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Ein sadistischer, ehrloser Gegner

19. Oktober 2014

Mideast Iraq

Auf „FAZ.NET“ berichtet Marco Seliger heute über den IS-IS (1).

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Kampf gegen IS

Ein listiger, schlauer Gegner

Warum bomben die Amerikaner die IS-Kämpfer nicht einfach weg? Weil das eben nicht so einfach ist. Die Gruppen sind autonom und extrem beweglich. Der Westen antwortet jetzt mit dezentral organisierten Spezialkräften.

Die Soldaten ritten auf Pferden und trugen Kleider wie die Kämpfer der Nordallianz, die sie zu den Stützpunkten der Taliban führten. Zusätzlich zu ihren Waffen hatten sie Gegenstände dabei, die aussahen wie Videokameras auf einem Dreibein. Wenn sie hineinschauten, konnten sie das Ziel noch in vier Kilometer Entfernung klar erkennen. Dann drückten sie einen Knopf, und das Gerät projizierte einen Laserstrahl auf einen Stützpunkt der Taliban. Die zurückgeworfene Strahlung wurde vom Suchkopf einer 40.000 Dollar teuren lasergelenkten Bombe empfangen. Die Bombe war an einem Flugzeug befestigt, das in 10.000 Meter Höhe flog. Der Pilot des Flugzeugs drückte auf den Auslöser. Die Bombe raste entlang dem Laserstrahl aus dem Himmel und explodierte im markierten Ziel. Anschließend blickten die Soldaten wieder in das Gerät und bestätigten vom Boden aus, dass der Stützpunkt zerstört worden war.

Das war im Herbst 2001, die Vereinigten Staaten führten einen Luftkrieg gegen die Taliban in Afghanistan. Entschieden wurde der Krieg aber am Boden, durch amerikanische und britische Spezialaufklärungsteams, unterstützt von Kämpfern der Nordallianz. In kleinen Gruppen von vier bis sechs Soldaten spionierten die Elitesoldaten die Stellungen der Taliban aus und sorgten für ihre Zerstörung. Innerhalb weniger Wochen kollabierte das Regime in Kabul.

Zu klein und unbedeutend für 40.000-Dollar-Bomben

Dreizehn Jahre später führen die Vereinigten Staaten wieder einen Luftkrieg. Doch anders als in Afghanistan finden die Bomber diesmal kaum Ziele. Das liegt daran, dass die Amerikaner bisher keine Spezialaufklärungsteams im Einsatz hatten. Präsident Barack Obama will sich nicht in einen Bodenkrieg hineinziehen lassen. Und es liegt am Gegner. Die Milizen des „Islamischen Staats“ sind im Guerrillakampf geschult und militärtaktisch äußerst flexibel.

Ein Beispiel dafür ist die Schlacht um Kobane. Die Stadt ist auf syrischer Seite weithin von Ödland umgeben. Die Fahrzeugkonvois, in denen die Milizen bisher andere Orte mit auf Pickups montierten Maschinenkanonen angriffen, wären aus der Luft leicht zu erkennen. Also sind die Kämpfer auf Motorräder umgestiegen, mit denen auch die Einheimischen unterwegs sind. Weil sie so weniger Waffen und Munition transportieren können, legten sie in der Umgebung Depots an, jedes für sich klein und unbedeutend, in der Summe aber die Garanten für ungebremsten Nachschub. Weder die Motorräder noch die Waffendepots sind aus großer Höhe eindeutig für die amerikanische Luftwaffe zu identifizieren. „Und selbst wenn“, sagt ein deutscher Spezialkräftesoldat, „dann ist ein einzelnes Motorrad oder ein Waffenversteck mit ein paar Kalaschnikows und Munitionsgurten noch lange kein lohnendes Ziel für eine 40.000-Dollar-Bombe.“

Die Bomberpiloten suchen andere Ziele. Zum Beispiel Kommandozentralen, von denen die Kämpfer an der Front ihre Befehle erhalten. Doch diese Zentralen gibt es bei den Dschihadisten in Syrien und im Irak nicht immer. Sie haben selten einen Stab, so wie ein Bataillon der irakischen oder syrischen Armee, das orientierungslos ist, wenn die Führungsebene bei einem Bombenangriff ausgeschaltet wird. Ihre Kampfverbände in Kobane etwa bestehen aus autonomen Gruppen ohne gemeinsame Kommandobasis, die nur ihr Ziel verbindet, den Gegner zu besiegen. Die Dschihadisten haben über flache Hierarchien und lassen ihre Führer am Ort des Geschehens entscheiden, wie, wann und wo sie angreifen. Somit bedienen sie sich erfolgreich der Auftragstaktik, die einmal das Markenzeichen deutscher Streitkräfte war. Weil die Amerikaner und ihre Verbündeten Aufklärungsflugzeuge einsetzen, die Telekommunikationssignale orten können, stimmen die IS-Führer ihre Angriffe inzwischen meist nur noch durch Boten oder über lokale Funksysteme ab.

Taktik des Partisanenkampfs

Für einen Gegner, der in befestigten Stützpunkten sitzt, so wie es die irakischen und syrischen Soldaten oft tun, oder für Aufklärungsflugzeuge sind die IS-Zellen schwer auszumachen. Die Zahl der Kämpfer kann je nach Angriffsziel zwischen fünf und hundert variieren. Wie ein Schwarm fallen die Gruppen plötzlich von allen Seiten gleichzeitig über Kasernen und Kontrollposten her, mitunter unterstützt von erbeuteten Panzern, Artilleriegeschützen und Aufklärungsdrohnen, bewaffnet mit Kalaschnikows, Scharfschützengewehren, schweren Maschinengewehren, Granatwerfern und panzerbrechenden Waffen. Ihr Vorgehen ist gnadenlos. Im Internet gibt es Hunderte Filme, die zeigen, wie Soldaten, Polizisten oder kurdische Sicherheitskräfte niedergemetzelt werden, wenn sie den Dschihadisten nach der Einnahme eines Stützpunktes lebend in die Hände fallen. Der bloße Kopfschuss ist dabei noch die harmlosere Form der Exekution. Ein Video von der Einnahme der Luftwaffenbasis Tabqa nahe der syrischen Stadt Raqqa im August zeigt zudem, dass nach den Al-Nusra-Rebellen, die diese Systeme schon im Frühjahr erbeutet hatten, nun auch den IS-Kämpfern deutsche Panzerabwehrwaffen vom Typ „Milan“ in die Hände gefallen sind. Die Bundesregierung hatte vor Jahren den Verkauf von 50 Systemen an das syrische Regime in Damaskus genehmigt. Vor kurzem erhielten nun auch kurdische Peschmerga aus Deutschland „Milan“-Waffen für ihren Kampf gegen IS im Irak.

Die Methode des „Swarming“ ist nicht neu. Die Partisanen wendeten sie gegen Napoleons Armee und die deutsche Wehrmacht in Russland an, die Vietcong bekämpften auf diese Weise die Amerikaner in Vietnam und die Hisbullah vor acht Jahren die israelischen Streitkräfte im Libanon. „Swarming“, sagt der amerikanische Militäranalyst John Arquilla, „ist die beliebteste Kampfmethode von Aufständischen und Terroristen.“ Der Revolutionär schwimme im Volk wie ein Fisch im Wasser, hatte der chinesische Militärstratege Mao Tsetung seinen Kämpfern eingeimpft. Die IS-Dschihadisten tauchen in der Bevölkerung unter, weichen dem Gegner aus und greifen an anderer Stelle an. Sie konzentrieren sich auf größere Städte, in die sie sich zurückziehen können, verstecken dort ihre Fahrzeuge und Panzer in Wohnvierteln. Die Bevölkerung gibt ihnen Schutz vor den amerikanischen Flugzeugen, die Bomberpiloten sind angewiesen, einen Angriff im Zweifel abzubrechen, bevor sie ein bewohntes Haus treffen. Der amerikanische Präsident Barack Obama will zivile Opfer um jeden Preis vermeiden, da, wie John Arquilla sagt, jedes sunnitische Bombenopfer der Amerikaner ein Propagandasieg für den IS ist. Es gebe, so der amerikanische Militärexperte, nur eine einzige Chance, die Terroristen zu besiegen: Man müsse sie mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Blutige Lektion

Doch das erfordert eine gut organisierte Gegenwehr. Mit 30.000 Kämpfern kontrolliert der IS ein Gebiet, das von der Provinz Raqqa im Westen Syriens bis nach Anbar im Osten des Iraks reicht. Die Stärke der Terrormiliz besteht in ihrer Beweglichkeit, Geschwindigkeit und darin, den Gegner zu überraschen. Doch je größer ihre Geländegewinne sind, desto häufiger bietet sie selbst ein statisches Ziel, da sie die Gebiete nun verteidigen muss. Seit einiger Zeit nimmt der Widerstand gegen die Dschihadisten zu. Doch sie erweisen sich als hartnäckiger und verschlagener Gegner, der einen militärisch anspruchsvollen Zweifrontenkrieg erfolgreich führen kann. Das zeigte sich Mitte September in der Nähe der irakischen Stadt Falludscha.

Während Tausende IS-Kämpfer in Kobane angriffen, war ein Elitebataillon der irakischen Armee auf die 60 Kilometer von Bagdad entfernte Stadt vorgerückt. Die von amerikanischen Beratern unterstützten Militärs hatten angenommen, der IS habe nur geringe Kräfte in Falludscha zurückgelassen. Das erwies sich als tödlicher Irrtum. Eine mit dem IS verbündete sunnitische Stammesmiliz griff das Bataillon an, während es zugleich von IS-Truppen vom Nachschub abgeschnitten und eingekreist wurde. Während die Welt in Kobane ein Massaker befürchtet, hat es am Rande von Falludscha gerade stattgefunden. Nachdem den 600 Soldaten die Munition ausgegangen war, wurden sie von der Terrormiliz niedergemetzelt. Amerikanische Medien berichten, dass die Dschihadisten dabei auch giftiges Chlorgas eingesetzt haben sollen. Mit der Vernichtung des Bataillons hatte der IS seinen Gegnern eine blutige Lektion erteilt und potentiellen Widerstand sunnitischer Stämme in Anbar erstickt.

IS lernt aus Fehlern

Militärischer Kopf des Erfolges in der strategisch wichtigen und größten irakischen Provinz ist ein ehemaliger Soldat der georgischen Armee, der vor sechs Jahren gegen die russischen Truppen in Südossetien gekämpft haben soll. Wie viele Feldkommandeure des „Islamischen Staats“ ist der erst 28 Jahre alte Abu Umar al-Shishani tschetschenischer Herkunft. Amerikanische Medien berichten, er sei der Planer mehrerer erfolgreicher Großangriffe auf irakische und syrische Armeestützpunkte gewesen. In den IS-Milizen kämpfen Extremisten aus der ganzen Welt neben Bauernsöhnen aus irakischen und syrischen Provinzen. Ihre Führer sind ehemalige Offiziere der irakischen und syrischen Armee oder islamistische Söldner, die auf dem Balkan, in Tschetschenien, in Afghanistan und im Irak gekämpft haben. „Darunter gibt es militärisch hervorragend geschulte Leute“, sagt der Militäranalyst John Arquilla. Die wüssten, wie sie einem technisch überlegenen Gegner entgegentreten müssen.

Und sie sind in der Lage, schnell aus Fehlern zu lernen. Bei der Schlacht um den Mossul-Staudamm im August hatten die IS-Milizen von der irakischen Armee erbeutete Panzer und Geländewagen eingesetzt. Die Fahrzeuge waren für die Bomberpiloten der amerikanisch geführten Koalition aus der Luft gut auszumachen, die Dschihadisten erlitten empfindliche Verluste und mussten den Staudamm aufgeben. Beim Kampf um die kurdische Stadt Jalula Anfang Oktober nutzten sie dann wieder ihre bewährte Taktik der List und Tücke. Sie täuschten auf der einen Seite einen Angriff vor und lockten die zahlenmäßig überlegenen Verteidiger aus der Stadt, um sie von der anderen Seite zu attackieren und einzunehmen. Dabei nutzten sie die Panik und die Verwirrung unter den kurdischen Peschmerga, die durch den synchronisierten Einsatz von 14 Selbstmordattentätern gegen Stützpunkte der Verteidiger entstanden war, um den Gegner niederzumachen. Wie in allen von den Dschihadisten eroberten Orten wurden auch hier keine männlichen Gefangenen gemacht.

