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Ohne den Westen geht es nicht

30. März 2019

Tadesse Mesfin, „Pillars of Life: „Water Bearers II“

In Dubai bewegt sich was. Lesen Sie einen Aufsatz von Lena Bopp von „FAZ.NET“ (1).

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Ein Blick aus der anderen Richtung

Die Art Dubai, die im Madinat Jumeirah Resort stattfindet, hat den Anspruch, eine der wichtigsten Kunstmessen des „Global South“, der sogenannten nichtwestlichen Welt, zu werden. Kann das gelingen?

Es klang so interessant, was Pablo de Val angekündigt hatte. Der künstlerische Leiter der Art Dubai sprach von einer neuen, „UAE Now“ getauften Abteilung, mit der sich die Kunstmesse der lokalen Szene zuwenden wolle, den Graswurzelpflänzchen am Golf. Und dann das: An drei schmalen Ständen in einem abseits gelegenen Saal des Nobelressorts „Madinat Jumeirah“ präsentierten ein paar junge Frauen eine Website, auf der sie die Arbeiten „talentierter“ Freunde versammelt hatten. Außerdem zeigten sie eine Fotosammlung von öffentlicher Kunst in den Straßen von Abu Dhabi und Skizzenbücher, in denen je ein Künstler die Zeichnungen eines anderen fortgeführt hat, etwa so wie in dem Knickbild-Spiel, das man Kindern beibringt, wenn man möchte, dass sie eine Weile still sitzen. Man durfte das als entlarvend verstehen.

Dubai zeigt sich gerne als Kunstzentrum des Nahen Ostens, und immer im März, wenn die Messe ansteht, wenn die „Art Week“ so viele Menschen in das Galerienviertel an der Alserkal Avenue lockt wie vermutlich das restliche Jahr nicht mehr und dann noch im benachbarten Sharjah die Biennale eröffnet, dann sieht es eine Weile wirklich so aus, als würde sich dieses Versprechen erfüllen. Aber Dubai muss sich, wie in vielen Marktsegmenten, auch im Kunstmarkt auf den Import verlassen. Darauf, dass es trotz aller Wirtschaftskrisen, die vor dem Emirat nicht Halt machen, noch immer über die Mittel und den Willen verfügt, alles einzufliegen, was es für eine Messe braucht, die sich mit rund 80 Galerien und 500 Künstlern nichts Geringerem als dem „Global South“ verschrieben hat. Damit sind die arabischen Länder, Südostasien, Afrika und in diesem Jahr besonders auch Südamerika gemeint – mithin fast die gesamte Welt, außer der westlichen.

Der Versuch, so etwas wie eine Gegenöffentlichkeit zu der von westlichen Institutionen und Wahrnehmungen dominierten Kunstszene aufzubauen, ist nicht neu in der Region. Er ist auch nicht verkehrt. Pablo de Val gab diplomatisch zu, es sei noch ein langer Weg. Aber ein Blick über die mit Wasserspielen und Palmen gespickten Landschaften des Messe-Ressorts reichte, um zu sehen, dass Gäste und Angestellte aus aller Herren Länder stammten. In Dubai arbeiten Menschen aus mehr als zweihundert Nationen. Das Mittelmeer, die afrikanische Ostküste, aber auch Indien und Sri Lanka sind mit Billigfliegern oft in weniger als vier Stunden erreichbar. Die Frage ist nur, ob es nötig ist, den „Globalen Süden“ auch auf Südamerika auszudehnen. Denn Pablo de Val, der lange in Mexiko lebte, bevor er vor zwei Jahren die Leitung der Messe in Dubai übernahm, hat eigens ein „Residents“ genanntes Programm aufgelegt, in dessen Rahmen zwölf Künstler aus Südamerika nach Dubai kamen und ihre Werke nun auf der Messe anboten.

Aber die entstandene Kunst wirkte so ratlos wie die Besucher, die sie betrachteten. Eine Ausnahme bestätigte die Regel: Eine echte Verbindung zwischen den Kontinenten zeigte das Künstlerduo Lina Mazenett und David Quiroga auf, das mit seinen Fotos von kolumbianischen Marschlandschaften, welche die beiden mit einfachen, in der islamischen Kunst oft verwendeten geometrischen Mustern aus Blattgold überklebt haben, an ein emiratisches Unternehmen erinnerte, das in Kolumbien in Goldminen investieren möchte (ab 6000 Dollar).

Von dieser vorsichtigen Kritik abgesehen, mahnte die Kunst vor allem, den Begriff des „Globalen Südens“ nicht zu überdehnen. Auch sollte man die Messe nicht mit Abteilungen überfrachten. Die „Bawadda“ genannte Sektion mit kleinen Soloschauen von zehn, vollkommen willkürlich ausgewählten Künstlern stand in der Halle mit der zeitgenössischen Kunst auf verlorenem Posten. Nicht nur hier zeigte sich, dass es reicht, sich auf das zu konzentrieren, was Dubai näher liegt. Dazu gehört schließlich auch die ostafrikanische Küste, von wo die Galerie „Addis Fine Art“ eine kleine Entdeckung mitbrachte. Zwei halb abstrakte Bilder von afrikanischen Frauen, die der Künstler Tadesse Mesfin als „Säulen des Lebens“ bezeichnet und auch so darstellt – hoch gewachsene, schmale Wesen, die bei der Verrichtung täglicher Aufgaben wie dem Wasserholen ihre Individualität verlieren, aber elementare Stützen einer Gemeinschaft bilden (Water Bearers II, 147 mal 112 Zentimeter, 28.000 Dollar). Beide Bilder wurden sofort verkauft.

Noch näher liegen natürlich die arabischen Nachbarländer, die traditionell gut vertreten sind, nicht nur weil Galerien aus Ramallah und Jordanien in Dubai ein viel kaufkräftigeres Publikum treffen als an ihren Standorten. Auch für Künstler aus Saudi-Arabien ist Dubai wichtiger denn je – wer reist schon nach Saudi-Arabien in diesen Tagen, in denen die „New York Times“ gerade erst von einer „schnellen Eingreiftruppe“ aus Riad berichtete, die bereits vor dem Mord an Jamal Khashoggi Dissidenten im Ausland entführt und gefoltert haben soll. Bei „Athr Art“ aus Dschiddah war entsprechend viel los. Ein Foto aus der „Desert of Pharan“-Serie von Ahmed Mater stand zum Verkauf. Bemerkenswert war aber besonders die Arbeit von Zahriah Al-Ghamdi, die in ihrer Installation „Accelerating growth“ mit Baumwolle gefüllte Lederbälle stapelte und mit feinen Schraffierungen versah. Sie erinnerten an die Felsinschriften von Al-Ula, einer archäologischen Stätte aus vorislamischer Zeit im Nordwesten des heutigen Saudi-Arabiens, die jahrzehntelang kaum zugänglich war. In den seit kurzem gediehenen Plänen des Kronprinzen, sein Land für den Tourismus zu öffnen, spielt diese Unesco-Welterbestätte aber eine zentrale Rolle. Und so ist die Entscheidung, ausgerechnet die über Al-Ula arbeitende Zahriah Al-Ghamdi als Vertreterin Saudi-Arabiens zur kommenden Biennale nach Venedig zu schicken, auch ein politisches Signal.

