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Permanent – und auf ewig

17. Oktober 2010

Marco Seliger berichtet in der heutigen FAZ aus Baghlan/Kundus/Afghanistan.

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Im permanenten Kampfeinsatz

Die Bundeswehr gerät in Afghanistan an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Das wissen auch die Taliban und ihre Verbündeten nur allzu gut.

Kurz bevor sich der Selbstmordattentäter in die Luft sprengt, redet er mit Florian Pauli. Weil der 26 Jahre alte Oberfeldwebel den afghanischen Bauern nicht versteht, ruft er einen Dolmetscher herbei, der sich mit den übrigen Soldaten in der einige Meter entfernten Wagenburg, der provisorischen Lagerstatt eines Fallschirmjägerzuges aus dem norddeutschen Seedorf, aufhält. Als der Übersetzer vorgehen will, explodiert der Sprengsatz. Der Attentäter hatte ihn mit Metallkugeln gespickt und unter seiner Tracht am Körper getragen. Der Schutzwall aus Fahrzeugen rettet den meisten Soldaten das Leben; drei von ihnen erleiden Splitterverletzungen. Florian Pauli hat aber keine Überlebenschance. Die von deutschen Pionieren erst einige Tage zuvor verlegte Brücke nahe der Ortschaft Aka-Khel, an der er am 7. Oktober Wache hielt, trägt jetzt seinen Namen. Der Sanitätsfeldwebel aus Halle/Saale wurde gestern beerdigt. Er ist der 44. Gefallene der Bundeswehr in Afghanistan.

Als Florian Pauli stirbt, greifen die Taliban an. Und sie machen das sehr professionell. Ihr Ziel sind deutsche und amerikanische Soldaten sowie deren afghanischen Partner, wenige Kilometer von Pul-i-Khumri entfernt, der Hauptstadt der südlich von Kundus gelegenen Provinz Baghlan. Deutsche Kampfeinheiten aus Fallschirm- und Gebirgsjägern halten hier mehrere provisorische Außenposten. Von dort überwachen sie einen der bedeutendsten strategischen Punkte in Nordafghanistan. Am sogenannten Highway-Triangle teilt sich die Hauptverkehrsstraße von Kabul in die Trassen nach Kundus und Mazar-i-Sharif. Seitdem die Versorgung der internationalen Truppen zunehmend über Zentralasien abgewickelt wird, erlangt die Nord-Süd-Route wachsende Bedeutung. Für sie gilt, was für alle großen Straßen in Afghanistan gilt: Wer sie beherrscht, kontrolliert das Land.

Jahrelang konnten die Taliban und andere aufständische Gruppen in dieser fruchtbaren, von den Flüssen Kundus und Baghlan durchzogenen Gegend ihr Unwesen treiben. Sie errichteten illegale Kontrollpunkte an den Straßen und trieben Schutzgeld von den Lastwagenfahrern ein, die die Isaf-Truppen im Süden mit Kraftstoff und Lebensmitteln sowie die Bevölkerung mit Waren aller Art versorgen. Die wenigen Isaf-Soldaten konnten dagegen nichts ausrichten, die oftmals unfähigen, korrupten und kriminellen einheimischen Sicherheitskräfte in Baghlan waren auch keine Hilfe. Die Taliban verschanzten sich in den Dörfern und zwangsrekrutierten Hilfskräfte für den Kampf.

Im Frühjahr dieses Jahres startete die Isaf in der Region die Operation „Taohid“. Mehrere hundert Bundeswehrsoldaten der in Mazar-i-Sharif stationierten Schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force) gingen gemeinsam mit der afghanischen Armee in die Offensive. In wochenlangen Kämpfen eroberten sie die Dörfer am Highway-Triangle von den Taliban zurück. Um der Bevölkerung am Kundus-Fluss Handel und Austausch zu erleichtern, errichteten und reparierten die Soldaten Brücken. Die Übergänge sind wichtig, denn die eine Seite des Flussufers kontrollierten eine geraume Zeit lang die Taliban. Dort trieben sie Schutzgeld ein und zwangen die Menschen zur Zusammenarbeit.

Die andere Flussseite befand sich in der Hand einer Dorfmiliz des Terrorfürsten Gulbuddin Hekmatyar, auf dessen Konto zahlreiche Angriffe auf Isaf-Truppen in Afghanistan gehen. Die Miliz hat inzwischen mutmaßlich die Fronten gewechselt. Ihre Führer haben Präsident Hamid Karzai die Treue geschworen, ihre Kämpfer werden nun von amerikanischen Soldaten ausgerüstet, ausgebildet und betreut. Dieses Vorgehen ist Teil der Nato-Strategie zur Bekämpfung Aufständischer am Hindukusch. Danach sollen lokale Milizen, die es zu Hunderten in Afghanistan gibt, für die Regierung gegen die Taliban und ihre Verbündeten kämpfen. Karzai hat ihren Mitgliedern Amnestie sowie die spätere Eingliederung in die offiziellen Polizeikräfte angeboten.

In Baghlan zeigen sich erste Erfolge. Die ehemalige Hekmatyar-Miliz hat, wie Bundeswehrsoldaten berichten, maßgeblich zur Vertreibung der Taliban aus den Dörfern beigetragen. Die Deutschen operieren heute mit diesen Kämpfern, die ihnen vor kurzem noch Selbstmordattentäter schickten und sie in Hinterhalte lockten.

Die Operation „Taohid“ dauert bis heute an. Um die Bad Reichenhaller Gebirgsjäger der „Quick Reaction Force“ an der wackeligen Guerrillafront zu unterstützen, schickte das Isaf-Kommando in Mazar-i-Sharif Mitte September die Fallschirmjäger aus Kundus nach Baghlan. Seitdem sich die Seedorfer Einheit in der Region befindet, steht sie im permanenten Kampfeinsatz. Der 7. Oktober steht exemplarisch für den in Deutschland nach wie vor weitestgehend unbekannten Kriegsalltag der Truppen.

