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Im Interview: Fethi Benslama

2. Mai 2017

Karen Krüger hat das Ork Fethi Benslama, einen Psychoanalytiker, für „FAZ.NET“ interviewt (1). In mancher Hinsicht gibt es in seinen Darlegungen Parallelen zu den Beobachtungen Ulrich W. Sahms, die dieser in Israel machte (2).

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Dschihad als Ausweg

Der Psychoanalytiker Fethi Benslama ist einer der wichtigsten Islamismusforscher Frankreichs. Ein Gespräch über die psychischen Ursachen für Radikalisierung, Houellebecq und die Wahl.

Als Reaktion auf die Terrorbedrohung hat der Bundestag gerade ein Sicherheitspaket verabschiedet. Sind mehr Gesetze der richtige Weg im Kampf gegen Extremismus?

Der Terrorismus macht es notwendig, dass eine Demokratie viele Ausnahmen macht und die Bürger stärker überwacht. In Frankreich ist man dabei viel weiter gegangen. Es herrscht ja immer noch der Ausnahmezustand, der viele Rechte einschränkt, und sicherlich wird er noch andauern. Die Bedrohung ist einfach größer als in Deutschland.

Woran liegt das?

Frankreich ist stärker als Deutschland an militärischen Interventionen im Nahen Osten beteiligt. Deutschland bildet Soldaten aus, Frankreich bombardiert. Auch die kaum aufgearbeitete Kolonialgeschichte spielt eine Rolle. Viele französische Politiker glauben immer noch, dass die Kolonialzeit eigentlich eine gute Sache war. Sarkozy hat das so gesagt. Für Muslime mit Wurzeln in ehemaligen Kolonien ist das schmerzhaft.

Emmanuel Macron hat die Kolonisierung Algeriens als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. Frankreich müsse sich entschuldigen.

Viele junge Franzosen denken mittlerweile wie Macron. Aber um Vergebung zu bitten genügt nicht. Das schafft nur ein gutes Gewissen. Anerkennung bedeutete dagegen, dass es eine Verantwortung zur Aufarbeitung gibt. Während des Algerienkrieges haben Algerier an der Seite der Franzosen gekämpft. Als sie Algerien verließen, wurden viele dieser Menschen massakriert. Der Front National erkennt diese Algerier als französische Soldaten an. Deshalb wählen einige Muslime Marine Le Pen. Auch manche Juden tun das. Sie denken, sie schütze sie vor Islamisten.

Es soll auch Dschihadisten geben, die Marine Le Pen wählen.

Die Islamisten glauben, dass der Front National die Demokratie zerstört. Das ist in ihrem Sinn. Indem sie das Attentat in Paris kurz vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen für sich reklamierten, wurde Angst geschürt, die Le Pen Stimmen zugeführt hat. Es kommt den Islamisten gelegen, dass sie die Stimmung gegen Muslime anheizt. In ihren ideologischen Schriften steht, dass eine bürgerkriegsähnliche Atmosphäre von Wir gegen Sie ideal ist, um Jugendliche zu rekrutieren. Denn Diskriminierungserfahrungen machen Radikalisierungen wahrscheinlicher.

Einen Roman, der die Präsidentschaftswahlen als Szenario nutzt, hat zuletzt Michel Houellebecq geschrieben. „Unterwerfung“ spielt 2022, Frankreich wurde islamisiert, der Präsident ist ein Muslim. Das Buch war ein Erfolg. Haben Sie es gelesen?

Ja. Für mich ist es literarischer Dschihadismus (lacht). Man kann den Roman von zwei Seiten betrachten. Als Literatur, die ein Phantasma berührt, das viele Franzosen mit sich herumtragen – das Phantasma der Islamisierung Frankreichs. Es ist gut, dass „Unterwerfung“ das zum Thema gemacht hat. Denn erst wenn etwas ausgesprochen wird, lässt es sich entwaffnen. Der Roman wurde also aus einem existierenden Phantasma geboren, aber er nährt es auch, das ist die andere Seite. Er hat das Potential, bestehende Ängste zu verstärken. Ich finde, Houellebecq ist „Unterwerfung“ nicht besonders gut gelungen. Seine anderen Romane fand ich besser.

Houellebecq hat einmal gesagt, der Islam sei die bescheuertste Religion, die es gibt.

Vielleicht ist er ja selbst etwas bescheuert? (lacht) Das gibt es ja oft, dass Leute phantastische Bücher schreiben und selbst Idioten sind. Denken Sie nur an Céline. Er muss ein furchtbarer Typ gewesen sein, aber er war ein genialer Schriftsteller. Beim Thema Islam sind die Leute ja meistens ambivalent. Houellebecq ist da gar nicht der Schlimmste. Der Hass auf den Islam existiert mit und ohne ihn.

Sie sind Psychoanalytiker und beschäftigen sich mit islamistischer Radikalisierung. Was kann die Psychoanalyse da leisten?

Man weiß mittlerweile, dass politische und soziologische Ansätze nicht genügen, Radikalisierung zu verstehen. Selbst Soziologen haben eingesehen, dass das Problem für ihre Methoden zu komplex ist. Anfangs dachte man beispielsweise, Radikalisierungen gebe es nur in prekären Milieus. Heute weiß man, und das gilt nicht nur für Frankreich, dass etwa dreißig Prozent der Radikalisierten aus der Mittelschicht stammen und zehn Prozent aus der Oberschicht. Radikalisierung ist also keinesfalls nur eine Frage von Armut. Wenn man nicht die psychische, individuelle Dimension miteinbezieht, versteht man nicht, warum ein Jugendlicher zum Dschihadisten wird, aber andere, die unter gleichen Bedingungen leben, nicht. Hätte die Radikalisierung nur politische oder soziologische Ursachen, dann müsste es bei den heutigen Verhältnissen weitaus mehr Fälle von Radikalisierung geben. Sich zu radikalisieren ist immer eine individuelle Entscheidung. Oft hat sie viel mit Zufall zu tun.

Mit dem Zufall?

Unter den Radikalisierten, mit denen ich arbeite, sind viele, die in ihrem alten Leben unverschuldet eine traumatische Erfahrung gemacht haben. Sie wurden beispielsweise vergewaltigt oder erlebten einen schweren Unfall. Oder sie haben irgendwann eine schlechte Bekanntschaft gemacht. Stellen Sie sich eine Neunzehnjährige vor, die aus einer zerrütteten Familie stammt und plötzlich einen tollen Typen kennenlernt, mit dem eine harmonische Familie möglich scheint. Sie ist überzeugt davon, er ist die Liebe ihres Lebens, in Wirklichkeit ist er aber nur ein Köder des Dschihad.

Sie haben darauf hingewiesen, dass unter den Radikalisierten die Anzahl der 15- bis 25-Jährigen besonders hoch ist. Woran liegt das?

Es ist die Phase des Erwachsenwerdens. Sie beginnt heute schon mit elf, zwölf Jahren und hört immer später auf. Es ist eine psychologisch sehr turbulente Zeit. Heranwachsende haben oft ein geringes Selbstwertgefühl. Sie wollen bedeutsam sein, wissen aber nicht, wie das gelingen soll, es gibt so viele Möglichkeiten. Sich zu radikalisieren gibt einigen die Hoffnung, die Lösung zu finden.

Warum glauben Jugendliche das?

Die Rekrutierer des Dschihad setzen an zwei Punkten an: In der Phase des Erwachsenwerdens sucht man nach Bestätigung und Idealen, die den richtigen Weg weisen. Der Islamismus sagt: Komm zu uns, dann bist du bedeutsam, stark und wirst ein großer Krieger. Vielen jungen Leuten erscheint die Aussicht auf Krieg als Abenteuer. Sie haben keine Ahnung, was Krieg oder Töten wirklich bedeuten. Manche ziehen aber auch aus Altruismus in den Dschihad. Dieser Beweggrund betrifft vor allem Frauen, die mittlerweile dreißig Prozent der nach Syrien oder in den Irak Ausreisenden ausmachen. Früher gab es im Dschihad keinen Platz für sie, Al Qaida etwa lehnt Frauen in den eigenen Reihen ab. Erst der IS hat es mit seinem fest umrissenen Territorium Frauen möglich gemacht, Teil des Dschihad zu sein. In der westlichen Welt eine Frau zu sein ist nicht einfach. Die Rollenerwartungen sind immens; eine Frau soll attraktiv sein, leidenschaftliche Liebhaberin, gute Ehefrau, liebevolle Mutter, sie soll Karriere machen und das Heim in Ordnung halten. Die vielen Erwartungen wirken verunsichernd. Die jungen Frauen wollen einen festen Rahmen, der Sicherheit gibt und garantiert, respektiert und beschützt zu werden – Letzteres trifft vor allem auf junge Mädchen mit Gewalterfahrung zu. Sie glauben zudem, dass sie durch die Mutterschaft ihre weibliche Identität finden. Im Dschihad ist die Frauenrolle klar umrissen: Die Frau ist Ehefrau und Mutter.

Dürfen Frauen auch kämpfen?

Das wird in der Regel abgelehnt.

Warum?

Wenn auch die Frauen in den Kampf ziehen und sterben, dann haben die Männer nicht mehr dieselbe Macht. Es gibt eine bewaffnete Frauen-Brigade beim Daesh. Sie darf nicht in den Kampf ziehen. Dieser Tod ist den Männern vorbehalten.

Es gibt eine Hierarchie, wer im Kampf sterben darf?

Ja, da hält es der Daesh wie Hegel in seiner Theorie vom Meister und dem Sklaven: Der Meister darf in das Antlitz des Todes schauen, der Sklave nicht.

So wird man es den Frauen kaum vor ihrer Ausreise darlegen.

Natürlich nicht. Die Männer spielen weiße Ritter, die ihr Leben für Gutes riskieren. Sie ziehen Strahlkraft daraus, anders zu sein als die Männer von heute, die alle etwas feminisiert sind.

Es heißt, der Dschihad rekrutiere verstärkt im kriminellen Milieu.

Er ist dort sehr erfolgreich. Es liegt in der Natur des Menschen, zum Mörder werden zu können. Jeder trägt in unterschiedlichem Ausmaß Hass in sich. Der Dschihad autorisiert dazu, ihn rauszulassen. Er ermöglicht es Kriminellen, autorisierte Kriminelle zu werden.

Wieso jemand, der Gewalt ablehnt, plötzlich Ideale verehrt, die sie verherrlichen, ist trotzdem schwer zu verstehen.

Überhaupt nicht. Ein Jugendlicher ist ein Mensch, der gerade seine Kindheit verlassen hat. Als Kind hatte er tolle Ideale, die seine Eltern ihm beigebracht haben. Als Kind glaubt man, die Welt um einen herum liebe einen so wie die Eltern. Beim Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden merkt man plötzlich, dass das nicht stimmt. Alles stürzt zusammen, muss neu geordnet werden. Neue Verhaltensweisen und Vorstellungen müssen her, die mit dem harmonisieren, was man zu begreifen beginnt: dass man nicht mehr geliebt werden kann, wie ein Kind geliebt wird. Kinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, gelingt das oft nicht. Sie bleiben verunsichert. Da setzt das Radikalisierungsangebot an und bietet eine Mission.

Und die Gewalt schreckt nicht ab?

Viele Jugendliche sehen das wie ein theatralisches Spiel. Sie schlüpfen in eine Rolle. Einige merken, sie können das nicht, und versuchen zurückzukehren. Andere lieben es und werden sehr grausam.

Wenn die Radikalisierung ein psychologisches Problem ist, dann heißt das auch, dass man sie therapieren kann?

Manchmal ja. Doch aus Erfahrung weiß ich, dass man jenen, die wirklich gewalttätig geworden sind, meistens nicht helfen kann. Da hilft nur Repression.

Was kann sonst noch getan werden?

Die europäischen Staaten müssten sich zusammenschließen und gemeinsam die salafistischen Bewegungen bekämpfen. Es ist höchste Zeit, der Hass auf die Demokratie wächst. Zweitens brauchen wir gute Programme, die Jugendlichen helfen, die in die Falle der Dschihadisten geraten sind. Sie müssten einen psychoanalytischen Anteil haben und einen sozialen, der alltägliche Sicherheit gibt. Und drittens muss der Krieg im Nahen Osten beendet werden. Von ihm nährt sich die dschihadistische Ideologie am meisten. Der Fundamentalismus existiert in allen Religionen, doch der muslimische ist bewaffnet worden. So vieles ist schiefgelaufen. Afghanistan war die erste Schule für den Dschihadismus. Man nutzte ihn, um die Sowjetunion zum Einstürzen zu bringen. Aus dem Irak haben die Amerikaner eine große Dschihadisten-Universität gemacht. Mit der Auflösung der irakischen Armee wurden Hunderttausende Soldaten arbeitslos. Viele von ihnen, auch Generäle, schlossen sich dem IS an, um ihre Familien zu ernähren. In Syrien haben Saudi-Arabien und Qatar einzelne Gruppen bewaffnet, sobald es die Revolutionsbewegung gegen Assad gab. Solange der Krieg nicht endet, wird es immer junge Menschen geben, die bereit sind, zu kämpfen.

