Posts Tagged ‘Omar Mateen’

Die blinde Frau

18. Oktober 2016

alice

Alice Schwarzer demonstriert in einem lesenswerten, aktuellen Aufsatz (1), dass sie den Kloran nicht gelesen hat und die Sira und die Hadithe natürlich auch nicht.

Oder scheut sie die Konsequenz?

Die einzig logische Konsequenz ist nämlich, dass der Nazislahm dekonstruiert werden muss!

Vollständig!!!

______

Der gekränkte Mann

Alice Schwarzer analysiert die Motive von Amokläufern und Terroristen – und findet, dass die sich ziemlich ähneln. Aber welche Rolle spielt der Islam? Es ist der politisierte Islam, der Öl ins Feuer der gekränkten Muslime gießt. Wir müssen unterscheiden zwischen Islam und Islamismus.

In Deutschland wurden im Jahr 2015 rund 117.000 Frauen vergewaltigt; jede Fünfte vom eigenen (Ex)Ehemann bzw. (Ex)Freund. Etwa 643.000 Frauen wurden Opfer von Gewalt in Beziehungen (verschleiernd „häusliche Gewalt“ genannt). Und 320 wurden getötet; jede Zweite vom eigenen Ehemann bzw. Freund. Woher die Zahlen kommen? Ganz einfach: Es handelt sich um reale Fälle (bei den Toten) oder um erstattete Anzeigen mal zwölf. Denn, so erforschte das Bundes­frauenministerium in einer breit angelegten Studie: Nur jedes zwölfte Opfer von ­(sexueller) Gewalt erstattet Anzeige.

Und da reden wir weder von Flüchtlingen, noch von Migranten, noch vom Islamismus. Diese epidemische, strukturelle Männergewalt in unserer christlich geprägten Demokratie ist hausgemacht. Sie ist das dunkle Geheimnis im Herzen des Machtverhältnisses der Geschlechter. Allerdings ist diese private Gewalt gegen Frauen sanktioniert in den westlichen Demokratien; doch auch hier seit noch gar nicht so langer Zeit (Das Gesetz gegen Vergewaltigung in der Ehe zum Beispiel wurde erst 1997 eingeführt).

Was aber ist der Unterschied dieser Gewalt zwischen den Geschlechtern zu dem, was wir an Silvester in Köln erlebt haben – und seither immer mal wieder auf öffent­lichen Veranstaltungen? Zuletzt im Juli bei einem Kulturfest in Bremen, wo 24 Anzeigen erstattet wurden wegen sexueller Übergriffe nach der Methode „Höllenkreis“ (Dabei umzingelt eine Gruppe von in der Regel jungen Männern eine Frau und ­begrabscht sie bis hin zur Vergewaltigung).

Was ist der Unterschied zwischen unserer alltäglichen Gewalt und den öffentlichen Gewaltorgien im Namen Allahs zum Beispiel in Ochsenfurt, wo der Täter seinem letzten Opfer die Axt ins Gesicht hieb und die Worte gerufen haben soll: „Ich mach dich fertig, du Schlampe!“?

Der Unterschied ist die weitgehende ­Legitimierung von Gewalt in den patriarchalen Herkunftsländern der Täter, sie kennen keine Frauenbewegung und keine Gleichberechtigung. In ihren Ländern sind Frauen rechtlos und ist Gewalt ein Herrenrecht. Verschärfend hinzu kommt die Befeuerung dieser traditionellen Frauenverachtung durch die islamistische Propaganda, sie gießt Öl ins Feuer.

Die heimliche private Gewalt gilt nur dem einen Individuum – die demonstra­tive öffentliche Gewalt soll uns alle in Angst und Schrecken versetzen. Das gilt für islamistisch motivierte Attentäter ebenso wie für Amokläufer. In beiden Fällen ist der Täter der narzisstisch gestörte, der ­gekränkte Mann.

Aber private und politische Gewalt können sich auch mischen. Wie im Fall des homosexuellen Omar Mateen. Dieser Sohn eines homophoben afghanischen Taliban-Anhängers ermordete im Juni in Orlando in der Schwulen-Disco, in der er selber verkehrte, 49 Menschen. Aus (Selbst)Hass. Im letzten Augenblick überhöhte er die Tat mit der Behauptung, er sei ein Soldat des IS (Wofür es bis heute kaum Belege gibt).

