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Eine zutiefst judenhassende Religion

26. Oktober 2017

Familie Michalski allein zu Haus

Michael Hanfeld berichtete für „FAZ.NET“ über einen Film, der auf „Arte“ lief, und der den grassierenden Judenhass der Orks und ihrer bolschewistischen Lakaien dokumentiert (1).

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Arte-Reportage über Judenhass:
Sie schlugen ihn und zielten auf seinen Kopf

Bei Arte läuft eine Reportage, die man gesehen haben muss. Sie schildert die Geschichte des Vierzehnjährigen, der seine Schule in Berlin verlassen musste. Er war dort seines Lebens nicht mehr sicher – weil er Jude ist.

Die Journalistin Katrin Sandmann erzählt heute bei Arte „Die Geschichte von Oscar, Opfer von Antisemitismus“. Ereignet hat sich die Geschichte Anfang dieses Jahres an der Gemeinschaftsschule in Berlin-Friedenau, und sie sorgte im ganzen Land für Aufsehen. Über Wochen und Monate war der vierzehnjährige Oscar Opfer von Diskriminierung und Nachstellungen, seit er sich offen als Jude bekannt hatte. Sein bester Freund sagte ihm, dass sie nun nichts mehr miteinander zu tun haben könnten – weil Oscar Jude ist. Von zwei Mitschülern wurde Oscar besonders drangsaliert und geschlagen. Als die Mitschüler ihn mit einer täuschend echten Replika-Pistole bedrohten und eine Scheinhinrichtung mit Kopfschuss an ihm vollzogen, war für Oscars Eltern das Maß voll. Sie nahmen ihren Sohn von der Schule, die seine Sicherheit nicht garantieren konnte. Die Reportage, die Katrin Sandmann darüber gedreht hat, trägt den Titel: „Weil Du Jude bist“.

Der Vierzehnjährige erscheint in dieser Reportage nicht, er wird nicht einmal bei seinem richtigen Namen genannt. Es sprechen seine Eltern, Gemma und Wenzel Michalski. Für sie und ihre drei Kinder ist Berlin seit den Vorfällen eine andere Stadt geworden und Deutschland ein anderes Land. Die Sorge um die Sicherheit ihrer Kinder, sagt Gemma Michalski, sei zum ständigen Begleiter geworden. Wenzel Michalski, der sich als Chef von Human Rights Watch in Deutschland von Berufs wegen mit Rassismus und Diskriminierung beschäftigt, muss gewärtigen, dass sich auch für seinen jüngsten Sohn fortsetzt, was schon er in seiner Jugend erfahren hat: Ausgrenzung und Nachstellungen, weil er Jude ist. Mit seinem Sohn trifft das die dritte Generation der Familie in Deutschland, von den Großeltern, die dem Holocaust entronnen sind, über ihn selbst, der im Nachkriegsdeutschland aufwuchs, bis zu Oscar, der nun eine jüdische Schule in Berlin besucht. Auf diese, so hören wir, kommen jedes Jahr Schüler, die an anderen Schulen verfolgt wurden – weil sie Juden sind.

Wegschauen, Wegducken, Wegreden.

1300 antisemitische Übergriffe wurden im vergangenen Jahr notiert. Das ist die offizielle Zahl, die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen. Im ersten Halbjahr hat die Zahl der Delikte noch einmal drastisch zugenommen. Sie werden begangen von Rechtsextremen, zu deren Dunstkreis auch die AfD gehört, aber auch – wie in Oscars Fall – von Muslimen. Den Judenhass der Rechten zu markieren, das fällt vielen leicht, die wahre und vollständige Dimension des Antisemitismus zu benennen, weniger. Denn es geht um ein Phänomen, das alltäglich zu werden droht, das von der extremen Rechten und von der Linken sowie von fanatisierten Muslimen ausgeht. Das aber wird nicht so gerne thematisiert, weil sogleich der Reflex einsetzt, hier würden antimuslimische Klischees bedient. Das Ergebnis ist Wegschauen, Wegducken, Wegreden.

Davon zeugen auch die Einlassungen des Schulleiters, der in der Reportage von Katrin Sandmann zu Wort kommt. Er gibt eine jämmerliche Figur ab. Er ist der Überzeugung, man habe den Vorgang insgesamt „gut begleitet“, eine hundertprozentige Sicherheit für einen Schüler aber könne man nicht garantieren, da komme man als Schule an eine Grenze. Warum er die, wie Gemma Michalski sagt, flehentlichen Anfragen der Familie nicht beantwortete, erfahren wir nicht. Seine Einlassungen sind ein Dokument der Kapitulation. Sie werden ergänzt durch einen Elternbrief, der Anfang April dieses Jahres, als der Fall Aufsehen erregte, erschien. Indem drückten Eltern der Schule in Friedenau ihr Entsetzen aus, waren aber gleich mit Kritik an der angeblich verzerrenden Berichterstattung bei der Hand über eine Schule, die Vorreiter sei mit zahlreichen Projekten, „die für Toleranz, einen offenen Austausch und ein friedliches Miteinander vielfältiger Kulturen und Religionen steht“. Die Eltern waren also vor allem besorgt um das Ansehen der Schule, die an dem Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ teilnimmt. Die Leiterin dieses bundesweiten Projekts, Sanem Kleff, tat sich im Kleinreden des Vorfalls noch stärker hervor. Im Gespräch mit dem Online-Auftritt dieser Zeitung sagte sie: „Fälle wie diese sind nicht typisch.“ Injurien wie „Du Judenschwein“ würden häufig „völlig kontextlos“ verwendet, Jugendliche wüssten gar nicht immer so genau, was sie da sagten.

Einzelfälle ohne Kontext? Dagegen spricht die Häufigkeit solcher Vorfälle, die immer wieder schlaglichtartig aufscheinen, wie vor drei Jahren, als der Stadtschülersprecher von Offenbach, ein deutscher Schüler jüdischen Glaubens, von seinem Amt zurücktrat, weil er von Jugendlichen mit muslimischen Hintergrund massiv bedroht worden war – weil er Jude ist. Und den „Kontext“ findet man nicht nur beim völkischen Judenhass der Rechtsextremen, sondern auch bei den „Israel-Kritikern“, bei denen die Aversion gegen die israelische Regierung mit Antisemitismus Hand in Hand geht. Wer leugnet, dass diese Bewegung mit dem Zuzug von Flüchtlingen aus dem arabischen Raum Zuwachs bekommt und eine religiöse Grundierung hat, verschließt vor einer Realität die Augen, die unsere freiheitlich-pluralistische Gesellschaft auf die Existenzprobe stellt.

Die Schule ist der Ort, an dem die Herausbildung von Toleranz und Akzeptanz beginnt. An ihr zeichnet sich das gesellschaftliche Klima vor. Sie steht vor einer gewaltigen Aufgabe, die man nicht nur Lehrerinnen und Lehrern aufbürden darf. Sie muss höchste Priorität für die Schulverwaltung und für die Politik besitzen, soll das Gemeinwesen nicht auseinanderbrechen. Da vom rot-rot-grünen Senat in Berlin in dieser Hinsicht nichts zu erwarten ist, sollte die Bundesregierung den auch in dieser Reportage formulierten Appell beherzigen: Es braucht eine/n Antisemitismus-Beauftragte/n, soll es in der Bundesrepublik nicht so weit kommen wie im Nachbarland Frankreich, in dem Juden seit Jahren immer wieder angegriffen und Opfer von Verbrechen werden, die zumeist von islamistischen Tätern begangen werden, was inzwischen zu einer deutlichen Auswanderungswelle geführt hat.

Die Ehrenrettung für den deutsch-französischen Sender

Dass die Reportage von Katrin Sandmann und der Firma Kobalt Productions, beauftragt vom ZDF, heute bei Arte läuft, ist auch so etwas wie eine kleine Ehrenrettung für den deutsch-französischen Sender. Er hat bekanntlich bei der Aussendung der Dokumentation „Auserwählt und ausgrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ ebenso wie der für diesen Film zuständige Westdeutsche Rundfunk in krasser Weise versagt. Gezeigt wurde der Film erst nach massiver Kritik (auch von dieser Zeitung) und dann in absurd kommentierter Form, die allein auf die Selbstrechtfertigung abzielte, warum man den Film nicht hatte zeigen wollen. Dieser hatte zwar seine Fehler und war „einseitig“, machte aber mit insbesondere in Frankreich bis dato im Fernsehen nicht gezeigten Aufnahmen klar, um was es geht: um grassierenden Judenhass und dessen extreme Auswüchse. Wenn öffentlich-rechtliches Fernsehen davor die Augen verschließt, bezeugt es eine Feigheit, wie sie Michel Houellebecq in seinem Roman „Unterwerfung“ beschreibt.

Oscar, der vierzehnjährige Junge aus Berlin, den Katrin Sandmann in ihrer Reportage klugerweise nicht zeigt, aber dessen Geschichte sie umso eindrücklicher erzählt, lernt inzwischen Karate. Er will sich für das Leben in Deutschland wappnen – als Jude, der seinen Glauben nicht verbergen muss. Seine Geschichte steht für viele, für viel zu viele. Heute gibt es einen Grund, Arte einzuschalten oder die Reportage aufzuzeichnen. Sie beginnt um 19.40 Uhr.

