Posts Tagged ‘Necla Kelek’

Wie kann man die Plage bändigen?

23. Februar 2018

Lesen Sie einen Aufsatz von Necla Kelek aus der „Welt“ (1).

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Macron will den Islam neu erfinden

Die Stellung des Islam in Europa ist umstritten. Die einen sagen – vor allem die maßgeblichen Politiker in Deutschland –, der Islam sei, schon allein zahlenmäßig, Teil Europas. Andere beziehen das nur auf die säkularen Muslime. In Großbritannien, Frankreich, Belgien, Holland und auch den anderen westeuropäischen Ländern hat sich in den letzten fünfzig Jahren die Zahl der Muslime, der Moscheen und der entsprechenden Verbände vervielfacht. Arbeitsmigration, Zuwanderung aus ehemaligen Kolonien oder durch Flucht stellen enorme Anforderungen an die Integrationsfähigkeit der Aufnahmegesellschaften.

In großen Teilen ist die kulturelle Integration speziell der muslimischen Migranten gescheitert. Parallelgesellschaften und -Justiz, Bildungsferne, hohe Arbeitslosigkeit bis hin zu Fundamentalismus und religiös fundierter Terrorismus bestimmen die Agenda. Die Versuche, die islamischen Organisationen in einen gesellschaftlichen Diskurs einzubeziehen, sind, wie am Beispiel der Deutschen Islamkonferenz deutlich wurde, in den Anfängen stecken geblieben. Vor allem, weil es den Islamvertretern im Kern nur darum ging, dass ihre Gruppeninteressen gesellschaftliche Norm werden. Die erste Islamkonferenz diskutierte ernsthaft drei Jahre darüber, ob den Islamverbänden zuzumuten ist, dass sie die Priorität des Grundgesetzes vor dem Koran, also Allahs Gesetzen, als verbindlich ansehen.

Nun hat der französische Präsident Emmanuel Macron einen neuen Ansatz, um den Islam in Frankreich einzugemeinden. Er will noch in diesem Jahr einen Plan vorstellen, der „den Grundstein für die vollständige Neuausrichtung des Islam in Frankreich“ legen soll.

In einem Interview mit dem „Journal du Dimanche“ sagte er, er arbeite auf allen Ebenen daran, „das wiederzuentdecken, was das Herz des Säkularismus ausmacht: die Möglichkeit, in der Lage zu sein, zu glauben, aber auch dazu, nicht zu glauben“. Der Plan, noch sind die Einzelheiten nicht ausformuliert, soll mehrere Dinge regeln. Die Muslime sollen sich so organisieren, dass der Staat einen verbindlichen Ansprechpartner hat. Er will eine moralische Autorität installieren, etwa einen „Groß-Imam“ für Frankreich.

Offensichtlich geht er davon aus, dass im „Französischen Rat des muslimischen Glaubens“ (CFDM) die Muslime Frankreichs repräsentiert sind. Dieser soll, ähnlich wie der von Napoleon organisierte „große San Hedrin“, sich verbindlich zur französischen Verfassung bekennen. Ein Problem wird sein, dass in Frankreich wie in Deutschland nur ein Bruchteil (etwa zehn Prozent) der Muslime durch Moscheevereine vertreten sind.

Zum Zweiten will man „den Einfluss arabischer Länder reduzieren“. Das heißt, dass die Finanzierung der Moscheen und Koranschulen aus dem Maghreb, Saudi-Arabien oder der Türkei unterbunden werden soll. Auch sollen die Finanzgeschäfte der Moscheen – man geht offenbar davon aus, dass über die Moscheen eine Art schwarzer Geldmarkt organisiert wird – durchschaubar werden. Diese Finanzlücke soll dann, über eine „Halal“-Steuer, eine Verbrauchssteuer auf islamkonforme Produkte, ausgeglichen werden. Damit soll dann auch die Imamausbildung in Frankreich finanziert werden, damit nicht, wie in Deutschland, Hunderte von Imamen aus dem Ausland kommen. Solche Pläne sind hierzulande Theorie, denn die Moscheevereine ignorieren bisher die an deutschen Universitäten ausgebildeten Imame und engagieren lieber Vorbeter aus der Türkei oder Saudi-Arabien.

Emmanuel Macrons Pläne treffen bei den französischen Islamverbänden einerseits auf Zustimmung, wird ihnen doch gesellschaftliche Anerkennung in Aussicht gestellt, andererseits lehnen sie eine staatliche Einflussnahme auf die Imamausbildung strikt ab. Auch eine mögliche „Halal“-Steuer stößt auf Ablehnung. Auf die Idee, sich selbst oder ihr Verhältnis zur Republik infrage zu stellen und Reformen anzustoßen, darauf kommen auch die französischen Islamverbände nicht.

Die deutsche Politik hat – nimmt man den vorliegenden Vertrag zur großen Koalition – keinen Plan, wie zukünftig mit dem Islam umgegangen werden soll. Die Islamkonferenz hat vor einem Jahr ein letztes Lebenszeichen von sich gegeben. Auch der von ähnlichem Geist wie Macron getragene Vorstoß des CDU-Politikers Jens Spahn zu einem „Islamgesetz“ verschwand vor einem Jahr sofort wieder in der Versenkung. Es bleibt abzuwarten, ob der französische Präsident erfolgreicher ist.

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Time am 23. Februar 2018

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1) https://www.welt.de/debatte/kommentare/article173855369/Necla-Kelek-Macron-will-den-Islam-neu-erfinden.html

Eine feiste Orkagentin

21. Dezember 2017

Thomas Thiel berichtete für „FAZ.NET“ über einen gegen Necla Kelek gerichteten Zitateschwindel der ISIS-Zulieferin Lamya Kaddor (1).

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Lamya Kaddor gegen Necla Kelek

Wen schert schon, ob das Zitat stimmt?

Was lehrt der Islam über die Sexualität des Mannes? Die Soziologin Necla Kelek hat dazu einen Satz gesagt, den ihre Intimfeindin Lamya Kaddor falsch zitiert. Das Zitat wird seit Jahren weiterverbreitet. Ob sich das je ändert?

Einundfünfzig Fußnoten sind viel für einen Blogbeitrag. Doch es ist eine lange Geschichte zu erzählen. Am 16. Juni 2010 sagt die Soziologin Necla Kelek in einem Talkformat des ZDF, befragt nach der Sexualmoral des Islam, folgendes, und sie schickt voraus, sie wolle es krass formulieren: „Ich sehe nach diesem Menschenbild, was der ,Islam‘ übrigens auch vorgibt, in der Erziehung, da gibt es ein Menschenbild, was konstruiert ist, die Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren, und besonders der Mann nicht, der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen, er muss sich ,entleeren‘, heißt es, und wenn er keine Frau findet, eben dann ein Tier oder eine andere Möglichkeit, wo er dem nachgehen muss. Und das hat sich im Volk so durchgesetzt, das ist ein Konsens.“

Krass formuliert ist das in jedem Fall. Hat Kelek hier einen pauschalen Sodomie-Verdacht gegen muslimische Männer formuliert? Das wäre erst noch zu klären gewesen. Zwischen dem „konstruierten“ Menschenbild des Islams, das Kelek bekämpft, und dem Sexualleben von Muslimen, das sie von Glaubensvorschriften lösen will, gibt es Spielräume. Wie Kelek im Einzelnen über muslimische Männer denke, erfährt man in einer zweiten Version, die aber nicht von ihr selbst stammt, sondern von ihrer Intimfeindin Lamya Kaddor, damals Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes.

Kaddor greift das Zitat am 21. Juli in einer Pressemitteilung auf und verbindet damit die politische Forderung, Kelek nicht wie geplant den Freiheitspreis der Naumann-Stiftung zu verleihen. Kaddor schreibt: „Der muslimische Mann muss ständig der Sexualität nachgehen.“ Das hat Kelek so nie gesagt, doch nun scheint klar, wie sie es gemeint haben muss, und das Zitat wird Kelek nicht mehr loslassen, weil es von Politikern, Journalisten, Wissenschaftlern und immer wieder auch von Kaddor in neuen Varianten aufgegriffen wird. In einer Spiegel-Online-Kolumne von Jakob Augstein heißt es beispielsweise: „Dumm und dauergeil, so ist er, der Muslim.“ Auf Facebook schiebt Augstein nach: „Dass der Islam Sex mit Tieren lehrt. Ja, das nenne ich Rassismus.“

Der Journalist Jörg Metes hat die Metamorphose des Zitats in einem ausführlichen Artikel in dem Blog „Ruhrbarone“ dokumentiert, der auf Facebook heftig diskutiert wird. Der in dem Beitrag unter anderem angegriffene Journalist Daniel Bax hält bereits die Zitierpflicht für eine Zumutung: „Bei Elsässer [Chefredakteur der rechtspopulistischen Zeitschrift „Compact“] oder Höcke würden wir doch auch nicht fragen, wie er diesen einen Satz nun genau gemeint hat. Weil wir den Kontext kennen.“ Soll heißen: Wenn die Meinung nicht passt, ist der Wortlaut gleichgültig.

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Time am 21. Dezember 2017

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/lamya-kaddor-zitiert-necla-kelek-falsch-15351818.html

Im Interview: Necla Kelek

17. Dezember 2017

Lesen Sie einen Beitrag von Johannes C. Bockenheimer aus dem „Tagesspiegel“ (1).

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„Zwangsehen werden bei uns Alltag“

Die Soziologin Necla Kelek spricht im Interview über erzwungene Heirat, das Kopftuchverbot für Berliner Lehrerinnen und die Schizophrenie der politischen Linken.

Frau Kelek, dass Sie studieren konnten, haben Sie offenbar vor allem Ihrem Aussehen zu verdanken. Wären Sie nämlich hübscher gewesen, soll Ihre Mutter einmal gedroht haben, wären Sie wie ihre Schwester früh verheiratet worden. Stimmt das?

Ja, das hat sie tatsächlich gesagt. Um die Familien der heiratswilligen Männer anzulocken, muss man jung, schön und keusch sein – da hat meine vergleichsweise große Nase gestört (lacht).

Was macht das mit einem, wenn die eigene Mutter lediglich eine Braut in einem erkennen mag – eine Ware für den Hochzeitsmarkt sozusagen?

Ach, es war nicht so böse gemeint, wie es klingt. Meine Mutter war eigentlich eine sehr liebevolle Frau.

Sie mussten also nicht mit der latenten Angst leben, irgendwann zwangsverheiratet zu werden?

Nein, überhaupt nicht. Meine Mutter ist selbst zwar nicht zur Schule gegangen, hat aber ein modernes Leben der bildungsnahen Schichten geführt – und da waren arrangierte Ehen oder gar der Zwang zur Ehe verpönt. Aber ihr war es dennoch wichtig, dass ihre Töchter irgendwann gut verheiratet werden – da war sie bürgerlich traditionell. Mit den strengen islamischen Traditionen kamen wir erst in Berührung, als wir Istanbul verlassen haben und nach Deutschland gezogen sind. Viele unserer Bekannten waren religiös, und meine Mutter begann, sich um den Ruf unserer Familie zu sorgen.

Wovon sah sie den Ruf bedroht?

Durch unseren westlichen Lebensstil. Obwohl wir weiterhin säkular lebten, mussten wir nach außen hin den Anschein einer traditionsbewussten Familie wahren. Abends mit Freundinnen treffen, in eine Diskothek zu gehen oder auch nur deutsche Freunde zu haben – all das durfte ich nicht.

Klingt nach schweren Zeiten.

Es gab eben eine sehr strenge soziale Kontrolle in der türkischstämmigen Gemeinschaft, wie auch heute noch. Und mit Zwang zur Ehe, typisch nach islamischem Familienrecht, arrangierten Ehen, manchmal aber auch Zwangsehen, wurde diese restriktive Gemeinschaft am Leben gehalten. Alle meine Freundinnen von damals sind verheiratet worden – und übrigens nicht nur sie, auch die Jungen wurden verheiratet. Das war damals ganz verständlich.

Offensichtlich bis heute: Ihr Verein Terre des Femmes zeigt derzeit in einer Ausstellung Bilder, die türkische Kinder zum Thema „Zwangsheirat“ und „Kinderbräute“ gemalt haben. Auf einer Zeichnung ist ein Mädchen zu sehen, das mit Teddybär in einem Käfig sitzt – das Leben im Käfig, wie häufig ist das noch Realität in der Türkei heutzutage?

Das kommt darauf an, wohin man reist: die Türkei ist ein gespaltenes Land. Ein Teil der Gesellschaft ist noch immer von Kemal Atatürk laizistischen Ideen geprägt, mit Recht auf ein selbstbestimmtes Leben ohne religiöse Kontrolle, und sie lebt dementsprechend säkular. Vor allem aber im Osten und Südosten des Landes, in den kurdisch-sunnitischen Regionen, gehört der Zwang zur Ehe zur Tagesordnung. Selbst Mädchen im Kindesalter werden dort mit erwachsenen Männern, manchmal sogar aus der eigenen Familie, verheiratet. Das Problem der Verwandtenehe, Kinderehe und auch Polygamie gehört zum Alltag der Mädchen und Frauen.