Nach dem Selbstmordanschlag, bei dem Florian Pauli sein Leben ließ, greifen etwa 100 Taliban zwei Außenposten der Deutschen und der Amerikaner an. Die Aufständischen setzen dabei auch mehrere Mörser ein, über die in Nordafghanistan bislang nur die Isaf-Truppen verfügten. Die Gefahr für die Soldaten droht nun nicht mehr nur von unten (Straßenbomben) und von der Seite (Gewehrkugeln und Panzerfaustgranaten), sondern auch von oben. Während des Kampfes werden mehrere Bundeswehrfahrzeuge schwer beschädigt. Dann gehen die Soldaten zum Gegenangriff über. Mit Schützenpanzern und unterstützt von amerikanischen Kampfhubschraubern und Flugzeugen reiben sie den Taliban-Verband nahezu vollständig auf. Dabei werden mehrere Dutzend Aufständische getötet.

Seit Monaten tobt der Kampf zwischen der Bundeswehr und den Taliban in Baghlan. Von Aufständischen befreite Dörfer werden von den deutschen Soldaten an die afghanische Polizei übergeben und bald darauf wieder von den Taliban besetzt. Die Polizisten sind der Schwachpunkt der Nato-Strategie. Sie sollen die freigekämpften Ortschaften halten, doch fehlen ihnen dazu Ausrüstung, Ausbildung, Motivation und finanzieller Anreiz. Eher laufen sie zu den Aufständischen über, eher geben sie ihre Stellungen kampflos auf, als dass sie sich überrennen und von den Taliban massakrieren lassen. Mehrfach musste die Bundeswehr gegen die Taliban um bereits einmal eroberte Ortschaften in Baghlan kämpfen.

Die große Strategie zur Aufstandsbekämpfung der Militärplaner in Washington, Brüssel und Kabul stößt deshalb an ihre Grenzen. Das allerdings veranlasst die Nato-Mitgliedstaaten nicht dazu, stärker in die Polizeiausbildung zu investieren. Dabei gilt sie als der Schlüssel zur erfolgreichen Aufstandsbekämpfung, so steht es zumindest im Afghanistankonzept der Allianz. Der Oberbefehlshaber der Nato, Admiral James Stavridis, bat die europäischen Verbündeten im September nachdrücklich, weitere 800 Polizeiausbilder nach Afghanistan zu schicken. Doch von London bis Tallinn erntete er nur den Hinweis, jetzt seien erst einmal die anderen dran.

Ohne eine wirksame Polizei wird die Bundeswehr wohl noch monatelang in Baghlan bleiben müssen. Dabei werden ihre Kampfverbände ebenso dringend in den Distrikten um Kundus gebraucht. Am Rand der Provinzhauptstadt sind knapp 1500 deutsche Soldaten in einem Feldlager stationiert. Und die Taliban und ihre Verbündeten sind gerade dabei, die Stadt zu umzingeln. Doch die Bundeswehr kann einfach nicht mehr leisten, muss sich auf ein Aufstandsgebiet konzentrieren. Das wissen die Taliban und ihre Verbündeten. Deshalb brauchen sie nur abzuwarten. Wenn die Bundeswehr sich für einen Einsatzschwerpunkt entschieden hat, müssen sie ihren eigenen Operationsraum nur verschieben. So geht das seit Monaten im Guerrillakrieg am Hindukusch. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern.

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Time am 17. Oktober 2010

Mehr Mut, mehr Muskeln

16. Januar 2010

Der Gouverneur der afghanischen Provinz Kundus, Mohammed Omar, ging unlängst mit der deutschen Truppe ins Gericht, wie man der heutigen FAZ entnehmen kann (1). Ich empfinde seine Worte als hart aber gerecht – und zutreffend.

„Der Gouverneur der nordafghanischen Unruheprovinz Kundus hat den dortigen Einsatz der Bundeswehr als ‚wirkungslos’ bezeichnet. Angesichts der schlechten Sicherheitslage in der Region forderte Gouverneur Mohammad Omar in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Kundus mehr amerikanisches Engagement. ‚Wir haben einen Feind und wissen, dass er uns töten will’, sagte er über die Taliban. ‚Unsere (deutschen) Freunde beobachten das und retten uns nicht. Nun müssen wir unsere anderen (amerikanischen) Freunde bitten, uns zu retten.’ Omar verteidigte zugleich den von der Bundeswehr im vergangenen September angeordneten Luftangriff. (…) Die deutschen Soldaten wollten möglicherweise gegen die Taliban vorgehen, der Bundestag lege ihnen aber Steine in den Weg, sagte Omar.“

„Gießkannenprinzip“ ist eine allseits negativ konnotierte Vokabel. Gleichwohl scheint dies dennoch das Prinzip der deutschen Aufbauhilfe zu sein, was Omar kritisiert: „Die Deutschen sollten ihre Anstrengungen auf die von ihnen verantwortete Provinz konzentrieren, statt Hilfsgelder über die Zentralregierung in Kabul auf das ganze Land zu verteilen, forderte der Gouverneur.“

Komplett absurd wird es natürlich dann, wenn Aufbau und Ausbildung direkt unseren Feinden zugute kommen, was offenbar der Fall ist, wie die „Bild“-Zeitung heute berichtete (2):