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Steuergelder für den Mörder von Hannah Bladon –
Wer profitiert vom Tod einer jungen Christin?

Am Karfreitag ist in der Strassenbahn nahe der Altstadt Jerusalems die 21 Jahre alte britische Studentin Hannah Bladon mit einem Messer tödlich verletzt worden. Die junge Frau starb kurz darauf im Krankenhaus. Ihr Mörder, der 57 Jahre alte Jamil Tamimi, wurde von einem Polizisten beobachtet. Der zog die Notbremse und überwältigte zusammen mit einem anderen Israeli den Mörder. Tamimi wurde dem Haftrichter vorgeführt.

Wer war das Opfer?

Die Deutsche Presseagentur (dpa) behauptete ohne jede Quellenangabe: „Die junge Frau soll auch die israelische Staatsbürgerschaft besessen haben.“ So sollte dem Palästinenser wohl das „Motiv“ untergeschoben werden, sich eine Jüdin oder Israeli als Opfer ausgewählt zu haben. Die Tendenz, Judenmord mit einer antizionistischen Tünche „politisch“ zu legitimieren, zieht sich ja auch sonst wie ein roter Faden durch die Berichterstattung. Tatsächlich ist die britische Studentin aber mit einem Touristenvisum nach Israel eingereist, wie ein Polizeisprecher bestätigte. Damit ist klar, dass Bladon keinen israelischen Pass besass. Zudem stellt sich heraus, dass sie in ihrer anglikanischen Kirchengemeinde in Staffordshire sehr aktiv war. Sie studierte Religionsstudien an der Universität Birmingham. Mit einem Stipendium war sie zur Hebräischen Universität gekommen, um Archäologie und Bibelkunde zu betreiben. Wie Augenzeugen aus der Strassenbahn berichteten, habe Bladon ihren Sitzplatz für eine Frau mit einem Baby auf dem Arm freigegeben und sich dann neben den Ausgang gestellt. Zufällig stand neben ihr an der Tür ein bewaffneter Soldat– in Israel kein ungewöhnlicher Anblick.

War der Täter Palästinenser?

Der „mutmassliche“ Täter wird in der deutschen Presse als „Palästinenser“ bezeichnet. In Wirklichkeit dürfte er, wie fast alle „Araber aus Ost-Jerusalem“, Inhaber eines jordanischen Passes und eines israelischen Ausweises sein. Denn „Palästinenser“ heissen nur die Bewohner der Autonomiegebiete. Die besitzen einen palästinensischen Pass und die palästinensische Staatsbürgerschaft, während die Jerusalemer Araber grundsätzlich Jordanier sind, oder Israelis, falls sie die ihnen angebotene israelische Staatsangehörigkeit akzeptiert haben.

Wer war der Mörder?

Innerhalb kurzer Zeit war die Identität des Mörders der Britin öffentlich. Der 57 Jahre alte „Palästinenser“ Jamil Tamimi stammt aus dem Jerusalemer Viertel Ras el Amud. Tamimi habe im Gefängnis Rasierklingen geschluckt, um Selbstmord zu verüben. Kein Zweifel also, dass der Mann „psychisch labil“ war. Der „mutmassliche“ Täter erzählte dem Haftrichter weiter, dass er die Studentin angegriffen habe, weil er hoffte, dass der neben ihr stehende Soldat ihn erschiessen würde. Tamimi war 2011 in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen worden, nachdem er seine Tochter sexuell belästigt hatte. Er befand sich nach seiner Entlassung auf dem Heimweg und hatte zuhause angerufen. Doch sein Sohn hatte ihm gesagt, dass die Familie ihn nicht mehr sehen wolle. Mit dem Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben, kaufte er sich am Damaskustor in Jerusalem ein Küchenmesser, bestieg die Strassenbahn und stach auf die britische Studentin ein.

Wie werden solche Taten möglich?

Für den israelischen Polizeisprecher ist das nicht einfach nur die Tat eines psychisch Kranken. Oft genug haben Araber aus Ostjerusalem ihre „persönlichen Probleme“ gelöst, indem sie ein Küchenmesser griffen und loszogen, Juden zu ermorden. Es ist das eine „bewährte“ Methode, mit Hilfe bewaffneter israelischer Polizisten „Selbstmord“ zu verüben und trotzdem nicht als Verlierer da zu stehen. Bekanntlich schießen die Israelis scharf, wenn sie oder andere von Messerstechern bedroht werden und es darum geht, andere Menschenleben zu retten.

Die „politische Motivation“ zu solchen suizidalen Anschlägen liefert die palästinensische Autonomiebehörde oder auch die islamistische Hamas Organisation mit Hetzpropaganda und dem Versprechen, „Selbstmordattentätern“ und ihren Familienangehörigen finanziell großzügig zu helfen. Dafür stehen Gelder der EU zur Verfügung.

Inzwischen wurde bekannt, dass Tamimi für seine „Heldentat“ von der palästinensischen Autonomiebehörde monatlich fast 1000 Dollar erhalten wird, das Doppelte eines Durchschnittgehalts in den Palästinensergebieten. Die Behörde habe 2016 das Budget für die Auszahlungen an palästinensische Mörder von Juden auf 180 Mio. US-Dollar erhöht, unter anderem dank Zuwendungen der britischen Regierung. Das bedeutet: auch Hannahs Eltern müssen künftig mit ihren Steuern den Mörder ihrer Tochter alimentieren.

Und ein neuer Fall von Selbstmord

Am Montag, dem israelischen Holocaust-Gedenktag, sollte schon wieder „irgendein“ Jude für Familienkrach bei Palästinensern mit dem Leben bezahlen:

Am Qalandia-Checkpoint zwischen Ramallah und Jerusalem hat Asya Kabaneh, 41, aus Duma bei Nablus eine israelische Soldatin mit Messerstichen im Oberkörper verletzt. Sie wollte „eine Frage stellen“ und zog dann ein Messer aus ihrer Handtasche. Die Frau konnte von anderen Sicherheitsleuten „neutralisiert“ werden.

Kabaneh ist verheiratet und Mutter von neun Kindern. Sie erzählte beim Verhör, dass sie in einem langen Konflikt mit ihrem Ehemann stehe. Sie fühlte sich bedroht, weil er sich scheiden lassen und sie zurück zu ihrer Familie nach Jordanien bringen wolle. In der Nacht vor der Attacke am Checkpoint habe sie sich mit ihrem Mann über die Erziehung ihrer Kinder gestritten. Infolgedessen beschloss sie, einen Terroranschlag zu begehen, damit die Sicherheitskräfte sie erschiessen würden, weil sie in ihren Worten „ihr Leben satt“ hatte.

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Time am 2. Mai 2017

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/islamismusforscher-im-gespraech-dschihad-als-ausweg-14993788.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
2) http://www.audiatur-online.ch/2017/04/24/steuergelder-fuer-den-moerder-von-hannah-bladon-wer-profitiert-vom-tod-einer-jungen-christin/

Unrechtsstaat Torkei

12. August 2013

Türkkan

Adnan Türkkan, Chefredakteur von „Ulusal TV“,
wurde zu zehneinhalb Jahren Haft verurteilt

Karen Krüger, die sich von einer Orkversteherin zu einer kompetenten und kritischen Beobachterin gewandelt hat, konnte in der heutigen FAZ einen ausführlichen Artikel über den unsäglichen Ergenekon-Schau-Prozess in der Torkei veröffentlichen (1).

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Ein neuer tiefer Staat in der Türkei

Der Ergenekon-Prozess hat gezeigt, wie wenig interessiert die Türkei an Rechtsstaatlichkeit ist: Eine Begegnung mit zwei Journalisten, die jetzt deshalb verurteilte Terroristen sind.

In der Türkei muss man auf einiges gefasst sein, wenn man kritischer Journalist ist und außerdem Gegner von Erdogans AKP. In den Augen der Regierung seien das nämlich gleich zwei Sünden auf einmal, sagt Adnan Türkkan und Mehmet Sabuncu fügt hinzu: „Wir haben immer gewusst, dass es eines Tages schlimm werden würde für uns“. Am vergangenen Montag war es soweit: Seitdem sind die beiden Journalisten verurteilte Terroristen. Adnan Türkkan und Mehmet Sabuncu sind zwei der insgesamt 254 Angeklagten, die in der vergangenen Woche im türkischen Silivri im Ergenekon-Prozess verurteilt worden sind.

Türkkan ist Chefredakteur des Fernsehsenders „Ulusal TV“ und soll für zehneinhalb Jahre ins Gefängnis, Mehmet Sabuncu ist Herausgeber der Zeitung „Aydinlik“ und zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Die Redaktionen der beiden Journalisten sind in Istanbul, jetzt aber sitzen sie in einer Kellerwohnung am Frankfurter Mainufer und wirken trotz des Urteils zu allem entschlossen. Der Grund, warum es in ihrer Abwesenheit gefällt worden ist: Zusammen mit einem weiteren Kollegen, ebenfalls ein vermeintlicher Terrorist, sind sie Ende Juli nach Deutschland gereist, um an einer Konferenz teilzunehmen, in der es um die Gezi-Park-Bewegung und die Proteste gegen die Regierung Erdogan geht.

Ergenekon wurde zu einem Freibrief

Niemand wusste so genau, wann der Ergenekon-Prozess, der im Jahr 2008 seinen Auftakt genommen hatte, enden würde. Sabuncu sagt, sie hätten damit gerechnet, dass sie vor der Urteilsverkündung noch vor Gericht geladen werden. In rechtsstaatlichen Verfahren sei es schließlich üblich, dass man den Angeklagten und deren Anwälten ein Schlusswort gewährt. Die türkischen Richter aber übergingen das einfach: Sabuncu und Türkkan wurden nicht vorgeladen, und weder ihre noch die Anwälte der übrigen Angeklagten noch einmal angehört. Es war der Schlusspunkt einer Reihe von Missachtungen rechtsstaatlicher Prinzipien, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Verfahren zieht. Manche scheuen nicht einmal den Vergleich mit den stalinistischen Schauprozessen.

Als das Verfahren 2008 begann, schien es eine historisch einmalige Möglichkeit zu sein, endlich jene Machtstrukturen in der Türkei zu zerstören, die den Weg in eine echte Demokratie bisher versperrten: den tiefen Staat, der seinen Ursprung in der türkischen Armee haben soll und von dem angenommen wird, er manipuliere den politischen Prozess. Es verband sich damit auch die Hoffnung, dass endlich jene „unbekannten Täter“ bestraft würden, die für Hunderte von Morden im kurdischen Südosten des Landes verantwortlich sind. Groß war deshalb die Euphorie, als die türkischen Staatsanwälte nach einer Razzia im Juni 2007 zahlreiche hochrangige Militärs festnahmen, von denen gesagt wurde, sie hätten die Untergrabung der demokratischen Ordnung geplant.

Sogar Generäle im Ruhestand – bislang undenkbar in der türkischen Geschichte – wurden angeklagt. Außerdem Akademiker, Mafiosi und Polizisten. Der Name ihres angeblichen Verschwörerzirkels: Ergenekon (der Name geht zurück auf einen nationalistischen Mythos, demzufolge eine Wölfin den Stamm der Ur-Türken in einem Tal namens Ergenekon rettete). Das Ziel des Geheimbundes: Durch Attentate auf Christen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Unruhe stiften, und das anschließende Chaos für einen Putsch gegen die Regierung Erdogan nutzen.

Das alles klang plausibel für westliche Beobachter und türkische Ohren, denn das türkische Militär hat die Demokratie schon immer für eine schwache Staatsform gehalten und in den vergangenen Jahrzehnten gewählte Regierungen viermal aus dem Amt gedrängt. Doch die Erwartungen wurden bitter enttäuscht: Ergenekon wurde zu einem Freibrief, all jene zum Schweigen zu bringen, die sich der Ideologie der Regierung widersetzen.Der Geheimbund sei für praktisch alle politischen Attentate und Morde der vergangenen zwanzig Jahre verantwortlich, verkündete die Staatsanwaltschaft. Es handle sich um eine Organisation, die in fast jeden Bereich der türkischen Gesellschaft eingedrungen sei. Diese Behauptung öffnete Tür und Tor, um Regimekritiker aller Coleur zu verhaften.