Solche Signale findet man in der arabischen Gegenwartskunst häufig, die deswegen eine größere Dringlichkeit ausstrahlt. Wer in einem Palästinenserlager in Beirut aufgewachsen ist, wie Abdulrahman Katanani in Shatila, dessen Leben ist seit dem ersten Tag von der ewigen Hoffnung der Palästinenser geprägt, eines Tages in ihre Heimat zurückzukehren. Aber Katanani erteilte dieser Hoffnung eine Absage, indem er den Blick mit seinen Wandfiguren „Gaza“ auf das richtete, was er im Lager tatsächlich vorfand – seien es nur Kinder, die mit Wellblech und Stacheldraht spielen. Auch der Iraker Serwan Baran griff in seiner Bilderserie „Checkpoints“ das ewige Dilemma der von Misstrauen zersetzten arabischen Gesellschaften auf. Schließlich stellte sich Walid Raad einer Frage, die jedem schon in den Sinn gekommen sein dürfte, der vor Bildern von Künstlern wie Huguette Caland stand: Wie kann es sein, dass jemand, der den Krieg kannte, nicht über ihn gearbeitet hat? Raad gibt die Antwort in einer Bilderserie, die elf Maler der arabischen Moderne zum Schwur zwingt (je 87,5 mal 74,3 Zentimeter, zusammen für 150.000 Dollar).

Ansonsten war die Messe doch überschaubar. Ein kleines Bronzepferd mit Reiter von Fernando Botero stand für 480.000 Dollar zum Verkauf (Custot Gallery). Als herkömmlich marktgerechtes Angebot gab es Bilder von Peter Halley und Marc Quinn. Außerdem Fotos von Shirin Neshat und Andreas Gursky. Wie üblich im Emirat Dubai gab es einen „Ladies Day“, ein paar Stunden, in denen Frauen die Messehallen ganz für sich hatten. Überraschungen gab es keine. Und Nervosität kam eigentlich nur auf, als sich in den Fluren das Gerücht verbreitete, die Delegation des Museum of Modern Art aus New York sei eingetroffen. So ganz ohne den Westen geht es doch nicht.

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Time am 30. März 2019

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1) https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/art-dubai-ein-blick-aus-der-anderen-richtung-16103231.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

Steine sind stumm

5. September 2015

Palmyra

Warum eigentlich ereifern sich unsere MSM so über die Abtragung von ein paar Steinen, die vor ein paar hundert Jahren übereinandergeschichtet wurden?

Jeden Tag werden weltweit an die 300 Christen wegen ihres Glaubens ermordet (1), die meisten von ihnen von Mohammedanisten. Dennoch herrscht bei uns unter der Mehrheit der Bürger der Konsens, dass sie nicht besonders schutzbedürftig seien, beim Asyl nicht bevorzugt werden sollten, und dass statt ihrer vielmehr eine Million mohammedanistischer, jungmännlicher Wirtschaftsflüchtlinge und Jihadisten ohne Wenn und Aber bei uns aufgenommen werden sollen. Das Leben von mehr als Hunderttausend jährlich ermordeter anständiger Menschen ist völlig egal, aber ein paar umgestoßene Steine eines längst vergangenen heidnischen Kultes in einem syrischen Kaff namens Palmyra rühren zu Tränen?

Die Innenstadt von Würzburg ist im Krieg gegen den deutschen Nationalsozialismus zu 95% zerstört worden. Heute aber sieht sie schmuck aus wie eh und je. Es wäre kein Problem, all die Steine wieder kunstvoll übereinanderzuschichten, wenn der IS-IS zerschmettert würde. Da braucht es auch gar keine Science-Fiction-Lösung wie die von Lena Bopp von der „FAZ“, die „Mit 3-D-Druckern gegen das Vergessen“ kämpfen will (2). Das geht schon jetzt und ist nicht schwer, nur eben muss der IS-IS vernichtet werden – aber nicht unbegründeterweise vertritt z.B. der arabische Dichter und Counterjihadi Adonis die Ansicht, dass dieses widerwärtige Terrorregime vom Westen gewollt ist (3).

In der FAZ faselt Rainer Hermann ausgehend von den Zertörungen in Palmyra von der Inspiration der Moderne für den IS-IS. Nach 1.400 Jahren ununterbrochener mohammedanistischer Eroberungs- und Vernichtungskriege hat er die Borniertheit zu formulieren (4): „Der ,Islamische Staat‘ setzt in Palmyra sein Zerstörungswerk fort. Mit der Tradition des Islam hat das nichts zu tun. Es ist ein Produkt der Moderne.“

Tja, wenn man es sich auf einem Berg von 400 Millionen durch Mohammedanisten Ermordeter bequem gemacht hat, kann man leicht die Ausrottung der Christen und Juden in Arabien durch Mohammed, die Zerstörung der Weltbibliothek von Alexandria oder die Vernichtung der indischen Nation Sind (5) aus dem Blick verlieren.

„Sie haben da was missverstanden, Herr Hermann“, meint denn auch FAZ-Leser Albert Schultheis und schreibt:

„,Der ,Islamische Staat‘ setzt in Palmyra sein Zerstörungswerk fort. Mit der Tradition des Islam hat das nichts zu tun. Es ist ein Produkt der Moderne.‘ – Nein, die Moderne steht für ein Aufblühen der Kunst, der Literatur, der Freiheit des Geistes und des Körpers und sie stellt sich damit in die Tradition der Renaissance und der Aufklärung. Nichts könnte abwegiger sein, als die Halsabschneider der vormittelalterlichen Allah-Krieger in die Tradition der Moderne zu stellen, denn diese war zuallererst das Aufbegehren gegen die jahrhundertealte Abhängigkeit der Menschen von religiösen Dogmen und überlieferten Traditionen – übrigens egal ob christliche, jüdische oder islamische. Aber gerade auf diese Moderne haben die Allah-Krieger des IS ihre Zerstörungswut gerichtet, weil die Moderne und der säkulare Staat, der aus ihr hervorging, ihren primitiven Glaubensgrundsätzen diametral und unvereinbar gegenüberstehen. Das hindert sie freilich nicht, all die ,geilen‘ Produkte der Moderne zu nutzen.“

Was also soll das Gejammer um die Zerstörung der alten römisch-griechisch-syrischen Tempel?

Ich habe das Gefühl, dass hier Kritik am Mohammedanismus bequem und wohlfeil ist. Wie viele andere fanatische oder gekaufte Lakaien in den MSM ist Herr Hermann der Ansicht, dass es eine gute Sache ist, wenn der Nazislahm zur herrschenden Ordnung in Europa wird, aber ganz so deutlich traut man sich denn doch noch nicht zu sprechen.

Da macht es sich gut, wenn man zur Tarnung der eigentlichen Agenda auch mal ein bißchen auf Extremformen des Mohammedanismus schimpfen kann und dicke Krokodilstränen über den Rückbau antiker Gebäude vergießt.

Das wirkt objektiv, tut niemand weh und weckt keinen Widerstand, denn:

Steine sind stumm.

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Palmyra

Der Kulturvandalismus der Islamisten

Der „Islamische Staat“ setzt in Palmyra sein Zerstörungswerk fort. Mit der Tradition des Islam hat das nichts zu tun. Es ist ein Produkt der Moderne.