„Bisher haben die deutschen Beamten – 100 sind bereits in Afghanistan stationiert – rund 25 000 afghanische Polizeianwärter ausgebildet… Doch ganz wohl ist den Ausbildern dabei nicht. ‚Wir haben Angst davor, dass viele der afghanischen Polizeianwärter nach ihrer Ausbildung gar nicht erst ihren Dienst antreten, sondern direkt zu den Taliban überlaufen. Die zahlen nämlich das Doppelte‘, sagte der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft BILD.de.“

Zum Thema „Deutschland-Afghanistan-Counterjihad“ bringt die heutige FAZ auch einen Aufsatz des amerikanischen Journalisten Robert B. Goldmann:

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Lehren der Geschichte

Selten in der Nachkriegszeit haben sich Europa und die Vereinigten Staaten so auseinandergelebt wie um diese Jahreswende. Ein amerikanischer Präsident, der sich vor einem Jahr einer hohen, parteiübergreifenden Beliebtheit erfreute, kann jetzt in Umfragen mit kaum fünfzig Prozent Zustimmung rechnen. Das Feilschen im amerikanischen Senat um Teile von Obamas Gesundheitsreform hat bittere Töne angenommen, die auch den Rest des reichhaltigen Obama-Programms begleiten werden. Das spärliche Resultat der harten Verhandlungen der Klimakonferenz in Kopenhagen zeigt, dass Obama und die anderen Staatsmänner keine Wunder herbeizaubern konnten. Dazu kommt der von Passagieren und Mannschaft vereitelte Terroranschlag am Weihnachtstag über Detroit, der von den vielleicht zu vielen und sich überlagernden amerikanischen Sicherheitsdiensten nicht verhindert wurde, wofür der Präsident die Verantwortung übernahm, aber niemand entließ.

Deutschland wird politisch von der „Kundus-Affäre“ beherrscht, von der die meisten Amerikaner nicht einmal wissen. Es ist zwar verständlich, dass die Deutschen aufgrund ihrer Geschichte zögern, ihre Soldaten in den Krieg zu schicken. Aber wenn es um die Sicherheit des Westens geht, sollte das Verständnis und die Zusammenarbeit der Nachkriegsgenerationen nicht nur ein Erinnerungswert sein. Das ist eine Aufgabe für Historiker, aber auch ein Auftrag für die Politiker.

Ein Minister und der Generalinspekteur der Bundeswehr mussten zurücktreten, weil unter den Opfern der Bombardierung von Taliban-Tankwagen auch Zivilisten waren. Vielleicht hätte man das vermeiden können; aber dass die widersprüchlichen Aussagen des neuen Verteidigungsministers zur Haupt- und Staatsaffäre wurden, ist aus amerikanischer Sicht schwer zu verstehen. Man hört und liest, dass die Bundeswehr zum Aufbau Afghanistans beitragen soll, aber nur zur Selbstverteidigung schießen darf. Hätten sich die Alliierten nach 1940 so verhalten, gäbe es heute keine freie und demokratische Bundesrepublik. Dieser Vergleich sei nicht zulässig? Terroristen können mit einem Schlag mehr als 3000 Amerikaner in New York töten, Hunderte in Madrid und London. Vielleicht werden gerade neue Anschläge geplant. Muss es erst weitere Terroropfer geben, bevor sich die deutsche Opposition der größten Gefahr unserer Zeit bewusst wird?

Aus der Perspektive eines in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verfolgten Juden, dem es gelang zu fliehen, hält die Geschichte diese Lektion bereit: Der Hass und der ideologische Fanatismus, die damals herrschten, liegen auch den mörderischen Absichten heutiger Extremisten zugrunde.

Präsident Obama hätte es sicherlich vorgezogen, den Krieg in Afghanistan mit den heute dort stationierten 70 000 amerikanischen Soldaten und denen ihrer Alliierten zu beenden. Doch nach drei Monaten der Überlegung und Beratung entschied er sich, weitere 30 000 ins Feld zu schicken. Er tat das nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für die Sicherheit Europas. Werden die Europäer und Nato-Verbündeten nun auch ihren Teil der Last übernehmen?

Ein anderes Problem, bei dem der Westen entschiedene Schritte unternehmen muss, ist die Gefahr der iranischen Nuklearrüstung. Seit langer Zeit bemüht sich der Westen im UN-Sicherheitsrat um schärfere Sanktionen, während Irans Kernwaffenprogramm Fortschritte macht. Doch Russland und China stehen dem im Wege, weil sie ihren wirtschaftlichen Interessen Priorität geben (Hier könnte der Westen mal darüber nachdenken, wie er die kompensieren kann, T.). Ganz abgesehen davon gibt es in Iran immer wieder Proteste gegen das Regime; Menschen kommen um oder sitzen im Gefängnis, weil sie für mehr Freiheit eintreten. Warum gibt es keine Sympathieproteste von Amerikanern und Europäern?

Wenn wir uns darauf besinnen, dass demokratische Freiheit für das Zusammenleben genauso wichtig ist wie ökologische Vernunft für das gemeinsame Überleben, dann können Amerika und Europa wieder zusammenfinden.

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Es ist wirklich seltsam, wie schwerfällig und uneindeutig Deutschland reagiert. Als Ursache hierfür die sicher notwendige Reflexion über die Nazizeit zu identifizieren, halte ich für richtig. Aber wenn nun einerseits ein den Nazis entkommener Jude und andererseits ein afghanischer Gouverneur darum bitten, bei dieser Vergangenheitsbewältigung die Gegenwart nicht zu fliehen, sollten wir hellhörig werden.

Jedenfalls ist es nicht in meinem Interesse, im Ausland als Angehöriger eines larmoyanten und uneffektiven Volkes wahrgenommen zu werden, was vielleicht auf einige Abgeordnete besonders der Opposition zutreffen mag, nicht jedoch auf die überwältigende Mehrheit der Deutschen oder mich.