Und der Gesetzgeber sieht tatenlos zu?

Offiziell ist Zwangsverheiratung auch in der Türkei verboten, die arrangierte islamisch religiöse Ehe aber nicht – auch nicht nach dem islamischen Ritus, also vor dem 14. Lebensjahr. Und man kann sich denken, welche Entscheidungsmöglichkeiten ein Kind hat, wie groß der Druck sein muss, wenn ein zwölfjähriges Mädchen vor der Entscheidung steht, entweder verheiratet zu werden oder von der eigenen Familie verstoßen zu werden.

Die Zwangsverheiratung ist allerdings kein Phänomen, das auf Ostanatolien beschränkt wäre: Der „Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung“ ging für das Jahr 2013 davon aus, dass es allein in der Hauptstadt 460 Fälle von Zwangsverheiratung gab …

… so ähnlich dürften die Zahlen auch dieses Jahr liegen – und die Dunkelziffer noch weitaus höher. Mit den neuen geflüchteten Menschen aus arabischen Ländern wird die Tradition der Zwangsverheiratung auch bei uns Alltag werden.

Im Mai hat der Bundestag Ehemündigkeit auf 18 Jahre heraufgesetzt, um Kinderehen zu verhindern. Widerstand kam damals von der Linkspartei und den Grünen: von Parteien also mit traditionell feministisch-progressiven Überzeugungen. Hat Sie der Widerstand verwundert?

Ganz und gar nicht. Bei dem Thema haben wir bei Terre des Femmes seit Jahren auch gegen Widerstände aus diesem politischen Milieu kämpfen müssen. Das ist eine traurige Realität: Die deutsche Linke fordert zwar seit Jahren, dass die Gesellschaft bunter und vielfältiger werden soll. Sie übersieht dabei aber, dass in den Gruppen, die das Land bunter machen sollen, Menschenrechte permanent verletzt werden, besonders auf Kosten der Mädchen und Frauen. Eine offene, tolerante Gesellschaft wünsche ich mir auch, aber keine, in der Mädchen zwangsverheiratet werden und ein Kopftuch tragen.

Die ehemalige Landeschefin der Grünen, Bettina Jarasch, hat gewarnt, einen „Kulturkampf um das Kopftuch zu führen“, und deshalb gefordert, dass Lehrerinnen mit Kopftuch an Berliner Schulen unterrichten können – bislang verbietet das Neutralitätsgesetz das. Halten Sie das für einen richtigen Schritt in der Integrationspolitik?

Ein Blick in jedes beliebige islamisch geprägte Land reicht um zu sehen, dass die Verschleierung dort einzig ein Instrument ist, um Frauen zu marginalisieren und auszugrenzen. Als Frau möchte ich mich den Männerblicken aber nicht beugen und werde auch meinen Körper nicht verstecken. Wenn eine Politikerin in Berlin Frauen dazu ermutigt, sich zu verschleiern und die Verschleierung per Gesetz sogar legitimieren möchte, sendet das ein katastrophales Signal aus. Es ist geradezu schizophren, wenn deutsche Feministinnen die Freiheit in Deutschland auskosten und am Baggersee nackt ins Wasser springen, es dann aber befürworten, wenn muslimische Frauen einen Ganzkörperkondom überziehen sollen, bevor sie planschen gehen.

Woher kommt diese „Schizophrenie“?

Ich kann nur mutmaßen. Es scheint, als würden viele von ihnen Muslime ausschließlich als Opfer des weißen, kapitalistischen Westens erkennen wollen, die man mit westlichen Werten nicht überfordern solle, weil sie arm sind. Dabei wird vergessen, dass auch in reichen muslimischen Ländern wie Saudi-Arabien Frauenunterdrückung fester Teil des Systems ist. Andererseits gibt es den Hang der Europäer, die Kultur und Gesellschaften des Orients romantisch zu verklären. Das trägt dann bisweilen rassistische Züge.

Ihre Kritiker mahnen derweil, dass Ihre Forderungen nach einem Kopftuchverbot von Rassisten missbraucht würde …

Ach, mir wird schon seit Jahren vorgeworfen, dass ich mit meiner Meinung die Rechte stärken würde. Aber das hat mich nie bekümmert, ich bin nicht rechts. Säkularität und Freiheit waren schon immer auch linke Anliegen. Ich bin eine Frauenrechtlerin und habe ein Gerechtigkeitsempfinden – das ist ein Unterschied.

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Time am 17. Dezember 2017

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1) http://www.tagesspiegel.de/berlin/soziologin-necla-kelek-zwangsehen-werden-bei-uns-alltag/20697098.html

Im Interview: Samuel Schirmbeck

24. Januar 2017

schirmbeck

Hannah Wettig hat für die linke Wochenzeitschrift „Jungle World“ ein Interview mit Samuel Schirmbeck, Filmemacher und ehemaliger Algerien-Korrespondent der ARD, gemacht (1).

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»Das progressive Lager stärken«

Nach den Übergriffen in der Silvesternacht vor einem Jahr in Köln plädierte der ehemalige Algerien-Korrespondent der ARD, Samuel Schirmbeck, in einem Artikel in der »FAZ« dafür, sich mit den kulturellen und religiösen Ursachen der Taten auseinanderzusetzen. In seinem Buch »Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen« warnt er vor dem wachsenden Einfluss der Islamverbände in Deutschland und schildert die Gemeinsamkeiten des von den Verbänden propagierten Islam mit dem Islamismus. Der Altachtundsechziger plädiert für eine radikale linke Islamkritik, die auch die Muslime stärker einbezieht.

Sie gehen in Ihrer Islamkritik noch weiter als Alice Schwarzer. Sie unterscheiden nicht zwischen Islam und Islamismus. Wie sind die Reaktionen?

Schon nach meinem ersten Artikel in der FAZ 2015 war das wie ein Erdbeben mit Tausenden Likes. Es war der meistgelesene Artikel des Jahres 2015 der FAZ. Offensichtlich entsprach das einem Grundgefühl. Ich hatte mit negativen Reaktionen gerechnet, aber da gab es nur ganz wenige.

In Ihrem Buch beschreiben Sie allerdings, dass Sie von Ihren ehemaligen linken Genossen wegen Ihrer kritischen Algerien-Berichterstattung angegriffen wurden. Das beschäftigt Sie noch heute.

Das war für mich schlimmer als die Anfeindungen in Algier selbst. Dort gab es Todesdrohungen, die auf Zetteln unter der Tür durchgeschoben wurden. Nachts hatte ich oft Angst. Es wurden ja immer wieder Ausländer umgebracht. Aber ich empfand die Rückkehr nach Deutschland dann als viel schlimmer. Dass Fundamentalisten was gegen Ausländer haben, war mir klar. Als ich dann in Deutschland anfing, davon zu erzählen, waren die Reaktionen verhalten. Man versuchte, die Taten der Islamisten zu entschuldigen und zu relativieren, etwa damit, dass die Dissidenten vielleicht auch irgendwas Beleidigendes gegen den Islam gesagt hätten. Es war für mich eine große Enttäuschung, dass die Linke in Deutschland nicht auf der Seite der muslimischen Dissidenten steht. Ich war deprimiert, weil ich plötzlich politisch heimatlos geworden war. Wenn ich jetzt beispielsweise zur Buchmesse fahre, kann ich nicht einmal mehr bei alten Freunden in Frankfurt anrufen. Da gelte ich als Nazi.

Sie kritisieren Ihrerseits die Linke scharf und schreiben beispielsweise in Ihrem Buch: »Der linke Stammtisch hat dem rechten Stammtisch erst ermöglicht, sich der Islamkritik zu bemächtigen.« Wie ist das zu verstehen?

Das Unbehagen in der Bevölkerung gegenüber dem Einfluss des Islam auf viele gesellschaftliche Bereiche hat immer mehr zugenommen, wie es eben auch viele Umfragen zeigen. Das heißt aber nicht, dass die Leute grundsätzlich islamfeindlich sind, vielmehr fürchten sie sich aus guten und rational nachvollziehbaren Gründen. Sie bekommen aber immer wieder zu hören, dass all das islamophob sei und man eine ganze Reihe von Fragen nicht stellen darf. Und dann kommen die Rechten ins Spiel und sagen: Ihr habt recht. In diesem Zusammenhang spreche ich von der »enthemmten Linken« in Anlehnung an die »enthemmte Mitte«. Diese enthemmte Linke hat jeden fertiggemacht, der etwas in Bezug auf den Islam hinterfragt hat. Ich habe das in meinen eigenen Freundeskreis erlebt. Man kann dort alles in Frage stellen: den Veganismus, den Katholizismus, sogar den Sozialismus. Nur den Islam nicht. Dann kommt eine Partei, die sagt, da stimmt was mit dem Islam nicht, und die Leute wähnen sich ernst genommen.

Sie meinen die rechte AfD, die sich die Islamkritik auf die Fahne geschrieben hat…

Ja. Dabei ist Islamkritik aber etwas originär Linkes. In meinem Buch kommen deshalb vor allem linke Muslime zu Wort. So zitiere ich den tunesischen Psychoanalytiker Fethi Benslama, der enttäuscht feststellt, dass die Dissidenten in der muslimischen Welt von den europäischen linken Intellektuellen nicht unterstützt, sondern ganz im Gegenteil angegriffen werden.

Einen solchen Angriff hat der linke algerische Autor Kamel Daoud erlebt, als er zu den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln in Le Monde Stellung genommen hat. Ihm warfen daraufhin 19 französische Intellektuelle Islamophobie und Parteinahme für die Rechten vor. Eine solch heftige Kritik kann ich mir in Deutschland an Islamkritikern wie Necla Kelek oder Ahmed Mansour nicht vorstellen. Was ist in Frankreich anders?

In Frankreich sind die Fronten noch verhärterer als hier. Man steht entweder auf der einen oder der anderen Seite. Selbst der frühere Bildungsminister Jack Lang hat nach den Attentaten bei Charlie Hebdo gesagt, man müsse den Reichtum des Islam sehen und nicht noch Öl ins Feuer gießen. Ich denke, Kamel Daoud wäre hier vor allem von den Islamverbänden kritisiert worden, aber nicht so scharf von deutschen Intellektuellen. Aber wir sollten natürlich auch nicht vergessen, was Martin Mosebach im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen geschrieben hat: »Dass ich unfähig bin, mich zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern – wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen.« Das ist die deutsche Variante. Dieser Autor kriegt aber weiterhin seine Preise. Dabei war das ein verkappter Mordaufruf. Kamel Daoud schreibt jetzt nichts Politisches mehr, nur noch Romane. Seine Kolumne »Raik Raikum« fehlt mir richtig.

Sehen Sie denn in Deutschland eine positive Veränderung? Etwa dass man politischer über Religion diskutieren kann? Immerhin haben Sie doch auch viele positive Reaktionen bekommen und jemand wie Ahmad Mansour ist ein beliebter Talkshow-Gast.

Nein, ich sehe darin keine wirkliche Veränderung. Es wird zwar diskutiert, aber wie sieht diese Diskussion denn aus? Etwa in Bezug auf die Übergriffe von Köln? Man sah es als Kollateralschaden und verglich die Massenübergriffe mit Einzelfällen auf dem Oktoberfest. Es wird also nicht in der Tiefe durchdiskutiert. Möglicherweise kommt das Thema im Bundestagswahlkampf wieder hoch. Ich hoffe da auf die Intelligenteren unter den Grünen wie Cem Özdemir.

Sie schreiben in Bezug auf eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr, dass sich möglicherweise mehr als nur 57 Prozent der Deutschen vom Islam bedroht fühlen würden, wenn sie besser darüber informiert wären, wie islamische Strömungen wie die Muslimbruderschaft oder der Wahhabismus zu Menschenrechten und Demokratie stehen. Ist das denn wirklich wünschenswert? Würde das nicht vor allem dem Rechtspopulismus etwa der AfD in die Hände spielen?

Es würde diese Partei kurzfristig schon unterstützen, ihr aber auch langfristig den Wind aus den Segeln nehmen. Wenn sich die Debatte stärker öffnen würde – denn es gibt sie ja, aber eben doch nur punktuell –, dann würde diese Diskussion auch die Muslime stärker einbeziehen. Damit würde das progressive Lager enorm gestärkt. Das progressive Lager von Islamkritikern würde sich dann auch niemals der AfD anschließen. Leider wird sich die Polarisierung, die wir derzeit erleben, immer weiter fortsetzen, wenn keine offene Diskussion stattfindet.

Warum sollte diese Debatte gerade in Deutschland gelingen?

