Posts Tagged ‘Katrin Göring-Eckardt’

Wir sind schuld

17. Mai 2018

Alexander Wendt schrieb bei der „Achse“ über eines der zahlreichen Lügenkonstrukte, mit denen die polit-medialen Eliten den Bürgern Schuldgefühle vermitteln wollen (1).

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Merkels toter See

Neben der Fake History, etwa in Gestalt der Saga, türkische Gastarbeiter hätten Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut, gibt es das vergleichsweise wirksamere Instrument der Gegenwartslegende. Sie biegen aktuelle Debatten so, dass sie in einen bestimmten Deutungsrahmen passen.

Ein schönes Beispiel lieferte Katrin Göring-Eckardt mit der Behauptung, weltweite Flüchtlingsströme hätten irgendetwas mit dem Sojaanbau für den Fleischkonsum der Deutschen zu tun:

„Viele Fluchtbewegungen kommen deswegen zustande, weil wir so leben, wie wir leben. Menschen fliehen auch, weil kein Wasser da ist, weil es Dürren gibt, weil sie ihre eigenen Lebensmittel nicht mehr anbauen können, weil sie das Soja für unsere Fleischproduktion anbauen.“

In dieser Behauptung stecken zwei Topoi, die dem grünen Herzen teuer sind: westliches Schuldgefühl, Agitation gegen Fleisch. Und sie erweist sich schon nach dem kurzen Blick auf die Zahlen als purer Nonsens. Die zehn größten Sojaanbauländer der Welt heißen USA, Brasilien, Argentinien, China, Indien, Paraguay, Kanada, Ukraine, Bolivien und Uruguay; aus keinem der Länder strömen Flüchtlinge. Umgekehrt spielt weder in Syrien, Afghanistan und den diversen Herkunftsländern der Migranten, die nach Deutschland kommen, Sojaanbau irgendeine Rolle.

Auf dem Katholikentag in Münster versuchte sich Angela Merkel an einem ähnlichen Biegen und Brechen des Faktischen: Sie dozierte auf der Bühne über den Zusammenhang, der nach ihrer Meinung zwischen der Austrocknung des Tschadsees und der Formierung der islamistischen Terrororganisation Boko Haram besteht. Im Wortlaut klang das so:

„Schaun Sie sich einfach mal, wenn Sie’s nicht schon gemacht ham, vielleicht haben’s hier ja auch alle gemacht, die Karte vom Tschadsee vor 40 Jahren an, vor 20 Jahren an, von heute an. Da kommen Ihnen die Tränen. Da ist ein ganzer See nicht mehr da. Da haben 100 Millionen Menschen gelebt. Und es hat sich die Welt und niemand (…) richtig drum gekümmert. Und in der Situation ist Boko Haram entstanden.“

Der Tschad-See liegt nicht in Nigeria…

Zunächst einmal erhellt eine kurze Geschichte von Boko Haram die Lage. Die muslimische Terrororganisation entstand 2002 im Norden Nigerias, also kurz nach dem Anschlag al-Quaidas auf das World Trade Center. „Boko Haram“ bedeutet „Bücher sind verboten“, freier übersetzt auch „westliche Bildung ist verboten“. Die bewaffnete Truppe mit etwa 15.000 Mitgliedern ist Teil der islamistischen Gewaltentwicklung seit 2001, die von al-Quaida über die Al-Shahab-Milizen in Somalia und den IS bis zu der indonesischen Terrororganisation Darul Islam reicht.

Das Hauptgeschäft von Boko Haram besteht in extrem gewalttätigen Überfällen auf Dörfer, Mord an Christen wie an Muslimen, die sich entgegenstellen, und der Massenentführung von Mädchen. Seit seiner Gründung tötete Boko Haram Zehntausende und vertrieb etwa 2,3 Millionen Menschen. Ihr Hauptquartier wechselte seit 2002 einige Male, befand sich aber immer im Norden Nigerias.

Und nun zum Tschadsee: Er liegt nicht in Nigeria, sondern, wie der Name schon sagt, im Nachbarland Tschad. Er grenzt nur an eine nigerianische Provinz. Der ehemals sechstgrößte See der Erde verlor seit den sechziger Jahren 90 Prozent seiner Wasserfläche, zum einen durch extreme Trockenheit, zum anderen durch steigende Wasserentnahme aus dem Fluss, der ihn speist. Schon 1972 spaltete sich der See durch die Austrocknung in ein Nord- und ein Südbecken. Dass der ganze See, wie Merkel meint, „nicht mehr da“ ist, stimmt nicht.

Aber für das Land bedeutet die Schrumpfung des ehemals riesigen Sees ein großes Problem. Trotzdem blieb das Land politisch halbwegs stabil. Obwohl es zu den sieben ärmsten Ländern der Welt zählt und mit etwa 14 Millionen Einwohnern auch zu dem am dünnsten besiedelten, flohen in den vergangenen Jahren Hunderttausende aus den Nachbarländern vor Gewalt in den Tschad, darunter 280.000 aus dem Sudan und etwa 20.000 von Boko Haram vertriebene Nigerianer. Kein Staat Afrikas beherbergt im Verhältnis zu seiner angestammten Bevölkerung so viele Flüchtlinge. Wie Merkel übrigens auf 100 Millionen Menschen in der unmittelbaren Nähe des Tschadsees kommt, die dort einmal gelebt haben sollen, bleibt angesichts der tatsächlichen Bevölkerungszahlen rätselhaft.

Dass Tausende vor Boko Haram in das Land des austrocknenden Sees fliehen, dessen große Wasserverluste außerdem in den siebziger Jahren stattfanden – das allein lässt schon von Merkels Behauptung nicht übrig, der austrocknende See im Nachbarland Nigerias sei irgendwie ursächlich für das Entstehen der jihadistischen Terrorarmee im Jahr 2002. Nun war Merkels Ausführung in Münster ein typischer Merkelismus: Sie sprach nicht von einer direkten Ursache, sondern konstruiert einen vagen, nicht näher erklärten Zusammenhang: „in der Situation ist Boko Haram entstanden.“

Der Klimawandel, Lieblingsgroßthema der Bundeskanzlerin

Den eigentlichen Entstehungsgrund für Boko Haram und ähnlich gelagerte Organisationen erwähnt sie gar nicht erst: den aggressiven Islam, der seit dem Jahr 2000 vor allem dank der Finanzierung aus Saudi-Arabien weltweit expandiert. Bei Merkel besitzt der militante Islamismus den Status eines Naturereignisses: Er ist nun mal da. In ihren Ausführungen auf dem Kirchentag kamen die Begriffe Islam und islamistisch gar nicht vor. Dort, wo sich wirtschaftliche und ökologische Miseren ausbreiten, setzt er sich nach einem deterministischen Muster fest. Schuld an Boko Haram ist also die Austrocknung des Tschadsees, auch, wenn der im relativ stabilen Nachbarland liegt. Das Trockenfallen eines Sees wiederum lässt sich dem Lieblingsgroßthema der Bundeskanzlerin zuschlagen, dem Klimawandel. Da sich das Klima immer und überall wandelt, passt der Begriff also ebenfalls immer und überall, auch, wenn es wie im Fall des Tschadsees sehr komplexe Ursachen gibt. Ein Phänomen (islamistischer Terror) fügt sich dann argumentativ in ein vorgeprägtes Muster, so, wie bei Göring-Eckardt Massenmigration das grüne Schema bestätigt (Fleisch essen ist schlecht).

Wie hängen nun gewalttätiger Islam in Nigeria und die wirtschaftliche Misere des Landes wirklich zusammen? Wer sich die Daten ansieht, erkennt sehr schnell, dass nicht der Wasserschwund eines Sees im Tschad etwas mit den Gewaltproblemen Nigerias zu tun hat, sondern die demographische Entwicklung. In Nigeria leben derzeit etwa 185 Millionen Menschen; seit 1990 verdoppelte sich die Bevölkerung fast. Gut die Hälfte der Nigerianer besteht aus Jugendlichen unter 15 Jahren. Die Bevölkerungsdichte des Landes beträgt 197,2 Einwohner pro Quadratkilometer – im Nachbarland Tschad sind es 10 Einwohner pro Quadratkilometer. Demographen gehen davon aus, dass Nigeria noch in diesem Jahrhundert die USA in der Bevölkerungsgröße überholen wird (dort leben derzeit 325 Millionen Menschen).

Um die Zahl der Jobs zumindest gleichauf mit einem solch extremen Bevölkerungswachstum zu halten, bräuchte Nigeria ein Wirtschaftswachstum, das mehr als doppelt so hoch ausfallen müsste wie das von China und Südkorea in deren besten Zeiten. Nun ist der westafrikanische Staat allerdings kein Industrieland, sondern eine zwar ölreiche, aber auch von Korruption, Tribalismus und schlechter Bildung gepeinigte Nation. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas kann als Musterbeispiel für den youth bulge dienen, den Überschuss vor allem schlecht gebildeter junger Männer ohne Chance auf wirtschaftlich aussichtsreiche Betätigung.

Teil einer mächtigen Raub- und Vergewaltigungstruppe

Warum entstehen dann aber keine christlichen Terrorarmeen in Nigeria? Die christliche Community ist dort neben dem vorherrschenden Islam durchaus präsent (wie übrigens auch im Tschad). Warum entsteht keine politische Bewegung, die es sich zum Ziel setzt, Korruption und unfähige Eliten zu bekämpfen? Diese Frage führt zu einer Antwort, weshalb Boko Haram Zulauf erhält. Erstens bietet deren Ideologie ein sehr einfaches Gerüst, an dem sich auch jeder junge Mann ohne Schulbildung festklammern kann: Der Westen ist Sünde, der Islam ist die Lösung – aber nur dann, wenn er als wortwörtliche Befolgung des Korans praktiziert wird. Und zweitens machen islamische Terrorarmeen weltweit jungen Männern das Angebot, Teil einer mächtigen Raub- und Vergewaltigungstruppe zu werden, legitimiert durch eine religiöse Ideologie, die sich auf dem Vormarsch befindet. Auf ganz ähnliche Weise rekrutierte der Islamische Staat muslimische Desperados aus dutzenden Ländern. Dort, wo die normale Ökonomie keine Grundlage findet, tritt die Gewaltökonomie an ihren Platz.

Hätte Merkel auf dem Katholikentag darüber geredet, dann wäre sie unweigerlich bei dem entscheidenden Punkt gelandet: Der Überschuss junger hoch aggressiver muslimischer Männer bildet einen perfekten Nährboden für islamistischen Terror. Und genau dieses Ferment, genau diesen Nährboden importiert sie mit ihrer Politik seit 2015 im großen Stil nach Deutschland. Der Zustrom junger Männer reicht zwar längst nicht aus, um die youth bulge in Afrika oder auch nur in Nigeria wenigstens zu mildern. Aber er genügt für den zügigen Ausbau jihadistischer Strukturen, wie sie schon in Frankreich, Belgien und Großbritannien existieren. Wer sich mit Einblicken in diese Entwicklung belasten will, dem sei Constantin Schreibers Buch „Inside Islam. Was in deutschen Moscheen gepredigt wird” empfohlen.

Merkel beschreibt das Problem nicht nur falsch. Ihre Politik ist ein erheblicher Teil des Problems.

Da kommen einem die Tränen.

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Time am 17. Mai 2018

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1) http://www.achgut.com/artikel/merkels_toter_see

Alternativlose Nazislahmisierung?

1. Juli 2017

Lesen Sie einen Aufsatz von Monika Maron, den ich von „Achgut“ habe (1).

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Merkel: Ein Vampir, der das Parlament aussaugt

Es ist Sommer, heute aber ein kühler Tag, geeignet zum Nachdenken und eine frühe Mahnung an den Herbst. Im Herbst müssen, sollen, dürfen wir wählen. Früher, als ich noch in der DDR lebte, waren freie Wahlen etwas so Verheissungsvolles wie Reisefreiheit und offene Grenzen, woran man schon erkennen kann, wie wandelbar Begriffe sind. Wer denkt bei „offenen Grenzen“ noch zuerst an den Fall der Berliner Mauer? Jetzt haben wir, habe ich, die freie Wahl, und trotzdem sind Wahlen für mich seit Jahren eine Zumutung.

Meistens habe ich die FDP gewählt, weil ich glaubte, damit den geringsten Schaden anzurichten. Wahrscheinlich werde ich wieder die FDP wählen, diesmal sogar mit der kleinen Hoffnung, nicht nur den geringsten Schaden anzurichten, sondern das größte Übel zu verhindern: eine schwarz-grüne Koalition, die unvermeidbare Angela Merkel, flankiert von Katrin Göring-Eckardt; das wäre der größte anzunehmende Wahlunfall, jedenfalls für mich. Als ich 1988 aus dem Osten in den Westen zog, habe ich die Grünen noch für meine natürlichen Verbündeten gehalten. Über diesen Irrtum haben mich die Grünen selbst binnen kürzester Zeit aufgeklärt. Heute gehören sie ganz entschieden zu meinen politischen Gegnern.