Ein weiterer Artikel der heutigen FAZ zeigt diese seltsame Ambivalenz (3). Reinhard Müller schreibt größtenteils im Sinne des Counterjihad. Er zieht eine Parallele zur Vornazizeit, fordert Profiling, Moscheekontrolle und umfangreiche Datenspeicherung, bringt dann aber die Rechtstaatlichkeit gegen den Counterjihad ins Feld:

„Aber einen Krieg gegen den Terrorismus gibt es nicht. Die verhafteten und angeklagten deutschen Koffer- und ‚Sauerland’-Bomber sind ebenso wenig Kriegsgefangene oder „feindliche Kämpfer“ wie die Verbrecher, die Flugzeuge in die Luft sprengen wollen. Zu Recht ist deshalb der Attentäter vom Ersten Weihnachtstag vor einem ordentlichen amerikanischen Strafgericht angeklagt worden.“

Man hat das Gefühl, die Medienschaffenden wären allgemein der Ansicht, wir Deutschen könnten jederzeit wieder zu Nazibestien werden und hätten einen starken inneren Drang, in unserem Land eine Diktatur zu installieren, was nur durch die Ritter der Videokamera verhindert würde. Ich sehe aber nicht, dass der demokratische Rechtsstaat gefährdet sein muß, wenn man auf Teufelskrieger Kriegsrecht anwendet. Sie selbst bezeichnen sich als Allas Soldaten, sie propagieren einen „heiligen“ Krieg, sie tragen uniform ihre widerlichen Zottelbärte, sie morden massenhaft – ist das kein Krieg?

Das ist m.E. letztlich weniger eine ideologische als eine pragmatische Frage, wie das Beispiel Abbdulmuttalab (4) zeigt: „… the Christmas Day underwear bomber was ‚singing like a canary’ until he was treated as an ORDINARY CRIMINAL and advised of his right to silence.“ Auch die z.T. langjährige Aufbewahrung einer größeren Terroristenmeute in Guantanamo – nachdem Aufschneider wie Murat „Rübezahl“ Kurnaz frühzeitig ausgeschieden worden waren – wird doch vor allem einen nachrichtendienstlichen Hintergrund gehabt haben.

Jedenfalls fühle ich mich persönlich ganz aktuell sehr durch den Mohammedanismus bedroht, während ich eine Gefährdung durch unsere Dienste oder Armee für die nächsten hundert Jahre nicht sehen kann. Da ist m.E. noch eine ganze Reihe von „Einschränkungen“ meiner Freiheit drin, bevor ich davon überhaupt konkret etwas merken würde. Nur zu, ich habe nichts zu verbergen – im Gegensatz zu den Freunden des Mohammedanismus, die nicht ans Licht kommen lassen wollen, dass ihr verehrter Klohamett ein Mörder, Sklaventreiber und Kinderschänder war.

Time am 16. Januar 2010

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1) http://www.faz.net/s/Rub0CCA23BC3D3C4C78914F85BED3B53F3C/Doc~ECF69A0CE77084243BEF70AE9639DF71E~ATpl~Ecommon~Scontent.html

2) http://www.bild.de/BILD/politik/2010/01/16/deutsche-polizei-klagt-ueber-afghanistan-einsatz/wir-bilden-kaempfer-fuer-die-taliban-aus.html

3) http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E79579881FA094E1CB1FA2D32A3E3C84D~ATpl~Ecommon~Scontent.html

4) http://www.jihadwatch.org/2010/01/flight-253-jihadist-was-singing-like-a-canary-until-he-was-read-his-rights-like-a-civilian-criminal.html

Die Orks verdienen keine Demokratie

21. November 2009

Heute brachte die FAZ einen wie stets exzellenten Bericht von Friederike Böge aus Kundus:

Wir  sind da

Wie es sich in Kundus lebt, das weiß auch die Bundeswehr nicht. Nur gepanzert wagt sie sich aus ihrem Lager in die Stadt. Unsere Autorin hat zwei Jahre dort gewohnt. Nun ist sie noch einmal zurückgekehrt – zwischen alle Fronten.

Als ich vor fünf Jahren nach Kundus zog, war die Stadt ein verschlafenes Nest mit Schlammstraßen, auf denen sich bunt geschmückte Kutschen durch Schlaglöcher quälten. Überall wurde gebaut, kleine Geschäfte öffneten, Flüchtlinge kehrten zurück, Zukunft lag in der Luft. Im Hotel „Kundus“ fanden regelmäßig Bürgerversammlungen statt, in denen über die Parlamentswahl diskutiert wurde, den Karikaturenstreit, die Hochwasserprävention. Bis auf die Rufe der Mullahs morgens um fünf war es so ruhig, dass viele Deutsche, die mit der Bundeswehr oder den Hilfsorganisationen kamen, spöttisch von Bad Kundus sprachen. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier einmal von tieffliegenden Kampfflugzeugen geweckt werden könnte. So wie heute Morgen um drei.

Die Stadt, die ich vor drei Jahren verlassen habe, ist heute Frontstadt in einer Provinz, die einem Kriegsgebiet gleicht. Fast wöchentlich werden Soldaten der Bundeswehr angegriffen, und gerade sollen bei einer Offensive der afghanischen Armee und amerikanischer Spezialeinheiten hundertdreißig Taliban getötet worden sein. Nur in gepanzerten Fahrzeugen wagen sich die Deutschen, deren Lager wie ein Ufo auf einem Hügel über der Stadt sitzt, noch durch die Stadt, die sie schützen wollten.