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Time am 26. Oktober 2017

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/die-arte-reportage-weil-du-jude-bist-15263065.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

Im Interview: Fethi Benslama

2. Mai 2017

Karen Krüger hat das Ork Fethi Benslama, einen Psychoanalytiker, für „FAZ.NET“ interviewt (1). In mancher Hinsicht gibt es in seinen Darlegungen Parallelen zu den Beobachtungen Ulrich W. Sahms, die dieser in Israel machte (2).

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Dschihad als Ausweg

Der Psychoanalytiker Fethi Benslama ist einer der wichtigsten Islamismusforscher Frankreichs. Ein Gespräch über die psychischen Ursachen für Radikalisierung, Houellebecq und die Wahl.

Als Reaktion auf die Terrorbedrohung hat der Bundestag gerade ein Sicherheitspaket verabschiedet. Sind mehr Gesetze der richtige Weg im Kampf gegen Extremismus?

Der Terrorismus macht es notwendig, dass eine Demokratie viele Ausnahmen macht und die Bürger stärker überwacht. In Frankreich ist man dabei viel weiter gegangen. Es herrscht ja immer noch der Ausnahmezustand, der viele Rechte einschränkt, und sicherlich wird er noch andauern. Die Bedrohung ist einfach größer als in Deutschland.

Woran liegt das?

Frankreich ist stärker als Deutschland an militärischen Interventionen im Nahen Osten beteiligt. Deutschland bildet Soldaten aus, Frankreich bombardiert. Auch die kaum aufgearbeitete Kolonialgeschichte spielt eine Rolle. Viele französische Politiker glauben immer noch, dass die Kolonialzeit eigentlich eine gute Sache war. Sarkozy hat das so gesagt. Für Muslime mit Wurzeln in ehemaligen Kolonien ist das schmerzhaft.

Emmanuel Macron hat die Kolonisierung Algeriens als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. Frankreich müsse sich entschuldigen.

Viele junge Franzosen denken mittlerweile wie Macron. Aber um Vergebung zu bitten genügt nicht. Das schafft nur ein gutes Gewissen. Anerkennung bedeutete dagegen, dass es eine Verantwortung zur Aufarbeitung gibt. Während des Algerienkrieges haben Algerier an der Seite der Franzosen gekämpft. Als sie Algerien verließen, wurden viele dieser Menschen massakriert. Der Front National erkennt diese Algerier als französische Soldaten an. Deshalb wählen einige Muslime Marine Le Pen. Auch manche Juden tun das. Sie denken, sie schütze sie vor Islamisten.

Es soll auch Dschihadisten geben, die Marine Le Pen wählen.

Die Islamisten glauben, dass der Front National die Demokratie zerstört. Das ist in ihrem Sinn. Indem sie das Attentat in Paris kurz vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen für sich reklamierten, wurde Angst geschürt, die Le Pen Stimmen zugeführt hat. Es kommt den Islamisten gelegen, dass sie die Stimmung gegen Muslime anheizt. In ihren ideologischen Schriften steht, dass eine bürgerkriegsähnliche Atmosphäre von Wir gegen Sie ideal ist, um Jugendliche zu rekrutieren. Denn Diskriminierungserfahrungen machen Radikalisierungen wahrscheinlicher.

Einen Roman, der die Präsidentschaftswahlen als Szenario nutzt, hat zuletzt Michel Houellebecq geschrieben. „Unterwerfung“ spielt 2022, Frankreich wurde islamisiert, der Präsident ist ein Muslim. Das Buch war ein Erfolg. Haben Sie es gelesen?

Ja. Für mich ist es literarischer Dschihadismus (lacht). Man kann den Roman von zwei Seiten betrachten. Als Literatur, die ein Phantasma berührt, das viele Franzosen mit sich herumtragen – das Phantasma der Islamisierung Frankreichs. Es ist gut, dass „Unterwerfung“ das zum Thema gemacht hat. Denn erst wenn etwas ausgesprochen wird, lässt es sich entwaffnen. Der Roman wurde also aus einem existierenden Phantasma geboren, aber er nährt es auch, das ist die andere Seite. Er hat das Potential, bestehende Ängste zu verstärken. Ich finde, Houellebecq ist „Unterwerfung“ nicht besonders gut gelungen. Seine anderen Romane fand ich besser.

Houellebecq hat einmal gesagt, der Islam sei die bescheuertste Religion, die es gibt.

Vielleicht ist er ja selbst etwas bescheuert? (lacht) Das gibt es ja oft, dass Leute phantastische Bücher schreiben und selbst Idioten sind. Denken Sie nur an Céline. Er muss ein furchtbarer Typ gewesen sein, aber er war ein genialer Schriftsteller. Beim Thema Islam sind die Leute ja meistens ambivalent. Houellebecq ist da gar nicht der Schlimmste. Der Hass auf den Islam existiert mit und ohne ihn.

Sie sind Psychoanalytiker und beschäftigen sich mit islamistischer Radikalisierung. Was kann die Psychoanalyse da leisten?

Man weiß mittlerweile, dass politische und soziologische Ansätze nicht genügen, Radikalisierung zu verstehen. Selbst Soziologen haben eingesehen, dass das Problem für ihre Methoden zu komplex ist. Anfangs dachte man beispielsweise, Radikalisierungen gebe es nur in prekären Milieus. Heute weiß man, und das gilt nicht nur für Frankreich, dass etwa dreißig Prozent der Radikalisierten aus der Mittelschicht stammen und zehn Prozent aus der Oberschicht. Radikalisierung ist also keinesfalls nur eine Frage von Armut. Wenn man nicht die psychische, individuelle Dimension miteinbezieht, versteht man nicht, warum ein Jugendlicher zum Dschihadisten wird, aber andere, die unter gleichen Bedingungen leben, nicht. Hätte die Radikalisierung nur politische oder soziologische Ursachen, dann müsste es bei den heutigen Verhältnissen weitaus mehr Fälle von Radikalisierung geben. Sich zu radikalisieren ist immer eine individuelle Entscheidung. Oft hat sie viel mit Zufall zu tun.

Mit dem Zufall?

Unter den Radikalisierten, mit denen ich arbeite, sind viele, die in ihrem alten Leben unverschuldet eine traumatische Erfahrung gemacht haben. Sie wurden beispielsweise vergewaltigt oder erlebten einen schweren Unfall. Oder sie haben irgendwann eine schlechte Bekanntschaft gemacht. Stellen Sie sich eine Neunzehnjährige vor, die aus einer zerrütteten Familie stammt und plötzlich einen tollen Typen kennenlernt, mit dem eine harmonische Familie möglich scheint. Sie ist überzeugt davon, er ist die Liebe ihres Lebens, in Wirklichkeit ist er aber nur ein Köder des Dschihad.

Sie haben darauf hingewiesen, dass unter den Radikalisierten die Anzahl der 15- bis 25-Jährigen besonders hoch ist. Woran liegt das?

Es ist die Phase des Erwachsenwerdens. Sie beginnt heute schon mit elf, zwölf Jahren und hört immer später auf. Es ist eine psychologisch sehr turbulente Zeit. Heranwachsende haben oft ein geringes Selbstwertgefühl. Sie wollen bedeutsam sein, wissen aber nicht, wie das gelingen soll, es gibt so viele Möglichkeiten. Sich zu radikalisieren gibt einigen die Hoffnung, die Lösung zu finden.

Warum glauben Jugendliche das?

Die Rekrutierer des Dschihad setzen an zwei Punkten an: In der Phase des Erwachsenwerdens sucht man nach Bestätigung und Idealen, die den richtigen Weg weisen. Der Islamismus sagt: Komm zu uns, dann bist du bedeutsam, stark und wirst ein großer Krieger. Vielen jungen Leuten erscheint die Aussicht auf Krieg als Abenteuer. Sie haben keine Ahnung, was Krieg oder Töten wirklich bedeuten. Manche ziehen aber auch aus Altruismus in den Dschihad. Dieser Beweggrund betrifft vor allem Frauen, die mittlerweile dreißig Prozent der nach Syrien oder in den Irak Ausreisenden ausmachen. Früher gab es im Dschihad keinen Platz für sie, Al Qaida etwa lehnt Frauen in den eigenen Reihen ab. Erst der IS hat es mit seinem fest umrissenen Territorium Frauen möglich gemacht, Teil des Dschihad zu sein. In der westlichen Welt eine Frau zu sein ist nicht einfach. Die Rollenerwartungen sind immens; eine Frau soll attraktiv sein, leidenschaftliche Liebhaberin, gute Ehefrau, liebevolle Mutter, sie soll Karriere machen und das Heim in Ordnung halten. Die vielen Erwartungen wirken verunsichernd. Die jungen Frauen wollen einen festen Rahmen, der Sicherheit gibt und garantiert, respektiert und beschützt zu werden – Letzteres trifft vor allem auf junge Mädchen mit Gewalterfahrung zu. Sie glauben zudem, dass sie durch die Mutterschaft ihre weibliche Identität finden. Im Dschihad ist die Frauenrolle klar umrissen: Die Frau ist Ehefrau und Mutter.

Dürfen Frauen auch kämpfen?

Das wird in der Regel abgelehnt.

Warum?

Wenn auch die Frauen in den Kampf ziehen und sterben, dann haben die Männer nicht mehr dieselbe Macht. Es gibt eine bewaffnete Frauen-Brigade beim Daesh. Sie darf nicht in den Kampf ziehen. Dieser Tod ist den Männern vorbehalten.