Weil eine kundige und vorbehaltlose Diskussion gerade in Deutschland nach wie vor eine große Chance darstellt. Die Ausgangsbedingungen sind doch viel besser als in Frankreich: Deutschland ist keine Kolonialmacht in der islamischen Welt gewesen. Das ist das eine. Der andere wichtige Aspekt betrifft die Gegenwart. Bundeskanzlerin Merkel hat die Flüchtlinge willkommen geheißen und damit gezeigt, dass wir keine Vorbehalte gegen Muslime als Menschen haben. Unsere Vorbehalte richten sich gegen den Islam als Ideologie. Es gibt ihn ja auch, den friedlichen, weltoffenen Islam. Wenn allerdings die Rede davon ist, wie liberal der Islam ist, der vom 8. bis zum 12. Jahrhundert vorherrschend war, dann vergessen diejenigen immer zu erwähnen, dass dieser Islam praktisch ausgelöscht wurde.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Wenn man so einen Satz sagt wie »Der Islam gehört zu Deutschland«, dann muss man auch den Freiraum für die Kritik am Islam schaffen. Gerade um der Leute willen, die man integrieren will, muss man die Ideologie, die ihnen zu schaffen macht, kritisieren. Wenn man diese Diskussion aber nicht führt, hätte das furchtbare Folgen.

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Time am 24. Januar 2017

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1) http://jungle-world.com/artikel/2017/03/55593.html

Shariaminister Maas

1. November 2016

nujood-ali

Chantal Louis schreibt bei „Emma“ über den skandalösen Kinderehen-Gesetzentwurf von Dimmischleimer Maas (1).

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Bleiben Kinderehen in Deutschland erlaubt?

Justizminister Heiko Maas (SPD) will laut seinem Gesetzentwurf Kinderehen nur dann auflösen lassen, wenn sie das „Kindeswohl gefährden“. Tun sie das nicht immer? Nach Ansicht des Ministers offenbar nicht. Die Union hingegen fordert, Ehen unter 18 grundsätzlich zu verbieten: „Wir sollen ganz konsequent dafür sorgen, dass in unserem Land keinerlei Ehen mit Minderjährigen mehr geschlossen werden können, auch nicht in Ausnahmefällen.“ Justizminister Maas hingegen will, dass Jugendämter oder die „Eheleute“ die Auflösung der Ehe beantragen müssen. Nur: Welches syrische geflüchtete 14-jährige Mädchen tut das? Und welche 15-jährige Libanesin, die auf Druck ihres Familienclans in einer „Imam-Ehe“ zwangsverheiratet wurde? Hinzu kommt: Schon jetzt gibt es deutsche Gerichte, die in Familienfragen Recht nach der Scharia sprechen. Der folgende Artikel ist in der aktuellen EMMA erschienen, noch bevor Justizminister Maas seinen Gesetzentwurf vorgelegt hat. Das Foto zeigt Nujood Ali, die Heldin der Kinderbräute. Sie wurde im Jemen als Neunjährige verheiratet, floh und erklagte vor Gericht die Scheidung.

Sabatina James’ Blick spiegelt eine Mischung aus Verzweiflung und Resigna­tion, als sie die Fragen von Claus Kleber beantwortet. Thema: Kinderheirat. Ob es denn, will der heute journal-Moderator wissen, für einen Rechtsstaat tatsächlich die richtige Antwort sei, „diese jungen Mädchen der Beziehung zu entreißen, ohne sich lange Fragen zu stellen“. Es gebe doch durchaus auch Mädchen, die sich von ihrem Mann beschützt fühlten. Und außerdem: Auch in Deutschland dürften doch die Eltern bestimmen, was ihre nicht volljährigen Kinder tun und lassen müssten. „Und dieses Recht würden Sie den Eltern ungefragt wegnehmen wollen?“ Sabatina James gibt eine ebenso knappe wie klare Antwort: „Das hängt ganz davon ab, was uns die Menschenrechte wert sind.“

Die gebürtige Pakistanerin wäre erleichtert gewesen, wenn damals, als sie mit 17 an einen Cousin verheiratet werden sollte, jemand sie dieser Beziehung „entrissen“ hätte, zum Beispiel ein österreichisches Jugendamt. Das aber musste das Mädchen, das ab seinem zehnten Lebensjahr in Österreich aufgewachsen war, aus eigener Kraft tun. Sie floh aus ihrer orthodox gläubigen Familie. Heute unterstützt die 33-Jährige mit ihrem Hilfsprojekt „Sabatina e.V.“ Opfer von Zwangsheirat.

Mit bewundernswerter Ruhe erklärt sie deshalb Moderator Kleber: „Und es hängt davon ab, welches Wertesystem wir verteidigen wollen. Das der Flüchtlinge, in deren Herkunftsländern es leider immer noch keine rechtliche Gleichstellung für Frauen gibt – oder das Werte­system Europas, wo Frauen emanzipiert und selbstbestimmt leben dürfen.“

Das Oberlandesgericht Bamberg hat kürzlich entschieden, welches Wertesystem es verteidigen möchte. Sie erkannten die in Syrien geschlossene Ehe zwischen einer 14-Jährigen und einem 21-Jährigen an. Das aus Syrien nach Deutschland geflüchtete „Ehepaar“ ist schon lange kein Einzelfall mehr. Nun hat das Gericht einen Präzedenzfall geschaffen.

Die Bundesländer, in denen die Flüchtlinge anbranden, melden zur Zeit Hunderte verheiratete Minderjährige. Bis zum 31. Juli 2016 sind 1475 verheiratete Minderjährige registriert worden, davon 1152 Mädchen. 361 von ihnen sind unter 14 Jahre alt. Hinzu dürften zahlreiche Kinderehen kommen, die den Behörden gar nicht erst gemeldet werden, weil bekannt ist, dass in Deutschland Ehen mit unter 16-Jährigen verboten sind. Obwohl: Sind sie das tatsächlich noch? Das wird demnächst der Bundesgerichtshof entscheiden, dem das Bamberger Urteil vorliegt.

Der Fall: Der 21-Jährige hatte in Syrien im Februar 2015 seine 14-jährige Cousine geheiratet. Beide waren gemeinsam über die Balkanroute geflohen, im August 2015 in Deutschland angekommen und in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Aschaffenburg aufgenommen worden. Wenig später wurde das Mädchen, nach deutschem Recht offiziell noch ein Kind, vom Jugendamt in Obhut genommen und in einer Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgenommen.

Doch der „Ehemann“ klagte auf „Rückführung“ seiner „Ehefrau“ zu ihm. Das Jugendamt hielt dagegen: Das Mädchen zeige „noch eher kindliches bis jugendliches Verhalten“ und füge sich „im Ergebnis den Erwartungen ihrer Familie und des Be­teiligten“. Es sei außerdem zu ­befürchten, dass ungeschützter Geschlechtsverkehr zwischen den beiden stattfände und das ­Mädchen „höchstwahrscheinlich schwanger werde“. Deshalb sollten sich das 14-jährige Mädchen und der 21-jährige Mann nur zwei Stunden pro Woche unter Aufsicht treffen können. Das Amtsgericht Aschaffenburg lehnte die Klage des syrischen Mannes ab und bestätigte die Regelung, die das Jugendamt getroffen hatte. Begründung: Über diese in Syrien geschlossene Ehe werde nach deutschem Recht entschieden. Das aber sah das OLG Bamberg anders. Die Richter zogen es vor, sich nicht mit dem deutschen Recht zu befassen, nach dem das Mindestalter für eine Hochzeit 18 Jahre beträgt und in Ausnahmefällen – die ein Fami­liengericht bestätigen muss – bei mindestens 16 Jahren liegen kann. Stattdessen wälzte man in Bamberg intensiv das syrische „Personalstatutgesetz“ und studierte die Bestätigung der Eheschließung durch das örtliche ­syrische Scharia-Gericht. Und kam zu folgendem Schluss: „Eine in Syrien nach syrischem Eheschließungsrecht wirksam geschlossene Ehe einer zum Eheschließungszeitpunkt 14-Jährigen mit einem Volljährigen ist als wirksam anzuerkennen, wenn die Ehegatten der sunnitischen Glaubensrichtung angehören und die Ehe bereits vollzogen ist.“

Das OLG Bamberg hat mit diesem Urteil einen zentralen Grundsatz außer Kraft gesetzt: Wenn ein ausländisches Gesetz gegen den „Ordre Public“ verstößt, dann darf es in keinem EU-Staat angewandt werden. Der sogenannte „Ordre Public“ sind die grundlegenden Wertvorstellungen einer Gesellschaft.

Und so ist in Artikel 6 der Einführung ins Bürgerliche Gesetzbuch (EGBGB) festgeschrieben: „Eine Rechtsnorm eines anderen Staates ist nicht anzuwenden, wenn ihre Anwendung zu einem Ergebnis führt, das mit wesentlichen Grundsätzen des deutschen Rechts offensichtlich unvereinbar ist. Sie ist insbesondere nicht anzuwenden, wenn die Anwendung mit den Grundrechten unvereinbar ist.“ Und dieses Prinzip steht nicht nur im deutschen BGB, sondern auch in den Verordnungen der EU.

Letztere hatte 2008 begonnen, der Tatsache einen Riegel vorzuschieben, dass Gerichte von EU-Ländern im Familienrecht gemäß dem so genannten „Internationalen Privatrecht“ jeweils das Recht des Landes anwandten, aus dem die Streitparteien ursprünglich kamen. Ausgerechnet das Familienrecht. Dazu muss man wissen, dass das „islamische Familienrecht“ die Frau vollkommen entrechtet: Frauen haben keinen eigenen Personenstand und sind abhängig vom Vater, Bruder oder Ehemann, bleiben also lebenslang unmündig.

Nicht nur in Deutschland hatte die ­Akzeptanz der Scharia-Gesetze zu katastrophalen Urteilen geführt. Da verneinte im Jahr 2007 das Frankfurter Amtsgericht, dass es sich bei der Misshandlung einer marokkanischen Ehefrau durch ihren Ehemann um „unzumutbare Härte“ handle, weil es in diesem Kulturkreis „nicht unüblich sei, dass der Mann gegenüber der Frau ein Züchtigungsrecht ausübt“. Da erkannte das OLG Hamm es im Jahr 2010 als gültige Scheidung an, dass der marokkanische Ehemann seine Frau „dreimal verstoßen“ hatte. Da akzeptierte das Siegburger Amtsgericht 2011 für die Einwilligung des iranischen Ehemannes in eine Scheidung, dass die Ehefrau ihm die „Morgengabe“, sprich: das Brautgeld zurückgab. Das Gericht hatte in der Verhandlung einen Mullah als Sachverständigen hinzugezogen.

Bereits 2012 hatte die Berliner Fachanwältin für Familienrecht und Ex-Vorsitzende des Juristinnenbundes, Jutta Wagner, beklagt, dass sich in Deutschland „zunehmend eine Paralleljustiz entwickelt, ausgeübt von islamischen Friedensrichtern unter Anwendung der Scharia“. Die EU will dem Einhalt gebieten, indem sie für immer mehr Rechtsgebiete festgelegt hat, dass nicht mehr die Staatsangehörigkeit der KontrahentInnen entscheidend ist, sondern ihr „gewöhnlicher Aufenthaltsort“. Doch selbst wenn auslän­disches Recht angewandt wird, gibt es eine Grenze: den „Ordre Public“. Eigentlich.

Das weiß auch das OLG Bamberg. So ­erklärte Gerichtssprecher Leander Brößler: „Die Richter müssen in einer solchen Frage den so genannten Ordre Public prüfen, also ob eine ausländische gesetzliche Regelung mit den wesentlichen Werten unserer öffentlichen Ordnung vereinbar ist. Wäre das nicht der Fall, dürfte das ausländische Recht im Inland nicht angewendet werden.

Dennoch erklärte das Gericht: „Die Eheschließung in Syrien ist auch anzuerkennen, da ein möglicher Verstoß gegen Artikel 6 EGBGB (Ordre Public) dem nicht entgegensteht.“ Im Klartext: Selbst wenn die Kinderehe gegen unsere gesellschaftlichen Werte verstößt, erkennen wir sie trotzdem an.