Absurde Vorwürfe

Mehr als 300 Verdächtige wurden festgenommen, unter ihnen Universitätsprofessoren, Politiker der Opposition und kritische Journalisten wie Sabuncu und Türkkan. Anders als die meisten der Festgenommenen, die jahrelang in Untersuchungshaft ausharren mussten, ohne die Anklageschrift überhaupt zu Gesicht zu bekommen, kamen beide nach kurzer Zeit wieder frei. Adnan Türkkan legt einen Stapel Papiere auf den Tisch. Es ist die Anklagebegründung der Staatsanwaltschaft und das Urteil gegen ihn. Er hat nicht etwa Waffen gehortet oder Attentate verübt.

Die Staatsanwaltschaft macht ihre Anklage vielmehr daran fest, dass er während des Studiums mit Freunden die kemalistische Jugendorganisation TGB gegründet hat. Sie zählt inzwischen mehrere Hunderttausend Mitglieder, vor allem aus dem studentischen Milieu.Türkkan, der nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er nichts von der AKP hält, sagt: „Wir hatten das Gefühl, dass die türkische Jugend zu unpolitisch ist, dagegen wollten wir etwas unternehmen.“ Die Staatsanwaltschaft beurteilte das jedoch anders: Türkkan habe den Gründungsauftrag von Ergenekon erhalten, und die Organisation dann „für die Ziele der Terrororganisation“ eingesetzt.

Kundgebungen und Demonstrationen, die die TGB in den vergangenen Jahren zu verschiedenen Anlässen organisiert hat, interpretierte die Staatsanwaltschaft als bewusste Schwächung des türkischen Staatsapparates: „Das Gericht sagte, dass die Behörden sich wegen dieser Aktionen gezwungen gesehen hätten, sich mit der TGB auseinanderzusetzen. Dadurch seien von anderen wichtigen Dingen abgelenkt worden“, sagt der Journalist. Der Vorwurf ist so absurd, dass er lachen muss, als er’s erzählt. Was die Behörden seiner Ansicht nach in Wirklichkeit auf die Palme gebracht habe, sei seine journalistische Tätigkeit.

Unbequeme, kritische Journalisten

Nur so könne er sich die harte Strafe erklären: Seit 2010 gehört er zum Team des Fernsehsenders „Ulusal TV“, seit 2011 ist er dessen Chefredakteur. Der Sender war neben „Halk TV“ der einzige, der von Anfang an kontinuierlich und live von den Gezi-Park-Protesten und den Ausschreitungen der Polizei berichtete. Doch schon zuvor war „Ulusal TV“ bekannt für seinen kritischen Blick auf die Regierung Erdogan. Adnan Türkkan war der einzige türkische Journalist, der nach den Eskalationen in Syrien nach Damaskus reiste, um Baschar Al-Assad zu interviewen. Der syrische Ministerpräsident sagte vieles, das Erdogan nicht gefallen haben dürfte. Unter anderem warf er ihm illegale Waffenlieferungen nach Syrien vor.

Ähnlich unbequem für die türkische Regierung ist Sabuncus linksnationale Zeitung „Aydinlik“. Unter den zwölf Journalisten, die das Ergenekon-Sondergericht zu langen Haftstrafen verurteilt hat, stammen allein sieben aus deren Redaktion. Zuletzt machte die Zeitung von sich Reden, als sie Telefonmitschriften veröffentlichte, in denen Regierungsangehörige offenbarten, wie wenig sie sich dem Recht und den Gesetzen verpflichtet sehen. In einer der Mitschriften versucht Erdogan zum Beispiel einen einflussreichen Geschäftsmann davon zu überzeugen, ihm für das Studium seiner Tochter eine Finanzspritze zu gewähren. Sabuncu sagt: „So etwas in der Türkei zu veröffentlichen, ist eine journalistische Todsünde.“

Innerhalb von kürzester Zeit wuchs die Anklageschrift auf mehr als 4000 Seiten an. Im Auftrag der Johns Hopkins Universität und des Stockholmer Instituts für Sicherheit und Entwicklungspolitik fertigte der Türkei-Experte Gareth Jenkins im Jahr 2010 eine Studie an, die das Ergenekon-Verfahren durchleuchten sollte. Seine Ergebnisse sind niederschmetternd. Die Anklageschrift gegen die Verdächtigen sei durchsetzt von Widersprüchen, Spekulationen, Gerüchten und unlogischen bis wertlosen Feststellungen. Ermittelt werde etwa gegen Personen, weil diese eine Sicherheitsfirma mit dem Namen Ergenekon leiteten.

Auch finde sich eine Liste von Personen in der Anklageschrift, welche Ergenekon habe ermorden wollen – einer der genannten Namen taucht jedoch weiter hinten abermals auf, nämlich als einer der Anführer von Ergenekon. Schlimmer noch: Nach der Analyse von Gareth gibt es Ergenekon gar nicht, der Geheimbund erscheine in der Anklageschrift vielmehr als Hypothese. Er schreibt: „Es gibt keinen Beweis, dass Ergenekon existiert oder jemals existiert hat.“ Die Materialflut der Anklageschrift sei so überwältigend, dass sie davor abschrecke, den Fall genauer zu untersuchen. Sie diene als Schutzschild gegen jegliche kritische Analyse.

Und auch das, was sich während des Prozesses abspielte, hatte wenig mit Rechtsstaatlichkeit zu tun: Entlastende Beweismaterialien verschwanden, unabhängige Gutachter stellten Manipulationen an digitalen Datenträgern fest. Zeugen durften von der Verteidigung nicht vernommen werden, aber illegal abgehörte Telefonate und anonyme Aussagen ließ das Gericht als Beweismaterial zu. „Die Gerichtsverhandlungen waren bisweilen so absurd, dass unsere Anwälte das Gefühl hatten, irgendjemand habe zuvor ein lustiges Drehbuch dafür verfasst“, sagt Sabuncu. In ein paar Tagen will der Journalist zurückfliegen in die Türkei. Er weiß, dass die Behörden seinen Pass bei der Einreise konfiszieren werden, denn so erging es dem Kollegen, der sich nach der Konferenz schon am Wochenende auf den Heimweg gemacht hatte.

SabuncuSoll für sechs Jahre
ins Gefängnis:

Mehmet Sabuncu, Herausgeber
der Zeitung „Aydinlik“

Sabuncu nimmt das in Kauf, er möchte das Urteil anfechten. Auch Türkkan hat das vor, allerdings von Deutschland aus. Er hat sich entschieden, hier zu bleiben: „Gegen mich läuft schon ein Haftbefehl, die Polizei würde mich vom Flughafen direkt ins Gefängnis bringen.“ Einen Asylantrag stellen wird er nicht, denn das könnte als Eingeständnis einer Niederlage angesehen werden. Ein Frankfurter Anwalt bemüht sich derzeit darum, eine Aufenthaltserlaubnis als freiberuflicher Journalist für ihn zu erwirken. Türkkan sagt: „Der tiefe Staat ist nicht zerstört worden. Der Prozess hat einen neuen tiefen Staat offenbart.“

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Time am 12. August 2013

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/tuerkei/ergenekon-prozess-ein-neuer-tiefer-staat-in-der-tuerkei-12514857.html

Boyun egme

1. Juli 2013

Torkei

Beugt euch nicht!

Der „Spiegel“ hat einen Bericht über die Unruhen in der Torkei auf torkisch gebracht. Die Reaktionen der Torks darauf waren erwartungsgemäß wutschäumend. Lesen Sie einen Bericht aus der heutigen FAZ von Karen Krüger (1).

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Reaktionen auf türkischen Spiegel-Titel

Schon kommt die nächste Verschwörungstheorie

„Der Spiegel“ bringt eine Titelgeschichte auf türkisch, Erdogans Regierung und ihr hörige Medien schäumen. Sachliche Kritik bleibt bisher die Ausnahme.

In der vergangenen Woche, die Proteste gegen die Regierung Erdogan waren da gerade etwas abgeflaut, hat der „Spiegel“ zum ersten Mal eine Titelgeschichte auch in türkischer Sprache herausgebracht: Auf zehn Seiten wurden die Proteste gegen die Zerstörung des Istanbuler Gezi-Parks und gegen die Regierung Erdogan beleuchtet. Der Verlag begründete die Ausgabe damit, ein Zeichen setzen zu wollen, dass das brutale Vorgehen des türkischen Staates gegen friedliche Demonstranten nicht nur Türken etwas angehe, sondern auch Deutsche, Europäer. Das Cover zeigte das Foto einer türkischen Aktivistin, die ein Schild mit einem Slogan in der Hand hält, dem man in den vergangenen Wochen in der Türkei häufig begegnete: „Boyun Egme“ – „Beugt euch nicht“.

Es war eine Premiere, die für Aufregung gesorgt hat: Deutsch-Türken, von denen sich Hunderttausende zu friedlichen Solidaritätskundgebungen in verschiedenen deutschen Städten versammelt hatten, haben die Aktion weitgehend positiv aufgenommen. Nämlich als Zeichen, dass die türkische Bevölkerung in Deutschland nicht nur in der politischen Kultur des Landes, sondern auch in der Kulturpolitik deutscher Medien angekommen ist – so der Tenor in einigen Internetforen. In der Türkei hingegen dominierte Ablehnung die öffentlichen Reaktionen (Aktivisten der Gezi-Park-Bewegung kamen allerdings nicht zu Wort).

Ein verzerrtes Porträt des Nachrichtenmagazins

In einer Fernsehansprache stellte der stellvertretende türkische Ministerpräsident Bekir Bozdag die rhetorische Frage, wen der „Spiegel“ mit „Beugt euch nicht“ meine: „Sie rufen diejenigen dazu auf, die unter dem Vorwand des Gezi-Parks demonstrieren, und sie rufen diejenigen dazu auf, die angeblich unpolitisch sind aber politische Demonstrationen abhalten. Wem werden sie sich beugen? Der BBC, CNN oder dieser Schlagzeile? In der Türkei gibt es Demokratie und einen Rechtsstaat. Was aber drückt diese Schlagzeile aus? Gebt den Protest nicht auf und euch niemals geschlagen.“ Die Zeitung „Sabah“ reagierte mit einem Artikel unter der Überschrift „Der Spiegel veröffentlicht Anti-Türkeibericht“.

Der „Spiegel“ wird darin als Magazin porträtiert, das mit seinen Titelgeschichten über Muslime und Türken schon mehrfach Kontroversen ausgelöst habe. Zudem sei die falsche Berichterstattung über die Opfer der NSU-Morde eine Beleidigung der Opferfamilien gewesen. Die türkische Titelgeschichte und die damit verbundenen Äußerungen des stellvertretenden Chefredakteurs Klaus Brinkbäumer zeigten, dass man beim „Spiegel“ die Deutschkenntnisse der in Deutschland lebenden Türken für äußerst ungenügend halte. Die inhaltliche Kritik von „Sabah“ richtet sich vor allem dagegen, dass die Türkei als Land dargestellt werde, dass gespalten sei zwischen „Erdogans konservativen Anhängern“ und „Demonstranten aus allen Bevölkerungsschichten“.

Direkt an die Türkei adressiert?

Die Zeitung „Today‘s Zaman“ wiederum zitierte in ihrer Online-Ausgabe einen namentlich nicht genannten Diplomaten des türkischen Außenministeriums mit den Worten: „Unglücklicherweise ist die Berichterstattung des ,Spiegel’ über die Gezi-Park-Proteste von Anfang an weit entfernt von einer ausgewogen Reflexion und von verantwortungsvollem Journalismus gewesen.“

Die türkischsprachige Titelgeschichte lege den Eindruck nahe, dass das Magazin sich nicht an die deutsche Gesellschaft richte oder an Türken, die in Deutschland leben, sondern an die Türkei selbst. Ähnlich bewertet es Eyten Mahcuphyan, einer der Kolumnisten von „Today‘s Zaman“. Er schreibt, die Ausgabe werde von vielen Türken als Zeichen gewertet, dass das Magazin unlautere Absichten habe und politische Ziele verfolge anstatt Journalismus zu betreiben.

Im Zusammenhang mit Merkels Blockadeversuch der EU-Beitrittsgespräche entstünde bei vielen der Eindruck, die „Spiegel“-Ausgabe sei Teil einer „größeren politischen Verschwörung“. Auch Faruk Sen, der ehemalige Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen, der inzwischen als Präsident der Deutsch-Türkischen Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung fungiert, hat sich in der Zeitung zu Wort gemeldet: Was der „Spiegel“ gemacht habe, sei nicht hinnehmbar. Die Titelgeschichte sei durch den „tiefen deutschen Staat“ veranlasst worden, um die deutsche Elite gegen die Türkei aufzubringen. Weiterhin behauptetet er gegenüber „Today‘s Zaman“, dass der „Spiegel“ seine Auflage aus diesem Grund in der vergangenen Woche erhöht habe.