Oder wie im Fall des 21-jährigen Ahmed in Reutlingen. Der Syrer hatte zunächst seine Freundin erstochen, die ihn anscheinend verlassen wollte. Ein klassischer Fall „privater“ Beziehungsgewalt. Aber sodann war er mit dem Messer wild fuchtelnd und drohend durch die Straßen der schwäbischen Kleinstadt gerannt.

Doch der Islam ist nicht der Grund für die Welle der öffentlichen Gewalt, auch wenn sie mit ihm begründet wird. Die islamistische Propaganda ist lediglich die Ideologie der Stunde, die diese Gewalt gegen Frauen und „Fremde“ rechtfertigt; implizit, also unterschwellig, oder aber explizit, also offensiv.

Implizit verstand es sich bei den jungen Männern aus Marokko oder Algerien an Silvester in Köln. Deren Länder sind in den vergangenen Jahren von einer gemäßigten Religiosität in einen maßlosen Islamismus gekippt. Diese verhetzten Männer kennen nur noch Heilige und Huren. Die Heilige ist zuhause eingesperrt und möglichst verschleiert – die Hure bewegt sich im öffentlichen Raum.

Warum ist die Tat von Ochsenfurt noch
beunruhigender als die Massaker von Paris?

Explizit wurde die Gewalt in Ansbach wie Ochsenfurt gerechtfertigt. Diesen sich gedemütigt fühlenden Männern kommt Allah gerade recht. Der Islamismus bietet ihnen einen Kontext. Er ist, ganz wie der Faschismus, ein Hort von Männlichkeitswahn und Autoritätshörigkeit. Im Namen des „Vaters“ rotten sich die real wie vermeintlich gekränkten Söhne zusammen und schwören Rache.

Für seine Leader – vom Islamischen Staat bis hin zu den Ideologen im Westen – ist der Islamismus eine Machtstrategie; für ihr Fußvolk ist er das Gebräu, das sie trunken macht. Und hochmütig gegenüber Fremden und Frauen, diesen ersten „Fremden“ in der patriarchalen Hierarchie. Sicher, der Islamismus hat ganz wie der Faschismus komplexe Gründe, aber er ist ganz wie er auch eine Antwort auf die Erstarkung der Frauen. Hie immer mehr Staatschefinnen – da immer mehr Frauen unterm Schleier. Das muss unsere Welt ja zerreißen.

Die Tatsache, dass der Westen an der Entwurzelung der Menschen in Nahost und Nordafrika seinen satten Anteil hat, macht das Problem nicht geringer. In der Tat hat Amerika in den 1990er Jahren die Taliban in Afghanistan überhaupt erst ­aufgerüstet, für den Kampf gegen die Sowjetunion. Und der Westen hat die Kriege in Irak und Afghanistan angefangen und damit auch Syrien destabilisiert; um sodann, offensichtlich unfähig dazuzulernen, auch noch Libyen ins Chaos zu stürzen. Ohne Amerika kein Islamischer Staat, das räumen inzwischen sogar die Interventionisten selber ein. So gestand jüngst Obama, dass die Irakkriege „ein Fehler waren“. Sorry.

Doch als würde das alles nicht genügen, verschließen wir im Westen bis heute die Augen vor dem 1979 in Khomeinis Iran ­gestarteten, weltweiten Eroberungsfeldzug des politisierten Islam. Die Wirtschaft macht munter weiter Geschäfte mit Saudi-Arabien, Iran & Co., den Hauptfinanziers des Terrors. Und Politik wie Gesellschaft ignorieren oder verharmlosen seit Jahrzehnten die Offensive des politischen Islam mitten unter uns.