Krieg könnte Jahre dauern

In modernen Armeen gibt es nur wenige Truppen, die für den Einsatz gegen Guerrillamilizen geeignet sind. Das mussten die Amerikaner während der Besatzung des Iraks nach 2003 erfahren, als ihre konventionellen Einheiten in Hinterhalten und Sprengfallen immer wieder blutige Verluste erlitten. Präsident Obama hat ausgeschlossen, einen solchen Krieg noch einmal zu führen. Die militärische Antwort des Westens auf die Terrorkommandos des IS sind Spezialkräfte wie die Navy Seals in den Vereinigten Staaten, der Special Air Service in Großbritannien oder das Kommando Spezialkräfte und die Fernspäher in Deutschland. Sie arbeiten in kleinen, autonomen, aber kampfstarken Gruppen und können eingesetzt werden, um Kampfflugzeugen am Boden ein Ziel zuzuweisen oder Informationen zu gewinnen.

Die amerikanische Luftwaffe vermeldete zuletzt wachsende Erfolge gegen den IS im Irak und in Syrien. Militärexperten führen das darauf zurück, dass inzwischen Spezialaufklärungsteams im Einsatz sind. Verteidigungsminister Chuck Hagel sagte vor kurzem, es werde „ein bisschen Zeit“ brauchen, bis der „Islamische Staat“ wirksam bekämpft werden könne. Präsident Obama sprach vorsichtshalber schon mal von Jahren, die der Krieg dauern könnte. In Afghanistan sind es inzwischen dreizehn.

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Time am 19. Oktober 2014

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/is-der-westen-kaempft-gegen-einen-listigen-gegner-13216565.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Vertraut ihnen niemals

19. Juni 2011

Marco Seliger lieferte für die heutige FAZ einen aufwühlenden Bericht von einem Attentat auf unsere Soldaten in Afghanistan ab. Sein Text enthält keine Auswertung des Geschehens. Diese lautet: Die Mohammedanisten sind allesamt unsere Todfeinde, weil es der Sinn des Mohammedanismus ist, alles andere und schließlich sich selbst auszurotten. Man darf ihnen daher niemals vertrauen, keinem von ihnen!

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Neun  Sekunden

In der Uniform eines afghanischen Soldaten tötete Sayed Afzal drei deutsche Soldaten. Er hatte mit ihnen auf dem Standort „OP North“ gelebt, und sie hatten ihm vertraut.

Als die Rettungshubschrauber den „OP North“ verlassen hatten, lag der Attentäter Sayed Afzal noch immer dort, wo ihn der junge Oberstabsgefreite Kai Wilhelm (Name geändert) erschossen hatte. Innerhalb von Sekunden war ihm gelungen, was seine Terrorverbündeten in fünf Monaten nicht geschafft hatten. Angetan mit der Uniform eines afghanischen Soldaten tötete er drei Deutsche und zerstörte das Vertrauen der Bundeswehr in ihre einheimischen Partner. Es war ein heimtückischer Angriff, dem leicht zehn deutsche Soldaten zum Opfer hätten fallen können. Nur einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass Wilhelm seine eigene Ermordung und die seiner Kameraden verhindern konnte.

Die 182 Glieder einer Panzerkette sind jeweils mit zwei Gummis gepolstert. In Afghanistan müssen die Polster des Schützenpanzers „Marder“ alle zweihundert Kilometer gewechselt werden, weil sie auf den Schotterpisten schnell porös werden. Beim „Kettenklopfen“ wird jedes Polster mit Brechstange und Vorschlaghammer aus der Verankerung gelöst. Es ist Knochenarbeit. Um schneller fertig zu werden, haben sich am Vormittag des 18. Februar dieses Jahres gleich zehn Grenadiere auf dem afghanischen Außenposten „OP North“ um einen „Marder“ versammelt. Sie sind im süddeutschen Regen stationiert und seit mehr als fünf Monaten am Hindukusch eingesetzt. In wochenlangen Kämpfen haben sie als Teil eines 600 Mann starken Kampfverbands die Aufständischen im sogenannten Autobahndreieck in der Provinz Baghlan vertrieben. Stets kämpften sie dabei Seite an Seite mit afghanischen Soldaten. Sie teilten ihr Wasser, mitunter auch ihr Essen mit den Kameraden. Die Mission der Panzergrenadiere ist nun bald zu Ende, in zwei Wochen sollen sie nach Hause fliegen.

Der „Marder“ steht am Rand eines sandigen Parkplatzes am Fuß des „OP North“. Das „OP North“ ist ein Hügel, von dem gekieste Straßen abgehen, die vor wenigen Monaten erst in den Berg gefräst wurden. Die Wege schlängeln sich um den Berg bis zur Spitze. Dort befinden sich der deutsche Gefechtsstand samt Hubschrauberlandeplatz und die Zelte der Kompanien und Züge. Afghanische Soldaten bewachen die Zufahrt zu dem provisorischen Außenposten, es ist der einzige befahrbare Eingang zum „OP North“. Den einzigen Schatten spendet ein fensterloses Gebäude, das „weiße Haus“. Es dient den afghanischen Soldaten als Gefechtsstand und Lagerstatt.

Deutsche und Afghanen leben gemeinsam auf dem Stützpunkt, und sie vertrauen einander. Die zehn Panzergrenadiere tragen deswegen weder Helme noch Schutzwesten, als sie mit dem „Kettenklopfen“ beginnen. Es handelt sich um erfahrene Fahrer, Bordschützen und Panzerkommandanten, die schon Dutzende Ketten geklopft haben. Georg Missulia muss kaum eingreifen. Der 30 Jahre alte Hauptfeldwebel ist stellvertretender Führer des Charly-Zuges, einer Einheit, die aus acht Schützenpanzern und ihren dreiköpfigen Besatzungen besteht. Die Soldaten schätzen Missulia als professionellen und zuverlässigen Vorgesetzten, der sich um seine Untergebenen kümmert. Die Soldaten scherzen und lachen, als sie mit den Vorschlaghämmern auf die Abschlagdornen der Gummipolster eindreschen. Der Krieg liegt bald hinter ihnen, sie haben es fast geschafft.

Kai Wilhelm dient seit mehr als vier Jahren bei den Panzergrenadieren. Während des Einsatzes hat er sich einen blonden Vollbart stehen lassen. Er liebt seinen Beruf, in den er hineingewachsen ist, nachdem er zunächst nur den neunmonatigen Grundwehrdienst leisten wollte. Wilhelm steht als einziger der zehn Soldaten auf der anderen Seite des „Marder“ und begutachtet die Gummipolster, die gewechselt werden sollen, wenn sie mit der ersten Kette fertig sind. Sayed Afzal, ein afghanischer Soldat, neunzehn Jahre alt, schlendert vom Abstellplatz zu ihnen hinüber. Sein Gewehr hängt über der Schulter, ein M-16 aus amerikanischen Beständen. Wilhelm sieht ihn in seiner grünen Uniform näher kommen. Er denkt sich nichts dabei, denn der Mann könnte auf dem Weg zu einem der Wachtposten sein, die oben auf dem Hügel liegen.

Tagsüber besetzen die Afghanen diese Posten; nachts sind die Deutschen dran, die haben Nachtsichtgeräte. Wie seine Kameraden führt auch Wilhelm nur eine Pistole mit sich. Sie steckt in einem Halfter am rechten Oberschenkel. Die Waffe ist teilgeladen, wie immer, das Magazin befindet sich also im Schaft, die Kugel aber noch nicht im Lauf. Wilhelm braucht für gewöhnlich ungefähr drei Sekunden, um die Pistole zu ziehen, durchzuladen, zu entsichern und abzudrücken. Sayed Afzal passiert den „Marder“ und blickt auf die Soldaten. Sie stehen alle mit dem Rücken zu ihm und bemerken ihn kaum. Als er hinter dem Heck des Panzers hervortritt, bemerkt Wilhelm aus dem Augenwinkel, wie der Mann die Grenadiere noch immer mustert. Das macht ihn misstrauisch.

Es ist 11.49 Uhr, als Sayed Afzal einen Schritt Richtung „Marder“ macht und sein M-16 von der Schulter nimmt. Danach folgen neun Sekunden des Mordens und Tötens. Erste Sekunde: Der Afghane lädt die Waffe durch, während Wilhelm schreiend seine Pistole zieht. Er will die Kameraden warnen, doch dazu ist es zu spät. Zweite Sekunde: Der Attentäter legt den rechten Zeigefinger an den Abzug und krümmt ihn. Zwölf Kugeln rasen aus dem Lauf, schlagen funkensprühend gegen Stahl, bohren sich in die Rücken der Soldaten. Wilhelm zieht den Ladeschlitten seiner Pistole nach hinten. Dritte Sekunde: Noch immer hält der afghanische Soldat den Finger am Abzug, feuert weitere acht Kugeln auf die Grenadiere. Dann endet das Feuer abrupt. Sein Magazin ist leer. Wilhelm stellt den Sicherungshebel der Pistole mit der linken Hand auf F wie Feuer. Vierte Sekunde: Der Attentäter senkt die Waffe, betätigt mit der linken Hand den Auswurfhebel, das Magazin fällt heraus. Wilhelm tritt einen Schritt hinter dem „Marder“ vor und hält die Pistole auf Augenhöhe. Fünfte Sekunde: Der Attentäter greift mit der linken Hand nach einem neuen Magazin. Wilhelm krümmt den Zeigefinger der rechten Hand, ein Schuss löst sich. Er krümmt ihn ein zweites Mal, wieder ein Schuss. Sechste Sekunde: Er schießt weitere vier Mal, insgesamt also sechs Schüsse auf den Oberkörper des Mannes. Alle treffen. Siebte Sekunde: Der Afghane schlägt der Länge nach hin. Achte Sekunde: Er versucht, sich wieder aufzuraffen. Neunte Sekunde: Wilhelm feuert drei weitere Kugeln ab. Sayed Afzal, ein Schläfer der Taliban, rührt sich nicht mehr.

Der regungslose Körper liegt zehn Meter vom „Marder“ entfernt. Wilhelm geht zu ihm hin und sieht, dass der Mann tot ist. Er steckt die Pistole wieder in das Halfter, im Magazin befinden sich noch sechs Kugeln. Links von ihm liegen seine Kameraden, er zieht sein Funkgerät aus der Tasche, drückt die Sprechtaste und brüllt hinein: „Anschlag am weißen Haus. Neun Verwundete.“

Wilhelms Funkspruch geht um 11.51 Uhr bei Hauptfeldwebel Daniel Friedrich (Name geändert) ein, dem Führer des Charly-Zuges. Friedrich verlässt gerade das Containergebäude der Gefechtszentrale, als er den verzweifelten Ruf seines Oberstabsgefreiten empfängt. Er rennt zurück in den Gefechtsstand und brüllt: „Die bringen meine Leute um!“ Die Offiziere im Container springen an einen Monitor, auf den die Bilder der Überwachungskameras übertragen werden. Die Luftaufnahme zeigt, dass zehn Leiber vor einem Schützenpanzer liegen. „IRF sofort runter, sichern Richtung weißes Haus!“ Dann: „Sofort alle Rettungssanitäter und Ersthelfer Bravo zum weißen Haus!“ Die IRF (Immediate Response Force) ist eine Alarmtruppe, die innerhalb einer halben Stunde ausrücken können muss. „Ersthelfer Bravo“ sind Soldaten der Kampftruppe, die eine überdurchschnittliche Erste-Hilfe-Ausbildung erhalten haben. Sie dürfen Spritzen und Venenverweilkanülen setzen sowie intubieren. Sie werden jetzt zusammen mit den beiden Ärzten und den Rettungsassistenten gebraucht. Die Soldaten der Alarmtruppe hasten in voller Ausrüstung den Hügel zum „weißen Haus“ hinunter. Zunächst nehmen sie an, es habe eine Schießerei zwischen afghanischen Soldaten gegeben. Dann heißt es, zwei Selbstmordattentäter seien in den Stützpunkt eingedrungen. Die Verwirrung ist komplett, als das Gerücht aufkommt, der Fahrer eines blauen Kieslasters, der in der Nähe des „Marders“ steht, habe auf deutsche Soldaten geschossen. Erst allmählich wird klar, was passiert ist. Sie sind wütend und wissen nicht, ob sie ihre Waffen jetzt gegen diejenigen richten sollen, mit denen sie monatelang zusammengearbeitet haben.