Es gibt eine Hierarchie, wer im Kampf sterben darf?

Ja, da hält es der Daesh wie Hegel in seiner Theorie vom Meister und dem Sklaven: Der Meister darf in das Antlitz des Todes schauen, der Sklave nicht.

So wird man es den Frauen kaum vor ihrer Ausreise darlegen.

Natürlich nicht. Die Männer spielen weiße Ritter, die ihr Leben für Gutes riskieren. Sie ziehen Strahlkraft daraus, anders zu sein als die Männer von heute, die alle etwas feminisiert sind.

Es heißt, der Dschihad rekrutiere verstärkt im kriminellen Milieu.

Er ist dort sehr erfolgreich. Es liegt in der Natur des Menschen, zum Mörder werden zu können. Jeder trägt in unterschiedlichem Ausmaß Hass in sich. Der Dschihad autorisiert dazu, ihn rauszulassen. Er ermöglicht es Kriminellen, autorisierte Kriminelle zu werden.

Wieso jemand, der Gewalt ablehnt, plötzlich Ideale verehrt, die sie verherrlichen, ist trotzdem schwer zu verstehen.

Überhaupt nicht. Ein Jugendlicher ist ein Mensch, der gerade seine Kindheit verlassen hat. Als Kind hatte er tolle Ideale, die seine Eltern ihm beigebracht haben. Als Kind glaubt man, die Welt um einen herum liebe einen so wie die Eltern. Beim Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden merkt man plötzlich, dass das nicht stimmt. Alles stürzt zusammen, muss neu geordnet werden. Neue Verhaltensweisen und Vorstellungen müssen her, die mit dem harmonisieren, was man zu begreifen beginnt: dass man nicht mehr geliebt werden kann, wie ein Kind geliebt wird. Kinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, gelingt das oft nicht. Sie bleiben verunsichert. Da setzt das Radikalisierungsangebot an und bietet eine Mission.

Und die Gewalt schreckt nicht ab?

Viele Jugendliche sehen das wie ein theatralisches Spiel. Sie schlüpfen in eine Rolle. Einige merken, sie können das nicht, und versuchen zurückzukehren. Andere lieben es und werden sehr grausam.

Wenn die Radikalisierung ein psychologisches Problem ist, dann heißt das auch, dass man sie therapieren kann?

Manchmal ja. Doch aus Erfahrung weiß ich, dass man jenen, die wirklich gewalttätig geworden sind, meistens nicht helfen kann. Da hilft nur Repression.

Was kann sonst noch getan werden?

Die europäischen Staaten müssten sich zusammenschließen und gemeinsam die salafistischen Bewegungen bekämpfen. Es ist höchste Zeit, der Hass auf die Demokratie wächst. Zweitens brauchen wir gute Programme, die Jugendlichen helfen, die in die Falle der Dschihadisten geraten sind. Sie müssten einen psychoanalytischen Anteil haben und einen sozialen, der alltägliche Sicherheit gibt. Und drittens muss der Krieg im Nahen Osten beendet werden. Von ihm nährt sich die dschihadistische Ideologie am meisten. Der Fundamentalismus existiert in allen Religionen, doch der muslimische ist bewaffnet worden. So vieles ist schiefgelaufen. Afghanistan war die erste Schule für den Dschihadismus. Man nutzte ihn, um die Sowjetunion zum Einstürzen zu bringen. Aus dem Irak haben die Amerikaner eine große Dschihadisten-Universität gemacht. Mit der Auflösung der irakischen Armee wurden Hunderttausende Soldaten arbeitslos. Viele von ihnen, auch Generäle, schlossen sich dem IS an, um ihre Familien zu ernähren. In Syrien haben Saudi-Arabien und Qatar einzelne Gruppen bewaffnet, sobald es die Revolutionsbewegung gegen Assad gab. Solange der Krieg nicht endet, wird es immer junge Menschen geben, die bereit sind, zu kämpfen.

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Steuergelder für den Mörder von Hannah Bladon –
Wer profitiert vom Tod einer jungen Christin?

Am Karfreitag ist in der Strassenbahn nahe der Altstadt Jerusalems die 21 Jahre alte britische Studentin Hannah Bladon mit einem Messer tödlich verletzt worden. Die junge Frau starb kurz darauf im Krankenhaus. Ihr Mörder, der 57 Jahre alte Jamil Tamimi, wurde von einem Polizisten beobachtet. Der zog die Notbremse und überwältigte zusammen mit einem anderen Israeli den Mörder. Tamimi wurde dem Haftrichter vorgeführt.

Wer war das Opfer?

Die Deutsche Presseagentur (dpa) behauptete ohne jede Quellenangabe: „Die junge Frau soll auch die israelische Staatsbürgerschaft besessen haben.“ So sollte dem Palästinenser wohl das „Motiv“ untergeschoben werden, sich eine Jüdin oder Israeli als Opfer ausgewählt zu haben. Die Tendenz, Judenmord mit einer antizionistischen Tünche „politisch“ zu legitimieren, zieht sich ja auch sonst wie ein roter Faden durch die Berichterstattung. Tatsächlich ist die britische Studentin aber mit einem Touristenvisum nach Israel eingereist, wie ein Polizeisprecher bestätigte. Damit ist klar, dass Bladon keinen israelischen Pass besass. Zudem stellt sich heraus, dass sie in ihrer anglikanischen Kirchengemeinde in Staffordshire sehr aktiv war. Sie studierte Religionsstudien an der Universität Birmingham. Mit einem Stipendium war sie zur Hebräischen Universität gekommen, um Archäologie und Bibelkunde zu betreiben. Wie Augenzeugen aus der Strassenbahn berichteten, habe Bladon ihren Sitzplatz für eine Frau mit einem Baby auf dem Arm freigegeben und sich dann neben den Ausgang gestellt. Zufällig stand neben ihr an der Tür ein bewaffneter Soldat– in Israel kein ungewöhnlicher Anblick.

War der Täter Palästinenser?

Der „mutmassliche“ Täter wird in der deutschen Presse als „Palästinenser“ bezeichnet. In Wirklichkeit dürfte er, wie fast alle „Araber aus Ost-Jerusalem“, Inhaber eines jordanischen Passes und eines israelischen Ausweises sein. Denn „Palästinenser“ heissen nur die Bewohner der Autonomiegebiete. Die besitzen einen palästinensischen Pass und die palästinensische Staatsbürgerschaft, während die Jerusalemer Araber grundsätzlich Jordanier sind, oder Israelis, falls sie die ihnen angebotene israelische Staatsangehörigkeit akzeptiert haben.

Wer war der Mörder?

Innerhalb kurzer Zeit war die Identität des Mörders der Britin öffentlich. Der 57 Jahre alte „Palästinenser“ Jamil Tamimi stammt aus dem Jerusalemer Viertel Ras el Amud. Tamimi habe im Gefängnis Rasierklingen geschluckt, um Selbstmord zu verüben. Kein Zweifel also, dass der Mann „psychisch labil“ war. Der „mutmassliche“ Täter erzählte dem Haftrichter weiter, dass er die Studentin angegriffen habe, weil er hoffte, dass der neben ihr stehende Soldat ihn erschiessen würde. Tamimi war 2011 in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen worden, nachdem er seine Tochter sexuell belästigt hatte. Er befand sich nach seiner Entlassung auf dem Heimweg und hatte zuhause angerufen. Doch sein Sohn hatte ihm gesagt, dass die Familie ihn nicht mehr sehen wolle. Mit dem Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben, kaufte er sich am Damaskustor in Jerusalem ein Küchenmesser, bestieg die Strassenbahn und stach auf die britische Studentin ein.

Wie werden solche Taten möglich?

Für den israelischen Polizeisprecher ist das nicht einfach nur die Tat eines psychisch Kranken. Oft genug haben Araber aus Ostjerusalem ihre „persönlichen Probleme“ gelöst, indem sie ein Küchenmesser griffen und loszogen, Juden zu ermorden. Es ist das eine „bewährte“ Methode, mit Hilfe bewaffneter israelischer Polizisten „Selbstmord“ zu verüben und trotzdem nicht als Verlierer da zu stehen. Bekanntlich schießen die Israelis scharf, wenn sie oder andere von Messerstechern bedroht werden und es darum geht, andere Menschenleben zu retten.

Die „politische Motivation“ zu solchen suizidalen Anschlägen liefert die palästinensische Autonomiebehörde oder auch die islamistische Hamas Organisation mit Hetzpropaganda und dem Versprechen, „Selbstmordattentätern“ und ihren Familienangehörigen finanziell großzügig zu helfen. Dafür stehen Gelder der EU zur Verfügung.

Inzwischen wurde bekannt, dass Tamimi für seine „Heldentat“ von der palästinensischen Autonomiebehörde monatlich fast 1000 Dollar erhalten wird, das Doppelte eines Durchschnittgehalts in den Palästinensergebieten. Die Behörde habe 2016 das Budget für die Auszahlungen an palästinensische Mörder von Juden auf 180 Mio. US-Dollar erhöht, unter anderem dank Zuwendungen der britischen Regierung. Das bedeutet: auch Hannahs Eltern müssen künftig mit ihren Steuern den Mörder ihrer Tochter alimentieren.