Anstatt die aufgeklärten und fortschritt­lichen MuslimInnen zu unterstützen, führen wir verlogene „Dialoge“ mit rückwärtsgewandten, schriftgläubigen Muslimverbänden und deren Lobbyisten und Lobbyistinnen (die nicht selten KonvertitInnen sind). Mit dieser Strategie haben wir in den vergangenen 20 Jahren nicht zuletzt die Mehrheit der nicht-radikalen Muslime und ­Musliminnen im Stich gelassen. Die sind aus Angst vor den Radikalen verstummt – oder aber sie radikalisieren sich, wie wir bei der Pro-Erdoğan-Demonstration in Köln sehen konnten sowie in jüngsten Umfragen. Da erklären neuerdings sage und schreibe 50 Prozent der Türkischstämmigen in Deutschland, dass für sie die „islamischen Gebote“ über dem Gesetz stehen (das ergab eine aktuelle Emnid-Umfrage).

Es ist also Zeit. Höchste Zeit, dass wir endlich unterscheiden lernen zwischen Islam und Islamismus, zwischen Glauben und Ideologie. Das eine ist eine Religion, bei der Selbstkritik und Reform nottut, aber das ist Sache der Muslime. Das andere ist eine totalitäre, faschistoide Ideologie, deren Kern die Frauen- und Fremdenverachtung sowie Autoritätshörigkeit ist. Und das fängt nicht erst beim offenen Terror an, sondern hat seine Wurzeln in der Schriftgläubigkeit und im Hochmut gegenüber den Frauen und „Ungläubigen“.

Die Probleme begannen ja nicht erst mit den Flüchtlingen, sondern schon in den 1990er Jahren. Stichwort: Kopftuch. Stichwort: Geschlechtertrennung in Schulen beim Schwimmunterricht. Stichwort: Halal und Ramadan. Doch die eine Million ­Menschen aus Kriegsgebieten, viele davon brutalisiert bzw. traumatisiert, haben das Problem dramatisch verschärft.

Inzwischen wissen wir: Manche vor­gebliche Flüchtlinge wurden offensichtlich ­geschickt mit der Absicht, den Krieg nach Deutschland zu tragen. Es wird eine verschwindende Minderheit sein. Und es ist falsch, die Mehrheit dafür verantwortlich zu machen. Aber mit dieser Minderheit müssen wir uns beschäftigen.

Als würde das alles nicht genügen,
verschließen wir im Westen bis heute die Augen

Männer wie Riaz Khan Ahmadzai, dieser vielleicht beunruhigendste Terrorist von allen. Der angeblich 17-Jährige war vor einem Jahr nach Deutschland gekommen und zwei Wochen vor seiner Axtattacke zu einer Pflegefamilie gezogen. Im Haus dieser Familie, in seinem Zimmer, hat Riaz das Bekennervideo aufgenommen. Es wurde wenige Stunden nach seiner Tat von einem IS-nahen Sender verbreitet und rasch als ­authentisch identifiziert. Der Text, den der Täter mit einem Messer in der Hand deklamierte, weist den jungen Mann als islamistischen Vollprofi aus. Sein Bekenntnis ist von alttestamentarischer Wucht und strategisch auf den Punkt.

Riaz’ Videoappell benennt die neue Etappe der infamen IS-Strategie sehr klar: „Wie ihr seht, habe ich in eurem Land ­gelebt“, sagt er da. „Ich habe in euren Häusern meinen Plan gemacht und werde euch in euren Häusern und auf der Straße töten, sodass ihr Frankreich vergessen werdet. Ich werde euch mit meinem Messer töten und eure Köpfe mit meiner Axt spalten, so Gott will.“

Von dem Terroristen in Ochsenfurt hieß es zunächst, er sei zuvor „unauffällig“ gewesen, und habe sich anscheinend „turbo-­radikalisiert“. Auch bei dem Tunesier in Nizza war am Anfang von einer „raschen Radikalisierung“ die Rede. Innerhalb von zwei Wochen sollte der 31-jährige Mohamed Lahouaiej-Bouhlel vom Drogen, Alkohol und Frauen wie Männer konsumierenden Tunichtgut zum bärtigen Gotteskrieger mutiert sein. Inzwischen ist klar: Beide hatten die Anschläge seit mindestens einem Jahr vorbereitet; anscheinend bis zur letzten Sekunde vor den Taten eng geführt von Strategen des Islamischen Staates.

Doch warum ist die Tat von Ochsenfurt noch beunruhigender als die Massaker von Paris, Brüssel oder Nizza? Weil sie aus ­unserer Mitte kam, aus unseren eigenen Häusern kroch! Und weil der junge Afghane ein Jahr lang als so besonders freundlich, nett und integrierbar galt.