Die Liste der vom „Islamischen Staat“ begangenen Zerstörungen wird immer länger: Sie beginnt im Irak mit dem Museum und der Stadtmauer von Mossul, setzt sich in Nimrud und Hatra fort und hat nun im syrischen Palmyra einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Neben vorislamischen antiken Stätten machen die Barbaren des 21. Jahrhunderts Moscheen und Grabmäler dem Erdboden gleich, Kirchen und Klöster. Mit diesem Kulturvandalismus und der Orgie der Gewalt will uns der IS provozieren, uns unsere Ohnmacht vor Augen führen und zeigen, wer in der Levante das Schwert führt.

Doch der Terror hat mit dem primitiven dualistischen Weltbild des IS auch eine theologische Dimension. Die Ideologen des IS verherrlichen einen idealisierten frühen Islam, und sie negieren damit die 1400 Jahre lange Geschichte ihrer Religion mit all den Traditionen, in denen sie sich manifestiert hat: den mystischen Islam ebenso wie den schiitischen, die Volksfrömmigkeit ebenso wie die Vielfalt der theologischen Lehrmeinungen. Der IS-Terror löscht diese Manifestationen des historischen Islams aus und liquidiert diejenigen, die diese Ausprägungen leben.

Zeitalter der Unwissenheit

Opfer des IS-Terrors sind daneben jene, die ihr Weltbild nicht (allein) mit dem Islam begründen. Denn der IS kennt nur zwei Zustände der Welt: das Ideal des frühen Islams und die sogenannte „Welt der Unwissenheit“. Die Muslime bezeichnen gewöhnlich die Zeit vor dem Islam als das „Zeitalter der Unwissenheit“. In der Moderne aber hat sich der Blick auf die Zeit vor dem Islam verändert. So führte gerade die vorislamische arabische Dichtung, die Tugenden wie Ehre, Tapferkeit und Milde gegenüber dem Feinde pries, zur Herausbildung eines nichtreligiösen arabischen Nationalstolzes – was nicht im Sinne des IS ist.

Kategorisch verwirft der IS auch die nationalen Identitäten der wenigen nahöstlichen Staaten mit stabilen Grenzen, die in vorislamischen Kulturen gründen: Das moderne Ägypten leitet seine Identität von der pharaonischen Kultur ab, das moderne Tunesien von Karthago, der Libanon von den Phöniziern, Iran von den Achämeniden in Persepolis. In diesen Ländern entwickelte sich ein Nationalbewusstsein, das nicht des Islams bedarf. Die Verherrlichung der vorislamischen Geschichte ist somit stets Merkmal eines säkular orientierten Nationalismus.

Nationalstolz jenseits der Religionen

Gerade die Oasenstadt Palmyra hat zur Entstehung eines arabischen Nationalstolzes jenseits der Religionen beigetragen. So hatte Zenobia, die legendäre arabische Herrscherin Palmyras, Rom herausgefordert und vorübergehend die Araber mächtig werden lassen. In ihrem Jahrhundert, dem dritten nach Christus, wurde in Rom ein Araber Kaiser, Palmyra war eine bedeutende arabische Handelsstadt – alles vor dem Islam. Erst Palmyras Niedergang leitete Mekkas Aufstieg ein und damit die Entstehung des Islams.

Die Islamisten, die als Identität nur die Gemeinschaft der Muslime akzeptieren, lehnen nationale und ethnische Referenzen kategorisch ab. Sie lassen keine andere Identität als ihre islamische zu. So haben die Saudis beim Export ihres puritanischen Islams stets alte Moscheen abgerissen, um damit lokale Traditionen zu zerstören. An ihrer Stelle bauten sie gleichförmige, angeblich moderne Moscheen, über die sie dann ihren extremistischen Islam verbreiten.

In vielen Ländern haben die lokalen Islamisten jedoch die historischen Kontinuitäten, die in vorislamische Zeiten zurückreichen, längst akzeptiert. In Ägypten stellt niemand die Pyramiden in Frage, in Tunesien niemand Karthago, in Iran niemand mehr die Residenzstadt Persepolis, nachdem zu Beginn der Revolution von 1979 die dortige Bevölkerung einige Bilderstürmer daran gehindert hatte, das Weltkulturerbe Persepolis einzuebnen. In Ländern, die sich über den Islam legitimieren, hat Archäologie aber stets einen schweren Stand. Denn sie zeigt ja, dass die Welt nicht erst mit dem Islam begonnen hat.

In der Tradition des Islams kann das radikale dualistische Weltbild des IS kaum an Vorbilder anknüpfen; es ist ein Produkt der Moderne. Erst der ägyptische Denker Sayyid Qutb, der 1966 hingerichtet wurde, machte die radikale Trennung von Islam und „Unwissenheit“ populär. Er erhob zur „islamischen Pflicht“, Krieg gegen alle zu führen, die, wie die Herrscher Ägyptens, in „Unwissenheit“ verharrten. Qutb hielt die Rückkehr der „Unwissenheit“ – darunter fiel bei ihm auch der säkulare NationaIismus – für das größte Problem des zeitgenössischen Islams. Dafür hatte er nur eine Lösung: Die Herrschaft des Islams müsse überall auf der Welt durchgesetzt werden, und sei es mit Gewalt.

Islamistische Eiferer lehnen selbst islamische Altertümer ab. So hatte Ibn Baz, der dem saudischen König Fahd als Religionsminister und Großmufti diente, die Restaurierung von Altertümern in Mekka und Medina mit dem Argument abgelehnt, sie führe nur dazu, dass die Muslime diese Bauten verehrten, was ein Zeichen von Götzendienst sei, und lenke von der Unterwerfung unter den Einen Gott ab. Ibn Baz predigte in seinem Kampf gegen die „Unwissenheit“ auch, dass sich die Sonne um die Erde drehe. Wenn der IS in einer Tradition steht, dann in dieser.

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Time am 5. September 2015

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1) http://www.katholisches.info/2011/06/09/alle-5-minuten-wird-ein-christ-ermordet-osze-vertreter-legt-zahlen-zur-christenverfolgung-vor/
2) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/mit-3d-ausdruck-gegen-die-zerstoerung-der-is-13782242.html
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2014/12/29/im-interview-nochmal-adonis/
4) http://www.faz.net/aktuell/politik/islamischer-staat-will-mit-palmyra-zerstoerung-provozieren-13778591.html
5) https://madrasaoftime.wordpress.com/2014/09/15/naipaul-zur-vernichtung-von-sind/

Sieg des Counterjihad: Bremer „Tatort“

25. Februar 2014

Tatort

Sogar der Finger stimmt: Niels Bruno Schmidt als Rechtsanwalt Puvogel und Dar Salim als sein Patron, Clan-Führer Hassan Nidal

Der Bremer Tatort „Brüder“ (1), der offenbar ansatzweise ungeschminkte Wahrheiten über den mohammedanistischen Miri-Klan brachte (2), welcher die Stadt im Würgegriff hält, war ein unerhörter Erfolg, wie Robert von Lucius heute in der FAZ berichtete (3). Er beginnt mit der Zeile „Empörung nach dem Bremer ,Tatort’“, und empört zeigt sich der Bremer Staatssekretär Holger Münch, der „meint, der Film verbreite eine ,falsche Botschaft’, die zur Stigmatisierung aller Angehörigen des hier dargestellten Familien-Clans beitrage.“ Man hat den Eindruck, dass die grün-roten Eliten samt und sonders von den Vogelscheichs aufgekauft worden sind.