Am Tatort kämpfen mehr als dreißig Soldaten um das Leben der verwundeten Panzergrenadiere. Am Boden liegt Hauptfeldwebel Missulia, er ist von einer einzigen Kugel getroffen worden. Sechs Soldaten umringen ihn. 45 Minuten lang versuchen sie, ihn wiederzubeleben. Sie verabreichen ihm auch dann noch Blutkonserven, als die ersten Verwundeten schon mit dem Hubschrauber abtransportiert werden. Fünfzehn Minuten nach dem Angriff treffen zwei amerikanische Rettungshubschrauber ein. Weil jede Sekunde zählt, landen sie direkt vor dem „weißen Haus“ und nicht auf dem Landeplatz weiter oben. Um Missulia steht es schlecht. Neben ihm kämpfen die Sanitäter um das Leben von vier weiteren Soldaten. Sie werden in das Lazarett des nahe gelegenen ungarischen Feldlagers in Pol-e-Khomri geflogen. Dort stirbt der 21 Jahre alte Stabsgefreite Konstantin-Alexander Menz an einem Halsdurchschuss und der 22 Jahre alte Hauptgefreite Georg Kurat an einem Kopfschuss. Hauptfeldwebel Missulia schafft es nicht lebend in den Hubschrauber, er stirbt im Schatten eines Schützenpanzers. Die letzten beiden Schwerverletzten werden in das Feldlazarett Kundus geflogen, einer von ihnen hat sechs Schüsse in den Rücken abbekommen. Er hat starke innere Blutungen und dem Lazarett gehen die Blutkonserven aus. Die amerikanischen Hubschrauber starten wieder und schaffen aus dem amerikanischen Feldlager in Bagram Blutkonserven herbei. Es ist später Abend, als die Chirurgen den Operationsraum verlassen. „Der Soldat hat überlebt“, übermitteln sie nach Deutschland.

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Time am 19. Juni 2011 

Gelernte Kriegshandwerker

13. Februar 2011

Von Marco Seliger gibt es in der heutigen FAZ einmal mehr einen sehr lesenswerten Bericht von der Front in Afghanistan.

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„Manchmal ist das schon ein Scheißjob“

Der Einsatz der deutschen Soldaten in Afghanistan ist voller Gefahren. Aber sie haben ihr Handwerk gelernt. Es ist Kriegshandwerk.

Vielleicht war es einer der Bewaffneten, die jetzt vorn am Drahtverhau stehen, der dem Selbstmordattentäter die letzten Instruktionen gab. Ihm erklärte, wie er es am besten anstellt, um die deutschen Soldaten aus ihrem Stützpunkt an der Brücke zu locken: Täusche eine Verletzung vor, bitte um Hilfe. Florian Pauli war Sanitäter, verließ den Schutz der Fahrzeuge. Er ging auf den Mann zu – und wurde von Metallkugeln zersiebt, mit denen der Selbstmordattentäter seinen Sprengstoffgürtel gespickt hatte.

Pauli war der fünfte Gefallene der Bundeswehr in der nordafghanischen Provinz Baghlan, es war Oktober und das Gebiet um die Ortschaft Kotub schwer umkämpft. Die Taliban hatten Milizen angeheuert wie die von Mullah Kahar, die erledigten die Drecksarbeit für sie. Ohr ab, Nase ab, Kopf ab – wer in den Dörfern nicht mit den Aufständischen kooperierte, musste bluten. Dann kamen deutsche Gebirgsjäger, amerikanische Kampfhubschrauber und afghanische Soldaten in das Gebiet. Der Wind drehte, Mullah Kahar wechselte die Seiten. Jetzt kämpft er gemeinsam mit 20 Deutschen gegen die Taliban in einem Außenposten (Combat Outpost, COP), der den Namen von Florian Pauli trägt.

Ein Kuss links, ein Kuss rechts, Mullah Kahar und Matthias Schuster begrüßen einander, wie es Freunde in Afghanistan tun. Mullah Kahar, schwarzer Vollbart, dunkle Augen, trägt einen Pakol auf dem Kopf, Symbol des tadschikischen Widerstands gegen die Taliban. Um die Schultern hat er eine braune Decke gelegt, die Kalaschnikow baumelt von der rechten Schulter. Kahar sagt, er wolle ihm etwas zeigen, hält Schusters rechte Hand und geht voran. Männer in Afghanistan machen das, wenn sie einander vertrauen. In einem Seecontainer liegen Matten und bunt bestickte Kissen, einige von Kahars Kämpfern hocken darauf. Freudig begrüßen sie den Hauptfeldwebel. Vor ihnen stehen Teller mit Fladenbrot und Schüsseln mit gezuckerter Sahne. Nach dem Essen holt Mullah Kahar eine Digitalkamera hervor. „Schau dir das an.“

Die Bilder sind grässlich: ein zerfetztes Auto, zerrissene, blutüberströmte Leiber. Fünf Kinder, zwei Frauen und der Taxifahrer, entsetzlich entstellt, getötet durch eine Straßenbombe. „Das waren die Taliban“, sagt Mullah Kahar. „Der Teufel soll sie holen.“ Er war mit seinen Männern als Erster an Ort und Stelle. Es gab nichts mehr zu tun. Sie konnten nur noch die Leichen bergen. Dann hatte Mullah die Idee mit den Bildern. Er zeigte sie in Kotub herum. „Seht her“, sagte er den Leuten, „das waren die Taliban. Sie töten Frauen und Kinder, sie sind Barbaren.“ Die Einwohner schworen blutigen Widerstand, sollten die Aufständischen noch einmal in ihr Dorf kommen.

Der Außenposten, „COP Pauli“, ist einer der erbärmlichsten und gefährlichsten Stützpunkte der Bundeswehr. Ein Ort, über den die Politiker in Berlin lieber nicht reden. Hier ist der Krieg besonders schmutzig, deutsche Soldaten machen gemeinsame Sache mit gedungenen Schurken. Doch bislang geht in Kotub das Konzept des „Partnering“, der Kooperation mit den afghanischen Sicherheitskräften, auf. Familien, die im vorigen Jahr vor dem Talibanterror geflohen sind, kehren in den Ort zurück. Die Ältesten haben vor einigen Monaten eine Versammlung abgehalten und entschieden, ihre Sicherheit in die Hände der 24 Überläufer von Mullah Kahar zu legen. „Wir verstehen uns gut mit ihnen“, sagt Matthias Schuster. „Klar wissen wir, dass sie Blut an den Händen haben. Aber man muss die Vergangenheit ruhen lassen.“

Morgen im „COP Pauli“: Aus Schlafsäcken schälen sich müde Soldaten. Sie liegen dicht an dicht in zweistöckigen Betten aus Sperrholz, die sie in eine kleine Bretterbude gezimmert haben. Sie waschen sich mit Wasser aus Kanistern, die an Panzern hängen, und teilen sich mit Ratten einen Unterstand, in dem sie sich die Langeweile des Postendienstes mit Skat, Büchern und Videos auf Notebooks vertreiben. Einer der Männer greift nach einem weißen Klappstuhl, baut den Stuhl unter einem Wachturm auf. In der Sitzfläche befindet sich ein Loch, in das er eine Plastiktüte hängt. „Kack und Pack“ heißt das Freiluft-Klobecken des Frontsoldaten. Nach einiger Zeit versenkt der Soldat die zugeknotete Tüte im Boden am Rand des Außenpostens.

Am Abend wird Diesel in das Loch gekippt und der Abfall abgebrannt. Er schwelt und stinkt stundenlang vor sich hin. „Nach Monaten im Krieg“, sagt der Soldat, „macht dir der ganze Dreck nichts mehr aus. Du stumpfst ab und willst nur noch heil nach Hause kommen.“ In Fleece-Pullover und Skimütze sehen die Soldaten wie Waldarbeiter aus, sie sind schmutzig bis in die Poren und unter die Nägel. Waffen und Munitionswesten sind jederzeit griffbereit, niemand vertraut Mullah Kahars Leuten hundertprozentig. „Alles, was hier passiert, kommt überraschend“, sagt Matthias Schuster. Wie der Angriff auf ihre Patrouille.

Das Geschoss jagt nur zwei Meter über die Köpfe der Soldaten hinweg. Es schlägt in eine Mauer hinter ihnen ein, der Gefechtskopf explodiert in einem Feuerball. Feststoffe verwandeln sich im Bruchteil einer Sekunde in Gas, das sich mit Überschallgeschwindigkeit ausdehnt. Der Luftdruck donnert in den Ohren der Soldaten, deren Kopf ungeschützt aus einer Panzerluke ragt. Ein markerschütterndes Krachen, tief und dumpf. Trockenes Stakkatohämmern setzt ein, Salven aus einem schweren Maschinengewehr. Die Kugeln schlagen gegen die Hülle eines Panzers wie ein helles Klopfen. Dann das Tack, Tack, Tack aus Kalaschnikows, ein zweiter Geschosshagel, unpräzise, weit entfernt. Und wieder das Fauchen der Panzerfaustgeschosse.

Die Stellungen des Gegners müssen sich drei-, vierhundert Meter entfernt befinden. Endlich setzt das erste Maschinengewehr ein, bestreicht den vorderen Halbkreis, stoppt, korrigiert, feuert wieder. Dann rast ein zweites MG in dieselbe Richtung los, das Gegenfeuer wird jetzt zusammengefasst. Entfernungen werden gebrüllt, Zielkoordinaten abgeglichen. Dann werfen Granatmaschinenwaffen ihre Sprengsätze mit tödlicher Präzision. Kein Fauchen mehr. „Keine Verletzten“, funkt der Zugführer an die Gefechtszentrale.

Es war nur ein kurzer Feuerüberfall. Die Patrouille setzt ihren Weg fort, doch wenn die Männer später zur Ruhe kommen, dann klettert das Gefühl der Freude, der Erleichterung in ihnen hoch. „Noch mal davongekommen, das hätte auch schiefgehen können“, denken sie, sagen es auch. Die Adrenalinstöße im Moment eines Feuerüberfalls sind heftig, ihre Intensität nimmt jedoch, wie die Soldaten berichten, mit der Zahl der Gefechte ab. Mit jedem neuen Angriff der Aufständischen gewinnen sie mehr Kenntnis und Erfahrung von Geschossen, ihren Geräuschen und Wirkungen. Sie können vorausbestimmen, ob sie akut gefährdet sind, wo das Feuer einschlägt und wie sie sich davor schützen. Es ist ihr Handwerk. Kriegshandwerk.

Der Krieg in Baghlan besteht für die Soldaten aus Warten. Warten auf die nächste Offensive, den nächsten Angriff, auf die nächste Straßenbombe. Warten auf ein ordentliches Essen, eine hygienische Toilette oder eine warme Dusche. Gefechte, auf die sich die Gebirgsjäger tagelang vorbereitet haben, dauern kaum eine Stunde. Den Feind bekommen sie so gut wie nie zu Gesicht, wahrscheinlich, wie ein Hauptfeldwebel sarkastisch meint, steht er am Straßenrand und winkt uns zu. Die gefährlichste Arbeit besteht darin, Bomben auf den Straßen zu suchen und zu entschärfen. „Manchmal ist es wirklich ein Scheißjob“, schimpfen die Männer.

Doch etwas anderes als den Kampf an vorderster Front wollten sie um nichts in der Welt machen. „Wir zeigen den Dreckskerlen gerade mitten in ihrem ureigenen Gebiet den Mittelfinger“, sagt ein Soldat, der wie die meisten gerade erst Anfang 20 ist. Sie tragen Figuren des heiligen Christophorus an Ketten um den Hals und Rosenkränze in den Hosentaschen. Mancher schleppt eine Kindersocke oder einen Slip der Freundin als Talisman mit sich, verstaut zwischen Schale und Innenteil des Gefechtshelms.