Eigentlich möchte ich auf gar keinen Fall noch einmal vier Merkel-Jahre erleben. Vermutlich teile ich diesen Wunsch mit vielen meiner Mitbürger, nur so lässt sich der raketenhafte Aufstieg von Martin Schulz verstehen, der ebenso raketenhaft, nämlich wie eine abgebrannte Silvesterrakete, endete, als klarwurde, dass es unter einem SPD-Kanzler nur noch schlimmer werden kann. Denn wer soziale Gerechtigkeit fordert, ohne zu erklären, wie die illegale Einwanderung gestoppt werden kann und die illegal Eingewanderten zur Auswanderung bewogen werden können, bleibt die entscheidenden Antworten schuldig und nährt den Verdacht, dass er nicht einmal die Fragen zur Kenntnis nimmt.

Also doch wieder Merkel. Aber warum soll ich überhaupt wählen, wenn ich das einzig mögliche Ergebnis nicht gewählt haben will? Was ist das für eine Wahl, in der außer einem klitzekleinen Koalitionspartner nichts zur Wahl steht? In dieser bevorstehenden Wahl kulminiert das Verhängnis der letzten Legislaturperioden, zuerst die CDU im Bündnis mit einer entgleisten FDP, auf das die große Koalition folgte und ein Parlament ohne Opposition und Rückgrat hervorbrachte. Es war sogar noch schlimmer: Wenn die eigene Partei der Kanzlerin die Gefolgschaft zu verweigern drohte, sprang ihr die linke und grüne Opposition hilfreich bei.

Neuerdings werde ich als rechts bezeichnet

Nach zwölf Jahren Merkelherrschaft sehe ich in der politischen Figur Merkel einen Vampir, der jeder Partei und am Ende dem Parlamentarismus das Blut aussaugt und damit die eigene Unsterblichkeit nährt. Anders ist nicht zu erklären, dass die Kanzlerin ihre irrwitzigen, allseits bekannten Fehler wie die überstürzte Energiewende, die verpatzte Euro-Rettung, die sperrangelweit geöffneten Grenzen unversehrt überstanden und zudem die Welt noch von ihrer Unersetzlichkeit überzeugt hat.

Wenn ich also wähle, werde auch ich wieder Merkel gewählt haben und damit eine Politik, die ich für unheilvoll halte. Denn eigentlich gehöre ich zu denen, die neuerdings als rechts bezeichnet werden. So steht es jedenfalls in den Zeitungen. Wer so denkt wie ich, ist rechts, behaupten sie. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass ich eines Tages rechts sein könnte. In meiner Jugend war ich links. So hatte man mich erzogen, und außerdem waren fast alle, die ich kannte, irgendwie links, schon wegen der deutschen Geschichte, wegen Sartre, Böll, Brecht, Heiner Müller. Sogar Wolf Biermann war links. Links bin ich schon lange nicht mehr. Ich dachte immer, ich sei liberal, aber im Fernsehen und in der Zeitung sagen sie, ich sei rechts. Und nun zermartere ich mir den Kopf, wie das passieren konnte. Ich bilde mir ein, ähnlich vernünftig zu sein wie früher, als ich nicht mehr links, aber noch nicht rechts war. Welche Achse hat sich gedreht, dass ich mich auf einer anderen Seite wiederfinde, ohne die Seite gewechselt zu haben? Doch die in meinem Kopf? Oder hat jemand am Meinungskompass gedreht, so dass Osten, Westen, Norden und Süden, also rechts, links, liberal und ahnungslos, völlig durcheinandergeraten sind?

Nehmen wir zum Beispiel den Vorwurf der Islamophobie, die unbedingt zum Rechtssein gehört. Ich habe also eine krankhafte Angst vor dem Islam, sagen die Zeitungen und das Fernsehen. Die Wahrheit ist, dass ich vor dem Islam wirklich Angst habe. Aber warum ist das krankhaft und nicht vernünftig? Die gleichen Zeitungen, die mir meine verachtenswerte Gesinnung attestieren, berichten täglich von blutrünstigen Verbrechen, die im Namen dieser Religion begangen werden, wobei sie natürlich betonen, dass das nicht an der Religion, sondern nur an deren Missbrauch liegt. Missbraucht wurde in der Menschengeschichte fast alles. Während für meine Kritiker der Missbrauch des Nationalen aber nur den Schluss zulässt, dass man den Nationalstaat abschaffen müsse, bleibt der missbrauchte Islam ganz ungeschoren.

Die meisten Muslime sind friedlich, heißt es. Das stimmt. Und trotzdem frage ich mich seit einiger Zeit bei jeder Frau, die mir kopftuchbewehrt entgegenkommt: Was willst du mir damit sagen? Dass du anders bist als ich? Dass du besser bist als ich? Dass meine Enkeltochter eines Tages auch so rumlaufen wird? Das habe ich mich vor fünfzehn oder zwanzig Jahren, als die Kopftücher eher selten waren, noch nicht gefragt. Dass die meisten Muslime friedlich sind, ist keine Garantie für ihre freiheitliche oder gar säkulare Gesinnung. Das beweisen Studien, Wahlergebnisse und fanatische Demonstrationen bei Auftritten von Erdogan in Deutschland. Ja, ich habe Angst vor dem reaktionären, frauenfeindlichen, nach weltlicher Macht strebenden und in unseren Alltag drängenden Islam. Aber warum ist das krank? Und warum ist das rechts? Warum bin ich rechts, wenn ich nicht glaube, dass die eineinhalb oder zwei Millionen (so genau weiß es ja keiner) jungen Männer, die in den letzten drei Jahren eingewandert sind, die herbeigesehnten Facharbeiter werden und Deutschlands demografisches Problem lösen, zumal Männer unter demografischem Aspekt vollkommen ohne Belang sind?

Ich würde gern Sebastian Kurz wählen

Oder nehmen wir die AfD. Ich sehe in ihr die logische Folge eines Parlaments ohne Opposition und einer sturen, als alternativlos propagierten Politik, deren Konsequenzen unabsehbar sind. Von Beginn an wurde diese Partei bekämpft, als sei sie der Gottseibeiuns, auch als es die aus heutiger Sicht „gute AfD“, die professorale Lucke-AfD, war. Warum ist es links, wenn einer Partei, die demokratisch legitimiert in dreizehn Landtagen und demnächst wahrscheinlich im Bundestag sitzt, Tagungsräume verweigert werden, wenn die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder gefährdet sind, ihre Wohnhäuser angegriffen, ihre Autos abgefackelt und sie selbst zusammengeschlagen werden? Und warum bin ich rechts, wenn ich das undemokratisch, dumm und brutal finde?

Wenn das alles rechts sein soll und gleichzeitig ein hysterischer Kampf gegen rechts geführt wird, wenn darum Meinung und Sprache zensiert, öffentliche Veranstaltungen und Diskussionen gewaltsam verhindert werden und wenn diese Kämpfer gegen rechts sich selbst als links bezeichnen, dann hat wirklich jemand am Meinungskompass gedreht und nicht ich habe die Seiten gewechselt.

Ich würde gern Sebastian Kurz wählen, was leider nicht möglich ist. Wenn ich mir für Deutschland etwas wünschen dürfte, dann würde ich Boris Palmer bitten, die Grünen endlich zu verlassen, eine eigene Bewegung zu gründen und seine Talente den achtzig Millionen Deutschen statt den nicht einmal hunderttausend Tübingern zu widmen. Er ist nicht so jung wie Emmanuel Macron und Sebastian Kurz, aber jung genug. Vor allem hat er seinen Verstand behalten, ist offenbar furchtlos und ein Kämpfer. Und von den deutschen Wählern würde ich hoffen, dass sie dann ihre Verzagtheit und ihr Misstrauen in den Wind schlagen und etwas Neues, Unbekanntes wagen.

Aber es ist ja schon Sommer und bis zum Herbst wenig Zeit, zu wenig für so viel Wagemut, und so bleibt es wohl noch einmal bei der Zumutung.

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Time am 1. Juli 2017

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1) http://www.achgut.com/artikel/merkel_ein_vampir_der_das_parlament_aussaugt

Eine Ideologie für faule Dummköpfe

29. Februar 2016

Köster

Vera Lengsfeld hat sich anhand eines Buches von Barbara Köster in drei Teilen mit der Frage auseinandergesetzt, „warum sich Muslime nicht integrieren können.“ Lesen Sie hier alle drei Teile im Zusammenhang.

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Warum sich Muslime nicht integrieren können, erster Teil (1)

Seit der merkelschen Grenzöffnung sind über eine Millionen Muslime nach Deutschland gekommen. Täglich werden es mehr. Wenn ich diesen Text zu Ende geschrieben habe, werden weitere hunderte Muslime angekommen sein. Inzwischen wird uns „Integration“ als Allheilmittel für die bereits bestehenden und sich ständig verschärfenden Probleme mit der ungeregelten Zuwanderung angepriesen. Grüne Politikerinnen wie Claudia Roth wollen gar den „Integrationsturbo“ anwerfen. Frau Göring-Eckardt behauptet, in den Flüchtlingsunterkünften würden „unsere Regeln des Zusammenlebens gelten“. Beide haben wieder einmal keine Ahnung, wovon sie sprechen. In unseren Flüchtlingsunterkünften werden Christen und Frauen gnadenlos schikaniert. Wer wissen will, was uns bevorsteht, wenn wir nicht schnellstens umsteuern, sollte sich mit den Verhältnissen dort vertraut machen. Was die Illusionen über die Integration von Millionen Muslimen angeht, sollten sich alle verantwortlichen Politiker, Journalisten, Willkommenskulturalisten et tutti quanti über den Koran und den Isalm kundig machen. Ich kann dafür ein hervorragendes Buch empfehlen, geschrieben von Barbara Köster: „Der missverstandene Koran. Warum der Islam neu begründet werden muss“ (2).

Barbara Köster hat kein wissenschaftliches Buch geschrieben, sondern ein allgemeinverständliches, gut lesbares, das dennoch allen wissenschaftlichen Anforderungen genügen dürfte. Wer es, wie ich, gelesen hat, versteht vieles von dem, was sich vor unseren Augen abspielt, besser.

Jeder, der schon mal versucht hat, den Koran zu lesen, weiß, dass er eine schwer verständliche Lektüre ist. Die Suren, nach Länge geordnet, stehen oft ohne inhaltlichen Zusammenhang nebeneinander. Manches hat den Anschein, als sei es an den Haaren herbeigezogen. Warum das so ist, dafür liefert Köster gleich am Anfang ihres Buches die Erklärung: Der Koran, dies ist ihre wichtigste These, wurde nicht in Arabisch, sondern in Aramäisch verfasst und hat bis heute eine aramäische Gestalt behalten. Manche seiner Sätze werden erst verständlich, wenn man die aramäische Bedeutung vieler Wörter zugrunde legt. Kösters These, die von wichtigen Islamforschern vertreten und belegt wird, ist in den Augen der islamischen Gelehrten pure Häresie. Es gibt kaum sprachwissenschaftliche Forschungen, was den Koran betrifft, auch nicht in der westlichen Islamwissenschaft.

Der Westen hat inzwischen den Islam in seiner unangenehmsten Form, dem Dschihadismus, kennengelernt. Das heißt, es ist höchste Zeit herauszufinden, was dieser Terrorismus mit dem Islam zu tun hat. Denn der Islam, so Köster, „gewinnt immer mehr Bedeutung für die Gestaltung unseres Zusammenlebens“. Der Islam ist anders als das westliche Christentum eine Gesetzesreligion, in der das Tun wichtiger ist als der Glaube.

Da Tun immer wirksamer ist als Glauben, könnten sich die westlichen Gesellschaften stark verändern. „Tun und Verhalten hat immer Folgen für andere. Die islamische Praxis … fordert soziale Strukturen. Das Gerüst des Islams sind Rechts- und Verhaltensnormen“. Kein gläubiger Muslim kann davon absehen, also kann es keine wirkliche Ökumene geben, wie sich unsere Willkommens-Pfarrer vormachen und keine Akzeptanz nichtmuslimischer Werte, die allenfalls geduldet werden können.

Unter unseren Augen entwickeln muslimische Gesellschaften eine islamische Prägung. Auf Druck von islamischen Organisationen verändert sich das Straßenbild, das Fernsehprogramm, die Rechtssprechung und die Lehre in Schulen und Universitäten. Das kann man mittlerweile auch bei uns schon beobachten.