Das war ungeheuerlich. Die Reaktionen waren entsprechend. „Das mittelalterliche Rechtsverständnis anderer Staaten widerspricht unserem Verständnis von Minderjährigenschutz“, erklärte der bayerische Justizminister Winfried Bausback (CSU). Er wolle eine „klare Regelung, nach der im Ausland geschlossene Ehen mit unter 16-jährigen Mädchen durch unsere deutsche Rechtsordnung nicht anerkannt werden“. Auch die Reaktion des Bundesinnenministeriums war deutlich: „Wir brauchen ein eindeutiges Verbot, Kinderehen aus dem Ausland in Deutschland fortzuführen. Kinderehen schaden Kindern immer.“ Und auch aus der SPD hieß es: „Zur Ehe gehören zwei volljährige Partner.“

Wer nun aber geglaubt hatte, dass die klaren Statements auch ein schnelles Gesetz zur Folge haben könnten, irrt. Justizminister Heiko Maas (SPD) nahm sich kein Beispiel an den niederländischen Nachbarn, die das Problem schon im letzten Jahr erkannt und blitzschnell gelöst hatten: Im Eilverfahren verabschiedeten sie ein Gesetz, das Hochzeiten unter 18 Jahren seit dem 1. Januar 2016 grundsätzlich verbietet und Ehen mit Minderjährigen, die im Ausland geschlossen wurden, grundsätzlich nicht mehr anerkennt. Der deutsche Justizminister hat nun Anfang September zunächst eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe eingerichtet, die über ein potenzielles Gesetz beraten soll.

Bei dieser Gelegenheit sollte diese ­Arbeitsgruppe auch daran arbeiten, einen Kardinalfehler aus dem Jahr 2009 rückgängig zu machen. Damals hatte Deutschland die Standesamtspflicht aufgehoben. Bis dato musste, wer kirchlich heiratete, zunächst die weltliche Ehe schließen. Seit sieben Jahren sind kirchliche Hochzeiten auch ohne Standesamt erlaubt. „Das hat zur Folge, dass auch für Muslime und ihre Imam-Ehen die Standesamtspflicht nicht mehr gilt“, klagt nicht nur Necla Kelek. Imame können also Ehen mit mehreren Ehefrauen ebenso schließen wie Erwachsene mit Minderjährigen trauen. „Kinderehen in Flüchtlings- und Migrantenfami­lien sind keine Einzelfälle“, sagt Kelek. „Und sie bewegen sich damit nicht einmal außerhalb der deutschen Gesetze.“

Es wird also Zeit, dass diese Gesetze ­geändert werden. Um es mit Sabatina James zu sagen: „Ich finde, in Deutschland sollten wir die Freiheit und die Selbstbestimmung der Frau verteidigen, die haben wir uns lange und hart erkämpft. Das ist in den Herkunftsländern der Flüchtlinge nicht der Fall. Und gerade deshalb müssen wir ihnen vorleben, dass eine Frau, die frei und selbstbestimmt lebt, die beste Option ist. Für alle.“

Ob die im „Koordinationsrat der Muslime in Deutschland“ organisierten Verbände das auch so sehen? Womöglich ja nicht. Keiner der vier Verbände hat das skandalöse Bamberger Urteil kritisiert.

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Time am 1. November 2016

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1) http://www.emma.de/artikel/deuts-333561

Er ist nicht reformierbar

11. Januar 2016

Muhamad

Samuel Schirmbeck machte sich bei „FAZ.NET“ heute Gedanken über das mohammedanistische Frauenbild und die vermeintliche Radikalisierung des Nazislahm (1), ohne zu realisieren, dass Klo H. Metzel mitnichten ein friedfertiger Mystiker sondern (laut den mohammedanistischen Grundlagentexten) vielmehr ein kleinkarierter und sadistischer Gewaltherrscher und sexuell pervers war.

Er realisiert demzufolge auch nicht, dass die Grundlagentexte des Nazislahm die kranke Psyche seiner Begründer abbilden und keineswegs zu etwas anderem führen können als Bosheit und Verderben. Wer würde etwas anderes von Hitlers „Mein Kampf“ behaupten wollen?

Die „goldene“ Zeit vor unserer, als der Nazislahm nicht tollwütig mordete, kann allenfalls in der Zeit gesehen werden, in der er durch den westlichen Imperialismus und Kolonialismus in Schach gehalten wurde. Zu allen anderen Zeiten war er eine gigantische Mordmaschine.

Der Nazislahm ist nicht reformierbar.

Er muss dekonstruiert werden.

Vollständig!

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Muslimisches Frauenbild

Sie hassen uns

Die giftige Mischung aus nordafrikanisch-arabischer Kultur und Religion, die sich in der Kölner Silvesternacht Bahn brach, wird in Deutschland noch immer beschönigt oder beschwiegen. Islamkritik ist überfällig.

Was in der Silvesternacht in Köln passierte, passiert jetzt, in diesem Moment und wie selbstverständlich, am helllichten Tag hunderttausendfach in Nordafrika und in der arabischen Welt: Frauen werden sexuell belästigt, gedemütigt und, so sie es wagen, sich den Übergriffen zu widersetzen, als „Schlampen“ oder „Huren“ beschimpft.

Die ägyptische Schriftstellerin und Feministin Mona Eltahawy hat dieses Phänomen und seine Ursachen am 2. Mai 2012 in der französischen Zeitung „Le Monde“ beschrieben: „Ja: sie (die Männer der arabischen Welt) hassen uns. Es muss endlich gesagt werden . . . Die Frauen der ganzen Welt haben Probleme; stimmt, die Vereinigten Staaten haben noch keine Frau zur Präsidentin gewählt; und richtig, in vielen ,westlichen‘ Ländern (ich lebe in einem von ihnen) werden Frauen weiterhin wie Objekte behandelt. Das ist im Allgemeinen der Punkt, an dem das Gespräch beendet wird, wenn Sie versuchen, über die Gründe zu diskutieren, aus denen die arabischen Gesellschaften die Frauen hassen… Nennen Sie mir den Namen arabischer Länder, und ich werde Ihnen eine Litanei an Beispielen für den schlimmen Umgang – er ist tausendmal schlimmer, als Sie denken – mit Frauen rezitieren, der von einer giftigen Mischung aus Kultur und Religion angefacht wird, mit der sich anscheinend nur wenige auseinandersetzen wollen, aus Angst, der Blasphemie beschuldigt zu werden oder zu schockieren.“

Der Gewaltausbruch von Köln war jedoch derart heftig, dass sich die „giftige Mischung aus Kultur und Religion“, die Mona Eltahawy in ihrem Buch „Foulards et Hymens. Pourquoi le Moyen Orient doit faire sa révolution sexuelle“ („Schleier und Jungfernhäutchen. Warum es im Nahen Osten eine sexuelle Revolution geben muss“) detailliert darlegt, nicht länger leugnen oder verdrängen lässt, auch wenn das von linker und muslimischer Seite auch jetzt wieder versucht wird. So sprach die „taz“ angesichts der Empörung über die Übergriffe von der „Reproduktion des rassistischen Bildes der unschuldigen weißen Frau, die vor dem aggressiven muslimischen Mann geschützt werden muss“.

Es war allerdings eine nicht „weiß“, sondern asiatisch aussehende junge Frau, die ausführlich schilderte, wie sie von Dutzenden Händen überall begrabscht wurde: „Ich fand, sie (die Männer) hatten nicht den Eindruck, dass sie was Falsches tun.“ Bei Mona Eltahawy könnte die „taz“ erfahren, warum die jungen Muslime kein Unrechtsbewusstsein zu haben schienen.

Frauen können sich nicht entziehen

Doch ist zu befürchten, dass auch sie, obwohl Muslimin und Ägypterin, dann als „rassistisch“ eingestuft würde. Schon warnte der Beauftragte der türkischen Religionsbehörde (Ditib) für interreligiösen Dialog in Deutschland, Bekir Alboga, vor einer „Kulturalisierung von Verbrechen“, und die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor befand: „Beim Oktoberfest in München und beim Kölner Karneval kommt es gehäuft vor, dass stark alkoholisierte Männer Frauen sexuell bedrängen und belästigen. Das wird dann gern als Kollateralschaden dieser Veranstaltungen abgetan. Es gibt keinen Unterschied zwischen der einen sexuellen Gewalt und der anderen.“

Wirklich nicht? Der Unterschied liegt darin, dass die sexuelle Gewalt in Nordafrika und im Nahen Osten zum Alltag gehört und dass in dieser Hinsicht dort permanent „Oktoberfest“ und „Karneval“ ist, denen sich keine Frau entziehen kann, indem sie diese Veranstaltungen meidet. Die Gewalt beginnt vor der Haustür auf der Straße. Nawel, eine algerische Mitarbeiterin, berichtete mir von regelmäßigen Übergriffen im Bus. Obwohl sie eigentlich die Verschleierung ablehnte, verhüllte sie sich für die Fahrt mit einem Hijab (Kopftuch). Das hielt Männer im Gedränge nicht davon ab, sich durch Reibung an Nawels Körper Befriedigung zu verschaffen.

Rachida, eine marokkanische Mitarbeiterin, musste ich eines Tages von meinem Grundstückswächter per Fahrrad abholen und heimbringen lassen. Sie hatte beschlossen, die Djellaba (langes Gewand) abzulegen, und war daraufhin von jungen Männern mit Messern verfolgt worden. Nun wurde sie, mit wippendem Haar und in Jeans auf der Fahrradstange sitzend, an ihren Peinigern vorbeigefahren.

Todesdrohungen der Fundamentalisten

Sexuelle Übergriffe sind in islamischen Ländern die Regel und nicht Ausnahmen. Eine Muslimin kann in Deutschland den Bus nehmen, ohne befürchten zu müssen, begrabscht zu werden, eine Europäerin in Nordafrika kann das nicht. Davon konnte ich mich während meines zehnjährigen Aufenthaltes in Algerien und Marokko überzeugen. Eine Muslimin kann in Deutschland auf den Markt gehen, ohne plötzlich Männerhände am Hintern zu spüren, eine Europäerin kann das in Nordafrika nicht. Westliche Frauen gelten bei vielen jungen Nordafrikanern als halbe Huren, weil „sie es ja schon vor der Ehe mit vielen Männern tun“. Selbst wenn sie mit ihrem siebenjährigen Sohn an der Hand – als Mutter sozusagen eine „heilige Kuh“ – weitab von allen Menschenmengen einen Spaziergang über eine Wiese machen sollte, dauert es nicht lange, bis junge Männer auftauchen, sich an sie drängen, nicht von ihr ablassen und ihr vulgäre Worte ins Ohr raunen. Die islamische Grundeinteilung der Welt in „Gläubige“ und „Ungläubige“ ermutigt den Übergriff auf „westliche“, gleich „ungläubige“ Frauen. Da hilft nur schnellste Umkehr und Verzicht auf jeden weiteren Spaziergang.

In den zehn Jahren Nordafrika habe ich zugleich viele Musliminnen und Muslime kennengelernt, die diese Sicht auf die „westliche“ Frau abscheulich fanden. Sie hielten großen Abstand zu den Predigern, die die Welt auf letztlich menschenfeindliche Art in „Gläubige“ und „Ungläubige“ einteilten, setzten sich für eine humane, weltoffene Auslegung des Korans ein, schrieben mutig und ungeschützt gegen religiösen Obskurantismus und legten sich mit den mächtigsten Männern ihrer diktatorischen Staaten an, Frauen und Männer, Intellektuelle, Künstler, aber auch unzählige sogenannte „einfache Leute“. Nicht zuletzt ihretwegen blieb ich trotz Todesdrohungen seitens der Fundamentalisten in Algier. Das Problem ist aber, dass die meisten maßgeblichen Islam-Instanzen in den muslimischen wie den nicht-muslimischen Ländern den theologischen Diskurs darüber verweigern, wie man die fatale „Gläubig/Ungläubig“-Dichotomie überwinden und das Verhalten undogmatischer Muslime in den Islam integrieren könnte. Auch die Wortführer der muslimischen Verbände sollten über diese „Ausgrenzung“ von Muslimen endlich offen diskutieren.

Meine Freunde und Gesprächspartner in Nordafrika riskierten so viel mehr, als es meine politischen Weggefährten aus der 68er-Zeit jemals riskiert hatten: Ermordung, Folter, Gefängnis. Man erinnere sich an den Oktoberaufstand von 1988, die erste und hierzulande kaum zur Kenntnis genommene Arabellion, bei der Büros und Ministerien der algerischen Einheitspartei gestürmt und Polizeikommissariate attackiert wurden – ohne einen einzigen religiösen Slogan. Diese Leute haben meinen Blick auf Musliminnen und Muslime geprägt.

Muslimische Dissidenz wird als „islamophob“ verhöhnt

Um so schockierender fand ich nach meiner Rückkehr aus Nordafrika den Blick meiner alten Weggefährten sowie des linksliberalen Mainstreams einschließlich der SPD und der Grünen auf die muslimische Welt: Sie schienen keine Ahnung zu haben von dem, was dort vor sich ging, wie sehr Frauen dort unter religiösen Diktaten litten, nachdenkliche Menschen von Staat und Staatsislam gleichzeitig fertiggemacht wurden. Sie schienen völlig zu ignorieren, wie sehr Islam und Diktatur letztlich Hand in Hand arbeiteten, wenn es darum ging, ihre gemeinsamen Hauptfeinde zur Strecke zu bringen: die Demokratie, die Menschenrechte, die Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung.