Mitte Januar fahren dunkle Limousinen am COP Pauli vor. Der Provinzgouverneur von Baghlan steigt aus, Kameras und Mikrofone richten sich auf ihn. „Wer mit der Regierung zusammenarbeitet, wird davon profitieren“, sagt der Gouverneur und blickt wohlwollend auf Mullah Kahar. „Ich heiße die verlorenen Söhne mit großer Freude willkommen.“ Applaus im Außenposten, Beifall in Berlin und Washington. Es sind Männer wie Mullah Kahar, gewendete Taliban, die dem Westen den Notausgang aus Afghanistan öffnen sollen. Afghanistans Präsident Hamid Karzai hat Kahars Leute in den offiziellen Status einer lokalen Polizei, einer Bürgerwehr, erhoben. Sie erhalten vom Staat – also von den Hauptgeberländern Amerika, Japan, Deutschland – 80 bis 125 Dollar pro Monat, tragen einen Pass, der sie als Polizisten ausweist, und eine registrierte Kalaschnikow. Sie schützen ihr Dorf vor den Taliban, sorgen für Ordnung. Sie haben Befugnisse wie eine Polizei. Und wie er sie durchzusetzen beabsichtigt, demonstriert Mullah Kahar hin und wieder an den eigenen Leuten. Wer nicht spurt, den peitscht er aus. „Das ist zwar gewöhnungsbedürftig“, sagt Matthias Schuster. „Aber da halten wir uns raus.“

COP Pauli ist die Blaupause für das weitere Vorgehen der Bundeswehr in Baghlan. Immer tiefer dringen die Gebirgsjäger in das Tal, nehmen Dorf um Dorf ein, bauen bis Mitte Februar elf Außenposten und stationieren Polizeieinheiten oder Bürgerwehren. An ihrer Seite kämpfen die „Black Sheep“, eine Einheit der 10. US-Gebirgsdivision, afghanische Soldaten und Polizisten. Die Taliban-Kommandeure fliehen nach Pakistan und ihre Unterführer in die Berge. In die Dörfer kehrt Leben zurück. Die Bundeswehr lässt Schulen und Krankenhäuser bauen, Brunnen bohren, Stromkabel verlegen. Wenn die Soldaten durch die Dörfer kommen, stehen die Kinder am Straßenrand, winken und formen mit den Händen einen Kreis. „Sie lieben Fußball“, sagt ein Stabsunteroffizier. General David Petraeus, Oberbefehlshaber der internationalen Truppen in Afghanistan, empfiehlt inzwischen seinen Kommandeuren, sich am Vorgehen der Bundeswehr ein Beispiel zu nehmen. Vorbei die Zeiten, als in Kabul, Washington und London über die „deutschen Angsthasen“ geätzt wurde, die sich nicht aus ihren Feldlagern trauten. Die Angsthasen, sagt ein Soldat, säßen ohnehin weniger in den Camps als vielmehr in den Berliner Amtsstuben.

Die Offensive kostet Kraft, laugt die Männer aus. Manche verleitet der Erfolg zu Disziplinlosigkeit. Was der Feind nicht erreicht, schafft der Übermut. Als im Dezember zwei Mannschaftssoldaten in einem Unterkunftszelt auf OP North mit ihren Waffen herumfuchtelten, löste sich ein Schuss und traf den Hauptgefreiten Oliver Oertel tödlich in den Kopf. Parlamentarier und Medien in Deutschland mutmaßen, in Baghlan gebe es Führungs- und Ausbildungsmängel. Bataillonskommandeur Carstens wird vorgeworfen, er habe seine Truppe nicht im Griff. Das trifft ihn. Er, ein besonnener Mann, der seine Worte wägt, verteidigt sich. „Wir haben hier wirklich Erfolg“, sagt er leise. „Meine Soldaten nehmen monatelange Entbehrungen auf sich und haben es nicht verdient, dass dieses tragische Unglück das Einzige sein soll, was zu Hause von ihnen wahrgenommen wird.“

Jan, Patrick, Marco, Jacob und Waldemar sind Panzergrenadiere aus Regen. Sie sitzen auf Klappstühlen hinter einem Schützenpanzer „Marder“ und begegnen dem Warten auf neue Befehle mit den Überlebensritualen des Frontsoldaten: Sie essen, trinken Kaffee und reißen Witze. Auf der herabgelassenen Heckklappe fauchen Spirituskocher, auf denen Fertigmahlzeiten kochen. Es gibt Indische Reispfanne, Gulasch mit Kartoffeln und Hamburger in Tomatensoße, zum Nachtisch Grießspeise und Obstsalat, fein lecker konserviert. Patrick deutet auf den Innenraum des Panzers. „Das ist unser Wohnzimmer“, sagt er. Dort stapeln sich Rucksäcke, Munition und Wasserflaschen. Die Männer leben seit Wochen in ihrem Panzer. „Wer weiß denn schon daheim, wie der Krieg ist?“, fragt Marco. „Niemand.“ „Dennoch“, sagt Waldemar, „hätte ich mir den Krieg noch krasser vorgestellt, bedrohlicher, ultimativer.“ Jan meint, das liege daran, dass die Taliban zu feige seien, um offen gegen sie zu kämpfen: „Das Einzige, was die Dreckskerle können, ist, uns Bomben unter den Arsch legen.“

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Time am 13. Februar 2011

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PS1: Das Foto ist von Michael Kappeler

PS2: Lesenswerter Artikel über Integration und Wirtschaft v. 100211 unter
http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~EDC336DC9A2874FF2A9D201DEC5FC196E~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Endlich von der Leine

15. November 2010

Marco Seliger berichtet in der heutigen FAZ (1) wie gewohnt eindringlich aus Afghanistan. Die Dinge dort stehen zum Guten, nach langer Zeit. Die Bundeswehr beispielsweise hat Isa Khel zurückerobert, den Ort, an dem wir am Karfreitag dieses Jahres 3 Männer verloren hatten. In den vergangenen 3  Monaten sind 300 Taliban-Kommandeure eliminiert worden, die Orks fliehen unter Burkas versteckt. Seliger:

„’Der Kampfverband der Bundeswehr macht gute Arbeit, das wird in Kabul und Brüssel erfreut registriert’, berichtet ein Nato-Offizier. Die Bundeswehr, heißt es, könne sehr erfolgreich kämpfen, ‚wenn Berlin sie lässt’.“

Ob das seinerzeit in Vietnam gescheiterte Konzept des Aufbaus von sich selbst verteidigen könnenden Wehrdörfern in Afghanistan Erfolg haben wird, mag fraglich sein. Immerhin haben die Taliban aber keine Supermacht als Helfer im Hintergrund wie seinerzeit der Vietcong.

Experte Ahmed Rashid jedenfalls ist sich sicher, dass der Westen den Krieg nicht gewinnen kann, obwohl er durchaus registriert, dass die Taliban schwer angeschlagen sind.

Er fordert vielmehr möglichst rasch direkte Verhandlungen zwischen den USA und den Steinzeitfaschisten, und demonstriert einmal mehr, dass auch vermeintlich auf unserer Seite stehende Mohammedanisten im Herzen näher zu ihren Glaubensbrüdern stehen, selbst wenn diese grausam und dumm sind, als zu uns, ihren Finanziers. Rashids Aufsatz erschien in der gestrigen FAZ.

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Nicht ohne die Vereinigten Staaten

Warum die Taliban jetzt mit dem Westen sprechen wollen und wie ein Friedensprozess in Afghanistan aussehen könnte

Die Taliban sind dabei, den Krieg in Afghanistan zu gewinnen – das ist heute die vorherrschende Ansicht in weiten Teilen der Welt, auch am Hindukusch. Gleichzeitig wollen die Europäer abziehen, und selbst die Vereinigten Staaten werden im Juli 2011 damit beginnen, ihre Truppen zu reduzieren. Warum also sollten die Taliban gerade jetzt verhandeln wollen? Sie könnten doch einfach abwarten, bis die westlichen Mächte Afghanistan verlassen haben. Die Gründe dafür sind komplex.

Nach 32 Jahren Krieg und der großen Niederlage von 2001 sind die Taliban erschöpft. Die Nato-Truppen haben ihnen entsetzliche Verluste zugefügt. In den vergangenen drei Monaten sind laut General David Petraeus mehr als 300 Kommandeure getötet oder gefangen genommen worden. Trotz ihrer Verbindungen zu Al Qaida sind die Taliban keine globalen Dschihadisten. Sie halten sich selbst für patriotische afghanische Nationalisten, die einen vom Islam legitimierten Krieg gegen eine ausländische Besatzung führen. Deshalb haben sie genug von den Manipulationen durch Al Qaida.

Die Anführer der Taliban wissen auch, dass sie ihre Macht nicht weiter ausbauen können. Sie bilden zwar eine landesweite Aufstandsbewegung nach Art einer Guerrilla, können aber wegen der Feuerkraft der Nato die großen Bevölkerungszentren des Landes weder einnehmen noch kontrollieren. Anders als im Irak gibt es auch keinen Aufstand der Bevölkerung, den die Taliban gegen die amerikanischen Truppen anführen könnten. Die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung wünscht keine Rückkehr des Taliban-Regimes. Die meisten Afghanen sind sogar sehr zurückhaltend, wenn es um Friedensgespräche mit den Taliban geht, selbst wenn diese nur aus dem Grund geführt werden sollen, den Krieg endlich zu beenden.

Die Taliban-Führer wissen aber auch, und das ist das wichtigste Argument, dass sie als Regierung versagt haben. Als sie Afghanistan beherrschten, lehnte die internationale Gemeinschaft es ab, sie anzuerkennen oder zu unterstützen. Kämen sie heute wieder an die Macht, erginge es ihnen nicht anders. Sie würden wieder von der internationalen Gemeinschaft isoliert werden und die Unterstützung der Bevölkerung schnell verlieren. Aus ihrer Sicht wäre es darum besser, sich auf einen Handel mit einem prowestlichen Führer wie Hamid Karzai einzulassen. Sie könnten sich dann die Macht teilen, und die Hilfsleistungen würden weiter fließen.

Durch Gespräche zwischen den afghanischen Taliban und der Regierung von Präsident Karzai könnte eine Verhandlungslösung erreicht und der Krieg beendet werden – wenn auch erst in ferner Zukunft. Man darf nämlich nicht vergessen, dass Gespräche zwischen verschiedenen Fraktionen der Taliban und Karzai bereits seit zwei Jahren laufen und kaum Fortschritte erzielt wurden. Schon im Winter 2008/09 hatte sich Karzai an den saudischen König Abdullah gewandt und ihn gebeten, die Rolle des Gastgebers für Gespräche zwischen seiner Regierung und den Taliban zu spielen. Den Rest des Jahres 2009 fanden in Saudi-Arabien dann Geheimgespräche zwischen früheren oder nicht mehr aktiven Taliban, Vertretern Karzais, ehemaligen arabischen Mitgliedern Al Qaidas und einflussreichen saudischen Islamisten statt – alle Parteien waren sich in ihrem Hass auf Al Qaida einig. Die Gespräche brachten jedoch keinen Durchbruch. Während des Fastenmonats Ramadan im Herbst 2009 kamen aber zum ersten Mal „aktive“ Taliban-Führer nach Saudi-Arabien und sprachen mit saudischen und afghanischen Offiziellen. Auch wurde ein zweiter Gesprächskanal in Kandahar eröffnet, wo Karzais mächtiger Bruder Ahmed Wali Karzai geheime Verhandlungen mit den Taliban-Führern aufnahm, die sich jenseits der Grenze im pakistanischen Quetta aufhielten.

Im Juli 2009 sprach sich der britische Außenminister David Miliband bei einem Nato-Treffen öffentlich für Verhandlungen mit den Taliban aus. Allerdings konnte Karzai die Amerikaner nicht überzeugen. Das Mantra der drei aufeinanderfolgenden Kommandeure, die die Nato-Streitmacht in den ersten beiden Jahren der Regierung von Präsident Barack Obama befehligten, lautete: Alle Verhandlungen müssten aufgeschoben werden, bis die Taliban geschwächt seien, damit die Vereinigten Staaten aus einer Position der Stärke sprechen könnten. Washington unterstützte „Reintegration“ – die Belohnung von Taliban, die sich ergaben, mit Geld und Hilfe; von „Versöhnung“, also Verhandlungen über eine Teilung der Macht, wollte Washington nichts wissen.

Allerdings hatte die amerikanische Regierung im Laufe des Sommers 2009 ihre „Keine Gespräche“- Politik modifiziert. Sie unterstützte nun die afghanische Regierung in ihren eigenen Bemühungen, Gespräche mit den Taliban zu führen. Die Geste der Nato, Taliban-Führer nach Kabul zu eskortieren, war ein erster Schritt zu einer noch stärkeren Beteiligung der Amerikaner. Nun muss sich Obama bei der für Dezember vorgesehenen Revision der Afghanistanpolitik fragen, ob die Vereinigten Staaten weiterhin nur eine unterstützende Rolle bei den Karzai-Taliban-Gesprächen spielen oder selbst mit den Taliban sprechen sollen. Die Taliban suchen geradezu verzweifelt den direkten Kontakt mit Washington. Und für viele Afghanen würde allein die Beteiligung der Vereinigten Staaten an den Verhandlungen die Hoffnung nähren, dass zentrale Anliegen wie Bildung und Frauenrechte von Karzai nicht zugunsten eines Handels mit den Taliban aufgegeben werden.