Seine Auflage hatte das Magazin für die deutsch-türkische Ausgabe tatsächlich erhöht. Allerdings nicht, wie Sen vermutet, um dem „tiefen deutschen Staat“ Folge zu leisten. Maximilian Popp, einer der Autoren der „Spiegel“-Geschichte schreibt dazu auf Facebook: „Wir können unseren Lesern versichern: Wüsste der ,Spiegel’ von der Existenz eines ,tiefen Staats‘ in Deutschland, er hätte längst ausführlich darüber berichtet.“

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Time am 1. Juli 2013

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/reaktionen-auf-tuerkischen-spiegel-titel-schon-kommt-die-naechste-verschwoerungstheorie-12265879.html

Bis jetzt nur Gaspistolen

4. Juni 2013

TorkischerCounterjihad

Die FAZ-Redakteurin Karen Krüger hat sich zu einem kritischen Beobachter der Torkei entwickelt. In der heutigen Ausgabe von Deutschlands bester Zeitung berichtet sie aus dem von den Torks besetzten Konstantinopel (1).

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Ausschreitungen in Istanbul

Wenn es Nacht wird, kommt die Polizei

In Istanbul ist es in der Nacht zu massiven Ausschreitungen gegen Demonstranten gekommen. Es gibt nun die ersten Todesopfer. Die Polizei soll Mitglieder von AKP-Jugendorganisationen für ihren Kampf mobilisiert haben.

In Istanbul kommt die Polizei jetzt immer, wenn es dunkel wird. So auch gestern,  am achten Tag des Protests, an dessen Anfang einmal der Kampf um den Erhalt einer Parkanlage am Taksimplatz stand und der sich  längst ausgeweitet hat zu einer landesweiten Revolte gegen die Regierung Erdogan.

Tagsüber waren die Leute ganz normal zur Arbeit und in die Universität gegangen, danach aber zogen sie wieder ihre mit Zitronen und Schutzmasken gefüllten Rucksäcke über und strömten zu Tausenden zum Taksimplatz und nach Besiktas.

In diesem Stadtteil formierten sich, als die Sonne unterging, auch wieder mehrere Hundertschaften der Polizei, unterstützt von Wasserwerfern und Polizeihubschraubern, und zunächst sah es so aus, als würde die Situation sofort eskalieren. Dann aber stimmten die Demonstranten die türkische Nationalhymne an.

Etwa zwei Stunden standen sich die beiden Seiten danach gegenüber und nichts passierte. Schließlich rückte die Polizei ab, in Richtung Dolmabacepalast und Taksimplatz. Auf der Straße, die zwischen diesen beiden Punkten liegt, brach die Gewalt dann aus. Es kam zu massiven Einsatz von Tränengas, und auch die Demonstranten auf dem Taksimplatz wurden kurz nach Mitternacht mit Gas beschossen.

Es hatte dort eine trügerische Ruhe geherrscht, und noch immer ist nicht klar, von wo die Gaspatronen abgefeuert worden sind, denn die Polizei zeigte sich den Demonstranten nicht. Studenten der medizinischen Fakultäten organisierten Hilfstrupps  und kümmerten sich um Verletzte. Auch Ärzte fanden sich, nachdem sie ihre Praxen am Abend geschlossen hatten, bei den Demonstranten ein. Apotheker brachten große Tüten mit Medikamenten und Verbandsmaterial für eine Notfallversorgung.  

Allein in Istanbul ist zufolge der türkischen Ärztevereinigung die Zahl der Verletzten inzwischen auf 1480  Menschen gestiegen, fünf davon sollen schwerverletzt sein. Und es gibt die ersten offiziellen Todesopfer. Mehmet Ayvalitas, ein zwanzig Jahre alter Mann, wurde bei einer Solidaritätskundgebung im Stadtteil Ümraniye von einem Auto überfahren und starb. Nahe der syrischen Grenze ist überdies ein 22 Jahre alter Demonstrant ums Leben gekommen.

Noch ist nicht geklärt, wie es zum Tod von Mehmet Ayvalitas kommen konnte. Augenzeugen berichteten, dass das Auto trotz Warnungen in die versammelte Menge gefahren sei. Von Seiten der Oppositionspartei CHP wurde Mehmet Ayvalitas als Märtyrer bezeichnet, die türkische Hackerorganisation „Redhack“ teilte mit, der Getötete sei ein Mitglied ihrer Gruppe gewesen und legte nah, sein Tod sei kein Unfall, sondern ein Mordanschlag von Seiten extremer türkischer Kräfte gewesen.

Auch die Türkische Ärztevereinigung gab indirekt Erdogan eine Mitschuld an dem Vorfall. In einer kurz nach dem Tod von Ayvalitas veröffentlichten Verlautbarung zitierte sie verschiedene provokative Äußerungen des Ministerpräsidenten. Gestern hatte Erdogan in einem Interview gesagt, dass er die fünfzig Prozent der türkischen Bevölkerung, die ihn ins Amt gewählt habe, „kaum noch davon abhalten könne“, auf die Straße zu gehen.

Und tatsächlich machte gegen 22 Uhr unter den Demonstranten die Nachricht die Runde, dass Mitglieder der Jugendorganisationen der AKP sich der Polizei angeschlossen hätten, um mit dieser gemeinsam gegen die Demonstranten vorzugehen. Als Provokateure und getarnt als Demonstranten, doch auch im direkten Kampf gegen sie.

Der Ministerpräsident war gestern Nachmittag zu einem Staatsbesuch nach Marokko abgereist. Er kehrte den Protesten den Rücken. In Istanbul lag bis zum Morgengrauen Feuerschein über einigen Stadtteilen und Schüsse von Gaspistolen waren zu hören.

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Time am 4. Juni 2013

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ausschreitungen-in-istanbul-wenn-es-nacht-wird-kommt-die-polizei-12208210.html

Immer mehr sehen klar

7. September 2012

Bild von Isley (1).

Gestern hatte ich dargelegt, dass sich die Mohammedanisten und ihre Freunde, die im Allgemeinen schlauer sind als ihre Herrchen, wie mit dem Rücken zur Wand fühlen mögen.

Sicherlich gibt es z.B. keine Inflation counterjihadischer Artikel in den MSM, aber ihre Qualität hat sich doch deutlich erhöht. Brachte die FAZ vor Jahren noch in rascher Folge eine promohammedanistische Lobeshymne nach der anderen, so sind die Beiträge von Wolfgang Günther Lerch, Michael Martens, Karen Krüger und Rainer Hermann heutzutage eher nachdenklich bis kritisch, und der unsägliche Jörg Bremer ist schon vor langer Zeit in den römischen Katakomben verloren gegangen, ohne das das jemandem außer mir aufgefallen wäre.

In der FAZ vom Montag, den 3. September, lieferte Daniel Deckers einen fulminaten Kommentar ab, in dem er, wenn er auch noch nicht den faschistischen Charakter des Mohammedanismus feststellte bzw. feststellen durfte, so doch den prinzipiellen Judenhass der Mohammedanisten anprangerte.

Je mehr und je hellsichtigere, klarere und entschlossenere Beiträge in den MSM erscheinen, um so nervöser werden die Orks.

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Judenfreund

Ein als Jude erkennbarer Mann wird vor den Augen seiner Tochter zusammengeschlagen, das Kind mit dem Tod bedroht – eine solche Szene mag sich im Berlin des Jahres 1938 abgespielt haben. Aber es geschah in der vergangenen Woche, fast am helllichten Tag. Seither fehlt von den Tätern jede Spur; gefahndet wird nach vier Männern mutmaßlich arabischer Herkunft. Mögen islamische Verbände nun wieder aufheulen und ihre Klientel wegen dieses Vorfalls oder einer nicht unbedingt ansprechenden Plakataktion des Innenministeriums an den Pranger gestellt sehen: Judenfeindschaft hat es in bestimmten Kreisen in Deutschland immer gegeben, manchmal war sie sogar salonfähig. Doch seit fast siebzig Jahren sind es die arabischen Staaten, die in ihrer Mehrzahl keinen Frieden mit Israel machen wollen. Der Bogen des Judenhasses und der Vernichtungsphantasien spannt sich über „München 1972“ bis nach Teheran und zurück in die islamischen Parallelgesellschaften in Westeuropa. Wer als Deutscher davor die Augen verschließt, sollte sich nicht wundern, wenn er dereinst selbst bedroht wird – als Judenfreund.

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Time am 7. September 2012

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1) http://schda.wordpress.com/2012/05/16/der-islam-ist-eine-ideologie-mit-einer-religiosen-komponente/

Voll daneben, Karen!

17. März 2012

Eigentlich hatte ich die FAZ-Redakteurin Karen Krüger wegen ihrer Fuhrergan-kritischen Beiträge schon fast zum Counterjihad gezählt, da lieferte sie gestern einen teilweise unerträglich unreflektierten Artikel über die Filmkomödie „Türkisch für Anfänger“ ab. Er ist wie gewohnt treffend formuliert, und es gelingt Frau Krüger sogar, auf den Film neugierig zu machen.

Allerdings kann sie sich einer an den Medien-Mainstream anbiedernden Geste nicht enthalten, indem sie schon zu Beginn ihrer Ausführungen positiv auf eine „Dartscheibe mit einem Foto Thilo Sarrazins, durchlöchert von Pfeilen“ referiert und Dr. Sarrazin einen „Integrations-Unruhestifter“ nennt, wo doch jeder Mensch genau weiß, dass die „Integrations-Unruhestifter“ in Wirklichkeit in den Salafistengruppen, Moscheevereinen und Ork- und Torkverbänden zu finden sind. Offenbar darf man the Fuhrergan heutzutage nicht kritisieren, ohne gleichzeitig Thilo Sarrazin zu schmähen…

Gestern erschienen Frau Krügers Zeilen, doch Dr. Sarrazin reagierte umgehend, und schon heute steht seine Erwiderung in der FAZ, was zeigt, dass die FAZ Herrn Sarrazin schätzt und seine Briefe nicht lange in der Schublade auf die Veröffentlichung warten lässt. Lesen Sie nun zunächst Thilo Sarrazins Brief und sodann den Artikel von Karen Krüger.

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Wo fängt Gewalt an?

Zu „Deutschland lacht sich stark – ,Türkisch für Anfänger‘ erst im Fernsehen, jetzt im Kino: Ein unexotischer Erfolg“: Ihre Autorin Karen Krüger hat sich offenbar wie die Mehrheit ihrer Pressekollegen nie die Mühe gemacht, mein Buch zu lesen, sonst könnte sie nicht so absurden Unsinn über seinen Inhalt quasi nebenbei unterstellen. Diese besondere Spielart journalistischer Legasthenie ist bedauerlich, aber weit verbreitet. Das ist aber nicht der Anlass dieses Leserbriefes. Karen Krüger scheint es für einen guten Filmgag zu halten, dass mein Gesicht mit Dart-Pfeilen beschossen wird, und das lässt tief blicken. Wo fängt Gewalt an, und wo hört sie auf? Und wie verstockt muss man sein, um solche Art der Auseinandersetzung zu goutieren? Sollte der wunde Punkt darin liegen, dass man Sachverhalte, die nicht ins eigene Weltbild passen, gerne verdrängen möchte, auch wenn die moralischen Kosten der Verdrängung hoch sind und den impliziten Gewaltaufruf mit einschließen?

Dr. Thilo Sarrazin, Berlin

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Deutschland lacht sich stark

„Türkisch für Anfänger“ erst im Fernsehen, jetzt im Kino:
Ein unexotischer Erfolg

Kritik ist ja oft am effektivsten, wenn ihre Spitzen in Humor gekleidet sind. Und so verrät gleich zu Beginn dieser Komödie ein Detail, worum es in „Türkisch für Anfänger“ eigentlich geht: Einen Wimpernschlag lang sieht man an einer Tür eine Dartscheibe mit einem Foto Thilo Sarrazins, durchlöchert von Pfeilen.

Ganz zufällig scheint die Kamera es zu streifen, und man kann sich vorstellen, welch diebische Freude es den Filmemachern bereitet haben muss, den Integrations-Unruhestifter auf diese Weise zu plazieren. Zwar folgt der Film in einem gewissen Sinn dessen biologistischer Argumentation – insofern nämlich, dass wir alle Kinder unserer Eltern sind.