Islam wird immer mehr zur öffentlichen Angelegenheit. Islamische Verbände erheben regelmäßig immer neue Forderungen. SPD-Innenminister Jäger hat schon laut darüber nachgedacht, die Scharia unter bestimmten Voraussetzungen zu akzeptieren. Sparkassen stellen statt Sparschweinen lieber Dukatenesel auf. Es gibt bei deutschen Fluggesellschaften schon Filme mit arabischen Untertiteln. Ein besonders eifriger Professor forderte sogar die Einführung von Arabisch als Pflichtfach in den Schulen. Womit er auch seine völlige Ahnungslosigkeit demonstrierte. Denn Hocharabisch ist, wie Köster treffend formuliert, eine Art Esperanto der Gebildeten, es wird vom Volk, das in dutzenden verschiedenen Dialekten spricht, kaum oder gar nicht verstanden. Der Standpunkt liberaler Muslime, das Wichtigste sei der Glaube, das Gesetz sei nicht entscheidend, scheint im Abnehmen zu sein.

Weiter steht dem westlichen Individualismus eine Religion gegenüber, für die Gemeinschaftsbildung unverzichtbar und „Individualist“ ein Schimpfwort ist. Muslime sind im hohen Masse konformistisch. Die westliche Haltung, das Religionszugehörigkeit, oder Verzicht auf Religion als Teil der Individualität eines Menschen betrachtet wird und nicht als Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, wird von Muslimen nicht verstanden.

Muslime werden immer versuchen, die vorgefundenen Verhältnisse im Sinne ihrer religiösen Vorschriften zu verändern. Sie sind zum Teil damit weit gekommen. In Frankreich, so Köster, verlangen Muslime separate Toiletten und Waschräume in Kindergärten und Schulen, damit ihr Nachwuchs dort nicht mit den „unreinen“ Kindern in Berührung kommt. In Großbritannien wurden bereits die Toiletten in den Gefängnissen umgebaut, damit Muslime beim Pinkeln nicht in Richtung Mekka zielen.

Woher kommen alle diese „religiösen Regeln“? Aus dem Koran, ist die gängige Antwort. Und der Koran? Von Gott! Oder von Mohammed, wie viele Nichtmuslime glauben. Da ist es interessant zu wissen, was es mit Mohammed auf sich hat. „Einige Wissenschaftler … kommen zu dem Ergebnis, dass die überragend geglaubte Zuverlässigkeit der islamischen schriftlichen Überlieferung nicht mehr sicher ist, ebenfalls nicht mehr sicher ist das Verständnis des Korans. Es geht nicht mehr um eine Neuauslegung des Korantextes, sondern um eine teilweise Neuschreibung.

Die Ergebnisse können überraschend sein. So hat sich bereits herumgesprochen, dass die den Gotteskriegern im Falle eines Selbstmordattentates versprochenen Huris keinesfalls Jungfrauen, sondern weiße Weintrauben sind, ein persisches Symbol für paradiesische Zustände. Auch die älteste Erwähnung von Islam und Mohammed am Felsendom von Jerusalem hat nichts mit dem Islam und Mohammed zu tun, wie ich später noch ausführen werde.

Traditionelle muslimische Gelehrte ahnten das schon immer. Sie lehnten deshalb Quellen außerhalb des eigenen Schrifttums ab. „Inschriften auf Münzen, Stelen und Gebäuden oder Ausgrabungen von zivilen und militärischen Anlagen werden … ignoriert“.

Sprachforschung und Archäologie sind die geborenen Feinde des Islamismus. Wenn man das weiß, erkennt man, aus welchem Grund der IS seine barbarischen Zerstörungen antiker Stätten betreibt. Ihre Existenz bedeutet eine Bedrohung der reinen Lehre.

„Die westliche Islamwissenschaft tut es den muslimischen Gelehrten größtenteils gleich. Sie meint auch, die arabische Geschichte allein aus den schriftlichen Quellen der Muslime ergründen zu können.“ Wenn die Ergebnisse archäologischer Forschungen nicht mit den muslimischen Überlieferungen in Übereinstimmung zu bringen waren, wurden sie auch von den westlichen Islamwissenschaftlern ignoriert.

Aber gerade die sprachwissenschaftlichen und archäologischen Forschungen sind es, die ein völlig neues Licht auf die religiösen Regeln der Muslime werfen. Daher ist unvoreingenommene Forschung eine wichtige Voraussetzung für die Neubergründung des Islam.

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Warum sich Muslime nicht integrieren können, zweiter Teil (3)

Nach den Ereignissen in Clausnitz, so kommentierte ein Achse-Leser, solle man solche Artikel über die Muslime nicht verfassen. Warum eigentlich nicht? Wenn der Islam ein Teil von Deutschland sein soll, wie die Kanzlerin uns diktiert, ist es unabdingbar, sich mit dieser Religion und ihren Folgen für unser Zusammenleben zu befassen. Nur was man kennt, kann man verstehen.

Der Islam steht und fällt mit der Person seines Propheten Mohammed. Ist er eine historische Figur, oder eine Legende? Die Personalisierung seiner religiösen Lehren und Regeln wird deutlich in der Sunna. Sunna heißt Brauch, Tradition. Sie ist das Gegenteil von bid´a, Neuerung, die im Islam negativ konnotiert wird. Obwohl der Islam selbst eine Neuerung war, soll es aber endgültig die letzte sein. Mit dem Islam ist die Geschichte vollendet. Das Verbot von Neuerungen schützt das bisher Gedachte und Gelebte. Es ist gleichzeitig eine Barriere gegen neue Erkenntnisse. Bis heute sind die Texte des Islam noch längst nicht mit derselben Gründlichkeit überprüft, wie die des Christentums. Es gibt nicht mal ansatzweise eine wissenschaftliche Auseinandersetzung.

Mohammed ist die Projektionsfläche für alle Nachgeborenen, die Basis – al quaida – für politische Strategien und Entscheidungen. „Was bedeutet es für den Einzelnen und die Gesellschaft als Ganzes, wenn ein Charakter wie Mohammed für vollkommen gehalten wird und als Vorbild gilt?“. Dieser Frage geht Barbara Köster in ihrem Buch „Der missverstandene Koran. Warum der Islam neu begründet werden muss“ nach.

Dabei fasst Köster die Ergebnisse unabhängiger Islam-Forscher der letzten hundert Jahre so zusammen: Das Leben des Propheten ist ein Produkt dichterischer Freiheit. Mekka und Medina gab es zu Mohammeds Zeiten in der behaupteten Form nicht. Die Auswanderung von Mekka nach Medina hat nicht stattgefunden. Die vier rechtgeleiteten Kalifen hat es nicht gegeben. Es gab keine arabischen Eroberungen unter dem Banner des Islam. Nicht die arabische Halbinsel ist die Wiege des Islam, sondern Palästina. Der Islam hat viele Elemente des Urchristentum und der persischen Mythologie übernommen. Das alles erhärtet den Verdacht, dass die Person Mohammeds nur auf einer Legende beruht. Wer es genauer wissen will, muss Kösters Buch lesen, wo es jede Menge Belege für diese Thesen gibt.

Besonders interessant fand ich die Sache mit den Eroberungen. Archäologische Ausgrabungen lassen den Schluss zu, dass Byzanz schon vor dem Jahr 500 begonnen hatte, sich militärisch aus Syrien zurückzuziehen. Die Befestigungen zur Südgrenze nach Arabien wurden aufgegeben. Durch die offene Grenze strömten um 490 Araber ins Land. Sie wurden erst Bündnispartner von Byzanz, später die Herrscher des Landes.

Berichte von Zeitgenossen aus dem 7. Jahrhundert geben keinen Hinweis darauf, dass die Machtübernahme der Araber durch einen organisierten Feldzug stattgefunden hätte. Den Christen in Syrien und Palästina wurde erst nachträglich bewusst, dass sie Zeuge der Entstehung eines arabischen Reiches geworden waren.

Es gibt im 7. Jahrhundert auch keine von Muslimen verfassten Bücher, außer (angeblich) dem Koran.

Wie sieht es mit der Inschrift auf dem Felsendom aus? Sie ist, kurz gesagt, ein christlich-häretisches Bekenntnis, das die Trinität ablehnt. Das Wort islam am Felsendom in Jerusalem stammt aus dem Jahr 692. Der Satz, in dem islam vorkommt, ging später, wie viele andere Sätze der Inschrift, in den Koran ein, allerdings erst in die Endfassung. Der Stil des Felsendoms ist ungewöhnlich für ein islamisches Bauwerk. Es ist ein Zentrum, das Gebete aus allen Richtungen empfängt. Er ist ein Schrein für den Felsen auf dem Zionsberg, auf dem Abraham seinen Sohn zu opfern bereit war. Hierher sollte Jesus zurückkehren, um den Menschen Frieden zu bringen. Kirchen und Synagogen sind heute noch auf Jerusalem ausgerichtet. Selbst die Muslime wandten sich im Gebet gen Jerusalem, bis Mohammed die Richtung Mekka befahl.

Die Beweisführung, warum es sich bei Islam und Muhammad nicht um Eigennamen, sondern Verben handelt, muss man bei Köster nachlesen. Das Ganze ist eine Lobpreisung – und zwar eine Lobpreisung Jesus. Das mag heute neu, revolutionär, oder gar ketzerisch klingen. Tatsächlich war schon Nikolaus von Kues der Meinung, der Islam sei eine weitere christliche Irrlehre. Auch der Islamforscher Aloys Sprenger war 1869 zu dem Schluss gekommen, muhammad sei ein theologisches Prädikat und kein Name, auch wenn er es auf einen arabischen Propheten bezog. Funde historischer Münzen mit der Aufschrift MHMT, die mittelpersische Form von muhammad, bestätigen, dass der Begriff nicht von der arabischen Halbinsel stammt.

Wie sieht es mit Mohammed im Koran aus? Dort kommt das Wort, gemessen an der Bedeutung des Propheten, „erstaunlich selten“ vor. Insgesamt viermal. Dagegen das Wort Prophet ohne Namensnennung 43, der Begriff „Gesandter Gottes“ ohne Namenszusatz mehr als 300 Mal. In der Sure 48:29 heißt es: Muhammad(un)rasulu ilha, was allgemein übersetzt wird „Mohammed ist der Gesandte Gottes“, aber auch heißen kann: „Zu loben ist der Gesandte Gottes“. Was wirklich im Koran steht, wird man erst wissen, wenn er unter Heranziehung der Bedeutung vieler aramäischer Wörter neu übersetzt wird.

Wie entscheidend eine solche Übersetzung ist, zeigt das Motto „Lies!“, unter dem Salafisten auf unseren Straßen Umsonst-Korane verteilen. Das Motto entstammt der Sure 96, das ist die erste Offenbarung, die Mohammed erhalten haben soll. Sie beginnt mit dem Wort iqra, das als „lies“ verstanden wird. Mohammed konnte aber nicht lesen. Er war Analphabet. Unter Berücksichtigung des aramäischen Bedeutungsgehalts von iqra, lautet die Zeile „Rufe den Namen deines Herren“ und wäre damit ein Satz, der viel älter ist, als der Islam.

Welche Auswirkungen Mohammeds Analphabetismus als kulturelles Vorbild bis heute hat, davon wird im letzten Beitrag die Rede sein.

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Warum sich Muslime nicht integrieren können, dritter Teil (4)

Im dritten Teil meiner Rezension von Barbara Kösters Buch „Der missverstandene Koran. Warum der Islam neu begründet werden muss“, beschäftige ich mich mit den praktischen Folgen der Entscheidung, einen analphabetischen Propheten zum Vorbild zu machen. Da Mohammed nicht lesen und schreiben konnte, scheinen viele seiner Anhänger es nicht wichtig zu finden, es zu können. Der weit verbreitete Analphabetismus in den islamischen Ländern und die überdurchschnittlich hohe Schulabbrecherquote bei den im Westen lebenden Muslimen, könnte als eine besondere Form der Nachahmung und Nachfolge Mohammeds gedeutet werden.

Im Gegensatz zum Judentum, wo das Studium der Schrift zur Alphabetisierung der Gläubigen geführt und zugleich die Fähigkeit zum Disputieren entwickelt hat, gab es keine vergleichbare Entwicklung bei den Muslimen. Hier wird die Energie auf das Auswendiglernen gerichtet. „Wer den Koran auswendig kann, erhält den Beinamen hafiz und gilt als gelehrt. Repetieren als vorherrschende Kulturtechnik aber lässt Gesellschaften stagnieren … Entwicklung ist nur möglich, wenn zugelassen wird, den Geist frei schweifen zu lassen und das Neue zu denken.“ Das Verbot der bida`a in der islamischen Theologie verhindert auch den gesellschaftlichen Fortschritt.