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Empörung nach dem Bremer „Tatort“

Es gibt auch KFZ-Meister in der Familie

Der am Sonntag gezeigte Bremer „Tatort“ um einen kriminellen Kurden-Clan hat ein reales Vorbild: Die Hälfte aller Mitglieder der „Miris“ ist polizeibekannt. Die Diskussion nach dem Fernsehkrimi kocht hoch.

Eine solche Debatte hat wohl selten ein „Tatort“ nach sich gezogen, wie die am Sonntag gelaufene Episode „Brüder“ von Radio Bremen. Sie handelt von einem kriminellen Clan mit kurdischen Wurzeln, von Einschüchterung, Angst und Ohnmacht. Der Bremer Innenstaatsrat (Staatssekretär) Holger Münch meint, der Film verbreite eine „falsche Botschaft“, die zur Stigmatisierung aller Angehörigen des hier dargestellten Familien-Clans beitrage. Stattdessen solle man auf positive Vorbilder setzen wie Kraftfahrzeugmeister oder Akademiker in dieser Großfamilie. Die „Bild“-Zeitung stellte derweil die Frage, ob dies ein Krimi gewesen sei oder eine Dokumentation. Der kleinste ARD-Sender freute sich, erstmals die Zehn-Millionen-Zuschauer-Grenze überschritten zu haben.

Am Live-Blog von Radio Bremen während und nach der Sendung nahmen fast 50.000 Zuschauer teil. Die Reaktionen folgten im Groben vier Denkrichtungen: Für erstaunlich viele war das „der beste ,Tatort‘ je“, spannend und atmosphärisch dicht. Einige bemängelten inhaltliche Fehler – so habe Bremen keinen Containerhafen mehr. Manche sprachen von Klischees, die Vorurteile gegen „alle Ausländer“ bestärkten. Überwiegend aber, und nüchterner als sonst in Internetforen, wird der Mut von Radio Bremen gerühmt, einmal nicht auf politische Korrektheit zu setzen und Tabus zu brechen. Endlich hätten schon zu Beginn „ganz gewöhnliche Streifenpolizisten“ eine tragende Rolle gespielt. Ein Bremer berichtet, auch er sei von einem solchen kriminellen Clan bedroht und angegriffen worden, ihm habe aber der Mut gefehlt, zur Polizei zu gehen. Dies spiegele die Realität mehr, als man glauben möge, hieß es – überforderte Polizisten und vor allem zu wenige; und kein Respekt mehr vor ihnen und die Machtlosigkeit, dem entgegenzustehen.

In Bremen gibt es wie in Berlin und anderen Großstädten reale Vorbilder: die unter dem Namen „Miris“ geläufige kurdische Volksgruppe der Mhallamiye aus der Türkei und Libanon, die mit 2600 Menschen in 31 Großfamilien in Bremen lebt. Staatsrat Münch verweist darauf, dass seit 2010 die Zahl der Kriminellen aus dieser Gruppe zurückgehe – 816 Fälle hatte die Polizei 2012 erfasst. Die Polizei habe, sagte Münch, der bis vor zwei Jahren Polizeipräsident in Bremen war, die Auswüchse in den Griff bekommen. Der Leiter des Landeskriminalamts ist da schon konkreter: Jedes zweite Clanmitglied sei polizeibekannt, fünfzig gelten als Intensiv- oder Schwersttäter. 2012 sei jeder sechste Mhallamiye einer Straftat bezichtigt worden – Körperverletzungen, Rauschgifthandel, Raub, Bestechung, Nötigung. Ein düsterer „Tatort“ zu einem düsteren Thema.

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Ich lasse ein paar Leserzuschriften folgen. Der erste Block ist zum Artikel von Lena Bopp, der zweite zum Text von Robert von Lucius.

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KLAUS MÜLLER (MEHL-BOX) – 25.02.2014 08:45 Uhr – nach gefühlt Tausend Tatort Schlafmittel-Serien endlich mal ein Treffer u. ein Thema das wach hielt! Ich versuche jetzt gar nicht erst zu relativieren u. sage direkt heraus, Familien-Clans leben in D in einer Parallel-Welt mit eigenen Regeln, moralischen Grundsätzen u. streng strukturierten Hierarchien. Das Familienoberhaupt ist das Zentralorgan, unangreifbar u. wird von seinen Untertanen wie ein gottähnlicher Autokrat verehrt. Manche haben einen Stab um sich geschart, der wie eine Firma funktioniert u. Anwälte, Kaufleute u. „Unternehmer“ (Import/Export) einbindet u. eine Art Soldaten als Befehlsempfänger/Vollstrecker beschäftigt. Und alle arbeiten an einem gemeinsamen Ziel: auf JEDE erdenkliche Art u. Weise Geld zu machen, rücksichtslos, denn über die Familie geht nichts. Diese bedingungslose Treue ist die Basis ihres Erfolgs!

DR. WOLFGANG KAISER (WOLFGAN…) – 25.02.2014 00:35 Uhr – Die Realität ist eine andere! In Wirklichkeit liegt am Ende keiner der Miris o.ä. am Boden und blutet. Das riskiert keiner. In Bremen (Deutschland) ermittelnde Staatsanwälte wohnen unter Polizeischutz an geheimen Orten, weil es echte ernstzunehmende Morddrohungen (anders als in Fall des Kriminellen Edathy) gibt. Das zeigt der Film alles nicht. Die echte Realität ist dem deutschen Fernsehbürger offenbar nicht zuzumuten, von den sonst gewohnten politisch korrekten Erziehungskrimis ganz zu schweigen (ich hab bis zuletzt auf den obligatorischen Neonazi gewartet, der hinter allem stecken muss)!

DR. JOACHIM SCHMIDT (JPS71) – 24.02.2014 09:38 Uhr – Und wer führt uns in diese Wolfsgesellschaft zurück? Ausgerechnet unsere ausländerfreundlichen Gutmenschen mit ihrer unübertroffenen Naivität! Den jugendlichen migrationshintergründigen Kriminellen, der nach 48 Straftaten zum ersten Mal inhaftiert wurde, hat es in Bremen übrigens tatsächlich gegeben. Als er in der Haft seine Aggression gegen sich selbst richtete und Selbstmord beging, widmeten ihm ,namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens’ eine Traueranzeige.