Wie sähe ein Friedensprozess nun aber aus? Offensichtlich gäbe es keine große Konferenz à la Paris oder Dayton, die die Kriege in Vietnam und Bosnien beendeten. Stattdessen fänden unsystematische Verhandlungen mit den Taliban-Fraktionen und dann mit Fraktionen innerhalb dieser Fraktionen statt. Auf westlicher Seite gäbe es keinen Verhandlungsführer, sondern eine Reihe von Unterhändlern verschiedener Nato-Staaten und der Vereinten Nationen.

Echte Gespräche müssten mit vertrauensbildenden Maßnahmen in den Provinzen zwischen den verschiedenen Taliban-Gruppen und den afghanischen sowie den Nato-Truppen beginnen. So wie das jüngste sichere Geleit für einige Taliban-Führer eine vertrauensbildende Maßnahme der Nato war, so müssten die Taliban in ähnlicher Weise antworten: indem sie etwa in einem Distrikt einen Waffenstillstand versprechen oder in einem anderen Hilfsorganisationen zulassen oder die Ermordungen afghanischer Offizieller beenden. Der Boden für echte Verhandlungen müsste Stück für Stück bereitet werden, auf verschiedenen Ebenen, in verschiedenen Teilen des Landes, und das über einen beträchtlichen Zeitraum.

Die Vorstellung, mit den Taliban tatsächlich über eine Machtverteilung zu verhandeln, ist den Vereinigten Staaten immer noch ein Greuel. Bei echten Verhandlungen müssten beide Seiten indes kompromissbereit sein. Bei den Verhandlungen würde es um zweierlei gehen: zum einen um die Teilung der Macht in den Provinzen und im Zentrum, also darum, ob die aktuelle Regierung im Amt bleibt und für wie lange. Der zweite Teil wäre schwieriger: Dabei müssten nämlich die gravierenden Gegensätze in gesellschaftlichen Fragen überbrückt werden. Die Taliban haben die Einführung der Scharia zur Vorbedingung gemacht. Dagegen bestehen die afghanische Regierung und die internationale Gemeinschaft darauf, dass die moderne, demokratische Verfassung des Landes erhalten bleiben muss. Dieser Gegensatz berührt alle Fragen, die den Afghanen wichtig sind wie Frauenrechte, Bildung, das Justizsystem, das Konzept einer repräsentativen Regierung und Wahlen.

Nichts von alledem kann erreicht werden, wenn es keine großangelegte, diplomatische Anstrengung gibt, um regionale Zusammenarbeit herzustellen, die den Frieden in Afghanistan fördert. Obamas Ankündigung zu Beginn seiner Amtszeit, eine regionale Strategie zu verfolgen und einen Konsens für Frieden in Afghanistan zu schaffen, hat bis heute wenig erbracht. Es wird weit größerer Anstrengungen bedürfen, nicht nur von Seiten Amerikas, sondern auch von den vermittelnden Staaten. Ein großer Ausgleich, bei dem Afghanistans sechs Nachbarstaaten – Pakistan, Iran, China, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan – und die mächtigen ferneren Nachbarn wie Indien, Russland und Saudi-Arabien übereinkommen, eine große Zone des Friedens zu errichten, ist unrealistisch. Stattdessen wird es viele kleine Abkommen geben müssen.

Wenn das Pentagon und die Nato erkennen, dass westliche Truppen gleichzeitig kämpfen und reden können, während der Boden für echte Verhandlungen zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung bereitet wird, dann muss diese Erkenntnis auch im Weißen Haus ankommen. Als Obama im vergangenen Dezember die Afghanistan-Politik einer Überprüfung unterzog und dabei nicht weniger als neun Kabinettstreffen abhielt, tauchte die Frage von Gesprächen mit den Taliban nicht einmal auf. Am Ende wurde eine Aufstockung der Truppen verkündet. Diesen Dezember sollten Gespräche mit den Taliban für das Weiße Haus eine zentrale Rolle spielen. Es wird dann zu echten Fortschritten kommen, wenn sich die Vereinigten Staaten darauf einlassen und ihre Militärstrategie des „surge“ auf diese Gesprächsstrategie abstimmen. Offensichtlich ist der Krieg eine zu komplizierte Sache, um sie allein den Generälen zu überlassen.

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Time am 15. November 2010

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1) http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~E3CC75989587D43D4A33F376BB263E171~ATpl~Ecommon~Scontent.html

 

Permanent – und auf ewig

17. Oktober 2010

Marco Seliger berichtet in der heutigen FAZ aus Baghlan/Kundus/Afghanistan.

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Im permanenten Kampfeinsatz

Die Bundeswehr gerät in Afghanistan an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Das wissen auch die Taliban und ihre Verbündeten nur allzu gut.

Kurz bevor sich der Selbstmordattentäter in die Luft sprengt, redet er mit Florian Pauli. Weil der 26 Jahre alte Oberfeldwebel den afghanischen Bauern nicht versteht, ruft er einen Dolmetscher herbei, der sich mit den übrigen Soldaten in der einige Meter entfernten Wagenburg, der provisorischen Lagerstatt eines Fallschirmjägerzuges aus dem norddeutschen Seedorf, aufhält. Als der Übersetzer vorgehen will, explodiert der Sprengsatz. Der Attentäter hatte ihn mit Metallkugeln gespickt und unter seiner Tracht am Körper getragen. Der Schutzwall aus Fahrzeugen rettet den meisten Soldaten das Leben; drei von ihnen erleiden Splitterverletzungen. Florian Pauli hat aber keine Überlebenschance. Die von deutschen Pionieren erst einige Tage zuvor verlegte Brücke nahe der Ortschaft Aka-Khel, an der er am 7. Oktober Wache hielt, trägt jetzt seinen Namen. Der Sanitätsfeldwebel aus Halle/Saale wurde gestern beerdigt. Er ist der 44. Gefallene der Bundeswehr in Afghanistan.

Als Florian Pauli stirbt, greifen die Taliban an. Und sie machen das sehr professionell. Ihr Ziel sind deutsche und amerikanische Soldaten sowie deren afghanischen Partner, wenige Kilometer von Pul-i-Khumri entfernt, der Hauptstadt der südlich von Kundus gelegenen Provinz Baghlan. Deutsche Kampfeinheiten aus Fallschirm- und Gebirgsjägern halten hier mehrere provisorische Außenposten. Von dort überwachen sie einen der bedeutendsten strategischen Punkte in Nordafghanistan. Am sogenannten Highway-Triangle teilt sich die Hauptverkehrsstraße von Kabul in die Trassen nach Kundus und Mazar-i-Sharif. Seitdem die Versorgung der internationalen Truppen zunehmend über Zentralasien abgewickelt wird, erlangt die Nord-Süd-Route wachsende Bedeutung. Für sie gilt, was für alle großen Straßen in Afghanistan gilt: Wer sie beherrscht, kontrolliert das Land.

Jahrelang konnten die Taliban und andere aufständische Gruppen in dieser fruchtbaren, von den Flüssen Kundus und Baghlan durchzogenen Gegend ihr Unwesen treiben. Sie errichteten illegale Kontrollpunkte an den Straßen und trieben Schutzgeld von den Lastwagenfahrern ein, die die Isaf-Truppen im Süden mit Kraftstoff und Lebensmitteln sowie die Bevölkerung mit Waren aller Art versorgen. Die wenigen Isaf-Soldaten konnten dagegen nichts ausrichten, die oftmals unfähigen, korrupten und kriminellen einheimischen Sicherheitskräfte in Baghlan waren auch keine Hilfe. Die Taliban verschanzten sich in den Dörfern und zwangsrekrutierten Hilfskräfte für den Kampf.

Im Frühjahr dieses Jahres startete die Isaf in der Region die Operation „Taohid“. Mehrere hundert Bundeswehrsoldaten der in Mazar-i-Sharif stationierten Schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force) gingen gemeinsam mit der afghanischen Armee in die Offensive. In wochenlangen Kämpfen eroberten sie die Dörfer am Highway-Triangle von den Taliban zurück. Um der Bevölkerung am Kundus-Fluss Handel und Austausch zu erleichtern, errichteten und reparierten die Soldaten Brücken. Die Übergänge sind wichtig, denn die eine Seite des Flussufers kontrollierten eine geraume Zeit lang die Taliban. Dort trieben sie Schutzgeld ein und zwangen die Menschen zur Zusammenarbeit.

Die andere Flussseite befand sich in der Hand einer Dorfmiliz des Terrorfürsten Gulbuddin Hekmatyar, auf dessen Konto zahlreiche Angriffe auf Isaf-Truppen in Afghanistan gehen. Die Miliz hat inzwischen mutmaßlich die Fronten gewechselt. Ihre Führer haben Präsident Hamid Karzai die Treue geschworen, ihre Kämpfer werden nun von amerikanischen Soldaten ausgerüstet, ausgebildet und betreut. Dieses Vorgehen ist Teil der Nato-Strategie zur Bekämpfung Aufständischer am Hindukusch. Danach sollen lokale Milizen, die es zu Hunderten in Afghanistan gibt, für die Regierung gegen die Taliban und ihre Verbündeten kämpfen. Karzai hat ihren Mitgliedern Amnestie sowie die spätere Eingliederung in die offiziellen Polizeikräfte angeboten.

In Baghlan zeigen sich erste Erfolge. Die ehemalige Hekmatyar-Miliz hat, wie Bundeswehrsoldaten berichten, maßgeblich zur Vertreibung der Taliban aus den Dörfern beigetragen. Die Deutschen operieren heute mit diesen Kämpfern, die ihnen vor kurzem noch Selbstmordattentäter schickten und sie in Hinterhalte lockten.

Die Operation „Taohid“ dauert bis heute an. Um die Bad Reichenhaller Gebirgsjäger der „Quick Reaction Force“ an der wackeligen Guerrillafront zu unterstützen, schickte das Isaf-Kommando in Mazar-i-Sharif Mitte September die Fallschirmjäger aus Kundus nach Baghlan. Seitdem sich die Seedorfer Einheit in der Region befindet, steht sie im permanenten Kampfeinsatz. Der 7. Oktober steht exemplarisch für den in Deutschland nach wie vor weitestgehend unbekannten Kriegsalltag der Truppen.

Nach dem Selbstmordanschlag, bei dem Florian Pauli sein Leben ließ, greifen etwa 100 Taliban zwei Außenposten der Deutschen und der Amerikaner an. Die Aufständischen setzen dabei auch mehrere Mörser ein, über die in Nordafghanistan bislang nur die Isaf-Truppen verfügten. Die Gefahr für die Soldaten droht nun nicht mehr nur von unten (Straßenbomben) und von der Seite (Gewehrkugeln und Panzerfaustgranaten), sondern auch von oben. Während des Kampfes werden mehrere Bundeswehrfahrzeuge schwer beschädigt. Dann gehen die Soldaten zum Gegenangriff über. Mit Schützenpanzern und unterstützt von amerikanischen Kampfhubschraubern und Flugzeugen reiben sie den Taliban-Verband nahezu vollständig auf. Dabei werden mehrere Dutzend Aufständische getötet.

Seit Monaten tobt der Kampf zwischen der Bundeswehr und den Taliban in Baghlan. Von Aufständischen befreite Dörfer werden von den deutschen Soldaten an die afghanische Polizei übergeben und bald darauf wieder von den Taliban besetzt. Die Polizisten sind der Schwachpunkt der Nato-Strategie. Sie sollen die freigekämpften Ortschaften halten, doch fehlen ihnen dazu Ausrüstung, Ausbildung, Motivation und finanzieller Anreiz. Eher laufen sie zu den Aufständischen über, eher geben sie ihre Stellungen kampflos auf, als dass sie sich überrennen und von den Taliban massakrieren lassen. Mehrfach musste die Bundeswehr gegen die Taliban um bereits einmal eroberte Ortschaften in Baghlan kämpfen.

Die große Strategie zur Aufstandsbekämpfung der Militärplaner in Washington, Brüssel und Kabul stößt deshalb an ihre Grenzen. Das allerdings veranlasst die Nato-Mitgliedstaaten nicht dazu, stärker in die Polizeiausbildung zu investieren. Dabei gilt sie als der Schlüssel zur erfolgreichen Aufstandsbekämpfung, so steht es zumindest im Afghanistankonzept der Allianz. Der Oberbefehlshaber der Nato, Admiral James Stavridis, bat die europäischen Verbündeten im September nachdrücklich, weitere 800 Polizeiausbilder nach Afghanistan zu schicken. Doch von London bis Tallinn erntete er nur den Hinweis, jetzt seien erst einmal die anderen dran.