Köster macht auf einen weiteren Umstand aufmerksam: Der Koran muss immer im Original rezitiert werden. Die Zahl der arabophonen Muslime ist aber in der Minderheit. Die meisten Muslime leben in Indonesien, Indien, Pakistan, dem Iran und der Türkei, mit ihren jeweiligen Muttersprachen. Für die Kinder in den Koranschulen ist es so, als ob, wie Köster es formuliert, Finnen oder Italienern ohne Deutschkenntnisse die mittelhochdeutsche Fassung des Niebelungenliedes zum Auswendiglernen gegeben wird. Viele gebildete Muslime haben erstmals verstanden, was im Koran steht, als sie ihn in englischer Übersetzung gelesen haben. Übersetzungen ins Englische sind leichter zu bekommen, als ins Persische, Urdu oder Bengali. Es scheint so zu sein, dass durch den frühkindlichen Drill mit einen unverständlichen Text nicht nur kindliche Neugier und Begeisterung einen Dämpfer erhalten, sondern auch die Freude am Lernen beeinträchtigt wird.

Ein Beispiel dafür, dass im Koran etwas anderes steht, als geglaubt wird, ist das Kopftuch. In der Sure 24:31 steht: „Sie sollen ihren Schal über den Schlitz (Halsausschnitt) ihres Kleides ziehen.“ Sie sollen also ihr Dekolleté, nicht ihren Kopf, bedecken, d.h. die religiöse Pflicht, sich mit einem Kopftuch zu bedecken, gibt es im Koran nicht. Wenn man Fotos aus arabischen Ländern der sechziger und siebziger Jahre sieht, dominieren westliche Kleidung, Miniröcke und offene Haare das Straßenbild. Auch in Europa ist das Kopftuch erst ab den neunziger Jahren in immer stärkerem Masse zu sehen. Es ist das Zeichen des Abgrenzungsprozesses muslimischer Subkulturen in Europa, der immer mehr Fahrt aufnimmt.

„Das Kopftuch signalisiert in besonderer Weise die eingeschränkte Ansprechbarkeit. Die Frau, die es trägt, signalisiert damit Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe und weist tendenziell die anderen ab … Ironischerweise ist die Kleidung, die die Frau unsichtbar machen soll, besonders auffällig. Im westlichen Kontext ist die islamische Kleidung dysfunktional. Das Festhalten, (oder sollte man sagen, das Wiederaufnehmen?) dieser Tradition hat somit nur den Sinn, Distanz aufzubauen, Exklusivität herzustellen und Kommunikation zu verweigern. Die Unterbrechung des Kommunikationsflusses in einer Gesellschaft markiert den Anfang vom Ende der kulturellen Entwicklung. Stagnation wäre die Folge, Stagnation, die in der islamischen Welt seit Jahrhunderten herrscht.“Beugt sich der Westen den Denk- und Diskussionsverboten seiner muslimischen Mitbürger, wird er selbst bald in Stagnation verfallen.

Eine Schlüsselrolle bei dieser Auseinandersetzung spielt der „Respekt“, der immer wieder für den Islam eingefordert wird.

Ein Mensch mit seinen religiösen, oder eben atheistischen Anschauungen verdient Respekt, nicht aber die von ihm vertretene Religion oder Weltanschauung. Religionen und Weltanschauungen dürfen selbstverständlich kritisch beleuchtet werden. Das gilt insbesondere für eine Religion, die eine Gefahr für Nicht- oder Andersgläubige darstellen könnte.

Der Koran ist voll von „ätzenden Schmähungen, ausgreifenden Rundumschlägen und stereotypen Wiederholungen immer gleicher Beschuldigungen des Unglaubens.“

Problematisch ist, dass der Koran keine Unterscheidung macht zwischen der Lehre und der Person, er bekämpft also nicht nur den Unglauben, sondern die Ungläubigen.Auch gibt es die Auffassung, dass jedes Territorium, das von Muslimen bewohnt wird, unter islamischem Recht steht und der Zugang von Andersgläubigen reglementiert werden muss. Inzwischen gibt es in Europa immer mehr Gebiete, wo die Scharia Anwendung findet. Die Forderung französischer Muslime, getrennte Toiletten für ihren Nachwuchs in Schulen und Kindergärten zu bekommen, zeigt, dass nicht nur bestimmte Speisen als „unrein“ empfunden werden, sondern auch Menschen. Wo aber „Unreinheit“ gedacht wird, ist die Konsequenz Säuberung nicht fern.

Es ist ein entscheidender Unterschied, ob man nur Speisen, oder auch Menschen als unrein empfindet, ob man eine Lehre bekämpft, oder ihre Anhänger. Wer den Islamismus bekämpfen will, muss auch einen kritischen Blick auf die Religion werfen, auf die sich die Gotteskrieger beziehen. Die Formel der Islamismus hätte nichts mit dem Islam zu tun, wird durch immer häufiger werdende Wiederholung nicht richtiger.

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Time am 29. Februar 2016

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1) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/warum_sich_muslime_nicht_integrieren_koennen
2) http://www.amazon.de/missverstandene-Koran-Warum-begr%C3%BCndet-werden/dp/3899303121/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1456769530&sr=8-1&keywords=Der+missverstandene+Koran.+Warum+der+Islam+neu+begr%C3%BCndet+werden+muss
3) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/warum_sich_muslime_nicht_integrieren_koennen_2
4) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/warum_sich_muslime_nicht_integrieren_koennen_3

Er ist nicht reformierbar

11. Januar 2016

Muhamad

Samuel Schirmbeck machte sich bei „FAZ.NET“ heute Gedanken über das mohammedanistische Frauenbild und die vermeintliche Radikalisierung des Nazislahm (1), ohne zu realisieren, dass Klo H. Metzel mitnichten ein friedfertiger Mystiker sondern (laut den mohammedanistischen Grundlagentexten) vielmehr ein kleinkarierter und sadistischer Gewaltherrscher und sexuell pervers war.

Er realisiert demzufolge auch nicht, dass die Grundlagentexte des Nazislahm die kranke Psyche seiner Begründer abbilden und keineswegs zu etwas anderem führen können als Bosheit und Verderben. Wer würde etwas anderes von Hitlers „Mein Kampf“ behaupten wollen?

Die „goldene“ Zeit vor unserer, als der Nazislahm nicht tollwütig mordete, kann allenfalls in der Zeit gesehen werden, in der er durch den westlichen Imperialismus und Kolonialismus in Schach gehalten wurde. Zu allen anderen Zeiten war er eine gigantische Mordmaschine.

Der Nazislahm ist nicht reformierbar.

Er muss dekonstruiert werden.

Vollständig!

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Muslimisches Frauenbild

Sie hassen uns

Die giftige Mischung aus nordafrikanisch-arabischer Kultur und Religion, die sich in der Kölner Silvesternacht Bahn brach, wird in Deutschland noch immer beschönigt oder beschwiegen. Islamkritik ist überfällig.

Was in der Silvesternacht in Köln passierte, passiert jetzt, in diesem Moment und wie selbstverständlich, am helllichten Tag hunderttausendfach in Nordafrika und in der arabischen Welt: Frauen werden sexuell belästigt, gedemütigt und, so sie es wagen, sich den Übergriffen zu widersetzen, als „Schlampen“ oder „Huren“ beschimpft.

Die ägyptische Schriftstellerin und Feministin Mona Eltahawy hat dieses Phänomen und seine Ursachen am 2. Mai 2012 in der französischen Zeitung „Le Monde“ beschrieben: „Ja: sie (die Männer der arabischen Welt) hassen uns. Es muss endlich gesagt werden . . . Die Frauen der ganzen Welt haben Probleme; stimmt, die Vereinigten Staaten haben noch keine Frau zur Präsidentin gewählt; und richtig, in vielen ,westlichen‘ Ländern (ich lebe in einem von ihnen) werden Frauen weiterhin wie Objekte behandelt. Das ist im Allgemeinen der Punkt, an dem das Gespräch beendet wird, wenn Sie versuchen, über die Gründe zu diskutieren, aus denen die arabischen Gesellschaften die Frauen hassen… Nennen Sie mir den Namen arabischer Länder, und ich werde Ihnen eine Litanei an Beispielen für den schlimmen Umgang – er ist tausendmal schlimmer, als Sie denken – mit Frauen rezitieren, der von einer giftigen Mischung aus Kultur und Religion angefacht wird, mit der sich anscheinend nur wenige auseinandersetzen wollen, aus Angst, der Blasphemie beschuldigt zu werden oder zu schockieren.“

Der Gewaltausbruch von Köln war jedoch derart heftig, dass sich die „giftige Mischung aus Kultur und Religion“, die Mona Eltahawy in ihrem Buch „Foulards et Hymens. Pourquoi le Moyen Orient doit faire sa révolution sexuelle“ („Schleier und Jungfernhäutchen. Warum es im Nahen Osten eine sexuelle Revolution geben muss“) detailliert darlegt, nicht länger leugnen oder verdrängen lässt, auch wenn das von linker und muslimischer Seite auch jetzt wieder versucht wird. So sprach die „taz“ angesichts der Empörung über die Übergriffe von der „Reproduktion des rassistischen Bildes der unschuldigen weißen Frau, die vor dem aggressiven muslimischen Mann geschützt werden muss“.

Es war allerdings eine nicht „weiß“, sondern asiatisch aussehende junge Frau, die ausführlich schilderte, wie sie von Dutzenden Händen überall begrabscht wurde: „Ich fand, sie (die Männer) hatten nicht den Eindruck, dass sie was Falsches tun.“ Bei Mona Eltahawy könnte die „taz“ erfahren, warum die jungen Muslime kein Unrechtsbewusstsein zu haben schienen.

Frauen können sich nicht entziehen

Doch ist zu befürchten, dass auch sie, obwohl Muslimin und Ägypterin, dann als „rassistisch“ eingestuft würde. Schon warnte der Beauftragte der türkischen Religionsbehörde (Ditib) für interreligiösen Dialog in Deutschland, Bekir Alboga, vor einer „Kulturalisierung von Verbrechen“, und die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor befand: „Beim Oktoberfest in München und beim Kölner Karneval kommt es gehäuft vor, dass stark alkoholisierte Männer Frauen sexuell bedrängen und belästigen. Das wird dann gern als Kollateralschaden dieser Veranstaltungen abgetan. Es gibt keinen Unterschied zwischen der einen sexuellen Gewalt und der anderen.“

Wirklich nicht? Der Unterschied liegt darin, dass die sexuelle Gewalt in Nordafrika und im Nahen Osten zum Alltag gehört und dass in dieser Hinsicht dort permanent „Oktoberfest“ und „Karneval“ ist, denen sich keine Frau entziehen kann, indem sie diese Veranstaltungen meidet. Die Gewalt beginnt vor der Haustür auf der Straße. Nawel, eine algerische Mitarbeiterin, berichtete mir von regelmäßigen Übergriffen im Bus. Obwohl sie eigentlich die Verschleierung ablehnte, verhüllte sie sich für die Fahrt mit einem Hijab (Kopftuch). Das hielt Männer im Gedränge nicht davon ab, sich durch Reibung an Nawels Körper Befriedigung zu verschaffen.

Rachida, eine marokkanische Mitarbeiterin, musste ich eines Tages von meinem Grundstückswächter per Fahrrad abholen und heimbringen lassen. Sie hatte beschlossen, die Djellaba (langes Gewand) abzulegen, und war daraufhin von jungen Männern mit Messern verfolgt worden. Nun wurde sie, mit wippendem Haar und in Jeans auf der Fahrradstange sitzend, an ihren Peinigern vorbeigefahren.

Todesdrohungen der Fundamentalisten

Sexuelle Übergriffe sind in islamischen Ländern die Regel und nicht Ausnahmen. Eine Muslimin kann in Deutschland den Bus nehmen, ohne befürchten zu müssen, begrabscht zu werden, eine Europäerin in Nordafrika kann das nicht. Davon konnte ich mich während meines zehnjährigen Aufenthaltes in Algerien und Marokko überzeugen. Eine Muslimin kann in Deutschland auf den Markt gehen, ohne plötzlich Männerhände am Hintern zu spüren, eine Europäerin kann das in Nordafrika nicht. Westliche Frauen gelten bei vielen jungen Nordafrikanern als halbe Huren, weil „sie es ja schon vor der Ehe mit vielen Männern tun“. Selbst wenn sie mit ihrem siebenjährigen Sohn an der Hand – als Mutter sozusagen eine „heilige Kuh“ – weitab von allen Menschenmengen einen Spaziergang über eine Wiese machen sollte, dauert es nicht lange, bis junge Männer auftauchen, sich an sie drängen, nicht von ihr ablassen und ihr vulgäre Worte ins Ohr raunen. Die islamische Grundeinteilung der Welt in „Gläubige“ und „Ungläubige“ ermutigt den Übergriff auf „westliche“, gleich „ungläubige“ Frauen. Da hilft nur schnellste Umkehr und Verzicht auf jeden weiteren Spaziergang.