Das Doppelleben war ihm offenbar selber zunehmend schwergefallen. Auf Facebook (wo er unter anderer Identität tausende von Beiträgen gepostet hatte) schrieb er am 24. April 2016: „Offener Hass ist besser, als heuchlerische Beziehungen zu pflegen.“ Es sollte noch drei Monate dauern, bis er die Maske fallen ließ. Aber ­immerhin: Er ließ seine Gastfamilie leben – und erfüllte damit den im Bekenner­video (selbst)erteilten Auftrag nicht in ­seiner ganzen grausigen Konsequenz.

Auch bei David S. in München lag, vier Tage nach dem Attentat von Ochsenfurt, zunächst der Verdacht auf einen islamistischen Hintergrund nahe. Doch nach wenigen Stunden war klar: Der Amokläufer war ein Einzeltäter und sein Vorbild war nicht der Islamische Staat, sondern waren so ­genannte Ego-Shooter wie „Counterstrike“; so wie Tim Kretschmer, der Amokläufer von Winnenden, und Anders Breivik in Oslo. Auch David S. hatte die Tat seit mindestens einem Jahr vorbereitet. Auch er war ein gekränkter Mann.

Bei fast allen Tätern, ob Gotteskrieger oder Amokläufer, lesen wir in den Medien gerne immer als erstes, die Täter seien „einsam“ gewesen und „depressiv“ (Das war 2015 auch bei dem Piloten Andreas Lubitz so, der 149 Menschen geplant mit in den Tod gerissen hat). Mag sein. Aber viele Menschen sind einsam. Und viele neigen zur Traurigkeit. Ein Zustand, der zweifellos verstärkt wird, wenn man aus einem (Bürger)Kriegsland kommt, seine Familie zurückgelassen hat und als Opfer oder/und Täter schon viel Traumatisches erlitten oder auch verbrochen hat.

Aber bedeutet eine solche Argumentation nicht, die wahren Gründe durch eine systematische Pathologisierung der Täter zu verschleiern? Wir sollten den Tätern nicht auch noch das letzte Stück Menschenwürde absprechen, das sie haben: die Freiheit der Verantwortung!

Es sind immer Männer. Es sind fast immer jüngere Männer, die nicht eingebunden sind in eine Familie. Es sind immer entwurzelte und gekränkte Männer. Erfahrene Psycho­logen diagnostizieren bei diesen Männern ­weniger eine Depression (die ja auch eher passiv macht), sondern eher eine „narzisstische Störung“. In den Augen der Umwelt sind sie klein, sie aber halten sich für groß.

Eine solche narzisstische Kränkung in ­Aggression nach außen zu wenden, auch das ist typisch männlich. Narzisstisch gestörte Frauen wenden in der Regel ihre Aggressionen nach innen, gegen sich selbst.

Jetzt ist viel von Aufrüstung die Rede: der Polizei, der Sicherheitsmaßnahmen. Es ist richtig, dass Großveranstaltungen in diesen Zeiten besonders gesichert werden müssen. Aber das allein kann es nicht sein.

Wir sollten den Tätern nicht die Verantwortung
absprechen, ihr letztes Stück Menschenwürde

Auch die Prävention muss weit über das von Bundeskanzlerin Merkel geforderte „Frühwarnsystem“ hinausgehen. Sie darf nicht erst bei den ersten Anzeichen ansetzen, da ist es meist schon zu spät. Sie muss früher einsetzen. Und zwar sowohl bei den wütenden, herrschsüchtigen Männern aus den patriarchalen, ­islamischen (Bürger)Kriegsgebieten; wie auch bei der Minderheit der hier geborenen Söhne der Migranten, die sich radikalisieren.

Was können wir tun? Der salafistischen Agitation in den Flüchtlingslagern und Parallel­gesellschaften muss strikt Einhalt ­geboten werden. Die Muslim-Verbände, die bisher mit ihrer rückwärtsgewandten, schriftgläubigen Propaganda eher den Islamisten in die Hände gespielt haben, müssen verpflichtet werden, aktiv zu Aufklärung und Integration beizutragen.

