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Bewegt sich was?

25. Januar 2012

Fethiye Çetin, Juristin und Schriftstellerin

Gehört Karen Krüger jetzt eigentlich schon zum Counterjihad? Manchmal habe ich diesen Eindruck, denn sie liefert eigentlich nur noch torkkritische Texte. Am 21. Januar hatte sie eindringlich von dem Mord an dem türkischen Journalisten Hrant Dink, der vor fünf Jahren verübt wurde, berichtet (1). Sie schrieb:

„Der Mann sitzt leicht zurückgelehnt auf seinem Stuhl, so wie jemand dasitzt, der weiß, was gleich passieren wird und doch keine andere Wahl hat, als es wieder zu ertragen. Schon viel zu oft hat er diese große Empörung seiner Landsleute bei Erwähnung des Völkermords an den Armeniern erlebt. Er kennt die Wut und das Geschrei und die Argumente, mit denen man ihn des Vaterlandsverrats überführen will.

Gerade ist er deshalb nach Paragraph 301 wegen Beleidigung der türkischen Nation zu sechs Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Nun ist er zu Gast in der Talkshow ‚Neden?’, der türkischen Variante von ‚Anne Will’. Ihm gegenüber sitzt Professor Özcan Yeniçeri, Historiker und eingefleischter Nationalist. Der Professor gestikuliert aufgebracht, sagt einen Satz, der bald schreckliche Wirklichkeit werden wird: ‚Wer sich nur um Grabsteine kümmert, der landet bald selbst im Grab!’ Wenige Wochen später ist Hrant Dink tot, erschossen auf offener Straße vor der armenisch-türkischen Zeitung ‚Agos’, deren Chefredakteur er war. Der Täter ist ein siebzehnjähriger Nationalist. Er trifft Dink mit drei Schüssen in Nacken und Hinterkopf.“

Mit der Verurteilung des Sesamkringelverkäufers Yasin Hayal, der der Drahtzieher der Tat sein soll, ist nach Ansicht der türkischen Justiz der Mord an Hrant Dink nunmehr aufgeklärt, „und einen Völkermord hat es für die Regierung ohnehin nie gegeben“, schrieb Frau Krüger. Sie fuhr fort:

„Doch genau diese Sichtweise wollen viele Deutschtürken nicht mehr akzeptieren – ob sie ihre Heimat schon lange verlassen haben oder hier geboren wurden, ist dabei egal. Was während des Ersten Weltkriegs auf dem Gebiet der heutigen Türkei passierte, bleibt auch mit deutschem Pass Teil ihrer Geschichte. Sie wollen, dass der Genozid nicht länger geleugnet wird. Sie möchten nicht, dass ihre Kinder die Halbwahrheiten der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung hören. Auf Unterstützung durch den deutschen Schulunterricht können sie nicht hoffen – er macht den Genozid an den Armeniern nicht zum Thema. Ungefiltert erreicht stattdessen die offizielle türkische Geschichtsschreibung über Satellitenfernsehen und Zeitungen die Wohnzimmer und nistet sich in den Köpfen ein. Zudem lädt die türkische Botschaft Wissenschaftler ein, die für ein sattes Honorar in öffentlichen Veranstaltungen den Genozid leugnen. Die Kluft, die auf diese Weise unter Deutschtürken entsteht, wird immer deutlicher.“

Später im Text machte Frau Krüger noch auf ein Buch von Fethiye Çetin (sprich: Tschetin) aufmerksam:

„(…) Ende der siebziger Jahre vertraut ihre Großmutter ihr ein Geheimnis an: Sie sei nicht als Türkin, sondern als Armenierin geboren worden. Während des Todesmarsches in die syrische Wüste entführte sie ein türkischer Gendarm, der später ihr Stiefvater wurde. Erst im Jahr 2000, nach dem Tod der Großmutter, ging Fethiye Çetin damit an die Öffentlichkeit.

Das Buch ‚Anneannem’ schildert, wie sie den Schrecken des Völkermords in vielen Stunden des Erzählens noch einmal gemeinsam durchleben: Großmutter und Enkelin, Armenierin und Türkin. Die Autorin, die als Kind begeistert nationalistische Gedichte aufsagte und Armenier durch die Schulbücher nur als Feinde kannte, macht keinen Hehl daraus, wie sehr sich zunächst alles in ihr gegen die Offenbarungen sperrte. Am Ende jedoch siegt die Annäherung, quer zu aller nationalistischen Rhetorik. Das Buch wird derzeit in neunter Auflage verkauft, auch in türkischen Buchhandlungen in Deutschland. “

In der heutigen FAZ berichtete Karen Krüger von einer Lesung mit Fethiye Çetin in Berlin, der einen Einblick in das ungeheuerliche Justizsystem der Torks bietet.

Was mir an ihrem Text einzig nicht gefällt, ist der Begriff „Deutschtürke“, denn im Deutschen bezeichnet bei zusammengesetzten Wörtern das letzte Wort das Wesen des Gegenstandes und das erste seine Spezialisierung (vgl. Buttermilch, Ziegenmilch, Muttermilch usw.). Im Fall der angesprochenen Bevölkerungsgruppe sollte man also m.E. von „Turkdeutschen“ sprechen, denn anders als das Erdoganmännchen sich das vorstellt, sind sie jetzt in erster Linie Deutsche, und erst in zweiter noch Türken.