Sie fahren vorbei am Südtor von Kundus, wo der Polizeiposten mit Sandsäcken zu einer kleinen Festung umgebaut ist. Vorbei an der Baumwollfabrik, welche die Stadt in den sechziger Jahren groß gemacht hat und wo heute Arbeiter träge in den Gängen warten. Auf der Hauptstraße geht es zum Verkehrskreisel, auf dem ein Polizist zwischen Autos und Motor-Rikschas steht. Die Eiscremeläden, in denen indische Musikvideos laufen, sind abends in pinkfarbenes Neonlicht getaucht, es sei denn, es ist Stromausfall. Auf dem Bürgersteig schweißen Jungs ohne Schutzkleidung Eisentore zusammen. Geldhändler wedeln mit Dollarbündeln, es gibt Hochzeitsschmuck, chinesische Billigschuhe, Plastikstühle, Teppiche, und in den Gassen dahinter reihen sich die Häuser, Lehmmauer an Lehmmauer. Es wirkt, als habe sich die Stadt seit meiner Abreise kaum verändert.

Als ich in Kundus lebte, arbeitete ein junger Mann für mich als Übersetzer. Er war einer derjenigen, die sich damals auf die Leute aus dem Westen eingelassen haben. Jetzt soll ich ihn in dieser Geschichte Mirwais Amiri nennen, weil er Angst hat, seinen richtigen Namen zu tragen. Wir treffen uns bei ihm, in einem Gehöft am Stadtrand mit Ziehbrunnen und Hühnern. Eine Schwester bringt Tee und Mandeln, und Mirwais erzählt, wie er vor ein paar Tagen auf dem Markt war und Ketchup kaufte. Aus Versehen sei ihm die Flasche heruntergefallen und zerbrochen. Als er sie trotzdem bezahlen wollte, hielt ihn eine Frau zurück. „Du kannst die Tomatensoße nicht benutzen“, sagte sie, „also brauchst du sie nicht zu bezahlen.“ Dann habe sich eine andere eingemischt und gesagt: „Lass den ruhig zahlen, der hat genug Geld, der arbeitet für die Ausländer.“

Mirwais lacht, er lacht darüber, dass er nicht wusste, wer die Frau war, sie trug eine Burka, dass aber sie wusste, wer er war. Eigentlich ist die Geschichte aus genau diesem Grund gar nicht witzig. Seit Monaten geht er jeden Morgen mit Büchern unter dem Arm ins Büro, damit die Leute denken, er sei Student, dabei arbeitet er für eine deutsche Hilfsorganisation. Freunden, die davon wussten, hat er erzählt, er habe gekündigt. Diese Angst, mit Ausländern in Verbindung gebracht zu werden, kannte ich von früher nicht. Sie kam erst, als die Taliban in der Provinz Kundus wieder Fuß fassten.

Mirwais legt eine DVD in den Recorder. Auf dem Bildschirm erscheint ein junger Mann, Schnauzbart, Seitenscheitel, Hemd und Bundfaltenhose. Er läuft die Hauptstraße von Kundus hinunter, vorbei an Kebabständen, Frauen in weißen Burkas, reisigbeladenen Kamelen und Männern mit beigefarbenen Pluderhosen, die in Plastiksandalen dahinschlappen. Der Film ist ein Dokument für die kulturelle Verwirrung eines Übersetzers, der sich zwischen zwei Welten bewegt. Der Mann auf dem Bildschirm ist Mirwais selbst. Er hat seinen Bruder gebeten, ihn zu filmen, weil Verwandte ihm vorgeworfen hatten, sein Gang sei arrogant geworden, seit er mit Deutschen zusammenarbeite. „Ich gehe doch ganz normal“, sagt er.

Mirwais gehört zur neuen Elite von Kundus, die mit der Präsenz von Bundeswehr und Hilfsorganisationen entstanden ist. Sie suchten junge, unbelastete Mitarbeiter, die Englisch sprachen und einen Computer bedienen konnten, und weil das nur wenige waren, stiegen deren Gehälter rasch und veränderten das soziale Gefüge ganzer Familien. Mit neunzehn Jahren verdiente Mirwais sechsmal so viel wie sein Vater, der Lehrer war. Um diese Demütigung zu lindern, gab Mirwais das Geld jeden Monat bei seinen Eltern ab. Trotzdem stieg er zum heimlichen Familienoberhaupt auf, Onkel baten ihn nun um Rat und Hilfe. Inzwischen leben von seinem Gehalt zwanzig Verwandte.

In den vergangenen drei Jahren sind die Taliban wieder nach Kundus eingesickert. In diesem Jahr eröffneten sie im Norden eine zweite Front, als sie im Süden und Osten unter Druck gerieten. Außerdem versorgen die Amerikaner ihre Truppen seit Monaten über Kundus, weil die Route über Pakistan unsicher geworden ist. Damit hat die einst isolierte Provinz für beide Parteien eine neue strategische Bedeutung erlangt. In den paschtunisch besiedelten Distrikten konnten die Taliban alte Netzwerke aktivieren, die ihnen Unterschlupf gewähren. Über Händler aus diesen Distrikten reicht ihr Einfluss bis in die Innenstadt von Kundus, in der sich nun die Stimmung verändert hat.

In der Moschee hört Mirwais die Leute sagen, die Ausländer hätten Menschen wie ihm das Gehirn gewaschen (Interessant, das gewaschene Gehirn mal positiv gewendet: Ein gewaschenes Hirn ist sauber und rein, ein ungewaschenes ist schmutzig, so schmutzig wie die Gedanken des perversen Klohametts, T.), und natürlich haben all seine Begegnungen, die Reisen zu Fortbildungen nach Bonn und Berlin eine Wirkung getan. Wenn Mirwais mit seiner Frau zusammen einkaufen geht, unterhalten sie sich in der Öffentlichkeit. Wenn sie Freunde nach Hause einladen, muss sich seine Frau nicht im Nachbarzimmer verstecken. Das sind Verstöße gegen die Konvention. „Meine Art zu denken hat sich verändert“, sagt Mirwais und klingt wie einer, der sich selbst im Spiegel betrachtet. Eigentlich müsste er seiner Schwester jeden Morgen verbieten, in Jeans zur Schule zu gehen. Das würde sie sogar von ihm erwarten. Aber er nimmt das nicht so ernst. Deshalb hat nun sein jüngerer Bruder diese Aufgabe übernommen.