FRANZ FELDMANN (FRANZPA…) – 24.02.2014 09:11 Uhr – Bremen als NoGo – Dieser Tatort, der wohl die wahren Verhältnisse in Bremen aufgreift, dürfte der Stadt bös ins Kontor schlagen. Endlich sieht der Rest der Republik, wie verkommen eine Stadt werden kann, wenn sie über Jahrzehnte die Augen vor der Realität ideologisch verschließt. (…)

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GUIDO DUELLI (GUDOLI) – 25.02.2014 16:17 Uhr – Geldwäsche – Herr Münch differenziert ungenügend: Ein Teil der Clanangehörigen wird straffrei gehalten, um im legalen Wirtschaftssektor Geldwäsche betreiben zu können. Überhaupt ist der „Tatort“ auf den Aspekt der wirtschaftlichen Macht, den diese Clans bereits erlangt haben, überhaupt nicht eingegangen. (Nebenbei angemerkt: Die Polizei fährt in Städten mit Clanstrukturen nicht mehr einzeln an, sondern bildet zunächst an in der Nähe gelegenen Sammelpunkten Konvois). (…)

DR. WOLFGANG KAISER (WOLFGAN…) – 25.02.2014 15:40 Uhr – Ein paar Fragen bleiben offen – 1. Steht Herr Münch vielleicht selber auf der Gehaltsliste der Miris? Unverschämter als er kann man wohl kaum ins Gesicht der unzähligen Miri-Opfer schlagen! (…)

BURT SCHNETZ (ODERBLOCK) – 25.02.2014 14:55 Uhr – man muss wissen, dass diese familien alle im hartzIV-bezug sind, bis auf wenige mitglieder, die aus strategischen gründen kein hartz beziehen. denn: auf irgendwen müssen ja die ganzen porsche cayenne und s-klasse und bmw x5 angemeldet werden, die diese familien fahren. wer in berlin wohnt, kann sich etwa am jobcenter neukölln in der mainzer str. 27 mal zwei stunden hinstellen und schauen, wer da alles in der zweiten reihe mit welchen autos parkt, um den weiterbewilligungsantrag in den briefkasten zu schmeißen oder die einkommenserklärung zur selbständigkeit (gewinn natürlich null euro) abzugeben. und dann gibt es natürlich noch die clanmitglieder, die aus dem knast kommen, den sie schon mehrere jahre immer wieder mal besucht haben: das soll mir mal einer vormachen, wie du als arbeitsvermittler diese leute in den arbeitsmarkt integrierst. knast ist sowas wie ein breitbandantibiotikum , das dich vor dem arbeiten schützt. das wissen die brüder natürlich, und entsprechend tiefenentspannt sitzen sie dann im stuhl im jobcenter.

HANS BETHE (HANS_BETHE) – 25.02.2014 12:04 Uhr – Unterstützt die Polizei! Hallo, ich selber bin einmal in Mannheim in einen Auffahrunfall mit 5 jungen Türken verwickelt worden. Anstatt sich einfach bei mir zu entschuldigen und den Schaden der Ver-sicherung zu melden, wurde ich erst einmal aggressiv beschimpft ich solle meine Schuld eingestehen. Als ich sofort jeder Kommunikation einstellte und mir umgehend Zeugen besorgt habe, wurde der gesamte Familienklan zur Unfallstelle herbeitelefoniert, worauf sich unglaubliche Szenen mit der Polizei abspielen! Ich habe nur noch kopfschüttelnd auf einer Leitplanke gesessen. Die Polizei musste Platzverweise aussprechen und Leute mit auf die Wache nehmen! Und das bei einem harmlosen Auffahrunfall. Die ausländischen Mitbürger sind es halt gewohnt, sich durch lautstarkes lamentieren und aggessives Auftreten durchzusetzen. Wenn das nicht funktioniert, herrscht erst einmal Ratlosigkeit. Leid tut mir die Polizei, denen noch ein Herr Münch erzählt, dass sie sich diese Probleme nur einbilden.

MAREK BRODZIK (MAREK.B…) – 25.02.2014 11:45 Uhr – Die Mhallami sind aber keine Kurden… Sie sind definitiv Araber und keine Kurden (kurdisch ist ja bekanntlicherweise eng mit dem Persischen verwandt und eine indoeuropäische und keine semitische Sprache wie das Arabische). (…)

DR. ANDREAS FRICK (HEPHAISTOS) – 25.02.2014 11:36 Uhr – Deutschland hat fertig – Wer die Berichte auf den angeblich rechtsextremen Blogs im WWW zu diesen Clans liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Staat den Kampf gegen eingewanderte kriminelle Clans längst aufgegeben hat. Dass es sich dabei nicht im vietnamesische Bootsflüchtlinge handelt, sondern um Angehörige ganz bestimmter Herkunft und Religion, ist auch allen klar, das zu sagen ist aber angeblich rassistisch. Die Kapitulation der Justiz hat aber vor allem in Bremen ganz klar politische Gründe. Der SPD geht es um Wählerstimmen, und da sie die Stadt Bremen seit langem beherrscht, ist auch die Justiz und die Polizei entsprechend ideologisch ausgerichtet. Ob Korruption und Erpressung eine Rolle spielen, ist nicht klar. Da die Clans sehr reich sind, würde mich das nicht wundern. Die einzige Partei, die Klartext redet, sind die «Bürger in Wut». Die CDU kann man komplett vergessen genauso wie die Presse, die kein Interesse an Aufklärung hat. Sarrazin hat mal wieder recht.

HANS MUELLER (HONIGTAU) – 25.02.2014 11:34 Uhr – Man will nicht verstehen – Politiker haben diese Clans erst aufgebaut, war in HH mit der Osmani-Großfamilie nicht anders. Angefangen haben sie auf der Mönckeberstraße als Hütchenspieler Ende der 90er. Schon da hätten der HH Senat einen eisernen Besen holen und sie wegfegen müssen, schließlich basiert das Hütchenspielen ganz eindeutig auf Betrug, man hätte sie zurück nach Hause schicken sollen. Heute sind sie mit Drogengeldern, Prostitutionsgeschäften und Immobilienschiebereien schwerreich. Politik, Medien und der Justizapparat muß von denen völlig verseucht worden sein. Man sagt nicht umsonst: Wehret den Anfängen! Deutsche Obdachlose wurden vom Ole höchstpersönlich aus dem Stadtzentrum verjagt. Den Asylanten werden Heime gebaut oder Senioren für sie aus ihren Heimen verjagt, nicht zu fassen ist diese antideutsche Politik, gemacht von Deutschen. Diesmal fliegen keine feindlichen Bomben, heute zerlegen sich die Deutschen selber. Dieser Film wird wie andere in der Vergangenheit eine Eintagsfliege bleiben.

BODO BLÖMER (BOBLOE) – 25.02.2014 10:28 Uhr – Traurige Realität – Ein Schulfreund von mir war Staatsanwalt in Bremen. Der kurdische Clan fiel in seinen Aufgabenbereich. Er und seine Familie wurden von dem Clan bedroht, zuletzt stand er unter Polizeischutz. Der Tatort kommt der Realität sehr, sehr nahe.

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Time am 25. Februar 2014

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2014/02/23/bremens-heimliche-herrscher/
2) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/neuer-tatort-aus-bremen-die-hundertundeins-straftaten-des-hassan-nidal-12814254.html
3) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/empoerung-nach-dem-bremer-tatort-es-gibt-auch-kfz-meister-in-der-familie-12818651.html

Bremens heimliche Herrscher

23. Februar 2014

Tatort

Die Mhallamiye, die sich in Nordwestdeutschland, Bremen, in Berlin und in Essen festgesetzt haben, waren schon häufiger Thema in der MoT.

Um 20:15 Uhr wird im ersten Programm ein „Tatort“ aus Bremen laufen, der die mafiösen Verhältnisse in der Stadt beleuchtet. Lena Bopp hat heute auf „FAZ.net“ eine eindringliche Ankündigung verfasst (1). Sie sieht die Angelegenheit sehr vom künstlerischen Standpunkt aus und bewertet dabei m.E zu gering, dass der Miri-Clan eine echte Bedrohung für alle anderen Menschen ist. 50 Millionen macht er im Drogenhandel, dazu kommen noch mal sieben Millionen durch staatliche Unterstützung. Damit kann man schon einiges bewegen.