Die muslimische Dissidenz à la Necla Kelek, Seyran Ates, Taslima Nasreen, Hirsi Ali et cetera wurde von Linken und Linksliberalen in Deutschland kaum ernst genommen, wenn nicht sogar verhöhnt oder als „islamophob“ diffamiert. Meinungsfreiheit und Demokratie, so war zu lesen, seien nicht unbedingt Lebensformen, nach denen sich die arabische Welt sehne. Das gesamte linke und linksliberale Spektrum baute jedoch eifrig an einem Multikulti-Schutzprotektorat für das Kopftuch samt dahinter steckendem Frauenbild, den Hass auf den „Westen“, die Verschonung des Islams vor jeder Kritik. In diesem intellekt- und kritikfeindlichen Dunst konnten die Parallelgesellschaften aufblühen. Dieses Nicht-wissen-Wollen war unfassbar.

Heute taucht diese Haltung im Zeichen der „Willkommenskultur“ und der „Der-Islam-gehört-zu-Deutschland“-Rhetorik wieder auf. Man erinnere sich nur an das Frohlocken der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt auf allen Fernsehkanälen über den höchstrichterlich ermöglichten Einzug des Lehrerinnen-Kopftuches in deutsche Klassenzimmer. Warum aber schreien Millionen fundamentalistisch gesinnter Männer von Pakistan über Afghanistan, Iran, Saudi-Arabien, Nigeria, Mali, Algerien und Marokko nach dem Kopftuch, warum ist das Kopftuch dort am häufigsten zu sehen, wo es am fundamentalistischsten zugeht?

Der Umgang mit Muslimen ist neurotisch

Es ist zu hoffen, dass die Kölner Ereignisse endlich dem Diskurs über „die Muslime“, die man nicht „beleidigen“ darf, ein Ende setzen, dass man hinter den „Muslimen“ – ein Begriff, den die Fundamentalisten zum Oberbegriff für alle Islam-Gläubigen gemacht haben, während man früher eher von Ägyptern, Algeriern, Marokkanern et cetera sprach – Menschen erkennt, die man behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte: als selbstverantwortlicher, lernfähiger, kritikoffener Erwachsener und nicht als Kleinkind, dem man sein Lieblingsspielzeug, in diesem Fall die Religion, nicht madig machen darf, weil es sonst aus Wut alles kurz und klein schlägt.

Das war bisher nicht der Fall. Der Umgang mit Muslimen war bisher eher neurotisch denn normal. Man sollte sich bei dieser Neuorientierung ein Beispiel an jenen muslimischen Intellektuellen in der arabischen Welt nehmen, die längst begriffen haben, dass Islamkritik nicht Angriff auf Muslime bedeutet, sondern Schutz vor seinen menschenverachtenden Auswüchsen, die sich gegen Frauen, Homosexuelle, eigenständig Denkende und sogenannte „Ungläubige“ richten, also auch gegen Millionen von Musliminnen und Muslimen.

Auch hier kann man sich ein Beispiel an muslimischen Schriftstellern wie Boualem Sansal, Abdellah Taia, Mona Eltahawy, Mohamed Choukri oder Kateb Yacine nehmen: „Haare aus glühendem brüchigen Eisen, auf dem die Sonne wirr sich häuft, wie eine Handvoll Wespen“ – dieser Satz aus „Nedschma“, dem weltberühmten Roman von Kateb Yacine, durfte einmal sein – vor den Kopftuch-Zeiten. Was für eine witzige, schöne, intelligente, zauberhafte muslimische Welt es selbst heute noch gibt und wieder neu geben könnte, würde der elende Entschuldigungsdiskurs für deren zerstörerische Geister endlich ein Ende finden! Warum sich nicht Mut anlesen oder auch auf Tareq Oubrou hören, den Imam der Moschee von Bordeaux? Der fordert Muslime auf, es einmal mit etwas „diskreter Sichtbarkeit“ religiöser Insignien, sprich dem Kopftuch, zu versuchen, um auf eine weniger religiöse europäische Öffentlichkeit Rücksicht zu nehmen, zumal das Kopftuch für den Glauben „nebensächlich“ sei.

Nazislahm

Männer nehmen sich aus dem Koran, was ihnen passt

Als ich einer marokkanischen Bekannten aus Rabat einmal die Kleinmarkthalle in Frankfurt zeigte, bemerkte sie zu meiner Überraschung: „Das ist der schönste Soukh, den ich je erlebt habe.“ „Unsere Kleinmarkthalle?“, erwiderte ich. „Ohne die Farben Marokkos, ohne das Karminrot und Safrangelb der Gewürzpyramiden?“ Ihre Antwort: „Ohne das Blau von Ellenbogen, die sich Ihnen ganz zufällig derart in die Brust rammen, dass Sie vor Schmerz aufschreien könnten. Ohne das Grün von Kniffen und Griffen sonst wohin. Stimmt, diese Farben Marokkos hat Ihre Kleinmarkthalle nicht.“

„In der Kleinmarkthalle haben die Frauen das Sagen und nicht der Koran“, entfuhr es mir. „Pardon, ich wollte den Koran nicht beleidigen. Ich weiß, dass im Koran steht, dass auch die Männer ihre Augen niederschlagen sollen, wenn sie einer Frau begegnen, und nicht nur die Frauen, wenn sie Männern begegnen.“ „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, erwiderte die Bekannte, „denn der Koran wird schon ewig von Männern ausgelegt. Die nehmen sich, was ihnen passt.“ Zum Beispiel Sure vier, Vers 34: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie ausgezeichnet hat.“ Oder Sure zwei, Vers 228: „Die Männer stehen eine Stufe über ihnen. Gott ist mächtig und weise.“ Oder Sure zwei, Vers 223: „Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. Geht zu eurem Saatfeld, wo immer ihr wollt…“ Das sitzt. Das gilt zwar nur für das, pardon, „Besäen“ von Ehefrauen, ist aber längst auf die unverheirateten Männer übergeschwappt, die es jeden Tag auch zum „Säen“ drängt, weil sie arm sind und ihnen das nötige Geld zum Heiraten fehlt. „Nicht meine Schuld, sagen die sich und gehen sich ihr täglich Stück Frau grabschen.“

„Klingt nicht gut“, sagte ich. „Was sollen junge Leute machen?“, fuhr die Besucherin aus Rabat fort, „Sex vor der Ehe ist bei uns gesetzlich verboten, denn er gilt im Islam als Unzucht. Einer unserer religiösen Scheichs hat neulich sogar öffentlich gezeigt, dass er sich des Problems bewusst ist. Scheich Abdelbari Zamzani hat per Fatwa den unverheirateten Marokkanerinnen die Karotte empfohlen! Als er daraufhin verspottet wurde, konnte er das nicht verstehen, er habe doch als Feminist gesprochen. Obendrein hat Zamzani sogar die Hymen-Reparatur erlaubt – nach einem Unfall! Wissen Sie, es ist dieser Mischmasch aus religiösen Geboten und heutiger Lebenswirklichkeit, der bei den Männern zu permanentem sexuellen Notstand führt – von den Frauen redet dabei übrigens niemand.“

Frauen mit kurzen Röcken werden als „Schlampen“ beschimpft

In den zehn Jahren meines Aufenthaltes in Nordafrika und auch bei den späteren Besuchen dort habe ich nicht eine einzige Frau getroffen, die nicht von sexuellen Belästigungen zu berichten gewusst hätte. Mit der zunehmenden Islamisierung Algeriens und Marokkos kann schon das Tragen eines Rockes zu Übergriffen führen. So geschehen in Inezgane bei Agadir: Im Juni 2015, einen Tag vor Beginn des Ramadans, gingen zwei junge Marokkanerinnen namens Sanaa und Siham im Soukh von Inezgane einkaufen. Die beiden Frauen trugen Röcke, die etwas oberhalb der Knie endeten. Als ein Händler die beiden erblickte, bemerkte er zu den Umstehenden, diese Art der Kleidung verletze das Schamgefühl aller Marokkaner, worauf sich sogleich eine Menschenmenge um die beiden Frauen scharte, sie als Schlampen beschimpfte, junge Männer sich an die beiden Mädchen drängten, sie anfassten und vulgäre Gesten machten.

Die von einem anderen Händler zum Schutz der Frauen herbeigerufenen Polizisten fanden die Kleidung Sanaas und Sihams gleichfalls schamlos. Sie nahmen die beiden Frauen fest und überstellten sie am nächsten Morgen dem Staatsanwalt. Im selben Soukh wurden wenige Tage später zwei für homosexuell gehaltene Männer zusammengeschlagen und gleichfalls festgenommen. Kein Ulema protestierte im einen wie im anderen Fall, während im Touristenort Agadir Schilder mit der Aufschrift „Respect Ramadan. No Bikinis“ auftauchten, um Marokkanerinnen und Ausländerinnen daran zu hindern, sich am Strand zu bräunen.

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun schrieb Anfang August 2015 zu diesen Vorfällen: „Es wird Zeit, dass die Regierung auf diese neue Diktatur der Ignoranz, der Frustration und der Dummheit reagiert. Letzte Woche haben mit Säbeln und Dolchen bewaffnete Halunken am Strand von Tanger Jagd auf unverschleiert Badende gemacht. Vorsicht, das fängt mit einer Belästigung dieser Art an und endet mit einer Bombe in einem Schwimmbad oder in einem Café. Die Sicherheitsdienste müssen dieses gefährliche Treiben absolut ernst nehmen und die Sicherheit und Freiheit des Individuums garantieren, ob Mann oder Frau.“ Einen Monat zuvor hatte es das mörderische Attentat am Strand von Sousse in Tunesien gegeben, der Salafisten als „Bordell“ gilt.

Die Linke muss sich ändern

Gegen diese Entwicklung eines außer Rand und Band geratenen Islams, dessen Schizophrenie sich diesmal vor dem Kölner Hauptbahnhof ausgetobt hat, gibt es nur ein Mittel, soll die Entwicklung nicht in Richtung Regression weitergehen: Der Islam muss die gleiche Kritik aushalten lernen, wie das Christentum sie hat aushalten müssen. Doch die hiesige seriöse Islamkritik besteht bisher aus einer Handvoll Frauen und Männern, die von den Islamverbänden als „islamophob“ abgelehnt werden. Das muss sich ändern.

Ebenso muss der Resonanzboden für die liebedienerische Haltung des hiesigen linken Spektrums gegenüber jedwedem Obskurantismus verschwinden, sobald dieser nur das Etikett „muslimisch“ trägt. Diese Liebedienerei ist zwar verständlich, teilt die fundamentalistisch-muslimische Welt doch die anti-amerikanische, antiwestliche und antiisraelische Aggressivität, die das Lebenselixier der deutschen Linken ausmacht. Sie ist gemeingefährlich, weil sie in ihrer Verbundenheit mit dem fundamentalistisch festgefahrenen Islam unbesehen jenes „Ungeheuer“ in Kauf nimmt, das der muslimische Philosoph Abdennour Bidar sich aus diesem entwickeln sieht.

Seit fünfzehn Jahren drischt die deutsche Linke auf muslimische Aufklärerinnen und Aufklärer ein, beschuldigt sie, Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten zu liefern. Wasser auf deren Mühlen aber liefert vor allem das Blut der Opfer des „Ungeheuers“, das muslimische Freunde verzweifelt bekämpfen, ohne dass die europäische Linke begriffe, was auf dem Spiel steht, auch für Nichtmuslime. Hauptsache, es geht gegen „den Westen“, der für den Niedergang der islamischen Welt verantwortlich sein soll – was keiner historischen Analyse standhält. So wie die Linke für das Scheitern des Sozialismus Sündenböcke findet, sucht sich die islamische Welt die ihren: Loser gesellt sich zu Loser, Underdog zu Underdog, gemeinsam sind wir stark, die Rachsucht brennt: Passt auf, wir werden es euch heimzahlen!