In den zehn Jahren Nordafrika habe ich zugleich viele Musliminnen und Muslime kennengelernt, die diese Sicht auf die „westliche“ Frau abscheulich fanden. Sie hielten großen Abstand zu den Predigern, die die Welt auf letztlich menschenfeindliche Art in „Gläubige“ und „Ungläubige“ einteilten, setzten sich für eine humane, weltoffene Auslegung des Korans ein, schrieben mutig und ungeschützt gegen religiösen Obskurantismus und legten sich mit den mächtigsten Männern ihrer diktatorischen Staaten an, Frauen und Männer, Intellektuelle, Künstler, aber auch unzählige sogenannte „einfache Leute“. Nicht zuletzt ihretwegen blieb ich trotz Todesdrohungen seitens der Fundamentalisten in Algier. Das Problem ist aber, dass die meisten maßgeblichen Islam-Instanzen in den muslimischen wie den nicht-muslimischen Ländern den theologischen Diskurs darüber verweigern, wie man die fatale „Gläubig/Ungläubig“-Dichotomie überwinden und das Verhalten undogmatischer Muslime in den Islam integrieren könnte. Auch die Wortführer der muslimischen Verbände sollten über diese „Ausgrenzung“ von Muslimen endlich offen diskutieren.

Meine Freunde und Gesprächspartner in Nordafrika riskierten so viel mehr, als es meine politischen Weggefährten aus der 68er-Zeit jemals riskiert hatten: Ermordung, Folter, Gefängnis. Man erinnere sich an den Oktoberaufstand von 1988, die erste und hierzulande kaum zur Kenntnis genommene Arabellion, bei der Büros und Ministerien der algerischen Einheitspartei gestürmt und Polizeikommissariate attackiert wurden – ohne einen einzigen religiösen Slogan. Diese Leute haben meinen Blick auf Musliminnen und Muslime geprägt.

Muslimische Dissidenz wird als „islamophob“ verhöhnt

Um so schockierender fand ich nach meiner Rückkehr aus Nordafrika den Blick meiner alten Weggefährten sowie des linksliberalen Mainstreams einschließlich der SPD und der Grünen auf die muslimische Welt: Sie schienen keine Ahnung zu haben von dem, was dort vor sich ging, wie sehr Frauen dort unter religiösen Diktaten litten, nachdenkliche Menschen von Staat und Staatsislam gleichzeitig fertiggemacht wurden. Sie schienen völlig zu ignorieren, wie sehr Islam und Diktatur letztlich Hand in Hand arbeiteten, wenn es darum ging, ihre gemeinsamen Hauptfeinde zur Strecke zu bringen: die Demokratie, die Menschenrechte, die Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung.

Die muslimische Dissidenz à la Necla Kelek, Seyran Ates, Taslima Nasreen, Hirsi Ali et cetera wurde von Linken und Linksliberalen in Deutschland kaum ernst genommen, wenn nicht sogar verhöhnt oder als „islamophob“ diffamiert. Meinungsfreiheit und Demokratie, so war zu lesen, seien nicht unbedingt Lebensformen, nach denen sich die arabische Welt sehne. Das gesamte linke und linksliberale Spektrum baute jedoch eifrig an einem Multikulti-Schutzprotektorat für das Kopftuch samt dahinter steckendem Frauenbild, den Hass auf den „Westen“, die Verschonung des Islams vor jeder Kritik. In diesem intellekt- und kritikfeindlichen Dunst konnten die Parallelgesellschaften aufblühen. Dieses Nicht-wissen-Wollen war unfassbar.

Heute taucht diese Haltung im Zeichen der „Willkommenskultur“ und der „Der-Islam-gehört-zu-Deutschland“-Rhetorik wieder auf. Man erinnere sich nur an das Frohlocken der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt auf allen Fernsehkanälen über den höchstrichterlich ermöglichten Einzug des Lehrerinnen-Kopftuches in deutsche Klassenzimmer. Warum aber schreien Millionen fundamentalistisch gesinnter Männer von Pakistan über Afghanistan, Iran, Saudi-Arabien, Nigeria, Mali, Algerien und Marokko nach dem Kopftuch, warum ist das Kopftuch dort am häufigsten zu sehen, wo es am fundamentalistischsten zugeht?

Der Umgang mit Muslimen ist neurotisch

Es ist zu hoffen, dass die Kölner Ereignisse endlich dem Diskurs über „die Muslime“, die man nicht „beleidigen“ darf, ein Ende setzen, dass man hinter den „Muslimen“ – ein Begriff, den die Fundamentalisten zum Oberbegriff für alle Islam-Gläubigen gemacht haben, während man früher eher von Ägyptern, Algeriern, Marokkanern et cetera sprach – Menschen erkennt, die man behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte: als selbstverantwortlicher, lernfähiger, kritikoffener Erwachsener und nicht als Kleinkind, dem man sein Lieblingsspielzeug, in diesem Fall die Religion, nicht madig machen darf, weil es sonst aus Wut alles kurz und klein schlägt.

Das war bisher nicht der Fall. Der Umgang mit Muslimen war bisher eher neurotisch denn normal. Man sollte sich bei dieser Neuorientierung ein Beispiel an jenen muslimischen Intellektuellen in der arabischen Welt nehmen, die längst begriffen haben, dass Islamkritik nicht Angriff auf Muslime bedeutet, sondern Schutz vor seinen menschenverachtenden Auswüchsen, die sich gegen Frauen, Homosexuelle, eigenständig Denkende und sogenannte „Ungläubige“ richten, also auch gegen Millionen von Musliminnen und Muslimen.

Auch hier kann man sich ein Beispiel an muslimischen Schriftstellern wie Boualem Sansal, Abdellah Taia, Mona Eltahawy, Mohamed Choukri oder Kateb Yacine nehmen: „Haare aus glühendem brüchigen Eisen, auf dem die Sonne wirr sich häuft, wie eine Handvoll Wespen“ – dieser Satz aus „Nedschma“, dem weltberühmten Roman von Kateb Yacine, durfte einmal sein – vor den Kopftuch-Zeiten. Was für eine witzige, schöne, intelligente, zauberhafte muslimische Welt es selbst heute noch gibt und wieder neu geben könnte, würde der elende Entschuldigungsdiskurs für deren zerstörerische Geister endlich ein Ende finden! Warum sich nicht Mut anlesen oder auch auf Tareq Oubrou hören, den Imam der Moschee von Bordeaux? Der fordert Muslime auf, es einmal mit etwas „diskreter Sichtbarkeit“ religiöser Insignien, sprich dem Kopftuch, zu versuchen, um auf eine weniger religiöse europäische Öffentlichkeit Rücksicht zu nehmen, zumal das Kopftuch für den Glauben „nebensächlich“ sei.

Nazislahm

Männer nehmen sich aus dem Koran, was ihnen passt

Als ich einer marokkanischen Bekannten aus Rabat einmal die Kleinmarkthalle in Frankfurt zeigte, bemerkte sie zu meiner Überraschung: „Das ist der schönste Soukh, den ich je erlebt habe.“ „Unsere Kleinmarkthalle?“, erwiderte ich. „Ohne die Farben Marokkos, ohne das Karminrot und Safrangelb der Gewürzpyramiden?“ Ihre Antwort: „Ohne das Blau von Ellenbogen, die sich Ihnen ganz zufällig derart in die Brust rammen, dass Sie vor Schmerz aufschreien könnten. Ohne das Grün von Kniffen und Griffen sonst wohin. Stimmt, diese Farben Marokkos hat Ihre Kleinmarkthalle nicht.“

„In der Kleinmarkthalle haben die Frauen das Sagen und nicht der Koran“, entfuhr es mir. „Pardon, ich wollte den Koran nicht beleidigen. Ich weiß, dass im Koran steht, dass auch die Männer ihre Augen niederschlagen sollen, wenn sie einer Frau begegnen, und nicht nur die Frauen, wenn sie Männern begegnen.“ „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, erwiderte die Bekannte, „denn der Koran wird schon ewig von Männern ausgelegt. Die nehmen sich, was ihnen passt.“ Zum Beispiel Sure vier, Vers 34: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie ausgezeichnet hat.“ Oder Sure zwei, Vers 228: „Die Männer stehen eine Stufe über ihnen. Gott ist mächtig und weise.“ Oder Sure zwei, Vers 223: „Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. Geht zu eurem Saatfeld, wo immer ihr wollt…“ Das sitzt. Das gilt zwar nur für das, pardon, „Besäen“ von Ehefrauen, ist aber längst auf die unverheirateten Männer übergeschwappt, die es jeden Tag auch zum „Säen“ drängt, weil sie arm sind und ihnen das nötige Geld zum Heiraten fehlt. „Nicht meine Schuld, sagen die sich und gehen sich ihr täglich Stück Frau grabschen.“

„Klingt nicht gut“, sagte ich. „Was sollen junge Leute machen?“, fuhr die Besucherin aus Rabat fort, „Sex vor der Ehe ist bei uns gesetzlich verboten, denn er gilt im Islam als Unzucht. Einer unserer religiösen Scheichs hat neulich sogar öffentlich gezeigt, dass er sich des Problems bewusst ist. Scheich Abdelbari Zamzani hat per Fatwa den unverheirateten Marokkanerinnen die Karotte empfohlen! Als er daraufhin verspottet wurde, konnte er das nicht verstehen, er habe doch als Feminist gesprochen. Obendrein hat Zamzani sogar die Hymen-Reparatur erlaubt – nach einem Unfall! Wissen Sie, es ist dieser Mischmasch aus religiösen Geboten und heutiger Lebenswirklichkeit, der bei den Männern zu permanentem sexuellen Notstand führt – von den Frauen redet dabei übrigens niemand.“

Frauen mit kurzen Röcken werden als „Schlampen“ beschimpft

In den zehn Jahren meines Aufenthaltes in Nordafrika und auch bei den späteren Besuchen dort habe ich nicht eine einzige Frau getroffen, die nicht von sexuellen Belästigungen zu berichten gewusst hätte. Mit der zunehmenden Islamisierung Algeriens und Marokkos kann schon das Tragen eines Rockes zu Übergriffen führen. So geschehen in Inezgane bei Agadir: Im Juni 2015, einen Tag vor Beginn des Ramadans, gingen zwei junge Marokkanerinnen namens Sanaa und Siham im Soukh von Inezgane einkaufen. Die beiden Frauen trugen Röcke, die etwas oberhalb der Knie endeten. Als ein Händler die beiden erblickte, bemerkte er zu den Umstehenden, diese Art der Kleidung verletze das Schamgefühl aller Marokkaner, worauf sich sogleich eine Menschenmenge um die beiden Frauen scharte, sie als Schlampen beschimpfte, junge Männer sich an die beiden Mädchen drängten, sie anfassten und vulgäre Gesten machten.

Die von einem anderen Händler zum Schutz der Frauen herbeigerufenen Polizisten fanden die Kleidung Sanaas und Sihams gleichfalls schamlos. Sie nahmen die beiden Frauen fest und überstellten sie am nächsten Morgen dem Staatsanwalt. Im selben Soukh wurden wenige Tage später zwei für homosexuell gehaltene Männer zusammengeschlagen und gleichfalls festgenommen. Kein Ulema protestierte im einen wie im anderen Fall, während im Touristenort Agadir Schilder mit der Aufschrift „Respect Ramadan. No Bikinis“ auftauchten, um Marokkanerinnen und Ausländerinnen daran zu hindern, sich am Strand zu bräunen.

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun schrieb Anfang August 2015 zu diesen Vorfällen: „Es wird Zeit, dass die Regierung auf diese neue Diktatur der Ignoranz, der Frustration und der Dummheit reagiert. Letzte Woche haben mit Säbeln und Dolchen bewaffnete Halunken am Strand von Tanger Jagd auf unverschleiert Badende gemacht. Vorsicht, das fängt mit einer Belästigung dieser Art an und endet mit einer Bombe in einem Schwimmbad oder in einem Café. Die Sicherheitsdienste müssen dieses gefährliche Treiben absolut ernst nehmen und die Sicherheit und Freiheit des Individuums garantieren, ob Mann oder Frau.“ Einen Monat zuvor hatte es das mörderische Attentat am Strand von Sousse in Tunesien gegeben, der Salafisten als „Bordell“ gilt.

Die Linke muss sich ändern

Gegen diese Entwicklung eines außer Rand und Band geratenen Islams, dessen Schizophrenie sich diesmal vor dem Kölner Hauptbahnhof ausgetobt hat, gibt es nur ein Mittel, soll die Entwicklung nicht in Richtung Regression weitergehen: Der Islam muss die gleiche Kritik aushalten lernen, wie das Christentum sie hat aushalten müssen. Doch die hiesige seriöse Islamkritik besteht bisher aus einer Handvoll Frauen und Männern, die von den Islamverbänden als „islamophob“ abgelehnt werden. Das muss sich ändern.