Die „verlorenen Seelen“ (Kamel Daoud) schließlich müssen eine reale Chance zur Integration bekommen und verpflichtet werden, Rechtsstaat und Gleichberechtigung der Geschlechter zu respektieren. Gegen die unrettbar an die fanatischen Gotteskrieger „verlorenen Seelen“ allerdings muss in aller Entschiedenheit und mit allen Mitteln vorgegangen ­werden. Denn der gekränkte Mann kann gefährlich werden. Lebensgefährlich.

_____

Time am 18. Oktober 2016

_____

1) http://www.aliceschwarzer.de/artikel/alice-schwarzer-ueber-den-gekraenkten-mann-333285

Der Nazislahm ist eine Terror-Religion

1. Juli 2016

Orlando

Von Ruud Koopmans war in der MoT bereits zweimal die Rede (1 + 2). Heute brachte „FAZ.NET“ einen exzellenten Gastbeitrag von ihm (3).

_____

Hass in der muslimischen Welt

Der Terror hat sehr viel mit dem Islam zu tun

Auch das Attentat in Orlando sollte die Tat eines Einzeltäters sein, der die Religion nur zu seiner Rechtfertigung missbraucht – ein gängiges Erklärungsmuster. Wie glaubhaft ist es?

Wenn wir Barack Obama glauben dürfen, hat der Massenmord an 49 schwulen Männern und lesbischen Frauen in Orlando nichts mit dem Islam zu tun. In seiner Reaktion auf das Blutbad erwähnte der amerikanische Präsident das Wort „Islam“ kein einziges Mal. Stattdessen stufte er die Tat mit dem Begriff „homegrown terrorism“ als hausgemachtes Problem ein. Außerdem sei dies ein weiteres Beispiel von „Selbstradikalisierung“. Dieser Begriff, wie auch der des „einsamen Wolfes“ wird immer wieder gerne nach radikalislamischen Anschlägen benutzt und deutet sie als das Ergebnis des isolierten Werdegangs eines Individuums ohne jeden Bezug zur muslimischen Gemeinschaft.

Wenn Barack Obama und andere Mitglieder der amerikanischen Regierung den Islam in der Vergangenheit schon in Verbindung zu Terroranschlägen erwähnten, so verbanden sie dies stets mit der einschränkenden Bemerkung, dass „der“ Islam eine friedfertige Religion sei, die übergroße Mehrheit der Muslime mit dem fundamentalistischen Gedankengut nichts zu tun haben wolle und die Attentäter gar keine richtigen Muslime seien, sondern die Religion nur als Deckmantel für ihre Zwecke missbrauchten. Damit setzt die Regierung Obama auf genau die gleiche Deutung, die auch von Sprechern muslimischer Organisationen und vom sich für aufgeklärt haltenden Teil der politischen Öffentlichkeit bedient wird – nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Wie glaubhaft ist diese Deutung?

Eine Antwort auf diese Frage muss zunächst einmal Aussagen und Verhalten des Täters selbst ernst nehmen. Während seiner Tat erklärte Omar Mateen in verschiedenen Telefonanrufen seine Treue zum „Islamischen Staat“, solidarisierte sich mit den radikalislamischen Attentätern des Boston-Marathons und dem ersten amerikanischen Selbstmordattentäter in Syrien, einen Anhänger der Al-Nusra-Front, den er persönlich kannte. Beide hatten in Fort Pierce, Florida, die gleiche Moschee besucht. Auf seiner Facebook-Seite schrieb Mateen: „Die echten Muslime werden die dreckigen Wege des Westens nie akzeptieren. Ihr tötet unschuldige Frauen und Kinder durch Luftschläge. Spürt nun die Rache des ,Islamischen Staates‘.“ Er schloss sein Posting mit „Möge Allah mich akzeptieren“. Auch sein Verhalten vor dem Attentat zeigt, dass Omar Mateen ein gläubiger Muslim war. Laut Aussage seines Imams ging er drei- bis viermal in der Woche in die Moschee, das letzte Mal zwei Tage vor dem Attentat. Zweimal, 2011 und 2012, war er auf Pilgerfahrt in Saudi-Arabien – wo er womöglich mehr tat, als nur pilgern.