Und ein neuer Fall von Selbstmord

Am Montag, dem israelischen Holocaust-Gedenktag, sollte schon wieder „irgendein“ Jude für Familienkrach bei Palästinensern mit dem Leben bezahlen:

Am Qalandia-Checkpoint zwischen Ramallah und Jerusalem hat Asya Kabaneh, 41, aus Duma bei Nablus eine israelische Soldatin mit Messerstichen im Oberkörper verletzt. Sie wollte „eine Frage stellen“ und zog dann ein Messer aus ihrer Handtasche. Die Frau konnte von anderen Sicherheitsleuten „neutralisiert“ werden.

Kabaneh ist verheiratet und Mutter von neun Kindern. Sie erzählte beim Verhör, dass sie in einem langen Konflikt mit ihrem Ehemann stehe. Sie fühlte sich bedroht, weil er sich scheiden lassen und sie zurück zu ihrer Familie nach Jordanien bringen wolle. In der Nacht vor der Attacke am Checkpoint habe sie sich mit ihrem Mann über die Erziehung ihrer Kinder gestritten. Infolgedessen beschloss sie, einen Terroranschlag zu begehen, damit die Sicherheitskräfte sie erschiessen würden, weil sie in ihren Worten „ihr Leben satt“ hatte.

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Time am 2. Mai 2017

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/islamismusforscher-im-gespraech-dschihad-als-ausweg-14993788.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
2) http://www.audiatur-online.ch/2017/04/24/steuergelder-fuer-den-moerder-von-hannah-bladon-wer-profitiert-vom-tod-einer-jungen-christin/

Nicht die Schuld bei anderen suchen

12. Januar 2016

Pallieprop

„Audiatur“ brachte einen Aufsatz von Jacques Tarnero über die jihadische und antijüdische Entwicklung in Frankreich (1).

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Intellektueller Notstand –
Die besetzten Gebiete des progressiven Denkens

Das am 13. November in Paris verübte Massaker war vorhersagbar und angekündigt; nur die, die es ablehnen Dinge zu sehen, die mit ihren ideologischen Überzeugungen kollidieren, begreifen das nicht. Die ideologische Leugnung der Realität bleibt der Hauptgrund für unsere Unfähigkeit Terroristen zu bekämpfen, bei denen viele nicht zuzugeben wagen, dass es sich um Terroristen handelt.

Seit Monaten wird jetzt unser Hass nur auf die ausgerichtet, die uns gedrängt haben unsere Augen aufzumachen und die Dinge bei ihrem richtigen Namen zu nennen. Seit Monaten haben uns jetzt die Forderungen, eine gesamte Bevölkerung nicht mit ein paar Extremisten in Verbindung zu bringen ebenso wie „Stoppt Islamophobie“-Aufrufe gezwungen unseren Verstand zu verschliessen.

Doch wer hat diese Verbindungen überhaupt erst hergestellt? Wer sind die eigentlichen Rassisten von heute?

Jede Woche hat der Place de la République in Paris die brüllenden Umzüge des Scheik Yassin-Kollektivs erlebt, die zu Hass auf Juden aufstacheln. Hat das irgendjemanden gekümmert? Vor kurzem versammelten sich empörte Antirassisten zu einem „Marsch für Würde“; diese beschimpften brüllend im Namen der universellen Liebe, des Antirassismus und der „Brüderlichkeit“ mehrere prominente jüdische Philosophen und Journalisten, darunter Bernard-Henri Lévy, Éric Zemmour und Alain Finkielkraut.

Was ist das für ein Geschmack des in öffentlicher Diskussion sowie auf den Strassen von Paris voll zur Schau gestellten Hasses? Ein paar Jugendliche mit einer ausgesuchten Nazi-Identität veranstalteten ein nostalgisches Sit-in auf dem Boulevard Saint Germain. Sie forderten mitten im Quartier Latin, dass der „Talmudist BHL“ (Bernard-Henri Lévy) aus dem Land gewiesen wird – und niemand zuckt auch nur mit den Augenbrauen.

Wenn die Menge aus vielen Rassen „für Würde marschiert“, die angeblichen Schützer unseres universalen Gewissens sich auf die Strassen begeben, um gegen den Schmerz und das Leiden der Beleidigten zu protestieren, verurteilen sie „Rassismus“ gegen „Opfer“ – in der Regel nicht-französische Bürger nicht-französischer Herkunft: Muslime, Araber, Schwarzafrikaner und andere aus den ehemaligen französischen Kolonien – alle Opfer einer angeblich vorherrschenden „Islamophobie“.

Inmitten all dieser mitfühlenden Antirassisten wird die Hamas-Flagge entrollt – die Flagge einer Gruppe, von der wir alle wissen, dass sie wohltätig und gütig ist. Niemand streitet ab, dass es in Frankreich Rassismus gibt, aber wie sieht diese französische Version der Nation of Islam aus, in der vorstädtische Black Panther ihren Hass auf Frankreich und die Franzosen verkünden?

Sie, die sich „Les Indigènes de la République“ [nicht-ethnische französische Bürger] nennen, nutzen alle Vorteile der herrschenden antirassistischen Entrüstung aus. Heute wagt es niemand sich einen „Rassisten“ zu nennen. Rassismus ist das Urböse. Dieser Kampf gegen Rassismus ist der erste Schritt hin zu einem neuen Bewusstsein. Heute sind alle Antirassisten ausser denen, die eine Art „Staatsrassismus“ betreiben. Diese Vorstellung, die die Geschichte korrumpiert und auf Lügen gründet, nimmt jetzt den Platz der Holocaust-Leugnung ein. Der Unterschied besteht heute darin, dass diese „Indigènes de la République“ Menschen aus den Projekten unter dem wohltätigen Mantel des Antirassismus mobilisieren.

Es scheint hier etwas Verwirrung zu geben. Dass Neonazis Juden beschuldigen ist nichts Neues, aber was stiess die Antirassisten vor den Kopf, die „nicht Charlie“ sind? Was bedeuten diese Losungen, die über die Protestschilder dieses „Marsches für Würde“ geplatscht wurden? Wer sind diese Rassisten, die „White Power“ verurteilen, während sie sich im Namen der ethnischen Verschiedenheit versammeln? Welcher Dämon nimmt diese Leute in Besitz, sobald der Name Israels ausgesprochen wird oder der Davidstern auftaucht?

Im Sommer 2015 lud die Stadt Paris die Stadt Tel Aviv als Partner für die Veranstaltung „Paris Plage“ (Strand von Paris) ein. Mehr brauchte es nicht, damit ein Monsieur Simmonet, gewählter Vertreter der Linken, in „progressiven“ Wutmodus und antifaschistischen Stumpfsinn schaltete. „Schande über Paris! Obszöne Einladung usw. Ein kolonialistisches, rassistisches Land einladen usw.!“ Wir haben Monsieur Simmonet nie Handelsbeziehungen Frankreichs z.B. zu China, Ägypten, den Iran, Qatar oder Saudi-Arabien verurteilen hören.

„Ist die Erwähnung Israels pornografisch?“, fragte ein Mann. Manche Leute nähern sich Hysterie, als würde schon die einfache Erwähnung des Wortes einen Bruch globaler Etikette darstellen. Diese „Progressiven“ waren seltsam still, als eine Viertelmillion Menschen in Syrien getötet wurde, als jesidische Frauen in die Sklaverei verkauft wurden. Sie schwiegen, als in Nigeria zweihundert Schulmädchen entführt wurden und als ein neuer Kalif im Namen Allahs im Irak die Massakrierung Tausender oder die Verstümmelung von Christen anordnete, die den Übertritt zum Islam verweigerten. Ist dieses Verhalten nichts mehr als bloss schlechter Geschmack?

Wenn jedoch Israel der UNO seine Sorge bezüglich eindeutiger Pläne zur Auslöschung seiner selbst durch ein anderes Land und Mitglied derselben UNO äussert, eilt der erhabene Menschenrechtsrat (an der unser lieber Freund Saudi-Arabien beteiligt ist) hinzu, um die Brutalität des jüdischen Staates zu verurteilen.

Seit den 1970-er Jahren hat es der Antizionismus geschafft den uralten, rassistischen Judenhass in den Mainstream zu bringen. Dieser neue Virus hat heute sogar den alten Virus des Hasses gegen Juden als Individuen verdrängt – einen Fanatismus, der dazu führte, dass sie massakriert, verbrannt, vertrieben und ihre Bücher vernichtet wurden. Er führte auch zu haltlosen Anschuldigungen, kollektiver Beschuldigung für alle möglichen Missstände, Pauschalverurteilungen und schliesslich dazu, dass sie vergast wurden. Auf seinem Höhepunkt, unter dem Nationalsozialismus angekommen, entwickelte sich dieser Hass im Verlauf von 20 Jahren zurück, aber am Ende der 1960-er Jahre begann er zu mutieren und das Wort „Israel“ nahm einen abstossenden Charakter an, den niemand vorhersehen konnte.

Diese rassistische Mutation wurde 2001 auf einer UNO-Konferenz in Durban (Südafrika) vervollständigt, als der alte, unaussprechliche Antisemitismus mit einem neuen, befreienden Antizionismus verschmolzen wurde. Im Namen des Antirassismus skandierten die Progressiven auf der UNO-Konferenz gegen Rassismus „Tod den Juden“.