Ebenso muss der Resonanzboden für die liebedienerische Haltung des hiesigen linken Spektrums gegenüber jedwedem Obskurantismus verschwinden, sobald dieser nur das Etikett „muslimisch“ trägt. Diese Liebedienerei ist zwar verständlich, teilt die fundamentalistisch-muslimische Welt doch die anti-amerikanische, antiwestliche und antiisraelische Aggressivität, die das Lebenselixier der deutschen Linken ausmacht. Sie ist gemeingefährlich, weil sie in ihrer Verbundenheit mit dem fundamentalistisch festgefahrenen Islam unbesehen jenes „Ungeheuer“ in Kauf nimmt, das der muslimische Philosoph Abdennour Bidar sich aus diesem entwickeln sieht.

Seit fünfzehn Jahren drischt die deutsche Linke auf muslimische Aufklärerinnen und Aufklärer ein, beschuldigt sie, Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten zu liefern. Wasser auf deren Mühlen aber liefert vor allem das Blut der Opfer des „Ungeheuers“, das muslimische Freunde verzweifelt bekämpfen, ohne dass die europäische Linke begriffe, was auf dem Spiel steht, auch für Nichtmuslime. Hauptsache, es geht gegen „den Westen“, der für den Niedergang der islamischen Welt verantwortlich sein soll – was keiner historischen Analyse standhält. So wie die Linke für das Scheitern des Sozialismus Sündenböcke findet, sucht sich die islamische Welt die ihren: Loser gesellt sich zu Loser, Underdog zu Underdog, gemeinsam sind wir stark, die Rachsucht brennt: Passt auf, wir werden es euch heimzahlen!

Der „sterile“ Islam setzt sich in den Köpfen fest

Die muslimische Intelligenz Nordafrikas hingegen hält Islamkritik für das sine qua non, sollen ihre Gesellschaften nicht dauerhaft einem Obskurantismus anheimfallen, der entsprechende Tendenzen via Immigration und Kommunikation auch in Deutschland noch verstärken würde. Rechtspopulismus machen die muslimischen Dissidenten nordafrikanischer Herkunft vor allem im frauen-, fremden- und aufklärungsfeindlichen „Theo-Populismus“ eines sich zunehmend „salafisierenden“ Islams aus, dem staatliche und religiöse Autoritäten keine stichhaltige Argumentation entgegensetzen, weil sie selbst die „westlichen“ Menschenrechte scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Die Einzigen, die sich um Aufklärung bemühen, sind die muslimischen „Freiheitssucher“, wie sie der tunesische Psychoanalytiker Fethi Benslama nennt. Gern sähen die Dissidenten der muslimischen Welt europäische Linke und Intellektuelle an ihrer Seite. Vergeblich, wie Fethi Benslama bereits 2004 in seiner „Nicht-Unterwerfungserklärung zum Gebrauch für Muslime und diejenigen, die es nicht sind“, feststellte: „Manche Nachfahren der Aufklärung sind blind für die Aufklärung der anderen.“

Von europäischer Aufklärung unbehelligt, kann sich auch hierzulande deshalb ein Islam im Bewusstsein der jungen muslimischen Generation festsetzen, den der 2015 verstorbene muslimische Philosoph und Islamologe tunesischer Herkunft Abdelwahab Meddeb folgendermaßen charakterisierte: „Eine Religion, die sich die letztendliche nennt, Trägerin der definitiven göttlichen Botschaft, die die prophetische Inspiration versiegelt, das, was vor ihr war, rekapituliert und rektifiziert, eine solche Religion, wortwörtlich genommen, annulliert jede Fragestellung, gründet eine absolute Wahrheit ohne möglichen Disput… Reduziert auf ein solches Skelett, zeigt der Islam sich religiös und politisch als austrocknende, sterile, das ,akut Lebendige‘ zeitgemäßer Fragestellungen ignorierende Sicht auf die Welt, erhebt sich zu einem alles an sich reißenden, aggressiven ,Monologismus‘, taub für jeden Dialog, abgeschnitten von den Voraussetzungen, die die Beziehung zwischen Personen und Völkern, zwischen Bürgern und Nationen eröffnen.“ Gegen einen solchen Islam werden die neuerdings geforderten „Integrationszentren“ nicht viel ausrichten, wenn sie sich vor der Auseinandersetzung mit ihm drücken, um muslimische Einwanderer nicht zu „beleidigen“.

Muslime selbst lesen dem Islam die Leviten

In muslimischen Ländern gewinnt genau dieser taube Islam in den jeweiligen staatlichen Fernsehsendern seit Jahren an Einfluss, vor allem, wenn sie von Saudi-Arabien gesponsert werden. Ergebnis ist der sich ausbreitende „Theo-Populismus“. Erfinder dieses Begriffs ist der in Oran lebende Journalist und Schriftsteller Kamel Daoud. Im „Quotidien d’Oran“ schreibt er seit Jahren die Kolumne „Raika Raikoum“ („Unsere Meinung – Ihre Meinung“). Am 28. Mai 2015 stellte er dort die Frage: „Müssen wir gegen den Theo-Populismus in den Untergrund gehen?“, eine Anspielung auf den Untergrund während des Befreiungskrieges gegen Frankreich: „Zu kurzer Rock, abgewiesen in einer Fakultät von Algier, ein rückwärtsgewandter Rektor, der per Anstands-Fatwa seinen Wachmann gegen die Studentin unterstützt. Undenkbar vor einigen Jahrzehnten, denkbar geworden gestern und vorgestern, weil selbst ein Rektor in Algerien inzwischen binär in halal/haram (erlaubt/nicht erlaubt) denkt. Aber das ist nicht der einzige Fall des im Namen des einzigen Gottes einzig erlaubten Denkens … Der behaarte Tumor (Daoud meint den Salafismus) ist in die algerischen Riten eingedrungen, die Kleidung, den Teint und die Zahnpflege. Zeit bedeutet inzwischen Gebet und nicht mehr Pünktlichkeit, Versprechen heißt inzwischen ,inschallah‘ und nicht mehr Worthalten. Das Ziel des Lebens ist der Tod, nicht das Leben… Es ist das binäre halal/haram-Denken, das den ,Theo-Populismus‘ ausmacht: ,Kreuzzüglerisierung‘ des ,anti-muslimischen‘ Westens, Obsession eines in allem überall gewitterten jüdischen Komplotts, Promotion des islamistischen Vorbildes in der Mode, den Riten, der Sexualität, dem Zölibat, der Ehe… Das Land: verschleiert, nikabisiert, gemobbt und in eine Frauenhintern-Überwachungsstation verwandelt, mittels beschämender und mittelalterlicher Predigten.“

Das ist das Nordafrika, aus dem auch einige der Kölner Täter kommen. Viele der Phänomene sind mehr oder weniger auch in den hiesigen muslimischen Gemeinschaften zu beobachten. Eines existiert schon lange: Das „Erwecken von Schuldgefühlen bei den progressiven Eliten und deren Denunzierung als… Islamophobe“ (Daoud), insbesondere durch die Islamverbände, Linke und Grüne. Deshalb dürfen wir uns davon nicht mehr ins Bockshorn jagen lassen, denn es sind Muslime selbst, muslimische „Freiheitssucher“, die genauso wenig „islamophob“ sind wie wir, wenn sie einem frauen-, fremden- und gedankenfeindlichen Islam die Leviten lesen statt sich ihm zu unterwerfen.

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Time am 11. Januar 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gasbeitrag-von-samuel-schirmbeck-zum-muslimischen-frauenbild-14007010.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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PS, lesen Sie auch:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/11/08/alla-hasst-frauen/

„Muslimische Kultur“

6. Januar 2016

Köln

Wiederum auf „FAZ.NET“ ist eine zweite Redakteurin in der Wirklichkeit angekommen. Ursula Scheer liefert heute zu den massenhaften Überfällen auf nichtorkische Frauen durch mohammedanistische Männergruppen einen lesenswerten Kommentar, der die frauendiskriminierenden Aspekte dieser Angelegenheit behandelt (1). Der Mohammedanismus als eigentliche Ursache der Verbrechen wird allerdings nicht erwähnt.

Da war sie gestern schon weiter. Am Ende ihres Artikels fand man das Wort „muslimisch“ – allerdings nur aus dem Mund der zitierten Kristina Schröder und in Verbindung mit dem Wort „Kultur“, was natürlich ein Oxymoron ist (2).

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Übergriffe in Köln

Frauen, versteckt euch!

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat für Frauen einen Tipp: Sie sollen zu Fremden „eine Armlänge“ Abstand halten. Das ist für die Opfer, die von allen Seiten umzingelt wurden, der reine Hohn.

Was folgt aus der Silvesternacht in Köln? Welche Konsequenzen hat es, dass sich in und um den Hauptbahnhof der Domstadt ein Gruppe von tausend jungen Männern zusammenrottete, aus der heraus kleinere Gruppen Frauen einkreisten, sexuell belästigten und beraubten? Welchen Schlüsse zieht die Erkenntnis nach sich, dass diese Männer, die von der Polizei als alkoholisiert, enthemmt und gewaltbereit beschrieben wurden, Augenzeugenberichten zufolge aus Nordafrika oder dem arabischen Raum stammten? Und was daraus, dass die Polizei die Lage in der fraglichen Nacht nicht im Griff hatte und sie erst zwei Tage nach den Übergriffen in einer Presseerklärung benannte?

Die ersten Schlussfolgerungen der Politik sind erstaunlich. Erstens: Die Täter sollen ermittelt, angeklagt und strafverfolgt werden ohne Ansehen der Person. Das aber ist eine Selbstverständlichkeit in einem Rechtsstaat, die es nicht zu betonen bedarf. Zweitens: Die Stadt Köln will mehr Polizeipräsenz zeigen und die Kameraüberwachung ausweiten. Das nennt Henriette Reker, die Oberbürgermeisterin der Domstadt, „Prävention“ – die sich allerdings nur auf die letzten Sekunden vor der möglichen Tat richtet. Drittens – und das ist nun wirklich das erstaunlichste Ergebnis des Krisentreffens, das die parteilose Oberbürgermeisterin am Dienstag anberaumt hat: Die Stadt Köln will Verhaltensregeln aufstellen. Und zwar für Frauen und Mädchen.

Den Opfern wird eine Mitschuld zugeschoben

Ein solcher Verhaltenskodex sei nötig, „damit ihnen“, also Frauen und Mädchen, „solche Dinge“, also sexuelle Übergriffe, „nicht widerfahren“, sagte Henriette Reker. Die Stadt will die Regeln gemeinsam mit der Polizei erarbeiten und online stellen, und das besonders mit Blick auf den nahenden Karneval. Einige wichtige Verhaltensgrundsätze gab die Oberbürgermeisterin den Bürgerinnen aber jetzt schon mit auf den Weg: Frauen sollen zu „Fremden“ mindestens „eine Armlänge“ Abstand halten. Frauen sollen innerhalb der eigenen Gruppe bleiben und sich von dieser nicht trennen lassen, auch nicht in Feierlaune.

Eine Unverschämtheit

Ein Mob junger Männer macht Jagd auf Frauen, und Frauen bekommen daraufhin Verhaltenstipps? Das ist keine Prävention, das ist eine Unverschämtheit. Nicht die Opfer und potentielle Opfer müssen aufgefordert werden, ihr Verhalten überdenken, sondern die Täter gefasst und weitere Täter von ihren Taten abgehalten werden.

Abgesehen davon, dass es vollkommen unrealistisch ist, im Gedränge eines Bahnhofs und im Getümmel des Karnevals, „eine Armlänge“ Abstand von jedem „Fremden“ zu wahren, hat diese wohlmeinende Empfehlung in schlechtester paternalistischer Tradition den unangenehmen Beigeschmack, den Opfern implizit einen Teil der Verantwortung zuzuschreiben. Sie erinnert an das unselige Argumentationsmuster, nach einer Vergewaltigung der vergewaltigen Frau eine Mitschuld zu geben. War der Rock zu kurz? War der Gang zu aufreizend? Hat sie sich nicht angemessen verhalten?

Der Gewaltexzess war kein Missverständnis

Von solchen Verhaltenstipps sei es nur noch ein Schritt zu dem Hinweis, Frauen sollten das Haus besser nicht verlassen oder weite Gewänder tragen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegten, machen Nutzerinnen und Nutzer auf Twitter ihrem Unmut Luft. Unter dem Stichwort #einearmlaenge sammeln sich in den sozialen Netzwerken die Empörung und der Spott über Henriette Rekers Einlassungen. Ob das ihr Ernst sei, fragen sich viele, ob Frauen also quasi selbst Schuld wären, wenn sie die beschriebene Distanz nicht wahrten.

Andere witzeln, mit der Arm-Strategie ließen sich gewaltbereite Männer sicher problemlos fernhalten, polemisieren, Rechtsradikale könnten den wohlmeinenden Tipp gänzlich falsch verstehen und den Hitler-Gruß zeigen, oder posten Fotos von Pop- und Filmstars in allerlei Posen mit ausgebreiteten Armen. Bilder von der Silvesternacht im Kölner Hauptbahnhof schließlich führen die empfohlene Armlänge-Strategie ad absurdum, weil sie eine kompakte Menschenmasse zeigen, in der jeder Abstand aufgehoben ist.