Nur in etwa einem Drittel der muslimischen Länder straffrei

Dennoch hatte die Gewalttat laut Mir Seddique Mateen, Omars Vater, „nichts mit Religion zu tun“, und große Teile der amerikanischen Politik und Medien sprachen es ihm nach. Als alternative Erklärung wies der Vater, selbst ein erklärter Taliban-Sympathisant, auf ein Ereignis einige Zeit vor dem Anschlag hin: Omar habe sich sehr aufgeregt, als er zwei Männer sah, die sich in der Öffentlichkeit geküsst hatten. Die Szene mag auch den Vater, selbst homophob, aufgeregt haben. Dieser hatte noch kurz vor dem Attentat auf seinem Videokanal erklärt, „dass das Schwulen- und Lesbenthema etwas ist, dass Gott in diesem Ramadanmonat bestrafen wird“.

Es ist offensichtlich, dass Omar Mateens Tat auch durch Hass auf Homosexuelle motiviert war, aber wir haben es hier nicht mit einer alternativen Erklärung zu tun, die eine religiöse Motivation ersetzen würde, wie große Teile der amerikanischen Öffentlichkeit es uns glauben lassen wollen. Im Gegenteil, Omar und sein Vater sind keine Ausnahmen: Der radikale, fundamentalistische Islam ist eng verbunden mit extremem Hass auf Homosexuelle. Vielleicht müsste man sogar sagen: Mit Ausnahme einer kleinen liberalen Minderheit ist der Islam insgesamt homophob. Klar, auch viele Christen oder Anhänger anderer Religionen lehnen Homosexualität oder doch zumindest die homosexuelle Ehe ab, aber der Homohass im Islam geht weit darüber hinaus.

Es gibt zehn Länder auf der Welt, wo das, was Omar Mateen getan hat, nämlich das Töten von Homosexuellen, offizielles Gesetz ist. Ohne Ausnahme sind diese zehn Länder, wo die Todesstrafe auf Homosexualität steht, muslimische Länder: Iran, Saudi-Arabien, Qatar, die Vereinigten Arabischen Emirate, der Jemen, Afghanistan, Sudan, Mauretanien und der islamische Norden Nigerias. Hinzu kommen noch die vom Islamischen Staat kontrollierten Teile von Syrien, der Irak und Libyen. In zwanzig weiteren muslimischen Ländern ist Homosexualität illegal. Damit steht Homosexualität nur in etwa einem Drittel der Länder der Welt, die eine muslimische Bevölkerungsmehrheit haben, nicht unter Strafe. Eine wichtige Ausnahme ist noch die Türkei, aber auch dort geraten Homosexuelle zunehmend unter Druck: Der jährliche Gay-Pride-Umzug in Istanbul wurde unlängst zum zweiten Mal verboten. Tausende Homosexuelle in islamischen Ländern haben ihre sexuellen Neigungen mit dem vom Staat oder von religiösen Schariagerichten sanktionierten Tod oder mit langen Haftstrafen bezahlen müssen. Und Millionen müssen ihre Sexualität verstecken, um dem Religionswahn nicht zum Opfer zu fallen.

Juden als beliebter Sündenbock

Auch viele Muslime, die im Westen leben, sind der Ansicht, dass Homosexualität bestraft werden sollte, wie eine jüngere Studie aus Großbritannien zeigt: 61 Prozent der dort lebenden Muslime meinen, Homosexualität sollte verboten sein. Laut einer belgischen Studie sagten mit 25 Prozent der befragten muslimischen Jugendlichen dreimal so viele wie nichtmuslimische Altersgenossen, dass Gewalt gegen Homosexuelle erlaubt sei, und zwanzig Prozent fanden es gut, dass in manchen islamischen Ländern auf Homosexualität die Todesstrafe steht. Allgemein gesprochen gilt, dass es keine andere Weltregion gibt, wo der Hass auf Andersdenkende und religiöse Minderheiten und ihre Entrechtung so tief verwurzelt sind wie in der muslimischen Welt.