Der Regisseur Volker Schlöndorff hat einmal beschrieben, wie die Präsenz amerikanischer Soldaten im Deutschland der fünfziger Jahre ihn geprägt habe. „Wir liefen einfach zum Feind über, der sich um kein ,Betreten verboten‘ kümmerte, auf Rasen und Blumenbeeten herumkurvte, ein Bein cool aus dem Jeep baumelnd. Die Zivilisation der Amerikaner hatte uns einfach mehr zu bieten als ,das deutsche Erbe‘ der Eltern und Lehrer.“ Kann es sein, dass Mirwais fasziniert war von der Zivilisation der Deutschen, in deren Büros Akten und Sitzungstermine mehr galten als Teetrinken und der Respekt vor dem Alter?

Spät, vielleicht zu spät, hat die internationale Gemeinschaft auf die Rückkehr der Taliban reagiert. Sie hatten sich in den Stammesgebieten in Pakistan reorganisiert, während Amerika Al Qaida in Afghanistan gemeinsam mit alten Bürgerkriegsveteranen bekämpfte, die das Land in Schutt und Asche gelegt hatten. Sie halten heute im Parlament, in der Polizei und in den Provinzen wieder alle Fäden in der Hand. Die Korruption, der Machtmissbrauch der eigenen Regierung und die zivilen Opfer bei militärischen Operationen der Ausländer machte die Bevölkerung bald zynisch. Ohne sie aber können die Taliban nicht erfolgreich bekämpft werden. In diesem Umfeld gelingt es radikalen Kräften immer leichter, den Leuten einzureden, ihr Land sei von fremden Mächten besetzt.

Nurulhoda Maulawizada Karimi leitet die Koranschule von Kundus. Der Mullah mit dem wuchtigen Bart weiß, dass Koranschulen im Westen einen üblen Ruf haben, aber das verleitet ihn nur zu einem Scherz. „Wir haben hier 1500 Taliban“, sagt er zur Begrüßung, „Studenten – auf persisch Taliban.“ Er bittet in die Bibliothek, einen Raum voller handgeschriebener Bücher, an dessen Ende ein einzelner Computer steht. Er lobt den Bau von Straßen, Kliniken und Schulen. Doch es habe auch negative Veränderungen gegeben. „Vor allem das Privatfernsehen“, sagt er, „statt zu lernen, gucken unsere Kinder Seifenopern, und die Mädchen tragen Kleider wie indische Schauspielerinnen.“ Die Leute hätten die Bedeutung von Demokratie falsch verstanden. „Sie missbrauchen sie, um halb nackt herumzulaufen.“ Es klingt nicht, als sei Nurulhoda ein Reformer. Er ist es aber.

Vor zwei Jahren hat er die Leitung der Schule übernommen, auf der einige Lehrer noch von den Taliban eingestellt worden waren. Er legt die Hände an die Schläfen, um zu zeigen, wie eingeschränkt deren Blickfeld war. Er setzte Naturwissenschaften und Poesie auf den Plan und ließ das Diskutieren und Moderieren üben statt immer nur den Koran zu rezitieren. Als die Regierung ihm keine neuen Bücher schickte, schloss er kurzerhand einen Sponsorenvertrag mit einem Teehersteller ab. Heute hält er über das Internet Verbindung zu islamischen Lehranstalten in Iran, Ägypten und der Türkei. „Wir wollen an der modernen Entwicklung teilhaben“, sagt er. Wenn es nach ihm ginge, sollte der Westen mit den Religionsgelehrten eine islamische Demokratie in Afghanistan einführen. Um die Rechte der Frauen müsse man sich keine Sorgen machen. Frauenrechte gebe es auch im Koran. Das zeige sich schon daran, dass sie in islamischen Ländern nicht so hart arbeiten müssten wie im Westen.

Es war, als ich vor fünf Jahren nach Kundus kam, um für eine deutsche Hilfsorganisation zu arbeiten, damals viel von Zivilgesellschaft die Rede. Das Wort „civil society“ fehlte selten in Projektanträgen und öffentlichen Reden. Dabei wusste fast niemand so genau, was damit gemeint war. Sprachen die Leute nur „die Sprache der intervenierenden Macht“, um Gelder abzugreifen, wie der Afghanistan-Experte Conrad Schetter einmal schrieb? Hatten westliche Hilfsorganisationen sich von einer kleinen, modernen Elite blenden lassen und dabei die konservative Mehrheit aus dem Blick verloren?

Muslima Waliji ist Chefin der Frauenorganisation „Peace Window for Women“. Sie sitzt in einem großen Büro, in das alle paar Minuten Frauen mit einer Frage oder einem Papier zur Unterschrift kommen. Ihr Sohn und ein Wächter scheinen die einzigen Männer auf dem Gelände zu sein. Waliji hat ihr Kopftuch auf die Schultern rutschen lassen, die Burka hängt neben der Tür. „Die Leute hätten sich Schritt für Schritt dem neuen System genähert“, sagt sie. „Aber dafür brauchten sie Vertrauen und Sicherheit.“ Das Vertrauen in den Staat sei durch Korruption erschüttert worden, und die Gefahr durch militante Kräfte habe die Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement erstickt.