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Neuer „Tatort“ aus Bremen

Die hundertundeins Straftaten des Hassan Nidal

Um Bremen steht es schlecht in diesem „Tatort“, denn die Polizei fürchtet sich vor den Verbrechern. Für die Zuschauer ist das gut, denn die hanseatische Malaise verwickelt die Kommissare in einen packenden Kampf an zwei Fronten.

In Bremen herrschen jetzt die Nidals. Familie Nidal, die in den achtziger Jahren aus der Osttürkei nach Deutschland kam, kontrolliert den Drogenmarkt der Hansestadt, und sie tut das mit aller Härte: Allein Hassan Nidal (Dar Salim), der tonangebende Sohn des Clans, kann auf mehr als hundert Straftaten zurückblicken, und weil von räuberischer Erpressung bis zu schwerer Körperverletzung alles dabei ist, fürchtet ihn auch die Polizei.

Das ist schlecht für Bremen – aber gut für uns. Denn sosehr man die beiden Streifenbeamten bedauert, die Hassan Nidal nachts auf verlassenem Feld begegnen, so wohltuend ist die Geschichte über eine Stadt im Würgegriff skrupelloser Paten für die Zuschauer: Endlich, man muss es so sagen, ist in Bremen mal wieder was los.

In besagter Nacht wird eine Polizistin von Hassan und seinen Brüdern halb totgeprügelt. Ihr Kollege David Förster (Christoph Letkowski) könnte sie retten, ergreift aber die Flucht. Das ist nicht sein einziger Fehler. Später will er, der eigentlich allen als „guter Bulle“ gilt, sein Versagen nicht einmal zugeben und behauptet stattdessen, sich an nichts erinnern zu können.

Schnelligkeit, Komplexität, Wagemut

Die Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) haben es also mit mehreren Gegnern zu tun: mit Gangstern, die gleichermaßen verwegen wie bis in höchste Kreise vernetzt sind, und mit einem Kollegen, den Angst und Stolz auf die falsche Fährte locken. Und dieses Ringen an zwei Fronten ergibt einen Film, der vieles von dem, was wir in den vergangenen Wochen sonntags über uns ergehen lassen mussten, an Schnelligkeit, Komplexität und Wagemut weit übertrifft.

Das liegt vor allem daran, dass die Drehbuchautoren Wilfried Huismann und Dagmar Gabler ein eisernes „Tatort“-Gebot außer Kraft setzen. Uns beschleicht nämlich bald das Gefühl, die Staatsgewalt könnte dieses Mal tatsächlich das Nachsehen haben. Wie tief sich Angst und Schrecken in die Stadt gefressen haben, erzählt der Film (Regie: Florian Baxmeyer) immer wieder auch in kleinen, feinen Szenen: Wie etwa der querschnittsgelähmte Zeuge, der zu Beginn noch mutig zu Protokoll gibt, was er gesehen hat, schweigt und vor Scham zu Hause mit seinem Rollstuhl im Kreis fährt; wie zwei Streifenpolizisten reglos im Wagen verharren, statt ihren Job zu tun – das sind Augenblicke, die wir im „Tatort“ nur noch selten sehen.

Die aber in schönster Stille mehr über das Wesen der Gewalt erzählen, als viele versatzstückhafte Kommissaren-Dialoge es zuletzt getan haben.

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Time am 23. Februar 2014

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/neuer-tatort-aus-bremen-die-hundertundeins-straftaten-des-hassan-nidal-12814254.html
2) http://www.bild.de/regional/bremen/bremen-regional/so-viel-vom-staat-libanesische-clan-illegal-drogengeschaefte-14826836.bild.html

Im Interview: Shereen El Feki

2. März 2013

ElFeki

Vor kurzem hatte ich auf die Untersuchungen der Immunologin Shereen El Feki hingewiesen, die grade ihr Buch „Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt“ (Hanser, Berlin 2013. 416 S., geb., 24,90 Euro) zur Rolle der Sexualität in arabischen Gesellschaften veröffentlicht hat. Die heutige FAZ brachte ein mit Lena Bopp geführtes Interview von ihr.

Interessant finde ich nicht nur Gegenstand und Ergebnisse ihrer Forschung, sondern auch die Tatsache, dass eine kluge, westlich ausgebildete Person meint, um jeden Preis und mit aller Macht an dem grausamen und hahnebüchenen Unsinn des Mohammedanismus festhalten zu müssen. Warum lesen sie nicht einfach mal ihre Texte? Sie könnten doch sofort erkennen, dass sie von einem kleinkarierten, gierigen und perversen Irren reingelegt worden sind. Als Kriegerideologie für die vorwärtsstürmenden rabiatischen Massen der mittelalterlichen Welt in hohem Maße geeignet, sind die Tage dieser gemeinen, bösartigen Machwerke nun endgültig gezählt, wie auch die peinlichen Statements in der „Khorchide-Diskussion“ erkennen lassen.

Haaresträubend wird es m.E. dann, wenn El Feki das Recht auf Abtreibung als Errungenschaft des Mohammedanismus hinstellt, was erstens in der Praxis gar nicht stimmt und zweitens tatsächlich nur ein weiterer Ausdruck dafür ist, welch geringen Wert diese kollektivistische Ideologie dem individuellen menschlichen Leben beimisst.

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Sexuelle Zufriedenheit als universeller Wert

Frau El Feki, Sie haben als Wissenschaftsjournalistin für den „Economist“ gearbeitet und sich beruflich viel mit HIV beschäftigt. In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie eines Tages eine Statistik in die Hände bekamen, nach der die Verbreitung von HIV in arabischen Ländern viel niedriger sein sollte als etwa in Osteuropa, Afrika oder Asien. Sie haben das nicht geglaubt.

Ich war erstaunt. Wie kann es sein, dass in Zeiten der Globalisierung ein Teil der Erde von einer weltweiten Epidemie abgeschnitten ist? Es zeigte sich dann, dass die Zahlen ungenau und unvollständig waren. Heute haben wir ein besseres Bild von der Lage, und die Wahrheit ist: Es gibt HIV in der arabischen Welt. In den meisten Ländern der Region ist die Rate niedrig, sie liegt bei etwa 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Aber wenn man sich Risikogruppen ansieht, Schwule, Drogenabhängige oder Prostituierte, dann stößt man auf höhere Zahlen. Dabei muss man im Hinterkopf haben, dass Männer, die mit Männern schlafen, in der arabischen Welt meist auch mit Frauen schlafen – mit ihren Ehefrauen, ihren Freundinnen oder mit Prostituierten. Das Problem dabei ist, dass sexuelle Kontakte außerhalb eines ehelichen Kontextes im arabischen Raum nicht akzeptiert sind.

Was bedeutet das für die Infizierten?