Ohne eine wirksame Polizei wird die Bundeswehr wohl noch monatelang in Baghlan bleiben müssen. Dabei werden ihre Kampfverbände ebenso dringend in den Distrikten um Kundus gebraucht. Am Rand der Provinzhauptstadt sind knapp 1500 deutsche Soldaten in einem Feldlager stationiert. Und die Taliban und ihre Verbündeten sind gerade dabei, die Stadt zu umzingeln. Doch die Bundeswehr kann einfach nicht mehr leisten, muss sich auf ein Aufstandsgebiet konzentrieren. Das wissen die Taliban und ihre Verbündeten. Deshalb brauchen sie nur abzuwarten. Wenn die Bundeswehr sich für einen Einsatzschwerpunkt entschieden hat, müssen sie ihren eigenen Operationsraum nur verschieben. So geht das seit Monaten im Guerrillakrieg am Hindukusch. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern.

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Time am 17. Oktober 2010

Leserbrief-Counterjihad (#5)

9. Oktober 2010

Das Recht, sich zum Atheismus zu bekennen, wird jedem autochthonen Europäer problemlos zugestanden. In Deutschland bekennt sich etwa ein Drittel der Bevölkerung als Atheisten, zwei Drittel bezeichnen sich als Christen. Dieses selbstverständliche Recht gestehen unsere politischen und medialen Eliten eingewanderten Orientalen und ihren Nachkommen grundsätzlich nicht zu. Egal ob Atheist, Alevit, Bahai oder sonstwas, die Orientalen werden als homogene Masse wahrgenommen und zum Mohammedanismus verdammt. Wurde je eine Umfrage gemacht, wieviele von den Orientalen sich überhaupt zum Mohammedanismus bekennen? Ich könnte mir denken, dass die Mehrheit ihm feindschaftlich gegenübersteht. Aber diese Leute werden nicht gefragt. Stattdessen sucht man sich die machtgierigsten Vertreter dieses Irrglaubens als Gesprächspartner, die eine verschwindend geringe Minderheit unter den Orientalen bilden aber dessen ungeachtet zu ihren Vertretern ernannt werden. Das ist eine Schande und wird nichts Gutes hervorbringen. Der Gemeinplatz „Orientale = Mohammedanist“ ist falsch. Er muss bekämpft werden. Die gestrige FAZ (1):

„Dem gegenüber hatte der Linke-Politiker Wolf gesagt, die deutsche ‚Leitkultur‘ bestehe nur aus zweierlei: Demokratie und Menschenrechte. Wenn man sage ‚Der Islam gehört nicht zur Leitkultur‘, dann sage man den Einwanderern: ‚Ihr gehört nicht zu uns.'“

Das ist kompletter Unsinn und, wenn ich mich nicht täusche, auch ein Verrat am Kommunismus, welcher Atheismus predigt. Niemand ist als Mohammedanist geboren, niemand ist verpflichtet, sich als solcher zu bezeichnen und diese Gewaltideologie auszuüben. Im Gegenteil, die sich dazu bekennen, sollten wir ausschließen, die aber zu uns wollen, sollten sich dagegen bekennen und unseren Schutz erhalten. Deutsche sind nicht zwangsläufig Christen oder Anhänger von Wolfs SED, warum also sollten Orientalen zwangsläufig Mohammedanisten sein und durch die Bekämpfung des Nazislam, die sie wie z.B. Tangsir vielmehr begrüßen, ausgeschlossen werden?

Dass die Worte unseres Bundespräsidenten, der sich ja bereits mehrfach durch promohammedanistisches Verhalten hervorgetan hat, nicht nur Unsinn sondern auch gefährlicher Unsinn sind, stellten drei Professoren in Leserbriefen in der gestrigen FAZ dar, die ich im Folgenden bringen werde. Vorher jedoch lesen Sie einen Brief seines Anhängers Stephan Müller-Iwers, der sich für „DIE“ Christen hält und die letzte Dekade offenbar komplett im Winterschlaf verbracht hat:

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Die Weisheit der Christen

Zu „Die dritte Kultur“ (2): Der Kommentar Berthold Kohlers zeigt seine konservative bis rechte Grundhaltung. Als Angehöriger einer der christlichen Kirchen, die immerhin laut Zeitungsmeldung sechzig Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen, fühle ich mich besser repräsentiert von Herrn Wulff in seiner Geste den Muslimen gegenüber als von der F.A.Z., die seit Wochen Herrn Sarrazin in ihren Zeilen hält. Die Weisheit besteht doch wohl darin, das Versöhnende zu finden, gewissermaßen auf einer höheren Ebene. Diese Weisheit würde ich mir auch in den Zeilen mancher Journalisten mehr wünschen.

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Ich möchte noch kurz eine Anmerkung zum Amt des Bundespräsidenten einschieben: Nicht ohne Grund ist hier ein Mindestalter von 40 Jahren zur Ausübung des Amtes festgelegt (3). Wie man an Herrn Wulff leider sieht, reicht diese Altershürde nicht. Überhaupt ist darüberhinaus zu fragen, warum wir Deutschen uns eigentlich einen zumindest in meinen Augen völlig überflüssigen Grüßaugust leisten. Wozu brauchen freie Bürger so einen Zeremonienmeister? Für allerlei läppische „Grundsatzreden“, Patzer und Peinlichkeiten? Es ist doch lächerlich, wenn einer hier auf the Queen macht, so ein Format hat doch keiner von uns, und warum auch? Ich finde das Amt in hohem Maße grundsätzlich überflüssig, geldverschwenderisch und unserer Gesellschaft unangemessen. Insofern fühle ich mich dem Amt aber auch insbesondere dem Nazislamistenfreund Wulff nicht im gleichen Maße loyal verbunden wie anderen Amtsinhabern unseres Landes. Aber das ist allerdings OT, und das Wort hat jetzt zunächst Professor Dr. Peter P. Baron:

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Ein um sich greifender Vertrauensschwund

Der Bundespräsident hatte vor seiner Rede am 3. Oktober in Bremen wahrscheinlich nicht zwei Tage zuvor den treffenden Leitartikel von Klaus-Dieter Frankenberger zum „Vertrauensschwund“ (4) unter uns Deutschen gegenüber unseren Politikern gelesen. Hier wird uns das aktuelle Befinden unserer Bevölkerung nachvollziehbar vor Augen geführt. Vertrauen mag der Bundespräsident mit seiner Rede bei der muslimischen Bevölkerung beflügelt haben. Für den Rest blieb nicht viel übrig. Es war eben eine politische Rede, unter dem selbstverordneten Diktat der Political Correctness. Aber ist es wirklich ein Gebot auch für einen sich politisch gebenden Bundespräsidenten, uns am Tag der Deutschen Einheit zu sagen: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“? Das wissen wir doch. Es ist bedauerlich, dass selbst das Staatsoberhaupt der „wachsenden Verachtung“ (Frankenberger) der Bevölkerung gegenüber dem „Berliner Betrieb“ nichts Signifikantes entgegenzusetzen vermag oder die Notwendigkeit, solches zu tun, gar nicht wahrnimmt.

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Auch Professor Helmut Kurek geht auf Kohlers Artikel (s.o.) ein und fordert, dass sich Mohammedanismus wie die christlichen Kirchen der säkularen Verfassung unterwerfen müssen.

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Aus gutem Grund in Frage gestellt

Berthold Kohler hat in seinem Kommentar zur Äußerung des Bundespräsidenten, der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland, die zentrale Frage gestellt und mit ihr das entscheidende Problem angesprochen: „Was aber wird sein, wenn die dritte, nunmehr von höchster Stelle anerkannte Religion in Deutschland fordert, nun müssten auch ihre Werte geachtet werden, und zwar von allen?“ Aus gutem Grund hat die abendländische Kultur den Absolutheitsanspruch der Religion(en) in Frage gestellt und ihre auf nicht prüfbare Annahmen und Glaubenssätze gründende (weltliche) Macht und ihre gesamtgesellschaftliche Verbindlichkeit gebrochen, ohne die Religionsfreiheit einzuschränken oder sie in theologischen Fragen anzugreifen. Die säkularen Gesellschaften haben indes dem machtvollen Eingriff der Religion in das individuelle Leben klare Schranken gesetzt und die Kritik an deren Absolutheitsanspruch ausdrücklich zugelassen und als Ausdruck der Freiheit von Meinung und Kunst selbst die Satire. Die Vertreter der nun hinzukommenden Religion werden diesen Tatbestand akzeptieren müssen, will diese Gesellschaft einen wesentlichen Teil ihres Selbstverständnisses nicht einer Religion mit (in ihrer stringenten Ausprägung) totalitärem Impetus opfern. Wie jedem das Recht zusteht, zum Beispiel den Papst und die katholische Kirche oder irgendeine andere Religion nicht zu achten, was ja nicht heißt, einen Kreuzzug gegen sie zu führen, muss dies auch gegenüber dem Islam Gültigkeit besitzen.

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Professor em. Dr. Karl-Heinz Kuhlmann ist es indessen, der, ebenfalls auf Kohler Bezug nehmend, eine glasklare, counterjihadische Pointierung zur Kenntnis gibt:

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Was Berthold Kohler noch einigermaßen freundlich, im Kern jedoch entlarvend über die Rede des Bundespräsidenten sagt, sollte die erst nach Sarrazins Buch von der politischen Klasse wahrgenommene Mehrheit des autochthonen deutschen Volkes dazu bewegen, sich noch entschiedener gegen die Etablierung und Anerkennung des Islam zu wehren. Was geht da eigentlich im Kopf von Politikern vor, die sich doch sonst immer auf das christliche und humanistische Fundament dieses Staates berufen? Wissen sie denn gar nichts vom totalen Machtanspruch des Islam und von der Wirklichkeit der Zustände beziehungsweise Lebensbedingungen von Nichtmuslimen in islamischen Ländern? Diese Religion ist nun einmal nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, es sei denn, ihre Vertreter erklärten öffentlich – und das nicht nur in Deutschland -, dass wesentliche Aussagen des Korans wie zum Beispiel über den minderen Rang der Frauen (Sure 4,34), über das Erbrecht (Sure 4,11 f. und Sure 176) sowie über die Blutrache (Sure 2, 178 f.) nur noch historisch zu verstehen sind und keine normative Kraft mehr besitzen. Der Islam in seiner geltenden Form darf nie unsere dritte Kultur sein.

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Time am 9. Oktober 2010

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1) http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E7C9EE38C18874079B461F7840A7A1E58~ATpl~Ecommon~Scontent.html
2) http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E101117AA3BA7448490AB8D010774186A~ATpl~Ecommon~Scontent.html
3) http://de.wikipedia.org/wiki/Bundespräsident_(Deutschland)#Kandidatenauswahl
4) http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E0860D1DC33334F5C92B69382BF231D31~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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Lesen Sie auch
Marco Seliger aus Afghanistan aktuell: http://www.faz.net/s/Rub0CCA23BC3D3C4C78914F85BED3B53F3C/Doc~EA33642C5460A449BB7C750D7AA4119A0~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Wehler über Sarrazin1: http://www.faz.net/s/Rub546D91F15D9A404286667CCD54ACA9BA/Doc~EF6E54E0275CD4FA5860F181736BCBFB7~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Wehler über Sarrazin2: http://www.faz.net/s/Rub546D91F15D9A404286667CCD54ACA9BA/Doc~EC087682BB10E45779C2DCCF4FDD555A7~ATpl~Ecommon~Scontent.html

 

Die Taliban fordern Pressefreiheit

3. März 2010

Gelegentlich verleihe ich meiner tiefen Verdrossenheit über die vielen korrupten und sensationsgeilen Medienvertreter Ausdruck (1). Überall müssen sie wichtigtuerisch hereinquaken und sich aufblasen. Niemand hat sie gewählt, aber sie erzählen uns und unseren Politikern, was Sache sei.

Sandra Petersmann berichtet für die ARD heute aus Afghanistan, wie die afghanische Regierung mit einem Verbot der Live-Berichterstattung von Anschlagsorten verhindern will, dass die Killerorks unmittelbare Befehle an ihre Kämpfer erteilen können (2).