Muslima Waliji ist schon seit langem eine bekannte Frau in Kundus. Als die Sowjetunion Ende der siebziger Jahre Afghanistan besetzte, wurde sie von den neuen Machthabern zur Leiterin der Behörde für Frauenangelegenheiten in der Nachbarprovinz Takhar ernannt. Manche Einheimische halten ihr den Aufstieg heute noch vor. Trotzdem ließ sie sich, als die Bundeswehr nach Kundus kam, wieder auf ein neues politisches System ein. Nach dem Sturz der Taliban ging sie schon am nächsten Tag in ihre alte Schule, um wieder als Lehrerin zu arbeiten, später gründete sie eine Frauenorganisation. Frauen wie Waliji wurden damals vom Westen gern herumgereicht, weil sie die Hoffnung auf ein anderes Afghanistan verkörperten. Sie wurde zu den Besuchen deutscher Minister geladen, der Name Wieczorek-Zeul geht ihr noch leicht über die Lippen, und sie trat bei Veranstaltungen als Rednerin auf, bei denen sich das lange isolierte Land mit der Welt zu synchronisieren suchte. Damals wurde in Kundus mit viel Aufwand der Tag der Pressefreiheit begangen, der internationale Frauentag, der Tag des Kindes. Es erschien wie ein Fortschritt. Oder wollte das der Westen nur so sehen?

Sayed Faruq Omar ist oberster Richter von Kundus, ein Mann mit einem Spitzbart und einer ironischen Zahnlücke. Sein Haus ist ungewöhnlich schlicht für einen Mann in seiner Position, kahle Räume mit verschlissenen Sitzkissen, ein trostloser Innenhof ohne Blumen. Wie die meisten Regierungsvertreter auf Provinzebene hat Omar gegen die Sowjettruppen gekämpft und später im Bürgerkrieg. Beides tat er unter der Führung von Gulbuddin Hekmatyar, der heute zu den meistgesuchten Terroristen der Welt zählt. Leute wie Omar stellten Bundeswehr wie Hilfsorganisationen vor ein Dilemma. Man wollte und musste mit ihnen zusammenarbeiten, sie waren die afghanische Regierung, und doch wusste man nie , wen man vor sich hatte. Für die anderen mag Sayed Faruq Omar ein Warlord gewesen sein, für mich war er erst einmal mein Chef.

Abends saß er über dem Wörterbuch und lernte Englisch oder brachte sich bei, mit dem Computer umzugehen. Später ging er als vermutlich ältester Student Afghanistans noch einmal an die Universität, um sein Jurastudium abzuschließen. Er bemühte sich, im neuen System seine Stellung zu wahren, und es half ihm, dass er sich mit dem alten auskannte. Als sein Name einmal auf einer Fahndungsliste auftauchte, weil er angeblich Staatsland zu einem Spottpreis erworben hatte und deshalb der Generalstaatsanwalt aus Kabul kam, ihn zu verhaften, warnte ihn örtliche Polizeichef, den er von früher kannte. Die Sache verlief sich, und das Viertel, in dem er damals ein Haus baute, was er heute teuer vermietet, heißt im Volksmund „Rais Abad“, was „Ort der Chefs“ bedeutet. Es ist zu einem Symbol der Korruption in der Regierung geworden. „Hätte ich den Kaufpreis ablehnen sollen, den der Gouverneur angeboten hat“?, fragt Omar. „In unserem Gericht ist doch selbst die Anti-Korruptionsbehörde korrupt.“ Und: „Wer nichts nach Hause bringt, bekommt Ärger mit seiner Frau.“

Als ich noch für Sayed Faruq Omar arbeitete, habe ich nie gefragt, wie es kam, dass er einer von Hekmatyars Milizenchefs wurde. Als ich ihm diese Frage nun stelle, scheint es fast, als habe er darauf gewartet. Er rückt seinen grünen Mantel zurecht und beginnt zu erzählen, streng chronologisch, vier Stunden lang. Auf kritische Nachfragen gibt er fast immer die gleiche Antwort: „Das war damals so.“

Die Söhne, neun und elf sitzen gelangweilt daneben, als Vater vom Krieg erzählt. In den achtziger Jahren hatte er nach Pakistan fliehen müssen, als sein Bruder wegen Mitgliedschaft in einer Widerstandsgruppe vom kommunistischen Geheimdienst verhaftet worden war. In Pakistan traf er dann Hekmatyar, der ihm half, weil er wie Omar aus Imam Sahib kam, einer Kleinstadt im Norden der Provinz Kundus. Er finanzierte ihm ein Jurastudium in Saudi Arabien. Doch als er nach zwei Jahren zurückkehrte, musste er auf einmal kämpfen lernen. „Wir wurden auf einen Workshop des pakistanischen Geheimdienstes geschickt“, sagt Omar, „und konnte wählen zwischen Kursen für Minen legen, Panzerfaust und Kalaschnikow schießen.“ Er sagt tatsächlich „Workshop“ und meint es wohl ironisch. So werden im Volksmund alle Kurztrainingsprogramme genannt, mit denen westliche Hilfsorganisationen das Land überziehen. Ist der Westen in seinen Augen nur eine weitere ausländische Macht, die Afghanistan ihre Werte aufzwingen will?

Stundenlang erzählt Omar über die Kämpfe, die er erst gegen und dann mit dem Usbekenführer Abdul Rashid Dostum, erst gegen und dann mit dem Tadschikenführer Ahmad Shah Massoud, erst gegen die Taliban ausgefochten hat und dann mit ihnen. Damals hatten sie gedroht, seine Heimatstadt anzugreifen, wenn ihnen der örtliche Kommandeur nicht zweihundert Männer stelle. Die undankbare Aufgabe, sie zu führen, sei dann ihm zugekommen, sagt Omar. Beim ersten Schusswechsel seien viele jedoch desertiert, er selbst sei erst gar nicht an die Front gefahren und habe sich bald ins hundert Kilometer entfernte Tadschikistan abgesetzt. Es scheint immer Krieg gewesen zu sein im Leben von Sayed Faruq Omar, aber von den Seitenwechseln kann einem schwindlig werden. Warum hat er denn gekämpft, wenn Gegner und Verbündete nicht mehr zu trennen waren? „Das war damals so“, sagt er.