Diese Krankheit des Verstandes scheint aussergewöhnlich variabel zu sein, mit der Fähigkeit sich unter verschiedenen Verkleidungen zu reproduzieren. Heute hat der neue Virus zwei Gesichter: mit einem Messer zu fuchteln und zu versuchen als Unschuldslamm zu erscheinen.

Warum das immer wiederkehrende Thema des Hasses auf Juden jetzt aufbringen? Eines Hasses, der sich in Hass auf Israel verwandelt hat? Weil dies im Kern des aktuellen tollwütigen Wahns steckt. Weil es die Saat des Hasses ist, die die Islamisten gegen die westliche Zivilisation gepflanzt haben. Was kann noch gesagt werden, das nicht schon gesagt worden ist? Warum trinken Hunderttausende aus der Tasse dieser Religion, deren Namen zu nennen nicht gewagt wird?

Dieser Hass auf Israel nimmt im 21. Jahrhundert dieselben Charakteristika an wie der kollektive Glaube des Mittelalters, der die Juden für die Beulenpest verantwortlich machte. Erinnern Sie sich, dass Haie anfingen in Scharm el-Scheik Touristen anzugreifen und der ägyptische Tourismusdirektor dem Mossad die Schuld dafür gab? Er behauptete, dieser habe die Killer-Haie trainiert, damit Touristen aus Ägypten fliehen und seine Wirtschaft geschädigt wird; niemand hat bisher erklärt, wie die Haie so trainiert wurden, dass sie keine Ägypter fressen.

„Pro-Palästinenser“ kümmern sich oft nicht wirklich um Palästinenser. Für sie ist diese wahrhaft fesselnde Sache nichts anderes als Fiktion: Es ist Hass auf Israel, der sie mobilisiert.

Dieser Grundvorwurf wurde vom iranischen Präsidenten Hassan Ruhani simpel formuliert. Israel, sagte er, sei „illegitim“ – was heisst, dass es kein Recht hat zu existieren. Das ist tatsächlich das, was gesagt oder gedacht wird: Israel, niemand will dich. Bitte verschwinde. Die Welt wäre so friedlich, wenn es nicht dich als Sand im Getriebe gäbe.

Als der Journalist Edwy Plenel, selbst erklärter Hüter gegen die Lügen der Regierung, Nelson Mandela zitierte, um Israel zu verurteilen, wurde entdeckt, dass dieses Zitat komplett erfunden war: „Wenn ich eine Fehler gemacht habe“, sagte er, „dann war ich wenigstens politisch korrekt!“

Im Herbst 2015 führte die französische Zeitung Le Monde die Anklage gegen die versteckte Quelle all unserer politischen Missstände. Was unseren antifaschistischen Ordnungshütern Sorge macht, ist die Drohung der von Marine Le Pen angeführten Front National sowie dass das populäre Denken sich nach rechts neigt. Diejenigen, die diese Verschiebung nach rechts anführen, müssen daher nach Angaben von Daniel Lindenberg benannt und zur Rede gestellt werden. Es handelt sich um Michel Houellebecq, Éric Zemmour und Alain Finkielkraut. Auf welche Weise vergiftet diese Sichtweise den Verstand? Lesen Sie ihre Werke. In Frankreich gibt keine schlimmere Beleidigung als ein Rassist genannt zu werden, aber in intellektuellen Kreisen ist es noch schlimmer als „reac“ (Reaktionär) bezeichnet zu werden. Hat jemand seine Mutter und seinen Vater ermordet, wird es für sein Handeln immer eine Art Grund geben, so spitzfindig er auch sein mag. Aber „reac“ genannt zu werden ist zu brutal. Das ist unerträglich. Der „reac„-Denker ist heute der neue Feind.

Die Denker haben ein neues Zuhause gefunden und die Linken ein neues Dogma. Hier ist, in der Reihenfolge der höchsten Prioritäten, Frankreichs grösster Feind: diese von der Front National benutzten Intellektuellen, die aufgestöbert werden und deren Namen auf die Schwarze Liste gesetzt werden müssen. Was würde ohne die illusorische Sicherheit der Front National aus dem aufgeklärten Denken werden? Das Gespenst der „dunkelsten Jahre unserer Geschichte“ der 1940-er Jahre wird oft von denen genutzt, die behaupten die Aufgeklärten zu sein und die allumfassende Liebe zu repräsentieren.

Hier haben wir also die vorhersagbare Rückkehr der bereits gesehenen, gelesenen und gehörten faschistischen Gefahr – diese vorgefertigte, künstliche Vorstellung, die radikale Feinde erfindet, um zu vermeiden sich mit Komplexitäten zu beschäftigen, von denen sie so tut, als ob sie sie verstünde.

Nicht so lange her ist ein weiterer Vorfall, der sich dieser Umkehr von Ursache und Verantwortung hinzufügt. Der Historiker George Bensoussan läuft Gefahr vor die MRAP (Movement Against Racism and for Friendship between Peoples – Bewegung gegen Rassismus und für Freundschaft zwischen Völkern) zitiert zu werden, „vor ein Strafgericht für rassistische Verleumdungen und Aufhetzung zu Hass und radikaler Gewalt“. Der Grund ist offenbar, dass er es wagte den Antisemitismus aufs Tapet zu bringen, der in der arabischen und muslimischen Kultur im Maghreb alltäglich ist.

Wenn die Republik heute in so vielen mit solch brüderlichem Hass gespickten Bereichen leidet, dann weil sie es ablehnt, sich dem Bösen zu stellen, von dem sie verschlungen wird. Das Leiden der Araber, der Palästinenser und der Vorstadt-Jugend ist real, aber es wird nur gelindert, wenn es zuerst einmal eine kritische Untersuchung der wahnhaften Ansichten zu dem gibt, was es verursacht. Weder die Juden noch Israel sind die Wurzeln dieses Leidens. Verursacht wird es durch das, was dieser Kultur passiert – geboren vom Islam oder von arabischem Erbe: immer die Schuld bei anderen zu suchen, wenn man selbst die Quelle der aktuellen Katastrophe ist. Es ist nicht Israel, das das Palästinenserlager Yarmuk in Syrien bombardiert und verhungern lässt. Der Historiker Bernards Lewis stellte die zeitgemässe Frage „Was lief falsch?“, dass dieses Erbe so weit in die Irre geht? Die Antwort lautete: die Schuld bei anderen zu suchen.

Dieses gedankliche Versagen beeinflusst nicht nur die arabische und muslimische Welt. Es berührt auch die Vorstellungen der Progressiven.

Wird das 21. Jahrhundert den posthumen Sieg des Genossen Stalin erleben? Haben wir die Lektionen der durch verführerische totalitäre Ideologien verblendete Intellektuelle nicht gelernt? Man muss fürchten, dass das ideologische Leugnen der Fakten – im Tausch für das geforderte intellektuelle Opium der „Einheit“ – die Norm bleiben wird. Diese Dogmen eliminieren – selbst im Namen des Progressivismus und Antirassismus – das Böse nicht, sie führen nur zu tieferen Gräbern. Lauf, Genosse. Hinter dir könnten Gräber liegen, aber die Mordgesellen befinden sich vor dir.

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Time am 12. Januar 2016

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1) http://www.audiatur-online.ch/2016/01/11/intellektueller-notstand-die-besetzten-gebiete-des-progressiven-denkens/

2084

11. Oktober 2015

Boualem Sansal

In der FAZ hat Jürg Altwegg Boualem Sansals Islam-Roman „2084“ besprochen (1).

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2084 ist es friedlich

Eine zweite Unterwerfung: Auch in Boualem Sansals Roman „2084“ herrscht der Islam. Der Autor kommt jedoch ohne Blasphemie und Provokation aus und wird als Kandidat für die wichtigsten Literaturpreise gehandelt.

Es ist das zweite Buch des Jahres in Frankreich. In Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, der bekanntlich am Tag des Attentats auf „Charlie Hebdo“ in die Buchhandlungen ausgeliefert wurde, geht es um die Wahl eines islamischen Präsidenten im Jahr 2022 und die Islamisierung Frankreichs, das sich den neuen Machtverhältnissen anpasst wie im Krieg unter der deutschen Besatzung. Seit diesem Herbst liest man Houellebecqs Antizipationsroman als Vorgeschichte einer totalitären – islamischen – Gesellschaft, die vom algerischen Schriftsteller Boualem Sansal beschrieben wird und deren Autor selbst den kühnen Vergleich mit George Orwell wagt. „2084“ nennt Sansal, der 2011 in Frankfurt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden war, seinen Roman, Untertitel: „Das Ende der Welt“.

2084 ist das Gründungsereignis der Neuen Zeit, dem auf Gedenktafeln gehuldigt wird. Aber wofür das Datum steht, weiß niemand – außer dass die Versprechungen der Propheten Wirklichkeit geworden sind. Für die neuen Generationen der Neuen Zeit hatte die Geschichte nicht mehr Bedeutung als die unsichtbare „Spur des Winds im Himmel“: „Die Gegenwart ist ewig“, einen Kalender gibt es nicht mehr. Im Großen Heiligen Krieg war die alte Welt besiegt worden. Und alles, was sie ausmachte, ist untergegangen: die Sprache und die Bücher, die Museen und die Möbel, das Geschirr, die Nahrung, die Kleider. Mit den Ziffern 2-0-8-4 beschäftigt sich die florierende Numerologie. Hatte die Jahreszahl einen Bezug zum Krieg? Eine Zeitlang zirkulierte die Vorstellung, dass es sich um das Jahr der Geburt von Abi handeln könnte. Oder um jenes „seiner Erleuchtung durch das Licht“, als er fünfzig wurde und das „Land der Gläubigen“ den Namen Abistan bekam.