Auch Antisemitismus ist leider immer noch in großen Teilen der Welt verbreitet. Eine jüngere Studie der Anti-Diffamierungs-Liga (ADL) zeigte, dass vierundzwanzig Prozent der Westeuropäer antisemitische Auffassungen teilen. Sie meinen zum Beispiel, Juden hätten zu viel Einfluss in der Weltpolitik und der Finanzwirtschaft und wären verantwortlich für die meisten Kriege in der Welt. In Osteuropa unterschreiben sogar vierunddreißig Prozent der Bevölkerung solche Meinungen. Doch in fast allen Weltregionen lehnt eine deutliche Mehrheit der Befragten Antisemitismus ab. Nur im islamischen Nahen Osten und Nordafrika ist das anders. Dort ist Antisemitismus kein Minderheitenphänomen, sondern die gesellschaftliche Norm: 74 Prozent der Bevölkerungen dieser Länder haben ein antisemitisches Weltbild. Unter den in Europa lebenden Muslimen ist die Situation nur etwas besser. Von der deutschen Bevölkerung insgesamt haben laut der ADL-Studie sechzehn Prozent ein antisemitisches Weltbild (was in etwa den Ergebnissen anderer Studien entspricht), unter den deutschen Muslimen sind es jedoch 56 Prozent. Ähnliche Zahlen nennt diese Studie für Frankreich und Großbritannien.

Juden sind ein beliebter Sündenbock in Verschwörungstheorien, die in der muslimischen Welt weit verbreitet sind. Diese kursieren nicht nur unter einfachen, ungebildeten Leuten. Der Großmufti der Al-Azhar-Universität in Kairo, die am meisten respektierte religiöse Autorität in der sunnitischen Welt, erklärte zum Beispiel 2015: „Wir sehen uns mit mächtigen internationalen Verschwörungen gegen Araber und Muslime konfrontiert, die die Gesellschaft auseinanderdividieren wollen auf eine Art und Weise, die den Träumen des neuen Weltkolonialismus entspricht, der mit dem Weltzionismus alliiert ist – Hand in Hand und Schulter an Schulter… Das Ergebnis dieser perfiden Manipulationen ist, dass der Irak verlorengegangen ist, Syrien verbrannt wurde, der Jemen zerrissen wird und Libyen vernichtet wurde. Sie haben noch vieles im Ärmel, das nur Allah wissen kann und vor dem wir bei Allah Schutz suchen.“

Nur zwei von 47 Ländern sind „frei“

Muslimische Führer und westliche Politiker reden viel und gerne über „Islamophobie“. Aber die Wahrheit ist, dass Muslime nicht nur im Westen, sondern auch in anderen Ländern der Welt, wo muslimische Minderheiten leben – etwa Ghana oder Indien –, ein Ausmaß an Gleichberechtigung genießen, von dem religiöse Minderheiten in muslimischen Ländern nur träumen können. Eine Studie von Jonathan Fox zu den Rechten religiöser Minderheiten zeigt, dass unter den zehn Prozent der weltweit am stärksten diskriminierten religiösen Minderheiten nur zwei Fälle sind, in denen Muslime von Staaten mit einer nichtmuslimischen Mehrheit unterdrückt werden: Myanmar und Russland. Dagegen gibt es vierunddreißig Fälle extremer Diskriminierung nichtmuslimischer Religionsgruppen durch einen Staat mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit, darunter Christen in Saudi-Arabien, Pakistan, Afghanistan, Iran, Turkmenistan, den Malediven, den Komoren, Sudan, Brunei, Kuweit, Qatar, Ägypten, im islamischen Norden Nigerias und in der Türkei.

Die Daten stammen noch aus der Zeit vor dem Aufmarsch des „Islamischen Staates“. Seitdem sind religiöse Minderheiten in Syrien, dem Irak und Libyen ihres Lebens nicht mehr sicher. Sogar in muslimischen Ländern, wo religiöse Minderheiten in der offiziellen Gesetzgebung relativ gleichberechtigt sind, gibt es weitverbreitete und nicht selten mit Gewalt einhergehende Feindseligkeiten der muslimischen Mehrheitsbevölkerung, wie zum Beispiel in Indonesien. Während viele Muslime in nichtmuslimische Länder einwandern, wird die muslimische Welt zunehmend zu einer monokulturellen Wüste, weil Minderheiten massenhaft in die Flucht getrieben werden. Wenn es so weitergeht, ist die religiöse Säuberung des Nahen Ostens von seiner bereits stark geschrumpften christlichen Population – und das Gleiche gilt für andere nichtmuslimische Minderheiten wie die Bahai oder die Yeziden – bald vollendet.

