurückgelassen. Nur wenige erreichen ihren Bestimmungsort. Dort wartet der Tod: die mesopotamische Wüste.

Türkische Gerichte haben Djemal Pascha, Enver Pascha und Talat Pascha nach dem Sieg der Alliierten zum Tode verurteilt – in Abwesenheit. Sie waren auf einem deutschen Kriegsschiff entkommen. Siegerjustiz, heißt es in der Türkei, wenn man dort Historiker mit den Fakten konfrontiert. Auch Zeugen wie Beatrice Rohner gibt es in der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung nicht.

Doch sie und ausländische Missionare, Konsularangestellte und Angehörige des deutschen Offizierskorps, das das osmanische Militär im Ersten Weltkrieg ausbildete und führte, haben den ersten Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts miterlebt. Und darüber geschrieben. Doch sie blieben ungehört – man hielt die Beweise unter Verschluss, um der Türkei, dem Bündnispartner, nicht zu schaden. Die Schriftstücke lagern im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, in Dänemark, Schweden, Frankreich und den Vereinigten Staaten. Nun, fünfundneunzig Jahre später, gelangen sie ans Licht der Öffentlichkeit. Die Zeugen sprechen zu uns, mit den Stimmen von Schauspielern wie Katharina Schüttler als Beatrice Rohner, Friedrich von Thun als amerikanischer Botschafter Henry Morgenthau, oder Axel Milberg in der Rolle von Harry Stürmer, Korrespondent der „Kölnischen Zeitung“ in Konstantinopel. In einem Fernsehfilm von Eric Friedler, der den Titel „Aghet“ trägt. Er bedeutet „die Katastrophe“ und ist der Begriff, den Armenier für den Genozid verwenden.

Der Film rekonstruiert die Systematik des Völkermords und die Mauer des Schweigens, die mit deutscher Hilfe um das Verbrechen errichtet wurde. Nur einmal brach sie ein: Am 15. März 1921 erschießt der armenische Student Solomon Teilirian in Berlin einen Mann, dessen Papiere ihn als Ali Sai ausweisen. Es ist Talat Pascha, er hatte unter falschem Namen in Berlin gelebt. Es kommt zu einem Mordprozess, ein Geschworenengericht spricht den Studenten frei. Er sagt, er habe den Mörder seiner Familie gerichtet – später stellt sich heraus, dass er einer armenischen Geheimgruppe angehört, die die Drahtzieher des Genozids zur Rechenschaft ziehen will. Klärende Untersuchungen gibt es nicht. Das Schweigen wird zu einer historischen Kontinuität.

Damals wie heute ist die Türkei ein wichtiger Verbündeter, mit dem man es sich nicht verscherzen will. Die Vereinigten Staaten sind vor allem seit Beginn des Irak-Kriegs auf die türkischen Militärbasen angewiesen; von ihnen aus fliegen amerikanische Flugzeuge in den Irak und nach Afghanistan. Noch 2007 sprach Barack Obama von einem Genozid. Als Präsident vermeidet er die Konfrontation mit dem Nato-Partner. Man lässt die Armenier mit der türkischen Auslegung der Geschichte allein. Die Deportationen seien eine Kriegsnotwendigkeit gewesen, um die Armenier an der Unterstützung der russischen Truppen zu hindern, behauptet die türkische Geschichtsschreibung bis heute. So heißt es in Schulbüchern, Filmen, offiziellen Verlautbarungen der Regierung, in den Reden der Politiker – Talat Pascha wird als Held verehrt. In den achtziger Jahren etablierte sich ein staatlich protegierter Wissenschaftsbetrieb, der die These von den kriegsbedingten Deportationen der Armenier untermauerte. Seit ausländische Parlamente sich dem Thema widmen, vollziehen türkische Historiker ein neues Manöver: Nicht die muslimische Bevölkerung habe Armenier massakriert, sondern umgekehrt. Schätzungen sprächen von drei Millionen Toten. Wer das nicht glauben will, wird eingeschüchtert, verleumdet und strafrechtlich verfolgt. Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wagte es, von „Völkermord“ zu sprechen, und wurde deshalb wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ angeklagt. Türkische Verlage, die Bücher drucken, die der nationalen Geschichtsschreibung widersprechen, werden mit so hohen Geldstrafen belegt, dass sie zu Grunde gehen. Befreundeten Staaten droht die Regierung damit, Rüstungsaufträge zu streichen und diplomatische Beziehungen abzubrechen – mit Erfolg.

In der türkischen Gesellschaft aber ist das Tabu brüchig geworden. Die Menschen lassen sich nicht mehr so leicht abspeisen mit der Einheitsdoktrin. Aufsehen erregte 2004 die Anwältin Fethiye Cetin mit ihrem Buch, das die Geschichte ihrer armenischen Großmutter erzählt: Als kleines Mädchen auf dem Deportationszug der Mutter entrissen, wuchs sie als zwangskonvertierte Muslimin in einer türkischen Familie auf. Hunderte von Türken riefen die Autorin an und sagten: Auch ich habe so eine Großmutter gehabt – sie hatten aus Angst geschwiegen.