Eines Tages wird die Bundeswehr aus ihrem Lager über Kundus abziehen. Wenn die Hilfsorganisationen dann nicht mehr sicher sind, werden auch sie gehen. Was wird dann bleiben?

Der Übersetzer Mirwais Amiri wird nach Kabul ziehen müssen, wenn er ohne die Ausländer auf einmal in Gefahr ist in Kundus. Die Frauenrechtlerin Muslima Waliji wird womöglich ihre Frauenorganisation aufgeben und wieder als Lehrerin arbeiten, wie nach dem Abzug der Sowjettruppen. Für den Religionslehrer Maulawi Nurulhoda macht es sicher keinen Unterschied, ob die Deutschen da sind. Und Richter Sayed Faruq Omar wird wohl sagen, das mit der Demokratie und der Idee von einem modernen Staatswesen, das war damals so.

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Ich komme auf meinen Vorschlag „Fort Pointing Man“ (1) zurück: In Afghanistan ist es m.E. das vornehmste Ziel, die Kräfte mohammedanistischer Terroristen aus aller Welt zu binden. Dabei sind die Terroristen auch dann noch Terroristen, wenn sie in Millionenstärke gegen unsere Mauern anrennen sollten oder wenn das ganze afghanische Volk auf ihrer Seite stände.

Deshalb verstehe ich auch weder Mirwais Amiri noch seine deutschen Auftraggeber: Wir erfahren, daß Mirwais große Angst um sein Leben hat. Sie ist so begründet, daß er mit Hilfe einer Videokamera übt, seinen Gang zu kontrollieren – der Gang kann über Leben und Tod entscheiden. Wir erfahren, dass Mirwais 20 Familienmitglieder ernährt und zum heimlichen Familienoberhaupt aufgestiegen ist, bei dem sich die Onkels Rat holen. Warum aber kauft er zB. nicht zehn von diesen Onkels und Cousins Waffen, damit sie ihm beistehen können? Im Wilden Westen trug doch jeder Mann einen Revolver an der Hüfte (manche sogar zwei), und jede Frau hatte einen Derringer in der Handtasche oder im Strumpfband. Warum sollte das heutzutage in unzivilisierten Gegenden anders laufen? Was erwartet der Westen dort zu erreichen? Sind die Indianerkriege schon völlig in Vergessenheit geraten? Wieso sind unsere Freunde unbewaffnet, während die Taliban vor (amerikanischen) Waffen starren?

Das Land dort braucht zudem – anders als Amerika – doch überhaupt keiner, es ist für die Menschheit völlig irrelevant, welche Orkbande welche andere massakriert. Es ist doch eigentlich sogar je mehr je besser: Jeder gegen jeden und alle halten sich gegenseitig schön klein. Wenn einer dieser fiesen Typen zu sehr aufsteigt, sollten wir gleich seine Gegner stark machen. Sayed Faruq Omars Geschichte deutet m.E. überdeutlich in diese Richtung (Talente und Freunde – wie den kleinen Jungen auf dem Foto oben – können wir ja „herausfischen“).

Als unser Fehler Nummer eins kristallisiert sich in meinen Augen heraus, daß wir dort – ebenso wie später im Kosovo – verhindert haben, daß die Bolschewisten ihren Job machen konnten (ich denke nicht, daß die afghanische Niederlage wesentlich für das Ende des Kommunismus war). Als Fehler Nummer zwei sehe ich es an, daß wir nicht verhindert haben, daß mit den Taliban wieder eine Gruppe das Land dominieren und staatliche Strukturen nutzen konnte. In beiden Fällen hat der Westen tatkräftig am Erstarken der Monster mitgewirkt. Einerseits hat er die Horden gegen die Sowjets ausgerüstet, andererseits den pakistanischen Geheimdienst hochgepäppelt, der seinerseits ja quasi personalidentisch mit den Taliban ist.

Ja, „Nachher ist man immer klüger“, aber allmählich wird diese ständige Wiederholung des gleichen Fehlers so richtig ärgerlich, und die Diskussion läuft meiner Ansicht nach auch völlig in die falsche Richtung, wenn Friederike Böge meint: „Eines Tages wird die Bundeswehr aus ihrem Lager über Kundus abziehen.“ Warum sollte sie das tun, bevor der Mohammedanismus vernichtet ist? Nein, wir sollten von dort NIE wieder weggehen, und zwar auch dann nicht, wenn dereinst der Mohammedanismus bedeutungslos geworden ist. Wir sollten aber auch keinen anderen Anspruch haben, als die Orks ordentlich vorzuführen. Demokratie können wir ihnen nicht bringen, die müssen sie sich selbst erarbeiten und vor allem: VERDIENEN.

Time am 21. November 2009

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(1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/30/fort-pointing-man/

auch (Benzindiebe stellen Schadenersatzforderungen): http://www.n-tv.de/politik/Deutschland-soll-zahlen-article599707.html

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PS1.: Ist ja ein freundliches Foto, aber warum steht ein Okjunges mit einer großen Tasche ungehängt (in die sehr viel Nitro passt) derartig nah an einem unser Jungs?

PS2.: Heute (221109) in N-TV, neue amerikanische Strategie: http://www.n-tv.de/politik/Milizen-gegen-die-Taliban-article600674.html