Anders als bei Sarrazin heißt das für den deutschtürkischen Drehbuchautor und Regisseur Bora Dagtekin aber nicht, dass man sich deshalb immer sicher sein kann, wie die Sprösslinge werden. Ganz im Gegenteil.

Als mit Preisen überhäufte Fernsehserie, die bis 2008 im Ersten zu sehen war, hat das „Türkisch für Anfänger“ schon klug und lustig vorgeführt. Sie erzählt von der Berliner Patchwork-Familie Öztürk-Schneider; von Vater Metin, Witwer, Kripobeamter und überangepasster Softie, der bei der geschiedenen, ständig um Unkonventionalität bemühten Psychotherapeutin Doris einzieht.

Beide haben Kinder, die ganz anders geraten sind, als die beiden das wollten: Cem ist ein Macho vor dem Herrn, Schwester Yagmur eine strenggläubige Muslimin, und die antiautoritär erzogene Lena die personifizierte Selbstkontrolle. Das Zusammenleben ist turbulent, das aber erzählt der gleichnamige Kinofilm nun nicht einfach weiter, sondern macht die Serienhelden noch einmal miteinander bekannt. Unter ganz anderen, verschärften Bedingungen, gewissermaßen als soziales Experiment in Laborsituation. Es spielt nicht an der Integrationsfront von Neukölln oder Kreuzberg, sondern, schlimmer noch, an einem Ort, von dem es kein Entkommen gibt, nämlich auf einer einsamen Insel im Indischen Ozean.

Dorthin hat es Cem (Elyas M’Barak), Yagmur (Pegah Ferydoni), Lena (Josefine Preuß) und den stotternden Griechen Costa (Arnel Taci, in der Serie Yagmurs Verlobter) verschlagen. Mit dem exotischen Ort fängt das Dagtekin-typische Aufräumen mit Klischees schon an, vermutet man Berliner Türken während des Sommers doch gemeinhin in der Türkei bei Verwandten oder im Kreuzberger Prinzenbad.

Doch wie die Schneiders zieht es auch die Öztürks in die Ferne, nach Thailand nämlich, unterwegs stürzt jedoch das Flugzeug ab, muss notwassern, dabei geht die Rettungsinsel mit den Jugendlichen verloren. Während Metin (Adnan Maral) und Doris (Anna Stieblich) sich in einem Hotel ihrer Rettung freuen, der kulturellen Unterschiede zum Trotz einander näherkommen und mit Cocktail und Sonnenöl in der Hand bald kaum noch an die verschollenen Kinder denken, tobt auf der Insel ein Integrationskampf en miniature.

Lena („einer muss die Führung übernehmen, ich bin hier die Einzige mit Abitur, also ich“) hält ihn in ihrem Videotagebuch fest. Ihr „Absturzbericht“ beginnt so: „Es sieht schlecht aus. Einsame Insel. Ein völlig desozialisierter Macho. Der andere stottert. IQ eventuell nicht messbar.“ Cem zahlt ihr das heim: „Der Duden hält jetzt mal die Fresse, sonst kommt er ins Altpapier.“ Im Folgenden passiert all das, was Abenteuerfilme schon unzählige Male durchdekliniert haben: Die vier finden eine verlassene Hütte, die ihr Basislager wird. Sie bekommen Hunger und stillen ihn. Sie wagen sich in den Urwald, um einen Peilsender auf einer Anhöhe zu plazieren. Sie begegnen Eingeborenen, halten sie für Kannibalen und rennen schreiend davon.

Dass das auch nicht eine Sekunde langweilig ist, sondern einfach nur sehr lustig, liegt an den pointierten Dialogen und Sprüchen, mit denen sich die vier malträtieren. Kein deutsch-türkisches Stereotyp wird außer acht gelassen, jedes Mann-Frau-Klischee in die Luft gesprengt. Der feingerippte Cem posiert die ganze Zeit, als sei er Model in einer Ray-Ban-Werbung, während Lena ständig darum bemüht ist, ihre kindliche Kirschunterwäsche zu verbergen. Alle vier hängen in der Warteschleife von großspurigen Behauptungen über Sex und dem tatsächlichen ersten Mal. Doch sie müssen miteinander klarkommen, die Lage ist schließlich ernst. So ernst, dass die Rollen brüchig werden, in denen sich jeder von ihnen irgendwann als Sohn oder Tochter eingerichtet hat. Es kommen Eigenschaften zum Vorschein, die von ganz anderen Persönlichkeiten erzählen. Jeder von ihnen ist unerträglich in dem Bemühen, ein bestimmtes Bild zu erfüllen, verkörpert aber etwas, von dem der andere insgeheim gern ein Stück abhätte.

Auf die Spitze getrieben wird die Integrationssatire mit Uschi (Katja Riemann) aus Darmstadt. Auf sie treffen die vier bei den vermeintlichen Kannibalen. Das mit dem Menschenfressen habe sie ihrem Bärchen längst abgewöhnt, erzählt Uschi, die vor vielen Jahren auf die Insel kam, um die Ureinwohner zu erforschen, und dann der Liebe wegen hängen blieb.

Inzwischen malten sich ihr Mann und der Sohn nur noch an, um lästige Touristen zu vertreiben. Auch das ganze Gebrülle und die Speere dienten nur deren Abschreckung, denn alles solle ja nun auch nicht anders werden in ihrem schönen Wald. Man hört es, lächelt, tritt aus dem Kino, das vielleicht irgendwo in Neukölln oder Kreuzberg liegt. Und sieht die Welt, was selten bei Komödien ist, tatsächlich ein klein wenig mit anderen Augen.

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Time am 17. März 2012

(Mal wieder) entlarvt!

6. März 2012

„Fetih 1453“: Die türkische Presse phantasiert den torkischen Holzschnitt-Film als gleichauf mit Hollywood. Jedoch sieht ein Blinder mit Krückstock hier nur erheblich weniger als „Arpad der Zigeuner“ minus „Bad Segeberg“ minus „Angriff der Killertomaten“ minus „Wim Wenders“. 

Immer wieder gibt es Momente, in denen sich die überwältigende Mehrheit der Orks und Torks als barbarisch, pervers, sadistisch, dressiert und strunzdumm offenbart. Wenn -zig Menschen abgeschlachtet werden, weil ein Bündel Texte gebrannt haben soll, die angeblich heilig sind, die persönlich aber niemand lesen kann. Weil von einem Mann, der angeblich ein Perverser, Räuber und Mörder war, der aber gleichwohl als der „beste Mensch aller Zeiten“ verehrt wird, eine witzige Karikatur gezeichnet wurde. Weil, weil, weil…

Aktuelles „Test- und Spürgerät“ ist ein torkischer Film, wie er widerwärtiger kaum sein könnte. Er ist verlogen, sadistisch, machistisch, platt, abgeschmackt und ein gigantischer Erfolg unter den Torks, die uns damit zeigen, wes Geistes Kind sie sind, und was wir von ihnen zu erwarten haben.

Lesen Sie einen exzellenten Aufsatz über das jihadistische Propaganda-Machwerk „Fetih 1453“, welches die Eroberung Konstantinopels durch den von den Torks hochverehrten Schlächter Sultan Fetih (= Mehmed/Mohammed II.) thematisiert.

Die Filmkritik stammt von der durch den Counterjihad erleuchteten Karen Krüger aus der FAZ vom 4. März.

Es folgt abschließend ein Bericht des zeitgenössischen Schreibers Phrantzes, referiert von Oriana Fallaci.

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Das große Gemetzel

Der Film „Fetih 1453“ zeigt nicht nur den Fall von Konstantinopel, sondern auch, wie Erdogans AKP sich die Welt wünscht. Er ist schon jetzt ein großer Kassenerfolg

Es war nur eine Frage der Zeit, wann sich wieder jemand dieses Stoffs annehmen würde: Die Eroberung von Konstantinopel, das hat das Zeug zum Action-Kino, zu großen Schlachtszenen nach „Herr der Ringe“-Manier, in denen garantiert auch eine Nische für eine Liebesgeschichte zu finden ist, es verspricht bildgewaltige Dekorationen, herrliche Kostüme. Die Kontrahenten müssen nicht erfunden werden: Da ist der christliche Kaiser Konstantin XI., Herrscher von By­zanz, und da ist Sultan Mehmed II., genannt der Eroberer. In einer Zeit, in der Muslime und Christen weltweit um Vormachtstellung ringen und sich dabei immer weiter radikalisieren, könnte es eigentlich keinen besseren Stoff geben, wenn man die Kasse so richtig klingeln lassen will.

Die filmische Interpretation von Gesclhichte zeigt immer, wes Geistes Kind jemand ist. Würde ein Radikalchrist wie Mel Gibson einen Film über den Fall von Byzanz drehen, dann wären am Ende wohl trotz historisch belegter Niederlage die Christen die Sieger – wenn vielleicht auch nur moralisch. Nun aber hat sich der türkische Regisseur Faruk Aksoy des Stoffes angenommen. Schon der Trailer von „Fetih 1453“ sorgte vor dem offiziellen Filmstart für enorme Aufregung: Die griechische Zeitung „To Proto Thema“ nannte ihn „Eroberungspropaganda der Türken“, eine Kölner Evangelikalen-Truppe namens „Via Dolorosa“ rief zum Boykott des Films auf und verteilte Flugblätter – bessere Werbung kann sich ein Produzent nicht wünschen. Als dann auch noch Hacker (türkische Facebook-Nutzer vermuten Griechen als Attentäter) die Internetseite des Verleihers lahmlegten, war der Start perfekt.

Vor zwei Wochen ist „Fetih 1453“ in der Türkei und in Deutschland angelaufen. 17 Millionen Euro hat die Produktion verschlungen, sie ist der teuerste, aber auch schon jetzt der erfolgreichste türkische Film überhaupt. Allein am ersten Wochenende sahen ihn in der Türkei eineinhalb Millionen Menschen. Auch in Deutschland waren die Vorstellungen ausverkauf – und es ist anzunehmen, dass der Film in der arabischen Welt auf eine ähnliche Begeisterung stoßen wird. Das lässt einen schaudern: „Fetih 1453“, ist ein Film, der an Verherrlichung des Dschihad kaum zu überbieten ist. Und er hat einen Subtext, spiegelt er doch die Großmachtphantasien und das gesellschaftliche Idealbild der neuen muslimisch-konservativen türkischen Elite wider, deren Gallionsfigur der türkische Ministerpräsident ist. Die Vermischung von türkischer Politik und Film ist dabei kein Zufall: Die von der Regierungspartei AKP geführte Istanbuler Stadtverwaltung hat „Fetih 1453“ mitfinanziert. Türkische Zeitungen haben berichtet, dass Aksoy dem gerade von einer Operation genesenden Ministerpräsidenten eine Kopie des Films nach Hause lieferte. Erdogan soll begeistert gewesen sein.

Der Plot ist schnell zusammengefasst, und worum es in dem Film ansonsten geht, macht der Vorspann klar, der aus einer der Hadithen des Propheten Mohammed zitiert: „Wahrhaftig, ihr werdet Konstantinopel erobern! Welch wunderbarer Führer wird euch führen, und welch wunderbare Armee wird das sein!“ Im Zeitraffer wird uns erst die Jugend Mehmed II. vorgeführt, der mit zwölf Jahren erstmals den Thron bestieg, wieder abgesetzt wurde und erst sechs Jahre später, nach dem Tod seines Vaters, Sultan Murad II., zurückkehrte. Nach dieser Schmach will er nun erst recht beweisen, dass er das Zeug zum Herrscher hat, und zu Ende führen, woran der Vater scheiterte: Die Eroberung von Konstantinopel, nur sie kann aus dem Osmanischen Reich wieder ein geographisch zusammenhängendes Imperium machen. Bis das nach 160 Minuten endlich gelungen ist, gibt es einen Vater-Sohn-Konflikt, es wird geliebt, gezweifelt, intrigiert, gebrüllt, sehr, sehr viel gebetet und mit so viel Kunstblut herumgespritzt, dass einem übel wird. Es ist ein großes Gemetzel mit Abmurksen in den Variationen, mit Schwert, Säbel oder Speer, durch Abhacken oder Durchbohren dieser oder jener Körperteile – Hauptsache, es geschieht in Zeitlupe. Hier haben sich deutsch-türkische Zuschauer allen Ernstes darüber beschwert, dass ihre Kinder nicht mit ins Kino dürfen. In der Türkei läuft der Film ohne Altersbegrenzung. Erdogan hat kürzlich gesagt, die Türkei müsse „devote Generationen heranziehen, die unsere historischen Werte verinnerlicht haben“. Doch welche Werte sind dies, wenn man den Film zum Maßstab nimmt?