Vor allem aber der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink tastete sich immer wieder mit vermittelnder Sprache an die Büchse der Pandora heran. Wohlwissend, dass das türkische Volk etwas leugnet, was es ob der offiziellen Geschichtsschreibung nicht besser wissen kann. „Die Armenier in der Türkei leiden unter einem tiefen Trauma. Und die Türken leben in einer Paranoia. Beides ist nicht gesund, beides führt uns nicht zu einer Lösung“, schrieb Dink. Er bezahlte mit dem Leben: Am 19. Januar 2007 wurde er vor dem Redaktionsgebäude seiner Zeitung „Agos“ auf offener Straße erschossen.

Der Täter, ein neunzehnjähriger Jugendlicher, sagte bei seiner Verhaftung, Hrant Dink habe das türkische Volk beleidigt. Schnell wurde deutlich, dass nationalistische Kreise hinter dem Mord stecken: Je größer der Wandel, desto panischer reagieren die Leugner. Doch ihre Rechnung, mit Dinks Tod jene zum Schweigen zu bringen, die Aufarbeitung fordern, ging nicht auf. Eine Welle der Solidarität erfasste das Land, zu Tausenden gingen die Menschen zu Dinks Beerdigung auf die Straße. „Wir sind alle Hrant Dink“ und „Wir sind alle Armenier“ stand auf ihren Plakaten. Ein knappes Jahr später forderten mutige Türken abermals die Deutungshoheit ihres Staates heraus: Dreißigtausend Menschen setzten ihren Namen unter eine Internet-Petition, die das armenische Volk um Verzeihung für das Unrecht von 1915 bat. Damit nicht genug: Einer der Unterzeichner, der Anwalt Bendal Dschelil Esman, hat gerade Anklage bei einem Zivilgericht in Ankara erhoben: Die türkische Regierung soll die Verfolgung der Armenier als Völkermord anerkennen, alle Straßen, die den Namen Talat Paschas tragen, sollen umbenannt werden.

Sie konnten Tränen nicht verbergen

Das sind Zeichen, die Hoffnung geben. Doch immer wieder emotionalisiert Tayyip Erdogan die Bevölkerung durch populistische Äußerungen. Auf die jüngst erlassene Genozid-Resolution des schwedischen Parlaments und auf jene des amerikanischen Repräsentantenhauses reagierte er, als beleidige man die Ehre des türkischen Volkes. Wenn das nicht aufhöre, werde die Regierung die illegal in der Türkei lebenden Armenier deportieren, drohte er. Auch die in Deutschland lebenden Türken bleiben von dem Kampf um die Vergangenheit nicht unberührt. Im März tourte der amerikanische Genozid-Leugner Justin McCarthy durch deutsche Städte (1, T.), auf Initiative der türkischen Botschaft und der „Türkischen Gemeinde Deutschland“. Wiederholt hatte deren Vorsitzender, Kenan Kolat, versucht, den armenischen Genozid aus den Lehrplänen des Landes Brandenburg streichen zu lassen – Brandenburg ist das einzige Bundesland, das ihn im Schulunterricht behandelt. Die geplante Gedenkstätte für den Potsdamer Pfarrer Lepsius, der den Genozid dokumentierte, wollte Kolat verhindern. Mit einem bekannten türkischen Argument: Man solle den Historikern die Bewertung der Ereignisse überlassen.

Den behutsamen Umgang mit dem Völkermord, durch den Hrant Dink die türkische Bevölkerung an das Thema heranführte, pflegt auch Eric Friedler in dem vom NDR produzierten Film. Er zieht eine klare Linie zwischen Tätern und unwissenden Mitläufern. Ganz gleich, ob es um die türkische Gegenwart oder um die Jahre 1915 bis 1918 geht. So lässt er den Schriftsteller Armin T. Wegner in Gestalt des Schauspielers Ulrich Noethen zu Wort kommen. Wegner erlebte als deutscher Sanitätsoffizier im Osmanischen Heer den Völkermord und wurde mit seinen Fotos zum wichtigsten Bildchronisten des Genozids. Viele türkische Beamte hätten sich geweigert, die Befehle auszuführen. Man könne deshalb nicht das gesamte türkische Volk wegen der Vernichtung der Armenier anklagen, berichtet er. „Es hat diese Greuel nicht gewollt, nur wenig gewusst, sie geduldet, selten sie gebilligt.“ Martin Niepage, damals Lehrer an der deutschen Schule von Aleppo, im Film von Sylvester Groth verkörpert, beobachtete: „Viele Mohammedaner und Araber schüttelten missbilligend den Kopf, konnten ihre Tränen nicht verbergen. Sie konnten nicht verstehen, dass ihre Regierung diese Grausamkeiten angeordnet hat.“

Man kann sich sicher sein, dass die türkische Regierung auch Aussagen wie diese der Bevölkerung vorenthält. Denn sie könnten helfen, dem Leid ins Auge zu sehen. Heute weiß man, dass das Schweigen über den Genozid an den Armeniern Hitler in seinen Plänen zur Vernichtung der Juden bestärkt hat. Wie Talat Pascha und dessen Gefährten rechnete er mit dem Desinteresse der Welt. Die Aufarbeitung des Verbrechens ist nicht nur eine Sache zwischen den Armeniern und der Türkei.

Aghet – ein Völkermord“ läuft am Freitag, 9. April, um 23:30 Uhr im Ersten.

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Time am 3. April 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/03/18/die-komissare-rausziehen/

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https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/14/phonix-armenien-flieg/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/15/der-teilirian-prozess/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/16/die-turkei-orientiert-sich/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/18/wir-brauchen-die-turkei/