Eine Sprache, die Denken ausschließt

Abistan ist das Reich Yölahs und Abi Yölahs „Delegierter“ auf Erden. Auch „Bigaye“ wird er genannt. Er wohnt gleichzeitig in 25 Palästen. Die neue Sprache ist Abistanisch. Sie wurde so konzipiert, dass sie jegliches Denken ausschließt. Das Leben der Abistani wird vom Glauben, den Gebeten und den Pilgerfahrten bestimmt, andere Reisen sind verboten. Anträge auf Pilgerfahrten werden nach Jahren beantwortet und Bewilligungen vererbt, aber nie an die Zweitgeborenen oder Schwestern. Die Elite lebt im Überfluss, das Volk in extremer Armut. Es gibt eine Woche der heiligen Abstinenz. Der Feind, den die Ungläubigen einst darstellten, ist so endgültig besiegt, dass der Begriff aus dem Vokabular gestrichen wurde. Am Rande dieses Paradieses lebt der lungenkranke Ati in einem Sanatorium in der Wüste. Gefühle des Zweifels versucht Ati verzweifelt zu unterdrücken.

In seinem Essay „Allahs Narren“ (Merlin Verlag) hat Boualem Sansal beschrieben, „wie der Islam die Welt erobert“. Dass Frankreich islamistisch werden könnte, hält er für durchaus plausibel. In „2084“ gibt es keinen Dschihad und keine Attentate. Jeder unterwirft sich freiwillig den Regeln und Normen: „Die einzige Kraft, die zur Übernahme und langfristigen Ausübung der Macht fähig ist, scheint mir der Islam zu sein. Er ist die einzige religiöse Strömung, die über die notwendige Energie und Gewaltbereitschaft verfügt.“ Für besonders gefährlich hält Sansal den „westlichen Islamismus, der in Frankreich entsteht, in London, in den Vereinigten Staaten und in Russland. Diese Bewegungen könnten sich zusammenschließen.“ Sansal gehört zu den bedeutenden Schriftstellern der französischsprachigen Gegenwartsliteratur. Gallimard brachte „2084“ in einer Erstauflage von 150 000 Exemplaren in den Buchhandel. Der Roman kam auf die erste Liste der Kandidaten für den Prix Goncourt.

Favorit für Literaturpreise

Inzwischen haben die Jurys aller Literaturpreise Sansal in den Kreis ihrer Favoriten aufgenommen. Etwas Vergleichbares hat es in den letzten Jahrzehnten für keinen Schriftsteller gegeben. Der algerische Schriftsteller, der in seiner Heimat belästigt und bedroht wird, steht erstmals an der Spitze der Bestsellerliste, die erste Auflage ist bereits fast vollständig verkauft. Auch thematisch ragt der Entwurf einer religiösen Diktatur aus der Masse der Neuerscheinungen heraus.

Paris schickt sich tatsächlich an, Boualem Sansal einen Triumph zu bereiten. Ihre letzte Vorentscheidung wird die Goncourt-Jury Ende Oktober im Bardo-Museum in Tunis fällen, das im Frühling Schauplatz eines Attentats war. In Frankreich wird man für die Literaturpreise den Polizeischutz verstärken. Den muslimischen Fanatikern aber sei gesagt: Es gibt bei Sansal diesmal keine Blasphemie und keine Provokation. Sein Roman ist ganz anders als die „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq, der den Kollegen im Fernsehen lobte. Wenn die Fundamentalisten des Lesens mächtig wären, könnten sie „2084“ nur als Utopie verstehen.

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Time am 11. Oktober 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sansals-islam-roman-2084-ist-es-friedlich-13844180.html

Glaube, Liebe, Hoffnung

9. Oktober 2015

Merkel

In FAZ-Redakteur Christian Geyer-Hindemith haben unsere Kanzlerin und ihre Adlaten einen scharfen Kritiker gefunden.

Man ist bei der Lektüre seiner Texte an die Situation am Zarenhof zu Zeiten der bolschewistischen Machtergreifung erinnert, als der Magier Rasputin das Vertrauen der Regierung genoss.

Lesen Sie Herrn Geyers Beiträge von heute (1) sowie vom 24. September (2).

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Angela Merkels Politik

Klare Linie?

Nach den jüngsten Auftritten der Bundeskanzlerin ist man zunehmend beunruhigt, dass die Zukunft des Landes an einer Person hängen soll. Denn mit der Wirklichkeit scheint Angela Merkel sich nicht mehr zu beschäftigen.

Nicht der Flüchtling ist das Problem, sondern seine große Zahl. Genauer: die große Zahl, in der er nicht nur gestern kam, sondern morgen kommen wird. Gerade wenn man keine ethnische, deutschtümelnde, xenophobe Debatte will, muss man über Zahlen reden. Eine Flüchtlingspolitik, die sich nicht um Zahlen schert und das auch noch ohne Wenn und Aber zum Programm erhebt, ist keine Politik mehr. Sie ist Traum, Vision, Abenteuer, Nährboden fürs Ressentiment, Steilvorlage für alle, die nicht übers Machbare und seine Grenzen reden wollen, sondern über völkischen Irrsinn beispielsweise (den man auch dadurch herbeireden kann, dass man ihn in abgehobenen Paralleldebatten zur kommunalen Wohnungs-, Job- und Bildungswirklichkeit zu entkräften sucht). Mit anderen Worten: Demonstrative Zahlenvergessenheit ist in der Flüchtlingspolitik gleichbedeutend mit einer Absage an politische Rationalität, ist dasselbe wie verordnete Perspektivlosigkeit.

Genau das bringt die Leute derzeit in Rage. Dass Angela Merkel, wie zuletzt bei „Anne Will“, die Zahlen für unwichtig erklärte, sie als „egal“ bezeichnete, statt dessen ihre autokratischen Glaubensgewissheit („Optimismus und innere Gewissheit zu haben“) als demokratische Haltung und als Führungsqualität ausgibt – das ist das Gespenstische an der sogenannten klaren Linie der Kanzlerin, einer Linie, die ihre Klarheit im Augenblick vor allem durch Wiederholung gewinnt (klare Linien zeichnen ja naturgemäß beide aus: die Prinzipienfesten wie die Unbelehrbaren, auch Wahngebilde haben sie: die klare Linie).

„Ich möchte mich an den Zahlen, an den Statistiken, die im Augenblick herumgereicht werden, jetzt gar nicht beteiligen“, sagte Angela Merkel (und macht Zahlen damit zu etwas latent Anrüchigem, an dem man sich nicht beteiligt, nach dem Motto: in diese algebraische Schmuddelecke lasse ich mich nicht stellen). Aber klar, gesteht die Kanzlerin zu, „es sind viele, sehr, sehr viele Menschen“, die kamen, kommen und kommen werden: „Millionen mögen dieses Land“. Mit keiner Silbe, mit keiner „Gegengeste“ (Anne Will) zu ihrer Geste der offenen Arme will Angela Merkel die Aufbrechenden in aller Welt entmutigen. Zahlen können, so versteht man die Regierungschefin, da nur unnötige Härten in die Diskussion bringen, – und im Übrigen gebe es im Augenblick eher zu viele als zu wenige Zahlen. Denn schauen Sie, fügt Angela Merkel hinzu, die einen rechnen die Registrierten, die anderen rechnen die Ankommenden, wieder andere rechnen die Asylanträge – wie will man da zu verlässlichen Zahlen kommen? Womöglich dadurch, dass man die verschiedenen Rechnungen voneinander unterscheidet und sie getrennt veröffentlicht? Die Antwort war vermutlich zu naheliegend, als dass Anne Will sie zu geben wagte.

So kommt es, dass in Merkels Rhetorik die Kunst des Möglichen – Politik – im zahlenmystischen Quark versinkt und umgekehrt Glaubens- und Gesinnungssätzen realpolitischer Rang zuerkannt wird („ich habe überhaupt keine Zweifel“, „meine innere Gewissheit sagt mir“, „ich bin ganz fest davon überzeugt“). Wie beim neurolinguistischen Programmieren (NLP) wird ein und derselbe Glaubenssatz („Wir schaffen das“) mit jedem neuen Erfahrungsgehalt verbunden. Es wundert daher nicht, dass die Kanzlerin bei „Anne Will“ so viel von ihrer „Herangehensweise“ (gern auch „inneren Herangehensweise“) an die Flüchtlingspolitik sprach. Sie, die Physikerin von Hause aus, hat sich idealistisch eingesponnen. „Die Menschen sollen schon wissen, wer ihre Kanzlerin ist“, sagte sie. Eine Kanzlerin auf NLP-Trip?