Doch die Praktikabilität von Henriette Rekers Empfehlung ist nicht der Punkt. Der liegt ganz woanders: Frauen in einer demokratischen Gesellschaft, die Gleichberechtigung in ihren Grundrechtskatalog geschrieben hat, brauchen keine Verhaltensempfehlungen. Sondern die Sicherheit, dass der öffentliche Raum ihnen genauso gehört wie Männern, woher immer diese auch kommen mögen. Die Kölner Behörden wollen übrigens nicht nur Frauen Verhaltenshinweise geben. Sondern auch „Karnevalisten aus anderen Kulturkreisen“, damit diese sich vorab online informieren können, wo das „Bützen“ aufhört und der sexuelle Übergriff beginnt. Als ob die Geschehnisse aus der Silvesternacht einfach nur ein Missverständnis gewesen wären.

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Übergriffe in Köln

Eine Männergruppe und ihr Hintergrund

Was in Köln in der Silvesternacht geschah, macht manche offenbar sprachlos. Dabei gilt es, genau zu benennen, wer hier Gewalt gegen Frauen ausübte. Sonst läuft die Diskussion in die verkehrte Richtung.

„Männergruppen“, heißt es Dienstagmittag auf den Videotext-Tafeln der ARD, hätten in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof, aber auch in Hamburg und Stuttgart, Frauen in großer Zahl sexuelle Gewalt angetan. Die „Männer“ hätten ihre weiblichen Opfer umringt, ihnen in den Intimbereich gefasst und sie bestohlen. Allein in Köln sei die Zahl der Anzeigen auf neunzig gestiegen. Kölns Oberbürgermeisterin und der Bundesinnenminister hätten Konsequenzen angekündigt.

Eine Information, die das Polizeipräsidium Köln schon am 2. Januar in einer Presseerklärung öffentlich gemacht hat, fehlt zu diesem Zeitpunkt auf den Videotexttafeln 106 bis 108: dass die mutmaßlichen Tätergruppen sich „nach Zeugenaussagen“ aus „nordafrikanisch aussehenden …Personen“ zusammengesetzt hätten. Auch das war schon eine nachgereichte Information. Am Tag zuvor hatte die Polizei die Silvesternacht in Köln als „weitgehend friedlich“ beschrieben und lediglich von einer durch Feuerwerkskörper ausgelösten drohenden Massenpanik mit tausend Feiernden auf dem Bahnhofsvorplatz berichtet. Facebook-Nutzer wollten daraufhin von den Beamten wissen, weshalb sie nichts über die Überfälle auf Frauen im Hauptbahnhof verlauten ließen. Im Netz entstand die Meinung: Da wird etwas verschwiegen.

ZDF gesteht Fehler ein

Die Polizei reagierte. Presseinformationen der Kölner Polizei, der Polizeigewerkschaft NRW und der Bundespolizei brachten das Thema am 4. Januar in die überregionalen Medien. An diesem Tag berichteten die „heute“-Nachrichten des ZDF um 19 Uhr noch nicht über die Ereignisse in Köln. Was der stellvertretende Chefredakteur Elmar Theveßen tags darauf als Fehler bezeichnet: „Die Nachrichtenlage war klar genug. Es war ein Versäumnis, dass die 19-Uhr-heute-Sendung die Vorfälle nicht wenigstens gemeldet hat.“ Man habe auf das Krisentreffen am Dienstag warten wollen, „um Zeit für ergänzende Interviews zu gewinnen. Dies war jedoch eine klare Fehleinschätzung.“

Die „Tagesschau“ berichtete am Montag in ihrer 20-Uhr-Ausgabe und zitierte die Angaben, dass die Kölner Täter sich aus einer Gruppe von etwa tausend Männern gelöst hätten, die dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammten. Arnold Plickert, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei NRW, sagte in der Sendung: „Es ist absehbar, dass das rechte Spektrum genau diesen Sachverhalt nutzen wird.“ Am selben Tag antwortet Plickert einem Radiomoderator bei MDR Info auf die Frage, warum die Polizei, die normalerweise keine Angaben zur Herkunft mutmaßlicher Täter mache, in diesem Fall anders handelte: „Ich finde das genau richtig, wir müssen den Fall jetzt aufklären, wir müssen sehen, wer war das, und das darf auch nicht verschwiegen werden, weil es dann genau in die verkehrte Richtung geht.“

Pressekodex gibt Richtlinie

In die verkehrte Richtung geht es, wenn in der Öffentlichkeit das Gefühl entsteht, Politik, Behörden und Presse hielten unbequeme Wahrheiten unter der Decke. In die verkehrte Richtung läuft es aber auch, wenn ganze gesellschaftliche Gruppen, besonders Minderheiten, durch die Ausgabe von Personenprofilen als mögliche oder wahrscheinliche Täter identifiziert zu werden drohen, etwa von ihnen ohnehin ablehnend gegenüberstehenden Kreisen, und man sie so in Gefahr bringt. Kurz: Auch die Polizei wägte sehr genau ab, ob sie die Täterbeschreibungen vor dem Hintergrund der Flüchtlingsdebatte nennen sollte.

Der deutsche Pressekodex gibt Journalisten in der Sache „Aussprechen oder verschweigen?“ eine klare Richtlinie an die Hand: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.“ Wenn Gruppen von Männern aus einem Mob heraus Jagd auf Frauen machen und diese Männer Zeugenaussagen zufolge alle aussahen, als stammten sie aus Nordafrika oder dem Nahen Osten, spielt der Umstand für die mögliche Motivation der Taten (und die Fahndung nach den Tätern) eine wichtige Rolle und damit für die Aufklärung der Überfälle. Darin liegt der „begründbare Sachbezug“, den der Pressekodex fordert: Er ist hier eindeutig gegeben. Es gilt auszusprechen, was war.

Selbstverständliches wird zur Besonderheit erklärt

Politiker legen sich bei der Kommentierung und Bewertung der Geschehnisse besondere Zurückhaltung auf. Die parteilose Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker bezeichnet die Vorfälle als „ungeheuerlich“. Es könne nicht sein, dass Besucher der Stadt und „Kölner und Kölnerinnen“ sich nicht sicher fühlen könnten, sagte sie – dabei haben ausschließlich Frauen sich als Opfer gemeldet. Sie beraumt ein Krisentreffen an, fordert mehr Polizeipräsenz und warnt vor einem Kurzschluss mit der Flüchtlingsdebatte. Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), vermeidet es in ihrem Statement auf Facebook, auf die Herkunft der Täter einzugehen. Sie betont, dass der Rechtsstaat Straftaten unabhängig von Religion und Herkommen verfolgen müsse – als ob das keine Selbstverständlichkeit wäre. Dasselbe fordern aber auch die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und Familienministerin Manuela Schwesig (SPD), als wäre es etwas Außergewöhnliches. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), will die Täter schnell gefasst sehen, weil sonst Flüchtlinge und Ausländer unter Generalverdacht gerieten. Vor diesem warnt auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Justizminister Heiko Maas (SDP) stellte in den Raum, es könnte sich um eine neue Form organisierter Kriminalität handeln.

Derweil fordert der CDU-Politiker Jens Spahn eine neue „Aufschrei“-Debatte, im Netz sammelt sich rechte Hetze, Feministinnen wehren sich auf Twitter dagegen, ihre Sache werde für Ressentiments gegen Migranten missbraucht, ein Artikel in „Emma“ spricht von „Terror“ gegen Frauen, beißt sich dann lange daran fest, dass Männer die Aggressoren waren, bevor der Hinweis folgt, dass es Migranten waren und sich schon ähnliche Szenen auf dem Tahrir-Platz abgespielt haben. Kristina Schröder, die ehemalige Bundesfamilienministerin (CDU) twittert: „Sie wurden lange tabuisiert, aber wir müssen uns mit gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen in muslimischer Kultur auseinandersetzen.“ Die Diskussion hat gerade erst begonnen.

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Time am 6. Januar 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/henriette-rekers-unverschaermter-vorschlag-mit-der-armlaenge-13999586.html
2) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/nach-silvester-in-koeln-muss-es-um-die-taeter-gehen-13999062.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Glaube, Liebe, Hoffnung

9. Oktober 2015

Merkel

In FAZ-Redakteur Christian Geyer-Hindemith haben unsere Kanzlerin und ihre Adlaten einen scharfen Kritiker gefunden.

Man ist bei der Lektüre seiner Texte an die Situation am Zarenhof zu Zeiten der bolschewistischen Machtergreifung erinnert, als der Magier Rasputin das Vertrauen der Regierung genoss.

Lesen Sie Herrn Geyers Beiträge von heute (1) sowie vom 24. September (2).

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Angela Merkels Politik

Klare Linie?

Nach den jüngsten Auftritten der Bundeskanzlerin ist man zunehmend beunruhigt, dass die Zukunft des Landes an einer Person hängen soll. Denn mit der Wirklichkeit scheint Angela Merkel sich nicht mehr zu beschäftigen.

Nicht der Flüchtling ist das Problem, sondern seine große Zahl. Genauer: die große Zahl, in der er nicht nur gestern kam, sondern morgen kommen wird. Gerade wenn man keine ethnische, deutschtümelnde, xenophobe Debatte will, muss man über Zahlen reden. Eine Flüchtlingspolitik, die sich nicht um Zahlen schert und das auch noch ohne Wenn und Aber zum Programm erhebt, ist keine Politik mehr. Sie ist Traum, Vision, Abenteuer, Nährboden fürs Ressentiment, Steilvorlage für alle, die nicht übers Machbare und seine Grenzen reden wollen, sondern über völkischen Irrsinn beispielsweise (den man auch dadurch herbeireden kann, dass man ihn in abgehobenen Paralleldebatten zur kommunalen Wohnungs-, Job- und Bildungswirklichkeit zu entkräften sucht). Mit anderen Worten: Demonstrative Zahlenvergessenheit ist in der Flüchtlingspolitik gleichbedeutend mit einer Absage an politische Rationalität, ist dasselbe wie verordnete Perspektivlosigkeit.

Genau das bringt die Leute derzeit in Rage. Dass Angela Merkel, wie zuletzt bei „Anne Will“, die Zahlen für unwichtig erklärte, sie als „egal“ bezeichnete, statt dessen ihre autokratischen Glaubensgewissheit („Optimismus und innere Gewissheit zu haben“) als demokratische Haltung und als Führungsqualität ausgibt – das ist das Gespenstische an der sogenannten klaren Linie der Kanzlerin, einer Linie, die ihre Klarheit im Augenblick vor allem durch Wiederholung gewinnt (klare Linien zeichnen ja naturgemäß beide aus: die Prinzipienfesten wie die Unbelehrbaren, auch Wahngebilde haben sie: die klare Linie).

„Ich möchte mich an den Zahlen, an den Statistiken, die im Augenblick herumgereicht werden, jetzt gar nicht beteiligen“, sagte Angela Merkel (und macht Zahlen damit zu etwas latent Anrüchigem, an dem man sich nicht beteiligt, nach dem Motto: in diese algebraische Schmuddelecke lasse ich mich nicht stellen). Aber klar, gesteht die Kanzlerin zu, „es sind viele, sehr, sehr viele Menschen“, die kamen, kommen und kommen werden: „Millionen mögen dieses Land“. Mit keiner Silbe, mit keiner „Gegengeste“ (Anne Will) zu ihrer Geste der offenen Arme will Angela Merkel die Aufbrechenden in aller Welt entmutigen. Zahlen können, so versteht man die Regierungschefin, da nur unnötige Härten in die Diskussion bringen, – und im Übrigen gebe es im Augenblick eher zu viele als zu wenige Zahlen. Denn schauen Sie, fügt Angela Merkel hinzu, die einen rechnen die Registrierten, die anderen rechnen die Ankommenden, wieder andere rechnen die Asylanträge – wie will man da zu verlässlichen Zahlen kommen? Womöglich dadurch, dass man die verschiedenen Rechnungen voneinander unterscheidet und sie getrennt veröffentlicht? Die Antwort war vermutlich zu naheliegend, als dass Anne Will sie zu geben wagte.

So kommt es, dass in Merkels Rhetorik die Kunst des Möglichen – Politik – im zahlenmystischen Quark versinkt und umgekehrt Glaubens- und Gesinnungssätzen realpolitischer Rang zuerkannt wird („ich habe überhaupt keine Zweifel“, „meine innere Gewissheit sagt mir“, „ich bin ganz fest davon überzeugt“). Wie beim neurolinguistischen Programmieren (NLP) wird ein und derselbe Glaubenssatz („Wir schaffen das“) mit jedem neuen Erfahrungsgehalt verbunden. Es wundert daher nicht, dass die Kanzlerin bei „Anne Will“ so viel von ihrer „Herangehensweise“ (gern auch „inneren Herangehensweise“) an die Flüchtlingspolitik sprach. Sie, die Physikerin von Hause aus, hat sich idealistisch eingesponnen. „Die Menschen sollen schon wissen, wer ihre Kanzlerin ist“, sagte sie. Eine Kanzlerin auf NLP-Trip?