Die klassische Geschichte geht so: Eine verheiratete Frau ist, so wie es erwartet wird, als Jungfrau in die Ehe gegangen, sie bekommt ihr erstes Kind. Das Kind hat HIV. Dann stellt man fest, dass auch die Mutter HIV hat und der Vater. Das Tragische daran ist, dass es mehr die Frauen sind, die stigmatisiert und diskriminiert werden. Denn im Islam ist Sex außerhalb der Ehe zwar für beide verboten, für Männer und Frauen, aber die Realität in einer patriarchalischen Kultur ist die, dass Jungs eben Jungs sind, und dass Männer sexuelle Kontakte haben bevor sie heiraten. Wenn Frauen dasselbe tun, ist es aber eine ganz andere Geschichte. So ist mir klar geworden, dass Sexualität ein großes Problem ist – und dass Sexualität ein sehr interessanter Weg ist, um diese Gesellschaften in ihren politischen, wirtschaftlichen und religiösen Strukturen besser zu verstehen. Meine Beschäftigung mit diesem Thema hat also etwas mit meinem Beruf zu tun, aber auch mit meiner persönlichen Geschichte. Aufgrund meiner Herkunft bin ich mit der Region verbunden, aber ich wusste nicht viel über sie. Ich wollte mehr erfahren.

Für Sie ist Sexualität also ein Spiegel für größere gesellschaftliche Verhältnisse in der arabischen Welt. Wie meinen Sie das genau?

Sexuelle Rechte sind wesentliche Menschenrechte. Das ist nicht in allen Ländern anerkannt, und vor allem in den Vereinten Nationen ist es sehr umstritten. Aber das ist absolut meine Meinung. Ich glaube, dass der persönliche Mensch den politischen beeinflusst und umgekehrt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie junge Menschen engagierte Bürger sein sollen, wenn sie weder die Freiheit noch die Möglichkeiten haben, auf Informationen über ihre Körper und ihre Sexualität zuzugreifen.

Ich finde es schwer vorstellbar, wie Frauen eine wichtige Rolle im ökonomischen, politischen und sozialen Leben eines Landes spielen sollen, wenn sie auf einer elementaren Basis keine Kontrolle über ihre eigenen Körper haben. Ich finde es schwierig, mir vorzustellen, wie wir bessere Beziehungen zwischen Männern und Frauen herstellen können, etwa in der Schule, in den Parlamenten, wenn sie einander nicht auch im Schlafzimmer respektvoll und gleichberechtigt gegenüberstehen. Es ist schwer vorstellbar, wie man Gerechtigkeit, Freiheit, Würde, Gleichheit und den Schutz der Privatsphäre im Politischen durchsetzen soll, wenn diese Werte im Privaten nicht gelten. Die beiden Sphären sind miteinander verbunden.

Das ist aber keine Verbindung, die jeder herstellt, ich spreche in meinem Buch davon: Ich habe mit jungen Aktivisten auf dem Tahrir-Platz in Kairo gesprochen. Einen von ihnen habe ich gefragt, ob er glaubt, dass die politische Freiheit auch eine sexuelle Freiheit nach sich ziehen könnte, aber diese Vorstellung hat ihn total entsetzt.

Wie definieren Muslime Zufriedenheit in ihrem Sexleben?

Das ist eine gute Frage. Wir wissen es nicht. Darüber gibt es keine Forschung, keine empirischen Daten. Aber das ist etwas, was wir machen müssen, und ich hoffe, dass wir die Möglichkeit dazu in der Zukunft bekommen, wenn wir Strukturen erhalten, die mehr Gedankenfreiheit ermöglichen als bisher. Und auch mehr Forschungsfreiheit.

Für mich ist das eine der zentralen Fragen, die Ihr Buch aufwirft. Wenn es um Sexualität geht, dann sehen sich vor allem die Frauen in der arabischen Welt einer Reihe von strengen Regeln gegenüber. Sie müssen Jungfrauen sein, wenn sie heiraten, es darf keinen außerehelichen Sex geben, der Aufklärungsunterricht vermittelt nur spärliche Informationen, Abtreibung ist verboten, Verhütung verpönt. Sie schreiben selbst, dass Sex „eine Quelle der Schande ist, was ihn zu einem mächtigen Werkzeug der Unterwerfung macht“. Hatten Sie bei Ihren Recherchen den Eindruck, dass die Frauen, denen Sie begegnet sind, darunter leiden? Gibt es ein Bewusstsein für diese Unterdrückungsmechanismen?

Das ist schwer zu generalisieren. In der arabischen Welt leben 359 Millionen Menschen, und die Vorstellungen sind sehr unterschiedlich. Wir können das Beispiel von Amany nehmen, der jungen Ägypterin, von der ich erzähle. Sie wollte einen Mann aus dem Norden des Landes heiraten, den ihre Eltern aber nicht akzeptierten. Amanys Geschichte ist bezeichnend für viele, viele andere . . .

Amany lebt mit diesem Mann nun in einer sogenannten ’urfi-Ehe, einer Form der Ehe auf Zeit. Das heißt, sie sind zwar verheiratet, ihre Verbindung ist aber nicht offiziell registriert.

Man sieht, welchen Spannungen sie ausgesetzt ist. Sie ist nicht mehr jung, sie ist Ende zwanzig und sie verdient eigenes Geld. Aber sie ist nicht in der Lage, ihre sexuellen Rechte auszuüben. Sie versucht dem zu entsprechen, was sie unter dem Islam versteht, worunter auch fällt, dass sie keinen Sex außerhalb der Ehe haben möchte, weil sie glaubt, dass das haram ist . . .

Das heißt, es ist verboten.

Ja. Aber Amany sucht auch ihr Glück. Sie sucht nach der Möglichkeit auszuwählen. Sie möchte die Hoheit über ihren Körper haben. Sie sucht nach all diesen Dingen, nach denen junge Frauen überall suchen. Das ist der wahre Kampf. Und es gibt Millionen wie Amany. Die Menschen sind sich der Probleme bewusst und versuchen, Lösungen zu finden. Dieses Vorankommen hat oft ein anderes Gesicht als andernorts. Aber das war ja zu erwarten, weil die Kultur, die Religion, die Umstände in der arabischen Welt eben andere sind. Ich glaube dennoch nicht, dass die Vorstellungen vom Glück in sexuellen Beziehungen sich von den Vorstellungen anderer groß unterscheiden.

Glauben Sie nicht?

Nein. Was bedeutet Glück denn für Sie? Was verstehen Sie unter sexueller Zufriedenheit?

Das ist eine sehr persönliche Frage.

Na ja, wenn wir darüber reden, was arabische Menschen darunter verstehen, dann ist es vielleicht interessant auch zu fragen, was westliche Menschen denken.

Gut, ich denke, auf einer grundsätzlichen Ebene impliziert Zufriedenheit zunächst, dass man selbst entscheidet, mit wem und wann man Sex haben möchte.

Und warum sollte das bei arabischen Frauen anders sein?

Sie erzählen in Ihrem Buch doch von Frauen, die wissen, dass sie sich ihre Partner nicht aussuchen können.

Das schreibe ich nicht.

Doch, Sie erzählen beispielsweise von zwei jungen Frauen, die Sie auf einer Hochzeitsmesse in den Vereinigten Arabischen Emiraten getroffen haben, und die genau wissen, dass ihre künftigen Ehepartner, es sind ihre Cousins, von ihrer Familie ausgesucht werden.

Aber das ist ihre Wahl.

Aber ist es denn eine Wahl? Das ist ja die Frage.

Natürlich gibt es viele, die gar nicht die Möglichkeit haben, eine Wahl zu treffen, weil sie arm oder ungebildet sind oder sozial benachteiligt, etwa wenn sie abgeschieden in ländlichen Gegenden leben. Aber das gibt es nicht nur in der arabischen Welt, das gibt es auch im Westen.