Präsidentensprecher Walid Omar: „Live-Berichte vom Anschlagsort sind in der Vergangenheit von unseren Feinden benutzt worden, um ihre Leute am Boden in Stellung zu bringen und zu dirigieren. Das wollen wir in Zukunft durch einen neuen Mechanismus verhindern (…) Uns geht es bei dem neuen Mechanismus um zwei Dinge: Wir wollen nicht, dass der Feind durch die Live-Bilder konkrete Befehle geben kann. Und wir wollen unsere Sicherheitskräfte und Zivilisten schützen, Journalisten eingeschlossen.“ Überdies könnten die Taliban auch als Journalisten getarnte Terroristen oder Ich-Bomben am Unglücksort ein noch größeres Massaker unter den Hilfs- und Sicherheitskräften ausführen lassen.

Marco Seliger hatte in der FAZ den Ablauf eines klassischen Anschlags so beschrieben (3): „Am Morgen des 10. Juli 2009 erreicht eine britische Patrouille ein Dorf in der Nähe der afghanischen Stadt Musa Qala in der Provinz Helmand. Hier herrscht seit drei Jahren ein verlustreicher Kleinkrieg, das Gebiet ist Taliban-Land. Das Führungsfahrzeug ist weit in den Ort vorgedrungen, als es auf eine im Boden vergrabene improvisierte Bombe (IED, Improvised Explosive Device) auffährt. Als die Soldaten mit der Versorgung ihrer verwundeten Kameraden beginnen wollen, detoniert in unmittelbarer Nähe eine zweite, zielgenau ausgerichtete, mit Nägeln gespickte verdeckte Bombe. In das entsetzliche Chaos hinein wird anschließend aus den umliegenden Gebäuden mit Gewehren und Panzerfäusten gefeuert. Fünf britische Soldaten fallen, zahlreiche werden verwundet.“

Es handelt sich also um eine vernünftige, ja überfällige Idee.

Dieser Ansicht ist auch Kommentator „Gesundheitswissenschaftler“, und er schreibt: „Eine solche Maßnahme ist mehr als überfällig! Den entsprechenden Stellen mag es ja wie Zensur und Diktatur schmecken – das Interesse begründet sich wohl weniger in seriöser Berichterstattung als mehr in der Befriedigung katastrophenhungriger Bedürfnisse. Je mehr Tote, Verwundete, Panik, Blut und Dramatik desto mehr Quote und/oder Schlagzeile. Ganz nebenbei wird den Terroristen auch noch die Medienpräsenz geboten, mit der sich wunderbar das Geschäft mit der Angst weiter praktizieren läßt. Ich persönlich hoffe sehr, dass diese Verbote strikt (!) eingehalten werden.“

Eigentlich wäre damit alles gesagt, aber nun hält der Vorsitzende der Nationalen Journalisten-Union in Afghanistan, Abdul Hameed Mubarez, seine Stunde für gekommen: „Es hilft den Taliban überhaupt nicht, wenn wir live über Anschläge berichten. Im Gegenteil. Die Fernsehbilder zeigen ihren Terror und ihre Zerstörungswut. Aber die Bilder zeigen natürlich auch die Schwäche unserer Sicherheitskräfte. Deswegen will die Regierung Live-Berichte verbieten.“

Sandra Petersmann: „Der Vorsitzende der Journalisten-Union weist den Vorwurf zurück, die Medien brächten Polizisten und Zivilisten in Lebensgefahr. Es gehe darum, die Wahrheit zu zeigen, um die Bevölkerung zu schützen. ‚Das Verbot, das die Regierung durchsetzen will, verstößt gegen unsere Verfassung. Es nützt nur dem Geheimdienst und dem Innenministerium. Es riecht nach Zensur und Diktatur.'“ Ihre Journalisten sind offenbar genauso reflexgesteuert und konditioniert wie unsere. Zensur und Diktatur werden erkannt, weil nicht live aus einem dampfenden Leichenberg berichtet werden darf? Es geht ja wohlbemerkt nicht um die Berichterstattung an sich, sondern lediglich um die LIVE-Berichterstattung.

Natürlich kommt es auch dort zum Schulterschluss mit den Islamisten, der den Taliban-Schießbudenfiguren allerdings eine Lachnummer ersten Grades abverlangt und zeigt, wie verdammt gut die Idee ist. Die ARD: „Ein Sprecher der Taliban kritisierte das Verbot inzwischen medienwirksam (please WHAT? T.) als VERSTOSS gegen die PRESSEFREIHEIT. Dabei gab es während der Herrschaft der Islamisten gar keine Pressefreiheit. Bis zum Sturz ihres Regimes im November 2001 war sogar das Hören von Musik verboten. Heute gibt es in Afghanistan rund 300 Zeitungen, mehr als ein Dutzend Fernsehstationen und viele Hundert private Radiosender.“

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Time am 3. März 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/28/ich-bin-verdrossen/
2) http://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan1716.html
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/12/21/hauptwaffe-bombe/

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auch: https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/21/der-jedermann-als-taliban/

Eine sehr authentische Reportage über die Taliban bei der Arbeit (von Najibullah Quraishi) kann bei YouTube angesehen bzw. runtergeladen werden. Sie ist m.E. unbedingt sehenswert.
Teil 1: http://www.youtube.com/watch?v=obSOmABJorw
Teil 2: http://www.youtube.com/watch?v=VDIeN1aAx9k&NR=1
Teil 3: http://www.youtube.com/watch?v=7Qbd6iw0GUQ
Teil 4: http://www.youtube.com/watch?v=DNfnjfno2Ng&feature=related
Teil 5: http://www.youtube.com/watch?v=b9z-LOJl7dQ&feature=related

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auch: Augenzeugenbericht aus Kabul auf Orkseite. Beachten Sie bitte die Kommentare und verstehen Sie, das „moderate Mohammedanisten“ eine Fiktion, eine Täuschung oder eine Selbsttäuschung sind
http://www.toomuchcookies.net/archives/3503/ein-morderischer-freitagmorgen-in-kabul.htm

Wir wollen Freunde sein… Wollen wir?

16. Februar 2010

Wir müssen Ihnen jetzt beibringen, blind ihr
Gewehr zusammenzusetzen, k*cken können sie schon allein

Die heutige FAZ brachte einen Bericht aus Afghanistan von Marco Seliger, es geht um Vertrauen – blindes Vertrauen:

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Rotwein für die afghanischen Kameraden

In Badakhshan geht die Bundeswehr mehr und mehr zusammen mit lokalen Kräften auf Patrouille und kämpft so um Vertrauen.

Das Metalltor an der Einfahrt bewacht ein bewaffneter Polizist. Die marode ehemalige Kaserne der Roten Armee ist nicht wie anderswo in Afghanistan üblich mit Betonsperren und Schutzwällen gesichert. Der Gefechtsstand befindet sich in einem zugigen Raum, zwei Dutzend Tische und Stühle stehen auf nacktem Betonboden. Als Brigadegeneral Mohammad Bashir Basharat durch die Tür tritt, verstummt schlagartig das Gemurmel. Der Kommandeur, ein Kriegsheld mit Wurzeln im 260 Kilometer entfernten Kundus, schreitet an seinen Arbeitsplatz. Links begrüßen ihn Männer in grauen Polizeiuniformen, rechts Soldaten in grünem Flecktarn. Weiter hinten warten Mitarbeiter des Geheimdienstes NDS. Auch Oberstleutnant Sascha Rauschenberger und drei weitere Bundeswehrsoldaten sind gekommen. Es gibt viel zu besprechen. Eine mehrtägige Operation steht bevor. Sie soll vom „Operational Coordination Center Provincial“ (OCCP) geleitet werden, einem gemischten Gefechtsstand der afghanischen Sicherheitskräfte, der mit 40 Vertretern von Polizei, Grenzpolizei, Armee und Geheimdienst besetzt ist. Vier deutsche Soldaten, das sogenannte OCCP Mentoring Team, stehen beratend zur Seite.

Das Konzept der Vernetzung einheimischer Sicherheitskräfte unter ausländischer Anleitung geht auf eine Idee der amerikanischen Streitkräfte zurück. Bislang operierten Armee, Polizei und Geheimdienst in Afghanistan häufig nebeneinander her. Mit den Koordinierungszentren soll sich das ändern. In jeder der 34 Provinzhauptstädte soll ein Gefechtsstand aufgebaut werden, in dem gemeinsame Operationen einheimischer Sicherheitskräfte und internationaler Truppen geplant und gesteuert werden. In Faizabad arbeitet die Bundeswehr seit Juli vorigen Jahres daran – und im Gegensatz zur Mehrzahl der anderen Provinzen in in einem weitgehend sicheren Umfeld. In Badakhshan leben vor allem Tadschiken und Usbeken. Ein fein austariertes Machtgefüge sorgt dafür, dass sich die Warlords, die hier die Macht haben, nicht in die Quere kommen. Eindringlinge wie etwa die Soldaten der Roten Armee hatten hier einen schweren Stand. Die Stationierung in der nordöstlichen Provinz, erzählen die Einheimischen gern selbstgefällig, sei für einen sowjetischen Soldaten dem Todesurteil gleichgekommen. Als die Taliban die Herrschaft in Afghanistan übernahmen, zogen sich die tadschikischen und usbekischen Mudschahedin-Kommandeure in diese unwirtlichen Bergwelt an der Grenze zu Tadschikistan, China und Pakistan zurück. Bis zur amerikanisch geführten Invasion im Herbst 2001 hielten sie den Angriffen der radikalen Islamisten stand. Die Bundesregierung würde Badakhshan gern zur Vorzeigeprovinz machen und im kommenden Jahr den Teilabzug der Bundeswehr verkünden.

Ob das möglich sein wird, hängt nicht zuletzt vom Erfolg der Arbeit von Oberstleutnant Rauschenberger und seinem Team ab. Einstweilen gilt es, einen Erkundungstrupp nach Kishim zu entsenden, den unsichersten Distrikt in Badakhshan. Er grenzt an die Nachbarprovinz Takhar, der wiederum folgt die inzwischen schwer umkämpfte Provin Kundus. Aus Westen einsickernde Taliban, vertrieben von der Offensive afghanischer, amerikanischer und deutscher Truppen bei Kundus, stören zunehmend das Machtgefüge in Kishim. Der Distrikt mit einigen paschtunischen Siedlungsgebieten dient den Aufständischen als Rückzugsgebiet, in dem sie sich nach den Kämpfen neu formieren und mit Waffen und Munition versorgen. General Bashir befürchtet, dass die Taliban mit dem amerikanischen Aufmarsch in Kundus und Taloqan noch stärker nach Badakhshan verdrängt werden. Er will 16 Soldaten, Polizisten und Geheimdienstler in den Distrikt entsenden, um die Lage zu sondieren. Begleitet werden sie von ihren deutschen „Mentoren“ und von Panzergrenadieren der Bundeswehr. „Wir müssen wissen, wie stark die Taliban in Kishim sind“, sagt General Bashir. „Vielleicht ist es notwendig, eine Armeeeinheit zu schicken, um die Lage unter Kontrolle zu halten.“ Mit den Führungsspitzen seines Gefechtsstandes und Oberstleutnant Rauschenberger macht sich Bashir daran, den Operationsplan für die „Mission Kishim“ zu entwerfen.

Erstmals seit dem Start des OCCP-Programms im Juli liegt die Operationsführung in afghanischen Händen. Der Ford Ranger von Oberst Ali Eman setzt sich an die Spitze des Konvois, in dem nur die Bundeswehrsoldaten in ihren gepanzerten Fahrzeugen einigermaßen vor Sprengsätzen und Beschuss geschützt sind. Afghanische Armee und Polizei sind mit handelsüblichen Fahrzeugen ausgestattet; entsprechend hoch fallen mitunter ihre Verluste bei Angriffen der Taliban aus. Auch die Bewaffnung reicht nicht über die landesübliche Kalaschnikow und einige Panzerfäuste hinaus. Umso besser sind die Deutschen ausgerüstet: mit Hand- und Nebelgranaten, Granatpistolen, schweren Maschinengewehren und Handwaffen. Im Notfall können die Bundeswehrsoldaten auch amerikanische Luftnahunterstützung oder einen Rettungshubschrauber anfordern. Was die afghanischen „Kameraden“ aber besonders erfreut, ist der Rotwein, den ihnen die Deutschen mitbringen. „Das war ihr ausdrücklicher Wunsch“, sagt ein Soldat. „Wir verstehen das als Teil der Vertrauensbildung.“

Weil sie die Herzen und Köpfe der Afghanen nicht vom Feldlager aus gewinnen können, operieren die Internationalen Truppen in Afghanistan mehr und mehr gemeinsam mit den einheimischen Sicherheitskräften in den Ortschaften, um die Aufständischen von der Bevölkerung zu isolieren. Auch die Bundeswehr geht künftig so vor, schon bald soll es nur noch gemischte deutsch-afghanische Patrouillen geben. Auch hier bildet das gegenseitige Vertrauen die entscheidende Basis für den Erfolg. „Wir müssen zu ihnen gehören, sie müssen uns als Freund und Kamerad empfinden“, sagt Oberstleutnant Rauschenberger. Sein Team praktiziert das auf für die Bundeswehr bislang ungewöhnliche Weise. Auf der mehrtägigen Patrouille nach Kishim teilen die Soldaten mit den Afghanen Essen, Trinken und den Schlafraum.