Wer sie, wie Anne Will, unbotmäßig von der inneren wieder zur äußeren Wirklichkeit lenken möchte, erhält eine verblüffende Antwort: Ihre, Angela Merkels „Herangehensweise in leichter und in schwerer Stunde“ sei es nun einmal, „nichts zu versprechen, was ich nicht halten kann“. Mit anderen Worten: Fragen Sie mich was Leichteres! Einlassungen zur äußeren Wirklichkeit werden von der innengeleiteten Kanzlerin als Zumutung abgewiesen, eben als Versuch, ihr ein „Versprechen“ abzupressen. Ob Frau Will etwa meint, Frau Merkel wisse, was „morgen“ ist? Nein, eine Aussage über „morgen“ könne man von ihr, der Kanzlerin, nicht erwarten, sagt die Kanzlerin. Denn sie habe sich nun einmal „entschieden, keine falschen Versprechungen zu machen“. Dass sie mit ihrem NLP-Mantra „Wir schaffen das“ permanent im Modus des Versprechens agiert, scheint Angela Merkel „egal“ zu sein (womöglich hebt sie auf die grammatische Tiefenstruktur der drei Worte als Appell und Willensbekundung ab und nimmt deren Versprechens-Charakter nur billigend in Kauf).

Man ist zunehmend beunruhigt, dass die Zukunft des Landes an einer Person hängen soll. Gespensterstunden häufen sich.

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Flüchtlingskrise

Herzensergießungen einer Nation

Deutschland von den Rändern her denken – wie soll das gehen? Nur von der Mitte aus kann man helfen. Die Nonchalance, mit der Flüchtlinge unterschiedslos herbeigeredet werden, ist fahrlässig.

Schade, sagte die grüne Bundespolitikerin Katrin Göring-Eckardt, schade, dass er den Konflikt nicht aushält, schade, dass er nicht mehr Mut hat, schade, dass er so spricht, wie er spricht. Wer war mit „er“ gemeint? Er – das ist Frau Göring-Eckardts Parteifreund, der grüne Kommunalpolitiker Boris Palmer, Bürgermeister von Tübingen. Was hat sich Palmer in den Augen Göring-Eckardts zuschulden kommen lassen? Er hat die eingespielte Arbeitsteilung in der deutschen Flüchtlingsdebatte gestört (hier die unbegrenzte Moral und Menschlichkeit, dort die begrenzten Ressourcen). Er hat, mit anderen Worten, die kommunale Erdung der Dauerappelle gefordert, er hat nicht mitgemacht beim Befeuern des neuen Himmels und der neuen Erde, auf welcher es keine Belastungsgrenzen gebe, es sei denn, man zöge sie (Rainer Maria Kardinal Woelki: „Deutschland leuchtet und macht Europa hell“) – diesen messianischen Konstruktivismus des Neuen, der von der Kanzlerin bis zu den Bischöfen unser Land durchweht, hat Palmer von der schnöden verwaltungstechnischen Frage her begreifen wollen, wie man Flüchtlinge in Jobs, Wohnungen und Schulklassen bringt. Weil er, Palmer, als Bürgermeister vor der Aufgabe steht, die Willkommenskultur auf Dauer zu stellen, also etwas erkennbar anderes zu tun hat, als die Willkommensinitiativen an den Kuchentischen der Nation anzuheizen.

Er, Palmer, sagt in der „taz“ denn auch Sätze wie diese: „Wir erleben gerade, dass rings um uns die Länder Europas überfordert sind. Das hat auch damit zu tun, dass so viele Menschen von Deutschland motiviert wurden, die Reise hierher anzutreten. Jetzt müssen wir uns eingestehen, dass auch die deutsche Gesellschaft an eine Belastungsgrenze kommt. Deshalb brauchen wir schnellere Verfahren, den Abbau falscher Anreize und eine klare Priorität für Kriegsflüchtlinge.“ Falsche Anreize im Namen der Hypermoral, die sich als unmoralisch erweisen, wenn sie bei Flüchtlingen ohne Bleiberecht Illusionen nähren und sie dann doch nur in die Falle der Abschiebung locken. Diese Falle lässt sich nicht länger durch Nichtanwendung des Rechts umgehen. „Abschiebungen zu verhindern – was lange grüne Politik gewesen ist – lässt sich in dieser Situation nicht mehr durchhalten. Wenn Abschiebungen nicht durchgeführt werden, ist das ein Zeichen an diese Menschen, dass es sich weiter lohnt, zu uns zu kommen.“

Hier, in kommunalen Stimmen wie diesen, fasst man den aktuellen Stand der Flüchtlingsdebatte. Was hat es mit mangelndem Mut, mit fehlendem Aushalten von Konflikten zu tun, wenn Palmer sich für die Ausweitung der Kategorie „sichere Drittländer“ einsetzt und am Ende feststellt: „Wir können die Asylstandards nicht halten“? Das ist der Realismus derer, die die Arbeit leisten, während die anderen ihren Senf dazutun. Es sei ja „absurd“, die Kanzlerin wegen ihres über alle Integrationsprobleme hinwegsingenden Refrains „Wir schaffen das“ zu kritisieren, erklärt Kurt Biedenkopf aus der Loge der politischen Seher und fügt hinzu: „Sie muss doch wenigstens daran glauben dürfen, dass wir das schaffen.“ Ja, gewiss, ihr Glaube sei der Kanzlerin unbenommen; nur geht es in diesem Fall nicht um private Glaubensüberzeugungen, sondern um eine zeitlich und räumlich weitreichende politische Verantwortung.

Die kontraproduktiven Wirkungen einer zivilgesellschaftlichen Pack-an-Rhetorik, die so tut, als könnte man alle mit offenen Armen aufnehmen, und Kritiker dieser Position – zumal, wenn es sich um die kommunalen Leistungsträger handelt – als lethargische Bedenkenträger oder Schlimmeres diffamiert, schlagen gegen die Notleidenden aus. Palmer verbittet sich das: „Aktuell erleben wir, wie die Zeit alte Überzeugungen hinwegfegt, konservative Vorstellungen vom Staatsvolk genauso wie grüne Mitmenschlichkeitsideale.“

Unbegrenzte Flüchtlingshilfe als Christenpflicht

Die Leichtfertigkeit, mit der jetzt etwa über den „Wohlstand“ hergezogen wird – ein Wohlstand, der eben abspecken müsse, wenn die Flüchtlinge kommen -, erinnert, gut psychoanalytisch, an Selbsthass und vergisst jedenfalls, dass ein solches Abspecken realistischerweise auch nur zu Lasten der sozial Schwachen hierzulande gehen (weniger Hartz IV und so weiter) und im Übrigen Deutschlands Kapazitäten zur weltweiten Notlinderung einschränken würde.

Die Kirchen insbesondere wittern Morgenluft und hoffen, mit einem asketischen Programm für die Autochthonen einerseits und mit der Deklarierung unbegrenzter Flüchtlingshilfe als Christenpflicht andererseits wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzufinden. „Die Flüchtlingskrise ist auch eine Chance für die Kirche in Deutschland, ihre gesellschaftliche Relevanz unter Beweis zu stellen“, sagt die Theologin Judith Könemann, Professorin für Religionspädagogik an der Universität Münster. Dass die Bischöfe diese Einschätzung jetzt so vehement teilen, enthebt sie fürs Erste der Aufgabe zu erklären, warum auch jede Nonne, die in irgendeinem Kloster in Klausur lebt, von höchster gesellschaftlicher Relevanz wäre.

Die Gottwohlgefälligkeit des Kontrollverlustes

Umso unbedingter erscheint in bischöflicher Verkündigung nun die philanthropische Willkommenskultur als Gottes Wille für dieses Land. Die allegorische Auslegung der Heiligen Schrift wird dafür in exaltierte Höhen getrieben. Entsetzt mochte jeder Kommunalpolitiker, nicht nur der Bürgermeister des reichen Tübingens, neulich der politischen Theologie des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck zugehört haben. In einer Art Feldgottesdienst vor der Caritas zog Overbeck gegen „Wohlstand“ und „das Gewohnte“ zu Felde in einer Art, die jede Wertschätzung für die institutionellen Bestände der Republik – vom Recht bis zur Verwaltung – vermissen ließ, jedenfalls eine Nuancierung in diese Richtung noch nicht einmal andeutungsweise unternahm.

Stattdessen raunte der Bischof in diffuser Grenzenmetaphorik über die Gottwohlgefälligkeit des Kontrollverlustes; man sei eben „gewohnt, Kontrolle auszuüben, die Wirklichkeit von ihrer Mitte her zu betrachten und von hierher alles zu bestimmen“. Um dann in einer Metaphysik der Plötzlichkeit und der gereinigten Luft die Umwertung aller Werte zu verkünden: „Plötzlich leben wir in einer neuen Welt. Nicht mehr die Mitte, das Gewohnte und das Zentrum sind von Interesse. Es sind die Ränder, die interessieren“ – nach dem prophetischen Wort von Papst Franziskus, die Welt von der Peripherie her zu begreifen. „Da“, sagt der Bischof, als weise er wie die Hirten ebenso erfreut wie verwundert auf den Stern über der Krippe des Herrn, „da verändert sich die Welt von den Rändern her zum Guten und Neuen“.