Muslime sind gutherzig, mutig und ehrenwert, die Christen hingegen untereinander zerstritten und in jeder Hinsicht verkommen. An manchen Stellen ist das so plump gemacht, dass man laut auflachen muss, ein wenn der Berater Konstantins noch gierig seinen Wein herunterldppt, bevor ihn die Leute von Mehmed II. abführen oder wenn byzandnische Christinnen beim Einkaufen auf dem Markt flittchenhaft mit dem Hintern wackeln und Blusen tragen, deren tiefe Dekolletés man eher auf dem Münchner Oktoberfest vermuten würde als in Konstantinopel. Sultan Mehmed II., gespielt von Devrim Evin, ist ein gebildeter, tiefgläubiger Denker, der seiner Gattin vor dem Abschied noch Liebesschwüre schreibt. Das Wohl seines Volkes und der Sieg des Islam gehen ihm über alles. Mit den Worten „Konstantinopel wird entweder die Hauptstadt der muslimischen oder der christlichen Welt“ zieht er in die Schlacht. Ganz anders kommt Kaiser Konstantin daher – ein diabolischer Typ, ein Fürst der Dunkelheit, der die Zeichen der Zeit nicht erkennen will. Seine Gottesfürchtigkeit beschränkt sich darauf, aus goldenen Becherlein zu trinken, auf denen ein Kreuz abgebildet ist. Von ihm und seinen comicartig dargesteflten Beratern ist über die Türken nur Abfälliges wie „Teufel“, „Ungläubige“ zu hören (das ist der Augenblick, in dem in deutschen Kinos ein entrüstetes Raunen unter den türkischen Zuschauern einsetzt). Während der Sultan sich mit seinen Wesiren berät, planscht Kaiser Konstantin mit drei halbnackten Schönheiten in Rosenblütenwasser. Während Mehmed über Angriffsplänen brütet, fressen und saufen Konstantin und dessen Gefolge, und vor der reichgedecken Tafel tanzen leichtbekleidete Mädchen herum.

Die Frauen am Kaiserhof sind nur willige, namenlos bleibende Gespielinnen und als solche Sinnbilder einer orientalischen Männerphantasie, die in westlichen Frauen Katalysatoren zum Ausleben unterdrückter Triebe sieht. Auf Seiten der Osmanen gibt es zwei Hauptdarstellerinnen, Dilek Serbest als Era, die mutige und kämpferische Ziehtochter des Kanonenbaumeisters Urban, und Sahika Koldemir als Sultansgattin. Ihrem Mann treu ergeben, trägt sie auch noch in dessen Abwesenheit sein Liebfingsparfum. Era verliebt sich. Die auf Rache sinnende Tochter einer Familie, die von Kreuzrittern grausam niedergemetzelt wurde, besteht darauf, gegen die Christen mit ins Feld zu ziehen. In Hasan, einer Art Schwerttrainer von Mehmed II., findet sie den Seelenpartner: Sein Vater starb auf dem Amselfeld (ausgerechnet dort!).

Wie es in türkischen Fernsehserien seit Beginn der Erdogan-Ära üblich ist, tauschen die beiden nur keusche Küsschen aus (Zungenküsse sieht man im Fernsehen nur bei Schlampen). Anfangs trägt Era, die in Byzanz aufgewachsen ist, noch die aufreizende Kleidung der Christinnen und wird von niemandem richtig ernst genommen. Erst als sie ihre Brust abbindet, einen hochgeschlossenen Mantel trägt und das Haar unter einem Tuch verbirgt, wie es heute konservative Musliminnen tun, gewinnt sie für die große Sache an Bedeutung: Sie feuert die Kanone ab, durch welche die Mauern der „Hure Byzanz“ einstürzen werden. Und natürlich ist sie, wie es sich für eine gute Türkin gehört, zu diesem Zeitpunkt schwanger (Erdogan hat gesagt, er erwarte von jeder Türkin mindestens drei Kinder). Sie wird ein Kind bekommen von Hasan, der beim Hissen der Sultansflagge getötet wird. Minutenlang, es ist eine unglaublich pathetische Szene, widersteht er dem Pfeilhagel der Griechen. Am Ende sieht er aus wie der Heilige Sebastian, aber mit christlicher Ikonographie kennt sich der Regisseur offenbar nicht aus. Ihm kommt es auf Bilder an, die das Märtyrertum und den Kampf im Namen Allahs verherrlichen. Es gibt sie zuhauf. Sie rufen Erinnerungen an Bilder wach, die man aus ganz anderen Zusammenhängen kennt: von Propagandavideos muslimischer Fundamentalisten, von Bekennervideos von Terroristen und von Filmen, in denen Selbstmordattentäter sich von der Welt verabschieden, bevor es zur Tat geht.

Da ist jene Szene, in der sich die Arbeiter beim Bau der Kanone versammeln und „Allahu Akbar“ rufen, als das flüssige Eisen in die Form gegossen wird (im Osmanischen Reich waren Waffenschmiede in Wirklichkeit vor allem Christen). Gleiches rufen die Männer, die sich und einen Trupp christlicher Soldaten in die Luft sprengen, weil es vor ihnen kein Entkommen gibt: „Wir werden nicht umsonst sterben“, sagt einer noch und ein anderer: „Wir vergessen unsere Märtyrer niemals.“ Und da ist der Tunnelbauer, der zwischen Tonnen mit Dynamit steht und diese als Selbstrnordattentäter unter dem Palast des Kaisers zünden wird. Zuvor spricht er ein Gebet.

In der Türkei wird der Film gefeiert. Die nationalreligiösen Historiker loben ihn in den höchsten Tönen, obwohl sie wissen, dass er erhebliche faktische Mängel hat. Die türkische Presse sieht das türkische Kino wegen der Spezialeffekte nun auf einer Höhe mit Hollywood. Selbst die liberale Zeitung „Radikal“ bescheinigte ihm „relativ erfolgreiche optische Effekte“, ätzte aber, dass alle Helden dauernd sprechen, „als würden sie eine Rede halten“. Der einzige vernichtende Kommentar kam von der regierungstreuen (!, T.) „Today’s Zaman“. Neben Jubelarien druckte di’e Zeitung einen Artikel der renonimmierten Kritikerin Emine Yildirim. Sie empörte sich über den im Guss einer Riesenkanone gipfelnden Machismo von „Fetih 1453“. „Wie das Portrait der Perser als barbarische Monster in „300“ viele Menschen aufbrachte, so wird auch die Darstellung des Papsttums und der griechisch-byzantinischen Orthodoxie in „Fetih 1453“ viele Menschen ärgern. Wenn wir uns aufregen über erniedrigende und orientalische Darstellungen in westlichen Blockbustern, sollten wir wenigstens so anständig sein, nicht die gleichen Fehler zu begehen“, schreibt sie.

„Fetih 1453“ zeichnet eine Welt, in der das Wahre und Gute nur dann bestehen können, wenn der Islam regiert. Um das zu erreichen, ist jedes Mittel erlaubt. Andere Religionen müssen sich dem unterordnen, ansonsten werden sie vernichtet. Am Ende des Films tritt Mehmed II. in die Hagia Sophia, in die sich orthodoxe Christen geflüchtet haben: „Habt keine Angst. Ihr habt euer Recht, euren Glauben frei zu leben“, sagt er. Die dreitägige Plünderung der Stadt durch sein Heer verschweigt der Film. Und Glaubensfreiheit gibt es bis heute nicht in der Türkei.

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Lesen Sie nun, was die unvergessene Oriana Fallaci über die Eroberung Konstantinopels schrieb:

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1453 belagerten sie erneut Konstantinopel, das am 29. Mai Mohammed II. in die Hände fiel. Einem blutrünstigen Unmenschen, der kraft des islamischen Brudermord-Gesetzes (dieses Gesetz ermächtigte einen Sultan, aus dynastischen Gründen seine nächsten Angehörigen zu ermorden) den Thron bestiegen hatte, indem er sein dreijähriges Brüderchen erdrosselte.

Und apropos: Kennst du die Schilderung des Falls von Konstantinopel, die uns der Schreiber Phrantzes hinterlassen hat? Vielleicht nicht. In einem Europa, das nur um Muslime weint, nie um Christen oder Juden oder Buddhisten oder Hinduisten, wäre es nicht politically correct, etwas über die Einzelheiten des Falls von Konstantinopel zu wissen.

(…) Die Bewohner, die sich bei Einbruch der Nacht, während Mohammed II. die von Theodosius errichteten Mauern mit Kanonen beschießt, in die Kathedrale Hagia Sophia flüchten und dort anfangen, Psalmen zu singen, um Gottes Barmherzigkeit zu erflehen. Der Patriarch, der im Kerzenschein die letzte Messe liest und den Ängstlichsten als Ermutigung zuruft: „Fürchtet euch nicht! Morgen werdet ihr im Himmelreich sein, und eure Namen werden bis ans Ende aller Zeiten überdauern!“ Die weinenden Kinder, die Mütter, die schluchzen: „Still, mein Kind, still! Wir sterben für unseren Glauben in Jesus Christus! Wir sterben für unseren Kaiser Konstantin XI., für unser Vaterland!“

Die osmanischen Truppen, die trommelschlagend durch die Breschen in den einstürzenden Mauern eindringen, die genuesischen, venezianischen und spanischen Verteidiger überrennen, sie samt und sonders mit Säbelhieben niedermetzeln, dann in die Kathedrale stürmen und sogar die Säuglinge köpfen. Die Köpfchen nehmen sie zum Kerzenlöschen. (…) Es dauerte vom Morgengrauen bis zum Nachmittag, das Blutbad. Es verebbte erst in dem Augenblick, in dem der Großwesir auf die Kanzel der Hagia Sophia stieg und zu den Schlächtern sagte: „Ruht euch aus. Dieser Tempel gehört jetzt Allah.“

Unterdessen brannte die Stadt. Die Soldateska kreuzigte und pfählte. Die Janitscharen vergewaltigten die Nonnen und schnitten ihnen dann die Kehle durch (viertausend in wenigen Stunden) oder ketteten die Überlebenden aneinander, um sie auf dem Markt in Ankara zu verkaufen. Und die Höflinge rüsteten zum Siegesbankett.

Zu jenem Bankett, bei dem sich Mohammed II. (dem Propheten zum Trotz) mit zypriotischem Wein betrank, und da er eine Schwäche für junge Knaben hatte, ließ er sich den Erstgeborenen des griechisch-orthodoxen Großherzogs Notaras bringen. Einen für seine Schönheit bekannten Vierzehnjährigen. Vor allen vergewaltigte er ihn, und nachdem er ihn vergewaltigt hatte, ließ er die anderen Notaras herbeiholen. Die Eltern, die Großeltern, die Onkel, die Cousins des Jungen. Vor seinen Augen enthauptete er sie. Einen nach dem anderen. Er ließ auch alle Altäre zerstören, alle Glocken einschmelzen, alle Kirchen in Moscheen oder Basare verwandeln. Oh ja. So wurde Konstantinopel zu Istanbul…

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Time am 6. März 2012

Bewegt sich was?

25. Januar 2012

Fethiye Çetin, Juristin und Schriftstellerin

Gehört Karen Krüger jetzt eigentlich schon zum Counterjihad? Manchmal habe ich diesen Eindruck, denn sie liefert eigentlich nur noch torkkritische Texte. Am 21. Januar hatte sie eindringlich von dem Mord an dem türkischen Journalisten Hrant Dink, der vor fünf Jahren verübt wurde, berichtet (1). Sie schrieb:

„Der Mann sitzt leicht zurückgelehnt auf seinem Stuhl, so wie jemand dasitzt, der weiß, was gleich passieren wird und doch keine andere Wahl hat, als es wieder zu ertragen. Schon viel zu oft hat er diese große Empörung seiner Landsleute bei Erwähnung des Völkermords an den Armeniern erlebt. Er kennt die Wut und das Geschrei und die Argumente, mit denen man ihn des Vaterlandsverrats überführen will.