Der „sterile“ Islam setzt sich in den Köpfen fest

Die muslimische Intelligenz Nordafrikas hingegen hält Islamkritik für das sine qua non, sollen ihre Gesellschaften nicht dauerhaft einem Obskurantismus anheimfallen, der entsprechende Tendenzen via Immigration und Kommunikation auch in Deutschland noch verstärken würde. Rechtspopulismus machen die muslimischen Dissidenten nordafrikanischer Herkunft vor allem im frauen-, fremden- und aufklärungsfeindlichen „Theo-Populismus“ eines sich zunehmend „salafisierenden“ Islams aus, dem staatliche und religiöse Autoritäten keine stichhaltige Argumentation entgegensetzen, weil sie selbst die „westlichen“ Menschenrechte scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Die Einzigen, die sich um Aufklärung bemühen, sind die muslimischen „Freiheitssucher“, wie sie der tunesische Psychoanalytiker Fethi Benslama nennt. Gern sähen die Dissidenten der muslimischen Welt europäische Linke und Intellektuelle an ihrer Seite. Vergeblich, wie Fethi Benslama bereits 2004 in seiner „Nicht-Unterwerfungserklärung zum Gebrauch für Muslime und diejenigen, die es nicht sind“, feststellte: „Manche Nachfahren der Aufklärung sind blind für die Aufklärung der anderen.“

Von europäischer Aufklärung unbehelligt, kann sich auch hierzulande deshalb ein Islam im Bewusstsein der jungen muslimischen Generation festsetzen, den der 2015 verstorbene muslimische Philosoph und Islamologe tunesischer Herkunft Abdelwahab Meddeb folgendermaßen charakterisierte: „Eine Religion, die sich die letztendliche nennt, Trägerin der definitiven göttlichen Botschaft, die die prophetische Inspiration versiegelt, das, was vor ihr war, rekapituliert und rektifiziert, eine solche Religion, wortwörtlich genommen, annulliert jede Fragestellung, gründet eine absolute Wahrheit ohne möglichen Disput… Reduziert auf ein solches Skelett, zeigt der Islam sich religiös und politisch als austrocknende, sterile, das ,akut Lebendige‘ zeitgemäßer Fragestellungen ignorierende Sicht auf die Welt, erhebt sich zu einem alles an sich reißenden, aggressiven ,Monologismus‘, taub für jeden Dialog, abgeschnitten von den Voraussetzungen, die die Beziehung zwischen Personen und Völkern, zwischen Bürgern und Nationen eröffnen.“ Gegen einen solchen Islam werden die neuerdings geforderten „Integrationszentren“ nicht viel ausrichten, wenn sie sich vor der Auseinandersetzung mit ihm drücken, um muslimische Einwanderer nicht zu „beleidigen“.

Muslime selbst lesen dem Islam die Leviten

In muslimischen Ländern gewinnt genau dieser taube Islam in den jeweiligen staatlichen Fernsehsendern seit Jahren an Einfluss, vor allem, wenn sie von Saudi-Arabien gesponsert werden. Ergebnis ist der sich ausbreitende „Theo-Populismus“. Erfinder dieses Begriffs ist der in Oran lebende Journalist und Schriftsteller Kamel Daoud. Im „Quotidien d’Oran“ schreibt er seit Jahren die Kolumne „Raika Raikoum“ („Unsere Meinung – Ihre Meinung“). Am 28. Mai 2015 stellte er dort die Frage: „Müssen wir gegen den Theo-Populismus in den Untergrund gehen?“, eine Anspielung auf den Untergrund während des Befreiungskrieges gegen Frankreich: „Zu kurzer Rock, abgewiesen in einer Fakultät von Algier, ein rückwärtsgewandter Rektor, der per Anstands-Fatwa seinen Wachmann gegen die Studentin unterstützt. Undenkbar vor einigen Jahrzehnten, denkbar geworden gestern und vorgestern, weil selbst ein Rektor in Algerien inzwischen binär in halal/haram (erlaubt/nicht erlaubt) denkt. Aber das ist nicht der einzige Fall des im Namen des einzigen Gottes einzig erlaubten Denkens … Der behaarte Tumor (Daoud meint den Salafismus) ist in die algerischen Riten eingedrungen, die Kleidung, den Teint und die Zahnpflege. Zeit bedeutet inzwischen Gebet und nicht mehr Pünktlichkeit, Versprechen heißt inzwischen ,inschallah‘ und nicht mehr Worthalten. Das Ziel des Lebens ist der Tod, nicht das Leben… Es ist das binäre halal/haram-Denken, das den ,Theo-Populismus‘ ausmacht: ,Kreuzzüglerisierung‘ des ,anti-muslimischen‘ Westens, Obsession eines in allem überall gewitterten jüdischen Komplotts, Promotion des islamistischen Vorbildes in der Mode, den Riten, der Sexualität, dem Zölibat, der Ehe… Das Land: verschleiert, nikabisiert, gemobbt und in eine Frauenhintern-Überwachungsstation verwandelt, mittels beschämender und mittelalterlicher Predigten.“

Das ist das Nordafrika, aus dem auch einige der Kölner Täter kommen. Viele der Phänomene sind mehr oder weniger auch in den hiesigen muslimischen Gemeinschaften zu beobachten. Eines existiert schon lange: Das „Erwecken von Schuldgefühlen bei den progressiven Eliten und deren Denunzierung als… Islamophobe“ (Daoud), insbesondere durch die Islamverbände, Linke und Grüne. Deshalb dürfen wir uns davon nicht mehr ins Bockshorn jagen lassen, denn es sind Muslime selbst, muslimische „Freiheitssucher“, die genauso wenig „islamophob“ sind wie wir, wenn sie einem frauen-, fremden- und gedankenfeindlichen Islam die Leviten lesen statt sich ihm zu unterwerfen.

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Time am 11. Januar 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gasbeitrag-von-samuel-schirmbeck-zum-muslimischen-frauenbild-14007010.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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PS, lesen Sie auch:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/11/08/alla-hasst-frauen/

Ein falsches Erziehungsideal

3. Februar 2015

Necla Kelek

Lesen Sie einen aktuellen Aufsatz von Necla Kelek. Ebenso bemerkenswert wie der Inhalt ist die Tatsache, dass er im chrislamischen „Chrismon“ erschien (1).

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Von Freiheit überfordert

Aus den Vororten von Paris und Hamburg ziehen sie in den „Heiligen Krieg“. Wir dürfen nicht noch mehr von ihnen verlieren!

Ich traf Kaja das erste Mal, als er 13 Jahre alt war. Er ging wie viele seiner türkischen Freunde nachmittags in die Koranschule der Moschee in Hamburg-Altona. Seine Mutter war stolz auf ihn, denn er trieb sich nicht wie die anderen Jungen im Viertel herum. In der Moschee, in der sie sich mit anderen Frauen auch zum Koranlesen traf, lernte er, wie sie sagte, seine Religion: Respekt vor den Älteren. Und es bewahrte ihn vor Drogen und Alkohol. Vor dem Hodscha hatten die Jungen Respekt, sagte sie. Für sie waren Respekt und Angst dasselbe.

Kajas Mutter war die Tochter von Haselnussbauern von der türkischen Schwarzmeerküste. Sie empfand es als Glück, dass ihre Eltern sie nach Deutschland verheiratet hatten. So war sie versorgt und konnte auch für die Eltern in der Heimat sorgen. Welche Erwartungen auf sie als Mutter in Deutschland zukamen, darauf war sie nicht vorbereitet. Die Schule wird es schon richten, für die Erziehung sind doch die Lehrer da, dachte sie. Kajas Vater fühlte sich hauptsächlich seinen Eltern und der Familie in der Türkei verpflichtet. Ihm war beigebracht worden, dass er sein Leben für seine Eltern zu opfern habe. Später würde dann sein Sohn für ihn da sein. So erzogen sie ihre drei Kinder. Die beiden Mädchen bei der Mutter zu Hause. Verwandte und Bekannte gaben Acht. Für ihren Sohn waren die Männer, die Lehrer und der Hodscha in der Moschee, zuständig.

Kaja träumte davon, Automechaniker zu werden. Dafür brauchte er die mittlere Reife. Und dann würde er wohl seine Cousine aus der Türkei heiraten, sagte er mir. Das hätten die Eltern schon verabredet. „Und willst du das?“, fragte ich ihn. Kaja zuckte mit den Schultern. Er möchte lieber ein Mädchen heiraten, das deutsch spricht. Aber wenn er es tue, werde sein Vater sagen: „Habe ich dich auf die Welt gebracht, damit du mein Herz brichst?“

Als ich Kaja zehn Jahre später, da war er 23, wieder traf, war alles anders gekommen. Er hatte mit einem Abgangszeugnis die Schule verlassen, keine Lehrstelle bekommen und sich mit Jobs durchgeschlagen. Als herauskam, dass er eine deutsche Freundin hatte, kam es zum Bruch mit den Eltern. Der Vater stellte ihn vor die Alternative, entweder die Cousine zu heiraten oder auszuziehen. Er zog zu seiner Freundin, und seine Eltern pilgerten nach Mekka, um für seine Sünden zu beten.

Dann traf er Tayfun, einen jungen strenggläubigen Hodscha aus der Moschee in Wilhelmsburg. Der hörte ihm zu, und Kaja glaubte, verstanden und akzeptiert zu werden. Tayfun predigte, dass die Muslime die Befreier der Welt seien, die Erlöser von den Sünden, auch der Ungläubigen. Man müsse nur den „Djihad“, den richtigen Weg, wählen. Kaja begann, fünfmal am Tag zu beten, und versuchte, alle Vorschriften des Islam zu befolgen. Er kleidete sich nach der Sitte der „as-salaf“, der Altvorderen, ließ sich einen Bart wachsen. Das war vor fünf Jahren.

Nun ist Kaja verschwunden. Seine deutsche Frau ist zum Islam übergetreten. Sie und ihre kleine Tochter warten auf ihn. Seine Mutter macht sich schreckliche Sorgen, wenn sie die Nachrichten aus Syrien und dem Irak hört. Wir haben unseren Sohn verloren, sagt sie. An wen, kann sie nicht erklären. Wenigstens hat sie ihre beiden Töchter „ehrenvoll“ verheiratet. Sie wohnen mit ihren Ehemännern im selben Haus. Trost für den verlorenen Sohn spenden ihr die beiden kleinen Enkelsöhne.

Auch fünf Schüler der islamischen Religionslehrerin Lamya Kaddor sind in den „Djihad“ nach Syrien gezogen. Frau Kaddor erklärte es sich damit, „dass Jugendliche wie diese sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlen – weil sie den falschen Namen haben, eine falsche Herkunft, weil sie sich vermutlich tagtäglich frustriert, ausgeschlossen und diskriminiert gefühlt haben“. Sie könne sich vorstellen, dass solche Erfahrungen anfällig machten für eine Propaganda der Art: Die behandeln euch doch nur schlecht, ihr kriegt keine Ausbildungsplätze und keine Jobs, weil ihr Muslime seid (Interview in „Zeit Online“). Auf die Frage, was sie den Männern sagen würde, könnte sie sie erreichen, antwortete Lehrerin Kaddor: „Ich würde ihnen sagen, dass ich enttäuscht bin, dass sie ihren Verstand ausgeschaltet haben. Ich würde ihnen sagen: Denkt an eure Familien, warum lasst ihr sie leiden?“

Lamya Kaddor reagierte im Prinzip ähnlich wie Kajas Mutter und sein Vater, der seinen Sohn verheiraten wollte. Sie appellierten an die Söhne, ihre Eltern nicht zu enttäuschen. Auch die Pädagogin verstand offenbar nicht, dass sie ein Erziehungsideal vertrat, das gerade die Ursache für den Verlust der Söhne ist.

Die Religion des Islam verschärft und legitimiert diesen familiären Anpassungsdruck. Das spiegelt sich besonders in der Erziehung wider. Wer aus diesen Verhaltensmustern ausbrechen will, muss dann auch die eigene Familie, die Gemeinschaft und die eigene Religion infrage stellen. Die meisten jungen Menschen haben aber nicht gelernt zu widersprechen und sind mit einer kritischen Haltung überfordert.

Eine Möglichkeit auszubrechen ist der Versuch, ein noch besserer Muslim zu sein als die Eltern. Dass junge Menschen die tödliche Mission ihrer Religion mehr lieben als die friedliche Seite und in den „Djihad“ ziehen, ist das extreme Resultat einer Überforderung. Die Gesellschaft erwartet von den jungen Menschen, dass sie in Schule und Beruf erfolgreich sind. Viele erfüllen diese Anforderung nicht, weil sie in der Schule zu schlecht waren, ihnen in der Familie nicht geholfen werden konnte. Auch ihre Gemeinschaft erwartet zwar von ihnen eine Mechanikerlehre, aber zuallererst Gehorsam und für den Opa da zu sein, wenn der zum Arzt gefahren werden muss. Eigenverantwortung wird weder geübt noch akzeptiert. Unangepassten bleibt nur die Flucht: vor der Familie, ins Spiel oder in Drogen, in den Krieg.

Was sind die Ursachen solcher Entwicklungen? Sie beruhen einerseits darauf, dass die Bereitschaft zur kritischen Selbst­re­flexion in der Theologie noch viel Nachholbedarf hat, andererseits auf den religiös-patriarchalisch-kollektivistischen Verhältnissen. Die Älteren verlangen von den Jungen, ihnen zu dienen, sich ihrem Willen und dem Glauben zu unterwerfen. In einer solchen Gemeinschaft gilt nicht der Einzelne, sondern der Haushalt als Rechtssubjekt. Der Einzelne ist kein Individuum, sondern ein Teil des Haushalts. Es gilt, das Ansehen oder die Ehre einer solchen Gemeinschaft nach außen zu leben und zu schützen.