Zieht man von dieser blühenden Vision die Metaphysik ab, so bleibt nicht viel mehr übrig als der Ruf: Die Phantasie an die Macht! Doch da ist die totale Inklusion theologisch schon vollzogen. In pfingstlicher Zungenrede lehrt man die bräsigen Tübinger Staatsorgane Mores: „Wo Gott alle willkommen heißt, heißen wir alle willkommen. In unserer Gesellschaft, in unserem Land, in unseren Häusern – überall sind die, die zu uns kommen, willkommen!“

Der Bischof sagt papperlapapp

Allein, wie soll das gehen: mit einem „Grüß Gott“ die ganze Welt bei uns zu Haus begrüßen wollen? Hatte der Tübinger Bürgermeister nicht auch die Apokalypse des Johannes in die Exegese einbezogen, als er warnte: „Derzeit sind mehr als siebzig Prozent der Flüchtlinge junge Männer, die ganz andere Vorstellungen von der Rolle der Frauen, der Religion, Meinungsfreiheit, Homosexualität oder Umweltschutz in der Gesellschaft haben als wir Grüne. Machen wir uns nichts vor: Die Aufgabe ist riesig.“ Der Bischof von Essen sagt papperlapapp und sieht von den Rändern her ein deutsches Weltethos aufsteigen, in dem es „ungeahnte Formen der Ökumene (!), der Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen geben wird“. Es sind solche theologische Vereinnahmungen der deutschen Sache, die dem Publizisten Roland Tichy jüngst bei „Hart, aber fair“ sein Christsein absprachen, als dieser erklärte, mit Emotionen seien noch keine Dächer gedeckt, und politische Analyse statt Herzensergießungen anmahnte.

„Ich weiß nicht, ob ich konservativ bin“, sagt der Schriftsteller Michel Houellebecq in der neuen Ausgabe des „Philosophie Magazins“. „Aber ich glaube nicht, dass der Mensch – ebenso wenig wie jedes andere Tier – dafür gemacht ist, in einer sich ständig wandelnden Welt zu leben. Die Abwesenheit von Gleichgewicht, von Streben nach Gleichgewicht ist an sich unerträglich. Der permanente Wandel macht das Leben unmöglich.“ Dichterworte gewiss, deren Angreifbarkeit offen zutage liegt. Und doch hat man das Gefühl, dass das, was Houellebecq da sagt, auch der Sache der Flüchtlinge dient, ja, geradezu die Voraussetzung ist, um einem kontrollierten Wandel gewachsen zu sein.

Es hat etwas Bestürzendes, zutiefst hilflos Machendes, wenn man im Angesicht der Not das Eigene wie Ballast über Bord zu werfen bereit ist. Eine Not, der nicht von der eigenen Mitte her begegnet wird, läuft aus dem Ruder. Bei sich bleiben, wie die Psychologen sagen, um ganz beim anderen sein zu können. Eine Mythologie der Ränder, welche nonchalant die eigenen Ressourcen missachtet, wird kaum helfen, über den Winter zu kommen.

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Time am 9. Oktober 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-gespensterstunden-mit-angela-merkel-haeufen-sich-13846299.html
2) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/fluechtlingskrise-herzensergiessungen-einer-nation-13819979.html

Millionen von denen jetzt auch bei uns:
https://www.youtube.com/watch?v=q7q9XtoLIgA

Deportation? Gute Idee!

23. Dezember 2014

Bertrand Nzohabonayo

Der Mohammedanist Bertrand Nzohabonayo griff eine französische Polizeistation an und verletzte drei Beamte, bevor er erschossen wurde.

Auf „FAZ.NET“ berichtet Jörg Altwegg heute über den antimohammedanistischen Bestseller „Der französische Selbstmord“ von Eric Zemmour (1).

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Französische Zustände

Krippen des Widerstands

Ein Bestseller trägt den Titel „Der französische Selbstmord“, seinen Autor hatte man im Verdacht, die Deportation der Muslime gefordert zu haben, und um Weihnachtskrippen wird auch gestritten: In Frankreich tobt ein rhetorischer Religionskrieg.

Werden die Muslime demnächst aus Frankreich deportiert, wie es der Essayist Eric Zemmour angeblich fordert haben soll? Sie wissen selbst nicht so recht, ob sie sich ärgern oder freuen sollen. Denn in der unsäglichen Konkurrenz der Opfer, die das Verhältnis der Minderheiten in Frankreich untereinander und gegenüber dem Staat prägt, steht die Deportation für eine Anerkennung, wie sie sich die fanatischsten Fundamentalisten nicht schöner vorstellen konnten. Seit dem 11. September 2001 ist Frankreich ein Nebenschauplatz des Nahostkonflikts und von tödlichen Attentaten auf seine jüdischen Mitbürger nicht verschont geblieben. Im Ausland sind die Dschihadisten im Krieg gegen Frankreich bei der Auswahl ihrer Opfer weniger wählerisch: auch Katholiken dürfen es sein.

Am Wochenende ist es zu einer weiteren Eskalation gekommen: „Allah Akbar“ schrie ein junger Mann, der den Polizeiposten in einem Vorort von Tour stürmte und einen Beamten mit dem Messer am Kopf verletzte; er wurde erschossen. Am Sonntagabend lenkte ein Mann in Dijon mit dem gleichen Schlachtruf seinen Wagen in eine Gruppe von Passanten und verletzte elf Fußgänger, zwei davon schwer. Beide Attentäter erwecken den Eindruck von Verrückten, aber Frankreich empfindet sie als Vorhut des Dschihad zu Hause. Für Weihnachten wird der Polizeischutz verstärkt, an Neujahr werden hoffentlich nur die Autos brennen.

Ein Bestseller

Die Forderung nach der Deportation der Muslime, an der sich die Empörung entzündete, kam aus Italien. Der Französische Eric Zemmour soll sie im Gespräch mit dem „Corriere delle Sera“ formuliert haben. Sein Buch „Der französische Selbstmord“ führt seit Wochen die Bestsellerlisten an. „In Frankreich leben Millionen von Menschen, die nicht wie Franzosen leben wollen“, sagte er wörtlich: „Die Muslime haben ihr eigenes Gesetz: den Koran. Sie leben unter sich, an den Rändern. Die Franzosen wurden zum Wegzug gezwungen.“ Der italienische Journalist fasste Zemmours – allgemein bekannte – Vorstellungen von ihrer Ausweisung mit dem Begriff „deportare“ zusammen. Zemmour hat ihn nicht verwendet. Erst als jemand das Interview dem linken Politiker Jean-Luc Mélenchon zuspielte, der sich gerade mit seinem Redeverbot für Angela Merkel („Maul zu!“) profiliert hatte, ging der Skandal richtig los – schließlich plädiert Zemmour auch für die Rehabilitierung von Pétain und Vichy.

Der Journalist, der regelmäßig im französischen Bertelsmann-Sender RTL zu hören ist, wurde von „i-télé“ als Kolumnist entlassen – nun kann er sich auch noch als Märtyrer der Meinungsfreiheit profilieren. Diskussionen, Debatten sind unmöglich geworden, stellt Pascal Bruckner im „Figaro“ fest. Es gehe nur noch um Provokationen und Entgleisungen, die umgehend vor das Tribunal der politischen Korrektheit kommen. Bruckner kritisiert die Gleichstellung von Islamophobie und Antisemitismus durch die Linke. Deren Anhänger weigern sich, französische Dschihadisten zu verurteilen, solange man toleriere, dass Franzosen in der israelischen Armee dienen.

Laizisten auf dem Kriegspfad

Der Vernichtungskrieg des „Islamischen Staats“ gegen die Christen im Orient ist eine Ausweitung der Kampfzone, die Frankreich überfordert. Während Katholiken wegen ihres Glaubens ermordet werden, dürfen in französischen Rathäusern und Schulen zu Weihnachten keine Krippen aufgestellt werden. Die laizistische Verfassung verbietet es. Diese Intoleranz im Umgang mit allen Religionen, die sich ihrerseits zumindest im Kampf gegen diese Intoleranz auch einig sind, wirkt anachronistisch.

Aber auch die Freidenker wachen und klagen. Nur die rechtsextremen Bürgermeister halten an ihren Krippen fest und leisten Widerstand, in Béziers Robert Ménard, der langjährige Präsident von „Reporter ohne Grenzen“. Vom Kulturkampf um die Krippen profitiert wiederum ausschließlich der Front National, der sich zum Laizismus bekennt, aber als einziger Verteidiger der christlichen Tradition erscheint.

Zemmours Pamphlet hat eine Auflage von 400 000 Exemplaren erreicht. Mehr gab es nur für Valérie Trierweilers Rache an François Hollande. Die beiden Bestseller des Jahres haben die Belletristik verdrängt. Von dem Roman, der den Prix Goncourt gewann, wurden nur 120 000 Exemplare verkauft – erwartet worden waren gut eine halbe Million. Doch die Revanche der Literatur steht unmittelbar bevor. Michel Houellebecq bringt die Stimmung im Lande in seinem neuen Roman auf den Punkt (2): Darin wird nicht Marine Le Pen, sondern ein Muslim zum Nachfolger von Hollande gewählt. Houellebecqs für Januar angekündigte „Unterwerfung“ wird Zemmours „Französischen Selbstmord“ übertreffen. Auch an Menschlichkeit und politischem Sachverstand: Nur noch ein Muslim im Elysée kann die Millionen von französischen Muslimen offensichtlich vor der Deportation retten.

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Time am 23. Dezember 2014

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/franzoesische-zustaende-krippen-des-widerstands-13337371.html
2) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/michel-houellebecqs-roman-soumission-als-skandal-13329793.html