Also, gerade wenn es darum geht, dass man sich seinen Sexualpartner aussucht, bin ich mir da nicht so sicher.

Glauben Sie denn, dass die Prostituierten im Westen eine Wahl haben?

Prostituierte vielleicht nicht, aber junge Frauen, die heiraten wollen, auf jeden Fall. Und die Frauen, die Sie auf der Messe getroffen haben, waren ja auch keine Prostituierten.

Gut, aber warum denken Sie, dass diese Frauen keine Wahl getroffen haben? Ich habe nie gesagt, dass sie wählen wollen. Ich habe klar gesagt, dass die beiden denken, dass es so besser ist.

Und genau deswegen habe ich den Eindruck, dass sich die Vorstellungen darüber, was eine glückliche sexuelle Beziehung ist, eben doch unterscheiden.

Ich glaube nicht, dass sich die Vorstellungen des Glücks unterscheiden, sondern nur die Arten, wie man es erreicht, anders aussehen. Das heißt nicht, dass die Elemente dieses Glücks andere sind. In ihren Augen treffen diese Frauen eine Wahl, sie vertrauen ihren Vätern für sie die richtige Entscheidung zu treffen. Das ist eine Wahl. Sie könnten sich dagegen wehren. Sehen Sie sich Ahmani an, die ägyptische Frau. Sie hat sich anders entschieden. Ihre Familie hat gesagt, nein, du kannst diesen Mann nicht heiraten, aber sie hat es trotzdem getan.

Richtig, sie ist eine ’urfi-Ehe eingegangen, von der sie glaubt, dass es besser ist, sie vor ihren Eltern zu verheimlichen.

Ist das denn so anders als im Westen? Denken Sie, dass die jungen Leute hier mit ihren Eltern über ihr sexuelles Leben reden?

Nein, aber wenn es ans Heiraten geht, dann werden sie darüber sprechen.

Okay, aber ich glaube trotzdem nicht, dass diese arabischen Frauen Glück anders definieren. Ob sie dieses Glück auch erreichen können, das ist ein ganz anderes Thema. Das ist der Unterschied. Viele der jungen Frauen, die ich getroffen habe, sind nicht der Meinung, dass es ein Schlüssel zum Glück ist, wenn man vor der Hochzeit sexuelle Beziehungen hat. Das ist nichts, was sie anstreben. In meinem Buch wollte ich sehr vorsichtig sein, keine westlichen Vorstellungen auf die arabische Welt zu projizieren. Wenn ich von sexuellen Rechten rede, dann rede ich nicht von westlichen Ideen. Denn das ist es, was uns Liberalen in der arabischen Welt immer vorgeworfen wird: Ihr wollt westliche Vorstellung durchsetzen. Gerechtigkeit, Freiheit, Würde, Gleichheit, der Schutz der Privatsphäre – das sind aber keine westlichen Vorstellungen, das sind universelle Werte, die man auch im Kontext des Islam findet. Genauso wie sexuelle Rechte. Aber dazu müssen wir all die Flexibilität und die Möglichkeiten bei der Interpretation des Islams nutzen. Es gab Zeiten in der Geschichte, in denen es solche großzügigeren Interpretationen gab, heute leben wir

Wie könnten solche sexuellen Rechte in einem islamischen Rahmen aussehen?

Ein gutes Beispiel ist Abtreibung. Viele Frauen werden Ihnen sagen, dass Abtreibung verboten ist. Aber das ist in der islamischen Rechtsprechung nicht der Fall, es gibt verschiedene Interpretationsmöglichkeiten, von einem vollständigen Verbot bis zu einer Erlaubnis unter bestimmten Umständen. In Ägypten haben wir nach den Aufständen eine Regierung bekommen, die innerhalb des islamischen Rahmens arbeitet, der sogenannten Scharia. Aber auch die Scharia lässt verschiedene Interpretationen zu. Die Frage ist also: Warum tendieren wir zu einer sehr engen Auslegung, wenn wir eine viel großzügigere haben könnten?

Welche Rolle könnte bei dieser Neuorientierung die arabische Geschichte spielen? Denn es gab ja Zeiten, etwa während der Herrschaft der Abbasiden im Irak, in denen Muslime einen unverkrampften Umgang zur Sexualität pflegten.

Man muss sehr vorsichtig sein, wie man die Texte aus der damaligen Zeit liest. Es ist sicher wichtig zu erkennen, dass es einmal eine Zeit gab, in der es möglich war, den Islam mit der Sehnsucht nach einem erfüllten Sexualleben zu verbinden. Auch wenn man im Mittelalter unter sexueller Erfüllung womöglich etwas anderes verstanden hat. Die Geschichte ist aber nicht wichtig, um zu ihr zurückzukehren, sondern damit wir islamischen Gelehrten entgegnen können, die uns vorwerfen, wir würden uns an den Westen verkaufen. Das tun wir nicht. Lange bevor die Christen diese Ideen angenommen haben, haben wir als Araber und Muslime schon über sie gesprochen.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die gesellschaftlichen Umstürze, die der Westen in den sechziger Jahren erlebt hat, also auch die sexuelle Revolution, mit den Entwicklungen in der arabischen Region heute vergleichen lassen?

Die sexuelle Revolution im Westen war Teil eines ganz bestimmten historischen Prozesses. Ich benutze dafür gern das Bild eines Flugzeugträgers. Die sexuelle Revolution war ein Flugzeug auf diesem Schiff, das irgendwann abhob. Es hatte eine lange Startbahn von politischen und sozialen Veränderungen und wirtschaftlicher Entwicklung. In der arabischen Welt haben wir diese Startbahn noch nicht. Wir bauen gerade an ihr. Und wenn unser Flugzeug abhebt, glaube ich nicht, dass es zu demselben Ziel fliegt. Ich spreche nicht über eine Revolution, die das religiöse System hinwegfegt und auf diese Weise vorangeht. Letztlich würde ich gern Systeme in der arabischen Welt sehen, die den Menschen die Wahl geben, ihre Leben innerhalb der islamischen Grenzen zu leben oder auch nicht, wenn sie das nicht wollen. Im Moment gibt es das in der arabischen Welt nicht. Ob wir das jemals in der arabischen Welt sehen werden, hängt von den dortigen Menschen ab.

Wie schätzen Sie die Chancen ein?

Im Moment ist das schwer zu sagen. Wir sind in einer Phase des Übergangs. In Ägypten sah es vor sechs Monaten noch so aus, als könnten die Muslimbrüder das Land dominieren und die Gesetze ändern, also etwa das Heiratsalter heruntersetzen und Genitalverstümmelung legalisieren. Aber jetzt sind wir schon in einer Phase, in der sie gar nichts mehr machen können, weil es so viele Proteste gibt.

Genau diese Proteste machen mir Hoffnung, dass wir ein anderes System bekommen können – ich bin sicher, dass die Religion immer eine prominente Rolle für Ägypter spielen wird. Ob sie mal etwas Privates sein wird, wie wir es in liberalen Demokratien im Westen sehen, darüber bin ich mir nicht im Klaren. Für mich ist es erstrebenswert. Aber es ist eben auch möglich, eine Reihe von sexuellen Rechten zu erreichen, selbst wenn der Islam Teil des öffentlichen Lebens ist – solange man die ihm innewohnende Flexibilität erkundet und die Freiheit hat, sie zu leben.

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Time am 2. März 2013