Aber diese Werte stehen im Gegensatz zu denen der Mehrheitsgesellschaft. Dort gilt allgemein: Individualismus statt Kollektiv, das Recht auf Gleichberechtigung statt Patriarchat, selbstbestimmte Sexualität statt sexueller Kontrolle. Weil das Patriarchat mit solch anderen Wertvorstellungen untergehen würde, grenzt man sich ab und versucht, die dörflichen Kollektivstrukturen zu erhalten und den Einzelnen in der Bürgergesellschaft zu kontrollieren. Da passen die jüngeren Brüder auf, dass ihre Schwestern nicht mit fremden Jungen sprechen.

Ich spreche in diesem Zusammenhang von einer „Kulturdifferenz“, die überwunden werden muss. Die herrschende Migrationsforschung und Integrationspolitik hingegen nimmt „Kultur als Differenz“ wahr. Obwohl in den letzten zehn Jahren genug Debatten geführt, genug Bücher und Artikel über eine verfehlte Integration besonders muslimischer Migranten geschrieben wurden, geht der Kulturbegriff der Migrationsforscher immer noch von „Vielfalt“, also dem gleichberechtigten Nebeneinander verschiedener Kulturen aus. Eine „Kultur des Konsenses“, der gemeinsamen Werte und Rechte für alle, gilt als reaktionär oder überholt. Dass Kaja und Co in den „Djihad“ ziehen, dass sie glauben, damit Islam und ihre Ehre zu verteidigen, ist nach dieser Auffassung kein strukturelles Problem, sondern ein bedauerlicher Unfall. Das interessiert dann nur noch die ratlosen Eltern.

Hat die Sozialwissenschaft nicht die Aufgabe, diese Strukturen zu analysieren und Antworten zu suchen? Die Integration der Jugendlichen in unsere freiheitliche Gesellschaft ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass wir nicht noch mehr von ihnen an den Krieg verlieren.

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Time am 3. Februar 2015

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1) http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2015/von-freiheit-ueberfordert-30845?page=all

Wir erkennen ihre Absicht

25. Januar 2015

Nichtsvergeben_Torkei

Noch ekliger als das Zorngeschrei der Mohammedanisten ist ihr Gewinsel und der Versuch, sich stets als das eigentliche Opfer darzustellen, wenn die Glaubensbrüder bei einer der regelmäßigen Razzien mal wieder eine Reihe Nichtorks abgeschlachtet haben.

Die Zeichnung oben stammt aus einer torkischen Zeitung (1). „Nein! Nichts ist vergeben!“ heißt es. Elf anklagend blickende Mohammedanisten stehen vor dem Betrachter, und sieben von ihnen tragen Schilder mit Ländernamen, in denen offensichtlich etwas geschehen sein soll, das sich gegen den Mohammedanismus richtete. Gaza und China kann man ja noch verstehen: Dort haben die IDF und die chinesischen Sicherheitskräfte eine Menge Terroristen und leider auch einige Unschuldige terminiert. In den anderen Ländern aber verhält es sich so, dass dort Mohammedanisten Mohammedanisten abschlachten. Auch dafür, so die Orks, ist der freie Westen verantwortlich. Daran trägt er eine Schuld, die nicht verziehen werden kann: Die Orks sind in der Tat die unverantwortlichsten Wesen auf unserem Planeten.

Qantara

Demselben Muster folgt auch das staatlich finanzierte Dimmi-Magazin „Qantara“ wieder und wieder. Birgit Kasper warnt davor, dass „am Ende doch wieder die Muslime zum Sündenbock gemacht werden.“ (2). Bitteschön, WIEDER? WO denn? Wo werden denn DIE Muslime jemals „zum Sündenbock“ gemacht? 17 Unschuldige wurden von drei Orks in Paris ermordet, denn sie hatten AllaHundseingesandter beleidigt. Die Mörder taten nichts anderes, als was AllaHundseingesandter tat und was in Sira und Hadithen steht. Darüber muss man reden dürfen. Nein, darüber darf man nicht reden, meinen die Orks und ihre Dimmi-Lakaien. Die nichtorkischen Untermenschen haben die Unterdrückung und Ermordung geräuschlos, ohne Schmerzensschreie und ohne Protest zu ertragen.

Orkknecht Ruprecht hat sich da etwas ganz Besonderes einfallen lassen, was er den „3-D-Test gegen Islamfeindlichkeit“ nennt. Wie die gülennahe Seite „Die Integrationsblogger“ berichtete, schrieb der CDU-Politiker auf „Facebook“ (3):

„Dämonisierung, Doppelte Moral, Delegitimierung – ich schlage diesen 3-D-Test vor, um legitime Kritik am Islam von Islamfeindlichkeit zu unterscheiden:

Dämonisierung: Darstellung des Islam als das schlechthin Böse, zB durch die Aneinanderreihung von Negativ-Beispielen. Politically Incorrect und andere Hass-Blogs durchforsten täglich das weltweite Internet-Angebot nach Verbrechen, Vergehen und Verfehlungen von Muslimen und vermeintlichen Muslimen. Die gefundenen Beispiele werden in skandalisierenden und verallgemeinernden Beiträgen aufbereitet und zum Kommentieren freigegeben. So entsteht ein völlig unrealistisches und diskriminierendes Bild einer Gruppe von Menschen. In gedruckter Form finden sich ähnlich perfide Auflistungen von Negativbeispielen bei Henryk Broder, Udo Ulfkotte oder Necla Kelek.“

Was soll das? Natürlich sammelt ein Blogger die Texte und Bilder aus den Massenmedien, die seinem Thema entsprechen – wenn man von Pansen&Pansen mal absieht, die munter Kochrezepte zwischen Berichten von Hinrichtungen im Naziran einstreuen (4). Natürlicherweise entsteht dadurch eine Reihung thematisch ähnlicher Texte. Für die von Mohammedanisten begangenen Untaten ist aber niemand als die Täter verantwortlich sowie die drei bösen mohammedanistischen Grundlagen-Schriften, in denen zu den Untaten aufgerufen wird. Dämonisch sind für den Dimmi-Deppen jedoch nicht die Morde, sondern die Kritik daran. Polenz weiter:

„Doppelte Moral: Wird Kritik am Islam oder an Muslimen selektiv angewandt, oder erzeugen ähnliche Probleme anderer Religionen oder Verhaltensweisen ihrer Gläubigen dieselbe Kritik? Zwangsheiraten gibt es beispielsweise auch in hinduistischen Gesellschaften oder bei den Jesiden.“

Ja, schon gut, es wird noch den einen oder anderen Jesiden geben, der die Massaker des sunnitischen IS-IS überlebt hat und seine Tochter zwangsverheiraten will, und der dann natürlich auch vor Gericht gehört. Die Fleißarbeit, die die vielen counterjihadischen Blogs jedoch Tag für Tag leisten, indem sie die Informationen nicht zerstäuben sondern ZUSAMMENTRAGEN, ist für die Orks und ihre Stiefellecker jedoch ein eminentes Problem, da grade dadurch ein immer schärferes Bild der Religion Satans entsteht. Wir erkennen, dass die mohammedanistischen Schriften zur massenhaften, ja globalen Bösartigkeit führen!

Doppelte Moral liegt aber nicht vor, wenn eine Handvoll Orkterroristen 3000 Unschuldige abschlachtet, wenn daraufhin ein paar französische Brillenschlangen ein paar harmlose Krakeleien anfertigen, wenn sie daraufhin ermordet werden, und wenn daraufhin Menschen mit counterjihadischer Gesinnung dies schließlich kritisieren. Meine Kritik am deutschen Nationalsozialismus ist nicht erst ab dem Moment zulässig, in dem ich Benjamin Netanjahu beschuldige, arabische Babies zu fressen. Es gibt eine Seite, die zutiefst böse ist – das ist die Jihadfront, die Klo H. Metzel folgt.

„Delegitimierung des Islam als Religion – beispielsweise durch Gleichsetzungen des Islam mit dem Faschismus, wie sie von Hamed Abdel-Samad immer wieder vorgenommen werden. (…)“

Die Delegitimierung des Nazislahm als Religion war vor acht oder neun Jahren innerhalb des Counterjihad noch ein Diskussionsthema, ist es aber seit langem nicht mehr. Es führt ja zu nichts, wenn man einer Ideologie, die ein höchstes Wesen und dessen Verkünder kennt, die ein Leben nach dem Tod behauptet sowie ein jüngstes Gericht, die Eigenschaft, eine Religion zu sein, abspricht. Diese Entscheidung treffen besser die Glaubenden. 

Es geht um etwas ganz anderes: Es geht darum, dass diese Religion bösartig und gewalttätig ist. Dass sie eine Apartheidsgesellschaft anstrebt. Dass sie eine kollektivistische Ordnung will, in der den Männern in pyramidalem Aufbau schrankenlose Macht über Frauen und Kinder gegeben wird. Es geht nicht um die Frage, ob der Mohammedanismus eine Religion ist, sondern WAS er für eine Religion ist? WIE ist er? WIE wirkt er?

Insofern der Counterjihad diese Frage schon vor Jahren geklärt hat, ist auch das dritte „D“ in Orkknecht Ruprechts „Test“ pure Propaganda und Vernebelung, die wie das davor analysierte Gewinsel letztlich nur ein Ziel hat:

Jegliche Kritik am Mohammedanismus soll erstickt werden!

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Time am 25. Januar 2015

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1) http://de.qantara.de/inhalt/islamisches-comic-magazin-cafcaf-aus-istanbul-nein-nichts-ist-vergeben
2) http://de.qantara.de/inhalt/frankreich-nach-dem-anschlag-auf-charlie-hebdo-es-geht-um-mehr-als-die-pressefreiheit
3) http://i-blogger.de/3-d-test-um-islamfeindlichkeit-zu-erkennen/
4) https://parseundparse.wordpress.com/

Linke Schreckschraube liegt richtig

16. Januar 2015

Quistorp

Eva Quistorp ist eine der Mitbegründerinnen der Grünen. Sie war sehr aktiv in der bolschewistisch gesteuerten „Friedensbewegung“, war Ende der neunziger Jahre Mitglied des Bundesvorstands der Grünen und wurde 1989 ins Europaparlament gewählt. „Perlentaucher“ hat am 14. Januar einen Aufsatz von ihr veröffentlicht (1).

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Die Schule der Kritik

Ich bin immer noch bewegt von den republikanischen Demos in Paris und anderen Städten und sogar vielen Dörfern in Frankreich. Am 11. Januar 2015, einem historischen Tag in Europa, habe ich einige Tränen vor dem Fernseher verloren – vor Rührung und weil ich die Hoffnung von Millionen teile, die riefen oder schrieben „Je suis Charlie, je suis juif, je suis flic, je suis Ahmed, je suis Citoyen“. Sogar viele kleine Kinder darunter, die enorm klug und artikuliert waren mit ihren Bleistiften und der Marseillaise rund um die République.

Es war die weltweite und millionenfache Welle der Hoffnung auf ein Ende des Terrors, ein Ende des Hasses, auf ein friedliches weltweites Zusammenleben, auf ein Europa der Presse- und Satirefreiheit als Grundlage der Demokratien. Doch die wenigen Überlebenden des Massakers gegen die Charlie Hebdo-Journalisten – eine ganze Zeitungsredaktion ist ermordet worden! – erinnerten bei kurzen Interviews daran, dass es nicht um Pressefreiheit allgemein geht, sondern um die Verteidigung der Laizität, um das Recht auf Islamkritik und Religionskritik.

Das hören nicht alle Experten der Integrationsforschung, nicht alle Politiker gern. Das wurde auch von Moderatoren schnell weggeklickt und sofort beantwortet mit „bloß kein Amalgam, keine Vermischung von Kritik an islamistischem Terror und Kritik am Islam“. Diese Sprüche dienen wie die seit Jahren in Deutschland kursierende Sprechformel „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ als Beruhigungsmittel für die muslimischen Wähler und Vereine, aber auch für die Mehrheit der Bevölkerung.

Aber auch der Islam darf nicht mit „Respekt“ eingemauert werden: Wieso sollen in Europa und in Deutschland für den Islam andere Standards gelten als für die katholische oder protestantische Kirche? Der Islam in seiner heutigen vorherrschenden Verfassung, seine Vereinsvertreter, sein Religionsunterricht, seine Jugendsozialarbeit, seine Geschlechter- und Bildungspolitik haben ebenso demokratische Kritik verdient wie die christlichen Kirchen. Diese Kritik darf ebenso sein wie die Kritik von Pussy Riot an der russisch-orthodoxen Kirche, wie die von Titanic am Papst, wie die der Feministinnen an einer patriarchalen Theologie und Bibelinterpretation. Dieses Recht wurde seit 1848 und seit der Französischen Revolution erkämpft, nicht zuletzt von Vordenkerinnen in Frankreich.