Die Gespräche mit Dorfältesten, Geistlichen und anderen Personen des öffentlichen Lebens in dem Distrikt verlaufen vielversprechend. Der Mullah von Kishim betet für den Erfolg des internationalen Einsatzes, anschließend nutzt ein deutscher Offizier die gute Stimmung, um den örtlichen Honoratioren unter Beifall zu versichern, dass die fremden Truppen nicht im Land seien, um die gesellschaftlichen und religiösen Strukturen zu ändern. Vielmehr wollten sie beim Aufbau afghanischer Sicherheitskräfte behilflich sein und dann wieder abziehen. Das erklären die Soldaten auch auf Flugblättern, die sie am Tag darauf in einigen Ortschaften des Distrikts verteilen. „Sollten Ihnen Aktivitäten der Taliban bekannt werden, rufen Sie bitte im Gefechtsstand in Faizabad an“, steht darauf geschrieben. Noch am selben Tag gehen die ersten Informationen bei General Bashir ein.

Der Aufbau der einheimischen Sicherheitskräfte, der einen Abzug der westlichen Truppen ermöglichen soll, ist indes eine Herkulesaufgabe. „Wir beginnen beim Urschleim“, sagt ein deutscher Offizier. Wiederholt kommt es vor, dass Angehörige der afghanischen Armee für Tage oder Wochen verschwinden – vor allem im Sommer, wenn die Ernte ansteht. Die Abwesenheitsquote in den Einheiten beträgt mitunter bis zu 40 Prozent, klagt ein Ausbilder. Als besonders gravierend beschreibt der Soldat die Korruption in den Sicherheitskräften. So lasse der Geheimdienst NDS gefangene Taliban gegen Lösegeld laufen, „so dass sie uns auf dem Schlachtfeld schon bald erneut begegnen“. Immer bedrohlichere Ausmaße nimmt die Unterwanderung der Sicherheitskräfte durch Aufständische an. Anfang Februar erschoss in einer Polizeistation in Mazar-i-Sharif ein Taliban in Polizeiuniform zwei schwedische Isaf-Soldaten.

Besonders schwierig ist es, geeignete Bewerber für Führungspositionen in Armee und Polizei zu finden. Wer in Afghanistan etwas auf sich hält, heuert nicht bei den Sicherheitskräften an. Es sei denn, er kann Polizeikommandeur werden und in seinem Zuständigkeitsgebiet gutes Geld verdienen. Wohlhabende Afghanen zahlen zwischen 200.000 und 400.000 Dollar für einen Kommandeursposten – um anschließend die doppelte Summe durch Wegezölle entlang der Schmuggelrouten für Drogen und Waffen einzunehmen.

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Lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch ein Beitrag in der linken Dimmi-Zeitung „Freitag“ über den Widerstand eines Paki-Dorfes gegen die Taliban (1): „’Wir werden sie finden, einen nach dem anderen. Und dann werden wir sie töten, einen nach dem anderen‘, meint Mushtaq Ahmed… ‚Der behauptete, er werde die Scharia durchsetzen. Was er wirklich wollte, war Macht‘, erinnert sich Rehim Dil Khan“. Warum wollen wir sie gleich zu Freunden machen? Reicht es nicht, wenn sie Verbündete sind?

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Time am 16. Februar 2010

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1) http://www.freitag.de/politik/1006-guardian-dorf-taliban-widerstand-pakistan-afghanistan

Hauptwaffe Bombe

21. Dezember 2009

In der heutigen FAZ berichtet Marco Seliger aus Afghanistan. Zur wichtigsten Waffe sind dort die selbstgebastelten Bomben geworden. Offenbar ist es unmöglich, den Besitz von Kunstdünger, der Hauptbestandteil dieser Bomben ist und in rauhen Mengen zur Verfügung zu stehen scheint, zu illegalisieren.

Die Taliban haben immer eine Antwort

Die Verluste der Nato-Staaten durch versteckte Bomben
in Afghanistan steigen

Es ist ein Hinterhalt, wie er im Handbuch für den Guerrillakrieg nicht besser beschrieben sein könnte. Am Morgen des 10. Juli 2009 erreicht eine britische Patrouille ein Dorf in der Nähe der afghanischen Stadt Musa Qala in der Provinz Helmand. Hier herrscht seit drei Jahren ein verlustreicher Kleinkrieg, das Gebiet ist Taliban-Land. Das Führungsfahrzeug ist weit in den Ort vorgedrungen, als es auf eine im Boden vergrabene improvisierte Bombe (IED, Improvised Explosive Device) auffährt. Als die Soldaten mit der Versorgung ihrer verwundeten Kameraden beginnen wollen, detoniert in unmittelbarer Nähe eine zweite, zielgenau ausgerichtete, mit Nägeln gespickte verdeckte Bombe. In das entsetzliche Chaos hinein wird anschließend aus den umliegenden Gebäuden mit Gewehren und Panzerfäusten gefeuert. Fünf britische Soldaten fallen, zahlreiche werden verwundet. „Unsere Armee“, resümieren britische Medien, „hat ihren schwärzesten Tag im Afghanistan-Krieg erlebt.“

Die Soldaten sind in eine Falle geraten, wie sie die Rote Armee während ihrer Invasion am Hindukusch in den achtziger Jahren hundertfach erlebt hat. „Im Prinzip“, sagt ein Nato-Offizier, „haben wir es in Afghanistan inzwischen mit der gesamten Bandbreite der Mudschahedin-Taktiken zu tun, nur dass sie verfeinert wurden.“ Insbesondere bei der Verwendung improvisierter Sprengladungen haben die Aufständischen Militärexperten zufolge innerhalb kurzer Zeit erhebliche Fortschritte gemacht. Die Bomben sind ausgereifter und werden gezielter als vor zwei, drei Jahren eingesetzt. Die Folgen sind verheerend. Mehr als zwei Drittel aller Verluste in Afghanistan in diesem Jahr gehen auf den Einsatz von IEDs zurück (280 von 500, 2008: 169 von 295), hinzu kommen mehrere hundert schwerverletzte und teilweise für immer entstellte Soldaten. Vor allem Amerikaner, Briten und Kandier in Süd- und Ostafghanistan sterben heute nur noch selten durch eine Gewehrkugel. In ihrem Einsatzgebiet zählten sie in diesem Jahr insgesamt knapp 1100 improvisierte Bomben einschließlich Selbstmordattentätern, von denen zirka 500 ihr Ziel trafen. Diese Menge ist beispiellos im nunmehr achtjährigen Afghanistan-Einsatz. „Das ist ein IED-Krieg“, sagt ein amerikanischer Offizier.

Infrastruktur und Geographie am Hindukusch sind wie geschaffen für den Einsatz von perfiden Sprengsätzen, wie etwa auch „gerichtete Hohlladungen“, EFP genannt. Auf den unbefestigten Staubpisten durch karge Wüsten oder schroffe Täler, welche die Patrouillen häufig befahren müssen, lassen sich die Bomben – meist Artilleriegranaten oder Panzerabwehrminen, aber auch mit Düngemittel oder Sprit gefüllte Plastikkanister – leicht vergraben. In den vergangenen drei Jahren zündeten die Taliban die Mehrzahl der IEDs mit Hilfe von Handys aus der Ferne (Remote Controlled). Die Koalitionstruppen reagierten darauf mit dem Einsatz von Jammern, Geräten, die starke elektromagnetische Wellen erzeugen, die den Funkverkehr in der Umgebung stören. Daraufhin kehrten die Aufständischen in diesem Jahr zu traditionellen Bauweisen zurück, wonach die Bombe mechanisch aus der Nähe, etwa durch eine Druckplatte oder einen Zugdraht, gezündet wird. „Wir stehen in einem ständigen technologischen Wettlauf mit einem minimalistischen, erfindungsreichen und listigen Gegner“, sagt ein früherer Bombenexperte der Bundeswehr. „Die Taliban wissen auf jede unserer Reaktionen eine Antwort. Es ist eine nie endende Spirale.“

Seit einiger Zeit setzen die Taliban verstärkt Zweit- und Dritt-IEDs ein, die erst dann detonieren, wenn die Rettungskräfte am Ort der ersten Explosion eingetroffen sind. Die Aufständischen bereiteten die Attacken außerordentlich professionell vor. Zielorte würden eingehend begutachtet und die Folge-IEDs so konstruiert und ausgerichtet, dass sie größtmögliche Zerstörungen anrichten. Dieses Vorgehen kennen die amerikanischen Truppen schon aus dem Irak. Wie im Zweistromland fordert der Bombenterror jedoch auch in Afghanistan die meisten Opfer unter den einheimischen Sicherheitskräften und unter der Zivilbevölkerung. Armee und Polizei beklagen in diesem Jahr mehr als eintausend Tote. Seit Sommer 2009 bringen die Taliban immer häufiger „Megabomben“ zum Einsatz. Sie bestehen aus mehreren hundert Kilogramm Ammoniumnitrat (Düngemittel), Metallspänen oder Glasscherben, die, etwa auf Lastwagen deponiert, in Menschenmengen oder Gebäude gesteuert und dort zur Explosion gebracht werden. Diese Bomben haben dann zwar nicht die Explosionskraft wie TNT-gefüllte Bomben, sind aber aufgrund ihrer Größe und der Anreicherung mit Splittern für Passanten tödlich.

Nato-Offiziere gehen davon aus, dass mit der Zahl der ausländischen Soldaten im kommenden Jahr auch die Zahl der durch IED verursachten Verluste in Afghanistan weiter steigen wird. Die Vereinigten Staaten ersetzen derzeit ihre schlecht gepanzerten Patrouillenwagen vom Typ HMMWV („Humvee“) durch minengeschützte Transporter. Dazu verlegen sie mehrere tausend Fahrzeuge vom Typ MRAP (Mine Resistant Ambush Protected Vehicle), die ursprünglich für den Einsatz im Irak entwickelt worden waren, an den Hindukusch. Doch den Taliban ist es inzwischen gelungen, MRAPs durch den Einsatz von Wirkladungen einer Vergleichsgröße von mehr als 200 Kilogramm Sprengstoff zu zerstören. „Ab einer gewissen Sprengstärke nützen Technik und Panzerung nichts mehr“, sagt ein Bombenentschärfer der Bundeswehr. Die Sprengsätze sind einfach gebaut, billig zu beschaffen – und von strategischer Wirksamkeit. Ihr massenhafter Einsatz kann zermürben. „Vor uns liegt ein langer Kampf“, sagt ein amerikanischer General.

Amerikas Speerspitze in dieser Auseinandersetzung ist die Task Force „Paladin“. Diese Spezialeinheit soll die Netzwerke, die hinter jedem IED stehen, enttarnen. Dazu untersuchen die Fachleute auch den Sprengstoff und den Schaltkreis einer Bombe, um ihre Funktionsweise besser zu verstehen. „Wir wollen wissen, wer was wie baut“, sagt ein amerikanischer General. „Das ist Forensik auf dem Schlachtfeld.“ Die Bundeswehr geht ähnlich vor. Auch sie hat Expertenteams für den Kampf gegen IEDs aufgestellt, die Informationen über IEDs sammeln und auswerten. Die Ergebnisse fließen in die Ausbildung der Soldaten ein. Das ist dringend notwendig. Nato-Offiziere berichten von einem Wissenstransfer zwischen den Kriegsschauplätzen: Was in Südafghanistan funktioniere und amerikanische Soldaten töte, tauche einige Monate später im Norden und Westen auf. Der verheerende Hinterhalt vom 10. Juli bei Musa Qala wurde in der Bundeswehr eingehend analysiert. In Kundus hatte sie es bereits in diesem Jahr mit einem Gegner zu tun, der darauf abzielte, ganze Einheiten zu vernichten. Er wird es im kommenden Jahr wieder versuchen.

Time am 21. Dezember 2009