Wer sie, wie Anne Will, unbotmäßig von der inneren wieder zur äußeren Wirklichkeit lenken möchte, erhält eine verblüffende Antwort: Ihre, Angela Merkels „Herangehensweise in leichter und in schwerer Stunde“ sei es nun einmal, „nichts zu versprechen, was ich nicht halten kann“. Mit anderen Worten: Fragen Sie mich was Leichteres! Einlassungen zur äußeren Wirklichkeit werden von der innengeleiteten Kanzlerin als Zumutung abgewiesen, eben als Versuch, ihr ein „Versprechen“ abzupressen. Ob Frau Will etwa meint, Frau Merkel wisse, was „morgen“ ist? Nein, eine Aussage über „morgen“ könne man von ihr, der Kanzlerin, nicht erwarten, sagt die Kanzlerin. Denn sie habe sich nun einmal „entschieden, keine falschen Versprechungen zu machen“. Dass sie mit ihrem NLP-Mantra „Wir schaffen das“ permanent im Modus des Versprechens agiert, scheint Angela Merkel „egal“ zu sein (womöglich hebt sie auf die grammatische Tiefenstruktur der drei Worte als Appell und Willensbekundung ab und nimmt deren Versprechens-Charakter nur billigend in Kauf).

Man ist zunehmend beunruhigt, dass die Zukunft des Landes an einer Person hängen soll. Gespensterstunden häufen sich.

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Flüchtlingskrise

Herzensergießungen einer Nation

Deutschland von den Rändern her denken – wie soll das gehen? Nur von der Mitte aus kann man helfen. Die Nonchalance, mit der Flüchtlinge unterschiedslos herbeigeredet werden, ist fahrlässig.

Schade, sagte die grüne Bundespolitikerin Katrin Göring-Eckardt, schade, dass er den Konflikt nicht aushält, schade, dass er nicht mehr Mut hat, schade, dass er so spricht, wie er spricht. Wer war mit „er“ gemeint? Er – das ist Frau Göring-Eckardts Parteifreund, der grüne Kommunalpolitiker Boris Palmer, Bürgermeister von Tübingen. Was hat sich Palmer in den Augen Göring-Eckardts zuschulden kommen lassen? Er hat die eingespielte Arbeitsteilung in der deutschen Flüchtlingsdebatte gestört (hier die unbegrenzte Moral und Menschlichkeit, dort die begrenzten Ressourcen). Er hat, mit anderen Worten, die kommunale Erdung der Dauerappelle gefordert, er hat nicht mitgemacht beim Befeuern des neuen Himmels und der neuen Erde, auf welcher es keine Belastungsgrenzen gebe, es sei denn, man zöge sie (Rainer Maria Kardinal Woelki: „Deutschland leuchtet und macht Europa hell“) – diesen messianischen Konstruktivismus des Neuen, der von der Kanzlerin bis zu den Bischöfen unser Land durchweht, hat Palmer von der schnöden verwaltungstechnischen Frage her begreifen wollen, wie man Flüchtlinge in Jobs, Wohnungen und Schulklassen bringt. Weil er, Palmer, als Bürgermeister vor der Aufgabe steht, die Willkommenskultur auf Dauer zu stellen, also etwas erkennbar anderes zu tun hat, als die Willkommensinitiativen an den Kuchentischen der Nation anzuheizen.

Er, Palmer, sagt in der „taz“ denn auch Sätze wie diese: „Wir erleben gerade, dass rings um uns die Länder Europas überfordert sind. Das hat auch damit zu tun, dass so viele Menschen von Deutschland motiviert wurden, die Reise hierher anzutreten. Jetzt müssen wir uns eingestehen, dass auch die deutsche Gesellschaft an eine Belastungsgrenze kommt. Deshalb brauchen wir schnellere Verfahren, den Abbau falscher Anreize und eine klare Priorität für Kriegsflüchtlinge.“ Falsche Anreize im Namen der Hypermoral, die sich als unmoralisch erweisen, wenn sie bei Flüchtlingen ohne Bleiberecht Illusionen nähren und sie dann doch nur in die Falle der Abschiebung locken. Diese Falle lässt sich nicht länger durch Nichtanwendung des Rechts umgehen. „Abschiebungen zu verhindern – was lange grüne Politik gewesen ist – lässt sich in dieser Situation nicht mehr durchhalten. Wenn Abschiebungen nicht durchgeführt werden, ist das ein Zeichen an diese Menschen, dass es sich weiter lohnt, zu uns zu kommen.“

Hier, in kommunalen Stimmen wie diesen, fasst man den aktuellen Stand der Flüchtlingsdebatte. Was hat es mit mangelndem Mut, mit fehlendem Aushalten von Konflikten zu tun, wenn Palmer sich für die Ausweitung der Kategorie „sichere Drittländer“ einsetzt und am Ende feststellt: „Wir können die Asylstandards nicht halten“? Das ist der Realismus derer, die die Arbeit leisten, während die anderen ihren Senf dazutun. Es sei ja „absurd“, die Kanzlerin wegen ihres über alle Integrationsprobleme hinwegsingenden Refrains „Wir schaffen das“ zu kritisieren, erklärt Kurt Biedenkopf aus der Loge der politischen Seher und fügt hinzu: „Sie muss doch wenigstens daran glauben dürfen, dass wir das schaffen.“ Ja, gewiss, ihr Glaube sei der Kanzlerin unbenommen; nur geht es in diesem Fall nicht um private Glaubensüberzeugungen, sondern um eine zeitlich und räumlich weitreichende politische Verantwortung.

Die kontraproduktiven Wirkungen einer zivilgesellschaftlichen Pack-an-Rhetorik, die so tut, als könnte man alle mit offenen Armen aufnehmen, und Kritiker dieser Position – zumal, wenn es sich um die kommunalen Leistungsträger handelt – als lethargische Bedenkenträger oder Schlimmeres diffamiert, schlagen gegen die Notleidenden aus. Palmer verbittet sich das: „Aktuell erleben wir, wie die Zeit alte Überzeugungen hinwegfegt, konservative Vorstellungen vom Staatsvolk genauso wie grüne Mitmenschlichkeitsideale.“

Unbegrenzte Flüchtlingshilfe als Christenpflicht

Die Leichtfertigkeit, mit der jetzt etwa über den „Wohlstand“ hergezogen wird – ein Wohlstand, der eben abspecken müsse, wenn die Flüchtlinge kommen -, erinnert, gut psychoanalytisch, an Selbsthass und vergisst jedenfalls, dass ein solches Abspecken realistischerweise auch nur zu Lasten der sozial Schwachen hierzulande gehen (weniger Hartz IV und so weiter) und im Übrigen Deutschlands Kapazitäten zur weltweiten Notlinderung einschränken würde.

Die Kirchen insbesondere wittern Morgenluft und hoffen, mit einem asketischen Programm für die Autochthonen einerseits und mit der Deklarierung unbegrenzter Flüchtlingshilfe als Christenpflicht andererseits wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzufinden. „Die Flüchtlingskrise ist auch eine Chance für die Kirche in Deutschland, ihre gesellschaftliche Relevanz unter Beweis zu stellen“, sagt die Theologin Judith Könemann, Professorin für Religionspädagogik an der Universität Münster. Dass die Bischöfe diese Einschätzung jetzt so vehement teilen, enthebt sie fürs Erste der Aufgabe zu erklären, warum auch jede Nonne, die in irgendeinem Kloster in Klausur lebt, von höchster gesellschaftlicher Relevanz wäre.

Die Gottwohlgefälligkeit des Kontrollverlustes

Umso unbedingter erscheint in bischöflicher Verkündigung nun die philanthropische Willkommenskultur als Gottes Wille für dieses Land. Die allegorische Auslegung der Heiligen Schrift wird dafür in exaltierte Höhen getrieben. Entsetzt mochte jeder Kommunalpolitiker, nicht nur der Bürgermeister des reichen Tübingens, neulich der politischen Theologie des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck zugehört haben. In einer Art Feldgottesdienst vor der Caritas zog Overbeck gegen „Wohlstand“ und „das Gewohnte“ zu Felde in einer Art, die jede Wertschätzung für die institutionellen Bestände der Republik – vom Recht bis zur Verwaltung – vermissen ließ, jedenfalls eine Nuancierung in diese Richtung noch nicht einmal andeutungsweise unternahm.

Stattdessen raunte der Bischof in diffuser Grenzenmetaphorik über die Gottwohlgefälligkeit des Kontrollverlustes; man sei eben „gewohnt, Kontrolle auszuüben, die Wirklichkeit von ihrer Mitte her zu betrachten und von hierher alles zu bestimmen“. Um dann in einer Metaphysik der Plötzlichkeit und der gereinigten Luft die Umwertung aller Werte zu verkünden: „Plötzlich leben wir in einer neuen Welt. Nicht mehr die Mitte, das Gewohnte und das Zentrum sind von Interesse. Es sind die Ränder, die interessieren“ – nach dem prophetischen Wort von Papst Franziskus, die Welt von der Peripherie her zu begreifen. „Da“, sagt der Bischof, als weise er wie die Hirten ebenso erfreut wie verwundert auf den Stern über der Krippe des Herrn, „da verändert sich die Welt von den Rändern her zum Guten und Neuen“.

Zieht man von dieser blühenden Vision die Metaphysik ab, so bleibt nicht viel mehr übrig als der Ruf: Die Phantasie an die Macht! Doch da ist die totale Inklusion theologisch schon vollzogen. In pfingstlicher Zungenrede lehrt man die bräsigen Tübinger Staatsorgane Mores: „Wo Gott alle willkommen heißt, heißen wir alle willkommen. In unserer Gesellschaft, in unserem Land, in unseren Häusern – überall sind die, die zu uns kommen, willkommen!“

Der Bischof sagt papperlapapp

Allein, wie soll das gehen: mit einem „Grüß Gott“ die ganze Welt bei uns zu Haus begrüßen wollen? Hatte der Tübinger Bürgermeister nicht auch die Apokalypse des Johannes in die Exegese einbezogen, als er warnte: „Derzeit sind mehr als siebzig Prozent der Flüchtlinge junge Männer, die ganz andere Vorstellungen von der Rolle der Frauen, der Religion, Meinungsfreiheit, Homosexualität oder Umweltschutz in der Gesellschaft haben als wir Grüne. Machen wir uns nichts vor: Die Aufgabe ist riesig.“ Der Bischof von Essen sagt papperlapapp und sieht von den Rändern her ein deutsches Weltethos aufsteigen, in dem es „ungeahnte Formen der Ökumene (!), der Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen geben wird“. Es sind solche theologische Vereinnahmungen der deutschen Sache, die dem Publizisten Roland Tichy jüngst bei „Hart, aber fair“ sein Christsein absprachen, als dieser erklärte, mit Emotionen seien noch keine Dächer gedeckt, und politische Analyse statt Herzensergießungen anmahnte.

„Ich weiß nicht, ob ich konservativ bin“, sagt der Schriftsteller Michel Houellebecq in der neuen Ausgabe des „Philosophie Magazins“. „Aber ich glaube nicht, dass der Mensch – ebenso wenig wie jedes andere Tier – dafür gemacht ist, in einer sich ständig wandelnden Welt zu leben. Die Abwesenheit von Gleichgewicht, von Streben nach Gleichgewicht ist an sich unerträglich. Der permanente Wandel macht das Leben unmöglich.“ Dichterworte gewiss, deren Angreifbarkeit offen zutage liegt. Und doch hat man das Gefühl, dass das, was Houellebecq da sagt, auch der Sache der Flüchtlinge dient, ja, geradezu die Voraussetzung ist, um einem kontrollierten Wandel gewachsen zu sein.

Es hat etwas Bestürzendes, zutiefst hilflos Machendes, wenn man im Angesicht der Not das Eigene wie Ballast über Bord zu werfen bereit ist. Eine Not, der nicht von der eigenen Mitte her begegnet wird, läuft aus dem Ruder. Bei sich bleiben, wie die Psychologen sagen, um ganz beim anderen sein zu können. Eine Mythologie der Ränder, welche nonchalant die eigenen Ressourcen missachtet, wird kaum helfen, über den Winter zu kommen.

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Time am 9. Oktober 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-gespensterstunden-mit-angela-merkel-haeufen-sich-13846299.html
2) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/fluechtlingskrise-herzensergiessungen-einer-nation-13819979.html

Millionen von denen jetzt auch bei uns:
https://www.youtube.com/watch?v=q7q9XtoLIgA