Seitdem dürfen wir sagen, dass das Christentum etwas mit Dummheit, Unbildung, Vorurteilen, Antisemitismus, mit Missionierung und und Kolonisierung, mit Hexenverfolgungen,mit Inquisition zu tun hatte. So wie die „Deutschen Christen“ etwas mit dem Christentum zu tun hatten, die Bekennende Kirche und die christlichen Märtyrer gegen den Naziterror aber auch.

Warum hat es ausgerechnet in der linken und linksliberalen Szene und bei den Grünen so viele Feigheit und Ignoranz gegenüber dem Islam und dem Islamismus gegeben, obwohl Journalisten, Experten, Professoren, Schriftsteller oder grüne Politikerinnen doch durch die Schule der Kritik am Christentum und der katholischen Kirche aber auch an der Rolle von Frauen und Sexualität in der protestantischen Kirche gegangen sind?

Die jüngere Generation musste bei diesen Themen ja nicht mehr kämpfen und argumentieren lernen, da sie in den Theorien der multikulturellen Identitätsdebatten, in den Siegen der Frauen und Schwulenbewegung schon aufgewachsen ist und nun gelernt hat, das Fremde zu hofieren, statt es genauso zu hinterfragen wie es die 68er mit der eigenen Kultur und Geschichte getan haben.

Wer hat denn in der Politik, der Kulturszene, der Integrationsforschung und den Medien in den letzten Jahren gefordert, dass die Fatwa gegen Salman Rushdie und die Taslima Nasrin aufgehoben wird? Wer hat denn an den islamistischen Mord an Theo van Gogh erinnert und ihn als Satiriker gewürdigt? Wer hat die Mohammedkarikaturen von Westergaard und von Charlie Hebdo alles nicht nachgedruckt in den letzten Jahren? Was hat die Formel von der Schuld der Mehrheitsgesellschaft und des Westens dazu beigetragen, dass eine Opfermentalität unter Muslimen in Europa entstanden ist und sich sofort nach dem grauenhaften Massaker an der Charlie Hebdo-Redaktion in den Medien und muslimischen Vereinssprechern wieder äußerte?

Selbst Lamya Kaddor, die fröhlich ohne Kopftuch demonstriert, dass Koran und Islam als solcher nicht das Kopftuch verlangen, sagt, sie habe vor allem Angst, dass sie sich nun wieder distanzieren müsse und es einen Generalverdacht gegen Muslime gebe. Insgesamt scheinen Moscheevereine, Journalisten und Politiker in Deutschland mehr Angst vor Pegida-Demos in Dresden zu haben als vor Schläfern wie in Hamburg und dem Hass, der auch von Rappern als Lebenshaltung für junge Männer global verbreitet wird.

Es gibt mehr Kritikerinnen des Islam, die in die Tradition der Aufklärung und der Frauenrechtsbewegung gehören, als in Deutschland oder Europa bekannt sind. Sie werden kaum auf Podien eingeladen. Das hängt mit einem Mangel an Wissen um Islamkritik bei Medien und in der Politik zusammen, aber auch mit platter Wahltaktik. Im Jahr der Reformationsfeiern sollte Deutschland nicht hinter der Demo für die Republik zurückstehen und Reformatoren und Islamkritikerinnen aus dem Islam auf Podien und in Unis und Medien einladen. Abu Zaid durfte ich einmal im Exil begegnen, als er noch lebte: Die von vielen so gelobte al-Azhar-Universität hatte ihn zwangsweise von seiner Frau geschieden und zum Ketzer erklärt, obwohl er in der Moderne die historisch-kritische Koran-Forschung entwickelt hat, die die Grundlage für einen fairen Dialog zwischen den Religionen sein muss und ohne die der Respekt gegenüber den Religionen wie die Kritik an ihnen in Demokratien nicht bestehen können.

Es ist ja schon beschämend genug, dass die Grünen nicht einmal Necla Kelek oder Seyran Ates zu einer Debatte zur Islamkritik und zum Machismo in der muslimsichen Migrantencommunity eingeladen haben. Sie sind es, die schon länger über die psychologischen und soziologischen Grundlagen des muslimischen Fanatismus und die islamistisch begründete Männergewalt arbeiten.

Warum gab es von all unseren Intellektuellen – von Klaus Staeck über Cem Özdemir bis zur Integrationsbeauftragten der Regierung – keine Kampagne für Professor Mouhanad Khorchide, der von der Ditib, dem Erdogan-nahen Verein, und anderen Muslimverbänden bedrängt wird, weil er ihrem konservativen bis rechten Islam nicht entspricht? Wo war die Kampagne für Dieter Nuhr, der als islamophob beschimpft wurde und Todesdrohungen erhalten hat? Ich weiß, was Todesdrohungen sind, da ich sie selbst in meinem Engagement für die bosnischen Muslime im Europaparlament erhielt und ziemlich allein damit war. Auch Charlie Hebdo war in den letzten Jahren allein und wurde sogar von Dany Cohn-Bendit und anderen Grünen als angeblich zu islamkritisch kritisiert, denn man will ja so tolerant erscheinen und Konflikte mit Fanatikern im netten Dialog lösen

Wer bestimmt denn, was im islamischen Religionsunterricht gelehrt wird? Wird da der demokratische Wettbewerb mit dem evangelischen und katholischen und jüdischen Religionsunterricht und dem der Humanisten gefördert oder wird abgegrenzt gegen den dekadenten Westen und gegen Frauen mit offenem Haar? Ich kann hier nicht eingehen auf die Geschichte und das Ölgeld und die Geostrategien und Terrorkriegführung, an der Saudi Arabien und Katar und teils auch die Türkei, Pakistan und Iran in den letzten Jahren beteiligt waren. Recherchen hierüber sind wichtiger als Recherchen über Pegida-Webseiten, denn diese Staaten sind gefährlicher und haben Hunderttausende zur Flucht aus Irak und Syrien getrieben. Vom Terrorismus der Boko Haram und islamistischer Gewalt in Afrika abgesehen.

Wer meint, der Islamismus hätte nichts mit dem Islam in Saudi Arabien oder Pakistan zu tun, irrt gewaltig. Wer meint, der Islamismus habe nichts mit dem zu tun, was im Internet als Islam-Propaganda vertreten wird, irrt: Daher stimme ich Heiner Geißlers Vorschlägen für mehr Sicherheit im Netz und Alice Schwarzers Vorschlag für ein Burka-Verbot zu. Nicht weil ich schwarz grüne Interessen hätte, sondern weil ich mir das logische Denken als Theologin und Feministin nicht verbieten lassen will von einem faulen Toleranzgerede.

Sowohl Pegida als auch der Islamismus nehmen mit ihrer Internetpropaganda Einfluss auf die analoge Welt. Also muss sich wohl dringend auch etwas im Internet ändern, wenn wir die Demokratien und das Zusammenleben von zivilisierten Religionen schützen wollen. Charlie Hebdo war gegen den Irakkrieg, wie gegen den Fundamentalismus und Dummheit in allen Religionen. Daran sollten wir uns messen, auch wenn einige Karikaturen nicht unserem Geschmack und unseren Gefühlen entsprechen. Doch ohne solche Künstlerinnen und Journalisten und ohne eine geistreiche, gebildete, scharfe Religionskritik werden wir im Krieg, der gegen uns von IS und AL Qaida geführt wird, weder im Internet noch in der analogen Welt bestehen können.

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Time am 16. Januar 2015

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1) http://www.perlentaucher.de/essay/die-schule-der-kritik.html

Eine halbe Stunde muss sein

30. März 2014

Abdel-Samad

Der großartige Hamed Abdel-Samad schreibt richtig und pointiert über den Mohammedanismus, den er eine faschistische Ideologie nennt (1). Wie viele orientalische Mohammedanismuskritiker und Ex-Orks verfällt er jedoch dem Irrtum, er müsse mit dem Mohammedanismus Religion insgesamt ablehnen, Statements über andere Religionen abgeben oder den Mohammedanismus an einigen Stellen relativieren bzw. seine Zugehörigkeit zu ihm postulieren. Manchmal kommt das alles zusammen, und dann wird es ziemlich konfus, so wie man es z.B. auch von der ansonsten exzellenten Necla Kelek kennt. Hannah Lühmann bei „FAZ.net“ (2):

„Leider werden die zwei Begrifflichkeiten, aus denen sich der Titel von Abdel-Samads Buch zusammensetzt, nicht klar. Weder versteht man, wie genau er Faschismus definiert – Augsteins Frage, ob er nicht eher so etwas wie ,Totalitarismus’ meine, fegt Abdel-Samad beiseite –, noch wird klar, was ,der Islam’ für ihn eigentlich ist. Meint er die islamische Theologie? Den Koran? Einen Gesamtgeisteszustand? Die Muslime jedenfalls meint er nicht, er habe auch nichts gegen Moscheebauten und freiwillig getragene Kopftücher.“

Ich meine, dass seine Definition von Faschismus klar und zutreffend ist, und es ist auch klar, dass er sowohl die islamische Theologie, den Kloran als auch einen Gesamtgeisteszustand meint, was Dimmi Lühmann ins Lächerliche ziehen möchte.

Es ist aber für mich nicht akzeptabel, die Insignien einer menschenverachtenden und volksverhetzenden Ideologie provokant öffentlich zu zeigen. Und es ist auch nicht akzeptabel, die Okkupation unseres öffentlichen Raums durch den Bau von repräsentativen Versammlungs-, Lager- und Geschäftszentren (Moscheen), in denen die faschistische Ideologie praktiziert wird, zuzulassen. Es fehlt sein Bekenntnis, dass Herr Abdel-Samad mit der faschistischen Ideologie gebrochen hat, dass er KEIN mehr Ork ist, dass er ein EX-Ork ist.

Ex-Ork zu sein macht niemanden zu einem Fachmann für andere Religionen und Ideologien. Daher muss jeder Christ folgenden Satz Abdel-Samads als strunzdumm und ob seiner Ignoranz auch als recht beleidigend empfinden:

„Abdel-Samad antwortet, anders als im Christentum sei das Streben nach politischer Macht im Islam selbst angelegt. Das liege auch daran, dass das Wirken Jesu Christi auf Erden zeitlich sehr begrenzt gewesen sei, weswegen er keine wirtschaftlichen oder juristischen Aufgaben habe übernehmen können. Der Prophet hingegen habe Zeit gehabt, zum Feldherrn zu werden.“

Die ganze Ausrichtung des Neuen Testaments aber ist spirituell, individuell und vor allem friedlich. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Jahwe es empfehlenswert findet, nach Reichtum oder Macht zu streben. Das Christentum ist von der Idee der Liebe getragen. Empathie, Rücksichtnahme und Barmherzigkeit werden als die wesentlichen Werte, die das Zusammenleben der Menschen konstruktiv und lebenswert machen, angesehen. Um die radikale Ablehnung weltlicher Macht zu beweisen, ließ sich Jesus schließlich sogar lieber töten, als auch nur die leiseste Gewalt anzuwenden. Deshalb ist Herrn Abdel-Samads Vorstellung, Jesus wäre zum Feldherrn geworden, wenn er nur lange genug gelebt hätte, seine totale Bankrotterklärung vor der Philosophie des Christentums. Die Äußerung ist einfach nur unwissend und peinlich, quasi eine Projektion aus seiner eigenen nazislahmischen Vergangenheit.

Es scheint schwer zu sein zu akzeptieren, dass es Zaubersprüche gibt. Es gibt sie. Zaubersprüche sind Literatur. Es sind Sätze, die die Welt verändern, wenn sie gelesen oder ausgesprochen werden. Wenn sie falsch gesprochen werden oder zum falschen Zeitpunkt, dann wirken sie nicht oder anders als beabsichtigt. Jeder Zauber hat seinen Spruch, und man kann nicht mit einem Spruch alles zaubern.

Die Bibel ist ein Text, der eine ganz bestimmte Wirkung hervorrufen will. Der Kloran will auch eine ganz bestimmte Wirkung hervorrufen. Die Worte beider sind grundverschieden, weil die intendierte Wirkung grundverschieden ist. Im Fall der Bibel geht es (u.a.) um die kooperative und egalitäre Organisierung einer sesshaften, friedfertigen und produktiven Bürgergesellschaft. Im Fall des Kloran geht es (u.a.) um die hierarchische Organisierung einer gewalttätigen nomadischen Kriegergesellschaft. Das alles wird innerhalb einer Lektüre von einer halben Stunde pro Text evident. Abdel-Samad wirft Jakob Augstein vor, er habe nicht den Kloran gelesen, aber er selbst hat nicht mal eine halbe Stunde für das Neue Testament aufgebracht. Er sollte dies dringend nachholen (Es lohnt sich 🙂 ).

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Time am 30. März 2014

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1) http://www.welt.de/politik/ausland/article126302616/Vor-einer-Schlacht-mit-apokalyptischer-Dimension.html
2) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/abdel-samads-buchpremiere-einmal-islam-aber-bitte-ohne-scharf-12865157.html