Gerade ist er deshalb nach Paragraph 301 wegen Beleidigung der türkischen Nation zu sechs Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Nun ist er zu Gast in der Talkshow ‚Neden?’, der türkischen Variante von ‚Anne Will’. Ihm gegenüber sitzt Professor Özcan Yeniçeri, Historiker und eingefleischter Nationalist. Der Professor gestikuliert aufgebracht, sagt einen Satz, der bald schreckliche Wirklichkeit werden wird: ‚Wer sich nur um Grabsteine kümmert, der landet bald selbst im Grab!’ Wenige Wochen später ist Hrant Dink tot, erschossen auf offener Straße vor der armenisch-türkischen Zeitung ‚Agos’, deren Chefredakteur er war. Der Täter ist ein siebzehnjähriger Nationalist. Er trifft Dink mit drei Schüssen in Nacken und Hinterkopf.“

Mit der Verurteilung des Sesamkringelverkäufers Yasin Hayal, der der Drahtzieher der Tat sein soll, ist nach Ansicht der türkischen Justiz der Mord an Hrant Dink nunmehr aufgeklärt, „und einen Völkermord hat es für die Regierung ohnehin nie gegeben“, schrieb Frau Krüger. Sie fuhr fort:

„Doch genau diese Sichtweise wollen viele Deutschtürken nicht mehr akzeptieren – ob sie ihre Heimat schon lange verlassen haben oder hier geboren wurden, ist dabei egal. Was während des Ersten Weltkriegs auf dem Gebiet der heutigen Türkei passierte, bleibt auch mit deutschem Pass Teil ihrer Geschichte. Sie wollen, dass der Genozid nicht länger geleugnet wird. Sie möchten nicht, dass ihre Kinder die Halbwahrheiten der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung hören. Auf Unterstützung durch den deutschen Schulunterricht können sie nicht hoffen – er macht den Genozid an den Armeniern nicht zum Thema. Ungefiltert erreicht stattdessen die offizielle türkische Geschichtsschreibung über Satellitenfernsehen und Zeitungen die Wohnzimmer und nistet sich in den Köpfen ein. Zudem lädt die türkische Botschaft Wissenschaftler ein, die für ein sattes Honorar in öffentlichen Veranstaltungen den Genozid leugnen. Die Kluft, die auf diese Weise unter Deutschtürken entsteht, wird immer deutlicher.“

Später im Text machte Frau Krüger noch auf ein Buch von Fethiye Çetin (sprich: Tschetin) aufmerksam:

„(…) Ende der siebziger Jahre vertraut ihre Großmutter ihr ein Geheimnis an: Sie sei nicht als Türkin, sondern als Armenierin geboren worden. Während des Todesmarsches in die syrische Wüste entführte sie ein türkischer Gendarm, der später ihr Stiefvater wurde. Erst im Jahr 2000, nach dem Tod der Großmutter, ging Fethiye Çetin damit an die Öffentlichkeit.

Das Buch ‚Anneannem’ schildert, wie sie den Schrecken des Völkermords in vielen Stunden des Erzählens noch einmal gemeinsam durchleben: Großmutter und Enkelin, Armenierin und Türkin. Die Autorin, die als Kind begeistert nationalistische Gedichte aufsagte und Armenier durch die Schulbücher nur als Feinde kannte, macht keinen Hehl daraus, wie sehr sich zunächst alles in ihr gegen die Offenbarungen sperrte. Am Ende jedoch siegt die Annäherung, quer zu aller nationalistischen Rhetorik. Das Buch wird derzeit in neunter Auflage verkauft, auch in türkischen Buchhandlungen in Deutschland. “

In der heutigen FAZ berichtete Karen Krüger von einer Lesung mit Fethiye Çetin in Berlin, der einen Einblick in das ungeheuerliche Justizsystem der Torks bietet.

Was mir an ihrem Text einzig nicht gefällt, ist der Begriff „Deutschtürke“, denn im Deutschen bezeichnet bei zusammengesetzten Wörtern das letzte Wort das Wesen des Gegenstandes und das erste seine Spezialisierung (vgl. Buttermilch, Ziegenmilch, Muttermilch usw.). Im Fall der angesprochenen Bevölkerungsgruppe sollte man also m.E. von „Turkdeutschen“ sprechen, denn anders als das Erdoganmännchen sich das vorstellt, sind sie jetzt in erster Linie Deutsche, und erst in zweiter noch Türken.

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Das System wird brüchig

Fethiye Çetin spricht in Berlin über den Mordfall Dink

Es waren bittere Worte, mit denen Fethiye Çetin das Urteil im Mordfall Hrant Dink kommentierte: „Das Gericht hat sich fünf Jahre lang über uns lustig gemacht. Den größten Witz aber hat es sich bis zum Ende aufgehoben“, sagte die Anwältin der Familie des ermordeten armenisch-türkischen Journalisten nach dem Prozess in Istanbul. Eine Woche später sitzt sie auf Einladung des Hrant Dink Forums Berlin im Theater Ballhaus Naunynstraße und liest aus ihrem autobiographischen Buch „Anneannem“. Es liegt jetzt unter dem Titel „Meine Großmutter“ (Verlag auf dem Ruffel) auch auf Deutsch vor. Um ihren Hals hat Fethiye Çetin einen rosafarbenen Seidenschal geschlungen, das kurze graue Haar ist sorgfältig frisiert. Doch man sieht ihr an, wie kräftezehrend die Gerichtsverhandlungen in den vergangenen Monaten gewesen sind.

Das Haus ist bis auf den letzten Platz gefüllt, vor allem Deutschtürken sind da, wer keinen Stuhl gefunden hat, sitzt auf dem Boden oder steht. In der Türkei war „Anneannem“ ein Meilenstein für die Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern. Erstmals schilderte da eine Türkin, die mit dem staatlich verordneten Patriotismus aufgewachsen ist, ihren inneren Kampf, als sie von den Schrecken der Jahre 1915 bis 1917 erfuhr. Gleichzeitig las man in dem Buch erstmals vom Schicksal einer Überlebenden – Fethiye Çetins Großmutter wurde als Armenierin geboren, während des Todesmarsches in die syrische Wüste ihrer Mutter geraubt und von einer türkischen Familie großgezogen. Erst sehr spät vertraute sie dieses Geheimnis in vielen Stunden des Erzählens ihrer Enkelin an.

Doch nicht nur wegen des Buches sind all die Menschen zu der Lesung gekommen: Viele von ihnen haben sich in der vergangenen Woche mit den Demonstranten in Istanbul solidarisch gezeigt und in Berlin gegen das Gerichtsurteil protestiert. Nun wollen sie die Frau erleben, die Hrant Dink zu Lebzeiten vor Gericht gegen nationalistische Verleumdungen verteidigte und die sich seit dessen Tod im Jahr 2007 für die lückenlose Aufklärung des Mordes einsetzt. Der gerade zu Ende gegangene Prozess war für viele ein Test, ob Justiz und Regierung Licht in die dunklen Machenschaften des Sicherheitsapparates bringen wollen. Dort sitzen allem Anschein nach die wahren Drahtzieher des Attentats. Doch dieser Spur ging das Gericht nicht nach. Und so horchten viele in Berlin erstaunt auf, als Fethiye Çetin dennoch sagt: „Ich bin erschöpft, aber auch hoffnungsfroh.“

Die Justiz sei so verfahren, wie es seit Jahrzehnten bei politischen Morden üblich ist in der Türkei: Beweismaterial wurde aus den Akten gerissen oder verschwand auf dem Weg ins Kriminallabor. Akteneinsicht wurde verweigert, Prozesstermine immer wieder vertagt. Es ist geradezu haarsträubend, was die Anwältin von der Ignoranz des Richters erzählt. Anhand der Überwachungsvideos von Banken und Geschäften, die am Tag des Mordes aufgenommen worden sind, stellte sie zum Beispiel fest, dass nicht allein der Todesschütze Ogün Samast am Tatort war, sondern dass er sich dort mit drei Männern verständigte: „Sie laufen stundenlang auf und ab, geben einander unauffällig Zeichen, fast wie in einem Gangsterfilm. Als Hrant Dink aus dem Redaktionsgebäude von ,Agos‘ tritt, um zur Bank zu gehen, setzen sie sich gleichzeitig in Bewegung. Samast schießt, die Übrigen verschwinden.“ Zunächst habe sie gedacht, der Richter sehe das auf den Videos ganz einfach nicht. Dann aber habe sie verstanden, dass er es nicht sehen wolle, sagt Fethiye Çetin. Es gebe Beweise, dass der Inlandsgeheimdienst, die Gendarmerie und die Polizei Kenntnis von den Mordplänen hatten. Doch sie taten nichts, um sie zu durchkreuzen. Die entsprechenden Protokolle wurden aus den Akten entfernt.

Hoffnung habe sie dennoch, weil sich erstmals in der Geschichte der Türkei ein Richter für sein Urteil habe rechtfertigen müssen, weil die öffentliche Aufmerksamkeit nicht abebbt und der Staatsanwalt Revision angekündigt hat: „Das System wird brüchig, wir sind Zeugen eines Prozesses, der durch nichts mehr aufzuhalten ist.“

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Hoffen wir das Beste!

Time am 25. Januar 2012

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gedenken-an-hrant-dink-das-armenische-zeichen-11617988.html

To know him is to hate him (#1)

6. Januar 2012

Schon wieder so ein hässlicher Vogel (1) in der MoT, aber daran hat es in der Orksphäre wahrhaftig keinen Mangel. Der Typ oben hat Schwielen an der Stirn, wie sie durch besonders häufiges Hinwerfen zum Parolengröhlen, besonders heftiges Reiben der Stirn am stinkenden Gebetsteppich und besonders weites Hinausstrecken des Popos zu Alla, den die Orks oben in den Wolken und offenbar als männlich und schwul vermuten, verursacht wird.

Die FAZ hat ihre Berichterstattung über das Thema Orks unter bestimmten Redakteuren aufgeteilt. Michael Martens und Karen Krüger berichten über die Torks und den Balkan, und dabei hat insbesondere Karen Krüger eine erfreuliche Entwicklung durchgemacht. Den Rest der mohammedanistischen Sphäre bearbeiten Sunnitenfreund Rainer Hermann, der auch häufig Wirtschaftsberichte bringt, sowie Schiiten- und Sufifreund Wolfgang Günther Lerch, der historisch recht beschlagen ist und zunehmend mohammedanismusskeptischer wird.

Nahezu counterjihadisch wird es immer dann, wenn einer der beiden sich das „gegnerische“ Lager vornimmt, so in der heutigen FAZ, in der sich Rainer Hermann den naziranischen „Verteidigungs“-Minister Ahmad Vahidi vorknöpfte und durch den Mund der Saudis durchblicken ließ, dass die USA dessen großmäuligen Drohungen nicht unwidersprochen hinnehmen sollte.

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Provozierend

Mit jedem Manöver wächst Irans militärisches Selbstbewusstsein. Auch beim letzten Großmanöver hat Iran neue Raketen getestet. Sie sollen bei einer Reichweite von 200 Kilometern Schiffe mit hoher Präzision treffen, behaupten die Iraner; überprüfen lassen sich ihre Äußerungen nicht. Das zehntägige Marinemanöver „Velayati 90“ war gerade abgeschlossen, da provozierte der vor Selbstbewusstsein strotzende Verteidigungsminister Ahmad Vahidi die amerikanische Marine öffentlich. Iran werde selbst und allein für die Sicherheit der Meerenge von Hormus sorgen, ließ er die Welt wissen. Verhindern will Iran, dass der amerikanische Flugzeugträger USS John C Stennis in den Golf zurückkehrt, den er am 27. Dezember verlassen hat.

Das Parlament nahm Vahidis Ball auf und begann eine Debatte über einen Gesetzesentwurf, der die Einfahrt von Kriegsschiffen aus Ländern außerhalb der Golfregion an eine Genehmigung Teherans knüpfen soll. Auf das Parlament kann sich der General verlassen. Es hatte ihn am 9. August 2009 mit 80 Prozent als Verteidigungsminister bestätigt. In der ersten Amtszeit von Staatspräsident Mahmud Ahmadineschad war er noch stellvertretender Verteidigungsminister. Seit 2007 sucht ihn Interpol aber mit vier anderen Iranern steckbrieflich. Denn die argentinische Justiz ist überzeugt, dass die fünf Iraner den Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum am 18. Juli 1994, bei dem 85 Menschen getötet wurden, geplant haben. Die Ausführenden sollen Mitglieder der libanesischen Hizbullah gewesen sein.

Iran hat die Vorwürfe zwar stets bestritten. Zu Vahidis Karriere passen sie aber. Der am 28. Juni 1947 geborene Karrieresoldat trat 1980, unmittelbar nach der iranischen Revolution, den Revolutionswächtern bei und stieg in deren Eliteeinheit der Quds-Brigaden auf, die für die Unterstützung von gleichgesinnten Milizen im Ausland zuständig sind. Ende der achtziger Jahre wurde er Chef dieser Brigaden, und in dieser Funktion soll er den Terroranschlag vorbereitet haben. Seine Berufung durch Ahmadineschad 2005 zum stellvertretenden Verteidigungsminister war schon ein Indiz dafür, wie einflussreich die ideologisch linientreuen Revolutionswächter nicht nur in den Streitkräften geworden waren.