Auch sind wohl nur an der muslimischen Welt die verschiedenen Demokratisierungswellen der vergangenen hundert Jahre vorbeigegangen. Laut dem Index politischer Rechte und bürgerlicher Freiheiten des „Freedom House Institute“ sind nur zwei von 47 mehrheitlich muslimischen Ländern als „frei“ zu bezeichnen (Tunesien und Senegal). Eine Mehrheit von 25 muslimischen Ländern ist „unfrei“, und die restlichen neunzehn Länder, darunter die Türkei, werden als „teils frei“ eingestuft. Der Kontrast zur nicht-muslimischen Welt könnte kaum stärker sein: Während nur vier Prozent der muslimischen Länder frei sind, gilt dies für 58 Prozent der nichtmuslimischen Länder der Welt; während 55 Prozent der muslimischen Länder unfrei sind, gilt das heutzutage nur noch für siebzehn Prozent der Länder ohne eine muslimische Bevölkerungsmehrheit. Ähnliches könnte man anführen für die Pressefreiheit oder die Rechte der Frau.

Die Wurzeln des Problems

Und das alles liegt nicht an der Armut, denn viele islamische Länder sind reich und es gibt viele nichtmuslimische Entwicklungsländer und Schwellenstaaten, wo Freiheit herrscht. Es liegt auch nicht an dem gerne als Ausrede herangezogenen Erbe des westlichen Kolonialismus. Der Nahe Osten ist sogar eine der Weltregionen, die am wenigsten vom westlichen Kolonialismus betroffen waren. Der westliche Kolonialismus dauerte dort keine fünfzig Jahre – nicht zu vergleichen mit den Jahrhunderten, in denen weite Teile des arabischen Raumes zum Osmanischen Reich gehörten. Iran und Saudi-Arabien, die beiden Hauptanstifter des islamischen Fundamentalismus, wurden sogar nie vom Westen kolonisiert.

Angesichts der weitverbreiteten Unterdrückung von sexuellen und religiösen Minderheiten in der islamischen Welt kann unmöglich behauptet werden, dass der Hass auf Anderslebende und Andersgläubige „nichts mit dem Islam zu tun“ habe oder dass „der“ Islam „eine Religion des Friedens“ sei. Es zeugt außerdem von einem mangelhaften Unrechtsbewusstsein, die Trommel der „Islamophobie“ zu rühren, aber zu schweigen über die viel schlimmere Phobie der muslimischen Welt gegen alles Unislamische. Es mag sein, dass das in der Vergangenheit einmal anders war, zum Beispiel in der mythischen Zeit des Al-Andalus, und man mag und soll für die Zukunft hoffen, dass irgendwann Frieden und Toleranz die islamische Welt kennzeichnen werden. Aber für das Hier und Jetzt ist die einzig richtige Analyse, dass der islamische Radikalismus leider sehr viel zu tun hat mit der Art und Weise, wie im Mainstream der islamischen Welt mit Andersdenkenden und Andersgläubigen umgegangen wird.

Um das zu ändern, ist eine Revolution des Denkens innerhalb der islamischen Welt notwendig – eine islamische Reformation, wenn man so will. Und die wird es so lange nicht geben, wie die Verneinungsthese des „Es hat mit dem Islam nichts zu tun“ und die Kultivierung der muslimischen Opferrolle die Debatte über Radikalisierung, Verfolgung und Gewalt dominieren. Nur wenn sich ein Bewusstsein dafür herausbildet, dass die Wurzeln des Problems im Mainstream des gegenwärtigen Islams liegen, ist eine Besserung möglich. Die Weigerung von Barack Obama und vielen anderen, das Problem beim Namen zu nennen, mag gut gemeint sein, aber es steht diesem Heilungsprozess nur im Wege.

_____

Time am 1. Juli 2016

_____

1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/05/01/im-interview-ruud-koopmans/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2015/11/29/gefaehrlich-und-ueberfluessig/
3) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/hass-im-islam-terror-hat-mit-der-religion-zu-tun-14317475.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2