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Das System wird brüchig

Fethiye Çetin spricht in Berlin über den Mordfall Dink

Es waren bittere Worte, mit denen Fethiye Çetin das Urteil im Mordfall Hrant Dink kommentierte: „Das Gericht hat sich fünf Jahre lang über uns lustig gemacht. Den größten Witz aber hat es sich bis zum Ende aufgehoben“, sagte die Anwältin der Familie des ermordeten armenisch-türkischen Journalisten nach dem Prozess in Istanbul. Eine Woche später sitzt sie auf Einladung des Hrant Dink Forums Berlin im Theater Ballhaus Naunynstraße und liest aus ihrem autobiographischen Buch „Anneannem“. Es liegt jetzt unter dem Titel „Meine Großmutter“ (Verlag auf dem Ruffel) auch auf Deutsch vor. Um ihren Hals hat Fethiye Çetin einen rosafarbenen Seidenschal geschlungen, das kurze graue Haar ist sorgfältig frisiert. Doch man sieht ihr an, wie kräftezehrend die Gerichtsverhandlungen in den vergangenen Monaten gewesen sind.

Das Haus ist bis auf den letzten Platz gefüllt, vor allem Deutschtürken sind da, wer keinen Stuhl gefunden hat, sitzt auf dem Boden oder steht. In der Türkei war „Anneannem“ ein Meilenstein für die Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern. Erstmals schilderte da eine Türkin, die mit dem staatlich verordneten Patriotismus aufgewachsen ist, ihren inneren Kampf, als sie von den Schrecken der Jahre 1915 bis 1917 erfuhr. Gleichzeitig las man in dem Buch erstmals vom Schicksal einer Überlebenden – Fethiye Çetins Großmutter wurde als Armenierin geboren, während des Todesmarsches in die syrische Wüste ihrer Mutter geraubt und von einer türkischen Familie großgezogen. Erst sehr spät vertraute sie dieses Geheimnis in vielen Stunden des Erzählens ihrer Enkelin an.

Doch nicht nur wegen des Buches sind all die Menschen zu der Lesung gekommen: Viele von ihnen haben sich in der vergangenen Woche mit den Demonstranten in Istanbul solidarisch gezeigt und in Berlin gegen das Gerichtsurteil protestiert. Nun wollen sie die Frau erleben, die Hrant Dink zu Lebzeiten vor Gericht gegen nationalistische Verleumdungen verteidigte und die sich seit dessen Tod im Jahr 2007 für die lückenlose Aufklärung des Mordes einsetzt. Der gerade zu Ende gegangene Prozess war für viele ein Test, ob Justiz und Regierung Licht in die dunklen Machenschaften des Sicherheitsapparates bringen wollen. Dort sitzen allem Anschein nach die wahren Drahtzieher des Attentats. Doch dieser Spur ging das Gericht nicht nach. Und so horchten viele in Berlin erstaunt auf, als Fethiye Çetin dennoch sagt: „Ich bin erschöpft, aber auch hoffnungsfroh.“

Die Justiz sei so verfahren, wie es seit Jahrzehnten bei politischen Morden üblich ist in der Türkei: Beweismaterial wurde aus den Akten gerissen oder verschwand auf dem Weg ins Kriminallabor. Akteneinsicht wurde verweigert, Prozesstermine immer wieder vertagt. Es ist geradezu haarsträubend, was die Anwältin von der Ignoranz des Richters erzählt. Anhand der Überwachungsvideos von Banken und Geschäften, die am Tag des Mordes aufgenommen worden sind, stellte sie zum Beispiel fest, dass nicht allein der Todesschütze Ogün Samast am Tatort war, sondern dass er sich dort mit drei Männern verständigte: „Sie laufen stundenlang auf und ab, geben einander unauffällig Zeichen, fast wie in einem Gangsterfilm. Als Hrant Dink aus dem Redaktionsgebäude von ,Agos‘ tritt, um zur Bank zu gehen, setzen sie sich gleichzeitig in Bewegung. Samast schießt, die Übrigen verschwinden.“ Zunächst habe sie gedacht, der Richter sehe das auf den Videos ganz einfach nicht. Dann aber habe sie verstanden, dass er es nicht sehen wolle, sagt Fethiye Çetin. Es gebe Beweise, dass der Inlandsgeheimdienst, die Gendarmerie und die Polizei Kenntnis von den Mordplänen hatten. Doch sie taten nichts, um sie zu durchkreuzen. Die entsprechenden Protokolle wurden aus den Akten entfernt.

Hoffnung habe sie dennoch, weil sich erstmals in der Geschichte der Türkei ein Richter für sein Urteil habe rechtfertigen müssen, weil die öffentliche Aufmerksamkeit nicht abebbt und der Staatsanwalt Revision angekündigt hat: „Das System wird brüchig, wir sind Zeugen eines Prozesses, der durch nichts mehr aufzuhalten ist.“

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Hoffen wir das Beste!

Time am 25. Januar 2012

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gedenken-an-hrant-dink-das-armenische-zeichen-11617988.html