Vahidi verhöhnt die Vereinigten Staaten als eine verblassende Weltmacht, die in Afghanistan und im Irak gescheitert sei. Amerika unterhält in Reichweite iranischer Raketen in den arabischen Golfstaaten aber fünf Luftwaffenstützpunkte in drei Ländern, die Fünfte Flotte in Bahrein und die Kommandozentrale Centcom in Qatar. Als die Amerikaner noch in Saudi-Arabien waren, wurden bei einem Anschlag 1996 in der Stadt Chobar 19 ihrer Soldaten getötet. Auch hier soll Vahidi seine Hand mit im Spiel gehabt haben. Die Saudis sind wegen Vahidis Gehabe ohnehin mehr alarmiert als andere. Irans Waffen mögen technologisch rückständig sein, Schaden können sie dennoch anrichten. Die Saudis drängen daher die Amerikaner, die iranischen Drohungen nicht unwidersprochen in der Welt stehen zu lassen. Denn die Iraner, das hört man in Saudi-Arabien oft, meinen, was sie sagen.

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Time am 6. Januar 2012

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2012/01/05/boko-haram-avantgarde-des-mainstreams/ 

Morden erlaubt – darüber reden nicht

26. Dezember 2011

Die FAZ brachte am 24. Dezember zwei lange Artikel über das neue französische Völkermordleugnungsgesetz. Dieses stellt ganz allgemein die Leugnung von Völkermord unter Strafe, aber angesprochen fühlen sich interessanterweise allein die Torks, wie Michael Martens im ersten Beitrag bemerkt.

Da sie, so ihr „heiliges“ Buch Kloran (1), nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht haben, Nicht-Mohammedanisten zu massakrieren (2), und da sie leidenschaftlich gerne lügen, empfinden sie den Bann der Völkermordleugnung zurecht als Angriff auf ihre innersten Werte. „Sarkozy fache ‚den Hass gegen Muslime und Türken an’, fügte Erdogan noch hinzu“, berichtet Karen Krüger im zweiten Beitrag.

Die Faksimile-Sammlung oben habe ich von meinem Freund Tangsir übernommen (3). Er macht auf das Bild oben rechts aufmerksam: „Bildunterschrift oben rechts: ‚Tätowierungen auf der Haut einer befreiten armenischen Sklavin zeigen die Namen der früheren türkischen Besitzer’“.

Beachten Sie bitte auch die Linksammlung unten.

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Armenien gegen Algerien

Türkische Vorwürfe gegen Paris

Nichts treibt die Betriebstemperatur der türkischen Politik zuverlässiger in die Höhe als eine Diskussion über das S-Wort. „Soykirim“, zu Deutsch Völkermord, (an den Armeniern im Jahr 1915) habe es nicht gegeben, ist die parteiübergreifend herrschende Lesart in Ankara. Wenn sich ein ausländisches Parlament anmaßt, Erinnerungspolitik zu betreiben und „die Ereignisse von 1915“, wie sie in der Türkei euphemistisch genannt werden, als Genozid zu definieren oder gar eine verharmlosende Interpretation des Geschehens unter Strafe zu stellen, läuft die staatliche Empörungsmaschinerie heiß.

Das geschieht inzwischen mit einer gewissen Routine. Als im März vergangenen Jahres der schwedische Reichstag mit einer Stimme Mehrheit eine Resolution annahm, die den Massenmord an den Armeniern im Osmanischen Reich als Genozid einstufte, sagte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan einen geplanten Besuch in Stockholm ab und ließ die türkische Botschafterin in Schweden zu Konsultationen nach Ankara beordern. Nachdem nun die französische Nationalversammlung einen Gesetzentwurf billigte, der das Leugnen von Völkermorden unter Strafe stellen soll, kam es ähnlich.

Von allen potentiellen Völkermördern fühlte sich allein die Türkei angesprochen. Einen Besuch in Paris konnte Erdogan zwar nicht absagen, da keiner geplant war. Aber das Außenministerium beorderte umgehend den türkischen Botschafter zu Konsultationen nach Ankara, und Erdogan beschuldigte Frankreich des Rassismus und der Islamfeindlichkeit. Bei einem Treffen der Organisation der Islamischen Zusammenarbeit sagte er am Freitag in Istanbul, Frankreich solle sich lieber mit den Massakern im Algerien-Krieg befassen, und riet dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, seinen Vater danach zu fragen, der in Algerien im Einsatz gewesen sei. Zuvor hatte Erdogan angekündigt, die Türkei werde ihre politische, wirtschaftliche und militärische Kooperation mit Frankreich einstellen, auch gemeinsame Manöver seien abgesagt worden.

Die Erfahrung zeigt indes, dass sich für Staaten, die ein „Genozid-Gesetz“ annehmen, in der Praxis wenig in den Beziehungen zur Türkei ändert. Das dürfte auch für Frankreich gelten, einen wichtigen Handelspartner der Türkei. Erdogans in ihrer Wirtschaftspolitik neoliberal geprägte Regierungspartei AKP meidet Schritte, die das eindrucksvolle Wirtschaftwachstum des Landes gefährden könnten. Diesem Wachstum verdankt sie ihre Wahlerfolge nämlich mindestens so sehr wie ihrem Ruf als im Islam verwurzelte Partei.

Die türkische Haltung lautet, die Bewertung der Ereignisse von 1915 sei Historikern zu überlassen. Kritiker bemängeln, dass Ankara jedoch nichts unternehme, um eine solche Debatte zu fördern. Erdogan hatte sich zwar im vergangenen Monat im Namen des Staates für die Massaker an fast 14 000 vornehmlich alevitischen Kurden in der türkischen Provinz Dersim zwischen 1936 und 1939 entschuldigt, jedoch sinngemäß darauf hingewiesen, dass für dieses Verbrechen eigentlich der Kemalismus und damit die in dessen Tradition stehende oppositionelle Republikanische Volkspartei verantwortlich sei.

Ein regierungskritischer Kommentator merkte dazu an, die Darstellung, es sei 1915 ein Völkermord an den Armeniern begangen worden, hätte mit Sicherheit längst die Unterstützung der AKP, wenn die Kemalisten dafür verantwortlich zu machen wären. Das Verbrechen habe jedoch einen „osmanischen Anstrich“, weshalb die „Neo-Osmanen“ sich damit nicht in gleicher Offenheit auseinandersetzten wie mit Massakern aus späteren Zeiten.

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Armenier? Algerien!

Das französische Gesetz und der türkische Reflex

Ankara sieht rot. Ankara mag es nämlich gar nicht, wenn westliche Parlamente Themen verhandeln, die innertürkische Fragen berühren. Geradezu außer sich aber ist die Regierung Erdogan, wenn dabei politisches Fehlverhalten angeprangert wird – und sei es auch nur indirekt. Anstatt den Angriff mit klugen Argumenten zu parieren, oder wenigstens merkelhaft auszusitzen, zeigen türkische Politiker lieber mit dem Finger auf das vermeintlich böse Gegenüber. Sie werfen diesem gleiches Fehlverhalten vor und stellen die ganze Sache in einen größeren Zusammenhang.

Man fühlt sich zurückversetzt, ist plötzlich wieder mittendrin in einer Schulhofzankerei, nur dass es bei dem größeren Zusammenhang nicht etwa um Lächerlichkeiten wie die Sitzordnung im Bus, sondern wahlweise um imperialistische Verschwörungstheorien oder um den angeblichen Machtkampf Christen versus Muslime geht. Man kann sagen, es ist schon fast ein türkischer Reflex.

Einen Tag nach der Abstimmung im französischen Parlament über das Gesetz, das unter anderem die Leugnung des Völkermords an den Armeniern unter Strafe stellt, hat sich der türkische Ministerpräsident im Fernsehen an sein Volk gewandt. Mit dabei hatte er zwei verbale Keulen: Frankreich habe sich selbst eines Völkermordes schuldig gemacht, nämlich in Algerien. Dort habe das Land von 1954 bis 1962 fast fünfzehn Prozent der Bevölkerung massakriert: „Das ist Genozid“, sagte Erdogan, und wenn Sarkozy das nicht wisse, dann könne er ja seinen Vater fragen, der damals in Algerien diente. Nicolas Sarkozy fache „den Hass gegen Muslime und Türken an“, fügte Erdogan noch hinzu. Da war er wieder, der Reflex.

Vor ihm hatten am selben Tag einige türkische Kolumnisten gewarnt. Die Türkei sei nur deshalb in der jetzigen Situation, weil sie bei ähnlichen Gesetzesinitiativen bisher zwar immer sehr viel Lärm geschlagen habe, danach aber wieder in die Passivität versunken sei, schreibt etwa Mehemt Ali Birand in der „Hürriyet“: „Die Türkei ist unfähig, ihre eigene Vergangenheit zu hinterfragen und mit Fakten gegen den Vorwurf des Völkermords vorzugehen.“ Der „Ihr-habt-selbst-Dreck-am-Stecken-Diskurs“ sei der falsche Ansatz, genauso falsch seien die Sanktionsdrohungen: „Das schadet nur. Das macht keinem Angst.“ Die Türkei solle lieber ihre Geschichte aufarbeiten, nur so sei eine gesunde Konfrontation möglich.

Ähnlich argumentiert auch Suat Kiniklioglu von „Today’s Zaman“. Als moderner Bürger der Türkischen Republik sei man es sich selbst schuldig, verstehen zu wollen, was 1915 tatsächlich passiert ist. „Bevor wir französische Parlamentarier anpöbeln – was im Sinne der freien Meinungsäußerung durchaus rechtens wäre –, sollten wir erst mal die angemessene Sensibilität zeigen, wenn über diesen Teil der Vergangenheit gesprochen wird“, schreibt er.

Kiniklioglu verweist auf ein schwerwiegendes grundsätzliches Problem der türkischen Gesellschaft: Die Massaker an den Armeniern werden in der Türkei nur von einer Handvoll Istanbuler Intellektueller diskutiert. Die übrige Bevölkerung werde nur dann daran erinnert, wenn wie in diesen Tagen die Regierung – und deshalb auch die Medien – das Ereignis zum Thema machten. Der türkischen Berichterstattung fehle es jedoch in einem Maße an Kultiviertheit und menschlichen Anstand, dass jeder Bürger davon beunruhigt sein müsste. Fast schien es so, als habe der Kolumnist seinen Artikel unter dem Eindruck einer jener türkischen Fernsehsendungen verfasst, die seit dem französischen Parlamentsbeschluss in Endlosschleife alte Filmaufnahmen von Massakern in Algerien zeigen.

Tatsächlich haben sich in dieser Woche viele türkische Medien geradezu darin überboten, in harschen Worten die französische Gesetzesinitiative als Verletzung der Meinungsfreiheit zu kritisieren oder dem Parlament in Paris vorzuwerfen, es messe mit zweierlei Maß: „Wenn es darum geht, über Greueltaten zu sprechen, was ist dann mit all den Muslimen, die auf dem Balkan abgeschlachtet worden sind? Handelt es sich nicht auch um ein Verbrechen, wenn die Opfer Muslime sind und die Mörder von Europa beschützt werden? Ist das der Grund, warum Frankreich sich nicht an seine Tötungen in Algerien und Ruanda erinnern will?“ So fragte etwa Ahmet Taschgetiren von der Zeitung „Bugün“.

Auch Orhan Dink, der Bruder des im Jahr 2007 ermordeten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, der sein Engagement für eine offene Diskussion über die Ereignisse von 1915 mit dem Leben bezahlt hatte, meldete sich zu Wort. Er sieht die Türkei gleichfalls in der Bringschuld: „Nicht andere Staaten, sondern das türkische Parlament sollte die Tragödie unserer Vorfahren diskutieren. Solange das türkische Volk die Armenier nicht mit offenen Armen empfängt, werden die Armenier ein Instrument der Politik bleiben“, sagte er in einem Interview der Zeitung „Hürriyet“. Das waren die beiden zutreffendsten Sätze, die in dieser Woche in der Türkei zu diesem Thema veröffentlicht worden sind.

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Time am 26. Dezember 2011

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/23/der-kloran-5-krieg/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/23/kloran-6-abtrunnige-unglaubige-widersacher-sunder/
3) http://tangsir2569.wordpress.com/2011/12/23/extra-fur-volkermordleugner-und-alle-torke-xar/

Weitere Links:

https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/23/die-armenier-demaskieren-den-wolf/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/03/aghet-ein-volkermord/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/15/der-teilirian-prozess/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/14/phonix-armenien-flieg/
http://www.armeniapedia.org/index.php?title=Armenian_Genocide_Photos